Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 23. Januar 2011


An der Tesa

Eine gute Wendung nimmt es mit dem Kljasminsko-Luchskij Naturschutzgebiet in der Region Wladimir. Der Protest der Umweltschützer vor Ort, aber auch die Einschaltung von Staatsduma, Word Wildlife Fund und Europaparlament – ja, so wichtig ist diese Sumpf- und Waldlandschaft in den Auen der Kljasma – hat ein Einlenken von Gouverneur Nikolaj Winogradow bewirkt, der vor fast einem Jahr zwei Drittel der Fläche aus der strengen Schutzzone herausnehmen und zum Pufferbereich machen wollte. Für viele der Dutzende Tierarten, die sich alle auf der Roten Liste tummeln, hätte diese Entscheidung möglicherweise das endgültige Verschwinden aus einem der letzten Rückzugsgebiete bedeutet.

Wisent

Der Widerstand der Ökologen und der Öffentlichkeit tat das Seine. Bereits jetzt ist festgelegt, daß sich an den Schutzgrenzen nichts ändert. Bei den nun anberaumten Anhörungen ist nur noch zu klären, wie die einzelnen Zonen sich genau zueinander verhalten, wie sie am besten bewahrt werden können. Ilja Wachromejew vom Lehrstuhl für Botanik, Zoologie und Ökologie an der Staatlichen Universität Wladimir freut sich jedenfalls schon jetzt darüber, daß „der gesunde Menschenverstand doch noch gesiegt hat“. Um diesen Sieg zu erringen, waren im vergangen Jahr aber einige Expeditionen in das Gebiet bei Wjasniki notwendig, wo 100 km östlich von Wladimir der Luch in die Kljasma mündet. Viele Expertisen werden noch angefertigt, viele Fachleute werden sich noch streiten, aber die Hauptsache ist: Das Naturschutzgebiet bleibt in seinen ursprünglichen Grenzen erhalten

Biberspuren

Es geht um 21.000 ha, die bereits 1978 am Zusammenfluß von Kljasma, Luch, Uwod und Tesa im Grenzgebiet der Gouvernements von Wladimir und Iwanowo zum Naturschutzgebiet erklärt worden waren. Entstanden ist es aus den bereit 1935 eingerichteten Schutzzonen für Biber und Wassermaulwurf bzw. Desman, eine einzigartiger Kleinsäuger, der nur noch in wenigen Rückzugsgebieten Rußlands und in den Pyrenäen in zwei Unterarten vorkommt. Das Sumpfgebiet zählt 67 Seen mit einer Fläche von 5 bis 45 ha, 19 kleinere mit weniger als einem Hektar Fläche und an die einhundert Tümpel und Weiher, zusammen mehr als 440 ha Ausdehnung. Hinzu kommen die vielen kleinen fischreichen Flüsse, die alle am Südrand des Gebiets in die Kljasma münden. 73% der Fläche sind von Mischwäldern und Lichtungen bedeckt. Ein wahres Dorado findet sich hier für Botaniker, die hier sogar die Wassernuß entdecken können, eine Pflanze, die hierzulande fast als ausgestorben gilt.

Wassermaulwurf

Nicht minder vielfältig zeigt sich die Tierwelt mit dem wunderlichen Wassermaulwurf, gefolgt vom Biber, Baummarder, Fischotter, Elch, Dachs, Hermelin, Fuchs und Wildschwein, um nur einige zu nennen. Die Liste wäre aber unvollständig ohne die Wisente, die sich von hier aus, seit 1996 vom WWF betreut, wieder in ihrer ursprünglichen Heimat verbreiten können. Besonders reich auch die Vogelwelt mit Schelladler, Sumpfweihe, Habicht, Sperber, Auer- und Birkhahn, Reb- und Haselhuhn, Wachtel, Wald- und Doppelschnepfe, Bekassine, Ringeltaube und der Wachtelkönig mit seinem so schön lautmalerischen lateinischen Namen crex crex. Im reichlich vorhandenen Wasser tummeln sich Hecht, Rotauge, Schleie, Brachse, Aland, Karausche, Gründling, Quappe, Zander, Barsch und Kaulbarsch, um nur die wichtigsten Arten zu nennen.

Angemerkt sei aus aktuellem Anlaß, daß auch Erlangen so seine liebe Not mit der Erhaltung von Naturschutzgebieten hat. Just heute soll in der Staudtstraße gegen den Bau des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts demonstriert werden, weil Umweltschützer fürchten, damit gehen wichtige Rückzugsgebiete für gefährdete Arten verloren. Und man erinnert sich an den Biber im Kreis Höchstadt, der sogar Landrat Eberhard Irlinger auf den Plan gerufen hat. Da könnte man fast auf den Gedanken kommen: Von Wladimir protestieren lernen, heißt siegen lernen.

Mehr zur Vorgeschichte unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/04/23/ein-federstrich-gegen-die-umwelt

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: