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Archive for 4. Januar 2011


Im Nachlaß seines unlängst hochbetagt verstorbenen Onkels fand Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg einen Bericht von Paul Hauschild mit dem Titel „Meine Erlebnisse als erster deutscher Stabsoffizier seit dem 3. August 1941 in Kriegsgefangenschaft bei den Sowjetrussen“ und gab dieses Zeugnis einer achteinhalb Jahre währenden Haft – zu einem Teil in Einzelzelle – dem Blogger zur Durchsicht. Der stellte rasch fest, daß die gut 60 Seiten Typoskript auch eine Zeit behandeln, die in Wladimir und Susdal spielt, damit also alle Kriterien erfüllt, um im Blog in der Kategorie „Veteranen“ veröffentlicht zu werden. Freilich handelt es sich hierbei um Material, das sich in wesentlichen Punkten von dem unterscheidet, das hier bisher zu finden ist. Der Autor, Paul Hauschild, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben, die Niederschrift seiner Erinnerungen erfolgte bereits Mitte der 70er Jahre, und sein Stil atmet noch Haltung und Duktus eines Offiziersstandes, der sich auch in der Niederlage nicht geschlagen geben wollte, sich seinem Eid verpflichtet fühlte und von der Rechtmäßigkeit des eigenen Handelns uneingeschränkt überzeugt blieb. Uns Nachgeborenen steht kein Urteil zu, aber es lohnt sich, die Notizen von Paul Hauschild, Diplomlandwirt und Gutsbesitzer aus Glogau in Schlesien, mit den Darstellungen der Kriegsgefangenschaft zu vergleichen, die bisher im Blog erschienen sind und noch erscheinen werden.

Die Gefangennahme, Sonntag, der 3. August 1941.

Denkmal in Korosten, Ukraine.

Die Bataillone meines Infanterie-Regiments 164 wurden nachmittags in Ostapi von mir für den Angriff der 62. Division auf Korosten in die Bereitstellungsräume eingewiesen, um den gedachten Verlauf des Angriffs zum Schutze der linken Flanke der am 5. August angreifenden 6. Armee gegen Überraschungen aus den Pripjet-Sümpfen mit den Führern zu besprechen. Oberleutnant Schindler, Chef der 13./164 und mein treuer Begleiter, Obergefreiter R, hinten im Kübel, unser Fahrer, Gefreiter Palitza von den Panzerjägern 162, und ich vorn, rechts vom Fahrer, waren gegen 18.00 Uhr auf der Rückfahrt auf nur trassierter Straße durch viel Wald, Wasser und Sumpf in Richtung Regimentsgefechtsstand in Ochotowka. Wir waren alle in guter Stimmung, da es ja nun wieder vorwärts gehen sollte und wir so aus den unheimlichen Pripjet-Sümpfen herauskommen würden, wo wir schon seit dem 25. Juli bei ständigen Kämpfen festlagen.

Pripjet

Nach kaum drei Kilometer Fahrt prasselte aus den Gräben beiderseits des Weges von einem ca. 25 Mann starken russischen Spähtrupp das Feuer aus mindestens zehn Maschinenpistolen in unseren Kübel. Der kam leider sofort zum Stehen, da der tödlich getroffene Fahrer als letzte Reaktion den Startschlüssel herauszog. Auch Oberleutnant Schindler war tödlich getroffen. Ich selbst, nur von kleinen Bleispritzern am rechten Schienbein leicht verwundet, schoß mit der Pistole aus dem Wagen, mußte wegen einer Ladehemmung durchladen und sprang aus dem Wagen, um möglichst im dichten Unterholz zu entkommen. Durch Kolbenschlag auf die rechte Kopfseite verlor ich die Pistole, mit der ich mich erschießen wollte. Ich fiel in den Straßengraben, trat und schlug um mich, hoffend, im Nahkampf erschossen zu werden und so der Gefangenschaft zu entgehen. Nach einigen Bajonettstichen in linke Hand und linken Arm und Kolbenschlägen am ganzen Körper ließ mich erst ein schwerer Kolbenschlag auf den Unterleib das Bewußtsein verlieren. Als der Russe mich über die Straße schleppte und ich mit den Füßen im Telephondraht festsaß, kam ich wieder zu mir. Mit mir trat mein tapferer Begleiter, Obergefreiter R. mit einem Knieschuß, den Weg in lange Gefangenschaft an.

Dieser Weg führte über Pripjet und Kiew nach Moskau in die Ljubljanka, später weiter nach Engels, das heutige Saratow, vor dem Krieg die Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, und Wolsk, Stationen, die wir überspringen, um gleich nach Wladimir und Susdal zu gelangen.

Lager 160, Susdal, Gartenarbeit.

Mit normalem Personenzug im Sonderabteil ging’s aus Wolsk über den Verschiebebahnhof in Moskau mit den zwölf Gefängniszügen in Begleitung eines GPU-Wächters (Anm.: GPU – Vorläufer des KGB) in zwei bis drei Tagen nach Wladimir (175 km ostw. Moskau). Dort hatten wir einen mehrstündigen Aufenthalt innerhalb der Mauern des Klosters, in dem sich das bekannte Madonnenbild, Heiligtum der orthodoxen Kirche, befindet. Der sehr gutmütige GPU-Wächter ließ mich das Bild aber leider nicht betrachten, da auf dem Kirchhügel eine große Menge russischer Zivilgefangener sehr streng bewacht wurde und alles abgesperrt war. Schließlich zogen wir zu Fuß los: Mein Wächter hielt aber bald einen LKW an, der uns mitnahm. Allerdings mußte selbst der GPU-Mann dem Militärfahrer des LKW dafür einige Rubel zahlen. Der LKW wurde auch von Zivilisten etliche Male gestoppt, die auch gegen Rubel mitgenommen wurden. Leute, die nicht zahlen konnten oder wollten, wurden einfach stehengelassen. Solche Sondergeschäfte der Militärfahrer einzelner alleinfahrender Lastwagen waren häufig zu sehen. Das ca. 40 km entfernte Susdal erreichten wir am Nachmittag. Im Gefangenenlager im Kloster, größtenteils mit kriegsgefangenen deutschen, italienischen und rumänischen Offizieren belegt, konnte ich eine ganze Reihe mir bekannter Kameraden begrüßen, so auch den Oberst Hermann Begemann meiner 62. Infanterie-Division, der mein Infanterie-Regiment 164 nach meiner Gefangennahme am 3. August 1941 übernommen hatte und in Stalingrad 1942 Oberst geworden war. Er berichtete mir, daß meine Gefangennahme ein großer Schreck für das 17. AK gewesen sei und daß man meine Gefangennahme, genau wie ihm von mir beschrieben, rekonstruiert habe.

Das Kloster in Susdal heute, einst Lager 160.

Ich wurde von meinen Kameraden zunächst verständlich mißtrauisch begrüßt, einmal wegen der verschiedenen Flugblätter, die die Russen über mich abgeworfen hatten, aber auch, weil ich aus Übermut und vor Freude, alte Bekannte zu sehen, ironisch mit den Worten grüßte: „Willkommen im Paradies der Arbeiter, Soldaten und Bauern!“. Aber das Mißtrauen legte sich sofort, man sorgte für mich, und von einem Verstorbenen wurde mir ein zwar großer, aber guter Fahrermantel vermacht. Zwei Jahre hatte ich in Rußland ohne Mantel verbracht, und dieser Mantel hat mir geholfen, die kalten Winter bis 1949/50 zu überstehen.

Lager 160, Susdal, Gottesdienst.

Wir kamen zu drei bis vier Offizieren in die sauberen kleinen Mönchszellen, die Verpflegung war zwar sehr knapp – wir sollten’s später aber noch viel schlimmer erleben -, doch die Behandlung war korrekt. Irgendwelche Arbeitsanforderungen wurden nicht gestellt. Der Pferdefuß mußte aber ja kommen. Am 1. August 1943 tauchte in tadelloser Aufmachung und Uniform Oberst Hans-Günter van Hoven im Lager auf und sprach am 2. August vor uns versammelten deutschen Offizieren über den verbrecherischen Krieg Deutschlands gegen Rußland und erklärte, daß wir als Offiziere die Pflicht hätten, uns den Russen zum Kampf gegen die nationalsozialistischen Verbrecher zur Verfügung zu stellen. Unser Kamerad, der sehr temperamentvolle Oberst im Generalstabsdienst, Jobst von Hanstein, rief trotz Anwesenheit russischer Offiziere sehr impulsiv in seinen Vortrag hinein: „Landesverräter“, worauf van Hoven wörtlich erwiderte: „Meine Freunde in Moskau und ich sind stolz darauf, Hochverräter zu sein.“ Von Hanstein sagte in der noch folgenden Diskussion, daß es beschämend für einen deutschen Offizier sei, heute, am Todestag Hindenburgs und am Tage des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, zur Zusammenarbeit mit dem Gegner aufzufordern und so unseren schwer im Kampf für die Heimat liegenden Kameraden in den Rücken zu fallen. Das sei nicht Hochverrat, das sei reinster Landesverrat. Van Hoven konnte in Susdal nur wenige Offiziere für die Gründungsversammlung des „Bundes deutscher Offiziere“ (BdO) werben, der am 12. September 1943 in Moskau ins Leben gerufen wurde. Das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ (NK) war bereits am 14. Juli 1943 von den Emigranten aus der Taufe gehoben. Aber für uns war es nun aus mit dem „Zuckerbrot“, und leider ist unter der „Peitsche“ dann später der größte Teil der Offiziere, besonders auch General Friedrich Paulus, doch noch dem Ruf des BdO und des NK gefolgt (Walter Leonhard: „Die Revolution entläßt ihre Kinder“. Bereits im Dezember 1944 unterschrieben 50 von 80 gefangenen Generalen den Aufruf des NK.).

Lager 160, Susdal, Lesesaal.

Im Lager Susdal lagen auch eine Anzahl rumänischer und italienischer Offiziere. Ich sehe und höre noch einen italienischen Offizier, Deutscher aus Südtirol, als er von dem damals beginnenden Verfall der Regierung und der politischen Führung des italienischen Staates und der Armee hörte, wie er verzweifelt auf Deutsch ausrief: „Ich schäme mich über den italienischen Verrat.“

Lager 160, Susdal, 1943.

Ende August / Anfang September waren für uns die „schönen Tage von Susdal“ vorüber. Fast das gesamte Lager, ca. 800 Offiziere, ging auf Marsch nach Wladimir, ca. 40 Kilometer, der Bahnstation für Susdal. Bei strahlendem Sonnenschein und sehr warmem Wetter wurde der Marsch außerordentlich anstrengend, zudem gab’s natürlich unterwegs weder die zugesagte Verpflegung noch irgendetwas Trinkbares. Auf zwei LKWs wurden körperlich Schwache für kurze Strecken verladen – so auch ich – und gegen Leute, die auf dem Marsch abbauten, abwechselnd ausgetauscht. Am Nachmittag erreichten wir den üblichen Transportzug aus Güterwagen. Die uns unterwegs am Zuge zugesagte Verpflegung war natürlich nicht da, sie wurde unterschlagen. Zu 80 Mann je Waggon wurden wir verfrachtet und waren einige Tage in drangvoll-fürchterlicher Enge bei verschlossenen Türen und unter erschreckend unhygienischen Verhältnissen auf Fahrt. Wir bekamen wenigstens etwas Verpflegung, vor allem Brot und als Tschaj (Tee) heißes Wasser. Unterschlagene Verpflegung, unwürdige Behandlung und Unterbringung waren der Vorgeschmack für das, was in den nächsten Jahren geboten wurde.

Lager 160 in Susdal, Chor.

Für mich bedeutete Susdal das Ende der Zeit als Einzelgefangener, wie ich’s in Moskau, Engels und auch noch in Wolsk als einziger Offizier im Mannschaftslager war. Alle Entschlüsse und Handlungen hatten bis dahin nach individuellen Überlegungen und ohne Beratschlagung mit Kameraden gefaßt werden müssen. Maßgeblich für mich war immer Kants kategorischer Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Die aus diesen Handlungen entstehenden Maßnahmen der Russen betrafen immer nur meine kleine, in diesen großen Dingen so unbedeutende Person. Handlungen des Einzelgefangenen können nicht bestimmt sein von persönlichem Ehrgeiz, um sich aus der Masse herauszuheben oder um als tapferer Soldat angesehen zu werden oder um Orden zu bekommen. Handlungen entstehen nach langen Überlegungen entweder, um sich Erleichterungen zu verschaffen und feige das Leben zu retten oder aus dem Willen, dem Vaterland und – wenn auch nur wenig – dadurch zu helfen, daß man dem Kriegsgegner, der Gewahrsamsmacht so viel wie nur möglich Schwierigkeiten bereitet. Letztere Einstellung kann der Kriegsgefangene natürlich nur haben, wenn er sich noch als Soldat, an den Fahneneid gebunden, auf dem Schlachtfeld fühlt, wo ihn auch jederzeit die Kugel treffen kann. Mit meiner Gefangennahme hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen und so auch meiner Frau, ehe wir in das Unternehmen Barbarossa, den Rußlandfeldzug, gingen, gesagt, daß sie bei Meldung über mich als vermißt mit Sicherheit mit meinem Tod rechnen könne. Nur so sind meine Reden und Handlungen als „Einzelkämpfer“ zu verstehen, über die ich schon damals und mehr noch heute nach 25 Jahren sage, ein deutscher Kriegsgefangenen-Wärter hätte sich das kaum sagen, geschweige denn bieten lassen. Nunmehr, in großer Gemeinschaft mit vielen Kameraden, trat für mich eine neue Situation ein, in der ich zunächst einmal hoffte, unbekannt und unerkannt untertauchen zu können. In Zukunft hieß es also, sich einordnen in einen großen Kreis Kameraden und alle Entschlüsse und Handlungen wenigstens mit wenigen deutschen guten Freunden durchsprechen und evt. Gegenmaßnahmen des Russen zu bedenken, die unserer Kriegsgefangenengemeinschaft zu starken Schaden bringen könnten. Dieses Einordnen hieß aber nicht Unterordnen unter die Unvernunft der Menge, wenn sie Deutschland, unsere Heimat, durch „Resolutionen“ Schaden zufügte oder wenn sie gar Landesverrat verlangte. Maßgeblich blieb auch jetzt Kants kategorischer Imperativ. Vor unserer verschworenen Gemeinschaft in Jelabuga, als „Block VI“ bekannt geworden, sagte uns unser zeitweise Blockältester, der „Wilde Hagen“, beim täglichen Morgenappell als Tageslosung manchmal: „Und handeln sollst du so als hinge / von dir und deinem Tun allein / die Zukunft ab der deutschen Dinge / und die Verantwortung wär‘ dein.“ (Fichte) Oder auch, wenn ein Antifaschist mit dem russischen diensthabenden Offizier gekommen war: Üb‘ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab… (Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche), oder: Treue ist das Mark der Ehre – und andere Sprüche deutscher Dichter. Doch über die lange Zeit in Jelabuga und späteren Lagern vielleicht in einem späteren Bericht.

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