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Archive for 19. Juli 2013


Vorgestern legte Alexej Nawalnyj auf dem Weg von Moskau nach Kirow einen zwanzigminütigen Zwischenhalt in Wladimir ein. In der Partnerstadt empfingen den Oppositionellen einige Dutzend Sympathisanten und Journalisten, darunter auch Boris Nemzow, in den 90er Jahren Gouverneur von Nischnij Nowgorod und Vizepremier der Russischen Föderation, heute der hellste Kopf der noch im Land und zumindest zeitweise auf freiem Fuß befindlichen Demokratiebewegung.

Alexej Nawalnyj (weißes T-Shirt) und Boris Nemzow (blaues Hemd) auf dem Wladimirer Bahnhof

Alexej Nawalnyj (weißes T-Shirt) und Boris Nemzow (blaues Hemd) auf dem Wladimirer Bahnhof

Daß es sich um eine einfache Fahrt handeln könnte, ahnte Alexej Nawalnyj wohl schon, auch wenn er in Wladimir meinte, jeder Angeklagte hoffe auf einen Freispruch. Aber er hatte ja vorsorglich schon einmal Schlappen und Trainingsanzug eingepackt. Beides brauchte er denn auch diese Nacht, wenngleich er wohl auf Intervention der Staatsanwaltschaft unter Auflagen wieder freikommen dürfte, bis das Urteil auf fünf Jahre Lagerhaft rechtskräftig wird.

Details müssen hier im Blog, der ja unter anderem angetreten ist, dem oft unverdient düsteren Bild Rußlands in den Medien auch die eine oder andere lichte Seite abzugewinnen, nicht weiter dargestellt werden. Die überregionalen Zeitungen berichten genug darüber. Dennoch: Was Alexej Nawalnyj jetzt widerfährt, hat wohl System, passiert überall. Auch in Wladimir und in Jaroslawl und anderswo.

Protest in Wladimir:

Protest in Wladimir: Ein Richter, der einen Unschuldigen verurteilt, verurteilt sich selbst. Laßt Nawalnyj in Ruhe!

Jewgenij Urlaschow, ein Abtrünniger der Partei Einiges Rußland, von Alexej Nawalnyj Partei der „Gauner und Diebe“ genannt, hatte im Vorjahr die Bürgermeisterwahlen in Jaroslawl triumphal gewonnen und der Korruption den Kampf angesagt. Nun sitzt er in Moskau in Haft, per Gerichtsbeschluß abgesetzt, und wartet auf seinen Prozeß, wo man ihm vorhalten wird, er habe sich selbst schmieren lassen.

Und in Wladimir? Da hat die Justiz bereits Ende April den Unternehmer Alexander Filippow ins Visier genommen, eine einschüchternd brachiale Hausdurchsuchung angeordnet und den Verdacht gestreut, der Kandidat der Oppositionspartei Bürgerplattform habe Konten im Ausland angelegt und darauf Firmengeld überweisen lassen – zum eigenen Vorteil, versteht sich. Was an den Vorwürfen dran ist, muß sich erst noch erweisen. Der politische Ruf ist aber in jedem Fall schon einmal perdu.

Protest in Wladimir

Protest in Wladimir

Das Vorgehen hat System, ist System. Kreml-Gegner müssen gewärtigen, daß Exekutive und Justiz ihrer immer und überall habhaft werden, immer und überall etwas finden, um sie zu diskreditieren, zu inkriminieren, selbst wenn es da gar nichts zu suchen gibt. Auch in Wladimir, wo Alexej Nawalnyj nur auf Zwischenhalt war und doch als Symbolfigur des Widerstands bleibt.

Protest in Wladimir: Nicht nur das TV-Team ist am Drehort...

Protest in Wladimir: Nicht nur das TV-Team ist am Drehort…

P.S.: Im Unterschied zu Moskau gab es bei spontanen Kundgebungen für Alexej Nawalnyj in Erlangens Partnerstadt keine Festnahmen. Allerdings durften die Demonstanten auf keinen der zentralen Plätze (die waren aus irgendwelchen Gründen just gestern nachmittags und abends bereits anderweitig belegt), sondern konnten ihren Protest nur im sogenannten Hyde-Park (s. http://is.gd/UxNDKJ) zum weitgehend unbemerkt gebliebenen Ausdruck bringen. Immerhin berichtete der Privatsender Zebra-TV, von dem auch die Bilder stammen. Immerhin.

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