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Archive for 6. Januar 2011


Frohe Weihnachten

Die Unruhen, die unter dem Schlagwort „Kreuzzug der Kinder“ Mitte Dezember Moskau erschütterten und auch auf andere Städte übergriffen, in Wladimir aber gerade noch verhindert werden konnten, diese häßlichen Eruptionen von Fremdenfeindlichkeit und Rassenhaß bedrohen den Zusammenhalt der Russischen Föderation mehr als jedes noch so umstrittene Urteil gegen Ex-Oligarchen. Mit administrativ-repressiven Maßnahmen läßt sich der Deckel nicht mehr auf dem Kessel ethnischer Konflikte halten. Die Führung des Landes scheint das begriffen zu haben und versucht nun – von oben – einen Dialog anzustoßen, der auf Toleranz und gegenseitigen Respekt im größten Vielvölkerstaat der Erde abzielt. Daß ungeachtet aller xenophoben Parolen die Grundlage dafür noch vorhanden ist, zeigt eine kleine Episode aus dem Blog des Wladimirer Politologen Roman Jewstifejew. Vor einigen Tagen erschienen, hat sie etwas von einer Weihnachtsgeschichte und paßt deshalb gut zur Botschaft des heutigen orthodoxen Heiligen Abends:

Die Sache hat etwas von einem Gleichnis, jedenfalls war es kein Traum. Ich fuhr gestern mit dem ÖPNV durch die Stadt, mit dem Bus. Es stiegen zwei zu, jeder für sich. Der eine ein junger Bursche mit nicht eben russischen Zügen, offensichtlich kein Milchbubi, gekleidet in Bomberjacke und Trainingshose. Der andere war einer von uns. Mantel mit Pelzkragen, rotbackig und zufrieden. Er setzte sich, zog bedeutungsvoll einen Tausendrubelschein aus der Tasche und reichte ihn der herannahenden Schaffnerin. Die wies die Banknote zurück mit dem Hinweis darauf, sie habe noch kein Wechselgeld und werde später wiederkommen. Sodann wandte sie sich unserem ersten Freund zu, dem mit dem nichtslawischen Äußeren, und der kauft sich erst eine und dann eine zweite Fahrkarte. Auf die Frage der Schafferin, für wen die zweite Fahrkarte sei, deutet er mit dem Kopf auf den andern. Sie wundert sich, nimmt aber das Geld und gibt den Fahrgästen die Fahrscheine. Auf den verwunderten Blick des Tausendrubelschein-Fahrgasts erwidert der Junge seelenruhig, die Sache gehe schon in Ordnung. Beide tun, als sei nichts geschehen. Als der Russe an einer der nächsten Haltestellen aussteigt, wendet er sich dem Burschen zu und sagt: „Danke, Brüderchen.“ Der brummt etwas zurück. Und das war’s schon.

Zu den großen Freuden des vergangenen Jahres gehört es, daß Rußland einen Neustart der Entspannungspolitik mit den USA ins Werk gesetzt und gute Anfänge für eine Versöhnung mit dem „Erzfeind“ Polen gemacht hat. Auch die Politik Moskaus gegenüber dem Iran, Nordkorea, dem Nahen Osten und natürlich der EU sind auf Ausgleich und friedliche Beziehungen gerichtet. Nun ist Rußland der innere Frieden zu wünschen, die Völkerverständigung innerhalb der eigenen Grenzen, der territorialen wie der mentalen. Ein Frohes Fest nach Wladimir!

Musikalisch ist die russische Weihnachtsstimmung nicht schöner vorstellbar als mit dem Lied „Still über Palästina ist die Nacht“, hier in der Interpretation von Olga Sokolowa mit dem Ensemble Vagant. Auf den Startknopf gedrückt, Ohren auf und Augen zu: http://svirelka.mylivepage.ru/file/1790/5207

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