Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 19. März 2017


Alles begann vor zehn Tagen mit einem Kommentar zu diesem Eintrag im Blog: https://is.gd/GMBQmJ. Wenige E-Mails hin und her später war die Blog-Redaktion auf der Spur einer jener Geschichten, wie sie nur das Leben der Städtepartnerschaft schreiben kann. Zu schön, um erdacht zu sein! Aber lesen Sie selbst:

Mit 14 Jahren hat meine Mutter 1940 in dem Dorf Hoptrup in Nordschleswig den Einmarsch der deutschen Truppen in Dänemark direkt vor dem Schulhaus, in dem sie wohnte, miterlebt. Nordschleswig war seit 1920 wieder dänisch, und die nationalen Spannungen blieben 20 Jahre danach immer noch durchaus spürbar. Als ich klein war, erzählte meine Mutter mir und meinen beiden Schwestern oft von ihrer Kindheit, unter anderem wie sie als Tochter des Dorfschullehrers mit den deutschen Kindern im Dorf nicht spielen durfte. Ich nehme an, solche spannenden Geschichten weckten schon früh mein Interesse für Deutschland und nationale Fragen. Von meiner Geburtsstadt aus, etwa 120 km von der deutsch-dänischen Grenze (und 13 km von der Legostadt Billund) entfernt, machten wir in den 60er und 70er Jahren oft einen Wochenendausflug nach Deutschland und verbrachten dort auch häufig die Ferien. Dies alles führte dann später fast logischerweise dazu, daß ich an der Uni in Aarhus Germanistik studierte und später Arbeit als Deutschlehrer in einem Gymnasium fand.

Als junger Lehrer erhielt ich Ende der 70er Jahre die Möglichkeit, dänische Schülergruppen zu betreuen, die in den Sommerferien in Deutschland einen Deutschkurs an einem Gymnasium absolvierten, und in dieser Rolle verbrachte ich drei oder vier Mal in Herzogenaurach drei wunderbare Wochen. Jedes Mal hatte ich dort bei Kursleiter, Oberstudienrat Günter Blasch, und seiner Familie mein Quartier. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die auch fortdauerte, nachdem ich mit den Ferienkursen aufgehört hatte.

Ulrik Eskildsen mit Volker und Günter Blasch

Neben meiner Tätigkeit als Deutschlehrer unterrichtete ich auch Sport und spielte in meiner Freizeit auf höchstem nationalen Niveau Volleyball, wobei ich auch als spielender Trainer Mannschaften betreute. Als sich meine aktive Sportlerkarriere dem Ende zuneigte, bin ich einem alten Traum nachgegangen, Russisch zu lernen. Als Deutschlehrer und auch als Sportler und privat hatte ich mehrmals die DDR und andere  osteuropäische Länder besucht und dort interessante und nette Menschen getroffen, mit denen ich mich leider nicht oder nur schwerlich verständigen konnte, darunter auch Russen und andere Slawen. Ich mußte also Russisch lernen! Ein paar Jahre später, ich hatte schon den Grundkurs in Russisch an der Volkshochschule gemacht, ergab sich die Möglichkeit, an der Universität Aarhus, einen  vierjährigen Fernkurs  in Russisch zu belegen. Nach vier Jahren und vor dem letzten Examen, mündliche Sprachfertigkeit, erhielt ich von meinem Gymnasium drei Monate Urlaub und studierte an der Pädagogischen Hochschule in Wladimir Russisch. In meiner Klasse waren  außer mir zwei junge Däninnen, eine Japanerin, ein Norweger und – mit ein paar Tagen Verspätung – auch eine Chinesin, also eine kleine, interessante und internationale Gruppe.

Natalia Oserowa und Poul Flou Pedersen

Vor meiner Abreise empfahl mir die dänische Kontaktperson der PH Wladimir, mich mit einem jungen Dänen in Verbindung zu setzen, der eben einen ähnlichen Kurs in Wladimir beendet hatte. Ich fand heraus, dass ich diese Person ja schon kannte – und zwar als ehemaligen Schüler an dem Gymnasium in Aars, in Nordjütland, an dem ich meine Karriere angefangen hatte. Er klimperte oft in der großen Pause in dem Musiklokal, an dem ich auf meinem Weg in die Sporthalle vorbeikam, auf dem Flügel. Dieser junge Mann, Poul Flou Pedersen, informierte mich bestens über die Verhältnisse in Wladimir und erzählte auch davon, er habe dort eine Freundin, die er auch schon nach dem Kurs besucht habe. Sie heißt Natalia Oserowa und ist seit 1994 mit Poul verheiratet. Sie wohnen in Nørager, nur eine halbe Autostunde von meiner Stadt, Aalborg, entfernt. (Mehr darüber hier). In Wladimir wohnte ich dann bei derselben Familie wie Poul ein Jahr davor.

Ulrik Eskildsen und Xiaozheng

Recht schnell fand ich heraus, daß die Chinesin in unserer Klasse, Xiaozheng (Mascha), schon sehr gute Russischkenntnisse hatte. Später erfuhr ich, daß sie eigentlich als Dolmetscherin der Kreisadministration nach Wladimir gekommen war und schon in China Russisch studiert hatte. Ihre Stadt, Deyang, ist/war die chinesische Partnerstadt von Wladimir. An der Sprachhochschule in Chongqing hatte sie, wie auch alle anderen, die Russisch studierten, einen russischen Namen, Mascha, zugeteilt bekommen. Da es eben eine Flaute in der Arbeit bei der Administration gab, hielt sie sich in unserem Kurs sprachlich in Form. Eines Tages, sie hatte das Lehrbuch zu Hause vergessen, lud ich sie ein, in meinem Buch mit zu lesen. Soviel  ich mich erinnern kann, blieb sie dann auf diesem Platz sitzen, und wir freundeten uns allmählich an, was für mich eine fast schon übermenschliche Leistung darstellte, da meine Russischkenntnisse ja doch (noch) sehr begrenzt waren. In Wladimir machte Mascha mich mit anderen Chinesen bekannt, die dort im Studentenwohnheim lebten, aber nie studierten. Dagegen waren sie tagsüber auf dem Markplatz aktiv, wo sie vor allem selbst importierte Textilien verkauften. Das war schon eine ganz andere und noch exotischere Welt als die russische. Meine Sitznachbarin entsprach tatsächlich sehr gut dem wenigen, was ich durch Brechts “Guten Menschen von Sezuan” über Chinesinnen bereits erfahren hatte, was vielleicht nicht so verwunderlich ist, da sie eben aus der Hauptstadt Sichuans, Chengdu, stammt. Sie ist wirklich ein 四川好人 (Sichuan hao ren), ein guter Mensch aus Sichuan.

Aufführung des Brecht-Stücks unter der Regie von Jurij Ljubimow

Nach drei schnell verflogenen Monaten in Wladimir mußte ich Anfang Dezember nach Dänemark zurück und bestand in Aarhus mit Erfolg mein abschließendes Russischexamen. Examinator war unsere Grammatikdozentin, Annie Christensen.

In den Weihnachtsferien drängte es mich wieder nach Wladimir. Ich wollte herausfinden, ob meine asiatische Connection mehr als nur eine Freundschaft war. Mein Verdacht bestätigte sich, und genau neun Monate nach meiner Abreise, kurz nach Silvester, landete Xiaozheng dann in Kopenhagen, und im Oktober 1995 heirateten wir in Aalborg. Als schönen Nebengewinn brachte sie ihre fünfeinhalbjährige Tochter aus erster Ehe mit, die nach einem Jahr Vorschule in der 1. Klasse anfing und problemlos mithielt. 1997 bekamen wir einen Sohn. Unsere Tochter Momo ist seit einem halben Jahr Rechtsanwältin, und Lars studiert im vierten Semester an der Uni in Aalborg. Xiaozheng hat es geschafft, sich in Dänemark zur Krankenschwester auszubilden. Sie arbeitete 8 Jahre im Universitätskrankenhaus in Aalborg und sucht jetzt seit ein paar Jahren vorwiegend kürzere Vertretungsjobs in Krankenhäusern in Norwegen.

Lars und Momo

Das sind ja alles schon abenteuerliche Geschichten, finde ich, aber noch toller kam es, als ich entdeckte, daß meine fränkische Verbindung auch einen russischen Ableger hat. Schon in Wladimir wunderte ich mich darüber, manchmal in einem ausgedienten Erlanger Bus zur Uni fahren zu können: mit intakter Liniennummer aus Erlanger Zeiten. Bei einem Besuch in Herzogenaurach ein paar Jahre später erzählten mir die Blaschs von Besuchen russischer Tänzer aus Wladimir in Erlangen, und neulich erfuhr ich, daß Volker, der älteste der drei Blasch-Söhne, der seit seiner Kindheit in der Folklore- und Tanzgruppe Ihna in Erlangen aktiv ist, mit einer tanzenden Anastasia aus Wladimir verheiratet ist.

Anastasia und Volker Blasch

Der letzte Schnörkel in dieser verwickelten persönlichen Geschichte kam dann neulich in der Dorfkirche in Siem hinzu, wo viele der erwähnten Personen, außer den deutschsprachigen, wie durch Zufall zusammentrafen. Der Anlaß war die Präsentation des Buches von Natalia Oserowa-Pedersen mit neuen Übersetzungen aus dem Schwedischen ins Russische der modernistischen Gedichte von Edith Södergran, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Natascha trug selbst ausgewählte Gedichte auf Russisch vor, während Annie Christensen mit ihrem schwedischen Hintergrund auf Schwedisch vorlas. Annies Urgroßmutter stammte aus einer schwedisch-finnischen Familie und hatte den späteren Gouverneur Rußlands in Russisch-Amerika (Alaska) geheiratet. 2005 gab Annie Christensen 52 Briefe ihrer Urgroßmutter aus der Handschriftensammlung der Akademiebibliothek in Turku (Åbo) in kommentierter Form als Buch heraus (Letters from the Governor’s Wife, Aarhus University Press, 2005).

Nach der stimmungsvollen Poesie-Theater-Vorstellung in Siem wies mich Natalia Oserowa darauf hin, ihr Buchverlag, Арт Волхонка (Art Volchonka) in Moskau, veröffentliche auf der Webseite des Buchs Links zu Besprechungen und Rezensionen. Hier entdeckte ich u.a. Peter Stegers heute genau ein Jahr alte Besprechung mit dem Titel “Wladimir gibt Edith Södergran die russische Stimme” und setzte mich sofort mit “wladimirpeter” in Verbindung, um ihn auf diese wunderlichen und wunderbaren Fügungen des Schicksals aufmerksam zu machen.

Ja, so war’s tatsächlich.

Ulrik Eskildsen, Aalborg, Dänemark

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: