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Archive for 26. Januar 2011


Flughafen Domodjedowo

Der Anschlag vom Montag provoziert in der russischen Politik und in den Medien die altgedienten Reflexe. Man sucht Verantwortliche, fordert Rechenschaft, schwört Rache, Vergeltung und Aufklärung, man räumt Fehler ein, gelobt Besserung, zahlt den Hinterbliebenen und Verletzten Schmerzensgeld, bringt sein Mitgefühl zum Ausdruck. Aber ob das genügt, daran bestehen Zweifel, denn der Hydra des Terrorismus ist es noch immer nicht gelungen, alle Köpfe abzuschlagen. Vielleicht gelingt das ja auch gar nicht mit dem Schwert allein. Besonnene Gedanken dazu macht sich der Wladimirer Politologe Roman Jewstifejew in seinem Blog, aus dem zwei Ausschnitte zum Nachdenken anregen mögen.

Warum nur Domodjedowo? Jetzt wird viel über das Sicherheitssystem und derlei Fragen geschrieben. Aber warum überhaupt so ein Risiko eingehen und ein wie auch immer geartetes Sicherheitssystem überwinden? Das größte Risiko für derlei Verbrecher stellt es doch dar, noch vor der Begehung der Straftat erwischt zu werden. Warum also das Risiko eingehen? Massenansammlungen gibt es bei uns doch zuhauf. Ohne jedes Risiko. Man kommt, sieht und läßt die Bombe hochgehen. So ist es ja auch schon mehrfach in der tragischen Geschichte Rußlands der letzten 20 Jahre geschehen. Warum also Domodjedowo? Domodjedowo ist keine Straße, nicht einfach eine Menschenansammlung, nicht irgendwelche zufälligen Leute. Domodjedowo ist ein komplizierter kommerzieller Komplex mit allen solchen Objekten anhaftenden Abhängigkeiten und Querverbindungen. Das zum einen. Domodjedowo ist der größte Flughafen Rußlands. Das zum andern. Und schließlich ist Domodjedowo ein Ort, wo Passagiere erwartet werden, die aus dem Ausland kommen. Das sind also nicht eben die Ärmsten. Und darunter sind Ausländer. Was mag das bedeuten? Hat die Metro ausgedient? Gibt die Alltagsmasse auf der Straße nicht mehr genug her für die Ziele der Terroristen? Diesen Fragen müssen wir uns stellen. Schluß mit dem geheimen Krieg gegen den Terrorismus. Die Geheimnisse der Geheimdienste mögen ruhig geheim bleiben. Aber wir haben das Recht, nicht nur zu erfahren, daß uns der Tod früher oder später ereilen wird, wir sollten auch wissen, warum das so ist und zu welchem Ende…

Der zweite Eintrag bezieht sich auf die fast täglich zu lesenden Meldungen, man habe wieder einmal dieses oder jenes Banditennest ausgehoben und die Extremisten liquidiert.

Den Terroristen und ihren Helfeshelfern wird sicher eines Tages der Prozeß gemacht. Aber das wird wohl leider mehr oder weniger als geschlossene Veranstaltung geschehen, nicht als bedeutendes gesellschaftliches Ereignis, das uns als Bürger zu einer gemeinsamen Nation verbinden könnte. Wir wissen nach wie vor nichts über die Gründe und Motive des Krieges gegen uns. Wir stellen Mutmaßungen an, aber wir kennen sie nicht und diskutieren sie nicht öffentlich, sondern überlassen das Thema just jenen Mächten zur Pacht, die diesen Krieg führen. Dabei sind wir der Schauplatz des Krieges, das Schlachtfeld. Nicht einmal Soldaten sind wir in diesem Krieg. Wir sind die Landschaft, Erdbrocken, die herumfliegen nach einer Explosion in der Nähe des Stabsbunkers, an den nicht heranzukommen ist. „Mensch, das hat ganz schön gerumst“, sorgt man sich im Stab. „Jetzt hauen wir auch noch kräftig drauf!“ Und so geht es ewig weiter. Warum ist das so? Es gibt wahrscheinlich wichtige Gründe, Prozesse gegen Terroristen zu gesellschaftlich relevanten Veranstaltungen zu machen. Doch diese wichtigen Gründe verlieren doch an Bedeutung angesichts der Dimensionen der begangenen Verbrechen. Was ich sagen will: Die Spezialeinheiten töten im Kaukasus ständig Leute ohne Ermittlung und Gerichtsverfahren, doch der Terrorismus lebt weiter. Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal einen öffentlichen Musterprozeß anzustrengen. Aber natürlich nur, wenn jemand all das stoppen will. 

Die Sicherheitskräfte in Wladimir melden übrigens keine besonderen Vorkommnisse. Allerdings war ein junges Pärchen aus der Region unter den Opfern vom Montag, gottlob mit nur leichteren Verletzungen.

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