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Archive for 11. Januar 2011


Koljadki

Seit dem 6. Januar, dem orthodoxen Heiligen Abend, und noch bis zum 19. des Monats, also bis zum Fest Christi Taufe, sind die russischen Nächte voller Zauberkraft. Natürlich nur, wenn man an das Übernatürliche glaubt. Seit heidnischen Zeiten jedenfalls sollen sich in dieser Periode um den Jahreswechsel, im Russischen „Swjatki“ genannt, alle Omen und Vorzeichen zum Guten wenden. Die Bezeichnung der zwei Wochen leitet sich ab vom slawischen Wort für „heilig“, wird aber auch als das russische „Allerseelen“ gedeutet, wo die Verstorbenen besonders nahe sind und guten Einfluß auf die Geschicke der Lebenden nehmen. Sicher aber ist die vorchristliche Herkunft dieses Glaubens. Die Schamanen sagten in diesen Nächten die Zukunft voraus, beschworen eine gute Ernte, Gesundheit und Frieden. Gleichzeitig feierte man mit Freudenfeuern, Maskenspielen und Tänzen die sogenannte Koljada (auch Koljadki), das Fest der Sonnengeburt, werden doch die Tage endlich wieder länger. Dieser Feiertag im heidnischen Kalender ist dann ab dem 10. Jahrhundert in der Kiewer und Wladimir-Susdaler Rus im Weihnachten aufgegangen. Seither gilt die weiße Magie von einst den geistlichen Herren von heute als Teufelswerk.

Ungeachtet der kategorischen Ablehnung des Spuks aus der Vorzeit durch die Orthodoxie feiert der Aberglaube fröhliche Urstände. Unterschiedlichen Umfragen zufolge glaubt bis zu einem Drittel der Russen an Talismane, Glücksbringer und Vorzeichen. In der losen Reihe der Vorstellung von russischem Traditionsgut soll deshalb heute ein Brauch vorgestellt werden, der angeblich in Dörfern noch gepflegt wird. Es geht darum, daß junge Mädchen ihren künftigen Gemahl sehen, die Methode soll aber auch in anderen Fällen und bei Männern ebenso wirken. Doch bleiben wir beim schönen Geschlecht:

Igor Schajmardanow, Koljadki

Nach dem Bad in der Banja hüllen sich die Mädchen in diesen Nächten in völliges Schweigen und widmen sich ganz ihrem Herzenswunsch. Auf das Nachttischschränkchen stellen sie ein Glas Wasser, und bevor sie sich schlafen legen, müssen sie ein Heimchen hinterm Herd (vulgo tut es auch eine Kakerlake) fangen, in einen Umschlag stecken und das Kerbtier mit dem linken Fuß zertreten. Der Umschlag wandert dann unter das Kopfkissen, um dort sein Werk zu tun. Der Herzenswunsch soll sich dann im Traum konkretisieren und personifizieren, sprich man erblickt seinen Traummann oder eben ein anderes Objekt seines Verlangens und Sehnens, an das vor dem Einschlafen gedacht wurde. Das Glas Wasser ist notwendig, um am Morgen den Traum nicht zu vergessen. Kann sich nämlich das Mädchen an den Traum nicht erinnern, sollen ein paar Schluck Wasser dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

Der Blog ist nun weit davon entfernt, einsamen Bräuten zur Anwendung der Prozedur zu raten, aber Wunschträume und positives Denken sind doch auch hierzulande und in unserer Zeit kaum jemandem fremd. Freilich ohne das exotische Beiwerk der slawischen Magie, die in diesen Nächten ja besondere Kraft entfalten soll. Wer weiß.

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