Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 22. Februar 2016


Die öffentliche Beichte gehört seit Jahrhunderten zur russischen Kultur, wo die Bezogenheit des Individuums auf die Gemeinschaft, gefördert durch die Bußpraxis der orthodoxen Kirche, traditionell viel stärker ausgeprägt ist als in Westeuropa. Man denke etwa an die Selbstbezichtigungen des Anarchisten Michail Bakunin, der in seinem Bekenntnis an den Zaren sein Denken und Tun als kriminell und anmaßend bezeichnet und versichert, erst dank seiner Verhaftung wieder auf den rechten Weg gebracht zurückgefunden zu haben; in der Literatur haben wir mit dem Schuldeingeständnis von Nikolaj Stawrogin in Fjodor Dostojewskijs „Dämonen“ einen erschütternden Prototyp dieser öffentlichen Beichte. Heute, am Internationalen Tag der Unterstützung von Kriminalitätsopfern, folgt das Frauengefängnis in Golowino bei Wladimir diesem Beispiel.

In einer freiwilligen Aktion richteten 306 der insgesamt 800 Inhaftierten Briefe an namentlich bekannte wie anonyme Opfer ihrer Straftaten und  erfuhren diesen Akt, wie die Gefängnisleitung gegen Gubernia 33 betont, als Bewußtwerdung des nicht wieder gutzumachenden Leids und Schadens, den man anderen und letztendlich auch sich selbst zugefügt habe.

Конверты с извинительными письмами из ИК-1.jpg

Die Briefe gehen zum einen an konkrete Menschen, die Opfer selbst, deren Angehörige und Hinterbliebene, zum andern an die „Gesellschaft“, wenn, wie bei Rauschgiftdelikten, die Allgemeinheit einen Schaden erlitt. Die persönlichen Schreiben sind bereits abgeschickt und sollen geheim bleiben, anders die an „alle draußen“ gerichteten Selbstanklagen, die nun veröffentlicht werden und ein hohes Maß an Dankbarkeit gegenüber den Strafverfolgungsbehörden und den Vollzugseinrichtungen zeigen, dank denen man nicht in den Abgrund des Drogenkonsums gestürzt sei. Doch die Pönitentinnen beließen es nicht nur bei Worten: 134 von ihnen leisteten auch eine freiwillige finanzielle Kompensation für ihre Straftaten.

Осужденные ИК-1.JPG

Ich bereue voll und ganz mein Verbrechen und strebe mit aller Kraft danach, den Rest meiner Strafe unter Auflagen in Freiheit abbüßen zu dürfen, weil mich zu Hause ein Kind erwartet, das seit sieben Jahren seine Mutter nicht mehr gesehen hat. Ich möchte mich heute vor dem ganzen Land entschuldigen. Ich bereue tatsächlich die Schwere meines Verbrechens und bin mir meiner Schuld bewußt.

Wir entschlossen uns, diese Briefe zu schreiben, nicht um bedauert zu werden, sondern um zu bekunden, alles uns bewußt gemacht und viel begriffen zu haben. Aber auch, um dadurch vielleicht andere abzuhalten, die noch nicht vollständig in den Sumpf des Rauschgiftwahns hineingeraten sind.

 

Hauptsächlich bitte ich meine Verwandten und Angehörigen, meine Kinder und meine Mutter um Verzeihung. Sie zahlen auch jetzt noch, wo ich meine Strafe abbüße, gemeinsam mit mir für mein Verbrechen.

 

Извинительные письма из ИК-1.jpg

Ich, Alina T., verurteilt wegen eines Rauschgiftvergehens, verbüße meine Strafe in Golowino bei Wladimir und möchte um Verzeihung für mein Verbrechen gegenüber der Gesellschaft bitten. Ich bereue zutiefst, was ich getan habe, und danke Gott und unserem Rechtssystem dafür, mit dabei geholfen zu haben, mich aus der Umklammerung einer verhängnisvollen Drogenabhängigkeit zu befreien. Jetzt, wo ich meine Ansichten vom Leben überdacht und mich selbst unter einem anderen Blickwinkel betrachtet habe, begreife ich, was ich für ein unnützes Mitglied unserer Gesellschaft war. Ich führte ein parasitäres Leben und habe niemandem Gutes getan, nicht einmal Menschen aus meinem Umfeld. In der Tat habe ich unter dem Einfluß von Drogen nur meiner eigenen Gesundheit geschadet und meinen Angehörigen, die mir auf jede erdenkliche Weise helfen wollten, Leid zugefügt. Ich habe mich nicht nur gegenüber meinen Verwandten und Angehörigen, sondern gegenüber der ganzen Gesellschaft schuldig gemacht: gegenüber den Nachbarn, die mich und meinen Freundeskreis zu ertragen hatten; gegenüber den Rentner und Veteranen, die von einem anderen Erbe in ihrem Land träumten. Ich bitte alle Menschen um Vergebung, denen ich bewußt oder unbewußt geschadet habe: meine Lehrer, die in mir eine andere Zukunft sahen; meine Arbeitgeber, die ich so getäuscht habe; meine Freunde, deren gute Ratschläge ich in den Wind geschlagen habe; und natürlich meine Familie, die bis heute mit mir leidet, vielleicht sogar mehr als ich. In der Haft zieht jeder seine eigenen Schlüsse. Ich bin da keine Ausnahme. Nach einer Klärung all meiner Prioritäten verspreche ich, das tödliche Gift, die Rauschmittel, nie mehr anzurühren. Denn hinter der falschen Maske des Vergnügens verbergen sich nur Schmerz und Sinnlosigkeit des Lebens. Ich wünsche mir, daß meine Angehörigen mir vergeben und stolz auf mich sind. Ich möchte eine vollwertige Familie gründen, gesunde Kinder zur Welt bringen, eine Arbeit finden, die ich liebe, die Welt kennenlernen und vieles andere, was keine künstliche, sondern echte Freude und richtigen Lebensgenuß verschafft. Ich verspreche, nie mehr zu meiner früheren Existenz zurückzukehren, die man anders nicht nennen kann. Ich habe noch Zeit, um alles zu ändern. Ich werde das möglichst gut zu tun versuchen. Verzeiht mir alle, die ich Euch kenne. Ich habe mich schuldig gemacht, ich erkenne meine Schuld an und bereue dies aufrichtig Euch gegenüber.

 

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: