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Archive for Februar 2017


Über das Wochenende erreichte die Blog-Redaktion ein eher ungewöhnlicher Beitrag: ein Bericht über den Aufenthalt eines jungen Mannes aus Wladimir in Erlangen, also einmal die Sicht eines Russen auf sein deutsches Gastgeberland. Lassen wir also Wladimir Tichomolow gleich zu Wort kommen:

Wladimir Tichomolow

Wladimir Tichomolow

Heute, am 25. Februar 2017, ist es fast einen Monat her, seit ich aus der Partnerstadt Erlangen zurückgekehrt bin nach Wladimir. Meine erste, nur eine kurze Woche währende Bekanntschaft machte ich mit Deutschland im Sommer 2016 als Mitglied einer kleinen Jugendgruppe.

Meine Straße

Meine Straße

Darauf beschloß ich – koste es, was es wolle -, die deutsche Lebensart näher kennenzulernen, „einzutauchen“, weshalb ich Ende 2016 für drei Monate mit dem Ziel wiederkam, an der Volkshochschule Deutsch zu lernen.

Erlangen am Horizont

Erlangen am Horizont

Zu sagen, mein Aufenthalt in Deutschland habe mir gefallen, wäre so, als hätte ich gar nichts gesagt. In dieser Zeit nämlich gelang es mir, eine gewaltige Ladung positiver Eindrücke zu sammeln, angefangen bei der Bekanntschaft mit neuen, interessanten Menschen über Begegnungen mit Freunden aus Erlangen bis hin zu den unvergeßlichen Erinnerungen an meine Reisen durch Bayern und das Nachbarland Hessen (Frankfurt am Main) sowie Österreich (Salzburg).

Schafe auf den verschneiten Regnitzauen vor Erlangen

Schafe auf den verschneiten Regnitzauen vor Erlangen

Mich einzuleben in Erlangen dauerte nicht lange, etwa eine Woche, denn an das Gute gewöhnt man sich recht schnell. Schon Mitte November orientierte ich mich vor Ort ohne Mühe. Übrigens gelangte ich bereits am zweiten Tag meines Aufenthalts bei einer Radtour durch die Stadt ganz zufällig in die Wladimirstraße! 🙂

Friedrich-Alexander-Universität

Friedrich-Alexander-Universität

Mir gefiel die Architektur Erlangens, diese sympathischen Häuser mit ihren Ziegeldächern im Zentrum der Altstadt, die Siemens-Gebäude und die prächtigen Bauten der Friedrich-Alexander-Universität.

Ein Frosttag am Main-Donau-Kanal

Ein Frosttag am Main-Donau-Kanal

Da ich über genug Zeit und die Möglichkeit verfügte, mich auf zwei Rädern rasch fortzubewegen, erkundete ich nicht nur Erlangen, sondern fast das gesamte angrenzende Mittelfranken. Dank einer angenehm ausgebauten Fahrradinfrastruktur ist das ganz leicht zu schaffen.

Ausflug in die winterliche Fränkische Schweiz

Ausflug in die winterliche Fränkische Schweiz

Besonders in Erinnerung bleiben mir die Waldgebiete um Erlangen herum, mal auf flacher Ebene, mal hügelig, aber auch die malerischen Ausblicke auf die Bergketten der Fränkischen Schweiz mit ihren Dörfern und Bauernhöfen. Ideal zum Radfahren der Main-Donau-Kanal, an dem entlang man ohne Mühe zu den Städten im Süden oder Norden von Erlangen gelangt.

Am Römer in Frankfurt

Am Römer in Frankfurt

Mir gelang auch der Besuch von Orten, die mich beruflich und persönlich besonders interessierten, etwa das Schaeffler-Werk in Herzogenaurach, wo man Kugellager und mechanische Komponenten für verschiedene Industriezweige herstellt, oder das Audi- und BMW Museum in Ingolstadt bzw. München.

BMW-Zentrum in München

BMW-Zentrum in München

Die drei Monate meines Besuchs in Erlangen verflogen im Nu, der Sprachkurs ging zu Ende, die erworbenen Deutsch-Kenntnisse verwende ich jetzt bei meiner Arbeit in Wladimir.

Mondaufgang über Salzburg

Mondaufgang über Salzburg

Zum Abschluß meines „Kurzberichts“ über meine Reise sei noch gesagt: Sie ist zu 110% gelungen, und ich möchte meinen besonderen Dank Amil Scharifow (und allen, die in der Bergstraße 10 wohnen) ebenso aussprechen wie Elfriede Königsheim, Georg Kaczmarek, Gerhard Kreitz und natürlich Peter Steger.

Bis zum nächsten Mal in Erlangen und Wladimir!

Wladimir Tichomolow

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Archive bringen bisweilen wirklich kuriose Zeugnisse ihrer Zeit ans Tageslicht – so wie hier diese Aufnahme aus der frühen Mitte des vergangenen Jahrhunderts der fast autofreien Hauptstraße von Wladimir mit einem Plakat rechter Hand, das mit einem Fingerzeig auf das Landesmuseum hinweist, der heute eine ganz andere Richtung vorgibt und als obszön gilt. Die Zeiten ändern sich eben und mit ihnen auch die Gesten.

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Bleiben wir aber beim Straßenverkehr: Das erste Automobil in Wladimir soll Anfang des 20. Jahrhunderts dem Direktor der Berufsschule gehört haben, wo heute Luftfahrtmechaniker ausgebildet werden. Der Ingenieur, Dmitrij Sowetkin, gilt als Begründer des ersten Systems einer technischen Berufsbildung in Rußland, das buchstäblich Schule machte und sogar von der US-amerikanischen Regierung übernommen wurde. Zum Dank erhielt der pädagogische Techniker ein „automatisches Gespann“ aus Übersee geschenkt.

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Die Tochter am Steuer mit dem Ehepaar Sowetkin

Bis zu den beiden Revolutionen vor einhundert Jahren gab es dann bereits, wie Zebra TV berichtet, eine Reihe von Fahrzeugen im Besitz wohlhabender Wladimirer, doch erst in den 20er und 30er Jahren wuchs deren Zahl erheblich dank der raschen industriellen Entwicklung und Erweiterung der Stadt. Lastkraftwagen und Omnibusse kamen hinzu, und vor dem Zweiten Weltkrieg sprach man bereits von der Notwendigkeit, Oberleitungsbusse einzuführen. Die Hauptverkehrsader – wie bis in unsere Zeit hinein – war die zentrale Straße um das Goldene Tor herum mit „von einem Dutzend bis zu einhundert Autos“ am Tag. Da konnten auch Unfälle nicht ausbleiben, über die bereits Ende der 30er Jahre die Lokalzeitung „Prisyw“ regelmäßig berichtete.

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Bild zu einem Artikel aus dem Jahr 1937 im Prisyw

Da war dann von einem Auto zu lesen, das mit „gewaltiger Geschwindigkeit über die Gorkijstraße brauste“ und einen zehnjährigen Jungen anfuhr, der auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. Oder von einem betrunkenen Fahrer, der auf dem Weg stadteinwärts in eine Gruppe Arbeiter raste, wobei einer von ihnen zu Tode kam und viele weitere zum Teil schwer verletzte. Oder vom Lkw, der auf dem Weg Richtung Gorkij am Stadtausgang einen Fußgänger erfaßte… Besonderer Gefahr waren natürlich Kinder ausgesetzt, die sich einen Spaß daraus machten, aufzuspringen und ein Stück mitzufahren. Aber auch so gab es viel zu viele Opfer unter ihnen, wohl auch bedingt dadurch, daß es auf der Hauptstraße keine Verkehrspolizei gab, wie ein Chirurg in der Zeitung beklagte. Und – kaum zu glauben – vor 80 Jahren gab es noch kein einziges Verkehrszeichen, wie der „Prisyw“ bemängelt.

Wildes Parken von Lkws im Wladimir der 30er Jahre

Wildes Parken von Lkws im Wladimir der 30er Jahre

Einige Zitate: „An Orten wie dem Molotow-Klub, der Pädagogischen Lehranstalt, dem Kino u.s.w. sind unbedingt Verkehrszeichen aufzustellen. Darum sollte sich endlich das städtische Ordnungsamt kümmern.“ – „In unserer Stadt halten täglich Transitfahrzeuge an. Warum gibt es für sie nicht an einem bestimmten Ort einen Parkplatz? Sie werden alle gegenüber dem Hotel abgestellt und verstopfen die Straße.“ – „Es ist voll und ganz zeitgemäß, auch die Frage nach einer parallelen Straßenführung in der Stadt zu stellen. Warum nur ist der ganze Verkehr auf nur eine zentrale Straße konzentriert?“ Acht Jahrzehnte später ist zumindest dieses Problem mit der Umgehungsstraße, die das Zentrum stark entlastet, gelöst.

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In Wladimir ist das Angebot an frischem Obst und Gemüse im Winter recht begrenzt. Bei uns wachsen weder Bananen, noch Orangen oder Mandarinen, Kaki kommt aus dem Kaukasus, die exotischen Früchte beziehen wir aus Übersee. In meiner Kindheit konnten wir davon nur träumen, und im besten Fall setze man sich für drei Stunden in den Bummelzug nach Moskau, wo man dann von einem Laden zum nächsten rannte, einige Stunden in der Schlange stand, um ein Kilo Bananen zu ergattern und damit wieder drei Stunden zurück nach Wladimir zu fahren. Dabei war es angeraten, den Mund nicht aufzumachen, denn die Moskauer schimpften wie die Rohrspatzen, wenn sie spitzkriegten, daß Fremde sich angestellt hatten. Dabei waren wir ohnehin leicht schon von weitem zu erkennen an unseren riesigen Taschen, erwartungsvoll mitgenommen, um sie mit gesüßter Kondensmilch, Fleischkonserven, Wurst und Obst zu füllen. Heute gehört das alles zur Vergangenheit, aber ein russischer Haushalt ist noch immer nicht ohne Vorräte denkbar.

Damals blieb uns nichts anderes übrig, als im Frühjahr im Garten zu säen, im Sommer zu jäten und zu düngen, um dann ab August die Ernte einzufahren. Ein regelrechtes Fest war das immer, wenn wir mit viel Liebe und Phantasie unsere Schätze einlegten, einmachten, einweckten und für den Winter haltbar machten. Immer dabei: rote Bete, ein ausgesprochen beliebtes Gemüse, bis heute ein gern gelittener Gast auf unserem Tisch, auch wenn wir Russen heute über die ganze Welt verstreut sind. Also wollen wir doch zunächst einmal eine kleine Reise um die Welt der roten Bete unternehmen.

Die alten Römer verlangten bekanntermaßen von ihren Herrschern „Brot und Spiele“, aber sie lebten natürlich nicht vom Brot allein. Vielmehr galt schon im antiken Rom der Borschtsch als Leibspeise, weshalb eigens viel Kohl und rote Bete angebaut wurden.

Rüben sind auf allen Erdteilen – von der Antarktis einmal abgesehen – anzutreffen. Alle heute bekannten Sorten gehen auf eine wildes Wurzelgemüse zurück, das bis heute in Persien, an den Ufern des Mittelmeers, des Schwarzen und Kaspischen Meers sowie in Indien und China wächst. Auf den Speisezettel des Menschen kam die Wurzel wohl erstmals in Kleinasien und Zweistromland, wobei man damals nur die Blätter verzehrte, während die Rübe selbst zu medizinischen Zwecken verwendet wurde. In assyrischen Texten spricht man von deren Anbau in den Hängenden Gärten der Semiramis, die zu den sieben Weltwundern der Antike zählen. Im alten Persien hingegen galt das Gemüse als Symbol von Streit und Zwietracht, während die Römer dessen aphrodisierende Wirkung schätzten und rote Rüben sogar als Tribut von den Germanen forderten.

In die Kiewer Rus gelangte das Gemüse von Byzanz aus, wo man neben anderen Bete-Gerichten bereits die Rübensuppe, den klassischen Borschtsch, kannte. Aber erst Quellen aus dem 16. Jahrhundert beschreiben diese Speise als allgemein verbreitet im Russischen Reich, wo die Rübe übrigens auch in der Kosmetik Verwendung fand. Bemerkenswert aber auch die Hinweise darauf, die Pest, jene Geißel des europäischen Kontinents, habe auf dem Balkan und im Osten des Erdteils weniger gewütet, weil dort so viel rote Bete gegessen wurde. Und dann noch der in vielen Kulturen verbreitet Glaube, Mann und Frau würden einander für immer lieben, wenn sie gemeinsam eine rote Rübe essen.

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Noch bis vor kurzem gehörte in Rußland die Botwinja zu den beliebtesten Gerichten. Es galt als Schande für die Hausfrau, wenn sie es nicht verstand, diese kalt gereichte Suppe aus Blattgemüse schmackhaft zuzubereiten. Es gab sogar ein Sprichwort: „Wie die Ustinja, so die Botwinja.“

Heute kennt und schätzt man die vielen Eigenschaften der roten Bete in aller Welt, etwa die antioxidierenden Qualitäten oder die entschlackende Wirkung auf Schwermetalle, Radionuklide und sonstige Giftstoffe neben dem hohen Gehalt an Vitamin A, C, B, Aminosäure, Makro- und Mikroelementen sowie Betain, das gegen Arteriosklerose vorbeugt, die Herztätigkeit positiv beeinflußt, die Entwicklung von Alzheimer und Osteoporose verzögert. Regelmäßige Zufuhr von Betain soll sogar das Entstehen von Darm- und Prostatakrebs vermeiden helfen und die Ausbreitung von Tumorzellen hemmen. Wichtig dabei: Alle wertvollen Bestandteile der roten Bete bleiben bei der richtigen Zubereitung erhalten und erweitern die Möglichkeit ihrer Verwendung.

Längst steht die rote Rübe nicht mehr nur in Osteuropa auf dem Speisezettel. Auch in Deutschland findet man sie auf der Karte von Restaurants, freilich leider eher noch selten. Aber besser selten als gar nicht! Die Angebote in Gläsern in den Regalen der Geschäfte oder bereits gekocht in Vakuumverpackung (für die russische Seele eine kulinarische Todsünde) können natürlich jenen Geschmack nicht ersetzen, der nur dem frisch zubereiteten Gemüse eigen ist, das ja bei richtiger Lagerung den Winter überdauert und Geschmack und Eigenschaften bis ins Frühjahr hinein bewahrt.

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Wie viele Rezepte es in Rußland – und erst recht in Wadimir – gibt, um Rote Bete zuzubereiten, weiß wohl niemand zu sagen. Nennen wir deshalb nur die allerbekanntesten, die auch jeder Tourist zumindest einmal probiert haben sollte: natürlich Borschtsch, Hering im Mantel, Rote Bete mit Knoblauch, Rote Bete auf koreanische Weise, Rote Bete mit Pflaumen, Rote-Bete-Bratlinge, Kraut mit Rote Bete, Rote-Bete-Suppe, Rote-Bete-Gemüse etc. pp.

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Wir wollen heute einmal das Gemüse versuchen, wozu wir zwei bis drei große Knollen nehmen, sie schälen und mittelfein reiben, in die Pfanne zusammen mit zwei bis drei mittelgrößen feingeschnittenen Zwiebeln geben, salzen und mit drei bis vier Eßlöffeln Sonnenblumenöl unterm Deckel für 30 Minuten bei 180 bis 200 Grad in die Röhre stellen. Danach alles gut umrühren, bis auch die Zwiebeln alle rot sind, ein Stück Butter und frische Kräuter darauf – und schon kann aufgetischt werden. Schmeckt heiß wie kalt, mit oder ohne Brot, mit Pasta oder Kartoffeln, wie es beliebt. Wer sich aber ein wenig mehr Zeit nehmen will, kann das Rezept erweitern und ca. ein Kilo Kartoffeln schälen, die großen vierteln oder halbieren, auf den Grund der Pfanne legen, bevor die Rote Bete und Zwiebel dazukommen. Diese Variante braucht allerdings zum Garen etwa ein Stunde. Lohnt sich aber und verspricht ein rechtes Festmahl!

Nadja Iljina

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Im Jahr 2000 erschien im Wladimirer Verlag PEKO ein zweisprachiger Band mit Gedichten von Tatjana Oserowa in der Übertragung von Peter Steger, aus dem heute folgende Verse ohne Titel zitiert werden:

Wenn wieder mal…
die Kälte kommt im Flug
und uns die Wärme nur erscheint als Trug,
dann glaubt man nicht, daß wieder bald erblüht
der Eisbusch,
wenn das Frühjahr zu uns zieht.

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Бывает…                                                                                                                                                Прилетают холода.                                                                                                                                           И кажется, что не было тепла,

Не верится, что снова зацветёт

Куст ледяной,                                                                                                                                                 Когда весна придёт.

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Unlängst war hier eine Aufnahme der Luftwaffe von Wladimir zu sehen – https://is.gd/k6rcaU -, heute nun das Bild eines amerikanischen Spionagesatelliten von der Partnerstadt, das sich in den mittlerweile zugänglichen Tiefen der Archive der CIA fand und dieser Tage von Zebra-TV veröffentlicht wurde. Von 1956 an spähten die U-2-Maschinen – übrigens mit Stützpunkt in Erbenheim bei Wiesbaden und später in Giebelstadt bei Würzburg – das Gebiet der UdSSR aus. Einer dieser Aufklärungsflüge  in 20 km Höhe endete am 1. Mai 1960 mit dem Abschuß von Fancis Gary Powers im Himmel über dem Ural, wobei durch ein Versehen auch eine Sowjetische MiG-19 getroffen wurde, gesteuert von einem Piloten, der aus Gus Chrustalnyj in der Region Wladimir stammte. Zu der Zeit hatten die Amerikaner aber auch schon das Weltall zu Spionagezwecken requiriert: 1959 begann das von der CIA mitentwickelte Rüstungsprogramm CORONA mit dem Start eines Spähsatelliten, der das Gebiet der UdSSR und der VR China in den Fokus nahm. Schon ein Jahr später gründete man den Militärnachrichtendienst NRO, der die verschiedenen Dienste im Bereich der Weltraumaufklärung koordinieren sollte. Im August setzte der Satellit Discoverer die erste Kapsel mit Aufnahmen ab. Fast 150 Satelliten stiegen allein von 1959 bis 1972 mit ihren Spezialkameras auf und lieferten den Agenten im Einsatz auf der Erde in ihrem Zielgebiet Orientierungsmaterial.

Wladimir mit den Augen des amerikanischen Spionagesatelliten

Wladimir mit den Augen des amerikanischen Spionagesatelliten

Eine dieser Aufnahmen, hier zu sehen, entstand am 12. Dezember 1961 und zeigt Wladimir mit den mittlerweile längst eingemeindeten Siedlungen im Norden und Südosten. Der Schnee als Hintergrund läßt das Relief der Stadt besonders gut erkennen, die Bahnstrecke, den Lauf der Kljasma, die Straße nach Bogoljubowo, während die Gebäude eher angedeutet bleiben. Klar in jedem Fall zu sehen, wie rasch sich Wladimir nach dem Krieg entwickelt und wie sehr die Stadt schon damals ihre heutige Gestalt angenommen hatte. Damals ein verstohlener Blick hinab ins Reich des Gegners, heute ein Dokument der Zeitgeschichte, wohl wissend, wie emsig gerade jetzt wieder Informationen übereinander gesammelt werden, im Himmel wie auf Erden, denn gegenseitiges Vertrauen läßt sich offenbar schwerer herstellen als immer effektivere Überwachungsmethoden. Nicht auszudenken, was der Blog da in 50 Jahren rückblickend wird zu berichten wissen von all dem, was unseren Blicken heute noch verborgen bleibt…

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Heute vor 100 Jahren – nach dem Julianischen Kalender, den dann die Sowjets Anfang 1918 auf die Gregorianische Zeitrechnung umstellten – begann im kriegsmüden Petrograd die Februarrevolution, die zur Abdankung des Zaren und zur Einführung der bislang wohl liberalsten Demokratie auf russischem Boden führte, bis dann im Herbst – mittels deutscher Arglist – aus dem Schweizer Exil ein gewisser Wladimir Lenin ins Land kam und umgehend den roten Umsturz herbeiführte, bekannt geworden als die Oktoberrevolution.

Goldenes Tor

Goldenes Tor und Mädchengymnasium

Was nun aber geschah damals, Februar / März, im provinziellen Wladimir? Auch hier hatten die Menschen nicht genug zu essen, waren des erfolglosen Krieges überdrüssig, ärgerten sich über eine unfähige politische Führung und die allgemeine Mangelwirtschaft. Erste Streiks wurden ausgerufen, und Parolen wie „Weg mit dem Zaren!“, „Schluß mit dem Krieg!“, „Wir wollen Brot!“ waren zu hören. Es kam sogar zu einem Auflauf vor dem Haus des Gouverneurs, wo Frauen mit ihren Kindern nach Brot riefen und die Rückkehr ihrer Männer von der Front forderten. Nach einem Zeitzeugenbericht soll zu der Menge dann aber nicht der Statthalter des Zaren, Wladimir Krejton, sondern dessen Gattin Maria gesprochen haben, mit Worten, die an jene mit dem Kuchen, den die Hungerleider eben anstelle von Brot essen sollten, erinnern, die man Marie Antoinette in den Mund legte: „Wie kommt ihr denn auf Hunger? Soll das jetzt etwa Hunger sein? Richtiger Hunger herrscht, wenn die Menschen ihre Kinder fressen…“ Nur ein herbeigeeilter Polizeitrupp habe die Residenz des Gouverneurs und deren Bewohner vor dem wütenden Ansturm der ob einer derartigen Menschenverachtung empörten Frauen bewahren können. Aber die Worte taten ihre Wirkung, gingen von Mund zu Mund und kamen natürlich auch den in Wladimir stationierten Soldaten zu Ohren, die mit den herrschenden Umständen auch alles andere als zufrieden waren.

Wladimir und Maria Krejton beim Besuch eines Waisenheims

Wladimir und Maria Krejton beim Besuch eines Waisenheims

Am 27. Februar übernahm die Duma in Petrograd die Regierungsgeschäfte und vollzog damit de facto den Machtwechsel. Vier Tage war die Revolution auch in Wladimir angekommen. Und natürlich schlug nun die Stunde der Wendehälse, angeführt von Gouverneur Wladimir Krejton, der übrigens schon bald emigrieren sollte und 1931 in Locarno starb. Entscheidend jedoch war die Haltung des Militärs, wo der zarentreue Teil ins Hintertreffen geriet, zumal aus Moskau Revolutionstruppen anrückten. In der Nacht zum 3. März waren es ungefähr 800 rekonvaleszierende Soldaten, denen sich vor Ort stationierte Kameraden anschlossen, die in die unbewachte Residenz des Gouverneurs eindrangen und ihn verhafteten, worauf er gesagt haben soll: „Aber ich habe mich doch der neuen Regierung angeschlossen.“ Ganz im Geiste einer Figur aus dem historischen Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, die meint: „Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert.“

Residenz des Gouverneurs

Residenz des Gouverneurs (heute Sitz des Staatlichen Lokalen TV-Senders)

Es dauerte freilich noch bis zum Vormittag, bevor es dem noch in der Nacht auf etwa 1.000 Mann angewachsenen Trupp gelang, auch den großen Rest der Armee – immerhin nach Schätzungen zwischen 20.000 und 25.000 Soldaten – gegen den Widerstand der Befehlshaber auf seine Seite zu ziehen – mit rufen wie: „Kameraden, schließt euch uns an, wir sind gegen den Zar, gegen den Krieg!“ Dazwischen hatte man den Leiter der Polizei festgesetzt und seine Kaserne gestürmt sowie Bank und Post übernommen. Die Lage drohte noch einmal zu eskalieren, als sich die zarentreuen Truppen am Goldenen Tor den Aufständischen entgegenstellten, aber schließlich ging – anders als in Petrograd und Moskau – alles unblutig, ohne Opfer ab, einige Blessuren im Handgemenge nicht eingerechnet. Eine Revolution im Handstreich, die man heute wohl „samten“ nennen würde. Es folgten nun auch in Wladimir die wenigen Monate einer freiheitlichen Politik – bis dann im Herbst alles anders wurde, bis das „Rote Rad“, wie Alexander Solschenizyn die Sowjetepoche nannte, sich unbarmherzig zu drehen begann.

 

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Die alpinen Skifahrer Wladimirs hatten es wirklich gut, ganz im Unterschied zu den Bedingungen in den allermeisten anderen russischen Städten, wo es zwar auch nicht an Schnee mangelt, wohl aber an den topographischen Voraussetzungen. Hatten! In diesem Winter nämlich war die vor zehn Jahren eröffnete Abfahrt am Steilufer der Kljasma und ganz in der Nähe des Stadions gesperrt. Aus schnöden Gründen eines Zwistes zwischen Unternehmertum und Behördenwesen. Man streitet um ein Fleckchen Erde im Besitz des Gouvernements,  um gerade einmal ein Hektar, für das der private Betreiber der Piste nun statt 320.000 Rubel im Jahr das Dreieinhalbfache an Pacht zahlen soll, weil das Grundstück durch Erdarbeiten im Wert gestiegen sei. Da lohnt es wohl nicht mehr, den Lift anzuwerfen und die Strecke zu präparieren. Bleibt nur noch der ohnehin bei weitem populärere Ski-Langlauf in der weiten Landschaft.

Hasenbergl

Hasenbergl

Oder man fährt ein Stück in Richtung Susdal und biegt dann, fast noch in Sichtweite zu Wladimir, zur Ortschaft Sadowyj ab, wo der VS-Park am Hasenbergl liegt mit einem richtigen Hang und der ganzen Infrastruktur – bis hin zum Schuh- und Bretterverleih oder Après-Ski.

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Eine Liftfahrt kostet 30 Rubel (für Kinder die Hälfte), also gerade einmal 50 Cent, man bekommt Skipässe aber auch stundenweise oder im Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerpack, ganz nach Lust und Laune.

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Der Park am Hasenbergl ist übrigens auch im schneefreien Rest des Jahres ein beliebtes Ausflugsziel, hauptsächlich für Familien, aber auch für Festgesellschaften. Der Abschiedsabend zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft wurde im Juni 2013 ebenfalls am Hasenbergl gefeiert. Nicht nur zur Winterszeit geht es hier http://www.vspark.ru also hoch her.

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