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Archive for Januar 2014


Will man etwas über das Schulwesen eines anderen Landes erfahren, sieht man sich am besten die Praxis an. An der scheiden oder bewähren sich alle akademischen Theorien und die unaufhörlichen Reformen. An der bewährt sich aber auch der pädagogische Erfolg der Lehrkräfte, und das besonders eindrucksvoll in der auch an grauen Wintertagen lichtdurchfluteten Heinrich-Kirchner-Schule, wo die Wladimirer Gäste, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa, gestern gleich zu Unterrichtsbeginn von der Leiterin, Susanne Schmid, begrüßt und von der Klasse 2 b mit der so eingängigen Schulhymne aus der Feder von Martina Heuser freudig eingestimmt wurden auf das, was da noch so alles kommen sollte. Da im Rathaus schon Bürgermeisterin Birgitt Aßmus wartete, blieb nicht eben viel Zeit für ein erstes Kennenlernen und einen Kurzbesuch in der Förderklasse, wo eine kleine Gruppe von Migranten-Kindern intensiv sprachlich auf die Einschulung vorbereitet wird. Dennoch Zeit genug, um all die vielen Ähnlichkeiten zu entdecken – sieht man sich doch auch in Wladimir ähnlichen Problemen mit Schülern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken gegenüber – und eine Gegeneinladung auszusprechen.

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Christa Schmid, Dagmar Trzcinski, Martina Heuser

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Susanne Schmid, Klassenlehrerin Dagmar Trzcinski, Martina Heuser und die 2b der Heinrich-Kirchner-Schule

Wenn es stimmt, daß, wie Fjodor Tjutschew, der vielzitierte Lyriker des 19. Jahrhunderts, meint, Rußland sich nicht mit dem Verstand begreifen lasse, weshalb man allenfalls daran glauben könne, dann gilt das sicher in besonderer Weise für das Schulwesen. Freilich für das föderale deutsche Pendant nicht minder. Gute zweieinhalb Stunden Zeit nahmen sich denn auch Birgitt Aßmus und Carmen Mahns, Leiterin des Schulverwaltungsamtes, sowie Jolana Hill, im Bürgermeister- und Presseamt u.a. Koordinatorin für außerschulische Bildungsprojekte und die Ehrenamtsbörse, um das eine oder andere zu verstehen, noch mehr aber intuitiv zu erfassen von all dem vielen, das Erlangen und Wladimir bei allen Unterschieden gerade auch im Schulwesen vereint: das Bemühen um interaktiven Unterricht, Qualitätskontrolle, Fortbildungsmaßnahmen für die Lehrkräfte, Einführung von Programmen wie „Computer statt Schulranzen“ – immer hoffentlich zum seelischen Wohl der Kinder. Um das, so die Leiterin des Amts für Bildung, Tatjana Kowalkowa, bemühe man sich besonders, weshalb vor allem in den Gesamt- und Ganztagsschulen Psychologen ein Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, für welchen Zweig sich ein Kind zu entscheiden hat.

Tatjana Kowalkowa 3

Carmen Mahns, Tatjana Kowalkowa, Birgitt Aßmus, Tatjana Artischtschewa und Jolana Hill

So ein Mitspracherecht hat übrigens auch der Elternbeirat, wie Tatjana Artischtschewa aus ihrer eigenen Praxis zu berichten weiß. Diesem Gremium, dem man auch noch angehören darf, wenn man gar keine Kinder mehr an der jeweiligen Schule hat, obliegen nicht nur Beratungspflichten, etwa bei wirtschaftlichen Umgang mit Haushaltsmitteln, sondern es übernimmt auch Aufsichtsfunktionen, entscheidet mit bei der Ernennung des Rektors und kümmert sich um Sponsoren. Und da kommt auch schon das Ehrenamt ins Spiel, das, diskreditiert durch die Sowjetzeit, wo man gewissermaßen zwangsverpflichtet war, kostenlos allerlei mehr oder weniger Gutes zu tun, heute erst wieder von unten her wachsen muß, wie Tatjana Kowalkowa meint. Dazu wünscht sie sich unbedingt einen Erfahrungsaustausch mit Erlangen und lädt die drei Gastgeberinnen denn auch kurzerhand nach Wladimir ein. Vielleicht, meint sie später, sollte man auch noch jemanden von Siemens oder der Universität mitnehmen. Warum? Weil diese Arbeitgeber inzwischen freiwillig Aufgaben übernehmen, die bis zum Zerfall der UdSSR alle Großbetriebe zu erfüllen hatten: die Bereitstellung von Krippen, Kindergärten und Ferienlagern. Mittlerweile sind diese Einrichtungen alle an die Kommunen gefallen – und häufig aus Geldnot zerfallen. Auch in Wladimir. Nur noch 7.000 der 28.000 Schüler konnte im vergangenen Jahr an einem Ferienprogramm teilnehmen. Dabei habe man doch in den Schulen das Ziel, den Kindern möglichst viele Angebote zu machen, unter denen sie frei wählen können. Nur eine Wahl bleibt ihnen – zumindest an den Ganztagsschulen – verwehrt: keine Wahl zu treffen, sprich ab- und herumzuhängen. Wieder mehr Disziplin soll einkehren – und Kontrolle. Nach massenweisen Mogeleien mit den Prüfungen wird jetzt landesweit das Abitur unter Online-Videoüberwachung abgelegt, die Klassenbücher werden ebenso ins Netz gestellt wie Eltern und Lehrer Zugriff auf die Daten der Kinder an mittlerweile zwei der fast 50 Wladimirer Schulen haben, die mit Chips ausgestattet sind, die den bargeldlosen Einkauf in der Mensa ermöglichen, aber auch registrieren, wann die Schule betreten und verlassen wird. Viel Stoff jedenfalls für den künftigen Erfahrungsaustausch.

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Das Kontrastprogramm der behüteten Welt der Waldorfpädagogik folgt auf ausdrücklichen Wunsch der russischen Besucherinnen am Nachmittag. Durch eine Welt, wo die Kinder angehalten sind, möglichst viel über die Erfahrung des eigenen Körpers aufzunehmen, möglichst alles in der Gemeinschaft zu gestalten, ohne viel Spielzeug oder gar Elektronik, dafür mit Eurhythmie, einem Leben in Harmonie. Immer nah bei den andern, bei sich selbst und bei der Natur. Helge Köhler, die sich noch einiges an Russisch-Kenntnissen von ihrer Nachkriegsschulzeit in Naumburg bewahrt hat, übernimmt die Führung durch den Kindergarten mit seinen drei Gruppen und die kleine Krippe mit zwölf Plätzen.

Waldorf-Kinderstube

Waldorf-Kinderstube

Und wer könnte das besser tun, als die ehrenamtliche Helferin, die von Beginn an dabei war, als vor etwa 40 Jahren das erste Haus da gebaut wurde, wo heute am Waldrand von Bruck ein ganzes Bildungszentrum mit gut 600 Schülern entstanden ist, die aus dem ganzen Großraum kommen. Helge Köhler lebt die ganze Weltanschauung, die hinter der Waldorf-Pädagogik steckt, erzählt den Kleinen im Kindergarten einmal die Woche Märchen, hilft bei der Bewegungsstunde, musiziert mit. Und sie hat eine besondere Beziehung zu Wladimir.

Krippe im Waldorfkindergarten

Krippe im Waldorfkindergarten

Als dort Anfang der 90er Jahre zunächst ein Kindergarten und später eine Schule für Waldorf-Pädagogik entstanden, suchte man eine „Mutter“, eine Schirmherrin in Erlangen. Helge Köhler ließ sich nicht lange bitten und beherbergte mittlerweile wohl alle Erzieherinnen von der Wladimirer Partnereinrichtung, eine Beziehung die bis heute anhält und in ihrer Dauer und Intensität im Bereich Bildung wohl einzigartig ist. Allenfalls noch vergleichbar mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, das schon seit Ende der 80er Jahre den Austausch mit der Wladimirer Universität pflegt.

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Nur ein einziges Mal hingegen war Helge Köhler mit ihrem vor fast zehn Jahren verstorbenen Mann selbst in Wladimir, um im Waldorfkindergarten vormittags mitzuarbeiten und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Im Herbst 1994 war das, kurz bevor auch Tatjana Kowalkowas Mann verstarb. An diese Zeit erinnert ein Photoalbum mit gesticktem Einband, in das nicht nur die Bilder von den verschiedenen Begegnungen eingeklebt sind. Es findet sich da auch ein besonderer, noch ungehobener Schatz der Partnerschaft, ein kleines Wunder, wie Tatjana Kowalkowa meint: ein Tagebuch, aus dem hervorgeht, daß das Ehepaar Köhler einen Abend lang auch bei der Besucherin zu Gast war.

Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

Wiederentdeckt: Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

„Das bin ja ich“, ruft Tatjana Kowalkowa baß erstaunt aus, „in meiner alten Küche!“ Und jetzt erst fällt es beiden wie Schuppen von den Augen. Und jetzt erst erklärt es sich, warum beide von Beginn an eine besondere Wärme in der Begegnung verspürten, erst jetzt wird verständlich, warum die Einladung nach Hause für beide Seiten etwas so Selbstverständliches hatte. „Als Unbekannte bin ich in dieses Haus gekommen und fühlte mich doch gleich daheim“, ringt die Besucherin überwältigt um Worte: „Und jetzt weiß ich warum!“ Da hat sich auf wunderbare Weise ein zwanzigjähriger Kreis geschlossen, den so viele gebildet haben und zu denen schon damals auch Tatjana Kowalkowa gehörte. Ganz wie es sich in dieser wundervollen Partnerschaft gehört!

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Das Wunder der Partnerschaft, davon kann man sich am Abend überzeugen, haben auch die Pfadfinder schon erlebt. Thomas Zeh faßt seine Wladimir-Erfahrung denn auch gleich in einem Satz zusammen: „Ich habe schon viel Erfahrung mit Pfadfindern aus aller Welt, aber noch nie ist man sich so schnell so nah gekommen wie mit unseren russischen Freunden.“ Deshalb will man nicht nur den Austausch fortsetzen. Es gibt noch weiterreichende Pläne: Tatjana Kowalkowa, die immer wieder betont, wie wichtig diese Art der Jugendarbeit sei, möchte an einer Schule ein Museum einrichten, wo die Geschichte der Pfadfinder und Pioniere gemeinsam dargestellt wird. Denn, so die Pädagogin, die sowjetischen Pioniere haben sich alles von den Pfadfindern abgeschaut, die ja vor der Revolution im Zarenreich schon recht aktiv waren. Hinzugefügt haben sie lediglich den ideologischen Überbau.

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Artischtschewa und Tatjana Kowalkowa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Und noch etwas wünscht sie sich: nichts weniger als die wunderbare Pfadfindervermehrung in Wladimir. Dafür will sie junge Erwachsene gewinnen, Schulen ansprechen – und gemeinsam mit den Erlanger Freunden Seminare veranstalten. Und wenn man Jochen Dörring und Thomas Zeh genau zuhört, könnte das auch etwas werden. Vielleicht auch mit Hilfe des Landesverbandes, wo es Fachleute für derlei Fragen gebe. Auf jeden Fall aber mit einer Patenschaft für neue Pfadfinderstämme. Und dann wird vielleicht auch wahr, was Tatjana Kowalkowa den jungen Steinadlern mit auf den Weg gibt: „Die Photos, die ich jetzt von Euch gemacht habe, zeigt Ihr möglicherweise, wenn Ihr selbst schon alt geworden seid, Euren Kindern und Enkeln, die dann hoffentlich noch immer Freundschaft mit den Pfadfindern von Wladimir halten.“

Weil er gar so schön ist, hier nochmals der Link zum Pfadfinderaustausch: http://is.gd/0qeQPZ. Aber auch ein Blick zurück in die Partnerschaftsgeschichte der Heinrich-Kirchner-Schule sei empfohlen: http://is.gd/js4jV4 und http://is.gd/ygWg9w

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In der Erzählung von Walentin Rasputin “Französischstunden” heißt es: ”Wir Lehrer dürfen uns nicht zu ernst nehmen, vielleicht ist das sogar die Hauptsache, und nicht vergessen, daß wir den anderen nur sehr wenig beibringen können.” Diese bescheiden-resignative Sentenz des ein wenig in Vergessenheit geratenen zeitgenössischen russischen Autors wurde in der gestrigen Abendrunde um Tatjana Kowalkowa, die Leiterin des Amts für Bildung der Partnerstadt Wladimir, gründlich widerlegt. Denn – und darin waren sich alle einige – gerade die frühe Heranführung der Schüler an Fremdsprachen und andere Kulturen schafft Verständigung, Toleranz und Weltläufigkeit, – Tugenden, ohne die in Zeiten der Globalisierung buchstäblich kein Staat mehr zu machen ist. Die Grundlage dafür legt der Austausch mit anderen Ländern, in dem Fall mit Wladimir, wie ihn das Fridericianum, das Emmy-Noether-Gymnasium und das Marie-Therese-Gymnasium in Erlangen mustergültig pflegen. Ein Austausch, der ohne den großartigen persönlichen Einsatz von Lehrerinnen wie Christiane Krautwurst, Michaela Spörl und Lisa Faschingbauer nicht möglich wäre.

Christiane Krautwurst, Tatjana Kowalkowa, Michaela Spörl, Lisa Faschingbauer und Tatjana Artischtschewa

Christiane Krautwurst, Tatjana Kowalkowa, Michaela Spörl, Lisa Faschingbauer und Tatjana Artischtschewa

Da darf man sich auch von keiner Bürokratie der Welt abschrecken lassen, dazu sei die Sache viel zu wichtig. Auch nicht von dem bedauerlichen Umstand, daß heuer der Austausch des Marie-Therese-Gymnasiums mit der Schule Nr. 10 in Wladimir ausgesetzt wird, weil es Probleme bei der Nachfolge der bisher für die Begegnungen zuständigen Ludmila Barynina gibt. Probleme, um die sich Tatjana Kowalkowa, selbst einst Schuldirektorin und nach einiger Zeit im sozialen Bereich nun seit vier Jahren Leiterin des Bildungsamtes mit einem gut vierzigköpfigen Mitarbeiterstab, gleich nach ihrer Rückkehr persönlich kümmern will. Überhaupt macht die Pädagogin, die mit Tatjana Artischtschewa, Mitglied des Elternbeirats einer Wladimirer Schule, gestern eingetroffen ist und am Montag wieder abreist, das Angebot, sich bei Fragen und Schwierigkeiten in Sachen Austausch direkt an sie zu wenden. Wie wichtig ihr die internationalen Kontakte sind, dafür spricht schon ihre Vita: ihr heute dreißigjähriger Sohn wurde in der DDR geboren, wo ihr Mann fünf Jahre lang stationiert war; seit fünfzehn Jahren ist sie mit italienischen Familien befreundet, England kennt sie von vier Besuchen, eine amerikanische Austauschschülerin lebte eineinhalb Jahre in ihrer Familie. Nur in Erlangen war sie noch nie zuvor, wo das doch „unsere wichtigste Partnerstadt“ ist, wie sie glaubwürdig versichert. Nun, das Versäumnis läßt sich in den nächsten Tagen intensiv nachholen. Und es wird sich weiter zeigen: Ohne das von Walentin Rasputin postulierte „nur sehr wenig“ der Lehrer bleibt nicht mehr viel übrig. Auch und gerade nicht in der Städtepartnerschaft. Im übrigen gilt, wie es Tatjana Kowalkowa formuliert, die alte Weisheit: „Der Mensch wird von drei Pfeilern getragen: von den Eltern, von wem er unterrichtet wurde – und an wen er sich bindet.“

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Nach seinem eher zögerlichen Einzug auch in Zentralrußland zeigt nun der Winter in Wladimir seine grimmige Seite. Nachts sinkt das Thermometer auf unter -30°C, eine Temperatur, die Mensch und Technik durchaus zusetzen kann. Vor allem Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Für die hat Jegor Sigunow seinen Wohltätigkeitsverein „Haus der Sonne“ gegründet, der in der Bahnhofsstraße der Partnerstadt vier Container zum Aufwärmen und Übernachten zur Verfügung stellt.

Aufnahme im Haus der Sonne

Aufnahme im Haus der Sonne

Bis zu 50 Plätze bietet der Unterschlupf. Abgewiesen wird nur, wer betrunken ist. Etwa ein Dutzend der Besucher kamen bereits mit Erfrierungen der Extremitäten, aber Todesopfer gibt es bisher gottlob nicht. Nun ruft der ehrenamtliche Helfer die Wladimirer Bevölkerung auf, nicht nur mit warmer Kleidung, sondern auch mit Geldspenden zu helfen. Allein die Stromrechnung für den laufenden Monat schlägt nämlich mit 25.000 Rbl. zu Buche. Daß sich da die Damen und Herren Energieversorger in ihren warmen Büros nicht schämen… Mehr zum Thema unter: http://is.gd/Wu9tXV

Betten im Haus der Sonne

Betten im Haus der Sonne

Wenigstens die Schüler bis zur vierten Klasse dürfen sich freuen. Sie haben ab sofort bei Temperaturen unter -25° C kältefrei. Sollte der Frost auch tagsüber noch strenger werden, dürfen vielleicht auch die höheren Jahrgänge zu Hause bleiben.

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In diesen Januartagen, Anno 1248, schickte Papst Innozenz IV eine Bulle an Großfürst Alexander Newskij, den er mit „nobili viro Alexandro duci Susdaliensi“, also als „Edelmann und Fürst von Susdal“ ansprach. Inhalt des Sendschreibens ist ein Angebot an Alexander, sich, dem Beispiel seines verstorbenen Vaters Jaroslaw folgend, der römisch-katholischen Kirche anzuschließen und sich im bevorstehenden Kampf gegen das Mongolenheer an den Deutschherren-Orden in Litauen um Hilfe zu wenden. Gemeinsam und mit Gottes Hilfe, so der Heilige Vater, werde man sich den Tataren mannhaft entgegenstellen.

Alexander Newskij gilt als grimmig-unversöhnlicher Verteidiger der Rechtgläubigkeit und zählt nicht von ungefähr zu den großen Heiligen der russischen Orthodoxie. Doch schon ein gutes halbes Jahr später, am 15. September 1248, trifft aus dem Vatikan eine weitere Botschaft ein, aus der sich rückschließen läßt, daß die erste Bulle zumindest nicht ablehnend beantwortet wurde. Hier schreibt nämlich Innozenz IV an „Alexandro, illustri regi Nougardiae“, also an den „erlauchten Herrscher von Nowgorod“: „Du hast mit jeglichem Eifer darum gebeten, Dich als Glied zum einen Haupt der Kirche kraft aufrichtigen Gehorsams aufzunehmen, als dessen Zeichen Du vorschlugst, in Deiner Stadt Pleskau (Pskow) eine Kirche für die Lateiner zu errichten.“

Innozenz IV

Innozenz IV

Der Streit darüber, ob die Bullen tatsächlich an Alexander Newskij gerichtet waren und wie ggf. seine tatsächlichen Reaktionen darauf aussahen, hält unter den russischen Historikern an. Gesichert ist allerdings, daß der Großfürst in jenem heute so fernen Jahr nur selten in seinem Reich weilte, weil er in die Hauptstadt der Mongolen, nach Karakorum, gereist war, um sich dort die Wladimirer Fürstenwürde bestätigen und die Herrschaftsinsignien überreichen zu lassen. In seiner Vita heißt es, zwei römische Kardinäle hätten ihm die Botschaft des Papstes überbracht. Doch Alexander soll das Angebot, sich Rom anzuschließen, barsch mit den Worten zurückgewiesen haben: „Von Euch nehmen wir keine Belehrungen an.“

Alexander Newskij

Alexander Newskij

Wir wissen nicht, wie sich die Geschichte des russischen Reiches entwickelt hätte, wäre Alexander Newskij auf das Angebot aus dem Vatikan eingegangen. Klar ist nur, der Großfürst hat es vorgezogen, einen Pakt mit den Mongolen einzugehen, um seine Macht von Gnaden der Eroberer zu erhalten. Und er hat einen Ton im Umgang mit dem Westen und dessen „Belehrungen“ vorgegeben, der noch heute gern angeschlagen wird. Vielleicht ein jahrhundertelanges Mißverständnis, auf jeden Fall bis heute ungeklärt und strittig, wenn es um die Position von Rußland gegenüber Osten und Westen geht, wenn alle bisherigen Versuche scheiterten, das Schisma von 1054 zu überwinden. Schade, jammerschade, denn den Schaden tragen wir alle noch in uns. Geschichte vergeht eben nicht, sie lebt fort. Im Guten wie im Schlechten.

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Heute vor 70 Jahren endete die Blockade von Leningrad, in deren 900 Hunger- und Bombentage lang währenden Verlauf wohl mehr als eine Million Einwohner ums Leben kamen. Mit dabei ab 1943 auf Seiten der Wehrmacht der heute fast 90jährige Alfred Trautner aus Erlangen. Als seine Einheit von der Roten Armee, die genau ein Jahr später auch Auschwitz befreien sollte, umstellt war, geriet er, verwundet und entkräftet, in Kriegsgefangenschaft und wurde ins Lager Borowitschi bei Nowgorod gebracht. Nach dem damaligen Stand der Medizin hätte ihm das verletzte Bein abgenommen werden müssen. Aber die zuständige russische Ärztin meinte, mit viel Pflege könne dem beigeisterten Sportler dieses Schicksal erspart bleiben. Als dann eine Fachkommission im Lagerhospital erschien, um über notwendige Amputationen zu entscheiden, versteckte die Ärztin ihren Patienten unter höchster Gefahr für sich selbst. Heute sagt Alfred Trautner: „Dieser Frau, die ihren Mann an der Front verloren und allen Grund hatte, uns Deutsche zu hassen, verdanke ich, nicht als Krüppel nach Hause gekommen zu sein!“ Später, als er dann schon am Versöhnungswerk der Städtepartnerschaft so aktiven Anteil hatte, nahm er mit Wladimirer Freunden die Suche nach der Ärztin auf. Über die Medien, über Archive… Vergebens. Aber in seiner Erinnerung bleibt sie gegenwärtig als namenlose Heldin der Mitmenschlichkeit und des Erbarmens in jenen Zeiten des totalen Schreckens.

Alfred Trautner 1994 im Kreis des Veteranenchors aus Wladimir

Alfred Trautner 1994 mit seiner Mundharmonika im Kreis des Veteranenchors aus Wladimir

Fritz Wittmann, Autor der „Rose für Tamara“, hat dazu einen Sinnspruch verfaßt: „Du Mensch, / geh nicht vorüber, / geh in dich / und laß das Geschehene / nicht auf sich beruhen! / Mach dir bewußt, / nicht nur für einen Augenblick, / wozu man Menschen bringen kann, / einander anzutun! / Und halte für immer Wacht, / was man mit dir macht!“

Mehr zu Alfred Trautner unter: http://is.gd/u82sh5

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Kristina Kapsjonkowa, Studentin an der Universität Wladimir und angehende Deutsch-Lehrerin, hat dieser Tage ihre Erinnerungen an den Besuch in Erlangen im Vorjahr geschickt und für den Blog freigegeben. Auch wenn das alles schon einige Monate zurückliegt, sind es so schöne Eindrücke doch wert, für später bewahrt zu werden.

Kristina Kapsjonkowa vor dem Schönen Brunnen in Nürnberg

Kristina Kapsjonkowa vor dem Schönen Brunnen in Nürnberg

Ich habe  Doris Hinderer im Mai 2013 in Wladimir während des dreißigjährigen Partnerschaftsjubiläums kennengelernt. Ich war als dolmetschende Begleiterin von Gästen aus Erlangen eingeteilt. Ich habe mich mit Doris sofort sehr gut verstanden, und nach einer Weile hat Doris mich nach Erlangen eingeladen!

Kristina Kapsjonkowa auf der Altenburg, hoch über Bamberg

Kristina Kapsjonkowa auf der Altenburg, hoch über Bamberg

Ich war doch nie im Ausland! Ich habe immer davon geträumt, einmal Deutschland zu besuchen, und im August ist mein Traum in Erfüllung gegangen! Die Zeit, die ich in Deutschland verbrachte, verging wie im Fluge!

Kristina Kapsjonkowa und Doris Hinderer auf dem Dach des Erlanger Rathauses

Kristina Kapsjonkowa und Doris Hinderer auf dem Dach des Erlanger Rathauses

Ich habe viele interessante Menschen, Kultur und Traditionen von Deutschland kennengelernt! Ich habe zum erstenmal deutsche Spezialitäten gekostet und meine kulinarische Liebe zum bayerischen Kloß, Radler und zur Bratwurst entdeckt. Schöne Sehenswürdigkeiten, malerische Landschaften, freundschaftliche Atmosphäre – Erlangen machte auf mich einen großen Eindruck! Ich bin Doris, ihrer Familie und ihren Freunden für die Gastfreundschaft und die spannenden Fahrradausflüge sehr dankbar! Ich hoffe, dass ich einmal wieder die Möglichkeit haben werde, Deutschland zu besuchen! Erlangen gewann mein  Herz  – für immer!

Kristina Kapsjonkowa im Rosengarten über den Dächern von Bamberg

Kristina Kapsjonkowa im Rosengarten über den Dächern von Nürnberg

Anmerkung: Bei aller Bedeutung der Fachkontakte und Aktionen wie der aktuelle Bettentransport sind es doch gerade diese zwischenmenschlichen Begegnungen, die just am Vorabend des 70. Jahrestags des Durchbruchs der Blockade von Leningrad den tiefen inneren Wert der Bürger-Städtepartnerschaft, dieser Volksdiplomatie, ausmachen. Schön für und in sich, noch schöner, wenn andere daran teilhaben dürfen! Mehr zu den beiden Freundinnen unter:http://is.gd/0fZbQT

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Aller guten Dinge sind drei. Der dritte und – vorerst letzte Sattelzug war gestern rasch gefüllt. Zweieinhalb Stunden, von 7.00 Uhr bis 9.30 Uhr, brauchten die vereinten Helfer nur noch zur Beladung. Der Vortag hatte ja Gelegenheit genug geboten, um reichlich Erfahrung in angewandter Stapeltechnik zu sammeln. Und so konnte der Lkw, wie mit der Spedition in Dresden vereinbart, exakt um 10.00 Uhr den Hof verlassen und zu den beiden Kollegen, die schon aufgebrochen waren, in Sachsen aufschließen, um dann nach der Zollabfertigung als Troika nach Wladimir aufzubrechen.

Krankenbett mit Einzelteilen

Krankenbett mit Einzelteilen, fein säuberlich zerlegt und abgepackt vom Freundeskreis Wladimir

Wie sich allerdings schon zu Beginn des Kraftakts abgezeichnet hatte, waren drei Fahrzeuge nicht genug, um alle Betten und Nachttischkästchen aufzunehmen. Nach der Inventur von Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir und Taktgeber des ehrenamtlichen Einsatzes, stehen jetzt noch 32 Betten und 75 Nachttischschränke im Bettenhaus.

Rückseite des Bettenhauses

Eine Ansicht, die bald der Geschichte angehören wird: Rückseite des Bettenhauses

Die sind nun wahrlich zu gut, um sie sich selbst und der Verschrottung zu überlassen. Also ruft Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Unfallkrankenhauses Wladimir, noch auf der Ladefläche seinen Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, an und überzeugt ihn, in den nächsten Tagen einen weiteren Sattelschlepper gen Erlangen in Marsch zu setzen.

Dirk Krüger und Jewgenij Jaskin

Dirk Krüger und Jewgenij Jaskin

Dirk Krüger vom Eigenbetrieb Stadtentwässerung – mit bester Wladimir-Erfahrung durch die langjährige Zusammenarbeit mit den Kollegen vom Gorwodokanal in der Partnerstadt – meint ebenso wie der Freundeskreis, man werde für die gute Sache noch einmal gemeinsam anpacken und das Bettenhaus gar leerräumen.

Prof. Werner Hohenberger, Jewgenij Jaskin

Prof. Werner Hohenberger, Jewgenij Jaskin

Jewgenij Jaskins Dank gilt natürlich auch der Klinikleitung. Und so versäumt er es nicht, seinen Kollegen, Prof. Werner Hohenberger, der das Unfallkrankenhaus in Wladimir bereits von einem Besuch her kennt und immer wieder Kollegen aus der Partnerstadt bei sich hospitieren läßt, aufzusuchen und den derzeitigen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie einzuladen. Zu einem besonderen Ereignis: Im November nämlich feiert das im Volksmund „Rot-Kreuz-Krankenhaus“ genannte Wladimirer Klinikum sein hundertjähriges Jubiläum. Und da soll auch eine medizinische Konferenz auf dem Festprogramm stehen. In welch langer und guter Erlanger Tradition Werner Hohenberger steht, zeigt übrigens der Lebenslauf eines seiner Vorgänger im Amt: Johann Ferdinand Heyfelder, geboren 1798 in Küstrin, studierte u.a. in Jena und erhielt später ein Ruf nach Erlangen, wo er dreizehn Jahre lang mit großem Erfolg die Chirurgische Klinik leitete, bevor er 1855 in die Dienste des Russischen Reiches unter Zar Alexander II trat und als Professor der Chirurgie zu Petersburg den Rang eines kaiserlichen russischen wirklichen Staatsrats erhielt. Welche Parallelen sich da noch entwickeln werden, überlassen wir aber getrost der partnerschaftlichen Vorsehung.

Jürgen Ganzmann und Jewgenij Jaskin

Jürgen Ganzmann und Jewgenij Jaskin vor dem Hintergrund der Kontraste des Erlanger „Winters“

Wenn Jewgenij Jaskin aber schon einmal wieder in Erlangen ist, möchte er auch andere Bereiche der Medizin und des Gesundheitswesens kennenlernen, zumal dann, wenn diese – wie die WAB Kosbach – schon seit Jahren im fachlichen Austausch mit Wladimir stehen. An Jürgen Ganzmann kommt man da nicht vorbei. Auch wenn die beiden in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig sind – in der Begleitung und Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen der eine, in der handfesten Chirurgie und medizinischen Betreuung der andere -, menschlich verstehen sich die beiden auf Anhieb, und gemeinsame Freunde haben sie ja auch noch in Erlangen wie in Wladimir. Man denke nur an den Leiter der Psychiatrie, Alexander Bersenjew.

Jewgenij Jaskin, 2. v.l. im Kreis von Kollegen und Freunden

Jewgenij Jaskin, 2. v.l. im Kreise von Kollegen und Freunden

Wie viele Freunde der Gast aus Wladimir in Erlangen schon hat, zeigt das Bild von einem Tisch, an dem gar nicht alle Platz finden und der, wären alle so kurzfristig, wie Jewgenij Jaskin gekommen ist, an dem Abend der Einladung gefolgt, noch um Längen hätte ausgezogen werden müssen. Man kann gewiß sein, an dem Tisch werden noch viele neue und alte Freunde des russischen Arztes Platz nehmen. Gleich wo der Tisch steht, in Erlangen oder in Wladimir.

Wie es Freunden und Kollegen in Wladimir ergeht, hat übrigens Prof. Ignaz Schneider in seinen beiden Reiseberichten aus dem Jahr 2011 lesenwert festgehalten: http://is.gd/7ghw48 und http://is.gd/vMGP4A. Und über die Bettenaktion berichtet der Wladimirer Fernsehsender Zebra mit Bildern und Infos aus dem Blog. Journalistische Zusammenarbeit in Zeiten einer verdichteten Partnerschaft: http://is.gd/KzKkAp

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