Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 7. April 2012


Unlängst meinte ein treuer Leser des Blogs, es seien gerade auch die vielen Beiträge von Aktiven aus der Partnerschaftsarbeit, die das Medium abwechslungsreich und interessant machen. Recht hat er. Heute stellen wir deshalb den Bericht über eine Reise vor, die vom 9. bis 14. Dezember 1998 Ruth Sych nach Wladimir unternahm, um dort die Unterstützung des Alten- und Pflegeheims in ihre Hände zu nehmen, eine Aufgabe, der sie sich bis heute verpflichtet sieht. Die Schilderungen führen uns in eine Zeit, die noch gar nicht so weit zurückliegt und doch ein ganz anderes Wladimir zeigt, als wir es heute kennen, zeigen aber zugleich, zu welch großartigen Leistungen Einzelpersonen im Rahmen der Partnerschaft bereit und fähig sind. Beispielgebend, vorbildlich! 

Mittwoch, 9. Dezember 1998

Nun ist es endlich soweit. Es ist 9.30 Uhr. Ich sitze in der Abflughalle des Nürnberger Flughafens und warte, bis die Passagiere aufgerufen werden, die Bordkarte in der Hand. Mein Mann hat mich morgens zum Flughafen gebracht. Er war ziemlich gerührt und hat mich dann in der Obhut des Geschäftsführers vom Bayerischen Roten Kreuz, Jürgen Üblacker, und des Erlanger Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, zurückgelassen.

Endlich nehmen wir die letzte Hürde. Die Passagiere werden aufgerufen, die Bordkarten abgerissen, und nach einer kurzen Fahrt mit dem Zubringerbus sitzen wir im Flugzeug. Es ist eine kleine Maschine mit dreißig Sitzplätzen. Sie ist bis auf den letzten Platz besetzt, und ich bin unter den Passagieren die einzige Frau! Zwei Stewardessen gibt es, die das prozentuale Verhältnis etwas regulieren. Sie sind sehr hübsch, sehr freundlich und nicht zu übersehen in ihrem karmesinroten Gewand, Jacke, Bluse, Rock, Strümpfe und Schuhe, alles karmesinrot! Unwillkürlich kommt mir der Gedanke, ob es darunter auch so weitergeht, karmesinroter BH, Hemd, vielleicht French-Knickers? Unter all den korrekt graugekleideten Passagieren entsteht der Eindruck von kleinen feuerroten Funken, die mal hier mal dort auftauchen, um Getränke zu servieren.

Alten- und Pflegeheim Wladimir 1998

Wir fliegen mit Austrian-Air bis Wien, dann mit Aeroflot nach Moskau und sind in humanitärer Angelegenheit unterwegs. Die Bürger von Erlangen haben eine ziemlich hohe Summe für ihre Partnerstadt gesammelt, da sich die Versorgungslage in Wladimir in diesem Winter drastisch verschärft hat. Mein Mann und ich haben uns dieser Aktion angeschlossen, und aus diesem Grunde kann auch ich mit nach Wladimir fliegen.

Ich habe einen Fensterplatz und kann alles sehr gut überblicken, jedenfalls nachdem sich die Wolkendecke gelichtet hat. Die Welt sieht unter einer leichten Schneedecke wie mit Zucker überzogen aus. Beim Anflug auf Wien, kann ich die Donau erkennen, die von einer Brücke überspannt wird.

Die Anschlußmaschine von Wien nach Moskau ist ein Airbus mit mehr als 300 Passagieren. Nun bin ich nicht mehr das einzige weibliche Wesen. Die Stewardessen sind dunkelblau gewandet, agieren sachlich und bieten keinerlei Anreize zu modischen Fantasien. Nach der Landung in Moskau und dem Ausfüllen von verschiedenen Formularen werden wir schon erwartet. Ich werde mein erstes Päckchen los, das ich im Handgebäck dabei habe, und auf das jemand schon unruhig gewartet hat.

Nun fahren wir in einem Kleinbus unter Sicherheitsvorkehrung – es steigt eine Art Bodyguard zu – die letzte Strecke von ca. 200 km in Richtung Wladimir. Viel kann ich von Moskaus Außenbezirken nicht erkennen, da es langsam dunkel wird. Die Uhren stellen um zwei Stunden vor. Die Fenster des Busses sind mit Gardinen zugehängt. Ich schiebe sie ein bißchen beiseite, aber außer einem wahnsinnigen Verkehr, hell erleuchteten Gebäuden und mehreren Reklameschildern westlicher Firmen kann ich nach einiger Zeit nichts mehr erkennen, da die Seitenfenster mit Eisblumen zugedeckt sind. Die Strecke zieht sich endlos hin. Mehrmals muß der Fahrer aussteigen, um die Windschutzscheibe mit Schnee abzureiben, wahrscheinlich ist die Scheibenwaschanlage eingefroren. Er hält aber aus Sicherheitsgründen jedes Mal in Sichtweite eines Polizeipostens. Einmal sehe ich rechts am Straßenrand ein kleines Feuer und denke, es brennt. Ich werde jedoch dahingehend aufgeklärt, daß es sich um einen Autounfall handelt und man, um ein Zeichen zu setzen, einen mit Benzin getränkten Lappen anzündet, um auf den Unfall aufmerksam zu machen. Wahrscheinlich effizienter als ein Warndreieck.

Alten- und Pflegeheim Wladimir 1998

Aber selbst die längste Fahrt geht einmal zu Ende. Wir halten in Wladimir vor einer Bank, wo das Geld, das Herr Üblacker mit sich führt, sicher deponiert wird. Der Sicherheitsmensch verläßt uns, und meine beiden Begleiter sind erst mal froh, denn ihnen fällt ein Stein vom Herzen, als alles gut abgelaufen ist. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wieso Herr Üblacker seinen schwarzen Koffer mit dem Rotkreuzaufkleber so bewacht und nie aus den Augen läßt. Nun fahren wir die letzten Meter zum Erlangen-Haus, das für die nächsten Tage unsere Herberge sein wird. Ich habe ein hübsches Zimmer mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Es gibt fließend kaltes und warmes Wasser. Herz, was willst du noch mehr? Auch eine kleine Küche mit Eßtisch ist vorhanden. Wir nehmen noch ein leichtes Abendbrot zu uns und wünschen einander gute Nacht.

Donnerstag, 10. Dezember 1998

Gut geschlafen, ist sicher noch untertrieben. Nach so vielen neuen Eindrücken ist das auch kein Wunder. Zum Frühstück gibt es Bliny, Marmelade, Brot, Butter und wahlweise Kaffee oder Tee. Nach dem Frühstück wird im Büro des Erlanger-Hauses das Programm organisiert.

Alten- und Pflegeheim Wladimir 1998

Es sind zwei gut aussehende Damen dort, die perfekt deutsch sprechen und mir in jeder Weise behilflich sind. Aber irgendwie hat es sich schon rumgesprochen, daß Gäste aus Erlangen gekommen sind: Die Buschtrommeln haben ganze Arbeit geleistet. Ich werde die nächsten Päckchen los, die mir Ute Schirmer mitgegeben hat, u.a. an eine Familie Filimonow. Wladimir Filimonow ist von Beruf Photograph und bietet mir an, mich noch vor dem Mittagessen zu einer Bank zu begleiten, da ich ja auch einige Rubel in der Tasche haben möchte. Wir gehen los, und aus diesem kleinen Spaziergang wird eine ordentliche Wanderung an Bahnhof, Kirche, Kathedrale, Theater, Konzerthalle vorbei bis zur Bank. Dort tausche ich 60 Dollar um und bekomme dafür 1002,50 Rubel.

Er erklärt mir viel, das meiste in Russisch aber eine Menge auch in Deutsch. Als wir an einer Coca-Cola-Reklame vorbeikommen, die über einem Hauseingang angebracht ist, sagt er: „Hier gibt’s die besten Süßigkeiten in Wladimir, sogar von auswärts kommen die Menschen, um sie zu kaufen.“ Leider kann ich diese Köstlichkeiten nicht erstehen, da das Geschäft geschlossen hat. Nachdem wir noch die Puschkin-Allee entlanggegangenen sind und einen überwältigenden Panoramablick über einen Teil von Wladimir genossen haben, schlage ich vor, da ich ja mittlerweile Geld in der Tasche habe, doch einen Tee oder Kaffee zu trinken, denn eine Gelegenheit dazu liegt fast vor unserer Nase. Nun ist mein Begleiter ziemlich erschrocken, man könnte sogar sagen verwirrt, denn ich mache offensichtlich einen großen Fehler, einen Herrn in Rußland zum Kaffee oder Tee einzuladen und dann noch als Frau, das geht wohl nicht so ohne weiteres. Er zieht sich aber recht diplomatisch aus der Bredouille und sagt: „Der Kaffee ist dort viel zu schlecht, und der Tee viel zu teuer.“ Und nun? Ehe ich noch etwas erwidern kann, werde ich in einen Trolleybus geschoben, und wir fahren zu seiner Wohnung. Diese liegt in einem Außenbezirk von Wladimir, und als wir ankommen, ist es 12.00 Uhr. Gott sei Dank gibt es dort ein Telefon, und so kann ich im Erlangen-Haus Bescheid sagen.

Alten- und Pflegeheim Wladimir 1998

Olga, Wladimirs Frau, kocht Tee, Eier und Nudeln, und in kürzester Zeit hat sie einen Imbiß fertig. Es gibt dazu noch eine Art Krautsalat und selbst eingelegte Gurken und Tomaten, und zum Willkommensgruß steht eine Flasche Wodka auf dem Tisch. Jetzt bin ich ein wenig erschrocken, denn Wodka ist nicht mein Lieblingsgetränk. Da Olga jedoch mit am Tisch sitzt und sie anschließend zur Arbeit muß, was ich bei der Unterhaltung mit Händen und Füßen mitbekommen habe, ist die Gefahr, daß größere Gläser auf den Tisch kommen, äußerst gering. Meine Bedenken lösen sich in Luft auf, das große Glas ist für Wasser und das kleinere lasse ich mir nur halb voll gießen, und so kann ich es auf einmal austrinken, was dort so Sitte sein soll.

Die Wohnung ist recht einfach, liegt im fünften Stock eines Mietshauses. Sie ist liebevoll eingerichtet, und während Olga den Imbiß zubereitet, sehe ich mir ein Andenken-Album an, das Herr Filimonow angelegt hat. Wie ich schon erwähnte, ist er Photograph und hat schon eine Auswahl seiner Arbeiten in Erlangen ausgestellt. Von der Ausstellungseröffnung war unter anderem auch ein Bild von Bürgermeister und Bezirksratspräsident Gerd Lohwasser dabei, auf das Herr Filimonow sichtlich stolz ist. Wahrscheinlich haben schon viele Wladimirer Bürger diese Photos zu Gesicht bekommen, auf daß der Ruhm der Partnerstadt nicht vergehe.

Alten- und Pflegeheim Wladimir 1998

Nach dem Imbiß gehen wir gemeinsam zum Trolleybus, nicht ohne auf dem Weg dorthin noch eine Schule zu besichtigen. Das Gebäude ist mit unseren Schulen nicht zu vergleichen, die Inneneinrichtung noch weniger. Man muß jedoch bedenken, wir schreiben das Jahr 1998. Gleich hinter dem Eingang sitzt an einem kleinen Tisch ein Uniformierter, und ich werde aufgeklärt, daß es sich um einen Sicherheitsverantwortlichen handelt, der für Ordnung zu sorgen hat. Ihn zu bezahlen, kostet die Eltern monatlich sieben Rubel. Die einzelnen Gänge sind recht breit, so daß die Kinder sich ordentlich bewegen können. Die Kinder unterscheiden sich übrigens beim Spielen nicht im Geringsten von unseren Kindern in der Grundschule, lediglich die Kleidung ist mit dem, was unsere tragen, nicht zu vergleichen, wenn man modische Kriterien anlegt, aber Spielen und Herumtollen kann man genausogut. Wir kommen auch in eine Klasse in der Deutsch unterrichtet wird. Zuerst sind die Schüler recht still, dann jedoch vergeht der erste Schreck, und sie fangen an zu reden. Erste kleine Sätze und zum Schluß sagen alle gemeinsam: „Auf Wiedersehen.“

Nun wird es für Olga Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sie arbeitet nachmittags in einer Druckerei. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich, daß es in Wladimir siebzehn verschiedene Zeitungen gibt. Bis zur Bushaltestelle können wir noch zusammen bleiben. Auf dem Weg dorthin, sehe ich vor einem Gebäude eine längere Schlange älterer Menschen stehen. Herr Filimonow klärt mich dahingehend auf, daß die Renten nur in unregelmäßigen Abständen ausgezahlt werden, und heute sei es mal wieder soweit. Von dem geringen Betrag kann kaum jemand leben. So versuchen die Leute, so gut es geht, über die Runden zu kommen. Manche verkaufen auf der Straße ein paar Kartoffeln, Rote Bete, Zwiebeln oder eingelegte Gurken und Tomaten aus dem eigenen Garten. Manche möchten Handarbeiten verkaufen oder betteln vor der Kirche mit einigen gerösteten Sonnenblumenkernen in einer kleinen Tüte. Es ist schon recht traurig, das alles so zu beobachten, aber auf der anderen Seite gibt es auch recht gut angezogene Leute.

Nun kommt der Bus, und ich bin nach gehöriger Verspätung wieder im Erlangen-Haus gelandet. Mein Mittagessen steht verbrötschelt im Backofen. Ich kann nur die Hälfte essen, da der Rest steinhart festgebacken ist. Doch ein guter Kaffee hinterher, bringt mich wieder auf die Beine.

Jetzt wäre ja eine Pause angebracht gewesen, jedoch werde ich gleich von einer Studentin mit Beschlag belegt. Sie spricht ein ausgezeichnetes Deutsch, war schon mal in Erlangen und will viel über Erlangen und die politischen Ereignisse in Deutschland wissen. So gut ich kann, beantworte ich die Fragen: Wie es sich in Erlangen lebt, wie man Au-pair-Mädchen wird, was es für Berufsmöglichkeiten für Studentinnen gibt, ob und wie man in Deutschland studieren kann, welche Voraussetzungen man mitbringen muß, wer Bundeskanzler und Außenminister ist und vieles andere mehr. Ich versuche, so gut es mir möglich ist, die Fragen zu beantworten. Mir schwirrt der Kopf. Aber dann muß sie doch nach Hause. Es ist spät geworden. Ich bin auf meinem Zimmer und schaue aus dem Fenster, vor dem es langsam zu schneien beginnt, und die auf dem Parkplatz stehenden Autos, die nach und nach in eine Schneedecke eingehüllt werden.

Fortsetzung folgt.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: