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Archive for 12. April 2012


Fragt man Jurij Katz, der vor siebzehn Jahren gemeinsam mit seiner Frau Ljubow, die Initiative „Swet – Licht“ für Eltern mit schwerbehinderten Kindern gegründet hat, wie viele Menschen seine Selbsthilfeorganisation betreut, greift er gern zur Symbolik der Blume, dem Emblem des Vereins. Die 30 Blütenblätter stehen für je ein Programm, das angeboten wird, von Hypotherapie bis zur juristischen Beratung. Das eine zugeschnitten auf einen eher kleinen Kreis von Kindern mit besonderen Behinderungen, das andere ein Service für alle 30.000 Behinderten der Region Wladimir, um nur zwei Bereiche herauszunehmen. Allein in der Partnerstadt sind es mehr als 800 Familien, deren Kinder von Swet betreut werden. Familie ist denn auch das Stichwort, denn deren Bund fürs Leben zerbricht oft am Schicksal eines behinderten Kindes, weshalb das Augenmerk gerade der Unterstützung von betroffenen Eltern gilt. Dabei ist die Organisation, die ursprünglich nur in den ersten Lebensjahren eines Kindes Hilfe anbieten wollte, heute für Behinderte aller Altersstufen offen und gilt damit landesweit als beispielgebend.

Wolfram Howein, Elisabeth Preuß, Jurij Katz

Jurij Katz nutzt seinen Besuch in dieser Woche dazu, alte Freunde wiederzusehen und neue zu gewinnen – für sich und vor allem seine großartige Sache. Bei Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, zuständig im Erlanger Rathaus unter anderem für Fragen der Inklusion, muß der Gast freilich nicht lange werben. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, wissen, wovon sie sprechen. Im Unterschied zu breiten Teilen der Politik und Öffentlichkeit hier wie dort: „Inklusion betrifft alle“, meint dazu die Gastgeberin, „aber noch längst nicht alle wissen, wie sehr es sie persönlich betrifft“, ergänzt Jurij Katz, der drei Hochschulabschlüsse vorweisen kann. Der gelernte Ingenieur studierte nach der Geburt des schwerbehinderten Sohnes vor 28 Jahren und der Gründung des Vereins zunächst zusätzlich Pädagogik, und, weil es damit bei seiner Arbeit noch längst nicht getan ist, erwarb er im Vorjahr auch noch ein Diplom als Jurist. Nun möchte der Vorkämpfer für ein gleichberechtigtes Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten möglichst rasch ein Kooperationsprojekt im Bereich Inklusion beginnen, den mit der habe man dank medizintechnischer Unterstützung aus Erlangen bereits seit mehr als zehn Jahren gute Erfahrungen gemacht. Mit Hilfe von über Vermittlung des Kinderschutzbundes seitens Siemens gespendeter Geräte konnten nämlich schon etwa 30 Kinder mit eingeschränkter Hörfähigkeit in den normalen Schulbetrieb inkludiert werden. Ein Experiment, das gegen den anfänglichen Widerstand der „Fachleute“ gelungen ist, lange bevor der Terminus Inklusion auf die Agenda kam und heute exemplarisch für ganz Rußland.

Daniela Lade, Jurij Katz

Im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das Jurij Katz bereits bei seinem ersten Besuch vor gut vier Jahren kennengelernt hatte, trifft er Daniela Lade, die das gleiche Ziel verfolgt: ein gleichberechtigtes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen. Der Gast geht allerdings einen Schritt weiter und plädiert dafür, die Beratung nicht alleine Behinderten zu überlassen, auch wenn die aus eigener Erfahrung sicher über mehr Empathie verfügen. Wichtig sei aus seiner Sicht neben der professionellen Hilfestellung auch die Öffnung für Nichtbehinderte, ganz so wie ja auch Betriebe verpflichtet seien, einen bestimmten Anteil von Behinderten zu beschäftigen. Ganz pragmatisch sieht er die Sache: „Entscheidend ist die Qualität der Beratung, gleich ob die ein Behinderter oder Nichtbehinderter anbietet“, lautet sein Credo. Auch Daniela Lade will keine Abstriche bei der Qualität machen, hält aber entgegen, gerade in den oft schwierigen Lebenslagen von behinderten Menschen schaffe die gemeinsame Betroffenheit ein besonderes Klima des Vertrauens und Verstehens. Man kann davon ausgehen, daß der Dialog fortgeführt wird. Jurij Katz verspricht jedenfalls wiederzukommen, um zu sehen, wie sich die Inklusion von Nichtbehinderten im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Zukunft entwickelt.

Bevor es am Nachmittag mit seinem Freund Wolfram Howein zu den Barmherzigen Brüdern nach Gremsdorf geht, besucht Jurij Katz noch einen Spender, der seit Jahren mit monatlich 100 Euro die Organisation Swet unterstützt, aber anonym bleiben möchte. Jetzt überlegt der Pharmazeut, einmal Wladimir zu besuchen, um selbst zu sehen, was mit seiner Hilfe alles an Gutem bewirkt wurde. Wolfram Howein, selbst ein großzügiger Förderer der Arbeit von Jurij Katz, könnte da viel zeigen. Auch viel von dem, was noch zu tun ist. Gemeinsam. Mit Behinderten und Nichtbehinderten. In Erlangen und in Wladimir. Mitstreiter willkommen!

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