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Archive for Dezember 2010


Am 9. Dezember rammte der Mitsubishi von Wladimir Lawrentjew auf der Strecke Wladimir – Susdal einen LKW. Der verdiente Schauspieler Rußlands konnte nur noch tot geborgen werden. Nicht nur für die Theaterfreunde in der Partnerstadt ein Schock, sondern vor allem für Igor Besotosnyj, denn der hatte den Freund als Conférencier für seine Geburtstagsgala am 18. Dezember gewonnen. Kein gutes Vorzeichen für die Feier. Aber dann kam doch alles anders, sicher auch wegen der Gäste.

Dorothee Lotsch und Dmitrij Sacharow

Prominentester Gast war wohl Dorothee Lotsch. Der Impressario Dirk Koch-Gadow hatte die Sängerin schon 2005 nach Oberasbach eingeladen, um ein Konzert seines Wladimirer Kammer-Ensembles zu hören. Sofort sprang der Funke über; besonders angetan war sie von der Virtuosität Igor Besotosnyjs an der Balalaika und Dmitrij Sacharows am Bajan, die den Chor der Ural Kosaken begleiteten. Schon im Jahr darauf folgten die ersten gemeinsamen Konzerte von Dorothee Lotsch mit den Wladimirer Musikern, und 2007 spielten sie sogar die CD „Lieder der Russischen Seele, Erinnerung an Alexandra“ ein. In der Saison 2007/2008 schloß sich eine gemeinsame Tournee durch ganz Deutschland an, gewidmet wiederum der 1969 verunglückten Sängerin Alexandra. Am Ende der Gastspiele trennten sich dann die Wege, die Wladimirer kehrten zurück auf die heimischen Bühnen, doch schon im Dezember 2009 kam Igor Besotosnyj in kleiner Besetzung erneut mit einigen Konzerten nach Erlangen, traf Dorothee Lotsch wieder und lud sie ein, zu seinem 50. Geburtstag nach Wladimir zu kommen.

Dorothee Lotsch mit Dmitrij Sacharow

Je näher der Reisetermin kam, desto größer die Aufregung. Noch nie in Rußland gewesen, viele Bedenken und gar Reisewarnungen aus Familie und Freundeskreis. Allgemeine Unsicherheit. Und dann die heimelige Unterbringung im Erlangen-Haus, vor allem aber so viel Freude und Begeisterung vor Ort: „Es war einfach wunderbar, all die Kosaken wiederzusehen, zu hören, was aus ihnen geworden ist, wie sie sich musikalisch weiterentwickelt haben. Großartig, was ich alles erlebt habe!“ Besonders beeindruckt Dorothee Lotsch Dmitrij Sacharow, der auch als Komponist tätig ist und derzeit sein Musical „Der gestiefelte Kater“ inszeniert. Probenbesuche, Konzerte, Gespräche, ein bunter Reigen von Eindrücken aus einer „ungemein musikalischen Stadt“. Dabei bleibt gar keine Zeit für all die Chöre und Solisten oder gar die Musikstudenten an der Universität. Dafür reicht eine knappe Woche einfach nicht.

Dorothee Lotsch auf der Bühne in Wladimir

Erst recht nicht,  wenn innerhalb kürzester Zeit eine Welturaufführung stehen soll. Dorothee Lotsch, Mitglied im Verein der Alexandra-Freunde (www.alexandra-welt.de), hatte drei Lieder mitgebracht, die von Igor Besotosnyj und seiner Frau Olga sowie Dmitrij Sacharow arrangiert und vom Orchester für Volksmusikinstrumente unter Anatolij Antonow während des Festkonzertes ausgeführt wurden. „Etwas in der Art,“ so Dorothee Lotsch „wäre in Deutschland unbezahlbar und unter den Umständen auch gar nicht machbar. Unglaublich, daß ich so etwas erleben durfte!“ Besonders das Lied „Am großen Strom“ begeisterte das Publikum, für das Alexandras Stücke noch ganz unbekannt waren. Ein Fazit? Gerne: „Brillante Musiker, großartige Menschen – und meine schönste Reise seit Jahren!“

Maximilian Franke und Valentin Wetsch. Photo: Roland Thamm

Noch ein Nachtrag. In diesen Tagen liest man allenthalben Rückblicke auf das Jahr. Wir im Blog wollen es harmonisch ausklingen lassen, zumal 2010 ja auch von musikalischen Höhepunkten geprägt war: Das Folklore-Ensemble Ihna, der Flötist Christof Hesse, die Rockband Fact & Fiction und jetzt eben Dorothee Lotsch in Wladimir; der Mädchenchor, die Metal-Formation O.N.E. und RUS bei uns zu Gast (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Einer, der es verdient hätte, konnte leider Ende August nicht mit Fact & Fiction nach Wladimir reisen: Valentin Wetsch. Zusammen mit Maximilian Franke organisierte er nicht nur auch das 33. New-Comer-Festival im E-Werk, sondern er kümmerte sich auch – wie schon im Vorjahr – um all die vielen Kleinigkeiten, die notwendig sind, damit eine Gastband auf der Bühne stehen und spielen kann. Seine Russisch-Kenntnisse sind da von unschätzbarem Wert. Danke auf diesem Weg, spät, aber herzlich!

P.S.: Danke sagt der Blog am Jahresende aber auch gern – verbunden mit den besten Wünschen zum Geburtstag! – Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg. Ohne seine mutigen Entscheidungen Anfang der 80er Jahre zur Aufnahme einer Partnerschaft mit einer Stadt aus der Sowjetunion gäbe es nämlich all das nicht, worüber hier so gerne berichtet wird. Ihm und allen Aktiven der Partnerschaft sowie den Bloglesern ein gutes Neues Jahr, с Новым Годом!

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Ural Kosaken: Plakat

Sie haben für Silvester noch nichts vor? Sie wollen es zum Jahresausklang nicht beim Böllern und Klingen der Sektgläser belassen? Sie haben ein Faible für in Jahrzehnten gereifte Gesangskultur aus Rußland? Dann sollten Sie unbedingt morgen um 19.30 Uhr in die Hugenottenkirche zu Erlangen, wo der Ural Kosaken Chor auftritt. In seiner feierlichen Nüchternheit der ideale Ort, um die strenge Harmonik des zwölfköpfigen Ensembles konzentriert genießen zu können. Und ein Genuß ist es in der Tat, diesen Chor zu erleben, der, gegründet von Serge Jaroff und Andrej Scholuch, auf eine 80jährige Tradition zurückblicken kann, die bis heute sorgfältig gepflegt wird. Die Formation unter der Leitung von Alexander Skovitan bewahrt dabei ein eher kammermusikalisches Programm, das nicht die Klischees von kasatschoktanzenden und kalinkaklatschenden Kosaken bedient, dafür aber auf höchstem Niveau die vielgestaltige Polyphonie der russischen Vokalmusik für Männerchöre zu Gehör bringt.

Der Abend bietet zwei Teile: Auf die Zarenhymne, die gern zur Einstimmung gesungen wird, folgen Werke aus der russisch-orthodoxen Kirchenmusik, komponiert von Meistern wie Peter Tschaikowsky oder Dmitrij Bortnjanskij, bevor dann nach der Pause weltliche Lieder aus der versunkenen Welt der Kosaken erklingen. „Ein Märchen aus Melancholie“ titelte 2001 eine Zeitung aus Norddeutschland nach einem Konzert, das mit einem nicht enden wollenden Beifall schloß. Anderswo heißt es „Ural Kosaken mit stehenden Ovationen gefeiert“ oder „Kosaken reizten die Melodik“ voll aus. Alles nachzulesen auf der Homepage www.ural-kosaken-chor.com.

In Erlangen kennt man das Ensemble seit langem. Auch Wladimirer Künstler sind schon mit dem Chor aufgetreten, und zeitweise wurden die Kosaken von Dorothee Lotsch begleitet, jener Sängerin, die Mitte des Monats erstmals auch in der russischen Partnerstadt aufgetreten ist. Und dann gibt es noch eine besondere Verbindung zu Erlangen: Die Ural Kosaken singen nicht nur für das Publikum, sie stellen ihre Kunst auch in den Dienst des Projekts Lichtblick, aus dem der Blaue Himmel entwachsen ist, zur Verfügung, helfen also damit den Kindern aus der Wladimirer Psychiatrie, ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben zurückzufinden. Dafür ist es am Ende des Jahres Zeit, dem Ensemble und dem Publikum im Namen der Kinder einen herzlichen Dank zu sagen.

Hinweis: Karten gibt es noch an der Abendkasse.

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Jewgenij Durnjew

Eine kleine politische Sensation bahnt sich für die Kommunalwahlen am 13. März 2011 an. Den Wladimirer Kommunisten ist es gelungen, den populären Trainer von Torpedo auf ihre Seite zu ziehen. Jewgenij Durnjew als Zugpferd für den Stadtrat, – das verspricht eine Belebung des Wahlkampfes und darf als Überraschungscoup gewertet werden, hat doch auch die Partei Einiges Rußland intensiv um den Mittdreißiger geworben. Der freilich schwimmt derzeit ohnehin auf einer Woge des Erfolgs und kann es sich aussuchen, wem er seine Gunst schenkt. Warum sich da nicht auch in der Politik versuchen? Erst vor wenigen Tagen hatte sein Klub den Mannschaftspokal und die Goldmedaillen aus den Händen von Nikolaj Tolstych, dem Präsidenten der Russischen Profi-Liga, und von Gouverneur Nikolaj Winogradow erhalten. Denn, nun ist es amtlich, Torpedo Wladimir darf aufsteigen in die erste Liga und – noch wichtiger – die notwendigen drei Millionen Euro stehen bereit, dank Ferrero und anderen Sponsoren. Das Stadion wird um 1.000 Plätze aufgestockt, und schon bald soll auch das Aggregat zur Beheizung des Kunstrasens in Betrieb gehen. 

Jewgenij Durnjew selbst tankt derweil Kraft in Tirol, genauer in Umhausen, wo ja schon so mancher Gast aus Wladimir Station gemacht hat. Wegen der schwierigen Witterungsbedingungen der letzten Tage hatte sein Flug gestern via München zwar gute vier Stunden Verspätung, und der starke Schneefall ab Innsbruck bremste zusätzlich, aber nun kann er mit der Familie und Freunden erst einmal die österreichische Gastlichkeit genießen, bevor er dann an zwei Fronten seine Klasse unter Beweis stellen muß: auf dem Spielfeld des Sports wie der Politik.

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Am 23. Dezember war Abgabetermin für die erste Facharbeit an einer Erlanger Schule, die einen Vergleich zwischen einer deutsch-deutschen und einer deutsch-russischen Partnerschaft – am Beispiel von Jena und Wladimir – anstellt. Die Autorin, Nadine Müller, vom Christian-Ernst-Gymnasium gab dankenswerterweise ihr Einverständnis zu einer Veröffentlichung im Blog – und das noch bevor sie ihre Note kennt. Die Idee kam der Schülerin wohl, als sie erlebte, wie intensiv der von Musiklehrer Joachim Adamczewski initiierte Choraustausch mit Wladimir – Dezember 2009 und Juli 2010 – verlief. Nur wenige Tage nach Abreise der Gäste erschien Nadine Müller dann auch schon im Rathaus, um mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, ein Interview zu machen. Und dann ging’s auch schon los.

Nadine Müller

Hier im Blog werden weder Zensuren verteilt, noch greift man einer Bewertung durch den Fachlehrer vor. Dennoch sei gesagt: Eine derartige kontrastive Darstellung von Geschichte und Gegenwart der Partnerschaften mit Jena und Wladimir schafft nicht nur die Grundlage für weitere Forschungen, sondern bietet auch einen willkommenen Einstieg in die Materie für alle Partnerschaftsneulinge. Schade ist nur eines. Nadine Müller hat sich viel Mühe gegeben, Fragebögen zu erstellen, die, ins Russische übersetzt, an den Chor in Wladimir gingen. Die Antworten auf ihre zwölf Fragen sollten dann in der Arbeit ausgewertet werden. Leider trafen die 17 Blätter aber erst am 22. Dezember in Erlangen ein. Deshalb hier zumindest der allgemeine Tenor: Die Wladimirer Schülerinnen fühlen sich zu wenig über die Partnerschaft informiert und glauben, dies auch von ihren Erlanger Gastgeberinnen sagen zu müssen. Diese Lücke versucht der Blog ja zu schließen, aber das genügt freilich nicht. Deshalb die Anregung: An den weiterführenden Schulen sollten hier wie dort einmal im Jahr Informationsveranstaltungen zum Thema Städtepartnerschaften angeboten werden. Das könnte dem Austausch in alle Himmelsrichtungen neuen Schub verleihen.

Interview mit Peter Steger am 21.7.2010

Wie sind sie dazu gekommen, sich für die Partnerschaft zu engagieren? Ich hatte eine persönliche Verbindung zu Rußland, weil mein Vater dort im Krieg war. Später habe ich dann Slawistik studiert und nebenbei als Dolmetscher in Erlangen gearbeitet. Seit 1989 bin ich für die Stadt Erlangen tätig.

Welche Aktionen finden regelmäßig im Rahmen der Partnerschaft statt? Es gibt jährlich einen Schüleraustausch mit dem MTG, dem ENG sowie mit dem GF und jetzt eben auch mit dem CEG.  Auch das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen und die Hochschulen tauschen sich aus. Des weiteren gibt es einen Jugendaustausch der katholischen Kirche. Auch die Deutschkursteilnehmer des Erlangen- Hauses kommen schon im dritten Jahr nach Erlangen. Dort sind dann alle Altersklassen vertreten. Insgesamt gibt es über 100 Austauschprogramme pro Jahr.

Welche Verbindung gibt es zu Jena? Seit zwei Jahren ist eine Partnerschaft zwischen Jena und Wladimir im Aufbau. Erlangen und Jena sind bereits seit 1987 Partnerstädte. Im Rahmen dieser Partnerschaft gibt es ebenfalls einen Jugendaustausch.

Welche politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen hat eine Städtepartnerschaft? Eine erfolgreiche Partnerschaft kann nur mit politischem Willen bestehen. Ihr Sinn ist die Möglichkeit zur Völkerverständigung mit dem Ziel, Vorurteile aufzuheben und voneinander zu lernen, was man bei dem Mädchenchor sehr schön gesehen hat. Außerdem spielt der Gedanke der Versöhnung eine wichtige Rolle. Erlangen ist ja mit der Uni und Siemens eine weltoffene Stadt. Die Partnerschaft hilft, Menschen zusammenzubringen. Es ist außerdem wichtig, daß die Partnerschaft von allen Parteien unterstützt wird. Sowohl in Erlangen als auch in Wladimir ist das der Fall. Denn obwohl die Stadt sparen muß und deshalb oft nach dem Sinn der Partnerschaften gefragt wird, stößt man auf keine Ablehnung der Partnerschaften.

Wie ist die Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir zustande gekommen? Die Initiative ging von Erlangen aus, denn eine sowjetische Stadt hätte keine Möglichkeit gehabt, sich eine Partnerstadt auszusuchen. Erlangen hatte gute Erfahrungen mit Frankreich und allgemein im Westen gemacht und wollte nach dem Krieg auch nach Osten „Frieden schließen“. Deshalb hat der damalige Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, 1981 Kontakt mit Moskau aufgenommen und nach einer Partnerstadt angefragt. Von Moskau kam dann das Angebot, Wladimir als Partner zu wählen. Verantwortlich war damals die Organisation für Völkerfreundschaft. Die Zusammenarbeit begann lange vor der Perestroika.

Welche Gemeinsamkeiten haben die beiden Städte? Eigentlich sehr wenige, außer, daß sie beide eine Uni haben. Im Grunde sind sie sogar sehr verschieden. Wladimir ist fast vier Mal so groß wie Erlangen, hat eine lange und bedeutende Geschichte. Wladimir war ja sogar einmal Hauptstadt von Rußland. Erlangen dagegen wurde erst nach dem Krieg eine Stadt im geographischen Sinn und ist im historischen Vergleich eher unbedeutend. Es sind eher die menschlichen Faktoren, die bei dieser Partnerschaft entscheidend sind. Bei Jena ist das eher umgekehrt. Die beiden Städte haben viel gemeinsam, zum Beispiel die Struktur von Wirtschaft, Bildung und Bevölkerung. Deshalb war Jena auch immer ein Wunschkandidat von Erlangen, und schon in den 70ern gab es den Versuch Erlangens, eine Stadt in der DDR als Partner zu gewinnen. Dennoch kam die Partnerschaft erst 1987 zustande.

Hier nun geht es zur fast vierzigseitigen Facharbeit von Nadine Müller Deckblatt und Facharbeit Nadine Müller.

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Was der Stadtrat nicht zuwege brachte, hat nun die Wahlkommission einstimmig beschlossen: Die Kommunalwahlen finden in Wladimir am Sonntag, den 13. März 2011 statt. Einer muß sich freilich schon jetzt als deren Verlierer sehen: Oberbürgermeister Alexander Rybakow.

Alexander Rybakow

Wie berichtet, wird der Stadtrat künftig aus seinen Reihen jemanden auf den Schild heben und ihm zur Seite einen City-Manager stellen. Alexander Rybakow freilich wird keine dritte Amtszeit mehr erleben, denn die eigene Partei Einiges Rußland hat ihn nicht mehr auf die Liste gesetzt, was bedeutet, daß er als Einzelkandidat antreten muß und das auch noch im eigenen Wahlkreis gegen einen Parteifreund, der die sogenannten Primaries für sich entschieden hat. Dieser Parteifreund ist, wir wissen es bereits, jener Stadtrat Wjatscheslaw Selenin, den Alexander Rybakow seines Amtes als Leiter des Eigenbetriebs Trink- und Abwasser entlassen hatte und der sich nun in seine Position zurückklagen will. Eine denkbar ungünstige Konstellation für den bisherigen OB, der es auch noch mit einer abgefeimten Pressekampagne zu tun hatte.

Einiges Rußland in Wladimir

Viele glaubten, Alexander Rybakow werde nach seinem Urlaub Mitte Dezember gar nicht mehr ins Rathaus zurückkommen. Doch bei der Jahresabschlußsitzung des Stadtrates präsentierte er sich nochmals als durchaus kampfeslustig. Zumindest wollte er seine Erfolge nicht kleinreden lassen. Dabei spricht immer mehr dafür, daß ihn die eigene Partei regelrecht demontieren will. Bildhaft drücken das Plakate aus, die anonym aufgetaucht sind und auf die Parteisymbolik von Einiges Rußland anspielen. Freilich ist an die Stelle des Bären ein nacktes Fischskelett getreten, was assoziieren macht, daß die Partei den Fisch verspeist hat. Verständlich wird das Wechselspiel, wenn man weiß, daß der russische Name „Rybakow“ mit „Fischer“ übersetzt werden kann. Und daß Bären sich gerne Fische munden lassen, ist ohnehin bekannt.

Einiges Rußland

Damit nicht genug. Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, bekommt Alexander Rybakow überdies die schlechteste Note im ersten Ranking des politischen Einflusses von Oberhäuptern der russischen Großstädte. Bewertet wurde von der Stiftung „Petersburger Politik“ unter anderem die Wahrscheinlichkeit, die Wahrscheinlichkeit, bis zum Ende der Wahlperiode im Amt zu bleiben, das Maß an Ansehen in der Bevölkerung, die Wechselbeziehungen zu den lokalen Polit- und Wirtschaftseliten, zu den Medien und den Strafverfolgungsbehörden – sowie zur herrschenden Partei Einiges Rußland. Just dies ist nach Ansicht der Fachleute Alexander Rybakows wunder Punkt und setzen ihn deshalb mit einem Ungenügend an die Spitze der zehn als am schlechtesten eingestuften Oberbürgermeister. Vorrücken gefährdet! Freilich aber auch ein Zeugnis, das Alexander Rybakow nach zwei Wahlperioden und durchaus beachtlichen Erfolgen nun wirklich nicht verdient hat. Es ist eben auch in Rußland so: Wenn man Parteifreunde hat, braucht man keine Feinde mehr.

S. auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/05/primaries-in-wladimir-rybakow-geschlagen und https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/11/15/nach-lekture-hande-waschen

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Bauarbeiten in Iwatino im Herbst

Nein, ein Weihnachtsmärchen wird man es nicht nennen können, auch wenn es sich am 24. Dezember in Iwatino, Landkreis Melenki, Gouvernement Wladimir, begab, daß 23 Familien eine Herberge fanden. Weihnachten feiert die orthodoxe Christenheit nämlich erst, wenn hierzulande die Heiligen Drei Könige Einzug halten. Dennoch: Wie im Märchen fühlen sich die Menschen aus den Orten Juschnyj und Kamenka. Damit können Sie nichts anfangen? Dann lassen Sie sich an die Waldbrände erinnern, die im Sommer auch in der Region Wladimir wüteten und ganze Dörfer verwüsteten. Rasche und unbürokratische Hilfe wurde den Opfern gelobt, und siehe da, schon Anfang November hatten all jene in Iwatino eine neue Heimat gefunden, denen das Haus abgebrannt war. Doch was sollte aus denen werden, deren Anwesen zwar vor den Flammen gerettet werden konnten, die sich aber über Nacht in ihren Dörfern ohne jede Infrastruktur fanden? In Juschnyj beispielsweise waren der Kindergarten, die Post und der Dorfladen niedergebrannt.

Übergabe der Häuser durch Gouverneur Nikolaj Winogradow

Premierminister Wladimir Putin, der die Katastrophenorte persönlich inspizierte, und Gouverneur Nikolaj Winogradow nahmen sich der Sache an und fanden auch für die, wie sie genannt werden, „Nichtabgebrannten“ eine Lösung. 23 Fertighäuser mit Strom-, Wasser- und Gasanschluß sind nun bezugsfertig, mit mehr Komfort ausgestattet, als seinerzeit in den Dörfern, wo man das Wasser noch vom Brunnen holen mußte. Es bleibt nur noch, im Frühjahr das Gelände zu gestalten – und Gemüsegärten anzulegen, denn die Neubürger von Iwatino sind es gewohnt, sich weitgehend selbst zu versorgen. Bei den Alteingesessenen freilich regt sich nach dem anfänglichen Mitgefühl und einer ungeahnten Hilfsbereitschaft schon der erste Neid. In Anspielung auf die Straße der Reichen in Moskau nennt man das neue Viertel im Volksmund „Rubljowka“. Mit allen Ausgleichszahlungen sind in der Tat mehr als 500 Mio. Rubel – von den vielen Spenden ganz zu schweigen -, also weit über 10 Mio. Euro, an die direkten und indirekten Brandopfer geflossen.  Ob nun Weihnachten oder nicht. Grund zur Freude besteht allemal, denn die Herbergssuche hat ein gutes Ende gefunden.

S. auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/11/04/neue-heimat-iwatino

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Heute also die Fortsetzung des Berichts von Jutta Schnabel, dessen erster Teil am 21. Dezember hier veröffentlicht wurde.

Teil II – Der Staat

Logo Amnesty International

Doch nun machte ich eine Bekanntschaft mit einer Seite Rußlands, von der ich hoffte, sie würde langsam ins Grab der Geschichte sinken. Zwei stämmige Herren traten während der Pause auf mich zu, fragten mich nach meinem Namen und wiesen sich unauffällig als Mitarbeiter der Immigrationsbehörde aus. Ob sie denn einmal meinen Paß sehen dürften? Der war noch auf dem Podium im Rucksack, also zurückgegangen mit den dunklen Herren im Schlepptau. Ich solle doch den Rucksack gleich komplett mitnehmen. Spätestens bei diesem Satz fand sich der Verdacht, daß die beiden Herren nicht gerade zufällig vorbeigekommen waren, bestätigt. In einem kleinen Nebenzimmer begannen sie dann ihre Befragung. Was denn der Grund meines Besuches sei? Kulturaustausch? Ich nähme doch an einer Konferenz teil? Ja, doch was ist daran nicht Kultur? Falsch, das sei nicht unter einem Kulturaustausch zu verstehen, denn dafür müßte im Visum stehen, daß ich wissenschaftlichen Austausch betreibe. Ich werde wohl zur Behörde mitkommen müssen, einige Papiere ausfüllen. Das könne etwas dauern. Von hier an wichen mir Olga und Anna nicht mehr von der Seite. Durch die Horden von Studenten hindurch und unter ständigen Entschuldigungen des stellverstretenden Direktors des Instituts, daß er das Ganze extrem bedauere, trotteten wir den Herren hinterher zu ihrem klassischen schwarzen Auto und fuhren die wenigen Meter zur Immigrationsbehörde. In einem kleinen, vollgestopften Büro fragte der Beamte, ob Anna als offizielle Übersetzerin dienen werde. Nach einem ungläubigen Schnauben willigte sie ein. Er nahm meine Personalien auf, dann las er mir meine Rechte vor. Ich war hier also wirklich wegen einer Anklage! Doch die Einschüchterungsmasche konnte auch zurückgespielt werden, und so fragte ich nach den Namen der Beamten und ließ sie von Anna notieren. Das hatte zur Folge, daß der Vorgang nun auch noch mit Kamera aufgezeichnet wurde, anscheinend als Rückversicherung für die Beamten.

Touristenvisum für Rußland

Die folgende Stunde bestand aus einer Befragung, wie ich an das Visum gekommen sei und warum die Konferenzteilnahme nicht bei der Beantragung erwähnt wurde, und war angefüllt mit Annas Versuchen, dem Protokollanten korrekte russische Formulierungen beizubringen sowie mit Telefonaten, bis der komplette Schriftverkehr, der zur Erteilung des Visums geführt hatte, vorlag. Aus unerfindlichen Gründen war von einer Konferenzteilnahme, als Anlaß der Reise bei der Erlanger Bitte um Einladung an das Gouvernement Wladimir angegeben, in dem Schreiben des Gouvernements an das Generalkonsulat in München keine Rede mehr. Wenn es überhaupt jemals einen Hund gegeben hatte, so lag er also dort begraben. Keiner sonst hatte etwas von dieser Regelung geahnt, weder die Veranstalter noch ich selber. Der Beamte, dem anscheinend Annas ständige Korrekturen auf die Nerven gingen, entließ uns zum Mittagessen, nach welchem wir zum weiteren Prozedere zurückkehren sollten.

Im Institut wartete schon die festliche Tafel auf uns, um die sich die anderen Konferenzteilnehmer samt Institutsleitung versammelt hatten. Die übliche Runde Toasts wurde ausgebracht, begleitet von unverständigem Kopfschütteln über die russische Rechtspraxis. Das Kulturprogramm aller Teilnehmer am Nachmittag mußte für mich ausfallen, denn wir fuhren wieder, drei Frau hoch, zum Immigrationsbüro, diesmal zur Festsetzung der Geldstrafe. Nach eindringlicher Belehrung über die rechtlichen Umstände und Feststellung des Leiters der Behörde, daß die Schuld nicht bei mir läge, sondern bei der einladenden Partei (welchem Olga natürlich widersprach, war doch, wenn überhaupt, das Gouvernement einer Nachläßigkeit schuldig geworden), legte man die Höhe der Geldstrafe auf 2.000 Rubel fest. Nun war das Visum annulliert, und der Rest des Nachmittages blieb der Beschaffung aller Unterlagen für die Ausstellung des Transitvisums vorbehalten, das mich innerhalb der nächsten drei Tage aus dem Land befördern sollte. Wenigstens war diese Repressalie kein Problem, da ich sowieso vorgehabt hatte, in zwei Tagen wieder zu fahren.

Jutta Schnabel beim Erkennungsdienst

Der Tragik-Komödie letzter Teil schließlich ereignete sich am nächsten Tag, als wir wieder antanzten zur Abholung des Transitvisums. Nachdem ich noch die Anerkennung des Urteils unterschrieben hatte und das Transitvisum endlich in meinem Paß gelandet war, wurden wir nochmals in das kleine, überfüllte Büro geführt. Was der Beamte diesmal sagte, ließ Anna erst einmal in eine Schimpftirade ausbrechen, bevor sie übersetzen konnte. Es sollten noch für die Akten Fingerabdrücke genommen werden, da ich mich als Ausländerin eines Vergehens in Rußland schuldig gemacht habe. Mangels moderner Technik übte ich mich also im Fingerpainting mit allen möglichen Bereichen meiner Handflächen, was Anna zum Erstellen einer Fotoserie veranlaßte. Wie die Beamten sich selber bei so etwas überhaupt noch ernst nehmen könnten, lautete ihre rhetorische Abschlußfrage.

Wichtiger allerdings ist eher die Frage, welche Umstände zu dieser theaterhaften Abführung während der Konferenz und dem warnenden Zeigefinger der Einwanderungsbehörde geführt haben. Für alle Beteiligten bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn an einen reinen Zufall, daß diese staatliche Behörde in einer Routineüberprüfung eine kleine Diskrepanz gefunden hatte und daraufhin dieses wirksame Behördenschauspiel in Gang setzte, kann niemand so recht glauben. Die gesamte Aktion war ein zwar nie artikuliertes, aber unterschwellig immer anklingendes Säbelrasseln der Staatsmacht. Über Menschenrechte im offiziellen Jargon reden, ist das eine, Nicht-Regierungs-Organisationen wie Amnesty mit offenen Armen und Ohren zu empfangen, scheinbar etwas anderes. Dabei hat gerade diese Inszenierung gezeigt, daß hier ein staatlicher Don Quichotte gegen Windmühlen kämpft. Denn obwohl das allgemeine Verständnis, was Menschenrechte sind und wie sie gewahrt werden können, in Rußland noch nicht sehr ausgeprägt ist, wird dieses Thema mit vielen andere Details des modernen Staatsverständnisses bei den Menschen immer präsenter. Nicht einer, der bei meiner Schilderung der Ereignisse nicht ungläubig mit dem Kopf geschüttelt hätte. Je jünger meine Gesprächspartner waren, um so mehr hielten sie das Ganze für einen schlechten Witz. Leider besteht die humorvolle Seite nur aus der Situationskomik, die diese alten Sowjetmethoden inmitten einer immer aufgeklärteren Mediengesellschaft darstellen. Das Gefühl der unterschwelligen Drohung, zu welcher diese Methoden führen, sind bitterer Ernst.

Kommentar des Bloggers: Der Vorgang ist in der Geschichte der Städtepartnerschaft einzigartig. Derartiges hat es noch nie gegeben. Der Blog ist vor zweieinhalb Jahren ausgezogen, um der virtuellen Welt zu zeigen, daß es nicht nur das in den Medien oft so verzerrt-einseitige Bild Rußlands gibt und wie vielfältig die partnerschaftlichen Beziehungen sein können. Aber der Blog versteht sich auch nicht als Tribüne der Panegyrik. Gerade Freunde und Partner müssen einander sagen können, was man gern geändert sähe. Dazu gehört die sogar schon Präsident Dmitrij Medwedjew kritisierte Meldepflicht für alle Ausländer, die bei Touristen von den Hotels wahrgenommen wird, im Fall der Partnerschaft aber das Erlangen-Haus viel Zeit und Mühe kostet – für einen bürokratischen Aufwand, den sich die deutsche Seite spart: Kein Wladimirer, der im Rahmen der Partnerschaft nach Erlangen kommt, muß sich beim Ausländeramt registrieren lassen. Andererseits wiederum ist für Russen der Aufwand viel höher, ein deutsches Visum ausgestellt zu bekommen. Wenn doch das deutsche Generalkonsulat sich da ein Beispiel an den russischen Kollegen in München nähme! Nicht von ungefähr fordern Erlangen und Wladimir immer wieder die Abschaffung des Visumszwangs zwischen unseren Ländern. Immerhin hat sich die große Politik des Themas angenommen, aber selbst Befürworter der Reisefreiheit wie Nicolas Sarkozy rechnen mit noch zehn Jahren Vorlaufzeit.

Schengenvisum Otto Schily

Konkret zum „Fall“ Jutta Schnabel. Bei dieser Causa liegt der Schwarze Peter tatsächlich beim Gouvernement Wladimir. Sowohl das Partnerschaftsbüro in Erlangen gegenüber dem Russischen Generalkonsulat in München als auch das Erlangen-Haus gegenüber der Behörde vor Ort haben Ziel und Zweck der Reise klar kommuniziert. Ausschlaggebend aber für den im Visum angegebenen Reisezweck (Tourismus, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft u.v.m.) ist, was im offiziellen Einladungsschreiben angegeben wird. Nun bleibt nur die Frage, welche dienstbaren Geister aus welchen Gründen der zuständigen Behörde den Tip gegeben haben, mit dem Visum von Jutta Schnabel könnte etwas nicht stimmen. Großzügig ausgelegt gehört ja eine Konferenz auch zur Kultur – den Reisezweck „Städtepartnerschaft“ gibt es leider nicht -, worunter ohnehin die meisten Austauschaktivitäten zusammengefaßt werden, zumal Jutta Schnabel nicht als Wissenschaftlerin, sondern als ehrenamtliches Mitglied von Amnesty International unterwegs war. Nochmals: Dergleichen gab es noch nie. Und es spricht alles dafür, daß etwas in der Art auch nie mehr passieren wird. Da passen jetzt alle Beteiligten noch besser auf. Und im nächsten Jahr will der Leiter des Amtes für Einwanderung ohnehin Erlangen besuchen. Jutta Schnabel indessen muß nicht befürchten, kein Visum mehr für Rußland ausgestellt zu bekommen. Ihre „Schuld“ ist beglichen, sie wird Kontakt zu der Amnesty-Gruppe in Wladimir halten, und dann ist da ja noch der Jugendaustausch mit der Rosenkranzgemeinde, über den sie Wladimir überhaupt erst entdeckt und schätzen gelernt hat. Von peinlich-peniblen Paragraphenreitern jedenfalls läßt sich die friedlich-fröhliche Kavallerie der Partnerschaft nicht aufhalten.Die Wladimirer Erklärung zur Abschaffung des Visumspflicht finden Sie unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/09/eine-kerze-zum-gedenken

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