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Archive for 19. September 2015


In Wladimir werden immer wieder bei Themenwochen die Kultur unterschiedlichster Völker präsentiert, es gibt regelmäßige Gespräche der Behörden mit den Vertretungen aller Ethnien, die Erziehung zur Toleranz gegenüber dem „Fremden“ gehört zur Stadtraison, was etwa dadurch zum Ausdruck kommt, daß es in der Fachbürgermeisterriege seit Jahren jemanden mit der Aufgabe gibt, sich um das Miteinander der Mehrheitsgesellschaft mit möglichst allen Minoritäten – von der armenischen bis hin zur tadschikischen Gemeinde – zu kümmern. Bisher außen vor bei diesem Dialog die Zigeuner, wie man Roma und Sinti im russischen Sprachgebrauch noch immer – weil historisch nicht in der Weise belastet – durchaus politisch korrekt nennt. Nun aber kam es im Rahmen der „Tage der Zigeunerkultur“ zum ersten Mal in der Partnerstadt zu einem Runden Tisch zum Thema „Zigeuner unter Rußlands Himmel. Regionaler Aspekt“. Hierzu versammelten sich in der Philharmonie Vertreter der Zivilgesellschaft, der Lokalpolitik, der Polizei und Kunstschaffende – mit durchaus kontroverser Diskussion, wie den Medien zu entnehmen ist.

Zigeuner in Rußland

Zigeuner in Rußland

Bisher, so der Tenor, habe man auch in der Region Wladimir das „fahrende Volk“ eher negativ wahrgenommen und die Roma bestenfalls dank dem vielfach prämierten Film „Die Zeit der Zigeuner“ von Emir Kusturica wahrgenommen. Und tatsächlich stehen laut einer repräsentativen Umfrage, an der 1.400 Personen in 140 über das ganze Land verteilten Orten teilnahmen, 52% der Bevölkerung  der Minderheit ablehnend gegenüber, während nur 25% (hauptsächlich, übrigens, in der Altersgruppe 60 +) ein gutes Verhältnis zu Protokoll gaben.

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Doch zurück zur Begegnung in Wladimir. Da hieß es seitens der Sicherheitsbehörden, der Rauschgifthandel sei zumindest in der Vergangenheit von Angehörigen dieser Volksgruppe beherrscht gewesen. Von drei großen Dealer-Ringen, die man in letzter Zeit ausgehoben habe, seien zwei ausschließlich von Mitgliedern verschiedener Zigeunerclans gebildet worden. Doch jede Statistik provoziert eine Gegenrechnung, und so führte Nadjeschda Demeter vom Roma-Verband aus der russischen Hauptstadt ins Feld, in der Region Moskau seien im Jahr 2008 von 1.170 verurteilten Dealern ganze elf ihrer Volksgruppe zuzurechnen, zwei Jahre später sei das Verhältnis 1.044 zu sieben gewesen. Und Alexander Antonow, Vorsitzender der Wladimirer Filiale des „Nationalen Zigeunerverbands ROMA“, pointierte: „Nicht alle Zigeuner sind Drogenhändler und Ganoven. Nicht alle Drogenhändler und Ganoven sind Zigeuner.“

Zigeunerchor, Grigorij Gagarin, 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Zigeunerchor, Grigorij Gagarin, 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Genauer Zahlen zur Ethnie gibt es in der Region Wladimir nicht. Man vermutet, viele verheimlichen ihre Zugehörigkeit. Der offiziellen Statistik nach leben zwischen Kirschatsch und Gorochowez 2.751 Roma, geschätzt wird ihre Zahl allerdings auf mehr als 8.000 Personen. Registriert sind die meisten im Landkreis Petuschki mit etwa 1.200 Menschen. Doch jenseits aller Daten waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung in zwei Dingen einig: 1. Es bleibt viel zu tun bei der Integration – von beiden Seiten. Wichtig dabei vor allem die Schul- und Berufsbildung sowie Beschäftigung. 2. Man will die Probleme gemeinsam angehen und sich wieder treffen.

Mehr zum Thema unter: http://gypsy-life.net

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