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Archive for 26. Februar 2016


Unter diesem Titel ist 1999 eine altrussische Epistolographie mit Übersetzungen und Kommentaren erschienen, wo sich auch das Sendschreiben des Erzbischofs Wassilij von Nowgorod an seinen Amtsbruder Fjodor in Twer findet und die Frage abgehandelt wird, ob das Paradies untergegangen sei. In diesen alttestamentarischen Streit wollen wir Laien uns nicht einmischen, dafür sei aus der Einleitung zitiert:

Deshalb schreibe ich Dir, Bruder, was ich herausgefunden habe, denn auf Gottes Geheiß sollen wir einander Briefe schreiben über die für uns von den heiligen Aposteln und großen Hierarchen recht ausgelegten göttlichen Schriften. Haben doch die heiligen Apostel einander unablässig Briefe geschrieben, und so gebührt es auch uns, da wir berufen sind an ihrer Statt. Jeder bleibe in dem, darin er berufen ist.

Briefumschlag mit dem Motiv der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Briefumschlag mit dem Motiv der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Und so schreiben sie denn, die Russen, seit dem Mittelalter Episteln; legen mit Nikolaj Karamsins sechsbändiger Brief-Sammlung eines Reisenden Ende des 18. Jahrhunderts das Fundament der eigenen Prosaliteratur; verschicken in Person von Wissarion Belinskij mit dem „Brief an Gogol“ Anfang des 19. Jahrhunderts den Prototyp der Literaturkritik; errichten der verschickten Nachricht im „Postmeister“ von Alexander Puschkin ein dichterisches Denkmal; fühlen mit dem mißhandelten Lehrbuben in Moskau, der sein Heimweh und Leid in einem Brief klagt, den der verwaiste Junge in der nach ihm benannten Erzählung „Wanka“ von Anton Tschechow „an den lieben Opa im Dorf“ adressiert, unzustellbar, weil der Absender die Anschrift des Empfängers nicht kennt; überantworten der Post ihre Gnadengesuche an den Genossen und Generalissimus Josef Stalin; lauschen dem feinsinnigen „Gespräch in Briefen“ zwischen den Lyrikern Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke; hektographieren Alexander Solschenizyns „Offenen Brief wider die Zensur“; fordern in einem offenen Brief, unterzeichnet von 200 Autoren, Wladimir Putin auf, Meinungsfreiheit zu gewähren; und greifen noch heute – freilich, wie überall auf der digitalisierten Welt, immer seltener – zum analogen Stift und Papier und stecken ihre Zeilen in einen Umschlag, der, wie in diesem Beispiel noch aus der Sowjetzeit, bereits frankiert ist und die Nüchternheit eines Formblatts mit vorgegebenen Feldern für Adresse von Empfänger wie Absender sowie einem Raster für die Postleitzahl mit künstlerischer Schönheit zu paaren weiß. Eine Ästhetik des alltäglichen Gebrauchsgegenstands, die angesichts der ansprechenden Form auch an die Qualität des Inhalts appelliert. Wir sollten wirklich einander mehr Briefe schreiben.

 

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