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Archive for 28. Januar 2011


Im Rahmen der Deutsch-Russischen Wochen zeigt die VHS am 8. Februar 2011 um 19.30 Uhr im Club International einen sowjetischen Streifen, der Filmgeschichte schrieb: „Wenn die Kraniche ziehen“ wurde 1957, vier Jahre nach Stalins Tod, fertiggestellt. 1958 erhielt der Spielfilm des Regisseurs Michail Kalatosow in Konkurrenz zu 32 Nationen auf den Festival in Cannes mit der Goldenen Palme die höchste Auszeichung.

R. Winzen und N. Steger

Zu Beginn der Vorführung gibt Renate Winzen, Koordinatorin der Erlanger-Wladimirer Wissenschaftskontakte, freiberufliche Filmwissenschaftlerin, Projektmanagerin und Medienpädagogin, eine Einführung mit Informationen zum filmgeschichtlichen Hintergrund. An die Vorführung schließt sich ein Publikumsgespräch an, das „Wenn die Kraniche ziehen“ in seinem geschichtlichen Zusammenhang einordnen und aktuelle Bezüge herstellen soll.

Inhaltsangabe

Der Film zeigt das Schicksal des Liebespaares Veronika und Boris, deren Heiratspläne der Krieg zunichte macht. Boris meldet sich freiwillig an die Front, Veronika bleibt in Moskau zurück. Bei einem Fliegerangriff verliert sie Eltern und Wohnung. Boris’ Eltern nehmen sie zu sich, und dessen Bruder umwirbt die junge Frau. In einer schweren Bombennacht, in der Veronika vor Angst fast den Verstand verliert, gelingt es ihm, sie zu verführen. Die beiden heiraten, doch ihre Ehe zerbricht bald. – Veronika wartet weiter auf Boris‘ Rückkehr, doch der ist an der Front gefallen.

Filmhistorische Stellung des Films

Hatte das sowjetische Kino der 1920er Jahre durch einen einzigartigen Einsatz filmischer Gestaltungsmittel noch Weltfilmgeschichte geschrieben, so erlebte es in der Stalin-Ära unter der Doktrin des Sozialistischen Realismus eine massive inhaltliche und formale Verarmung.

Filmplakat: Wenn die Kraniche ziehen

Nach Stalins Tod entwickelt sich in der sogenannten Tauwetter-Periode eine neue Vielfalt an Themen und Gestaltungsformen. Ein markantes Beispiel hierfür ist der Film „Wenn die Kraniche ziehen“. Wie einen Schock, so umschreibt der französische Filmhistoriker Martin Marcel die damalige Wirkung des Films, der deutlich gemacht habe, „was da an Neuem in der Sowjetunion geschieht.“ Neu an dem Film ist, wie hier über den Krieg gesprochen wird. Hier wird erstmals künstlerischer Raum geschaffen, das persönliche Leiden im Krieg wahrzunehmen und die Frage nach dem Sinn von Krieg zu stellen. Eine solche Haltung wäre unter Stalin undenkbar gewesen. Über den „Großen Vaterländischen Krieg“ und das Leid der Menschen durfte zu Lebzeiten des „Vaters aller Völker“ nur im Stil der pathetischen Heldenverklärung gesprochen werden.

Von einem neuen Geist in der sowjetischen Kinematographie zeugt auch der formale Anspruch des Werks. Es zeichnet sich aus durch den brillanten Einsatz filmischer Gestaltungmittel, eine exzellente Dramaturgie sowie eine hervorragende schauspielerische Leistung.

Mögliche Themen für das Filmgespräch

Erinnern an den Zweiten Weltkrieg: Erinnerungskultur in Deutschland und Rußland

Tatjana Samojlowa in Wenn die Kraniche ziehen

Für die Sowjetunion war es etwas Neues, beim Thema Krieg das persönliche Leid anstatt des heldenhaften Kampfes für das sozialistische Vaterland in den Mittelpunkt zu stellen. In Deutschland war (und ist?) die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg von der Frage nach der Schuld geprägt. Dazu eine Aussage von Prof. Eckart Bruchner, Leiter der Interfilm-Akademie München: „Verarbeiten des Krieges heißt nicht nur, sich zu versöhnen mit der eigenen Schuld, sondern auch. sich zu versöhnen mit dem eigenen Schmerz“.

Bildsprache und innere Haltung

Welche innere Haltung spiegelt sich in der Bild- und Filmkultur einer Gesellschaft? Welche Motive leiten den Blick auf die in Film und Fernsehen gezeigten Menschen und Ereignisse? Ein besonders sensibler Bereich der Bildberichterstattung ist das Zeigen von Menschen, die Opfer von dramatischen Ereignissen wurden. Hier tragen die visuellen Gestaltungsmittel erheblich dazu bei, ob die Würde und die persönliche Integrität des gezeigten Opfers gewahrt werden. Unter diesem Gesichtspunkt erfolgt eine Analyse der Sequenz „Veronika erfährt von Boris’ Tod“.

Krieg heute

Für Rußland – und inzwischen auch Deutschland – ist Krieg wieder eine Realität geworden. Welchen Raum erhalten die Soldaten in Afghanistan sowie ihre Familien und Freunde in der Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft? Wie ist das Verhältnis der deutschen Zivilgesellschaft zu der Welt des Krieges, die für diese Soldaten, ihre Familien und Freunde Alltag ist? Wäre heute solch ein Film wie „Wenn die Kraniche ziehen“ in bezug auf Afghanistan möglich? Welche Erfahrungen gibt es hierzu aus Rußland?

Eintritt frei! Text: Renate Winzen.

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