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Archive for 31. Dezember 2014


Zu Ihrem 80. Geburtstag sende ich Ihnen die aufrichtigsten, besten und herzlichsten Glückwünsche! Von ganzem Herzen wünschen wir alle Ihnen noch viele glückliche, aktive und fruchtbare Lebensjahre sowie viel Gesundheit und Wohlergehen. Ich nutze aber auch gern die Gelegenheit, Ihnen, lieber Herr Hahlweg, vielmals zu danken für Ihre Initiative zur und aktive Unterstützung bei der Begründung der Partnerschaft zwischen unseren Städten vor mehr als 30 Jahren. Damals, 1983, konnte man sich nur schwer vorstellen, wie unsere zunächst nur offiziellen Kontakte diese Grenzen eines Tages würden überschreiten würden, um sich zu einer wirklichen und aufrichtigen Freundschaft zwischen den Menschen aus Erlangen und Wladimir, zu einem Beispiel für die Volksdiplomatie und richtiger Zusammenarbeit, zu einer Blaupause für andere russische und deutsche Städte zu entwickeln. Gerade darin sehe ich Ihr großes Verdienst, für das Ihnen heute tausende von Menschen Dank sagen.

Ich hoffe, Sie werden unsere Stadt noch oft besuchen, und ich würde mich sehr über die Gelegenheit freuen, mich mit Ihnen zu treffen, um die Pläne für unsere weitere Zusammenarbeit zu besprechen. Nochmals herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Jubiläum und meine besten Wünsche für Sie,

Ihr Sergej Sacharow, Oberbürgermeister Wladimir

Dietmar Hahlweg, 1998 in Wladimir, mit Klaus Wrobel und Peter Steger

Dietmar Hahlweg, 1998 in Wladimir, mit Klaus Wrobel und Peter Steger

Da, an diese Pläne, ist leicht anzuknüpfen, denn der Pionier in Sachen kommunaler Umweltpolitik regte vor einigen Monaten an, Wladimir in seinem Bemühen zu unterstützen, eine fahrradfreundliche Verkehrsinfrastruktur zu entwickeln, etwas wozu er, dem Erlangen in diesem Bereich so viel zu verdanken hat, schon früh seine russischen Gesprächspartner immer wieder ermunterte. Nun ist es bald so weit: Marlene Wüstner, Referentin im Rathaus von Erlangen und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der fahrradfreundlichen Kommunen in Bayern, plant für das Frühjahr eine Reise in die Partnerstadt, um vor Ort die bereits bestehenden Ansätze zu unterstützen und ihre Expertise anzubieten.

Dietmar Hahlweg

Dietmar Hahlweg zum 50. Geburtstag, gesehen vom Nürnberger Künstler Michael Mathias Prechtl.

Wladimir und Jena sind die beiden Partnerstädte, die sicher ohne den politischen Weitblick, das behutsam-beharrliche Zuwerkegehen und den gewinnenden Charakter des Jubilars nie mit Erlangen Freunschaft geschlossen hätten. Bei all seinem segensreichen Wirken auch für die anderen internationalen Kontakte aus seiner Zeit als Oberbürgermeister – von Rennes über Stoke-on-Trent bis zu Eskilstuna und San Carlos – waren es unzweifelhaft diese von den Rahmenbedingungen her so herausfordernd schwierigen Verbindungen, an denen Dietmar Hahlweg ganz besonders lag. Sicher auch aus seiner Biographie heraus zu verstehen, hatte doch der geborene Schlesier als Kind die Schrecken der Vertreibung erleben müssen und später die Kraft gefunden, auf die Feinde von einst mit ausgestreckter Hand zuzugehen, sie für das friedliche Miteinander zu gewinnen, sie für gemeinsame Vorhaben zu begeistern und die Voraussetzungen für die ihm so wichtige Bürgerpartnerschaft zu schaffen. Eine Mission, die er bravourös ins Werk setzte und an seine Nachfolger im Amt hier wie dort weitergab.

Dietmar Hahlweg im Gespräch mit dem Wladimirer Journalisten Sergej Schtschedrin im Jahr 2000

Dietmar Hahlweg im Gespräch mit dem Wladimirer Journalisten Sergej Schtschedrin im Jahr 2000. Photo: Karin Günther.

Gelungen ist dem Jubilar dies alles dank einem besonderen Talent der Zuwendung. Dietmar Hahlweg hat Martin Bubers Du-Philosophie in die Politik transponiert und vermeidet glaubwürdig den Ursprung aller Konflikte zwischen sich und seinen Mitmenschen, der darin zu sehen ist, daß man nicht sagt, was man meint und nicht tut, was man sagt. Wenn Erlangens Altoberbürgermeister mit jemandem spricht, gleich welchen Ranges, weiß sich das Gegenüber angenommen und ernstgenommen, es darf auf ungeteilte Aufmerksamkeit rechnen, spürt sein Anliegen gut aufgehoben und – sei es auch noch so klein – nie für zu leicht gewogen.

Gerade die Menschen in der DDR und der UdSSR öffneten sich angesichts dieser entwaffnenden Hinwendung, einer Haltung, die sie von ihren eigenen Politikern trotz aller proklamatorischen Volksnähe kaum erlebten. Aber auch den Machthabern begegnete Dietmar Hahlweg stets mit diesem humanen Grundvertrauen und dem Hinweis an seine Kritiker, die im Umgang mit den Kommunisten mehr Zurückhaltung forderten, auch die Funktionäre seien Menschen. Dabei hatte er sicher auch sich selbst im Sinn, den qua Amt gehörte er ja auch zu jener Kaste, wenn auch demokratisch legitimiert. Wäre es nicht ein Oxymoron, man könnte deshalb Dietmar Hahlweg einen demokratischen Aristokraten nennen, einen Menschen, der die besten moralischen Eigenschaften in sich vereint und diese einsetzt, damit sich die Herrschaft des Volkes nach besten Kräften verwirkliche. Dafür gibt es ungezählte Belege in seiner Kommunalpolitik, dafür gibt es scheinbar unbedeutende Gesten, von denen einige wenige hier genannt werden sollen.

Dietmar Hahlweg und der Schlüssel zum Erlangen-Haus am 7. Mai 1993 mit Peter Steger, Igor Schamow und Tatjana Garischina; Percy Gurwitz, Jurij Fjodorow

Dietmar Hahlweg und der Schlüssel zum Erlangen-Haus am 7. Mai 1993 mit Peter Steger, Igor Schamow und Tatjana Garischina; Percy Gurwitz, Jurij Fjodorow, ein Vertreter der Deutschen Botschaft in Moskau, Jurij Wlassow und Nikolaj Winogradow. Photo: Kurt Fuchs.

Bei der Eröffnung des Erlangen-Hauses am 7. Mai 1995 waren neben den mitgereisten Gästen natürlich auch Personen des öffentlichen Lebens aus Wladimir geladen. Von dem Auflauf angezogen, versammelten sich auch einige Passanten vor dem Tor. Von niemandem bemerkt, außer von Dietmar Hahlweg, der sofort entschied, diese Menschen sollten doch aus erster Hand erfahren, was hier geschah. Und schon war er draußen auf dem Gehsteig, mitten unter den wildfremden Menschen und lud sie ein, doch mitzufeiern und das Erlangen-Haus als Botschaft der Städtepartnerschaft zu verstehen und zu nutzen. Oder die Episode, als sein Kollege, Wladimir Kusin, ihm und seiner Gattin Heidi 1990 einige Städte des Goldenen Rings, darunter Jaroslawl, zeigte. Auf der Landzunge, die, als Promenade genutzt, in die Wolga hineinreicht, lag ein Abfalleimer auf dem Weg, umgestoßen, der Inhalt verstreut. Der hohe Besuch aus Deutschland bückte sich zum Entsetzen seiner Gastgeber, räumte den Dreck in den Kübel zurück und stellte ihn wieder auf. Oder seine Einladung an die freilich ob der unerwarteten Aufforderung zumeist hellauf verwirrten Fahrer, doch während des Mittagessens nicht im Auto sitzen zu bleiben, sondern sich ebenfalls im Restaurant zu stärken.

Dietmar Hahlweg im Mai 1993 im Gespräch mit Kindern. Im Hintergrund Martina Jasper und Heid Hahlweg.

Dietmar Hahlweg im Mai 1993 im Gespräch mit Kindern. Im Hintergrund Martina Jasper und Heid Hahlweg.

Es ist vielleicht wirklich vor allem diese Tugend der ungeteilten Aufmerksamkeit allen und allem, gerade auch dem Kleinen, gegenüber, die Dietmar Hahlwegs Größe ausmacht. Eine Qualität, die schon vor der Erfindung der mobilen Telekommunikation als ein Ausweis von seltener Noblesse verstanden wurde, die heute freilich, wo der vermeintliche Zwang zur ständigen Erreichbarkeit und das fahrig-zerstreute Multitasking ein dialogische Einlassen aufeinander gar nicht mehr ermöglichen, wie die fahle Erinnerung an eine ferne Vergangenheit anmutet.

Was könnte man nicht alles anführen, um zu belegen, was dieser Großmeister kommunaler Außenpolitik alles erreicht hat. Es genüge aber das Zitat aus einer Mail, die kurz vor Weihnachten ein Ehepaar aus Wladimir an seine fränkischen Gastgeber gerichtet hat:

Frohe Weihnachten und alles Gute im Neuen Jahr, Glück, Liebe und Zufriedenheit. Mögen sich im Neuen Jahr all Ihre Herzenswünsche erfüllen. Wir sehnen uns nach Euch, träumen davon, Euch wiederzusehen. Ein Teil unserer Herzen ist in Deutschland geblieben und stromert irgendwo zwischen Erlangen und Nürnberg herum. Es will uns einfach nicht gelingen, von Euch in die Heimat zurückzukehren. Staunenswertes Deutschland, staunenswertes deutsches Volk.

Dietmar Hahlweg am 7. Mai 1993 vor dem Erlangen-Haus im Gespräch mit Passanten

Dietmar Hahlweg am 7. Mai 1993 vor dem Erlangen-Haus im Gespräch mit Passanten. Photo: Wladimir Filimonow

Es genüge der Hinweis auf das Erlangen-Haus, zu dessen zwanzigjährigem Jubiläum der heutige Jubilar hoffentlich die Einladung von Sergej Sacharow annimmt, in dem all das angelegt ist und zum Ausdruck kommt, wofür die Partnerschaft einst gedacht war, das aber auch dank Dietmar Hahlweg auf ein so solides Fundament gesetzt wurde, das noch heute trägt. Anders als das Italienische Haus, das wegen des fortwährenden Desinteresses ihrer Stifterin, der IHK Rom, nach zehn Jahren der Untätigkeit zu einem Jugendzentrum umgewandelt werden soll, anders als das Amerikanische Haus, um das sich derzeit das Wladimirer Rathaus mit dem Gründer, Ron Pope, aus der Partnerstadt Bloomington-Normal vor Gericht streitet.

Ergänzt um den Hinweis, daß im zu Ende gehenden Jahr, ungeachtet der verfahrenen geopolitischen Lage, so viele Austauschmaßnahmen wie nie zuvor – 120 an der Zahl – auf allen Ebenen zwischen Erlangen und Wladimir stattfanden, daß Dietmar Hahlwegs Nachfolger im Amt, Siegfried Balleis und Florian Janik, die deutsch-russische Partnerschaft mit ansteckender Begeisterung als Chefsache der Völkerverständigung und Versöhnung fortgeführt haben, daß der Beitrag der ehrenamtlichen Kräfte wieder alle Erwartungen übertraf…

Dietmar Hahlweg im Jahr 2005 in Wladimir mit Nikolaj Schtschelkonogow beim Pflanzen der Friedensallee

Dietmar Hahlweg im Jahr 2005 in Wladimir mit Nikolaj Schtschelkonogow beim Pflanzen der Friedensallee. Photo: Roland Thamm.

Ergänzt aber auch um den Hinweis auf die Probleme, die im nächsten Jahr auf die Partnerschaft zukommen, wenn es mit der Wirtschaftskrise in Rußland so schlimm kommt, wie man befürchten muß. Erst gestern dazu aus dem Erlangen-Haus eine Mail:

Unsere jungen Leute haben heute die Reise nach Erlangen endgültig abgesagt. Mit diesen Kursausschlägen, wo der Euro eine Sprung macht von 45 bis auf 85 (!) Rubel, haben sie bestimmt schon 100 mal ihre Absichten zu der Fahrt zu Euch geändert. Heute nun haben sie die Versicherung zurückgegeben und gesagt, sie werden nicht fahren. Die Kosten haben sich nämlich mittlerweile verdoppelt. Ich verstehe diesen Entschluß. Jetzt wollen sie mit dem Geld eine Skitour in Sibirien buchen. Es gibt da im Altaj einen Kurort, Schergesch, wo man Wintersport treiben kann. Binnentourismus! Danke für die Einladung und die damit verbundenen Mühen.

Im Kontrast dazu – zwischen Lustration und Frustration – gestern Rufe von jungen Menschen auf dem Manegenplatz in Moskau – „Freiheit für Rußland“, „Neujahr ohne Putin“ oder „Wir sind Rußland“ – während die Behörden gleichzeitig einer Anzeige nachgehen, wonach nun auch noch der Deutsch-Russische Austausch als „ausländischer Agent“ eingestuft werden soll; während der Westen grübelt, was er denn falsch gemacht haben könnte im Umgang mit dem Kreml. Unterdessen hieß gestern Nordkorea die Annexion der Krim offiziell gut, und ein Sprecher vermeldete, Kim Jong-un werde die Einladung zur Siegesfeier am 9. Mai 2015 nach Moskau annehmen. Ob er da, bei seiner ersten Auslandsreise, wohl ein Interview gibt?

Alles Gute zum 80. Geburtstag!

Alles Gute zum 80. Geburtstag!

Keine einfachen Zeiten für die deutsch-russische Freundschaft, fürwahr. Aber Dietmar Hahlweg weiß sein Lebenswerk in guten Händen bei seinem Nachfolger, Florian Janik, und dessen Stellvertreterin, Elisabeth Preuß, die wie aus einem Munde bekunden: „Gerade jetzt gilt es. Gerade jetzt dürfen wir nicht nachlassen im Bemühen um Verständigung. Wir haben ja die Partnerschaft nicht nur für Schönwetterperioden.“ Das ist auch ein Versprechen, das dem Gründervater dieser Jumelage gilt und seinem Vermächtnis des guten Willens und der mutigen Tat, worauf er stolz sein kann und worüber wir alle uns mit ihm zusammen freuen. Nicht nur an seinem Geburtstag. Danke für all das, lieber Dietmar Hahlweg, alles Beste zum Geburtstag, einen guten Rutsch und ein спасибо an die vielen, die diese wunderbare Bürgerpartnerschaft leben und weitergeben, hier wie dort.

Mehr zu Person und Wirken von Dietmar Hahlweg unter: http://is.gd/Z3EPrE und http://is.gd/VXCMwj

 

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