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Archive for März 2016


Man weiß nicht, ob man sich mehr staunend freuen soll über den Fahndungserfolg der Wladimirer Polizei, oder ob der Schrecken überwiegt, der einem angesichts der kriminellen Energie eines 29jährigen in die Glieder fährt, der gestern in der Partnerstadt festgenommen wurde. Nach einer Mitteilung des Innenministeriums in Moskau nämlich, verbreitet von allen Nachrichtenagenturen des Landes, sei es gelungen, die geplante Entführung zum Zweck der Lösegelderpressung und anschließende Ermordung des Stadtoberhaupts von Susdal durch einen rechtzeitigen Zugriff zu verhindern. Der mutmaßliche Täter habe seit Herbst vergangenen Jahres sein Opfer ausspioniert, andere Kriminelle zur Mitwirkung an seinem Vorhaben gewonnen und eine Garage angemietet, wo die Geisel festgehalten und mittels Folter – man fand dort dafür geeignete Werkzeuge – bis zur Zahlung des Lösegeldes gefügig gemacht und nach dessen Übergabe zur Verwischung der Spuren getötet werden sollte. Polizei und Inlandsgeheimdienst seien aber dank V-Leuten früh Hinweise auf die Planungen bekannt geworden, was nun die Verhaftung zu einem Zeitpunkt ermöglichte, als wohl die Ausführung der Straftaten unmittelbar bevorstand.

Sergej Sacharow, Igor Kechter beim Empfang für Bürgermeister Kurt Förster und seine Delegatioin aus Rothenburg, Januar 2016

Sergej Sacharow, Igor Kechter beim Empfang für Bürgermeister Kurt Förster und seine Delegatioin aus Susdals Partnerstadt, Rothenburg, Januar 2016

Den ganzen Tag über schossen Spekulationen ins Kraut, weil die offiziellen Verlautbarungen zunächst nur von einer „Stadt in der Region Wladimir“ sprachen und – wohl um weitere Ermittlungen nicht zu gefährden – weder Namen noch genaue Funktion des „Stadtoberhaupts“ nannten. Zur Verwirrung trug bei, daß es in Susdal – ebenso wie in Wladimir – ein Tandem an der Spitze der Verwaltung gibt: Bürgermeister, Igor Kechter, und Stadtdirektor, Sergej Sacharow. Bald aber konkretisierte sich, daß es letzterer, erst vor einem halben Jahr aus dem Amt des Oberbürgermeister von Wladimir geschieden, war, dem man nach dem Leben getrachtet hatte. Desto größer die Erleichterung, als der Politiker, den die Polizei schon frühzeitig über den Stand der Ermittlungen informiert hatte, besorgte Anfragen aus dem Erlanger Rathaus, ob es ihm gut gehe – auf Deutsch – per SMS mit den Worten beruhigte: „Ja, natürlich.“ sowie „Kein Problem. Danke!“ Erlösende Worte nach viel zu langen Augenblicken des Schreckens und Bangens, zu verdanken der meisterhaften Arbeit der Ermittler, die eindrucksvoll zeigen, wie erfolgreiche Verbrechensbekämpfung im Vorfeld aussieht.

Die Verhaftung ist hier zu sehen: http://is.gd/cullop

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„Vom Eise befreit sind Straßen und Wege / durch des Frühlings holden, belebenden Blick…“ Der Autofahrer in Wladimir verspürt nun freilich weniger das Hoffnungsglück, sondern ärgert sich, wo die schützende Schneedecke weggetaut ist, über die ungezählten Schlaglöcher unter seinen Rädern und findet wieder einmal den auf Nikolaj Gogol zurückzuführenden Spruch bestätigt, wonach es in Rußland zwei Übel gebe, Straßen und Idioten.

Nicht anders als in Deutschland sind die russischen Autofahrer zunehmend organisiert und fordern eine Gegenleistung für ihre Steuern und Abgaben. Dabei gibt es auch immer mehr Pkws zwischen Königsberg und Kamtschatka: 284 waren es 2015 auf eintausend Einwohner, doppelt soviele wie noch dreizehn Jahre zuvor.

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Auch wenn der Autoabsatz wegen der Krise mittlerweile um mehr als ein Drittel eingebrochen ist, sitzen immer mehr Russen am eigenen Steuer – und haben ihre eigene Lobby.

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Und die ist nun gestern, wie Zebra TV und andere Medien berichten, vertreten durch Fachleute des Regionalverbands der Russischen Autofreunde und Reporter einer Autozeitschrift ausgerückt, um den Zustand der innerstädtischen Straßen zu inspizieren, für die noch die Dreijahresgarantie gilt. Man wollte nicht einmal abwarten, was die von der Stadtverwaltung eingesetzte Arbeitsgruppe feststellen würde. Lieber wollte man selbst vermessen und ausloten, was das Fahren in Wladimir so schwer macht.

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Nachgehen wollte man aber auch den Hunderten von Beschwerden, die laut Angaben des Autoklubs eingegangen sind.

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Und so war sie denn auch lang die Liste von überprüften Straßen – in Wohnvierteln ebenso wie in Gewerbegebieten, im Zentrum wie am Stadtrand.

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Sogar ein Hitliste der schlechtesten Straßen kam auf diese Weise zustande. Und ein Verzeichnis der größten Schlaglöcher, angeführt von einem Exemplar mit 17 cm Tiefe, 3,20 m Länge und 2,20 m Breite.

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Die größte Gesamtfläche eines Schlaglochs hat eine Länge von 4,5 m und eine Breite von 2,60 m. Um dieses Hindernis kommt auch der geschickteste Fahrer kaum mehr herum.

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Der schlechte Zustand der Straßen hänge, so die Autozeitschrift, mit dem mangelhaften Unterhalt der Verkehrswege zusammen: Man räume nicht rechzeitig und lasse Eis und Wasser ungestört ihr zerstörerisches Werk tun. Außerdem lasse bisweilen die Qualität des Belags zu wünschen übrig. Wörtlich meint der Experte:

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Wladimirs Straßen sind in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Als ich von Archangelsk nach Wladimir kam, war ich hellauf begeistert von den hiesigen Straßen. Aber heute sind die Wladimirer Straßen schlechter als die in Archangelsk.

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18 Straßenabschnitte hat man gestern inspiziert und benotet. Ein „ausreichend“ erhielten dreizehn davon, fünf fielen mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch die Prüfung.
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Der Vorsitzende des Ortsverbands der Russischen Autofreunde glaubt, das Problem bestehe in den Internet-Ausschreibungen, wo es möglich sei, die Angebote für Reparaturarbeiten weit unter Preis anzubieten. Da gehe es für den Unternehmer nur darum, rasch an Geld zu kommen, für die Kommune – möglichst viel zu sparen. Die Qualität der Arbeit stehe dabei hintan.

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Bei Ausschreibungen ist heutzutage das wichtigste Kriterium der Preis. Die Entscheidung hängt zu 90% davon ab. Dieses Moment sollte aber nur zur Hälfte ins Gewicht fallen. Neben der finanziellen Seite sollte auch die Reputation des Unternehmens eine Rolle spielen. Außerdem könnte es helfen, die Garantiefrist für Straßenarbeiten von drei auf fünf Jahre zu erhöhen.
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Nun will man die Ergebnisse der Untersuchung an die Stadtverwaltung schicken und eine schwarze Liste der Unternehmen erstellen, die ihren Aufgaben beim Unterhalt der Straßen nicht zufriedenstellend nachkommen. Nicht ganz unbedeutend, wenn man bedenkt, daß unter den Unfallursachen der schlechte Straßenzustand laut Statistik den vierten Platz von sieben möglichen einnimmt. Da bringt die gestrige Aktion doch ein wenig Hoffnungsglück ins Leben. Der Blog zumindest wünscht da allzeit gute Fahrt!

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„Wird der Tee erst aufgetragen, zeigt man Ehre und Behagen“, lautet ein altes russisches Sprichwort, das bis auf den heutigen Tag gegenüber Gästen seine Gültigkeit bewahrt hat. Mit Tee bewirten wir liebe Gäste, zu einer Tasse Tee laden wir unsere Freunde ein, und wir wärmen uns mit echt russischem Tee in der Winterkälte. Doch auch in der Sommerhitze ziehe ich guten heißen Tee allem anderen vor.

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Ein anderes russisches Sprichwort lautet: „Füttere den Wolf, wie du willst, er wird trotzdem zum Wald schauen.“ Diese Volksweisheit könnte man auch so verstehen: „Biete dem Russen Kaffee an, wie du willst, er wird trotzdem um Tee bitten.“ So ist das! Ganz einfach ist das alles!

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Tee, wie wir ihn heute kennen und schätzen, ist alles andere als ein russisches Genußmittel, aber ohne ihn kann man sich Rußland und die Russen gar nicht mehr vorstellen. Die alten Slawen tranken Kräuter- und Früchteaufgüsse, sammelten sommers die Heilkräfte der Natur, trockneten verschiedene Kräuter und Beeren, deckten sich sorgfältig damit ein, um über das ganze Jahr genug davon zu haben.

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Karte von der Großen Teestraße

Eine Legende erzählt, 1638 habe ein chinesischer Botschafter Zar Alexej Michajlowitsch, den Vater von Peter I, seine Aufwartung gemacht und ihm einige Truhen schwarzen Tees zum Geschenk gemacht. Die Bojaren wurden geheißen, den Tee zu verkosten, und so kauten sie denn die getrockneten Blätter, spuckten aus und fluchten, was das denn für bitteres Zeug, was daran denn gut zu nennen sei. Lug und Trug! Da ließ es sich der Alleinherrscher nicht nehmen, den Gesandten zu fragen, was das denn für ein Schabernack sei, worauf er von dem Fremden eine Tasse großartig aromatischen Tees gereicht erhielt. Da freilich rissen die Adligen das Maul auf, und ein regelrechter Kampf um den Tee nahm seinen Anfang.

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Damals nämlich kam der Tee mit Karawanen von jenseits der asiatischen Grenzen des Russischen Reichs. Die Händler hatten zwar die Erlaubnis, die russisch-chinesischen Grenzposten in beide Richtungen zu passieren, aber dennoch gab es gewaltige Hindernisse für den Warentransport von hier nach da. Der Handelsweg zog sich über mehr als 17.700 km hin, die Strecke führte über gebirgige Gegenden, und zu deren Überwindung brauchte es bis zu eineinhalb Jahren. Die Karawanen bestanden aus 200 bis 300 Kamelen, und all die dafür notwendigen Aufwendungen machten die Fracht so teuer, daß sich den Teegenuß nur wirklich wohlhabende Leute und die Mitglieder der Zarenfamilie leisten konnten.

Die Große Teestraße führte auch durch Nischnij Nowgorod - und Wladimir

Die Große Teestraße führte auch durch Nischnij Nowgorod – und Wladimir

Wenn jemand meinen sollte, wir tränken Tee auch heute noch aus dem Samowar, muß ich ihn enttäuschen. Das traditionelle Requisit bekommt man heute nur noch in auf Touristen eingestellten Restaurants zu sehen, denn zu Hause verwenden wir schon lange den Wasserkocher oder den Topf auf der Herdplatte.

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Dennoch unterscheidet sich unsere Teetradition noch immer von der unserer englischen oder niederländischen Geschwister im Genuß. Zunächst bereiten wir den Sud, indem wir eine kleine Teekanne mit kochendem Wasser ausschwenken, bevor wir einige Löffel der Blätter hineingeben, übergießen und dann ziehen lassen.

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Darin nun zeigt sich unsere Besonderheit: Je nach Geschmack brüht man mit mehr oder weniger Tee bzw. Wasser auf und erhält so eine ganz individuelle Intensität, ein ganz eigenes Aroma, eine dosierte Stärke. Dazu reicht man eingemachte Beeren, Konfitüre, Honig, Pfannkuchen oder auch Gebäck und Kuchen und läßt es sich schmecken. Hauptsache der Tee ist heiß, denn: „Jeder im Hause weiß, der Tee schmeckt am besten heiß.“

Gratulation zum Tag des geriffelten Glases, Genossen!

Gratulation zum Tag des geriffelten Glases, Genossen!

Wer kennt nicht das russische Teeglas – übrigens ein Produkt der Wladimirer Handwerkskunst mit eigenem Feiertag (!) -, dessen Eigenschaft mit „geriffelt“ nur unzureichend übersetzt ist? Ein Preis für den Sprachkundigen, der einen besseren Vorschlag für „гранёный стакан“ bietet! Oder denken wir an die berühmte Tradition in russischen Zügen, den Tee in dünnen Gläsern mit metallischem Untersatz – zur Zierde und als Wärmeschutz – zu reichen. Dazu ein Stück Zucker und das Rattern der Räder… Oder Tee am Lagerfeuer mit Rauchgeschmack aus dem Kessel und dazu ein Lied, begleitet von der Gitarre…

geriffeltes Glas

In der Kindheit sammelten wir im Sommer bei der Oma auf dem Dorf alle möglichen Kräuter und Beeren für den Tee, hauptsächlich Blätter der Johannis- und Himbeere oder der Weichselkirsche, Johanniskraut, Minze, Huflattich, Hagebutte, Lindenblüten. Was man nicht alles in der Natur für einen aromatischen Tee findet, für jeden Geschmack etwas und direkt vor unserer Nase, ob im Wald, im Garten, auf der Flur oder sogar auf dem Fensterbrett. Im Sommer kann man ja die Kräuter auch noch ganz frisch in die Teekanne geben und das großartige Aroma genießen. Winters dann nimmt man einfach eine Handvoll getrockneter Blätter, Blüten und Früchte für den Hochgenuß.

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Natürlich kann man das alles auch als Fertigmischung kaufen. Aber wer wollte den Geschmack dessen vermissen, was man mit eigenen Händen gesammelt und zubereitet hat?

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Nach wie vor schätzt man den Tee sehr mit Zitrone, und immer wieder neue Zubereitungsarten erstaunen auch gestandene Genießer. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob es sich um schwarzen oder grünen Tee handelt – oder gar um Kräuter- und Früchtetee -, Hauptsache die Mischung stimmt. Was aber den schwarzen Tee angeht, so muß man in deutschen Cafés durchaus darauf vorbereitet sein, mit eher minderwertiger Qualität abgespeist zu werden. Nicht selten sieht die Bedienung den Gast, der nach „Darjeeling“ fragt, mit verwunderten Augen an und erkundigt sich danach, was das denn sei. Aber was soll’s! Am besten macht man den Tee ohnehin daheim und lädt sich liebe Gäste dazu ein.

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Wer in Erlangen seinen Geschmack veredeln und erweitern will, ist gut beraten, all die vielen Teesorten bei „Köstlich & Co.“ in der Friedrichstraße zu versuchen. Hier findet man auch das ideale Geschenk für Freunde in Wladimir, die etwas anspruchsvoller sind als die Besucher deutscher Cafés.

Apropos: Hier noch einige Rezepte von Teeliebhabern aus Wladimir, alle leicht und zu jeder Jahreszeit zuzubereiten. Vorneweg gleich etwas für Morgenmuffel, denen diese Mischung den notwendigen Schwung in den Tag geben könnte: Eine Handvoll getrockneter Hagenbutten, am Vorabend schon angesetzt mit etwas kochendem Wasser und abgedeckt. Erst am Morgen gibt man gerade genug Wasser für ein bis zwei Tassen hinzu, kocht alles auf und läßt es fünf Minuten ziehen. Dazu dann eine Zitronenscheibe und ein Teelöffel Honig. So gelingt jedes Frühstück, so wird jeder wach.

Thymian

Thymian

Oder ein Rezept sibirischer Heilkundiger zur Vorbeugung und Therapie von Erkältungskrankheiten, das auch von Wladimirer Kennern geschätzt wird. Dazu genügt ein Teelöffel getrockneten Thymians, aufgebrüht mit einem Viertelglas Wasser. Fünf Minuten ziehen lassen – und fertig. Übrigens läßt sich der Thymian je nach Vorliebe auch mit schwarzem Tee mischen und dann auch so zubereiten. Gibt man zum Thymian auch noch Minze und Preiselbeerblätter, kann einem keine Erkältung der Welt mehr etwas anhaben.

Unbedingt versuchen sollte man eine Mischung aus Thymian, Minze, Majoran und Hagebutte, von allem je einen Eßlöffel. – Erfolg und Genuß sind garantiert!

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Unsere Vorfahren pflegten zu sagen: „Was in der Stadt dem Gast der Teegenuß, sorgt hier im Dorf bestimmt nicht für Verdruß!“ Das gilt bis heute: Ob in der Stadt, ob auf dem Land, wir lieben Tee, das ist bekannt.

Übersetzt aus dem anonymen Bekennerschreiben einer Tee-Fee aus Wladimir

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Im Blog von Alexej Jefremow ist unlängst ein Artikel erschienen, der einer so gut wie unbekannten Geschichte des deutsch-russischen Turmbaus zu Wladimir nachgeht. Eine Spur, die zu verfolgen lohnt.

Auf vielen Photos vom Zentrum Wladimirs in den 50er Jahren erkennt man deutlich einen Funkturm hinter dem Haus der Offiziere. Mit dessen exaktem Standort, so der Heimatforscher, seien Legenden verbunden, die er nun entzaubert habe. Um all die Details seiner Recherche nachvollziehen zu können, bedürfte es bester Ortskenntnis, weshalb wir uns hier auf die Betrachtung der Bilder beschränken wollen, die Einblicke in eine versunkene Welt geben.

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Eine weitere Aufnahme aus den 50er Jahren zeigt den Mast von der Hauptstraße aus hinter dem heutigen Einkaufszentrum.

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Und auch links von der Demetrius-Kathedrale ist das moderne Bauwerk zu erkennen.

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Sogar auf einer Briefmarke ist der Turm verewigt, gewidmet, dem 850. Jahrestag der Gründung von Wladimir, den man 1958 feierte und der sich später, Anfang der 90er Jahre als falsch herausstellte, weshalb man 1995 das tausendjährige Stadtjubiläum beging.

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Vergleicht man aber den Standort des Turms auf der Briefmarke mit dem auf dem Bild, kommt man zu dem Schluß, es habe zwei derartige Bauwerke geben müssen. Tatsächlich gilt das auch für den Zeitraum zwischen 1956 und 1958.

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Forschungen einer Historikergruppe legen nahe, daß just dieser Turm hinter dem Haus der Offiziere – damals noch mit Stalin-Denkmal und Portrait des Alleinherrschers über die Sowjetunion – als Teil des Wiedergutmachungsprogramms aus dem besiegten Deutschland nach Wladimir gebracht und von Gefangenen errichtet wurde.

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Doch dann, irgendwann nach 1958, muß der Mast demontiert und in der Kreisstadt Wjasniki wiedererrichtet worden sein. Jedenfalls kam erst 1964 das Fernsehen in den 100 km östlich von Wladimir gelegenen Ort an der Kljasma.

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Und da tut der Turm noch immer treu seinen Dienst. Für dessen Herkunft aus Deutschland spreche übrigens laut Autor mit einem gewissen Maß an Sicherheit der Qualitätsbeweis, noch nicht der Korrosion zum Opfer gefallen zu sein, denn: „Hält nicht ein Passat anders als ein Lada dem Rost stand?“ Wenn das nur mal nicht eine weitere Legende ist…

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„Der alte Winter in seiner Schwäche / zog sich ins rauhe Wladimir zurück…“ So könnte man heute den Osterspaziergang des Heinrich Faust paraphrasieren, wenn man die Hommage an Eis und Schnee von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß liest. Wie Kälte das Herz erwärmen kann, erliest sich kaum schöner als in dieser Liebeserklärung an Wladimir überhaupt und besonders in der weißen Jahreszeit:

Die Verbindung Erlangen – Wladimir ist ein Musterbeispiel für eine lebendige, variable und liebenswerte Städtepartnerschaft. Das ist nicht neu und wäre in diesem Blog keinen Eintrag wert.

Landesmuseum Wladimir und Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Landesmuseum Wladimir und Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Wladimir bietet natürlich außerdem noch erstaunliche Erlebnisse in punkto Gastfreundschaft, Pilzgerichten, Mückenangriffen und, für Mutige, in der Banja. Eines aber bietet Wladimir wie keine andere unserer Partnerstädte, nämlich tiefgreifendes Erleben von Jahreszeiten. Dank der kontinentalen Lage gibt es klimatische Vielfalt mit den dazugehörenden Konsequenzen: heiße Sommer, Torfbrände, Herbststürme, sibirischen Wind, Schnee, harten Winter, Überschwemmungen im Frühling.

Das eindrücklichste Erlebnis aber bleibt für mich die Kälte.

Elisabeth Preuß

Elisabeth Preuß

Für die Kriegsgefangenen, für die sinnlos verheizten Soldaten im Feldzug gegen die Sowjetunion, für die Insassen der Arbeitslager war die winterliche Kälte ein tägliches Martyrium. Die Gedanken waren unablässig damit beschäftigt, wo ein wenig Wärme zu ergattern sein könnte. Alexander Solschenizyn hat dies in seinem Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ eindringlich beschrieben.

Die im folgenden geschilderten Eindrücke und Erlebnisse konnten also nur so positiv empfunden werden, weil der Körper durch viele Schichten Kleidung geschützt war, weil das Ende der „Kälteerfahrung“ selbst bestimmt werden konnte, weil ein warmes Zuhause mit heißem Tee wartete und man sich der Kälte wissentlich und freiwillig aussetzte.

Eisblumen an russischem Fenster

Eisblumen an russischem Fenster

Die russische Kälte ist nicht einfach kalt. Sie ist ein komplexes Wettererlebnis, das alle Sinne berührt. Unvergessen ein Spaziergang im winterlichen Susdal, der unter dem stahlblauen Himmel im gleißenden Schnee und gesäumt von den glänzenden Kuppeln der unzähligen Kirchen zu verstehen gab, wie kalt „kalt“ sein kann – und wie vielfältig die Empfindungen von „kalt“.

Kälte kann man spüren, sie beißt in unsere Haut, die Bäckchen werden rosig, die Luft fühlt sich extra frisch an, bleibt man gut in Bewegung, dann wärmt sich der Körper an, und der Zweiklang aus Muskelerwärmung und kalter Umgebung wird zum Jungbrunnen.

Elisabeth Preuß, dem Schnee auf der Spur

Elisabeth Preuß, dem Schnee auf der Spur

Kälte kann man sehen, wenn der Wind den trockenen Pulverschnee über die Felder jagt, wenn die Eisblumen in den Fenstern blühen, wenn meterlange Eiszapfen an den Häusern hängen oder wenn der Atem an den Pelzbordüren der Kapuzen gefriert.

Kälte kann man hören, wenn bei jedem Schritt der Schnee knarzt, wenn der Wind um die Ecken pfeift, wenn das Eis auf den Bächen reißt. Auch das lernt man im russischen Winter: Das Eis ist nichts Unbewegtes, sondern bleibt in steter Veränderung.

Sogar schmecken kann man die Kälte, denn die Luft scheint reiner und klarer, und jeder Atemzug, so meint der Wanderer im Winter, bringt besonders viel Sauerstoff ins Blut.

Bogoljubowo im Schnee

Bogoljubowo im Schnee

Stapft man also, dick eingemummelt, vielleicht die Augen mit einer Skibrille geschützt, durch Eis und Schnee, wird Kälte zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Susdal im Winter

Susdal im Winter

Vor die Wahl gestellt, ob ich im Juli oder im Februar nach Wladimir reise, fällt mir die Entscheidung leicht! Selbst wenn man in Wladimir, wie in Erlangen, keine Wettergarantie hat, sollte das den Reisenden nicht verzagen lassen!

Elisabeth Preuß

Grab von Walentin Rasputin in Irkutsk

Grab von Walentin Rasputin in Irkutsk

Hierzu nur drei kurze Zitate von der letzten Seite des Romans „Geld für Maria“ von Walentin Rasputin, erschienen 1967 im Almanach „Angara“, wo sogar die russische Prosa lyrisch durchdrungen und durchklungen ist von jenem Zauber des Schnees:

Kein Wind mehr, nicht einmal mehr in der Erinnerung. Eine weiche, überirdische Stille fällt mit dem Schnee zusammen herab auf die Erde, bedeckt und dämpft die noch vereinzelten Geräusche (…) Dann denkt Kusma an den Schnee, daran, daß der Schnee alles gutmacht. (…) Der Schnee fällt und fällt immerzu, legt sich Kusma auf die Schultern, auf den Kopf, hält ihm die Augen zu, als wollte er Kusma am Weitergehen hindern…

 



					

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Schon fast eine Woche ist Dominik Steger wieder bei seinem väterlichen Freund, Witalij Gurinowitsch, zu Gast und hat hier sein Basislager für die unterschiedlichsten Exkursionen in den Alltag Wladimirs aufgeschlagen, hauptsächlich, wie bereits vor einem Jahr, freilich in die Welt der Medizin, die er ansonsten an der Charité in Berlin studiert. Von seiner Hospitation – noch bis Anfang April – am Rot-Kreuz-Krankenhaus wird sicher später einiges im Blog zu lesen sein, deshalb heute nur kurz eine Zwischenmeldung zu einem Thema, das erst in jüngster Zeit im Gesundheitswesen der Partnerstadt die gebührende Aufmerksamkeit erfährt: die Palliativmedizin.

Witalij Gurinowitsch und Dominik Steger

Witalij Gurinowitsch und Dominik Steger

Wie viel in diesem Bereich noch zu tun bleibt, zeigt eine Zahl: An dem Krankenhaus im Stadtteil Jurjewez schuf man im März 2013 die bisher einzige Palliativstation mit 15 Betten. Präziser: die einzige für die gesamte Region mit fast eineinhalb Millionen Einwohnern. Da nimmt es nicht wunder, wenn die diesbezüglichen langjährigen Erfahrungen in Erlangen auf großes Interesse bei der ärztlichen Direktorin, Marina Krylowa, ihrer Oberschwester, Natalia Andrianowa, und dem Oberarzt der Station, Wladimir Chochlow, treffen. Wie viel in diesem Bereich aber auch schon getan wurde, zeigt eine andere Zahl aus dem Jahresabschlußbericht des Wladimirer Roten Kreuzes, zusammengestellt von der scheidenden, ehrenamtlichen Präsidentin, Olga Dejewa, im Herbst vergangenen Jahres zur Oberbürgermeisterin gewählt. Mit Unterstützung des Erlanger Fördervereins und dank einem Zuschuß aus dem Wladimirer Stadtsäckel konnten 2015 im Rahmen des Hospiz-Projektes „Häusliche Pflege“ weitere 20 schwerkranke Patienten palliativ versorgt werden. Wer seinen Beitrag zu dieser so wichtigen Aufgabe im Rahmen der Städtepartnerschaft leisten möchte, erhält gern nähere Angaben zu Mitgliedschaft und Spenden beim stellv. Vorsitzenden des Fördervereins, Wolfram Howein, unter: whowein@freenet.de

Dominik Steger, Крылова Марина Анатольевна, старшая медсестра отделения - Андрианова Наталья Валерьевна и зав. отделением - Хохлов Владимир Дмитриевич

Dominik Steger, Marina Krylowa, Natalia Andrianowa und Wladimir Chochlow

Bleibt nachzutragen: Der Besuch von Dominik Steger, in Wladimir auch als Alexej Petrowitsch bekannt, bei den Palliativmedizinern kam auf Vermittlung von Nadeschda Sidorowa zustande, die im Januar mit ihrer Freundin, Olga Lisizyna, in Erlangen zu Gast war und spontan ihre Hilfe bei der Vertiefung der partnerschaftlichen Beziehungen anbot. Keine leeren Worte, wie sich bald zeigen sollte. Auf ihrer Agenda stehen noch weitere neue Kontakte zwischen Apotheken, Kindergärten, Restaurants. Ganz so sieht Bürgerpartnerschaft aus. Gern mehr davon: http://is.gd/iKcpsL

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Der hierzulande unverdientermaßen viel zu wenig bekannte russische Autor, Dmitrij Mereschkowskij, hat einer seiner Novellen den Titel „Die Liebe ist stärker als der Tod“ gegeben. Ein Motto, das auch über dem nun – einen guten Monat vor seinem 92. Geburtstag – zu Ende gegangenen Leben von Alfred Trautner hätte stehen können. Die Liebe seines Lebens galt neben seiner Frau Christine, um die zu werben er einst von Erlangen nach Köln radelte, all den vielen Freunden in Wladimir, deren ungezählte Namen und Anschriften jetzt nur noch das Notizbuch des Verstorbenen kennt. Allein eine Adresse fehlt darin: die jener Ärztin, die dem einstigen Belagerer von Leningrad im Gefangenenlager mindestens das Bein vor der Amputation rettete, indem sie den Deutschen vor einer Kommission versteckte. Unter Einsatz des eigenen Lebens und obwohl ihr eigener Mann an der Front gefallen war. Der Wunsch, dieser mutigen Frau noch einmal persönlich danken zu können, blieb bei aller Hilfe seitens der Wladimirer Freunde unerfüllt.

Alfred Trautner 1942

Alfred Trautner 1942

Vielleicht aber war auch jene lebensprägende Erfahrung Antrieb und Grund für diese grenzenlos weite Liebe zu „seinen Russen“. Vielleicht hatte ja diese Medizinerin ihn gelehrt, daß die Liebe wirklich stärker sein kann als der Tod, und vielleicht lebte in ihm deren Liebe fort, die nun seine Freunde in Wladimir tröstet.

Alfred und Christine Trautner mit Erich Ganzmann und Ehepaar Wassilij und Jelena Smirnow 2014

Alfred und Christine Trautner mit Erich Ganzmann und Ehepaar Wassilij und Jelena Smirnow 2012

Seit Mitte der 80er Jahre begleitete Alfred Trautner die Städtepartnerschaft. Kaum eine Veranstaltung des „Arbeitskreises Wladimir“ an der Volkshochschule, die er ausgelassen hätte, erst recht kein Konzert des Ensembles „Rus“ oder des Kammerchors von Eduard Markin. 1989 dann die erste Reise mit dem Stadtverband Kultur an den Goldenen Ring, der weitere Fahrten folgten mit kameradschaftlichen Kontakten zu den russischen Veteranen, die ihm bald  den Ehrentitel „Spion der Freundschaft“ verliehen, weil er gar so wißbegierig und emsig in allen Dingen der Verständigung und Versöhnung war. Schließlich die unendlich lange Liste der Gäste aus Wladimir, die in seinem Haus und Garten in der Schillerstraße ein- und ausgingen und dort auch Quartier bezogen, solange seine Frau dies gesundheitlich leisten und bieten konnte. Ohne Zahl die Briefe, die er – meist mit einem Geldschein als Dreingabe versehen – in die Partnerstadt expedierte oder von dort – oft schon von fleißigen Helferlein vor Ort übersetzt – ungeduldig in Empfang nahm.

Christine und Alfred Trautner mit Ensemble und Familie von Igor Besotosnyj, 2014

Christine und Alfred Trautner mit Ensemble und Familie von Igor Besotosnyj, 2014

Auch wenn es ungerecht gegenüber all den anderen erscheinen mag, seien doch einige Namen von Menschen genannt, die Alfred Trautner in Wladimir besonders nahestanden: Nikolaj Schtschekonogow, der Kriegsveteran; Tamara Anischtschuk, die Deutschdozentin; Alexander Lemeschkin, der Sänger; Jelena Smirnowa, Model und Fernsehmoderatorin, mit ihrem Mann Wassilij; die Musiker-Familie von Igor Besotosnyj, die den damals schon schwerkranken Freund noch im Dezember im Krankenhaus besucht hatte. Das so weite Herz von Alfred Trautner hat zu schlagen aufgehört, aber seine Liebe zu Wladimir lebt in den Menschen dort weiter.

Stationen seines Lebens sind hier nachzulesen: http://is.gd/UBtlPL

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