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Archive for 13. Juni 2014


Es bedeutet Eduard Markin besonders viel, gerade jetzt in dieser geopolitisch so schwierigen Zeit mit seinem Knabenchor nach Deutschland kommen zu können. Er versteht denn auch die Gastspielreise als Mission der Verständigung und seine Jungs als kleine Botschafter des Friedens. Da verfehlen auch die Worte von Oberbürgermeister Florian Janik ihre Wirkung nicht, wenn er den jungen Sängern und ihren Maestro gestern fast unmittelbar nach der morgendlichen Landung auf dem Nürnberger Flughafen gegen Mittag schon in der Beletage des Rathauses in Erlangen zuruft: „Gerade jetzt seid Ihr uns besonders willkommen, gerade jetzt, wo die zwischenstaatlichen Beziehungen so angespannt sind!“ Schöner kann Ankommen kaum sein, auch wenn sich einige den Nachtflug aus Moskau via Berlin noch nicht recht aus den Augen gewischt haben.

Gruppenbild Knabenchor Wladimir mit Oberbürgermeister Florian Janik und Eduard Markin

Gruppenbild Knabenchor Wladimir mit Oberbürgermeister Florian Janik und Eduard Markin

Nach einem kurzen Stadtrundgang zum Warmwerden und dem Mittagessen in der Rathauskantine heißt es deshalb gleich Quartier beziehen und sich aufs Ohr legen, bis, ja bis am späteren Nachmittag der Berg ruft. Was schon für hiesige Kinder überwältigend ist, mag für manchen jungen Gast fast schon eine Überreizung der Sinne gewesen sein angesichts all der Fahrgeschäfte, Buden und Stuben, Keller und vor allem dem festlich ausgelassenen Gedränge. Einige jedenfalls blieben tatsächlich sprachlos, wenn man sie nach ihren Eindrücken fragte. Da wird sich später aber sicher noch so manche Zunge lösen. Spätestens daheim in Wladimir.

Geburtstagskind Pjotr Jurkin

Geburtstagskind Pjotr Jurkin

Für Pjotr Jurkin wird der Auftakt in Erlangen ganz bestimmt später einen besonderen Platz in der Erinnerung einnehmen. Als jüngster im Chor ist er nämlich mit sieben Jahren vorgestern in Wladimir abgereist und achtjährig gestern in Deutschland gelandet – und gleich wieder aufgestiegen mit dem Riesenrad.

Gruppenbild Knabenchor Wladimir mit Claudia und Willi Kipp sowie Eduard Markin vor dem Riesenrad

Gruppenbild Knabenchor Wladimir mit Claudia und Willi Kipp sowie Eduard Markin vor dem Riesenrad

Claudia Kipp und ihr Sohn Willi hatten die Sängerknaben nämlich auf Vermittlung des „Bergreferenten“ Konrad Beugel zu einer Freifahrt eingeladen, die von den Erlanger Nachrichten nicht nur zu einem Gruppenbild, sondern auch einem Interview hoch über den Dächern genutzt wurde. Das Riesenrad hätte sich freilich noch lange drehen können, um Eduard Markin die Zeit zu geben, um auf alle Fragen von Teresa Glas antworten zu können; um von seiner nun genau dreißigjährigen Verbindung zu Erlangen zu berichten, von all den Konzerten hier zu erzählen, die Teilnahme seiner Knaben am tausendstimmigen Chor zum Abschluß der Olympischen Spiele in Sotschi zu erinnern sein Projekt von der „singenden Schule“ vorzustellen, all die Auslandstourneen zu rekapitulieren, seine Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, wieder so herzlich empfangen zu werden in seiner zweiten Heimatstadt, eine Reprise machen zu können mit dem Ensemble, das nun schon zum vierten Mal hier gastiert…

Eduard Markin und Teresa Glas mit Blick auf Erlangen vom Riesenrad

Eduard Markin und Teresa Glas mit Blick auf Erlangen vom Riesenrad

Und um für die Gastfreundschaft zu danken, die denn auch gleich, wie bestellt, gegenüber vom Riesenrad Rosi Müller in ihrem Weller Keller an den Tag legt, wo der Chor zum Freundschaftspreis mit reichlich Bratwurstweckli verpflegt wird, bevor es für die Jungs heim ins Hotel Rangau und mit der satten Bettschwere in die Falle gehen heißt.

Unter Freunden: Dietmar Hahlweg, Eduard Markin, Rudolf und Inge Schwarzenbach, Heidemarie und Gerhard Wangemann, Peter Steger

Unter Freunden: Dietmar Hahlweg, Eduard Markin, Rudolf und Inge Schwarzenbach, Heidemarie und Gerhard Wangemann, Peter Steger

Eduard Markin ist da schon weitergeeilt zu einer Einladung mit Freunden, die ihn seit drei Jahrzehnten begleiten, seit er 1984 zu ersten Mal mit seinem Kammerchor in Erlangen aufgetreten ist, seit er 1990 mit seinem Ensemble einen umjubelten Auftritt beim Festival des Hörens hatte, zu dem auf seine Anregung hin auch das Symphonieorchester Nowosibirsk unter dem mittlerweile verstorbenen Dirigenten, Arnold Katz, gekommen war. Seit all den wunderbaren Begegnungen in Erlangen und Wladimir, wo, wie sich Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg erinnert, immer wieder auch neue Pläne geschmiedet wurden. So denn auch dieses Mal, wo der heutige Auftritt des Knabenchors ja eine Art Vorspiel auf das ist, was am Sonntag in Jena stattfinden wird: ein Gemeinschaftskonzert mit dem Knabenchor der dortigen Philharmonie, aus dem hoffentlich eine wunderbare künstlerische Freundschaft erwächst.

Knabenchor PlakatDoch bei allem Schwelgen in der Erinnerung, bei allen hoffnungsfrohen Ausblicken auf die Zukunft ist es die weibliche Intuition von Heidemarie Wangemann, die den Schmerz tief im Herzen des Gastes erspürt und von einer früheren Begegnung mit dem Musikprofessor weiß, wie wenig er aus Sorge um sein Land Schlaf findet. Oft nicht mehr als fünf Stunden. Und heute: Da ist dem Dirigenten, dem so an Harmonie und Wohlklang gelegen ist, zum Heulen zumute, wie er bekennt, wenn er an die dissonante politische Lage denkt, mit schrillem Tutti der russischen Medien als kakophoner Abgesang auf die west-östliche Verständigung orchestriert und so verzweifelt fern von einer stimmigen Auflösung im beglückenden Zielakkord. So endet denn der gestrige Tag, wie er begonnen hat, mit dem unverzagten Leitmotiv und der mahnenden Reprise: Gerade jetzt brauchen wir diese Begegnungen, das Miteinander, den Austausch – und das verbindende Moment der Musik. Deshalb hier nun auch der letzte Aufruf zum Konzert heute abend in St. Sebald um 19.00 Uhr. Wer Ohren hat zu hören, der komme und höre!

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