Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 27. Januar 2011


Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Was die Soldaten hier zu sehen bekamen, übertraf in unvorstellbarem Ausmaß noch all die Schrecken und Greuel, denen sie bereits auf ihrem Vormarsch durch die nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ verwüsteten Länder begegnet waren. Auschwitz ist seither Symbol für den abgrundtiefen moralischen Fall einer ganzen Nation, ein unauslöschlicher Makel im Gewissen eines ganzen Volkes, unüberhörbare Mahnung an alle Generationen für alle Zukunft.

Percy Gurwitz im Mai 2009 mit den Gästen aus Jena vor dem Erlangen-Haus in Wladimir.

Der Pädagoge und Publizist Percy Gurwitz aus Wladimir, geboren 1919 in Riga, hat dank beherzten Helfern vom Deutschen Roten Kreuz den Holocaust – und später auch noch den Gulag – überlebt, während seine gesamte Familie von den Nazi-Schergen ausgelöscht wurde. Zum heutigen Gedenktag hat Albrecht Schröter, Oberbürgermeister der Partnerstadt Jena, den Augenzeugen zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen, doch Alter und Gesundheit lassen die Reise nicht mehr zu. Schlimmer noch: Nach einem Schlaganfall ringt der Professor für Fremdsprachendidaktik an der Geisteswissenschaftlichen Universität Wladimir mit dem Tode. Deshalb stellvertretend und als Auszug aus seinem zu Weihnachten 2010 erschienenen Buch „Die Schuld am Holocaust“ heute hier im Blog Gedanken zu Auschwitz eines leidenschaftlichen Humanisten, der als deutsch-baltischer Jude sein ganzes Leben der Aussöhnung und Verständigung gewidmet hat.

Kapitel VI: Auschwitz – ich muß dich lassen!

Sie schien mir auf das Beste eingependelt, die Waage der Schuldverteilung, das Gleichgewicht der Waagschalen aufs Sorgfältigste hergestellt wie in jeder besseren Apotheke. Trotzdem überkam mich mitunter das unangenehme Gefühl, daß dennoch etwas defekt war an der Waage. Und siehe da, es verging dann auch nicht mehr als ein halbes Jahr, da schenkte mir der fränkische Dichter Fritz Wittmann einen Band seiner Verse, worin zu lesen stand: „Den Krieg verloren, / das Reich zerschlagen, / Gesicht verloren und Ehre. / Das wäre alles zu ertragen, / wenn Auschwitz / nicht gewesen wäre.”

Da hatte ich’s! Schöne Schuldverteilung, bei der die Hauptschuld unverteilt geblieben war – die unmittelbare Judenausrottung, das Technische sozusagen, kurzum, „Auschwitz“, ein winziger Ort à quelque part de Pologne, wo ein 70-Millionen-Volk endgültig zu Fall gekommen sein soll.

Nun gibt es freilich in der Weltgeschichte etwas, das man die unerbittliche Macht der nackten Tatsachen nennen kann, gegen die schwer aufzukommen ist. So eine nackte Tatsache ist es, daß der Mann, der das Vernichtungsschema ausgebrütet hat, Deutscher war („Deutsch-Österreicher“ – macht die Sache nur noch schlimmer). Zu solchen nackten Tatsachen gehört ferner, daß die Baumeister, Bediener und Inschwunghalter der Vernichtungsmaschinerie Deutsche waren und daß, drittens und letztens, kein anderes Volk als das deutsche dazu geschwiegen haben soll.

Diesen Tatsachen zum Trotz will ich gleich zu Eingang dieses Kapitels zwei Behauptungen aufstellen, die auf den ersten Blick mehr als paradox erscheinen mögen:

Der Holocaust, der dem deutschen Volk als Hauptschuld aufgebürdet wird, war am wenigsten die Schuld des deutschen Volkes.

In nichts anderem tut sich die Kluft zwischen dem deutschen Volk und den faschistischen Mördern so weit auf wie in Auschwitz und dem Holocaust.

Der Weg der Beweisführung dieser Thesen dürfte vorgezeichnet sein durch die Vorraussetzungen, die nötig waren, damit Auschwitz zustande kam. Zum ersten die „Weltanschauung“, die fast ausschließlich eine Schöpfung Hitlers war, zum zweiten eine zahlenmäßig ausreichende skrupellos-verbrecherische Anhängerschaft als ihr Vollstrecker, ein Corpus carnificum, deren Zahl, wie wir wissen, gewöhnlich auf ca. 250.000 Mordgesellen angesetzt wird, und zum dritten, das Stillhalten der Volksmassen, von der Diktatur genügend geknebelt, durch die Kriegsschrecknisse genügend abgelenkt, genügend schlecht informiert oder zur Genüge indifferent.

Zeit seines Lebens stritt Percy Gurwitz für diese Thesen und belegt sie beredt in in diesem 6. Kapitel seines Buches, aus dem folgende Auszüge stammen:

Von Hitler ist mit genügender Glaubwürdigkeit der Ausspruch verbürgt, er brauche keine Anhänger, die für ihn, sondern solche, die mit ihm stehen und fallen. Zur Verwirklichung dieser staatsmännischen Weisheit sollte der Holocaust dienen, d.h. die Verübung eines derart grandiosen Massenverbrechens, eines so ungeheuerlichen, daß – nach Berechnung der Nazi-Führung – den Durchschnittsdeutschen keine andere Wahl mehr blieb, als entweder bis zum letzten Atemzug Hitler die Treue zu halten oder als Vergeltung für seine Verbrechen mit vernichtet zu werden, also mit Hitler zu stehen und zu fallen. Diese Gewißheit mußte aber den Deutschen auf eine besonders durchtriebene Art eingeflößt werden: Sie sollten von der hinter ihrem Rücken vor sich gehenden Judenausrottung nichts Exaktes erfahren, nur ahnen, erraten sollten sie so manches. Nichts als unbestimmt-verschwommenes Entsetzen sollte von den Gerüchten ausgehen, aber ausreichend für den am Hirn feilenden Gedanken: „Wenn die anderen den Krieg gewinnen, lassen sie keinen Deutschen am Leben!“ Ja, aber waren da nicht schon der Luftkrieg in vollem Gange und die Vernichtung deutscher Städte und der eigenen Angehörigen dazu? Ob das nicht etwa schon der Anfang von der Vergeltung war für das Grausige, das mit den Juden angestellt wurde? Das müßte man dann doch stoppen, ehe es zu spät war! Ja, aber wußte man denn etwas Genaues darüber? Womöglich waren das alles nur Greuelmärchen. Also lieber abwarten.

So teuflisch-raffiniert war das alles eingefädelt. Dr. Goebbels und Himmler aßen ihr Brot nicht umsonst. Die Judenausrottung war eben keine Sinnlosigkeit, sie war, wenn man will, eine Art ultima ratio regis – will sagen: des Führers: Jetzt kommt ihr nicht mehr los von mir, liebe deutsche Volksgenossen, ihr steht und fallt sowieso mit mir, dann steht lieber, solange es noch irgendwie geht! 

Dem sei, wie ihm wolle, doch hat Hitler in jedem Fall mit dem von ihm angestifteten und weiterhin anbefohlenen Holocaust das Grauenvollste aller antinationalen, also antideutschen Verbrechen verübt, indem er der deutschen Nation die unerträgliche Last der Holocaust-Folgen aufgebürdet hat, wohl wissend, daß die überwältigende Mehrheit der Deutschen diese Missetat auf das Entschiedenste verurteilte. Dabei ist es wohl egal, ob Hitler die Praxis seines pathologischen Judenhasses vor den Deutschen geheim halten wollte oder im Gegenteil bestrebt war, durch raffiniert-tropfenartiges Publikmachen der Greuel das deutsche Volk erpresserisch zum Durchhalten zu zwingen. In beiden Fällen gleich undeutsch oder, genauer gesagt, antideutsch!

Gegen Ende seiner Ausführungen dann:

Es geschieht nicht selten, daß man von Juden etwas Abfälliges über das Judentum zu hören bekommt. Kaum jedoch wird genau dasselbe von einem Nichtjuden geäußert, schon fühlt sich der jüdische Selbstkritiker gekränkt: „Ich als Jude darf auf die Juden schimpfen, die anderen sollen’s gefälligst bleibenlassen!“

Bei vielen vergangenheitsbewußten Deutschen ist alles umgekehrt: Es ist ihnen peinlich und scheint ihnen sogar taktlos und fehl am Platz, auch nur das Geringste zur Schmälerung oder Präzisierung der Schuld Deutschlands am Holocaust zu sagen. Was sie vorzubringen hätten, mag noch so wahr sein, sie schweigen sich darüber aus: Die Deutschen von heute sollen eben die Deutschen von damals in nichts in Schutz nehmen. Wenn es andere tun, bitte sehr, das ist dann deren Sache, und sie sollen es gefälligst selbst mit ihrer Hörer- und Leserschaft ausmachen! So bleibt denn die Verteidigung der Deutschen von damals gegen so manch eine ungerechtfertigte Anklage anderen überlassen, darunter auch solchen Außenseitern wie mir, die glauben, die Wahrheit zu kennen.

Zum vollständigen Text des Buches und dessen Vorgeschichte geht es hier: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/24/die-schuld-am-holocaust

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: