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Archive for 6. August 2016


Die Neue Galerie des Kunstvereins Erlangen füllte sich gestern abend rasch bis auf den letzten Platz mit Gästen, darunter auch Gerhard Hammer, der kürzlich in Ruhestand getretene Leiter des Gymnasiums Fridericianum, dessen Rotary Klub wesentlich an der Finanzierung des Drucks von „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mitgewirkt hatte.

Gerhard und Eva Hammer

Gerhard und Eva Hammer

Die Einladung zu der Veranstaltung war eine Idee von Irene Hetzler, der Vorsitzenden der Gruppe Plus im Kunstverein Erlangen, die über die Präsentation des Sammelbands mit Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Kriegsgefangenschaft in Lagern in und um Wladimir im Dezember vergangenen Jahres in den Erlanger Nachrichten gelesen hatte. Da lag es nahe, das ohnehin für dieses Jahr geplante, mittlerweile dreizehnte Treffen der Veteranen aus ganz Deutschland auf dieses Wochenende zu legen, um die Buchvorstellung mit Augenzeugenberichten zu bereichern.

Irene Hetzler

Irene Hetzler und Philipp Dörr

Und die, insgesamt neun und alle in dem Kompendium mit ihren Erinnerungen an die Gefangenschaft vertreten, waren zum Teil von weit her angereist, von Wismar und Gera, aus dem Harz und dem Odenwald, dem Thüringer Wald oder aus dem Westerwald, sogar aus der Wachau und aus Zürich. Nur einer, Wolfgang Morell aus Erlangen, brauchte keinen langen Weg zurücklegen.

Heinrich Hirschfelder und Wolfgang Morell

Heinrich Hirschfelder und Wolfgang Morell

Peter Steger, der Autor und Herausgeber des historischen Werks, beschränkte sich auf die Darstellung der Entstehung des Buches und der Zusammenhänge sowie einige Zitate aus den Erinnerungen des bereits verstorbenen Wehrmachtssoldaten Otto Kleinhenz, um möglichst viel Zeit Richard Dähler und Günter Kuhne für ihre Ausführungen zu lassen. Nicht von ungefähr, wie sich zeigen sollte.

Richard Dähler

Richard Dähler

Richard Dähler aus Zürich, Autor einer Doktorarbeit über japanische Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – unter anderem in Wladimirer Lagern -, führte nämlich nicht nur aus, welche große Rolle für die Untertanen des Tennō die Kunst bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse spielte, sondern vertrat auch die Ansicht, die Versöhnung zwischen den einstigen Feinden habe bereits hinter dem Stacheldraht begonnen, als vor allem russische Frauen am Krankenbett, an der Werkbank oder beim Verhör ein unerwartetes Maß an Mitmenschlichkeit zeigten und manches Leben retteten.

Neue Galerie

Neue Galerie

Eine Erfahrung, die Günter Kuhne aus Gera stellvertretend für fast alle seine Kameraden aus eigenem Erleben nur bestätigen kann, etwa wenn die russischen Kolleginnen in Wladimir den einstigen Angehörigen der Hitlerjugend-Waffen SS zum Bestarbeiter kürten und er sich in der Gefangenschaft stets anständig behandelt fühlte. Ganz anders als vom Stabsarzt, der den Thüringer nach einem Trümmerbruch des Oberschenkels im März 1945 mit den Worten an die Front in Brandenburg geschickt hatte: „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“

Günter Kuhne

Günter Kuhne

Gern würde der heute neunzigjährige Maschinenschlosser mehr von seinen Erfahrungen und Einsichten an die Jugend vermitteln, aber er hat den Eindruck, die Schulen seien an derlei Begegnungen mit Zeitzeugen viel zu wenig interessiert. Gern würde er seine Friedensbotschaft, seinen Sieg über den Krieg weitergeben an andere Menschen, nicht in der Hoffnung, die große Welt ändern zu können, aber mit der kleinen Zuversicht, in denen, die ihm zuhören, etwas zu bewegen.

Veteranen 7

Clara Müller und Kurt Seeber

Bewegende Momente waren das gestern, und noch lange hätten die Diskussionen und Gespräche nach Ende der Veranstaltung dauern mögen. Wie um die Zeit aufzuhalten, die erlebte Geschichte zu bannen. Eine Ahnung von Abschied lag über den Begegnungen, so als könnten sie ein letztes Treffen markieren auf einem Weg, der mit den Worten von Günter Kuhne „auf der Ziellinie angekommen“ ist.

Irene Hetzler und Peter Steger mit den Veteranen und ihren Angehörigen

Irene Hetzler und Peter Steger mit den Veteranen und ihren Angehörigen

Was bleibt, ist ein Gefühl der Dankbarkeit für eine Reise, die das Publikum sieben Jahrzehnte in eine Zeit zurückführte, deren Nachwirkungen unser aller Leben bis heute prägen und deren Erschütterungen uns nie müde werden lassen sollten im Streben nach Frieden und Verständigung. Wie gesagt, eine kleine Zuversicht, die der allfälligen Unfähigkeit trotzt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wer mit den Veteranen gesprochen oder das Buch gelesen hat, kann später nicht behaupten, er habe es nicht gewußt…

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„Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ist im Buchhandel oder direkt beim Stadtarchiv Erlangen zum Preis von 24 Euro unter der ISBN 978-3-944452-09-8 erhältlich.

 

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