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Archive for August 2013


Was ist nur mit den Kommunisten los? Sie sind wohl auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Zumindest in Wladimir haben sie sich in Zeiten des Wahlkampfes – mutmaßlich der normativen Kraft des Faktischen folgend – von einem Dogma verabschiedet, das unverzichtbar zumindest zum Credo ihres Stifters, Karl Marx, gehörte. Der Philosoph hatte doch weiland postuliert, der Glaube an Gott sei eine Nebelreligion und Opium für das Volk. So richtig verboten war das Rauschmittel allerdings nicht einmal in den siebzig Sowjetjahren, womit keineswegs die Verfolgungen durch die Bewegung der „Gottlosen“ von Mitte der 20er Jahre bis 1941 verharmlost werden sollen, und spätestens seit den 90er Jahren ist die Droge auch innerhalb der kommunistischen Partei freigegeben. Doch nun empfinden es die Nachfolger Wladimir Lenins sogar als ehrrührig, wenn sie mit der Leugnung der Existenz Gottes in Zusammenhang gebracht werden.

Die Partei ist der Verstand, die Ehre und das Gewissen unserer Epoche!

Die Partei ist der Verstand, die Ehre und das Gewissen unserer Epoche

In den letzten Tagen trug es sich nämlich zu, daß über Nacht in der Altstadt von Wladimir auf dem Asphalt aufgesprüht Aufrufe der Art zu lesen waren: „Gott gibt es nicht! Wähl die Kommunistische Partei der Russischen Föderation!“ Die Kommunisten ihrerseits werteten diese Parole als „schmutzige Wahlwerbung“ und distanzierten sich offiziell und öffentlich von der Provokation: „Wir haben das nicht gemacht. Wir wissen, was Ehre und Anstand bedeuten. Für uns und unsere Partei. Derlei Informationsvorwände können wir nicht brauchen.“ Mehr noch, die Roten mutmaßten, hinter der Aktion stecke die „Partei der Macht“, Einiges Rußland, darauf bedacht, die politische Konkurrenz in Mißkredit zu bringen. Dank dem allwissenden Auge nicht des lieben Gottes, sondern der fast totalen Videoüberwachung im Zentrum Wladimirs hat man nun einen der beiden unerwünschten Agitatoren, einen bisher unbescholtenen 24jährigen Arbeitslosen, dingfest gemacht. Und tatsächlich, er will im Auftrag gehandelt und für seine Straßenmalerei 1.500 Silberlinge bzw. Rubel bezahlt bekommen haben. Nur von wem, das gibt er noch nicht preis. Das ist ihm heilig wie das Wahlgeheimnis. Den Namen seines Mittäters hat er jedoch schon mal verraten…

P.S.: Wegen der vermeintlichen Zunahme von „aggressivem Atheismus“ will die russisch-orthodoxe Kirche ein „Zentrum gegen die Gottesleugnung“ einrichten. Verunglimpfung von Gläubigen ist übrigens heute schon strafbewehrt. Die Graffiti-Auftragsarbeit von Wladimir wird aber nur als Ordnungswidrigkeit gewertet, als Verstoß gegen das Wahlwerbungsgesetz, und kostet den Übeltäter just jene 1.500 Rubel, die er von seinen ungenannten Auftraggebern erhalten haben will.

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Es ist immer wieder beglückend zu erfahren, wie viel Begeisterung die Hospitationen an der WAB Kosbach mit ihren Nebenstellen in Büchenbach und Höchstadt auslösen, welch einen Erfahrungsschatz die jungen Frauen für ihren eigenen Arbeitsbereich in Wladimir nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Erlangen mit nach Hause nehmen. Was da an Wissenstransfer im sozialen Bereich passiert, verdient höchstes Lob für alle Seiten.

 

Die Pädagogin Milena Prochorowa und die beiden Psychologinnen Irina Arschanych und Jekaterina Isjumnikowa

Die Pädagogin Milena Prochorowa und die beiden Psychologinnen Irina Arschanych und Jekaterina Isjumnikowa

Dabei ist es längst so, daß alle Seiten, Gäste wie Gastgeber, voneinander lernen. Die Psychologin Irina Arschanych beispielsweise läßt die Erlanger Kolleginnen an ihren Universitätserfahrungen teilhaben und bietet im kleinen Kreis Seminare zu psychologischen Fragen an. Im Vordergrund freilich steht die alltägliche Praxis: Pflege, Dokumentation, Anamnese, Therapie, Medikametierung, kreatives Arbeiten. Letztes vor allem liegt allen drei besonders am Herzen und ist bereits so mit Erlangen verbunden, daß sie den Begriff „kreativ“ schon ins Russische übernommen haben, anstatt das in ihrer Sprache eigentlich übliche „schöpferisch – творческий“ zu verwenden. Auch nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, daß man für die Hospitantinnen in Kosbach sogar einen eigenen Deutschkurs organisiert hat. Die Sprache ist denn auch ihr größtes Anliegen. Sie soll zu Hause in Wladimir – schon in einer Woche geht es zurück – weiterhin fleißig gepflegt werden – mit Hilfe des Erlangen-Hauses. Um beim nächsten Besuch in der Partnerstadt auch Verbindungen zur Pädagogik und Psychologie an der Universität und in anderen Sozial- und Pflegeeinrichtungen aufzunehmen und natürlich die Zusammenarbeit mit der WAB weiter zu intensivieren. Und um noch mehr voneinander zu lernen.

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Während die Kreml-Partei Einiges Rußland derzeit ein Großaufgebot von politischer Prominenz nach Wladimir schickt – nächste Woche erwartet man dort sogar Premierminister Dmitrij Medwedjew – und damit bei den Gouverneurswahlen am 8. September den Sieg von Swetlana Orlowa sicherstellen will, während also alles auf einen Sieg der Putin-Favoritin hindeutet, wollen nun auch die vielen Splitterparteien, die sich als demokratisch und fundamental-oppositionell bezeichnen besser positionieren. Das nach der Protestwelle – ausgelöst durch die dreisten Wahlfälschungen vom Dezember 2010 allüberall im Land – verabschiedete Gesetz zur vereinfachten Registrierung von Parteien hat, im Ausland (leider auch in Rußland selbst) weitgehend unbemerkt tatsächlich zu einer bunten Vielfalt von Neugründungen geführt. So viele neue Parteien gibt es mittlerweile auch in der Region Wladimir, daß der Wahlschein auf ein DIN-A-3-Format angewachsen ist, um ihnen allen, insgesamt 18, Platz zu bieten. Hinzu kommen weitere Parteien, die aus unterschiedlichen Gründen an den bevorstehenden Wahlen noch nicht teilnehmen wollen.

An uns denkt man nur bei den Wahlen. - Ich weiß, aber ich kann doch nicht jede Woche Wahlen ausrufen.

An uns erinnert man sich nur bei den Wahlen. – Ich weiß, Alterchen…, aber ich kann doch nicht jede Woche Wahlen ausrufen…

Nun sind diese politischen Neulinge nach einem Bericht von TV Zebra dabei, zumindest in der Region Wladimir ein Wahlbündnis gründen und damit besser für die Auseinandersetzung mit den kremltreuen Parteien sowie den Kommunisten gewappnet zu sein. Niemand denkt allerdings an einen formellen Zusammenschluß oder auch nur eine Koalition, denn zu unterschiedlich sind die Richtungen von der ultrarechten National-Demokratischen Partei eines Wladimir Tor, der in aller Öffentlichkeit mit dem Hakenkreuz posiert und den Hitlergruß zeigt, bis zum weltoffen liberaldemokratischen Spektrum, dem man Parnaß und Jabloko zurechnen darf. Da geht zweifellos nur auf Zeit etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Dessen sind sich die Initiatoren des Bündnisses auch bewußt und wollen einander zunächst einmal auf die Fähigkeit zur Zusammenarbeit prüfen. Gemeinsam planen sie nämlich, am 8. September in alle kritischen Wahllokale Beobachter zu entsenden, jede Partei nach ihren personellen Möglichkeiten. Denn das Mißtrauen sitzt noch tief. Da kann das staatliche Wahlleiterbüro noch so sehr beteuern, man habe jede Möglichkeit zur Fälschung ausgeschlossen. Derlei hatte man damals auch gehört. Also: Trau schau wem, besonders dann, wenn man die Wahl hat. Wie es danach mit der Oppositions-Allianz weitergeht, wird sich weisen. Nur eines ist jetzt schon klar: Die Unzufriedenheit mit Einiges Rußland und den übrigen Kreml-Parteien mag wachsen, aber eine demokratische Alternative, die daraus Honig saugen könnte und für breite Wählerschichten attraktiv wäre, muß sich erst noch herausbilden. Es gibt sie nicht. Auch nicht nach Gründung des Zweckbündnisses in Wladimir.

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Gerade erst feierte die Wladimirer Sportwelt den Titel eines Juniorenweltmeisters im Ringen, da darf man sich schon über einen weiteren jungen Sieger freuen. Gerade einmal zwölf Jahre ist Arsenij Kasanzew und steht schon an der Weltspitze im Karate. Dabei hatte sich der Kampfsportler erst wenige Wochen vor der Juniorenweltmeisterschaft in Japan den Arm gebrochen. Doch, wie sein Trainer berichtet, das Training ließ er deswegen nicht schleifen. Er hat sich durchgebissen und „Charakter bewiesen“, besonders in den Tagen vor dem Wettkampf mit der tropischen Sommerhitze in Tokio und den stundenlangen Vorbereitungen.

Arsenij Kasanzew

Arsenij Kasanzew

Mit sieben Jahren bereits hat Arsenij Kasanzew an der Kampfsportschule Wladimir Karate zu betreiben begonnen. Rasch und früh zeigte er seine Klasse, gewann in Rußland,  was es zu gewinnen gab, aber nun der Sieg im Heimatland des Karatesports, das ist natürlich ein besonderer Triumpf für den Nachwuchssportler sowie für seinen Trainer, Konstantin Drobyschewskij. Von den beiden wird man in der Zukunft noch hören in der Welt des Karate.

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1992 kam Walter Kuhnert erstmals wieder nach Wladimir. Mit Martin Kade und Erwin Brenneke, mit denen er in Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft geraten war. Wie Partisanen fuhren sie zurück, hatten sich von der „Truppe“, einer deutschen Reisegruppe in Moskau, abgesetzt, sich mit russischer Kleidung „getarnt“ und sprachen auf der Zugfahrt nur, wenn unbedingt notwendig, auch wenn ihr Russisch nach all den Jahren fast akzentfrei geblieben war. Ihr Ziel: die Kleinstadt Kameschkowo, 40 km nordöstlich von Wladimir gelegen, wo sie von 1943 bis 1948 gemeinsam im Gefangenenhospital arbeiteten, bevor sie getrennt wurden und die letzten eineinhalb Jahre bis zur Entlassung 1949 in anderen Lagern zubrachten. Ihre Mission: ein Wiedersehen mit Orten und Menschen ihrer Jugend hinter Stacheldraht, eine Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit und den Menschen, mit denen sie diese unfreiwillig geteilt hatten.

Erwin Brenneke (Mitte) mit seinem Kollegium in Kameschkowo; stehend Wera Friedmann und Witalij Gurinowitsch

Erwin Brenneke (Mitte) mit seinem Kollegium in Kameschkowo; stehend Wera Friedmann und Witalij Gurinowitsch

Sie fanden Wera Friedmann, die Direktorin einer Schule in Kameschkowo, wo früher das Hospital untergebracht war, und den Zeitgeschichtler, Witalij Gurinowitsch, der damals am Wladimirer Landesmuseum arbeitete und 1995 die Ausstellung zum Thema der Wladimirer Kriegsgefangenenlager nach Erlangen bringen sollte. Sie fanden aber auch noch Kollegen von damals, zumeist Frauen, die mit ihnen als Mediziner und Pflegekräfte gearbeitet hatten. Der Arzt, Erwin Brenneke, Jahrgang 1912 und mittlerweile verstorben, kam später immer wieder nach Kameschkowo und traf sich mit seinen einstigen Mitarbeiterinnen. Auch Martin Kade, drei Jahre jünger, inzwischen aber ebenfalls nicht mehr am Leben, reiste später wieder nach Rußland. Dazwischen Besuche von Wera Friedmann bei den Veteranen, die für das Trio eine vertraute Verbindung zum vormaligen Land der Feinde geworden war.

Witalij Gurinowitsch, Walter Kuhnert, Peter Steger

Witalij Gurinowitsch, Walter Kuhnert, Peter Steger

Nur Walter Kuhnert, 1924 in Zirlau bei Breslau geboren, beließ es bei dem ersten und einzigen Besuch, der auf ihn einen so großen Eindruck gemacht hatte, daß er, wie es in einem Brief von Martin Kade an Witalij Gurinowitsch heißt, nicht glaubte, da noch etwas draufsetzen zu sollen. Fragt man den pensionierten Musiklehrer aber heute nach seinem Herzenswunsch, dann lautet der: noch einmal Wera Friedmann sehen. Wohl nicht von ungefähr, denn Martin Kade hinterließ einen Reisebericht, der besonders Walter Kuhnert würdigt:

Alles in allem ein schöner Besuch von Wera Friedmann und ihrer Familie, an den wir lange zurückdenken werden und, dessen bin ich sicher, die Russen auch. Und sie haben uns reichlich mit Geschenken bedacht, wofür wir nicht genug danken können. Mein besonderer Dank geht an Walter, der weder Mühen noch Kosten gescheut hat, um unseren russischen Freunden das Gefühl zu geben, daß wir sie gern bei uns hatten.

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Richtschütze bei der 16. Panzerdivision der 6. Armee war Walter Kuhnert. Aber als Hornist im Musikzug hatte er keinen einzigen Kampfeinsatz mitgemacht, als er in Stalingrad in Gefangenschaft geriet. Die Überlebenden hatten sich in die Keller geflüchtet. Am 31. Januar 1943 stießen die ersten Russen in die Häuserruinen vor und fanden dort auch Walter Kuhnert. „Eine böse Zeit war das, böse, böse“, so charakterisiert der Veteran die Schlacht um Stalingrad und die Kapitulation: „Kniehoch der Schnee, Frost, viele Erfrierungen, Amputationen ohne Narkose…“

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Witalij Gurinowitsch und Walter Kuhnert

Im Frühjahr erst kam Walter Kuhnert, wie fast alle vor Erschöpfung, Kälte und Hunger dem Tod näher als dem Leben, in ein Hospital außerhalb von Stalingrad. Nur aus Baracken bestand es und bot Platz für ca. 200 bis 300 Gefangene, ein Feldlager, wie es viele gegeben hat, wo noch keine Registrierung stattfand. Die erfolgte erst in Kameschkowo. Ein wichtiger Hinweis, wie Witalij Gurinowitsch bemerkt, denn erst mit der schriftlichen Aufnahme der Daten erschienen die Gefangenen auch in der Statistik. Wer ohne Registrierung starb, galt später – und gilt oft bis heute – als vermißt.

Krankenschwestern in Kameschkowo

Krankenschwestern in Kameschkowo

Per Krankentransport in Güterwaggons wurden Erwin Brenneke, Martin Kade und Walter Kuhnert im Frühjahr nach Kameschkowo gebracht. Unter erträglichen Umständen, meint der Überlebende. Hätte der Transport aber schon im Winter stattgefunden, wäre es allerdings möglicherweise ganz anders ausgegangen. Diese Züge kamen oft mit mehr erfrorenen als lebenden Gefangenen am Ziel an.

Martin Kade hatte Walter Kuhnert schon im Stalingrad-Lager als Sanitäter gesehen, aber nicht persönlich kennengelernt. Mit Erwin Brenneke machte er erst in Kameschkowo Bekanntschaft, wo sie nun alle drei, jeder auf seinem Posten, nachdem sie selbst wieder einigermaßen hergestellt waren, für die medizinische Betreuung der Gefangenen eingesetzt wurden.

Walter Kuhnert im Mai 1995 in Erlangen bei der Ausstellungseröffnung im Rathaus

Walter Kuhnert im Mai 1995 in Erlangen bei der Ausstellungseröffnung im Rathaus

Das Hospital, in einer Schule untergebracht, war ursprünglich für verwundete Angehörige der Roten Armee eingerichtet worden. Angesichts der großen Zahl von Gefangenen nach Stalingrad wurde beschlossen, das Haus umzuwidmen und fortan hier Deutsche, Rumänen, Ungarn und Österreicher zu behandeln. Soweit das möglich war. Ein Umstand, der unter dem russischen Personal für Unmut gesorgt hatte, vor allem auch, weil man sich vor den ansteckenden Krankheiten wie Fleckfieber fürchtete, die von den neuen Patienten eingeschleppt wurden, und mit denen sich dann auch tatsächlich viele russische Pflegekräfte – oft mit tödlichem Ausgang – infizierten. Als Walter Kuhnert eintraf, spürte er von diesen Vorbehalten nichts mehr. Im Gegenteil: Die deutschen Ärzte – ein ganzes Feldlazarett hatte man von Stalingrad nach Kameschkowo gebracht – waren nicht nur in der großen Überzahl, sondern sie genossen auch Respekt und Ansehen seitens des russischen Personals. Die Beziehungen waren gut, man vertraute einander, brauchte einander im Kampf ums Überleben.

Walter Kuhnert, Alissa Axjonowa, Martin Kade, Jelena Ljubar und Witalij Gurinowitsch 1995 in Erlangen

Walter Kuhnert, Alissa Axjonowa, Martin Kade, Jelena Ljubar und Witalij Gurinowitsch 1995 in Erlangen

Erwin Brenneke arbeitete im OP-Saal, Martin Kade im Verbandsraum, und Walter Kuhnert war für die Reha-Maßnahmen zuständig, für Übungen und Bewegungen, die er streng nach Anleitung seines russischen Vorgesetzen mit den Rekonvaleszenten machte. Insgesamt etwa 400 Patienten waren von den ca. 30 deutschen und ebensovielen russischen Medizinern und Pflegekräften zu betreuen, untergebracht in zwei ehemaligen Schulen, einer profanisierten Kirche und einem Vereinshaus, alles von Stacheldraht umgeben.

Martin Kade, Alissa Axjonowa, Erwin Brenneke und Witalij Gurinowitsch; im Hintergrund Elisabeth Wittmann und Gerd Lohwasser

Martin Kade, Alissa Axjonowa, Erwin Brenneke und Witalij Gurinowitsch; im Hintergrund Elisabeth Wittmann und Gerd Lohwasser

Auf Initiative von Dr. Frisch, erinnert sich Walter Kuhnert, formierte man ein Theater-Ensemble, dessen Gründer auch als Regisseur wirkte. Vor allem Martin Kade – er studierte später sogar Slawistik – und Erwin Brenneke, der sein Russisch noch im Ruhestand mit Hilfe einer Muttersprachlerin pflegte, machten sich fleißig an das Übersetzen von russischen Stücken der Klassik ins Deutsche: Alexander Puschkin, Nikolaj Gogol, Anton Tschechow. Besonders dessen „Revisor“ haben sie gerne gespielt, nicht nur im Hospital, sondern auch in Wladimir und in umliegenden Dörfern. Walter Kuhnert fiel dabei oft die Frauenrolle zu, nicht ganz freiwillig: „Wollte ja sonst keiner machen“, grinst er zu dem Thema. Aber auch im Orchester wirkte er mit. Wie auch nicht als Multiinstrumentalist.

Alles machten die Gefangenen selbst, denn sie hatten ja auch alle Berufe vertreten: ein Schneider, ein Toningenieur, ein Zimmermann. Man wußte sich zu helfen, wenn es um Kostüme und Kulissen ging. Bei seiner Rückkehr nach Kameschkowo in den 90er Jahren fand Walter Kuhnert noch die Kellerbühne vor. Doch es stand schon das Wasser in den Räumen, und wenig später riß man das Gebäude ab. Heute steht nur noch eines der beiden Schul- bzw. Hospitalgebäude von einst.

Theatergruppe; die

Theatergruppe; die „Dame“ in Weiß dargestellt von Walter Kuhnert

Während die Theateraufführungen natürlich für die eigenen Landsleute gedacht waren, trat das kleine Orchester, dem Walter Kuhnert angehörte, auch für Russen auf. Sogar Tanzveranstaltungen gab es. Dazu holte man das Klavier aus dem Keller, brachte es per LKW in ein anderes Gebäude auf dem Lagergelände, „und da haben wir gespielt“. Besonders wichtig dabei: Es gab da eine Küche mit einem deutschen Koch, wo sich die Musiker nach ihrem Einsatz sattessen konnten, einmal im Monat. 200 bis 300 Leute kamen immer zu diesen Darbietungen.

Krankenschwester Sonja

Krankenschwester Sonja

Darunter auch die Krankenschwester Sonja. „In die waren wir alle verliebt – und ich besonders“, bekennt Walter Kuhnert. Wer das Bild von ihr gemacht hat, weiß er nicht mehr. Aber es gab für die Zivilbevölkerung die Möglichkeit, defekte Apparate im Lager reparieren zu lassen. Die findigen Deutschen mußten anschließend natürlich die Funktionstüchtigkeit überprüfen und dazu Probeaufnahmen machen, die sie dann behielten. Dabei wird wohl auch diese Photographie entstanden sein. Dr. Frisch wollte Sonja übrigens sogar mit nach Deutschland nehmen. Aber die Umstände damals waren nicht danach. Die Umschwärmte ist später nach Nowosibirsk gezogen… Zwei oder drei Briefe von ihr hat Walter Kuhnert noch aufbewahrt.

Doch auch andere menschliche Begegnungen gab es. So etwa mit dem Russen, der bei Walter Kuhnert das Akkordeonspiel erlernen wollte. Der Musikus freute sich über das Interesse am Instrument, doch als der Schüler kam, brachte er Wodka mit und einen kleinen Imbiß, eine Sakuska: „Wir haben uns hingesetzt, getrunken, schnabuliert. Und es dauerte nicht lange: Er war besoffen, ich war besoffen. Er ist wieder gegangen, ohne einen Ton gespielt zu haben, wollte aber wiederkommen. Er kam auch wieder. Und wieder das gleiche Theater: Wodka, Sakuska. Ich war besoffen, er war besoffen. Vielleicht gab es sogar noch ein drittes Mal. Ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls hat er nie auch nur einen Ton gespielt. Wera Friedmann erzählte mir später, ihr habe ein Russe davon berichtet, er habe bei mir Akkordeon gelernt.“ So entstehen musikalische Legenden…

Walter Kuhnert

Walter Kuhnert

Schon vor dem Krieg wurde Walter Kuhnert, der einzige Sohn einer Eisenbahnerfamilie, Orchestermusiker, hatte sich in seiner schlesischen Heimat mit 17 Jahren zur Militärkapelle gemeldet und landete nach drei Monaten Grundausbildung in Bamberg beim Panzer-Musikzug. Als er im Frühjahr 1949 heimkam, gab es die schlesische Heimat nicht mehr, Musiker galt nicht als richtiger Beruf. Im Ruhrgebiet arbeitete er ein Jahr bei Hamm unter Tage, weshalb er noch heute seine Rente bei der Knappschaft bezieht. Aber die Musik blieb seine Berufung. Es war wieder Dr. Frisch, der dem Spätheimkehrer half. Der Arzt stellte die Verbindung zum Konservatorium in Duisburg her, und Walter Kuhnert bestand auch gleich die Aufnahmeprüfung. Doch erst nach fünf Jahren legte er sein Examen ab, denn er hatte inzwischen geheiratet und war Vater geworden. Da ging es nicht ohne Nebenerwerb auf dem Bau, als Vermessungsgehilfe, als Arbeiter in der Spedition einer Kupferrohrfabrik. Ein saueres Brot. Auch das Examen 1957 brachte noch nicht den notwendigen Verdienst. Zunächst gab der Musiker nur privaten Unterricht, was natürlich nicht reichte, um eine Familie zu ernähren. Dann erfuhr er, in Mülheim an der Ruhr suche man einen Musiklehrer. Von Duisburg aus konnte man ja mit der Straßenbahn hinkommen. Was für ein Glück! Blockflöte und allgemeine Musiklehre unterrichtete er da zunächst, dann blieb er dort hängen, wurde sogar stellvertretender Leiter der Musikschule, zuständig für Unterricht und Verwaltung mit 1.600 Schülern und 60 Lehrkräften.

Die klassische Musik liebt und spielt er bis heute leidenschaftlich. Doch die russischen Lieder seiner Jugend haben es ihm besonders angetan. Bis heute kennt er die Melodien und Texte auswendig. Ein Lied spielt und singt er am liebsten von allen. Jenes, das beim Krankentransport nach Saratow eine russische Schwester unterwegs auf einem Rangierbahnhof angestimmt hatte. Am Ende bliesen die drei oder vier Dampflokomotiven zum Applaus. Was für ein Auftritt! Walter Kuhnert hatte zusammen mit Martin Kade nach Auflösung des Hospitals in Kameschkowo den Transport begleitet. Erwin Brenneke kam als Arzt nach Wladimir.

Walter Kuhnert und Witalij Gurinowitsch

Walter Kuhnert und Witalij Gurinowitsch

„Ich liebe das Leben sehr!“ Das glaubt man Walter Kuhnert gern, wenn man ihn besucht in Rhede, wo er seit einigen Jahren hoch oben im Norden Deutschlands lebt, unweit der holländischen Grenze und nah am Meer. „Hier fühle ich mich wohl!“ Noch oft denkt er an jene ferne Zeit zurück, an die Krankenschwestern, in die er sich verliebt hat, an die Kameraden und an Wera Friedmann, die er so gerne noch einmal wiedersehen würde.

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Eine Dopingprobe zumindest brauchte nach dem Wettkampf nicht gemacht werden, der am vorvergangenen Wochenende während des Stadtfestes in Wladimir stattgefunden hatte: die Krabbelmeisterschaften. Vielleicht nicht weiter der Erwähnung wert, zumal die Disziplin für die Acht-Meter-Distanz der noch nicht gehfähigen Kleinkinder bisher keine olympischen Weihen genießt. Wäre da nicht der Ernst der Mütter jener 30 sportiven Wonneproppen, die am Start waren, übrigens in zwei Altersgruppen, die eine bis elf, die andere bis fünfzehn Monate. Nur nach dem Geschlecht unterschied man nicht. Bisher. Kann ja noch kommen. Für die beiden ersten jedenfalls gab eine Reise nach Jaroslawl. Nein, nicht, noch nicht zu den Landesmeisterschaften, sondern ins Delphinarium; die anderen mußten sich mit hübschen Urkunden und Gutscheinen für Spielzeug zufriedengeben. Soweit, so gut.

Krabbeln

Dann aber der Skandal. Die Organisatoren hatten sich beim Zieleinkrabbeln vor laufenden Kameras geirrt und den Sieg dem falschen Baby zugesprochen. Dies bewegte die erzürnte Mutter des unterlegenen Jungen dazu, auf der Homepage des Senders TV 6 den Veranstaltern Korruption vorzuwerfen und sie heftigst zu attackieren. Man habe ihr Kind um den Sieg betrogen. Die Sache wurde schließlich geklärt und friedlich beigelegt. Sie zeigt aber doch: Sport ist die ernsteste Nebensache der Welt, und wenn es um den frühkindlichen Siegeskranz geht, verstehen ehrgeizige Eltern keinen Spaß. Nur gut, daß die Kleinen das noch nicht mitbekommen.

Einige bewegte Einblicke unter: http://www.youtube.com/watch?v=JnZIOkAui0M

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Die deutschen Kriegsgefangenen haben auch in der Wladimirer Literatur die eine oder andere Spur gezogen, so in einer Erzählung des 1944 geborenen Leonid Srelow, die dessen Leidenschaft für den Fußball gewidmet ist. Heute ein Auszug aus dieser Kurzgeschichte: 

Das Stadion angefangen zu bauen haben deutsche Kriegsgefangene. Ihre Zeit im Lager näherte sich dem Ende. Sie waren jetzt erstaunlich friedfertig arbeitende Menschen. Monoton und exakt gruben sie, und ich schaute ihnen, den Kopf mit einer Helmkappe bedeckt, von oberhalb des Berges zu, beobachtete ihre gewissenhafte Arbeit. Ohne jede Bewachung durften sie nach der Arbeit zu uns nach Hause, um zu essen, erzählten von sich. Die verständlichen Worte kamen ihnen zerbrechlich über die Lippen, die Laute zitterten, zerbrachen; sie wollten Rußland nicht erobern, doch man hatte sie in den Osten getrieben.

Nachdem man die Deutschen von anderen Baustellen abgezogen hatte, wimmelten die Baugrube und die Berghänge von ihnen wie ein Ameisenhaufen. Fieberhaft ging die Arbeit voran, wie in Schüben. Die erhitzten Wachposten ließen die Sicherungen ihrer Repetiergewehre auf- und zuschnappen, gingen unruhig hin und her, gaben von Zeit zu Zeit kehlige Laute von sich. Ihr lebendes Ziel hatte der von einer stechenden Sonne aufgeheizte Ameisenhaufen wie verwischt. Es war nicht zum Hinsehen, es war zum Wegdrehen, zum Weglaufen, aber wir Jungs standen wie angewachsen und sahen alles.

Ich meine, die Kriegsgefangenen blieben gar nicht so lange auf der Baustelle. Die Liebe sollte zurückkehren an diesen Ort, wo einige alte Ulmen unberührt geblieben waren…

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Fast seherisch hat sie der Blog bereits im Januar 2010 beschrieben, die Zukunft des Wladimirer öffentlichen Nahverkehrs – schaffnerlos. Nachzulesen als Einstimmung auf die folgenden Zeilen unter: http://is.gd/CWKmSo

Noch gibt es sie, die Schaffnerin im Bus...

Noch gibt es sie, die Schaffnerin im Bus…

Jetzt ist es also soweit. Sie tragen zwar keine Uniform, sind aber unschwer zu erkennen am umgehängten Geldbeutel und an der Fahrscheinrolle in der Hand. Außerdem sind sie es, die mit Kennerauge all jene identifizieren, die vorne oder hinten im Bus neu zugestiegen sind. Der Fahrgastraum mag noch so eng besetzt und vollgestanden sein, dem „Konduktor“, wie im Russischen der Schaffner beiderlei Geschlechts genannt wird, entgeht nichts und niemand. Doch nun geht seine Zeit zu Ende. Angeblich, so die Geschäftsleitung des größten privaten Verkehrsunternehmens, das iim Auftrag der Stadt fast alle Linien in Wladimir bedient, weil die Arbeitsbedingungen für immer mehr Vertreter dieser Zunft nicht mehr attraktiv seien im Vergleich zu Stellen im Einzelhandel, wo Verkäufer in etwa das gleiche verdienen, aber eine Toilette um die Ecke haben, im Winter nicht frieren und im Sommer nicht schwitzen müssen. Ab sofort läuft ein „Experiment“ in den 28er Bussen: Sie fahren schaffnerlos, eingestiegen wird nur noch vorne beim Fahrer, bei dem der Fahrschein zu erwerben ist und der die hinteren Türen geschlossen läßt, bis alle zugestiegen sind, damit sich niemand als „Häschen“ – so nennt man im Russischen die Schwarzfahrer – zum unberechtigten Aufspringen eingeladen fühle. Das mag manches Mal eine bedrängende Enge zur Folge haben, bis in einem zweiten Schritt des Feldversuchs dann vielleicht doch vorne und hinten die Türen gleichzeitig aufgehen, wie wir das ja auch aus Erlangen kennen, wo die Fahrer gefühlt schon immer in Personalunion den Schaffnerdienst verrichten, während die schwarzen Häschen von den Kontrolleure in Zivil zur Strecke gebracht werden. Es bedarf wohl keiner großen seherischen Kraft, um vorherzusagen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis auch in Wladimir der Schaffner in den Bussen nichts mehr zu schaffen hat, ganz wie bei Wolfgang Ambros: „Schaffner sei, / des woar amoi wos! / Die Zeit is vorbei. / Heit foahr ma schaffnalos.“ Der Nachruf auf den Berufsstand – zeitlos traurig – ist zu hören unter: http://is.gd/5BI7Po

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Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Superlativen wird man sich schwertun, eine ganze russische Familie zu finden, die so auf das Deutsche und insbesondere auf Erlangen eingestellt ist wie die Nikolajews. Dabei kam die Neigung – wie so oft im Leben – eher durch Fügung zustande, denn durch eigene Absicht. Vor vier Jahren begab es sich nämlich, daß das Ärzteehepaar mit den beiden Kindern beschloß, im Amerikanischen Haus einen Englisch-Kurs zu belegen, zumal Tochter Natalia die Sprache schon an der Schule lernte. Zu spät jedoch hatte man sich aus Gus-Chrustalnyj nach Wladimir aufgemacht, denn es waren bereits keine Plätze mehr frei. Aber wenn man schon einmal in der Gouvernementshauptstadt war, wollte man nicht ganz unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren und schaute auf gut Glück noch rasch beim Erlangen-Haus vorbei. Nach dem Motto: Etwas Deutsch zu lernen, könnte ja auch nicht schaden. Und siehe da, der Anfängerkurs war noch nicht ausgebucht, und die Familie schrieb sich komplett ein – und blieb, angetan von der Didaktik, von den Lehrkräften und der Atmosphäre des Erlangen-Hauses – bis heute bei der Stange. Zwei Mal die Woche heißt es nun pendeln zwischen Gus-Chrustalnyj und Wladimir – jedes Mal 140 km hin und retour -, drei Mal nahm die Familie am Sommerkurs der Volkshochschule in Erlangen teil, jede Menge Freunde haben die vier nun in Franken, und sie können gar nicht genug bekommen vom Deutschen. Sie belegen nun auch noch einen sechs- bzw. achtwöchigen Sprachkurs am Language Center, wo sie zusammen mit Brasilianern, Indern oder Japanern morgens die Schulbank drücken. „Streng geht es da zu“, bemerkt Natalia Nikolajewa, „sogar Hausaufgaben bekommen wir jeden Tag auf, die auch noch kontrolliert werden. Aber wir lernen wirklich viel da.“ Man glaubt es der Schülerin, die mittlerweile auch noch einen Kurs im Amerikanischen Haus belegt, wenn man hört, wie sie auf Bitten der Mutter die Terminabsprachen am Handy mit Freunden macht. Viel Zeit bleibt freilich nicht mehr für Treffen, denn am Samstag geht es wieder zurück in die Heimat.

Familie Nikolajew: Natalia, Alexander und Olga

Familie Nikolajew: Natalia, Alexander und Olga

Dort erwartet der schon eher zurückgekehrte Vater sehnsüchtig seine Familie, die allerdings bereits jetzt an den nächsten Sommerkurs in Erlangen denkt. Dann wollen sie alle – dem Beispiel der Mutter folgend – vormittags in den Universitätskliniken hospitieren und nachmittags ihre Kurse am Language Center besuchen. Alexander studiert bereits Medizin in Iwanowo und klagt nebenbei über mangelnde Möglichkeiten, dort sein Deutsch weiterhin zu pflegen, Natalia will ebenfalls einmal Ärztin werden, und Olga Nikolajewa ist überglücklich und dankbar, in den letzten Wochen die Gelegenheit genutzt zu haben, an der Frauenklinik zu hospitieren. Leuchtende Augen bekommt die Gynäkologin, wenn sie von der Ausstattung des Krankenhauses erzählt oder von der vielseitigen Kompetenz ihrer hiesigen Kollegen spricht. Aber sie schildert auch gerne, wie sehr sich die Familie in Erlangen schon zu Hause fühle, wie gut man sich aufgenommen wisse, wieviel Spaß man mit den Freunden hier habe – und was man in Erlangen so an Abenteuern per Fahrrad erleben könne: Etwa wenn ihr Mann Jewgenij – wiewohl vorbildlich behelmt – von der Polizei angehalten wird und 15 Euro Strafe bezahlen muß, weil er schnurstracks durch die Fußgängerzone geradelt ist. Dabei stiftete er wohl noch einige Verwirrung, als er den Ordnungshütern erklärte, er gehe hier zur Schule, was er freilich anhand seiner Lehrbücher nachweisen konnte. Alexander meint dazu nur lapidar: „Das beste Mittel, derlei Ungemach aus dem Weg zu gehen, ist einfach: schneller fahren. So hält dich niemand an, und Unfälle mit Fußgängern und andern Radfahrern lassen sich auf diese Weise leichter vermeiden, denn alle weichen dir aus, machen die Bahn frei.“ Nicht ganz ungefährlich und wohl auch nicht mehrheitsfähig dieses Unfallverhütungskonzept, aber auch wieder nicht so ernst gemeint vom Mitglied einer Familie, die gerne lacht, auch über sich selbst. Ansteckend, sympathisch – und ganz auf Erlangen eingestellt.

S. auch: http://is.gd/vhi6DS

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In diesen Augusttagen des Jahres 1991 entschied sich das Schicksal der Sowjetunion. Die Demokratiebewegung setzte sich gegen einen reaktionären Staatsstreich durch. Heute im Blog ein Rückblick des Wladimirer Journalisten Pjotr Fokin vom Privatsender TV Zebra auf jene Zeit – mit kritischer Sicht der Gegenwart.

Vor genau 22 Jahren kam es in der Sowjetunion zum Putsch. Der Zustand der UdSSR war damals in jeder Hinsicht jämmerlich: Bezugsscheine für fast alle Waren, totales Defizit, aber sehr viel an politischem Pluralismus. Und just unter diesen Umständen riß das Staatskomitee für den Ausnahmezustand unter Vizepräsident Gennadij Janajew die Leitung des Landes an sich. Staatsoberhaupt Michail Gorbatschow wurde auf seiner Datscha in Foros auf der Krim festgehalten. Den Widerstand gegen den Staatsstreich führte Boris Jelzin an. Panzer wurden nach Moskau in Marsch gesetzt. Die Straßen der Hauptstadt waren voller Anhänger der Demokratie. So könnte man die seinerzeitige Situation im sechsten Teil der Erde kurz umschreiben.

Panzer auf dem Roten Platz im August 1991

Panzer auf dem Roten Platz im August 1991

Damals machte ich zusammen mit einer Gruppe von Freunden das, was man heute cum grano salis ein Praktikum nennen könnte. Zusammen mit anderen Studenten der Fremdsprachenfakultät am Wladimirer Staatlichen Pädagogischen Institut (diese Hochschule ist in der Lethe versunken) wurde ich über die Ferien zur Arbeit in einer sogenannten Internationalen Einheit herangezogen. Zu unseren Aufgaben gehörte es also, einer Gruppe von Gästen aus Schweden und Frankreich (insgesamt 70 Personen) zu helfen, die zu einem Russisch-Sommerkurs nach Wladimir gekommen waren. Untergebracht waren sie im zweiten Stock des Studentenwohnheims Nr. 1 (gleich hinter dem Hochschulgebäude am Prospekt Stroitelej.

Die Schweden und Franzosen waren von Ende Juli bis Ende August in Wladimir. Die Zeit verbrachten sie recht fidel. Die „Bourgeois“, wie wir sie nannten, besuchten am Vormittag den Unterricht und verbrachten den Nachmittag in der Stadt. Sie waren gar nicht mehr aus den Restaurants herauszubekommen. Es schockierte sie, daß ein mit schwarzem Kaviar belegtes Brot zwei Francs oder zwei Kronen kostete (wie hoch der Preis in Frankreich oder Schweden gewesen wäre, wußte niemand von ihnen, weil man gar nicht daran gedacht hätte, überhaupt danach zu fragen) und der sowjetische Sekt um nichts schlechter schmeckte als der französische Champagner, nur um das Hundertfache billiger zu haben war.

Ich kann nichts dazu sagen, inwieweit sie insgesamt ihr Russisch verbesserten. Sicher aber weiß ich, daß sie unter gewissen Aspekten in der Sprache Puschkins grandiose Fortschritte machten. Wie gesagt, es ging recht fidel zu.

Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau, August 1991

Panzer vor dem Weißen Haus in Moskau, August 1991

Und dann dies: Gegen 10 Uhr morgens kam am 19. August eine Französin mit hervorquellenden Augen angelaufen und rief: „Ihr habt einen Coup d’état!“ Sie hatte das aus einer Nachrichtensendung eines französischen Senders. Bemerkenswert, daß ihr Radiogerät die ganze Zeit über den Dienst verweigert hatte, just in dem Moment aber auf Empfang ging. Einen Fernseher gab es im Wohnheim nicht. Deshalb sahen wir weder Schwanensee noch die zitternden Hände Janajews. Niemand begriff, was überhaupt vor sich ging.

Die Franzosen und Schweden machten sich aufrichtig Sorgen um ihre russischen Freunde. Erst wenige Tage vorher hatte ich einem schwedischen Namensvetter meinen Komsomolzenausweis geschenkt. Am 19. August kam Peter auf mich zu und wollte mir mit den Worten „damit es keine Probleme gebe“ das Dokument zurückgeben. Ich verheimliche nicht, wie gern ich es genommen hätte, aber ich konnte mir eine solche Feigheit nicht erlauben, nannte Peter einen Narren und riet ihm, nicht die Nerven zu verlieren (obwohl ich selbst völlig  durch den Wind war).

Am Abend pinselten wir gemeinsam mit den „Bourgeois“ Flugblätter mit Parolen in der Art „Weg mit der KPdSU“, „Jelzin ist unser ein und alles!“ oder „Gebt uns Demokratie!“. Heimlich hängten wir sie dann in der Nähe des Pädagogischen Instituts auf.

Boris Jelzin vor dem Weißen Haus im August 1991

Boris Jelzin vor dem Weißen Haus im August 1991

Und dann siegte die Demokratie. Die Schweden erlebten den Moment nicht mehr bei uns, denn sie reisten am Abend des 20. wieder zurück. Doch die Franzosen beschlossen, noch an demselben Abend eine Party zu veranstalten. In dem Laden gegenüber dem Institut, wo heute „Alex“ ist, konnte man nur moldawischen Cognac der Marke Fluerasch und Strugurasch kaufen. Einige konnten sie sogar am Geschmack unterscheiden, die meisten freilich nicht. Sogar für jene Zeiten des totalen Defizits waren beide freilich ein scheußliches Gesöff. Dennoch kauften die Franzosen 40 Flaschen. Dazu gab es dann nur Erdnußgebäck, drei große grüne Plastikschüsseln voll (andere Behältnisse hatten wir nicht am Institut). So ausgestattet feierten wir denn mit den Franzosen den Sieg der Demokratie in der UdSSR.

Und jetzt, 22 Jahre danach, gibt es weder die Sowjetunion noch Fluerasch oder Strugurasch noch die Demokratie. Klar, daß die UdSSR nicht wiederkommt. Ohne die Produkte der moldawischen Lebensmittelindustrie lebt es sich auch gar nicht so schwer. Aber ohne Demokratie, wie geht das?! Schließlich ist doch die KPdSU praktisch zurückgekehrt, freilich unter anderem Namen. Mich dünkt, daß die Menschen in Moskau damals im August 1991 nicht deswegen auf die Straße gegangen sind. Nicht dies hatten sie im Sinn, als sie das Denkmal des Eisernen Felix umwarfen. Und auch wir haben nicht davon geträumt.

Pjotr Fokin

P.S.: Just in jenen historischen Tagen strandete eine Wladimirer Jugendgruppe auf dem Heimweg von Frankreich in Erlangen und erhielt hier vorübergehendes Asyl, bis die Lage in der Heimat wieder geklärt war. Eine Geschichte, die auch noch zu erzählen ist…

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