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Archive for 26. August 2016


Heute nun die Fortsetzung der Spurensuche von Herbert Mainka, deren erster Teil am 23. August hier im Blog erschien.

Traktorenwerk Wladimir

Traktorenwerk Wladimir

Nach dem Besuch in Kameschkowo im ehemaligen Hospital und auf dem dort von der Kriegsgräberfürsorge eingerichteten Friedhof stand noch am gleichen Tag das Wladimirer Traktorenwerk auf dem Programm, wo Arthur Mainka vom 10. September 1947 bis 26. November 1949 als Kriegsgefangener eingesetzt war.

Herbert Mainka am Gedenkstein auf dem Gelände des Traktorenwerks

Herbert Mainka am Gedenkstein auf dem Gelände des Traktorenwerks

Die Erlaubnis zum Besuch des Betriebs, während des Krieges vom eingekesselten Leningrad nach Wladimir, also ins weitgehend sichere Land hinter dem Frontverlauf verlegt, hatte die Deutschlehrerin und Betreuerin des Gastes, Ludmila Mironowa, eingeholt. Sogar eine eigene Führung über das Gelände wurde so möglich, durch einen kleinen, von den Deutschen angelegten Park – bis zum Gedenkstein für die in Wladimir verstorbenen Gefangenen, der im Vorjahr im Beisein von Oberbürgermeister Florian Janik enthüllt worden war.

Gedenkstein

Gedenkstein

Einen weiteren Tag benötigte Herbert Mainka, um mit Ludmila Mironowa ins 80 km südlich von Wladimir gelegene Anopino zu fahren, wo sein Vater vom 18. August 1945 bis 10. September 1947 in der Glashütte eingesetzt war. Ebenso wie das Traktorenwerk, wird auch dieser Betrieb bis heute fortgeführt, und der technische Direktor, Michail Lissow, erhielt von der Leitung den Auftrag, den Gästen Gelände und Produktion zu zeigen. Arthur Mainka mischte damals wohl verschiedene Komponenten zur Glasherstellung.

Glaswerk Anopino

Glaswerk Anopino

Bei den Gesprächen stellten sich rasch Gemeinsamkeiten heraus: So war der Vater des Gastgebers in Sewastopol in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und mußte zu Fuß bis weit in die Ukraine, verpflegt nur sporadisch von hilfsbereiten Einheimischen. Über Polen und die Tschechoslowakei ging es weiter bis Bayern, wo die Ehefrau des Arbeiters, dem der Gefangene zugeteilt war, dem Russen das Überleben ermöglichte, indem sie mit einer Zusatzration für das Essen sorgte.

Glashütte Anopino

Glashütte Anopino

Demgegenüber kann Herbert Mainka vom Onkel seiner Mutter, Paul Erlekampf, berichten, der einen Bauernhof in Eisfeld bei Ohlau bewirtschaftete, wo es üblich war, die Kriegsgefangenen, gleich ob Polen, Russen oder Franzosen, am gemeinsamen Mittagstisch zu bewirten. Kleine Gesten der Menschlichkeit in Zeiten der Barbarei.

Deutscher Turm von Anopino

Deutscher Turm von Anopino

Doch zurück nach Anopino, wo es auf dem Gelände der Glashütte einen sogenannten „deutschen Turm“ gibt, der 1949 von Kriegsgefangenen errichtet wurde und heute noch – dank guter Qualität – in Betrieb ist. Der Turm gehört zum Ensemble um den großen Platz, wo die Kriegsgefangenen sich morgens und abends zum Appell zu versammeln hatten, um ihre Vollzähligkeit festzustellen.

Herbert Mainka, Michail Lissow und Ludmila Mironowa

Herbert Mainka, Michail Lissow und Ludmila Mironowa

Der Vater von Michail Lissow wohnte damals auf dem Gelände des Betriebs und hatte offenbar viel Kontakt zu den deutschen Kriegsgefangenen, von denen er sich besonders gern die Reparatur und Wartung von Autos zeigen ließ. Offenbar nicht ohne Erfolg, denn später wurde er Chauffeur des Direktors. Gut möglich, daß sich die Väter der beiden damals kannten oder zumindest einander öfter begegneten.

Glasreste an der Stelle, wo wohl auch Arthur Mainka arbeitette

Glasreste an der Stelle, wo wohl auch Arthur Mainka arbeitette

Gut lokalisieren läßt sich auch noch, wo Arthur Mainka, damals 27 Jahre alt, den Quarzsand zu schaufeln hatte. Man kann nur ahnen, was im Sohn vorging, als er all diese Erinnerungsstätten besuchte. Heute stellt man hier Flaschen für den russischen und chinesischen Markt her, drei von ihnen durfte sich Herbert Mainka als Andenken mitnehmen.

Neues Glaswerk in Anopino

Neues Glaswerk in Anopino

Mit großer Wahrscheinlichkeit kann sogar bestimmt werden, wo Arthur Mainka dann die verschiedenen Komponenten – Quarzsand, Sand, Altglas – mischte. Eine Stelle, wo eine neue deutsch-russische Freundschaft besiegelt wurde, die Herbert Mainka und Michail Lissow auch in Zukunft pflegen wollen, sicherlich im Sinne und Geiste ihrer Väter.

Gefangenenfriedhof, zwischen beiden Wegen gelegen

Gefangenenfriedhof, zwischen beiden Wegen gelegen

Nach dem Mittagessen in der Werkskantine zeigte Michail Lissow den Gästen im 2.000-Seelen-Ort das Gebäude, wo sich in den 40er Jahren die Lagerkommandantur befunden hatte, damals alles noch innerhalb der Lagergrenzen.

Herbert Meinka inmitten des Gefangenenfriedhofs

Herbert Meinka inmitten des Gefangenenfriedhofs

Schließlich noch ein Beweis der neuen Freundschaft: Michail Lissow zeigte Herbert Mainka, wo man damals die verstorbenen Gefangenen beisetzte. An einem Ort, den ihm sein Vater gezeigt hatte, ein Ort, von dem bisher niemand außer den beiden wußte.

Ludmila Mironowa

Ludmila Mironowa

Beim Besuch im Garten von Michail Lissow dann das Versprechen, den Kontakt zu halten, sich wiederzusehen, bevor der Tag auf der Datscha von Ludmila Mironowa ausklang.

 

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