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Archive for 5. März 2017


Auf der Internetplattform https://pastvu.com mit all ihren Zeugnissen aus der Vergangenheit sind zwei einzigartige Aufnahmen zu finden. Sie zeigen den Ablauf des Abrisses der St.-Sergij-Kirche in Wladimir, die einst ganz am Anfang der Großen Nischnij-Nowgorod-Straße stand, an der auch – einige Hundert Meter weiter – das Erlangen-Haus liegt.

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Die beiden Bilder stammen offenbar aus der Privatsammlung des Wladimirer Architekten, Archäologen und Restaurators, Wladimir Jemelin, der im September 2014 verstarb.

Die hübsche, zweistöckige Kirche, die sogar als Motiv für Ansichtskarten diente, wurde zusammen mit dem Glockenturm 1779 erbaut. Damals verlief die Hauptstraße Wladimirs ein wenig anders, ob südlicher oder nördlicher, ist bis heute nicht geklärt. Jedenfalls wurde die damals „Große Straße“ genannte Verkehrsader in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts begradigt, wonach das Gotteshaus kurioserweise plötzlich inmitten der Durchfahrt zu stehen kam. Zwei oder drei Jahrzehnte später baute man südlich der Kirche ein Schulgebäude und ein Wohnheim für Seminaristen an.

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Die Kirche trug wegen ihrer Farbe im Volksmund den Namen „die Rote“ und bildete einen aufragenden architektonischen Abschluß des historischen Stadtkerns gegenüber den sich neu entwickelnden Vierteln im Osten. Es gab sogar den Spruch, das vorrevolutionäre Wladimir habe sich nur vom Goldenen Tor bis zur Roten Kirche erstreckt.

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Bemerkenswert aber war der Sakralbau auch wegen seiner aufwendig gestalteten Schnitzarbeiten der Ikonostase.

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Nach der Ausrufung der Sowjetmacht kam die St.-Sergij-Kirche als eine der ersten auf die Abrißliste, obwohl sie dann doch erst 1929 zerstört wurde.  In den zwölf Jahren dazwischen aber hatte man bereits alle Kirchenschätze entfernt und versucht, den Bau für weltliche Zwecke zu nutzen. In den Jahren der Neuen Ökonomischen Politik war hier ein Posten für den Feuerschutz eingerichtet, doch 1927 teilte die Stadtverwaltung der Kirchengemeinde mit, der Turm sei nicht hoch genug, „erreiche seine Ziele nicht“, weshalb man die Beobachtungsstation in die Kuppel verlegen wolle. Ein Jahr später gab man schließlich auch diesen Plan auf.

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In dieses Jahr fielen heftige Angriffe der Stadt- und Regionalverwaltung sowie der aufgehetzten Öffentlichkeit gegen die Rote Kirche: Die mittlerweile säkularen Schüler des einstigen Seminars klagten auf einer öffentlichen Versammlung über den Lärm der Glocken und forderten den Stadtrat auf, diesem „Unfug“ ein Ende zu setzen. Außerdem verschatte der Kirchenbau die Schule und störe den Verkehr. Die Lokalpolitik wollte sich dem nicht verschließen und faßte darum am 28. September 1928 den Beschluß, das Gotteshaus – es lag damals im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Museums – als Verkehrshindernis abzureißen. Wenig später löste man auch den Nutzungsvertrag mit der Kirchengemeinde auf und begründete den bevorstehenden Abbruch mit dem fehlenden architektonischen Wert, der Behinderung des Verkehrs, der Gefahr für die Autos und der Verschattung der Schulklassen. Außerdem gebe es im Gouvernement eine Vielzahl wesentlich älterer Baudenkmäler. Als dann im Februar 1929 der Stadtrat die Pläne für den Abriß beriet, erkannte man immerhin die Notwendigkeit, die Kirche „als charakteristisches Baudenkmal des 18. Jahrhunderts“ von allen Seiten, innen wie außen, zu photographieren“, während die Inneneinrichtung dem Museum zu übergeben waren und das Baumaterial nach dem Abbruch wiederverwendet werden sollte.

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Das genaue Datum von Beginn und Ende des Abrisses sind nicht bekannt. Offenbar war die Kirche von einem Zaun umgeben. Man fing wohl mit dem Abbruch des Glockenturms an, während dann im Beisein von Gaffern das Kirchenschiff zum Einsturz gebracht wurde. Die Aufnahme zeigt, wie das Gebäude in einer Staubwolke nach Osten hin in sich zusammenbricht. Ob durch eine Sprengung oder mittels anderer Methoden, ist nicht vermerkt und aus den Aufnahmen nicht ersichtlich. Allerdings dauerte es wohl, bis alles abgetragen war. Die Ziegel fanden wohl Wiederverwendung beim Bau einer Fabrik und einiger Wohnhäuser sowie als Straßenbelag. Anfang 1930 waren schließlich alles Spuren getilgt. Und wer weiß heute schon noch, daß hier einst die schöne Rote Kirche stand…

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