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Archive for 16. Februar 2014


Die aktuelle Ausgabe der „Bombe“, der Schülerzeitung des Emil-von-Behring-Gymnasiums, widmet sich ebenso ausführlich wie differenziert dem großen Thema Rußland und die Olympischen Spiele. Auf 39 der 78 Seiten finden sich  Fakten, Talente, Rezepte oder Superlative aus dem größten Land der Erde. Andere Artikel machen neugierig mit Titeln wie „Vom ungemütlichen Riesen zum Neugier weckenden Exoten“, „Väterchen Frost“, „Der Mann, der alles kann“ oder „Enough is enough – Stop Homophobia!“ Mehr als ein Dutzend Seiten geben dann einen Einblick in Geschichte und Gegenwart der Olympischen Winterspiele, besonders natürlich der „Wettkämpfe unter Palmen“.

Die "Bombe", Schülerzeitung des Emil-von-Behring-Gymnasiums

Die „Bombe“, Schülerzeitung des Emil-von-Behring-Gymnasiums

Eine Doppelseite zeigt dann aber auch augenfällig, wie notwendig Aufklärungsarbeit in Sachen Rußland bleibt. Vier Umfragen brachten nämlich erstaunlich hartnäckige Vorurteile zu Tage: Auf die Frage: „Welche Eigenschaften sind Deiner Meinung nach typisch für einen Russen?“ antworteten 30 von 74 Schülern mit „Vertragen viel Alkohol“, zehn mit „aggressiv“, neun mit „laut“, fünf mit „cooler Akzent“ bis hin zu vielen Einzelmeinungen wie „humorlos“, „lachen viel“, „drogenabhängig“, „verrückt“, „ernst“… Nach Auffassung von 25 Schülern aus einer Gruppe von 90 Respondenten trägt ein typischer Russe eine Fellmütze, kaum weniger halten ihn für groß, ein Dutzend läßt ihm einen Bart wachsen, im kaum meßbaren Bereich liegen die Attribute „sportlich“ oder „normal“, während von den „hübschen russischen Frauen“ nur drei der Befragten schon gehört haben. Das mag j alles noch hingehen. Schlimm wird es allerdings, wenn von 104 Antworten auf die Frage „Welche Vorurteile haben deiner Meinung Russen von Deutschen?“ 17 „Nazis“ lauten, während die deutschen „Sekundärtugenden“ wie „pünktlich“, „ordentlich“, „diszipliniert“ und „organisiert“ abgeschlagen sind. Immerhin assoziieren von 134 Gymnasiasten mit dem Thema „Rußland“ nur ganze zwei „Krieg“ (ebenso wenige wie „Pussy Riot“!), vier „Stalin“, sieben „Pelzmütze“, zehn „Putin“, 28 „kalt“ und „Schnee, aber 33 „Wodka“. Die drei Gestalter der Umfrage – Linda-Sophia Schneider, Florian Zametzer und Lena Schenk – federn die Ergebnisse freilich mit dem wichtigen Zusatz ab: „Jedoch haben sich viele dieser Klischees und Stereotypen im Laufe unserer Arbeit aufgeweicht und verändert.“ Hoffentlich vor allem in den Spitzenwerten „Nazis“ und „Wodka“, denn ausgerechnet in dem Land, das am meisten unter der faschistischen Terror hat leiden müssen, hat man von Beginn an zwischen Deutschen und Nazis strikt unterschieden, und man wird kaum einen Deutschen finden, der als Gast in Rußland mit „Faschist“ beschimpft worden wäre! Und das mit dem Wodka wird derzeit mit steigendem Konsum von Bier und Wein „aufgeweicht“. Mehr noch: In vielen Region, auch im Gouvernement Wladimir, herrscht nach 21.00 Uhr bis in den Morgen hinein Verkaufsverbot für Spirituosen, und in der Nähe von oder gar in Schulen, Sportstätten und sonstigen öffentlichen Einrichtungen dürfen harte Sachen nicht mehr ausgeschenkt werden.

Gesa Prophet führt die Extreme übrigens auf Seite 19 der „Bombe“ überzeugend zusammen: „Wenn man es tatsächlich bis nach Rußland geschafft hat, gibt es nur noch ein paar Unterschiede der Mentalität zu beachten. Ein kurzes, unverbindliches Lächeln von Fremden wird oft als oberflächlich abgewertet. Die Benimmregel besagt jedoch auch: Hat man erst einmal das Vertrauen der Person gewonnen, wird man umso herzlicher begrüßt. Klingt doch vernünftig.“

Im Frühsommer 2013 beim 30jährigen Partnerschaftsjubiläum in Wladimir: Klaus und Doris Höhle, Gennadij Stachurlow, Dieter Argast und Ute Szczepaniak

Im Frühsommer 2013 beim 30jährigen Partnerschaftsjubiläum in Wladimir: Klaus und Doris Höhle, Gennadij Stachurlow, Dieter Argast und Ute Szczepaniak

Und dann ein zweiseitiges Interview mit Dieter Argast, bis zum letzten Schuljahr noch als Lehrer am Spardorfer Gymnasium tätig, wo so manches geradegerückt wird. Der Pädagoge, der seit 1995 fünf Reisen nach Wladimir unternommen hat und im Sommer selbst wieder Freunde von dort erwartet, hat natürlich ein differenzierteres Bild und gibt denn auch zu Protokoll: „Ich kenne auch Russen, die kaum oder nie Wodka trinken.“ Über die Jahre hat er auch viele Veränderungen festgestellt: „Das Reisen im Land ist für Ausländer einfacher geworden, es gibt verläßliche Fahrpläne bei der Bahn. Und ganz banal: „Die Autofahrer gewöhnen sich langsam an, am Zebrastreifen zu halten. Vor wenigen Jahren wäre ich da noch über den Haufen gefahren worden.“ Am meisten fasziniert hat den einstigen Geographielehrer Kasan, Hauptstadt der Republik Tatarstan, „diese Vielvölkerstadt mit ihrer bunten kulturellen und ethnischen Mischung, dem friedlichen Zusammenleben mehrerer Kulturen, dem Kreml mit seiner christlichen bzw. russisch-orthodoxen und katholischen Kirche sowie der Moschee.“ Doch er sagt auch: „Bei der Beurteilung der Mentalität muß man bei Verallgemeinerungen vorsichtig sein.“ Und dann der Aufruf: „Am besten für Schüler und junge Menschen ist: Kontakte knüpfen und pflegen, z.B. über die Städtepartnerschaft, ein paar Worte und Sätze Russisch lernen, mal hinfahren, sich Land und Leute ansehen, offen sein für Neues, eigene Erfahrungen machen. Meine waren bisher nur gut! Viel Glück dabei!“

Der christlich-islamische Kreml von Kasan

Der christlich-islamische Kreml von Kasan

Was für ein Wort zum Sonntag der Partnerschaft! Dem sei nur noch der Wunsch angefügt, auch das Emil-von-Behring-Gymnasium möge sich eines Tages am Schüleraustausch mit Wladimir beteiligen. Die Ergebnisse der Umfragen werden dann sicher ganz anders aussehen.

Mehr zu Dieter Argast und seinen Erfahrungen mit seinen russischen Freunden unter: http://is.gd/FBOMz0

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