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Archive for 26. September 2016


1964 erschien „Herzog“, ein Roman von Saul Bellow, der heute so lesenswert ist wie damals und einen Aufruf enthält, den man angesichts der Menschenschlächterei in Syrien hinausschreien möchte in eine Welt, die scheinbar nur noch weghören will:

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Dreiländertreffen Soroptimist International

Die Sache war, daß es Menschen gibt, die die Menschheit vernichten können, und daß sie töricht, anmaßend und verrückt sind und gebeten werden müssen, es nicht zu tun. Laßt die Feinde des Lebens abtreten. Laßt jeden Menschen sein Herz prüfen. Ohne einen großen Wandel meines Herzens würde ich mir nicht zutrauen, eine führende Stellung zu bekleiden. Liebe ich die Menschheit? Genug, um sie zu verschonen, wenn ich imstande wäre, sie in die Hölle zu schießen? Laßt uns alle unsere Leichentücher umhängen und nach Washington und Moskau marschieren. Laßt uns alle, Männer, Frauen und Kinder, uns hinlegen und schreien: „Laßt das Leben fortdauern – wir mögen es nicht verdient haben, aber laßt es dauern.“

Christine Faigle

Christine Faigle

Dem Flehen und Bitten setzt der Literatur-Nobelpreisträger, dessen Eltern aus Sankt Petersburg in die Neue Welt emigriert waren, freilich einen wenig hoffnungsfrohen Kontrapunkt entgegen:

Dreiländertreffen Soroptimist International

Dreiländertreffen Soroptimist International: Rentia van Eldik und Inge Richter

In jeder Gemeinschaft gibt es eine Kategorie von Menschen, die für die übrigen unsäglich gefährlich ist. Ich meine nicht die Verbrecher. Für die haben wir Strafmaßnahmen. Ich meine die Führer. Ohne Ausnahme streben die gefährlichsten Leute nach der Macht.

Karin Roberts, Gabriele Saemann und Natalia Serdjukowa

Karin Roberts, Gabriele Saemann und Natalia Serdjukowa

Auch wenn sie es nicht für sich öffentlich reklamieren, wirken die Verantwortlichen der Lokalpolitik in Erlangen und seinen Partnerstädten fast wie wider besseren Wissens fünf Jahrzehnte später noch immer dem drohenden Weltenbrand entgegen, unterstützt von ihrer internationalen Armee der kleinen Leute, die da guten Willens sind. Gäbe es nur mehr von ihnen…

Schulleiterin und Gastgeberin Carmen Vogt

Schulleiterin und Gastgeberin Carmen Vogt

Mehr von ihnen – wie von Soroptimist International, die gestern in der Pestalozzischule ihr Dreiländertreffen abhielten, dessen Ergebnis Schatzmeisterin Doris Lang ebenso spontan wie treffen auf die Formel brachte: „Viele Unterschiede, aber keine Differenzen!“

Die drei Gäste aus Riverside: Lynn Scecina, Jeanne Hatcher und Karin Roberts

Die drei Gäste aus Riverside: Lynn Scecina, Jeanne Hatcher und Karin Roberts

Just an dem Tag waren Mitglieder des Service-Klubs für Frauen aus den amerikanischen und russischen Partnerstädten, Riverside und Wladimir, mit ihren Schwestern aus Erlangen zusammengekommen, als der diplomatische Faden zwischen Washington und Moskau auf der Bühne der UNO zum Zerreißen gespannt war, just an dem Tag suchten die Sorores gemeinsam nach Ähnlichkeiten und Verschiedenartigkeiten der Rolle von Frauen in den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen.

Natalia Serdjukowa

Natalia Serdjukowa

Moderiert von Christine Faigle kamen in Kurzreferaten und Diskussionen all die Fragen zur Sprache, die nirgendwo auf der Welt bisher zufriedenstellend geklärt sind: Warum haben es Frauen noch immer so schwer, in Führungspositionen aufzurücken? Wann gibt es für gleiche Leistung endlich auch gleiche Entlohnung? Wie lassen sich junge Frauen auf ihrem Weg ins Berufsleben begleiten und unterstützen?

Naina Akimowa und

Naina Akimowa und Marianne von der Emde

Während amerikanische und deutsche Frauen sich in der Karriere oft ähnlich behindert erleben, betonen die russischen Gäste, ihnen stünden alle Türen zum Aufstieg offen, und unterschiedliche Löhne und Gehälter gebe es ohnehin nicht. Dafür sei es in Wladimir wiederum erheblich schwieriger – wegen der Steuergesetzgebung -, Spenden einzuwerben und überhaupt eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Wohl auch, weil dort nach dem allgemeinen gesellschaftlichen Verständnis noch immer und schon wieder die öffentlichen Einrichtungen für die Daseinsfürsorge als zuständig gesehen werden. Ganz anders als in den USA, wo ein mit Steuern finanziertes Sozialsystem – vom Gesundheitswesen ganz zu schweigen – von einem großen Teil der Bevölkerung mit Argwohn betrachtet wird.

Naina Akimowa und Doris Lang

Naina Akimowa und Doris Lang

Wie enorm auch in einer durchaus wohlhabenden Stadt wie Riverside der Bedarf an Wohltätigkeitsorganisationen ist, zeigt eine beeindruckende Zahl: Mehr als 70 Benefizvereine tun Gutes in der kalifornischen Partnerstadt, in der Region, dem County, sind es über 300 solcher Serviceklubs. Will man da ehrenamtlich erfolgreich sein, sollte man sich kreativ zeigen bei der Suche nach Sponsoren und bei der Organisation von Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Jelena Ljubar

Jelena Ljubar und Rentia van Eldik

Und noch so ein Unterschied: Während an Soroptimist Riverside zumeist von außen Anträge auf Unterstützung gestellt werden, sucht sich der Erlanger Klub seine Projekte selbst aus – ebenso wie die seit 2001 in Wladimir bestehende Organisation.

Natalia Serdjukowa und Galina Larytschewa

Natalia Serdjukowa und Galina Larytschewa

Aber da gibt es auch überraschende Übereinstimmungen zwischen den amerikanischen und russischen Schwestern: Hier wie dort kostet es buchstäblich ein Vermögen, wenn man studieren will und nicht gerade ein Stipendium erhält. Da sehen es die Frauen von Soroptimist International als ihre Aufgabe, junge Talente zu fördern, denen die finanziellen Mittel fehlen. Überhaupt die Bildung und im weitesten Sinne Aufklärung – ein gemeinsames Betätigungsfeld, angefangen von der Beratung für Mädchen, um nicht ungewollt schwanger zu werden, bis hin zur Berufsorientierung.

Jelena Ljubar

Jelena Ljubar

Viele Gemeinsamkeiten bei allen Unterschieden, ein Arbeitstag, der mit einem Kochabend ausklang und alle zufrieden stimmte. Mehr noch: Im April 2018 feiert Soroptimist Riverside sein siebzigjähriges Bestehen, und spätestens dann will man sich wiedersehen zum nächsten Dreiländertreffen. Bis dahin lassen die Führer dieser Welt unser Leben hoffentlich weiter fortdauern, damit die Armee der kleinen Leute guten Willens um einige weitere Köpfe und Herzen wachsen kann.

Bilder: Nadja Steger

P.S.: Heute ist der Internationale Tag zur vollständigen Abschaffung der Atomwaffen.

 

 

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