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Archive for 19. Oktober 2015

Kampf der Kulturen


Der Wladimirer Politologe und Blogger, Roman Jewstifejew, beschreibt eine nächtliche Bahnfahrt von Sankt Petersburg nach Moskau auf seine unnachahmlich lakonische Weise, die hoffentlich in der Übersetzung nachvollziehbar ist:

Meine Fahrt von Petersburg nach Moskau ist dank folgendem Umstand bemerkenswert. Als ich den Moskauer Bahnhof durchschritt, sah und hörte ich eine riesige Menge von mutmaßlich südasiatischen Touristen mit übergroßen Koffern und Taschen. Ich nannte sie für mich „Chinesen“. Sie riefen umher, besprachen aufgeregt etwas, machten, kurzum, gehörig Krach. Ich ging an dieser Wolke der Unruhe vorüber und gedachte, von mich von dieser Globalisierung in der Stille des Zugabteils zu erholen.

So sollte es auch kommen. Die ersten drei Minuten. Bis diese ganze Menge lärmender Chinesen sich in meinem Waggon ausbreitete. In mein Abteil wälzten sich vier riesige Koffer und drei Fahrgäste von chinesischem Äußeren sowie drei schwere Rucksäcke und alle möglichen, ungezählte Taschen. Offensichtlich handelte es sich um eine Familie: Vater, Mutter und ein erwachsener Sohn. Während ich ihnen half, ihr Gepäck auch noch im letzten Winkel des Abteils zu verstauen, machten sie mich mit dem einzigen fremdsprachigen Wort bekannt, das sie kannten: thank you. Mit ihm bedachten sie mich immer wieder. Und mit diesem durchaus bescheidenen Wortschatz reisen sie nun durch die Welt und amüsieren sich dabei auch noch. Einzigartig diese Leute.

Ihre eigene Sprache beherrschten sie freilich perfekt und machten ohne Unterlaß von ihr Gebrauch. Nachdem die Gepäckfrage geklärt war, stürzten sich alle Chinesen auf die Steckdosen. Dabei gab es im ganzen Waggon nur zwei Stück. So hingen denn an jeder etwas in der Art von Verlängerungskabel, von wo aus dann Drähte zu einer Unzahl von Gadgets verliefen. Im Nachbarabteil zählte ich zwölf angeschlossene Geräte.

Die nette Schaffnerin war der einzige Mensch im Waggon, mit dem ich ein paar Worte wechseln konnte. Und ich war für sie ebenso der einzige Mensch. Rund um uns herum lärmte China. China in einem einzelnen russischen Waggon.

Die Nacht verlief verhältnismäßig ruhig; Chinesen schnaufen und schnarchen durchaus in unserer Sprache. Am Morgen machte ich mich möglichst rasch auf, sagte meinen Abteilnachbarn „Good-bye“, erhielt zur Antwort ein wohlmeinendes „Bye-bye“ (das zweite Wort, das sie kennen!), wartete etwa zehn Minuten auf der Plattform zwischen den Abteilen und stieg, nachdem der Zug angehalten hatte, hinaus in die morgendlich kühle russische Hauptstadt.

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