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Archive for Februar 2011


Harald Sander mit Frau Johanna und Sohn Paul

Des Bloggers liebste Pflicht ist es, von guten Werken zu berichten. Am vergangenen Samstag hat in Baiersdorf jemand seinen 65. Geburtstag gefeiert und das ganze Wochenende über Freunde und Verwandte in sein „Haus der offenen Tür“ mit der Aufforderung eingeladen, die Gratulationen nicht mit Geschenken an ihn sondern mit einer Spende für einen sozialen Zweck in Wladimir zu verbinden. Und das, obwohl er selbst noch nie dort gewesen und Erlangens Partnerstadt nur vermittelt – das freilich nach- und eindrücklich – durch seinen Schwiegervater Fritz Wittmann kennt. Dabei gibt es sogar eine biographische Verbindung zwischen dem Geburtstagskind und Wladimir. Harald Sanders Eltern nämlich stammen aus Aussig an der Elbe (heute Ústí nad Labem), der tschechischen Partnerstadt von Wladimir, wo es sogar ein Hotel gleichen Namens gibt, während Nadja Stegers Eltern in einer nach Ùstí benannten Straße leben. Mehr noch. Geboren wurde Harald Sander – die Eltern waren bereits vertrieben – in Jena, der Partnerstadt von Erlangen mit freundschaftlichen Beziehungen zu Wladimir. Lebenslinien, die dem Jubilar in ihren Zusammenhängen gar nicht bewußt waren, die aber wohl doch eines Tages zusammengeführt werden wollten. Vielleicht führen sie Harald Sander und seine Familie sogar einmal nach Wladimir. In Jena war er zum ersten Mal nach langen Jahren wieder am 3. Oktober 2010, und Aussig will er bald schon seinem Sohn zeigen. Und sollte er einmal nach Wladimir kommen, wird er sehen können, was Gutes mit den Geburtstagsspenden getan wurde.  650 Euro sind zusammengekommen, ein stolzer Betrag, mit dem man vieles zum Besseren wenden kann auf der Krebsstation des Kinderkrankenhauses Wladimir. Danke und спасибо an alle und nachträglich noch die besten Geburtstagswünsche an Harald Sander.

Mehr zur Kinderkrebsstation unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/05/11/vereint-gegen-krebs

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Nadja Steger im OP von Veitshöchheim

Der Fränkische Fasching erlebte am Freitag mit der Prunksitzung in Veitshöchheim seinen närrischen Höhepunkt. Und morgen, sieben Wochen vor Ostern, beginnt in Rußland die Butterwoche, ein buntes, ausgelassenes Treiben mit Volksfestcharakter, das dem Großen Fasten vorausgeht. Der Brauch wurde bereits vor zwei Jahren hier im Blog dargestellt, deshalb könnte man das Thema mit dem Link: http://is.gd/3Ci1ga abtun. Wenn es da nicht bei der Fastnacht in Franken, der quotenstärksten Sendung des Bayerischen Rundfunks, drei personelle Premieren gegeben hätte, arrangiert von Thomas Rex, bekannt nicht nur als das sympathische Gesicht der Frankenschau, sondern auch gern gesehen in der Rolle des Gute-Laune-Conferenciers dieser Kür des Karnevals.

Nadja Steger, Ulrich Wilhelm, Beatrix Rex, Thomas Rex

Zum ersten Mal beim Faschingsball der Franken waren nämlich dabei Beatrix Rex, Ulrich Wilhelm, erst seit dem 1. Februar Intendant des BR, und Nadja Steger als bisher einziger Gast aus Wladimir und damit recht faschingsfern sozialisiert. Und auch ohne eine Marie hat es gleich gefunkt. Es gibt ja diese stimmungsvollen, von großer Einfühlsamkeit getragenen Reportagen von Thomas Rex über die Partnerschaft mit Wladimir, thematisch breit gefächert von den Kriegsveteranen über die Wirtschaftskontakte bis hin zu den großen Sozialprojekten Blauer Himmel und Rotes Kreuz. Was noch fehlt in dieser Reihe ist ein Beitrag zu Sitten und Bräuchen in der Partnerstadt. Und was böte sich da mehr an als die russische Butterwoche, wo es jeden Tag andere Szenen zu sehen gibt, eine farbenprächtiger und lebenspraller als die andere.

BR – Troika

Man stelle sich vor: das dritte Programm mit der Troika in der ersten Reihe. Da mögen andere mit dem zweiten besser sehen, doch über das dritte Auge geht halt nichts. Und so lassen wir einmal nicht Horst Seehofer träumen, sondern den Blogger, der schon im nächsten Winter ein Team des BR in Wladimir und Susdal durch den tiefen Schnee stapfen sieht, in der Nase den Duft frischer Bliny und im Ohr die vielstimmigen Gesänge, um den daheimgebliebenen Zuschauern einmal zu zeigen, wie fröhlich man in Rußland den Winter austreibt. Und daraus könnte ja eines schönen Faschingstages die tolle Idee zur Reife gären, das Karnevalsgebaren auch anderer Partnerstädte der Metropolregion Nürnberg auf den bayerischen Bildschirm zu bringen. Zwickt’s mi, i moan i traum!

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Mitte des Monats war wieder einmal Rolf Bernard vom Erlanger Erzbischöflichen Jugendamt, begleitet von den Jugendleitern, Jutta Schnabel und Michael Winkelmann, in Wladimir, um die diesjährigen Austauschprogramme vorzubereiten. Das Trio hatte freilich auch noch eine ganz andere Mission, nämlich die Übergabe von Spenden an die Rosenkranzgemeinde, und dann war da noch ein Vorfall, der einen häßlichen Schatten auf die ganze Partnerschaft wirft, besonders weil Jutta Schnabel, Verfasserin des folgenden Berichts, eine Prozedur nach der gleichen Regieanweisung schon einmal hat durchleben müssen.

Daß  eine Gemeinde größer ist als der Raum, in dem sie sich versammelt, zeigen der Austausch und die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen der katholischen Rosenkranzgemeinde in Wladimir und dem Dekanat Erlangen seit vielen Jahren auf die unterschiedlichste Art. So besuchte Mitte Februar eine kleine Delegation um den Jugendbildungsreferenten der katholischen Jugend, Rolf Bernard, den Priester der Rosenkranzgemeinde, Pfarrer Sergej Sujew gleich wegen mehrerer partnerschaftlicher Anliegen.

Anders als hier in Deutschland existiert in Rußland keine Kirchensteuer, um die ständigen Ausgaben einer Kirchengemeinde mitfinanzieren zu können. So werden „Kleinigkeiten“ wie Strom, Wasser und Telekommunikation zu einer ständigen Belastung des Haushalts der Gemeinde.

Die Rosenkranzkirche im russischen Winter

Doch vorerst konnte hier geholfen werden: Sieben katholische Gemeinden in Erlangen haben auf Anregung von Udo Zettelmaier, Pfarrer von St. Theresia und Vorsitzender des Fördervereins Nadjeschda, in den letzten Wochen gesammelt. Zusammen mit Einzelspenden der Herz Jesu Gemeinde und des Brautpaars, Michael und Susanne Stiglmayer, kamen gut 4.000 Euro zustande, die Rolf Bernard nach der Sonntagsmesse am 13. Februar im Auftrag des ganzen Dekanats Erlangen an Pfarrer Sergej Sujew übergab. Mehr noch: Die Erzdiözese Bamberg greift der 500-Seelen-Gemeinde in Wladimir ebenfalls unter die Arme und stellt 6.000 Euro zur Verfügung. Viele Gründe für Sergej Sujew, sich bei den Spendern zu bedanken. Und so betonte er denn auch, daß diese Unterstützung erst durch die langjährige Freundschaft zwischen den Gemeinden und einzelnen Menschen möglich wurde. Und so verband der Geistliche denn auch Spender und Empfänger in einem Dankgebet. Die laufenden Kosten für das nächste Jahr sind so wohl gedeckt.

Dolmetscher Fjodor Pawlow, Rolf Bernard, Sergej Sujew

Ein unverzichtbares Standbein dieser Freundschaft ist der langjährige Jugendaustausch, der nach einer Pause im letzten Sommer wegen der weitflächigen Waldbrände in der Gegend um Wladimir nun eine weitere Runde gehen soll. Während von deutscher Seite eine Gruppe der katholischen Jugend im Dekanat Erlangen im August wieder die Reise nach Rußland antreten will, wird der Gegenbesuch in diesem Jahr aus einer gemischten Gruppe der Rosenkranzgemeinde, einigen Studenten aus der Wladimirer Universität und orthodoxen Jugendlichen aus dem letztjährigen Austausch bestehen. Gerade diese Mischung der Gruppe verspricht eine spannende Zeit, wenn die Jugendlichen gemeinsam den Spuren der Hugenotten in Erlangen nachspüren, ein Wochenende mit Gruppenaktionen in der Fränkischen Schweiz verbringen oder soziale Einrichtungen in Wladimir besuchen. So werden bestimmt auch in diesem Jahr wieder Freundschaften entstehen, die über die zehn Tage Besuch in der anderen Stadt hinausgehen.

Fjodor Pawlow, Rolf Bernard, Sergej Sujew

Ob der Austausch allerdings wirklich stattfinden kann, steht noch in den Sternen oder hängt viel mehr von der Wladimirer Immigrationsbehörde ab. Denn am letzten Tag des Besuchs unterbrach ein Beamter die Besprechung mit Pfarrer Sujew im Pfarrheim der Gemeinde und brachte uns drei Delegationsmitglieder ins Büro der Behörde. Nacheinander wurden Protokolle angefertigt, die angeblich belegten, daß der bisher immer gültige Visumseintrag „Kulturaustausch“ für den Zweck der Vorbereitung eines Jugendaustauschs nicht ausreichend sei. Nachdem Fingerabdücke genommen worden waren und jeder einen Bußgeldbescheid in der Tasche hatte, konnten wir erst sieben Stunden später das Ausländeramt wieder verlassen. Diese Willkürhandlung der Behörde hat nun die langjährige Partnerschaft in ernsthafte Gefahr gebracht, denn ohne die Rechtssicherheit, ein passendes Visum zu erhalten und somit Nachstellungen des Ausländeramtes zu entgehen, kann kein Austausch mit einer kompletten Jugendgruppe durchgeführt werden. Nur ein eindeutiges Signal aus Wladimir, daß diese Geschehnisse sich in Zukunft nicht wiederholen werden, kann dafür sorgen, daß sich die Freunde von hier und da auch in Zukunft so offen und einfach begegnen können.´

In der Tat ist das Verhalten der Behörde gegenüber Gästen aus der Partnerstadt unerhört und inakzeptabel. Ein Akt der Willkür, der nie wieder vorkommen darf. Alle drei Reisenden hatten vom russischen Generalkonsulat korrekt ausgestellt Visa, wie von Diplomaten auf Nachfrage bestätigt. Die Erlanger haben nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen. Regelrecht im Schockzustand ist noch immer Sergej Sujew, von seinen Inkriminierten Freunden aus Deutschland ganz zu schweigen. Eine Anfrage in der Sache stellt nun das Münchner Russische Generalkonsulat beim Außenministerium in Moskau, und Oberbürgermeister Siegfried Balleis hat Gouverneur Nikolaj Winogradow gebeten, sich der Sache anzunehmen. Erste Ergebnisse gibt es bereits: Der Chef des Ausländeramtes ist zurückgetreten. Doch das kann nicht genügen. Es muß klar sein: Wer ein Visum im Rahmen der Partnerschaft Erlangen – Wladimir ausgestellt bekommen hat – und bisher ist das noch niemandem verweigert worden -, muß auch von den Behörden vor Ort als willkommener Gast betrachtet und behandelt werden. Bisher sangen ja alle Reiseberichte das hohe Lied von der russischen Gastfreundschaft. Das möge so bleiben, Mißtöne von eigenmächtigen Beamten sollen den Wohlklang nie mehr stören.

Noch drei Anmerkungen: Die Rosenkranzgemeinde hat eine neue Homepage: http://hram-vladimir.ru. Eine Freude für das Auge, freilich bisher nur in russischer Sprache. Und wer mehr zum Förderverein Nadjeschda und die Zusammenarbeit mit der Rosenkranzgemeinde wissen und gar Mitglied werden möchte, wende sich an Pfarrer Udo Zettelmaier unter Tel.: 52447 oder st-theresia.erlangen@erzbistum-bamberg.de. Und schließlich: Wer da ein Déjà vu hat, täuscht sich nicht und lese den Bericht von Jutta Schnabel aus dem Vorjahr nochmals nach unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/25/mit-menschenrechten-im-gepack-in-wladimir-teil-ii

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Russische Sprache

„Я русский бы выучил только за то, / что им разговаривал Ленин.“ Man muß es nicht unbedingt mit dem großen Futuristen und kraftvollen Dichter der Revolution, Wladimir Majakowskij, halten, der in seinem berühmten Gedicht über die russische Sprache begeistert ausruft: „Ich würde das Russisch allein schon erlernen, / weil Lenin die Sprache gebraucht.“ Diesen bereits nach Personenkult klingenden Pathos verwendet heute freilich niemand mehr, wenn er für das Russische wirbt. Da geht es nüchterner zu, pragmatischer. Hören wir doch einmal hinein in die Rede, die der russische Botschafter in Berlin, Wladimir Kotjonow, am 20. April 2010 hielt, als das Russomobil auf seine Fahrt durch Deutschland geschickt wurde, das ja erst vor kurzem auch in Erlangen Station gemacht hatte:

Seit Jahrhunderten stand der deutsche Sprachraum in enger kultureller Wechselbeziehung mit Rußland. Die Begeisterung für geistige Errungenschaften des jeweiligen Volkes war der Faden, der uns seit jeher verbunden hat, und der auch in den schwierigsten Phasen unserer Geschichte nie gänzlich abriß. Nicht nur Russen empfanden die kulturelle Begegnung als anregend, fruchtbar und beiderseitig gewinnbringend. Viele Deutsche standen bekanntlich im Dienste russischer Zaren als Diplomaten, Erzieher und Universitätsprofessoren. Deutsche Philosophen und Künstler fühlten sich von der russischen Sprache und ihrer immensen Gestaltungskraft angezogen und herausgefordert. Heute ist bei uns das Interesse für die deutsche Sprache nach wie vor groß. Bei der letzten Volkszählung haben 2,9 Mio. Menschen in Rußland angegeben des Deutschen mächtig zu sein. Über vier Millionen Menschen in der Russischen Föderation lernen derzeit die Sprache Goethes und Kants. Das heißt, jeder vierte, der Deutsch außerhalb Deutschlands studiert, tut es in Rußland .Somit belegt Deutsch im Fremdsprachenunterricht den zweiten Platz hinter Englisch, deutlich vor Französisch. Wie sieht es aber in der umgekehrten Richtung aus?

Reinhard Beer, Leiter Sprachenabteilung VHS

In Deutschland haben kürzlich etwa sechs Millionen Menschen angegeben, Russisch zu können. Rein rechnerisch herrscht also das ungefähre Gleichgewicht. Die Zahl der Deutschen, die heute Russisch als Fremdsprache studieren, ist aber um das 25fache niedriger als umgekehrt. Es sind etwa 150 Tausend Menschen. Allerdings besteht etwa die Hälfte davon aus den Auswanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, also aus Muttersprachlern. Die andere Hälfte bilden größtenteils Menschen, die noch zu den DDR-Zeiten Russisch als Pflichtfach hatten. Erfreulicherweise ist es in den letzten zwei Jahren zumindest gelungen, die Anzahl der Russischinteressenten zu stabilisieren. An den Schulen ist sogar der Trend zur Einführung des Russischen als Wahlfach aufzuweisen

Gründe, Russisch zu lernen, gibt es mehr als genug! Ich werde nur einige erwähnen.

Russisches Alphabet

Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zum Völkerverständnis. Schon geringe Sprachkenntnisse bauen Brücken zu den Menschen und wecken Bewunderung bei ihnen. Und wenn es um die zwei zahlenmäßig größten Nationen Europas geht, hängt davon in der Tat sehr viel ab. Der zweite Grund ist die Kultur und Literatur des Landes, deren Reichtum, Ausdrucksstärke und unglaubliche Dynamik am besten in der Originalsprache zu erschließen sind. Der dritte Grund ist rein pragmatischer Natur. Auch wenn unser Land von der Wirtschaftskrise nicht verschont blieb, sind wir mittlerweile auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. Unser Land wird als Markt- und Wirtschaftsstandort immer attraktiver. Eine Stelle in der Moskauer Niederlassung wird bei deutschen Unternehmen längst nicht mehr als Exil, sondern als Beförderung gesehen. Bereits heute agieren 6.500 deutsche Unternehmen in Rußland, über 1.000 davon haben ihre Filialen im Land eröffnet. Sie alle brauchen qualifizierte Mitarbeiter.

Christine Loibl, Sprachenreferentin, Bayer. VHS-Verband

Hinzuzufügen bleibt, daß gerade auch die so lebendige Partnerschaft Erlangen – Wladimir gar nicht genug Mitstreiter gewinnen kann, die zumindest Grundkenntnisse in beiden Sprachen haben. Wir sind an der VHS Erlangen noch weit davon entfernt, die Zahlen des Erlangen-Hauses in Wladimir zu erreichen, wo um die 200 vor allem junge Menschen Deutsch lernen, aber das Russische ist in Erlangen immerhin die am meisten unterrichtete „seltene Fremdsprache“. Und seit kurzem ist die VHS Erlangen Sprachprüfungszentrum für Russisch, das zweite in Bayern nach Freising. Gerade sind die Russisch-Deutschen Wochen so erfolgreich zu Ende gegangen, die ja auch intensive Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene im Programm hatten. Ab Montag starten die regulären Kurse. Wählen Sie das passende Angebot für sich ab Seite 314 unter  http://issuu.com/vhserlangen/docs/vhs_erlangen_2011. Die erste Stunde ist frei, dient der Orientierung. Schauen Sie sich also um und hören Sie hinein in diese „große und mächtige Sprache“, wie die überragende Lyrikerin Anna Achmatowa das Russische genannt hat. Viel Erfolg!

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Wsewolod Tschaplin

„Wenn ein Mädchen einen Minirock trägt, kann sie damit nicht nur einen Kaukasier, sondern auch einen Russen provozieren. Wenn sie dabei auch noch betrunken ist, provoziert sie erst recht. Lädt sie überdies selbst aktiv Leute ein, mit ihr Kontakt aufzunehmen, und wundert sie sich dann darüber, daß dieser Kontakt mit einer Vergewaltigung endet, ist sie doppelt im Unrecht.“ So äußerte sich am 17. Dezember 2010 Wsewolod Tschaplin, Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Heiligen Synode des Patriarchats von Moskau und ganz Rußland.

Reizvoll-aufreizende Frauen – haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie geschändet werden? Das Opfer als Anstifterin? Ein Reizthema vielleicht nicht für ganz Rußland, wohl aber für dessen aufgeklärten Teil. Ganz zu schweigen von dem feinen rassisch bedingten Unterschied, den der Kirchenmann zwischen kaukasischen und slawischen Männern macht. Die Diskussion wurde und wird natürlich auch in Wladimir geführt und hat nun eine Klarstellung bewirkt, die der Erzpriester in schriftlicher Form wie folgt darlegt:

Kleiderordnung

Verehrteste und geschätzte Damen und Herren, es freut mich, daß mein Vorschlag, das äußere Erscheinungsbild unserer Frauen und Mädchen zu diskutieren, Ihrer aller Interesse findet. Es verwundert nur, daß Sie meine Worte so auslegen, als rechtfertige ich Vergewaltigung und unsittliche Annäherung. Nicht im Entferntesten habe ich daran auch nur gedacht. Derlei Verhalten ist nicht zu rechtfertigen. Doch das Problem bleibt bestehen. Weniger für mich, als für jene, denen der Unterschied zwischen Straße und Striptease (jedenfalls sobald die Winter zu Ende ist) nicht bekannt zu sein scheint. Eine Frau, die mehr oder weniger angezogen oder geschminkt ist wie ein Clown, eine Frau, die es auf diese Weise auf eine Bekanntschaft auf der Straße, in der U-Bahn oder in einer Bar anlegt, riskiert nicht nur, an einen betrunkenen Idioten zu geraten, sondern findet gewiß keinen Mann als Lebensgefährten, der wenigstens ansatzweise über Verstand und Selbstachtung verfügt. Finden mag sie allenfalls einen nüchternen Idioten. Aber sucht sie den denn wirklich? Zu allen Zeiten und bei allen Völkern wurde die Frau geschätzt und als Lebensgefährtin ausgewählt, wenn sie sich durch Bescheidenheit auszeichnete, wenn die Männer sie ein wenig ernsthafter kannten als nur von einer Begegnung auf der Straße oder in einer Trinkhalle her. Ein freizügiges Aussehen und ein freizügiges Auftreten sind der direkte Weg zum Unglück, zur inhaltsleeren Einmalliebe, zur Kurzzeitehe mit darauffolgender Krisenscheidung, zum zerstörten Kinderglück, zur Einsamkeit und zum Wahnsinn, zur Lebenskatastrophe. Zu allen Zeiten und bei allen Völkern wurde das Erscheinungsbild des Menschen nie zu hundert Prozent als eine private Frage betrachtet. Wie Frauen sich in der Öffentlichkeit geben – im Institut, auf der Arbeit – ist nicht allein ihre persönliche Sache. Dies betrifft übrigens Männer nicht minder. Ein Typ, der in einer Großstadt kurze Hosen und ein Unterhemd oder einen Trainingsanzug und Schlappen trägt, verwirkt ebenfalls jede Achtung. Bestenfalls verdient er Bedauern, wenn es sich beispielsweise um einen Obdachlosen handelt. Zu begrüßen ist, daß jetzt Firmen, Universitäten und Schulen eine Kleiderordnung einführen. Da wäre es doch gut, auch eine allgemein gültige russische Kleiderordnung zu entwerfen (für Stiptease-Bars und Bordelle – sei’s drum – muß sie ja nicht gelten). Ich denke, wir erleben noch die Zeit, wo man von einem anständigen Ort einen unanständig gekleideten Menschen oder eben jenen Typen im Trainingsanzug entfernt. Sie meinen, das sei eine Utopie? Weit gefehlt! Wir werden uns bald daran zu gewöhnen haben. Sollten Sie Ratschläge und Gebete benötigen, wir sind immer für Sie da. In mitfühlender Liebe, Erzpriester Wsewolod Tschaplin. Übersetzung: Peter Steger.

Volle Unterstützung erfährt der orthodoxe Geistliche bei seinen misogynen Exkursen übrigens von Ramsan Kadyrow, dem muslimischen Herrscher über Tschetschenien. Anlaß genug, einmal über ein Frauenbild nachzudenken, das maßgebliche Teile von Christentum und Islam offenbar noch immer im Innersten zusammenhält und schamlos offen zur Schau gestellt wird. Ist das die neue Kleiderordnung des männlichen Denkens in Rußland. Die nächsten Besucherinnen aus Wladimir werden uns hoffentlich eines Besseren belehren.

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Weiße Sonne der Wüste

Am morgigen Donnerstag beginnt im Nürnberger Filmhaus eine besonders zu empfehlende Reihe unter dem Titel „Hofnarren der Diktatur – Sowjetische Filmkomödien als Machtinstrument“.  Zu sehen sind Klassiker wie „Die Garage“, „Hundeherz“, „Schwejks neue Abenteuer“, auf dem Programm stehen aber auch selten gezeigte Streifen wie „Die weiße Sonne der Wüste“, „Zirkus“ und der Stummfilm „Meine Großmutter“. Mehr sei hier gar nicht verraten, denn Details sind nachzusehen unter: www.veranstaltungskalender-nuernberg.de/scripts/vk/vkQuerySuch.asp?wasdenn=FilmhausAlles Und zur Eröffnung morgen spricht um 19.15 Uhr kein Geringerer als Helmut Altrichter, eben erst emeritierter Professor und Leiter des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität.

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Während sich die russischen Männer heute als „Verteidiger des Vaterlands“ feiern lassen, wollen wir einer Frau gratulieren und ihr unsere Ehre erweisen, die viele Erlanger Musikfreunde in bester Erinnerung und buchstäblich im Ohr haben.

Natalia Kolesnikowa

Gestern wurde Natalia Kolesnikowa, Professorin an der Fakultät für Musik der Geisteswissenschaftlichen Universität Wladimir, mit dem Orden der Freundschaft ausgezeichnet. Die begnadete Dirigentin hat vor 24 Jahren den Kammerchor Raspew gegründet, der im Jahr 2000 den Status eines städtischen Ensembles erhielt, sprich mit festen Zuwendungen rechnen darf und als eines der musikalischen Aushängeschilder der Partnerstadt gilt. Dieses Verdienst freilich hat sich Raspew bereits in den 90er Jahren mit seinen beiden Tourneen nach Franken und einer CD erworben, die im Wohnstift Rathsberg zu Erlangen aufgenommen wurde. Gastspiele in England, Dänemark und Finnland kamen hinzu, es gibt Kontakte in die Schweiz, vor allem aber bestehen enge Verbindungen zu Vocanta, früher Erlanger Grillen. Wenn nicht noch in diesem Jahr, dann sicher im nächsten werden sich die beiden Spitzenchöre wieder in Wladimir und Erlangen treffen und ihr Publikum begeistern. Und dann ist da noch der Umstand, daß Natalia Kolesnikowa Mitglied von Soroptimst International, jenes Frauenklubs ist, der von Erlangen aus ins Leben gerufen wurde und ebenfalls eine wichtige Brücke der Partnerschaft darstellt.

Die Auszeichnung, die Natalia Kolesnikowa zuteil wurde, nennt sich seit 1994 Orden der Freundschaft, geht zurück auf den sowjetischen Orden der Völkerfreundschaft, ist dem Rang nach die zweithöchste Ehrung, die vom russischen Präsidenten verliehen wird, und das Abzeichen am Band steht u.a. noch immer für kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ländern und Nationen. Einziger ausländischer Träger des Ordens ist übrigens der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer, dem die Auszeichnung 2007 zu seinem hundersten Geburtstag verliehen wurde. Da wären wir dann aber auch schon wieder bei den Männern. Und wer nun glaubt, die seien heute mit ihrem Festtag, der übrigens im Kalender rot markiert ist, zu kurz gekommen, vernehme, was Präsident Dmitrij Medwedjew zu dem Thema twittert: „Ich gratuliere allen Verteidigern unseres Landes zum Festtag. Rußland braucht Frieden. Das heißt, wir müssen stark sein“ und lese weiter unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/02/23/der-russische-mannertag.

Den Chor gemeinsam mit einem dänischen Ensemble unter männlicher Leitung gibt es zu hören und zu sehen unter: http://www.youtube.com/watch?v=xBpci9_IIFs

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