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Archive for 9. April 2012


Hier nun die Fortsetzung des vorgestern mit Teil 1 vorgestellten Berichts der Reise von Ruth Sych im Dezember 1998, in einer Zeit, wo die Not noch groß war in Wladimir und die Hilfsbereitschaft aus Erlangen kleine Wunder wirkte.

Freitag, 11. Dezember 1998

Als ich morgens aus dem Fenster schaue, ist von den Autos fast nichts mehr zu sehen, so hat es über Nacht geschneit. Die ersten Besitzer tauchen auf, um ihre Wagen freizuschaufeln. Zum Frühstück gibt es wieder Bliny, Brot, Marmelade und Kaffee. Nach dem Frühstück werde ich Zeugin eines intensiven Palavers zwischen Herrn Üblacker und russischen Gästen. Nach einiger Zeit steht dann doch ein Kleinbus vor der Tür. Wir wollen zu dem Geschäft fahren, wo die bestellten Kindersachen lagern. Ein Fernsehreporter mit Kameramann eines örtlichen Senders begleitet uns. Sehr weit kommen wir jedoch nicht. Ein Auto versperrt uns den Weg. Es steckt im Schnee fest. Also steigen wir aus, schieben zuerst das fremde Auto aus dem Weg und anschließend unser Auto an, da die Räder blockieren. Irgendwie kommen wir aber dann doch an dem Geschäft an. Hier wird akribisch kontrolliert: Kinderhemdchen, Höschen, Anoraks, Kissen, Decken, Pullover, Strampler und jede Menge anderer Anziehsachen, bestimmt für die Kinderabteilung der Psychiatrie. Am hinteren Ende des Geschäfts steht ein Kleinlieferwagen, in den die gezählten Sachen sofort eingeladen werden. Alles wird vom Fernsehteam festgehalten. Der Lieferwagen fährt uns schon mal voraus.

Für Herrn Üblacker geht es nun ans Bezahlen. Da staune ich aber nicht schlecht. Von wegen eine Registrierkasse, wie wir es gewohnt sind: Ein Abakus macht die Rechenarbeit. Mit affenartiger Geschwindigkeit, ich kann gar nicht so schnell schauen, hantiert die Kassiererin mit dem Ding herum und rechnet Kolonnen von Zahlen zusammen. Ich bin einfach überwältigt. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nachdem alles bezahlt ist, fahren auch wir zu der Kinderklinik. Wir werden bereits erwartet, der Lieferwagen ist auch schon da. Man bittet uns in ein Konferenzzimmer, wo sich nach und nach Ärzte, verschiedenes Personal und der Leiter der Klink einfinden. Es wird eine kleine Erfrischung gereicht. Nach den Dankesreden erhält jeder ein Geschenk, auch ich. Es ist ein Ölgemälde des Künstlers und Patienten Awarra. Und wieder wird fleißig photographiert. Von der Klinik bekomme ich außer dem Konferenzraum nichts zu sehen. Die Kinderabteilung, die ich nicht betrete, ist von außen ein hübsches Gebäude auf einem großen Gelände mit Spielplatz und einigen Bäumen.

Jetzt geht es heim zum Erlangen-Haus. Auf der Fahrt bewundere ich den Chauffeur des Kleinbusses, der in dem hohen Schnee mit den vielen ausgefahrenen Furchen den Wagen steuert, ohne das Lenkrad festzuhalten. Er läßt den Bus einfach laufen und korrigiert mit dem kleinen Finger. Im Erlangen-Haus angekommen, gibt es Mittagessen und danach für mich nur eine kleine Pause.

Am Nachmittag bin ich mit Frau Filimonowa, deren Tochter Mascha und einer ihrer Klassenkameradinnen unterwegs. Die beiden Mädels studieren Deutsch und sprechen es schon ausgezeichnet. Sie führen mich in verschiedene Museen, und so geht der Nachmittag sehr schnell vorbei. Sie laden mich zum Abendessen in ihre Wohnung ein, und wieder bin ich überrascht, wie unkompliziert alles vonstatten geht. Vor dem gedeckten Tisch fehlt ein Stuhl, doch im Handumdrehen wird aus einer Ecke ein Klappstuhl hervorgeholt, und alle können Platz nehmen. Es wird ein angenehmer Abend mit vielen interessanten Gesprächen. Im Laufe des Abends kommt noch Maschas jüngere Schwester Nastja dazu. Ich muß dann das Zimmer der beiden Mädels bewundern. An der Decke sehe ich einen aufgeklebten Sternenhimmel, der in der Dunkelheit leuchtet, einfach fantastisch. Aber nicht nur das. An der Wand hängt auch ein Papier, fast in der Größe eines Plakates mit der Aufzeichnung der Präpositionen. Mascha erklärt mir, sie wiederhole vor dem Einschlafen all die Verhältniswörter. Selbstverständlich werde ich auch wieder zum Erlangen-Haus zurückgebracht. Die Gastfreundschaft dieser Familie ist wirklich außergewöhnlich.

Samstag, 12. Dezember 1998

In der Nacht schneit es wieder. Nach dem Frühstück – diesmal gibt es keine Bliny, sondern Crêpes mit Quarkfüllung – kommt pünktlich um 8.30 Uhr eine von Herrn Steger organisierte Dolmetscherin. Ein junger Mann, Roman Luschko, ein Faktotum, scheinbar für alles und jedes zuständig, bringt uns, die Dolmetscherin, Herrn Filimonow und mich zu dem Alten- und Pflegeheim mit angeschlossener psychoneurologischer Abteilung, ans Ziel meiner ganzen Bemühungen. Seit 1996 bestehen Kontakte zu diesem Altenheim, die ich über Herrn Steger angeregt hatte. Da ich für das Deutsche Sozialwerk ehrenamtlich arbeite, in der Regel in Erlanger Altenheimen, bot sich eine Partnerschaft geradezu an. Nach zwei Jahren zog sich das Deutsche Sozialwerk aus dieser Partnerschaft zurück, und ich beschloß, mir dieses Heim anzusehen. Der Fahrer fährt, nein, er kurvt mit schnellen Steuerbewegungen mal nach links, mal nach rechts durch den aufgetürmten Schnee, der auf einer buckligen, vereisten Straßendecke liegt, deren Konturen man nur noch erahnen kann. Ich denke, er landet jeden Moment an einem Baum oder kollidiert mit einem anderen Fahrzeug. Aber weit gefehlt. Er bringt uns sicher an unser Ziel. Was wird uns dort erwarten?

Wir werden von Sinaida Gagulajewa, zuständig für das Kulturprogramm im Heim, freundlich empfangen. Sie zeigt uns ihr Reich, zwei Wohngebäude und mehrere Wirtschaftstrakte, die auf einem ca. 6.000 qm großen Gelände stehen. Die Wirtschaftsgebäude umfassen ein Bade- und Waschhaus, einige Werkstätten, ein separates Sterbehaus, in das dann auch der Pope kommt, eine Reparaturwerkstatt für alte Rollstühle, ein Lager für die Vorräte, wie Kohl, Kartoffeln, Gurken, und einen Schweinestall. Den Stall und das Innere der Werkstätten kann ich nicht besichtigen, da der Schnee ca. 60 cm hoch liegt und einige Bewohner noch damit beschäftigt sind, die Wege freizuräumen. Das ganze Areal, es umfaßt noch einen Obst- und Gemüsegarten, ist von einer ca. zwei Meter hohen Mauer umgeben und hat, wie mir scheint, nur einen einzigen Eingang.

Nun kommen wir zu den beiden Wohngebäuden, in denen 600 Menschen leben. Von außen sehen die Gebäude noch passabel aus, von innen jedoch sind sie sehr renovierungsbedürftig. Im ersten Haus sind die älteren Bewohner und die Pflegebedürftigen untergebracht. Es gibt noch den Speiseraum und im Anschluß daran die Küche. Frau Gagulajewa zeigt uns alles recht ausführlich. Ich sehe Pflegezimmer mit vier bzw. sechs Betten. Im zweiten Haus wohnen die psychisch kranken Menschen.

Man kann sehen, daß wir erwartet wurden, denn manche Betten sind ordentlich mit Paradekissen geschmückt, was aber den tristen Eindruck nicht verhindern kann, denn unter manchen Betten sehen wir ein „Thrönchen“, da die Toiletten ziemlich weit entfernt sind. Wir werden durch mehrere Räume geführt, besichtigen die Küche und den Speisesaal.

Herr Filimonow macht einige Bilder von den Gebäuden. Bei den Räumen mit Bewohnern ist es jedoch sehr schwierig, da ich das Gefühl habe, zu sehr in das Intimleben der Menschen einzudringen Also lassen wir das. Frau Gagulajewa stellt uns dann einige ihrer Mitarbeiterinnen vor, die heute Dienst haben. Ich bin überrascht, neben dem Trio in der Küche nur acht Personen zu sehen. Die Angestellten haben seit sechs Monaten kein Gehalt mehr bekommen, bringen aber trotz allem eine unwahrscheinliche Leistung. (Der Rubel befindet sich momentan im freien Fall.) Nach einiger Zeit gesellt sich auch der Direktor des Heimes hinzu. Er war krank, doch man hatte ihn über unseren Besuch benachrichtigt. Nun gibt es eine Kleinigkeit zu essen, den obligatorischen Wodka, und ich kann meine Spende, die ich gesammelt habe, überreichen. Später habe ich erfahren, daß davon mehrere Waschbecken installiert worden sind. Frau Gagulajewa und der Direktor bedanken sich und geleiten uns zum Ausgang, wo ich erst einmal die junge Dolmetscherin trösten muß. Sie hatte so etwas noch nicht gesehen und war den Tränen nahe. Dann brachte uns der Fahrer wieder zum Erlangen-Haus zurück.

Nachmittags fuhr mich der Kleinbus zu einer Familie Sadofjewa, bei der ich auch ein Päckchen von Ute Schirmer abzugeben hatte. Sie freuen sich riesig, denn offensichtlich hat ihnen Ute Schirmer einen Herzenswunsch erfüllt. Es wird gefragt, erzählt, Tee getrunken, und schließlich verabschiedet man mich, und die Familie Sadofjewa bringt mich mit dem öffentlichen Bus wieder zum Erlangen-Haus zurück.

Sonntag, 13. Dezember 1998

Dieser Tag hält eine besondere Überraschung für mich bereit. Eines der Päckchen, das ich abzuliefern hatte, ging an eine Frau Jelena Borsowa, die sich auf eine besondere Art für das Geschenk bedankte. Mit ihrer langjährigen Kollegin Tamara Noskowa, beide Lehrerinnen, werde ich nach Susdal eingeladen. Susdal ist eine kleine Stadt, die in grauer Vorzeit zusammen mit Wladimir Hauptstadt von Rußland war Die Stadt verfügt über einen Kreml und ich glaube fast vierzig Kirchen. In einer dieser Kirchen wohne ich einem Gottesdienst bei und bin überrascht, daß es keine Sitzplätze und auch keine Orgel gibt. Man muß die ganze Zeit stehen, einige sehr alte Frauen liegen jedoch bäuchlings auf dem Boden, sozusagen in der ersten Reihe. Das verwundert schon, wenn man bedenkt, daß die Kirche nicht geheizt und der Boden aus Stein ist.

Danach stapften wir durch den tiefen Schnee zum Haus der Verwandten von Jelena, wo uns ein Mittagessen erwartete, arrangiert in der Zeit, wo Tamara und ich in der Kirche waren. Es wird ein vergnügliches Mittagessen. Alle sprechen durcheinander, jeder will erzählen und bei alledem läuft der Fernseher. Gott sei Dank kann Tamara übersetzen, so daß ich wenigstens die Hälfte der Unterhaltung mitbekomme. Als das Essen zu Ende ist, werde ich noch von Tamara zu einem Spaziergang durch den Ort eingeladen. Jelena bleibt bei ihren Verwandten, um beim Aufräumen der Küche zu helfen. Wir stampfen wieder durch den Schnee, solange bis Tamara nicht mehr kann. Da wir wieder zum Haus der Verwandten zurück müssen, organisiert Tamara einen Schlitten, und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich von einem kleinen, zotteligen Pferd sachte durch die Winterlandschaft gezogen. Nun fahren wir zum Erlangen-Haus zurück, wo ich schon von den beiden Töchtern Filimonows erwartet werde. Sie laden mich ein, den Abend im Kreise der Familie zu verbringen. Wir fahren nun mit dem Trolleybus zu ihrer Wohnung. Es wird ein vergnüglicher Abend, da noch verschiedene Gäste eingeladen sind. Herr Filimonow spielt auf dem Akkordeon, es wird gesungen, nur zum Tanzen reicht leider der Platz nicht aus. Es ist für mich ein unvergleichlicher Tag und die Gastfreundschaft der beiden Familien außergewöhnlich.

Montag, 14. Dezember 1998

Heute muß ich früh aufstehen, denn der Bus bringt uns, Herrn Üblacker und mich – Peter Steger bleibt noch länger in Wladimir -, schon um 7.00 Uhr zum Moskauer Flughafen. Ich traue meinen Augen nicht, als Herr und Frau Filimonow kommen, um mich zu verabschieden. Sie bedanken sich nochmal für die mitgebrachten Geschenke und laden mich fürs nächste Mal wieder ein. Der Bus fährt los, und wir sind gegen 11.00 Uhr am Moskauer Flughafen. Ich komme problemlos durch die Gepäckkontrolle, obwohl ich doch das Ölgemälde von Awarra im Koffer habe. Herr Üblacker bedauert sehr, keine Ikone mitgenommen zu haben, da die Kontrolle bei mir so gut ging. Ich wußte jedoch nicht, daß „Kulturgüter“ nicht so ohne weiteres ausgeführt werden dürfen.

Wir warten, bis unsere Maschine aufgerufen wird. Diesmal geht es über Brüssel nach Nürnberg. Mein Mann erwartet mich bereits, und auch Herr Üblacker wird abgeholt. Eine ereignisreiche Reise, auf der ich viele Freunde gefunden und ebenso viele neue Eindrücke gesammelt habe, ist zu Ende.

Noch keineswegs zu Ende ist damit die Mission von Ruth Sych, die bis heute nicht nur als Spendensammlerin, sondern mit viel Herzblut dem Alten- und Pflegeheim eng verbunden bleibt. Da gibt es noch vieles, wovon der Blog berichten wird.

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