Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 14. Januar 2011


Was wäre die Partnerschaft ohne den Austausch des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde mit der Wladimirer Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität. Die Partnerschaft hat Mitte der 80er Jahre just mit diesem seither ununterbrochen gepflegten Kontakt erst so richtig angefangen. Und doch ist jede Begegnung immer wieder ein Neuanfang, dem ein Zauber innewohnt. Lesen wir aber lieber gleich den Bericht der Erlanger Austauschgruppe, auf den einige Monate zu warten sich gelohnt hat.

Als wir uns am 11. September 2010 am Nürnberger Flughafen trafen, waren wir alle sehr aufgeregt und dachten darüber nach, wie es wohl in Rußland sein wird. Wie unsere Gastfamilien sein werden, ob wir mit unseren Austauschpartnern wirklich zusammenpassen und ob wir die gleichen Hobbys haben. Wie die Häuser, Städte und Verkehrsmittel aussehen. Da wir nach einem Vier-Stunden-Flug nach Moskau und einer dreistündigen Fahrt nach Wladimir erst ganz früh am Morgen, als es noch dunkel war, ankamen, konnten wir alles erst am nächsten Tag genauer unter die Lupe nehmen. Schon gleich bei unserer ersten Begegnung am Moskauer Flughafen haben uns unsere Austauschpartner herzlich in Empfang genommen. Sie hatten ein sehr schönes Plakat mit unseren Namen und dem Namen ihrer Universität vorbereitet. Bei der Hinfahrt nach Wladimir haben sie liebevoll dafür gesorgt, daß wir etwas zu essen und trinken bekommen. Mittlerweile war schon der 12. September angebrochen, als wir müde in die für uns vorbereiteten Betten fielen.

Nachdem wir ausgeschlafen hatten, haben uns die Familien sehr nett mit Essen und Geschenken begrüßt. Vermutlich hatten sie Angst, wir wären von der langen Reise total ausgehungert, denn wir bekamen immer ein Drei-Gänge-Menü! Wir haben jeden Tag etwas anderes zum Probieren bekommen, und natürlich war alles sehr lecker. So konnten wir viele neue Eindrücke von dem traditionellen russischen Essen sammeln. Noch heute erinnern wir uns an die leckeren Nachtische, denn egal ob Pfannkuchen, Bliny, Kuchen, Torte oder Konfekt, es schmeckte alles. Wir lebten in den drei Wochen genau so wie die Einheimischen. Auch tranken wir täglich und mehrmals am Tag Tee, und immer, wenn wir zu Besuch bei Bekannten waren, mußten und haben wir immer etwas gegessen und getrunken. Denn das ist dort so üblich. Einige von uns nahmen deshalb einige Kilos zu. Wir hatten natürlich echte fränkische oder bayerische Mitbringsel für unsere Gastfamilien dabei. Besonders haben ihnen die Nürnberger Lebkuchen geschmeckt, gefallen haben ihnen aber auch die DVDs und Bücher über unsere Region, die sie ganz stolz all ihren Freunden präsentierten.

Frühjahrshochwasser der Nel um die Mariä-Schutz-Kirche

Am ersten Nachmittag hatten unsere Gastgeber eine kleine Exkursion durch die Stadt Wladimir organisiert. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen die Maria-Entschlafens-Kathedrale, das Goldene Tor, ein altes Stadttor, die Demetriuskathedrale als letztes Zeugnis der fürstlichen Residenz, das Fürstinnen-Kloster, das Kloster in Bogoljubowo, ebenfalls mit Überresten eines Schlosses, und unweit des Stadtzentrums die berühmte Mariä-Schutz-und-Fürbitt-Kirche an der Nerl von 1165, die Andrej Bogoljubskij in nur einem Sommer errichten ließ, sowie weitere Kirchen, Klöster und Profanbauten. Man zeigte uns den Park und die Plätze, die Jugendliche gerne besuchen, wie auch einige der oben genannten Sehenswürdigkeiten. Es gab viel zu sehen in dieser Stadt, und das machte sehr hungrig. Das ließen sich unsere Russen nicht zweimal sagen, und wir suchten sofort ein typisch russisches Restaurant auf, um uns dort den Bauch vollzuschlagen. Gesättigt und in tiefe Gespräche vertieft, bummelten wir noch durch die Stadt und teilten uns schließlich auf. Abends haben wir zusammen den Familien von Deutschland erzählt, denn alle waren sehr interessiert, wie es bei uns in der Heimat so zugeht. Es wurde stets Tee getrunken und – nicht zu vergessen – natürlich gegessen, gegessen und noch mal gegessen. Nach diesem anstrengenden ersten Ausflugstag fielen wir am Abend in einen festen Schlaf.

Rektor Wiktor Malygin

Am Montag hatten wir dann unseren ersten Tag in der Universität, an der unsere Gastgeber studieren. Uns wurde die Fakultät gezeigt, wir wurden den Lehrern vorgestellt und mit neugierigen Studenten bekannt gemacht. Alle wollten wissen, ob wir denn echte Studenten aus Deutschland waren. Nach all diesen kleinen Zwischenfällen hat uns der Rektor der Universität. Wiktor Malygin, willkommen geheißen und teilte uns die vier Ausflüge mit, die man organisiert habe: Stadtführung mit Besichtigung einiger Kirchen und Museen; Ausflug und Besichtigung der Stadt Susdal; Kristallmuseum in Gus-Chrustalnyj und Besuch des Klosters in Bogoljubowo. An den anderen Tagen hatten wir genauso wie unsere Austauschstudenten Unterricht. Sogar dabei hatten wir eine Menge Spaß und Freude, denn wir fünf bekamen eine sehr liebe und nette Lehrerin! Auch gefiel es uns sehr, erst um 13:50 Uhr Unterricht zu haben, denn der eine Teil der russischen Studenten hat von früh bis Mittag Unterricht und der andere Teil von Mittag bis Nachmittag. So konnten wir zumindest immer ein wenig länger schlafen. Im Unterricht lernten wir vieles über die Geschichte der Stadt und der Umgebung und sehr viel über die russische Grammatik. Nicht alle haben die Worte genau verstanden, doch die Lehrerin hat die Geschichten mit so viel Enthusiasmus und schauspielerischem Talent vermittelt, daß wir alle gespannt lauschten, was als nächstes zu hören war. Zum Schluß sangen wir typisch russische Volkslieder, meist Liebeslieder, in denen von unerwiderter Liebe und Herzschmerz die Rede ist. Wie zum Beispiel in dem Lied „Milenkij ty moj“. Dort geht es um eine verliebte Frau, die unbedingt ihren Geliebten heiraten will; er jedoch hat daheim schon eine Geliebte und braucht sie nicht mehr, da er nun wieder in die Heimat reist. Wir gingen aber auch alles ganz genau durch, alles was wir im Vorjahr am IFA gelernt hatten. Da alles auf Russisch war, und die Lehrerin kein Wort Deutsch konnte, haben wir dadurch auch noch mehr gelernt, denn wir waren gezwungen, immer ganz genau zuzuhören, um alles zu verstehen. Unsere Lehrerin hat sich ständig um uns gesorgt und sich rührend um uns gekümmert. Wenn es uns mal gesundheitlich nicht so gut ging, versuchte sie uns mit pflanzlichen Mittelchen oder Bonbons, so schnell es nur ging, wieder gesund zu machen. Einmal wurden wir auch von einem niedrigeren Studienjahr zum Reden und zum Teetrinken eingeladen, ein anderes Mal haben wir eine ganz andere Schule besucht, bei der wir eine kleine Führung durch die Klassen bekamen und zum Mittagessen in die Mensa eingeladen wurden. Eine von uns wurde vormittags mit in die dortige Grundschule mitgenommen, um den Kindern auf Deutsch vorzulesen und sie zu motivieren, da die meisten nicht besonders gut lernten und schlechte Noten hatten. Zuerst glaubten die Schüler nicht, eine echte Studentin aus Deutschland vor sich zu haben, doch als sie zuerst deutsch vorlas, dann russisch ihre Fragen beantwortete, glaubten sie es mit großen Augen. Alle Schüler und Klassen wollten immer nur das gleiche wissen: welche Hobbys wir haben, was wir in unserer Freizeit machen, wie es in Deutschland im Vergleich zu Rußland ist. Meist sahen sie es sehr humorvoll und machten kleine Witze über ihr Land und fragten, ob es bei uns auch so wäre. Nach dem Unterricht um 17 Uhr fuhren wir immer nach Hause, um zu Abend zu essen. Mal mit der ganzen Familien und mal ohne, denn auch die müssen bis abends arbeiten. Nach dem Essen trafen wir uns entweder mit den anderen gastgebenden Studenten aus unserer Gruppe, oder wir verbrachten mit der Familie oder den Freunden unserer Gastgeber die Zeit. Auch die Freunde unserer Austauschpartner mochten uns sehr und fragten uns interessiert aus. Sie nahmen uns sogar an zwei Freitagen mit in die russische Diskothek, um uns auch wirklich alles zu zeigen! Unsere Wochenenden verbrachten wir fünf alle einzeln. Doch als wir uns dann alle wieder austauschen konnten, als wir wieder zusammen waren, merkten wir, wie gut es jedem gefallen hatte. Keiner war einsam, denn unsere Gastfamilien waren mit uns Pilze sammeln, in einer richtigen Banja, in anderen Städten und auf ihren Datschas außerhalb von Wladimir, sind mit uns einkaufen, in Restaurants und auch ins Kino gegangen. So haben wir die russische Kultur bestens kennengelernt. Unsere Gastschwestern hatten ein ganz besonderes Hobby: spazieren gehen! Immer und zu jeder Zeit wollten sie mit uns spazieren gehen und uns etwas Neues vorführen. Wir waren sehr überrascht, dies hier als Hobby aller Jugendlichen zu erleben, mußten uns aber davon überzeugen lassen.

Goldenes Tor Wladimir

Unsere Ausflüge machten wir alle zusammen. Manchmal haben sogar die Studenten aus der Universität uns sämtliche historische Daten und Information über Gebäude und Plätze auf Deutsch genannt. Sie hatten sich extra für uns bestimmte Routen ausgesucht, um uns Wladimir näherzubringen. Auch im Stadtmuseum haben sie versucht, uns alles genau zu erläutern. Sie stellten uns Kirchen und Klöster vor, auch das Wahrzeichen von Wladimir, das „Goldene Tor“, haben wir besichtigt. Früher war das das Eingangstor der Stadt, heute befindet sich dieses Tor genau in der Stadtmitte. Da es ein historisches Gebäude ist und lange erhalten bleiben soll, dürfen heute keine Autos mehr durch das Tor fahren. Eine sehr lange Treppe führte uns hoch hinauf auf das Goldene Tor, wo ein kleines Museum eingerichtet ist. In einer großen Vitrine ist eine künstlerische Nachbildung des Tores zu sehen. Mit verschiedenen Lichteffekten wurde uns die Geschichte von Wladimir und seinem Goldenen Tor auf Deutsch erzählt. Wir waren sehr beeindruckt, wie lange und unter welchen Umständen dieses Gebäude schon hier steht, und anschließend stellten wir uns vor ihm auf und machten Erinnerungsfotos. Dieser Tag ging genauso schnell vorbei wie die vielen anderen auch.

Susdal an der Kamenka

An einem wunderschönen sonnigen Freitag fuhren wir mit dem Universitätsbus nach Susdal. Susdal gehört wie Wladimir zum Goldenen Ring und ist eine der ältesten Städte Rußlands. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde an der Stelle des heutigen Susdal erstmalig ein Kreml, also eine Zitadelle, errichtet. Diese befand sich in der Biegung des Flusses Kamenka im südlichen Teil der heutigen Stadt und war in den folgenden Jahrhunderten mehrmals von Angreifern zerstört und von den Susdalern wiederaufgebaut worden. Bereits in den Jahren 1222–1235 entstand im Susdaler Kreml die Muttergottes-Geburts-Kathedrale, die bis heute weitgehend in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben ist und damit eine der ältesten noch erhaltenen russisch-orthodoxen Kirchenbauten darstellt.

Winternacht in Susdal

Der ehemalige Susdaler Kreml, die Muttergottes-Geburts-Kathedrale mit ihren fünf blauen Kuppeln und das Erlöser-Euthymios-Kloster gehören seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe. In Susdal sind drei große Klöster erhalten: Im Zentrum der Stadt liegt das Mariä-Gewandniederlegungs-Kloster; im Norden der Stadt, außerhalb der Stadtmauern, stehen am gegenüberliegenden Ufer der Kamenka das Erlöser-Jewfimyj-Mönchskloster und das Mariä-Schutz-Nonnenkloster, die beide wieder als Kloster genutzt werden. Sie sollen der Legende nach durch einen unterirdischen Gang verbunden sein.

Museum für Holzarchitektur, Susdal

In Susdal besuchten wir die Klöster und das Museum für Holzarchitektur, in dem wir sahen, wie früher die Leute wohnten und in welchen Kirchen sie beteten. Die goldenen Kuppeln der Kirchen glitzerten in der Sonne. Das Glockenspiel soll hier ganz besonders sein, und so warteten wir, bis dieses begann. Es war wirklich sehr schön. Außerdem fiel uns auf, wie viele Brautpaare hier mit ihren Photographen unterwegs waren. Wir erfuhren, daß man sich gern an diesem ganz besonders schönen und außergewöhnlichen Ort das Ja-Wort gibt.

Unser nächster Ausflug führte uns nach Gus-Chrustalnyj. Dort sahen wir uns das Kristallmuseum an, in dem alles schön funkelte. Es waren Gläser, Service, Vasen und andere Exponate aus Glas, die einst Zaren und Fürsten gehört hatten, ausgestellt. Es war wie in einer Eishalle, alles glitzerte und funkelte in den verschiedensten Farben. Der perfekte Ort für Souvenirs.

Roter Platz, Fjodor Alexejew, 1801

Und auf einmal waren drei Wochen wie im Flug vergangen, und der letzte Tag war angebrochen. Als wir von unseren Austauschstudenten zum Busbahnhof gebracht wurden, gab es einige Tränen, nicht nur von uns und unseren Gastschwestern, sondern auch von den Gasteltern, welche uns nämlich schon ins Herz geschlossen hatten. Zehn Stunden vor unserem Abflug haben wir uns von Wladimir aus auf den Weg gemacht, um uns noch Moskau anzuschauen, denn nach Rußland zu fliegen und Moskau nicht gesehen zu haben, konnten wir uns nicht vorstellen. Wir fuhren früh mit dem Bus los, denn wir wollten auf keinen Fall in den berühmt-berüchtigten Stau kommen, vor dem wir gewarnt worden waren. Moskau ist eine wunderschöne, teuere Stadt für Touristen. Wir waren natürlich am Roten Platz, haben den Kreml gesehen und sind mit der weltbekannten Metro gefahren. Die Größe der Metro hat uns überwältigt, es ging so weit in die Erde hinunter und alles war wunderschön hergerichtet und strahlte in Prunk und Glanz. Leider war es an diesem Tag sehr kalt, und die Hände und Ohren fielen uns beinahe ab. Deswegen mußten wir in Bewegung bleiben. So besichtigten wir das GUM-Einkaufszentrum, dessen Gebäude uns von außen schon in Stauen versetzt hatte. Die Architektur der Kirchen ist unglaublich schön, die Farben, das Gold, die Formen. Die Größe des Roten Platzes – einfach gigantisch. 

Als wir in der Nacht dann in unseren Flieger nach Hause stiegen, war alles leider schon vorbei. Wir waren sehr traurig und freuten uns zugleich, eine solche Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Und nun wollen wir alles dafür tun, auch unseren Gaststudenten, die wir im März wiedersehen, nur das Beste zu bieten, damit auch sie mit den besten Eindrücken in ihre Heimat zurückfahren! Wir haben jetzt neue Freunde gewonnen und pflegen den Kontakt mit ihnen jedes Wochenende. Vielleicht verbringen wir unsere nächsten Sommerferien wieder bei unseren neuen Freunden in Wladimir.

Marina Oberglock und Pia Braun

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: