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Archive for 26. Februar 2014


800 Studenten der Staatlichen Universität Wladimir wurden im Herbst dazu befragt, wie sie es denn mit dem Glauben halten. Nun liegen die Ergebnisse vor und bestätigen wohl eine Tendenz, die für das ganze Land gilt.

Also gleich in medias res: 35% der Befragten bezeichnen sich als gläubig, weitere 30% halten sich selbst für „eher gläubig als ungläubig“, ein Ergebnis frei nach dem Apostel Thomas, das sich weitgehend mit der Gläubigkeit der Erwachsenen deckt. So gut wie alle Teilnehmer an der Umfrage, 91% nämlich, wurden als Kinder getauft, von denen knapp 30% im Elternhaus eine religiöse Erziehung erhalten haben wollen. Noch einmal so viele bekamen zumindest gezeigt, wie man eine Kerze aufstellt und sich in der Kirche benimmt.

ReligionAuch wenn die Ergebnisse eine gewisse Nähe der Mehrheit der Studenten zu Glaubensfragen zu belegen scheint, bleibt bei Nachfrage die Religiosität doch recht an der Oberfläche. Denn mehr als 90% bezeichnet sich als russisch-orthodox, auch wenn sie gar nicht gläubig sind. Und nicht einmal 15% besuchen den Gottesdienst. Die Orthodoxie wird deshalb wohl eher als ein soziologisch-historisches Konstrukt gesehen, dem man sich kulturell verbunden sieht, mit und über das man sich identifiziert, gerade in einer Zeit, wo kirchliche Orientierung wieder erlaubt ist – und sogar staatlicherseits gefördert wird. Doch nicht weit her ist es mit den Kenntnissen in Sachen Glauben. Kein einziger der Befragten konnte die Zehn Gebote in ihrer Reihenfolge aufzählen; im besten Fall kannten einige wenige Studenten „du sollst nicht töten“ und „du sollst nicht stehlen“. Ähnlich sieht es mit der weiteren Bibelfestigkeit aus. Nur vereinzelte gaben an, schon einmal im Buch der Bücher gelesen zu haben, während sonstige religiöse Literatur oder theologische Schriften so gut wie gar nicht rezipiert werden.

Dies entspricht den Vorlieben bei den Feiertagen: Die Studenten begehen nämlich Neujahr, den Tag des Sieges oder den Internationalen Frauentag und den Tag der Beschützer der Heimat lieber als Ostern oder Weihnachten, und die bevorstehende Fastenzeit wird auch eher als ein Attribut des Zeitgeistes verstanden, denn als spirituelle Disziplin verstanden.

Religion 1

Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige.

Bemerkenswert, daß der Glaube an die Wissenschaft im Denken der Studenten Hand in Hand geht mit dem Glauben an Gott. Das eine schließt das andere nicht aus. Auf dem Rückzug aber sind Mystik, Spiritismus und Aberglaube, eher dunkle Elemente, die sich bei Erwachsenen noch viel stärker finden.

Auf die Frage, ob man das eigene Land als „Heiliges Rußland“, einen „rechtgläubigen Staat“, eine „Monarchie“, das „Dritte Rom“, einen „atheistischen Staat“ oder als „säkularen Staat“ verstehe, bejahte die große Mehrheit letztere Staatsform mit freier Religionsausübung. „Atheistisch“ wurde ebenso stark abgelehnt wie die „Monarchie“ oder der „rechtgläubige Staat“. Dies entspricht auch ersten Ergebnissen aus den Schulen. Da nämlich wählen die Eltern für ihre Kinder zu mehr als 50% die „weltliche Ethik“ und halten eher wenig davon, wenn Priester unterrichten und Lehrbücher schreiben.

Religion 2

So wenig die Wladimirer Studenten offenbar auf der Gottessuche oder im spirituellen Aufbruch scheinen, so indifferent (oder tolerant?) sind sie gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften. Das Miteinander verschiedener Religionen – im Vielvölkerstaat Rußland eine feste Gegebenheit – erscheint den jungen Leuten als normal. Ethnische Konflikte haben ihrer Meinung nach weniger mit religiösen Unterschieden als vielmehr mit der Andersartigkeit von Bräuchen und Sitten zu tun.

Religion 3Dem „Geheimnis des Glaubens“ kommt die Umfrage natürlich auch nicht viel näher, aber ein wenig besser verstehen lehrt sie doch die Menschen in der Partnerstadt, die immerhin einmal das politische und geistliche Zentrum des Russischen Reiches war.

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