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Archive for Oktober 2010


Der August war der Monat der Absagen. Rund um Wladimir brannten die Wälder, und in der Partnerstadt selbst herrschte dicke Luft. Erlanger sagten reihenweise ihre Reise ab, Wladimirer konnten mit ihren Freunden zusammen nicht kommen, nicht weil der Graben viel zu tief war, sondern weil das Auswärtige Amt in Sorge um die Gesundheit seiner Mitarbeiter für Wochen die Konsularabteilung schloß und somit keine Visa ausgestellt wurden. Aber es gab auch andere Gründe für Absagen. Natalia Kolpakowa traf so ein unerwarteter Grund. Die Wladimirer Künstlerin sollte eigentlich im Sommer in den Räumen des BRK Erlangen-Höchstadt in der Henri-Dunant-Straße ihre Arbeiten ausstellen. Am 11. Mai ging jedoch über Erlangen ein gewaltiges Gewitter nieder und hinterließ im Rot-Kreuz-Gebäude schlimme Spuren der Verwüstung, nachzulesen und zu sehen unter: http://roteskreuzerh.wordpress.com/2010/05/17/naturgewalt-schont-das-rote-kreuz-nicht.

Schon bald war klar: Die Instandsetzung würde lange dauern, weshalb alle für das laufende Jahr noch vorgesehenen Ausstellungen – auch eine mit Jena – ins sprichwörtliche Wasser fielen, also abgesagt und verschoben werden mußten. Natalia Kolpakowa nutzte nun einen Besuch bei ihren Freunden in Brandenburg, um sich auch in Franken umzusehen – und sich Hals über Kopf in Bamberg und Nürnberg zu verlieben. Bis man sich in Erlangen verliebt hat, das weiß der gelernte Erlanger, braucht es ein wenig mehr Zeit. Einige Ecken hat sie jedenfalls schon in der Hugenottenstadt entdeckt, die es ihr angetan haben. Vereinbart hat Natalia Kolpakowa nun aber mit Sabine Westrich aus dem Chefbüro des BRK, zuständig unter anderem für die Vorbereitung von Ausstellungen und Vernissagen, die für heuer geplante Veranstaltung auf das Frühjahr 2012 zu verlegen. Dann wird genug Zeit für die Künstlerin sein, ihre Leidenschaft auch für Erlangen zu entdecken.

Die 1966 in Iwanowo geborene Graphikerin und Buchillustratorin pendelt zwischen Moskau, Wladimir und ihrer Heimatstadt am Goldenen Ring, wo sie sich überall einen guten Namen gemacht hat und in Museen vertreten ist. Im Spannungsfeld zwischen den alten Meistern Rembrandt, Jan Vermeer und Pieter Bruegel auf der einen und ihren moderneren Vorbildern Aubrey Beardsley und Alfons Mucha auf der anderen Seite hat Natalia Kolpakowa einen Stil gefunden, der sich unübersehbar von der typischen Wladimirer Malschule mit ihren Natur- und Landschaftsmotiven absetzt. Nun hoffen wir, daß sie in spätestens eineinhalb Jahren den Weg wieder nach Erlangen findet und uns ihre voraussichtlich 40 Bilder zeigt, von denen eine kleine Auswahl schon jetzt empfohlen wird unter  http://www.artlib.ru/?id=11&fp=2&uid=1263.

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Am Morgen des vergangenen Montag ist Willi Börke nicht mehr aufgewacht. Sein Herz ist plötzlich stillgestanden, für seine Familie und Freunde wurde alles anders. Doch ihm ward das besondere Geschenk zuteil, das Matthias Claudius in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ besingt: „Wollst endlich sonder Grämen /aus dieser Welt uns nehmen /durch einen sanften Tod!“

Kirche mit Friedhof, Burg auf Fehmarn

Willi Börke hatte noch viele Ziele, noch viele Pläne, so unternehmungslustig und umtriebig er war. Nie um ein treffendes und fast stets mit einem schalkhaften Augenzwinkern geäußertes Wort verlegen, bemerkte er am 8. Mai 2010 zu den Sprachkursen im Erlangen-Haus in Wladimir, wenn er in zehn Jahren wiederkomme, werde wohl die ganze Stadt Deutsch sprechen. Doch die zehn Jahre wollte er gar nicht erst abwarten, schon im Sommer beschloß er, sich gemeinsam mit Philipp Dörr und Kurt Seeber der nächsten offiziellen Delegation aus Erlangen Ende November anzuschließen, um noch einmal die Orte der Gefangenschaft in Wladimir und in Anopino zu besuchen, Spuren der Jugend zu finden, Antworten auf Fragen zu erhalten,die er sein ganzes Leben in sich getragen hat.

Vor dem Trauergottesdienst

Fritz Wittmann, Freund und Weggefährte von Willi Börke, bemerkte bei allem Schmerz über den unerwarteten Tod des Kameraden: „Ein unendliches Danke können wir sagen, wenn wir unseren Lebensbogen überblicken!“ Damit meint der Kriegsveteran nicht nur die glücklichen Fügungen, denen es zu danken ist, daß man Krieg und Gefangenschaft überlebt hat und sich wieder etwas aufbauen konnte, um den Lebensabend in gesicherten Verhältnissen zu verbringen. Jemand wie Fritz Wittmann blickt tiefer bei seiner Danksagung. Willi Börke durfte erleben, was er einmal mit eigenen Worten einprägsam so sagte: „Der ausgestreckte Arm der Russen ist länger.“ Man muß diesen Gedanken nicht umständlich interpretieren, er spricht für sich und die wundervolle Erfahrung die der ehemalige Kriegsgefangene machen durfte: das Geschenk der Vergebung, der Versöhnung.  Willi Börke hat die Hand der einstigen Gegner ergriffen, hat den Feind von gestern umarmt und lag in dessen Armen. Mehr ist da nicht zu sagen.

Ein letzter Gruß der Wladimir-Kameraden

Seine Frau Trudi, die 55 Jahre an seiner Seite gestanden und ihn sogar nach Rußland begleitet hatte, trauerte gestern nicht allein am Grab. Es sind nicht nur die vielen Freunde aus Burg auf Fehmarn zum letzten Abschied gekommen, in Gedanken waren auch die Kameraden aus dem Wladimir-Kreis von Friedhelm Kröger dabei und natürlich die vielen neuen Freunde aus Wladimir. Sie alle werden ihm ein ehrendes Gedächtnis bewahren, werden seinen knorrigen Witz und sein menschenfreundliches Gemüt nie vergessen, werden ihn schmerzlich vermissen. So wie seine unnachahmlichen Mandelhörnchen, die er zu allen Treffen und Gelegenheiten als köstliche Wegzehrung und als kurzlebiges Gastgeschenk aus dem eigenen Backofen mitzubringen pflegte. Elisabeth Wittmann hatte sich schon vor längerer Zeit von dem Bäcker aus Passion das Rezept – mit viel Marzipan! – geben lassen. Aber sie wagte sich nie so recht daran. Erst am letzten Sonntag, einen Tag vor seinem Tod, rief sie Willi Börke noch einmal an, um sich einige Feinheiten der Backkunst erklären zu lassen. Ein unendliches Danke können wir sagen, wenn wir unseren Lebensbogen mit Willi Börke überblicken. Ruhe sanft, guter Freund! Aber: Wie ist die Welt so stille – ohne Dich!

Mehr zu Willi Börke unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/06/08/versohnung-in-minden-das-brot-der-gefangenschaft; https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/10/wir-vergessen-nicht-aber-wir-verzeihen; https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/06/09/wladimir-sagt-uns-noch-was-auch-2010.

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Nein, es handelt sich (noch) um keine Partei, die da beim heraufziehenden kommunalen Wahlkampf antreten will. Es geht vielmehr um das Projekt „Wladimir 2030“, entworfen von Intellktuellen und oppositioellen Lokalpolitikern, allesamt unzufrieden mit dem, was die etablierten Partein zu bieten haben. Sie wollen nicht mehr und nicht weniger als mehr Bürgerbeteiligung, mehr Demokratie wagen, wie es seinzeit Willy Brandt für die Bundesrepublik ausgerufen hatte. Oder, wie man es in Rußland immer etwas mechanistisch-bürokratisch ausdrückt, die Vertikale der Macht soll gestärkt werden. Nun geht es um das Sammeln von Ideen, an denen sich gerne auch Berufene aus dem Ausland beteiligen dürfen, denn die Initiatoren wollen mit ihrem Vorhaben internationale Akzente setzen. Im Rahmen einer gelebten Bürgerpartnerschaft ja eine lohnende Herausforderung. Hiermit sei er also eröffnet, der Wettbewerb der Ideen. Wem auch immer etwas einfällt zu einer bürgerfreundlichen Struktur, der wisse, daß Wladimir sich als Labor zur Verfügung stellt. Der Blog nimmt sachdienliche Hinweise und Vorschläge gerne zur Weiterleitung und Diskussion an. 2030 werden wir ja sehen, was davon den Praxistest bestanden hat und ob die Bürger Wladimirs glücklicher sind als heute.

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Wenn das stimmt, handelt es sich um eine grausame Wahrheit, der nun die Staatsanwaltschaft auf den Grund gehen wird. Gegen das Frauenkloster von Bogoljubowo ermittelt die nämlich wegen Freiheitsberaubung, ein Tatbestand, der aus den Aussagen hervorgeht, die Anfang des Monats ehemalige Zöglinge der Nonnen gemacht haben. Anders wird man der widersprüchlich dargestellten Sache wohl nicht beikommen. Vor allem wird sich anders auch nicht klären lassen, ob tatsächlich entgegen den Beteuerungen von Mutter Antonia, der Klostervorsteherin, noch Kinder auf dem weitläufigen Gelände der Pilgerstätte versteckt gehalten werden.

Um festzustellen, unter welchen Bedingungen die Kinder in Bogoljubowo lebten (oder gar noch leben) haben die Strafverfolgungsbehörden bereits eine Reihe von Gutachten in Auftrag gegeben. Insbesondere will man mehr über den Gesundheitszustand der Kinder erfahren und die Motive klären, die ihnen den Anstoß gegeben haben, sich an die Behörden zu wenden.  Persönlich angenommen hat sich der Causa bereits Wladimir Lukin, der Menschenrechtsbeauftragte der Russischen Föderation, der eine objektive staatsanwaltschaftliche Untersuchung und eine enge Zusammenarbeit fordert mit der Kollegin aus Wladimir, mit dem Präsidentschaftsrat für die Entwicklung von zivilgesellschaftlichen Institutionen und Menschenrechten sowie mit der russisch-orthodoxen Kirche, sofern sich diese kooperativ zeigen sollte .

P. Pjotr Kutscher

Das Kloster gibt nur zu, die Kinder strenger gehalten zu haben, als man das draußen in der Welt tue. Bestraft habe man in Form von Verbeugungen und Bußgebeten. Härtere Maßnahmen seien nie angewandt worden. Ja, man habe schon mal Süßigkeiten verboten oder eine zehnminütige Lektüre der Psalmen angeordnet. Doch Karzer bei Brot und Wasser sei nicht Bestandteil des Sanktionen gewesen. Auch habe man nur von 6.00 Uhr bis 9.00 Uhr und von 16.30 Uhr bis 18.00 Uhr – und das auch noch mit Zustimmung der Eltern – Arbeit auf dem Feld angeordnet. Anstelle der behaupteten Züchtigungen mit dem Gürtel habe es im Fall von Regelverletzungen nur Gespräche über Glauben und Moral gegeben, mitunter in Anwesenheit von P. Pjotr Kutscher, dem geistlich-geistigen Vater des Klosters. Wes Ungeistes Kinder der freilich ist, lohnt sich für in der Aufklärung gestärkte Gemüter nachzulesen unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/03/13/auf-dem-index.

Untersucht werden nun auch die Aussagen des minderjährigen Stepan Wus, der zwei Jahre lang Zögling des Frauenklosters war und berichtet hatte, die Jungs hätten dort ein regelrechtes Überlebenstraining absolvieren müssen, seien immer wieder hart angefaßt worden, man habe sie gezwungen, bis zu einer halben Stunde eine Liegestütze zu halten und bis zu tausend Verbeugungen zu machen… Wer wollte da nicht an die Sprüche des Alten Testaments denken, wo es unter 13,24 heißt: „Wer seine Rute schont, der haßt seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn beizeiten.“

Der Anlässe genug für eine klare Ansage des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft: „Wir arbeiten bereits an einem Gesetzesentwurf zur Kontrolle von kirchlichen Einrichtungen und Klöstern, wo Kinder untergebracht sind und unterrichtet werden. Hier muß mehr Transparenz herrschen.“ Außerdem ist man im Ministerium überzeugt, daß der Fall Bogoljubowo erst der Anfang sein könnte: „Es gibt dergleichen sicher nicht nur ein- oder zweimal in ganz Rußland. Was bisher bekannt ist, ist nur das, was Journalisten zutage gefördert haben. Hinter den verschlossenen Toren der Klöster kann ja allerhand passieren. Die Kirche wird ihre Position nicht so einfach aufgeben.“

Bogoljubowo

Das klingt, wenn nicht nach Kriegserklärung, so doch zumindest nach einer Aufforderung zum Duell. In der Tat ist es an der Zeit, daß der russische Staat seine Position nicht nur gegenüber kruden Finsterlingen wie P. Pjotr Kutscher klar bestimmt, sondern sich auch abgrenzt gegenüber der Anmaßung der Kirche insgesamt, die Deutungshoheit über die Politik zu beanspruchen. Ganz blümerant wird es einem nämlich, wenn man den jüngsten Beitrag des „Verbandes der rechtgläubigen Sachverständigen“ liest, wo die gelehrten Herrschaften, die sich als Denkfabrik der Orthodoxie gerieren, eine „souveräne Modernisierung“ Rußlands fordern, frei vom schändlichen Einfluß des Westens und der individualistischen Auswüchse der Demokratie, und im gleichen Atemzug Moskau wieder zum Dritten Rom erheben, an dessen orthodoxem Wesen die ganze Christenheit möge genesen. Was da auf vierzig Seiten von der katechontischen Mission der Rechtgläubigkeit schwadroniert wird, hört sich an wie eine restaurative Mobilmachung gegen alle Segnungen der Moderne und attackiert den Staat an seiner noch immer schwächsten Stelle, an der Flanke nämlich, wo er seit dem Zusammenbruch des Kommunismus keine Doktrin, keinen gestigen Überbau, keinen sinn- und identitätsstiftenden Schutzschild mehr aufbieten kann gegen die Heilsversprecher jeglicher Couleur. Gut, daß der Staat jetzt zumindest die Rechte von Kindern in kirchlicher Obhut wehrhaft verteidigt, gut, daß sich wohl nicht mehr als 10% der Russen einen stärkeren Einfluß der Kirche auf Staat und Gesellschaft wünscht.

Steht nur zu befürchten, daß früher oder später, hier oder dort auch der erste Fall von Mißbrauch ans Tageslicht kommt. Noch ist das in Rußland ein Tabu. Aber das heißt ja nicht, daß es dergleichen nicht gibt. Das westliche Christentum in all seinen Ausprägungen vom Katholizismus bis hin zu den Evangelikalen hat da ja bereits seine erschütternden Erfahrungen machen müssen.

Zur Erinnerung, was vor einem Jahr geschah: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/11/07/fall-abgeschlossen-aber-fragen-bleiben/

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Helmut Eichler weist die Richtung

Helmut Eichler weist die Richtung

Ein gutes Jahr und viele interne Beratungen in Erlangen später, am 26. und 27. Oktober, genau vor 18 Jahren, bekommt Helmut Eichler das Haus erstmals zu sehen. Peter Steger hält in seinem Reisebericht fest: „Nach Einschätzung von Helmut Eichler ist das Objekt Frunsestraße 25 sanierungsfähig. Die Bausubstanz sei im Kern zufriedenstellend, der allergrößte Teil der Arbeiten könne in Wladimir vor Ort geleistet werden. Das Objekt scheint für Helmut Eichler eine ähnliche Herausforderung darzustellen wie seinerzeit der Kosbacher Stad’l. Eine Expertise seinerseits wird erstellt und Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg vorgelegt. Es wird vorgeschlagen, Helmut Eichler zu bitten, die Projektleitung zu übernehmen.“

Helmut Eichler, Tatjana Garischina, Kira Limonowa, Igor Stoletow und Boris Rassadin

Helmut Eichler, Tatjana Garischina, Kira Limonowa, Igor Stoletow und Boris Rassadin

Später heißt es in dem Papier: „Nach dem etwa eineinhalbstündigen Ortstermin kam es zu einem Gespräch mit der Abteilung für Denkmalschutz, in welchem zugesagt wurde, einen schriftlichen Kostenvoranschlag sowie ein Verzeichnis der in Wladimir vor Ort zu übernehmenden Aufgaben vorzulegen. Man erhoffe sich eine baldige Reaktion aus Erlangen sowie eine Abstimmung der Expertisen und Pläne, um noch in diesem Jahr mit der Arbeit beginnen zu können. Zudem wolle man noch im laufenden Jahr die im Haus verbliebenen drei Parteien in neue Wohnungen einquartieren. Die Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde sind hochgradig motiviert, zumal es sich bei dem besagten Objekt um einen besonderen architektonischen Stil handelt, von dem es in ganz Wladimir von ursprünglich 28 nur noch vier Exemplare gebe, wobei die übrigen drei in einem baulich wesentlich schlechteren Zustand seien. Das Haus Nr. 25 in der Frunsestraße könnte also zu einem Demonstrationsobjekt werden.“

Wirtschaftsreferent Siegfried Balleis beim Verlassen des späteren Erlangen-Hauses 1992

Wirtschaftsreferent Siegfried Balleis beim Verlassen des späteren Erlangen-Hauses 1992

In seiner ersten Aktennotiz vom 27.10.1992, an seinem 52. Geburtstag, kommt Helmut Eichler selbst zu dem Schluß: „Das Gebäude vermittelt äußerlich und innerlich einen recht heruntergekommenen Eindruck. Doch bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei lediglich um oberflächlich angegriffene Bausubstanz wie mürbe Putze, angefaulte Holzverschalungen und eben über viele Jahre fehlenden Bauunterhalt. Der zu erwartende Aufwand an Geldmitteln und Arbeit ist m.E. gerechtfertigt, dieses Gebäude zu renovieren und der beabsichtigten Nutzung zuzuführen.“

Die Baustelle Erlangen-Haus 1992

Die Baustelle Erlangen-Haus 1993

Helmut Eichler kannte Wladimir schon von Beginn der Partnerschaft an. Sein Kosbacher Stad’l-Chor hatte noch in den 80er Jahren das Tanz- und Folklore-Ensemble RUS immer wieder zu Gast, und eigentlich war er ja damals, 1992, nach Wladimir gekommen, um bei der Vorbereitung auf das „Fränkische Fest“ zu helfen. Ein Maibaum sollte aufgestellt werden, die Kerwasbuam wollten durch Wladimir ziehen… Es war viel zu organisieren. Eine ungemein aufregende Zeit und eine völlig unübersichtliche Lage: Die Aktion „Hilfe für Wladimir“ lief noch auf Hochtouren, die ersten VAG-Busse aus Erlangen ruckelten über die holprigen Straßen der Partnerstadt, die beiden Heizkessel zur Fernwärmeversorgung eines ganzen Stadtteils waren eben erst eingetroffen und angeschlossen, die Inflation sprengte im wilden Galopp davon, soziale Unzufriedenheit überall. ein 20-Liter-Kanister mit Benzin wurde auf dem Schwarzmarkt für 1.000 Rbl. gehandelt, der Mindestlohn lag bei 1.500 Rbl., das durchschnittliche Einkommen für staatlich Bedienstete bei 4.000 Rbl.

Es gehörte Mut, viel Mut auf beiden Seiten dazu, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und mit vereinten Kräften das Erlangen-Haus zu sanieren. Was das an Kraft, Zeit und Geld kosten würde, konnte sich damals gottlob niemand vorstellen. Hätte man eine klare Vorstellung davon gehabt, den Verantwortlichen wäre sicher das Herz in die Hose gerutscht, man hätte das Projekt als undurchführbar zu den Akten gelegt. Doch die richtigen Politiker, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow, setzten auf die richtigen Menschen, und so gelang das nachträglich schier Unmögliche.

Jelena Jewtjuchina im Saal des Erlangen-Hauses, 1993

Jelena Jewtjuchina im Saal des Erlangen-Hauses, 1993

Helmut Eichler war der richtige Mann am richtigen Ort. Er hatte jahrzehntelange Erfahrung – auch im Ausland – bei Bauprojekten und konnte auf den Kosbacher Stad’l und dessen gelungene Renovierung mit ehrenamtlichen Kräften als Referenz verweisen. Dietmar Hahlweg und Rudolf Schwarzenbach trauten dem Beauftragten für Brandschutz im Bauamt das „Projekt Erlangen-Haus“ zu, vertrautem ihm die Bauleitung an – und sahen ihr Vertrauen nie enttäuscht!

Schon von seinen ersten Begegnungen und Gesprächen an erwarb sich Helmut Eichler, unterstützt von der Partnerschaftsbeauftragten Tatjana Garischina und den Dolmetscherinnen Jelena Jewtjuchina und Irina Chasowa (genau in der Reihenfolge wurden sie später Geschäftsführerinnen des Erlangen-Hauses), den uneingeschränkten Respekt seiner Wladimirer Partner und Kollegen, von der Stadtverwaltung bis zu den Handwerkern, besonders aber von Kira Limonowa, der Architektin des Projekts, für die das Erlangen-Haus in der Zusammenarbeit mit den deutschen Freunden zum krönenden Abschluß ihres Berufslebens werden sollte. Kein Gewerk, von dem Helmut Eichler nichts verstanden hätte, kein Werkzeug, das er nicht hätte anzuwenden gewußt. Vor allem aber zeigte er eines: disziplinierte Frustrationstoleranz. Seine Protokolle, die ein Dutzend Aktenordner füllen, wissen davon ein Klagelied zu singen: „Keine nennenswerten Fortschritte“, meinte er im Mai 1993. „Ärger mit der Wladimirer Behörde für Denkmalschutz“, hieß es im Juni des gleichen Jahres. Im Juli dann: „Es geht nicht voran.“ Im Oktober schließlich das Verdikt: „Umfang der Arbeiten und Kosten erheblich unterschätzt. Rahmenbedingungen dramatisch verschlechtert.“ Aber es gab kein Zurück mehr, und ein langer Atem war gefordert. Ab Herbst 1994 „lief es dann wieder“. Am 7. Mai 1995 planmäßig die feierliche Eröffnung, wo sich dann der Hauptakteur schon wieder lieber im Hintergrund hielt und die Bühne anderen überließ.

"Richtfest" im Saal des Erlangen-Hauses im September 1993

„Richtfest“ im Saal des Erlangen-Hauses im September 1993

Aber was wäre ohne ihn geworden? Seine Erlanger Vorgesetzten hatten ihn zwar für den Einsatz freigestellt und ihm Dienstreise um Dienstreise bewilligt, um vor Ort die Dinge am Laufen zu halten. Aber daheim in Erlangen war ja nicht weniger zu organisieren. All die Materialien, die es damals in Wladimir noch nicht gab – und das waren mehr als man sich heute vorstellen kann! -, mußten bestellt, verladen und auf den Weg gebracht werden. Handwerksbetriebe, die Stadtwerke, Firmen waren dafür zu gewinnen, Mitarbeiter für Montagearbeiten abzustellen. Und dann reichte das Geld immer wieder nicht. Hätte Helmut Eichler nicht alle entscheidenden Leute in der Erlanger Baubranche persönlich gekannt – sein ehemaliger Betrieb, die Mauss AG, und Robert Niersberger seien nur stellvertretend und mit Dank genannt -, das Projekt wäre gescheitert. Allein sein Name öffnete Türen und Herzen. Ihm ist es zu verdanken, daß an die zwanzig ehrenamtliche Einsätze von Erlanger Handwerkern „geflogen“ werden konnten, ihm ist es wesentlich zu verdanken, daß die Bausteinaktion zu einem solchen Erfolg wurde, ihm ist es entscheidend zu verdanken, daß auch über 2.500 km hinweg der Nachschub weder materiell noch ideell je zusammenbrach.

Bauarbeiten am Erlangen-Haus 1993

Bauarbeiten am Erlangen-Haus 1993

Helmut Eichler ist kein Freund von Lobeshymnen. Seinen 70. Geburtstag feiert er heute wohlweislich mit seiner Frau Tatjana fern von Erlangen. Ob er je den Eintrag im Blog lesen wird, ist eher ungewiß. Aber gesagt sei es dennoch: DANKE, lieber Helmut! Du hast uns allen ein großartiges Vorbild gegeben, hast in bewundernswerter Konsequenz das schwierigste Vorhaben der Partnerschaft überhaupt zu einem erstaunlichen Erfolg geführt. DANKE, daß Du bis heute ehrenamtlich noch immer einmal im Jahr im Erlangen-Haus nach dem Rechten siehst und in allen Fragen klugen und praktischen Rat weißt. DANKE, daß Du bist, wie Du bist.

Helmut Eichler 8

Percy Gurwitz

Zum Abschluß sollen zwei Deiner Weggefährten zu Wort kommen, Percy Gurwitz und Rudolf Schwarzenbach. Percy Gurwitz, dieser Titan des Geistes und wortgewaltiger Fürsprecher des Projekts, bemerkte einmal: „Ich empfinde die höchste Wertschätzung für Helmut Eichler. Er hat mir einmal auf die Frage, warum er denn all diese Mühen auf sich nehme, gesagt, er wolle nicht eines Tages in die Grube fahren und dann von sich lediglich sagen können, er habe sein ganzes Leben lang nur gut gegessen und gut getrunken. Das könnte ich nicht besser ausdrücken!“

Igor Schamow und Dietmar Hahlweg bei der Eröffnung des Erlangen-Hauses am 7. Mai 1995

Igor Schamow und Dietmar Hahlweg bei der Eröffnung des Erlangen-Hauses am 7. Mai 1995

Und Rudolf Schwarzenbach schreibt in seinem Geburtstagsgruß: „Für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir hat Helmut Eichler eine besondere Bedeutung. Ohne ihn wäre das Erlangen-Haus wahrscheinlich nicht in diesem bewunderten Stil –außen russisch, innen deutsch – entstanden. Er hat es verstanden, durch die Zusammenarbeit mit einer der russischen Architektin Kira Limonowa und seine von den russischen Arbeitern anerkannte „Vorarbeiter-Rolle“, aus der baufälligen Villa  ein Schmuckstück der Altbausanierung und der deutsch-russischen Zusammenarbeit zu machen. Dafür sind ihm beide Städte zu bleibendem Dank verpflichtet. Leider konnte das Gegenstück, ein Wladimir-Haus in Erlangen, aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden, obwohl sich Helmut auch dafür einsetzte. In den letzten Jahren hat sich Helmut Eichler aus den Partnerschaftsaktivitäten zurückgezogen, aber noch immer pflegt er intensive persönliche Kontakte mit Wladimir. Das Erlangen-Haus wird auch in Zukunft immer mit seinem Namen verbunden bleiben. Spasibo, Helmut. Und Glückwunsch zu Deinem Geburtstag.“

Swetlana Schelesowa und Irina Chasowa

Swetlana Schelesowa und Irina Chasowa

Halt, doch noch ein P.S.: Wolfram Howein, der umsichtige Revisor und findige Berater des Erlangen-Hauses, hat all die Bilder eingescannt, die Du so fleißig gemacht und chronologisch geordnet hast, um daraus ein Buch zu gestalten, das wir Dir zum Geburtstag schenken wollen, garniert mit dem jüngsten Revisionsbericht, wonach in den vergangenen Monaten das Erlangen-Haus unter der geschickten Leitung von Irina Chasowa und Swetlana Schelesowa eine fabelhafte Bettenauslastung von 70% vorweisen kann. Deine Mühen, lieber Helmut, haben sich also gelohnt. Wir lassen auf Dein Erlangen-Haus nichts kommen.

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Jurij Chiger und Wladimir Nemkow (2. u. 4. v.l.) beim Empfang mit BM Gerd Lohwasser (Mitte)

Noch ist das „Projekt Aquapark“, also der Bau eines Spaßbades in Susdal mit der planerischen Unterstützung eines mittelfränkischen Unternehmens, in der Frühphase seiner Umsetzung, da reift schon ein weiteres ehrgeiziges Vorhaben heran. In Wladimir soll in den nächsten Jahren in der Nähe des Pionierpalastes, gegenüber vom Weißen Haus, also in der großen Grünfläche mit den vielen Obstbäumen und dem bisher unverstellten Blick auf die Altstadt ein Freizeitpark entstehen. So zumindest die Pläne von Jurij Chiger, der in der Partnerstadt bereits das große Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe zum Goldenen Tor betreibt und dabei ist, im Stadtpark ein modernes Planetarium – möglicherweise mit Unterstützung von Jena – zu eröffnen. Nun will er sich gemeinsam mit Wladimir Nemkow, Fachbürgermeister für Stadtarchitektur, und vier Planern und Architekten Eindrücke von deutschen Freizeitparks holen und mit den Betreibern sprechen. Erlangen ist bei dem Vorhaben so etwas wie das Basislager, von dem aus die Expeditionen von Zirndorf über Rust und Göppingen bis nach Düsseldorf führen. Auf dem Programm standen aber auch Besuche im Palm Beach in Stein und natürlich in den Arcaden von Erlangen. Morgen – nach einer knappen Woche der Erkundung – geht es wieder zurück in die Partnerstadt, wo man sich schon bald zusammensetzen wird, um konkrete Pläne zu machen für ein postindustrielles Wladimir des Fremdenverkehrs und der Dienstleistungen, wo die Freizeit der Menschen Investitionen lohnt. Glück auf!

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Und wieder spielt die Musik im Blog. Und was für eine! RUS! RUS hat in Regine Burk aus Rückersdorf zwischen Lauf und Nürnberg eine neue Agentin gefunden, die sich um die Auftritte des in Erlangen seit 1987 bekannten Tanz- und Gesangsensembles aus Wladimir kümmert. Ein Glücksfall für die Truppe um Nikolaj Litwinow nach der Trennung von der Konzertdirektion Schlote aus Salzburg, die mehr als ein Dutzend Weihnachtstourneen durch halb Europa für RUS vermittelt hatte, ein Glücksfall aber auch für die Partnerschaft, ist doch allein schon wegen der räumlichen Nähe der Konzertagentur Burk eine enge Zusammenarbeit mit Erlangen ohne jeden Aufwand zu bewerkstelligen. Hoffentlich auch ein Glücksfall für das Unternehmen selbst, das die Gastspiele mit all den Kosten für Transfers, Unterbringung und Gagen sicher nicht aus der Portokasse wird finanzieren können.

Muß man hier zu RUS noch viel sagen? Nur, weil es gar so schön ist und immer wieder herauswill: RUS ist das unvergleichliche Destillat von zwei Komponenten, zum einen der traditionellen russischen Gesangs- und Tanz-Folklore und zum andern der modernen Adaption von Brauchtum und Kulturgut. Beides führen die künstlerische Kraft von Nikolaj Litwinow und die professionelle Vielseitigkeit der Instrumentalisten, Tänzer und Sänger zu einem staunenswerten Panoramabild der russischen Volksmusik zusammen und entführen das begeisterte Publikum in eine Welt voller Zauber. Ein weihnachtliches Bühnenbild, farbenprächtige Kostüme, ausgefeilte Choreographien, traditionelle russische Instrumente, meisterhaft gespielt, der stete Wechsel zwischen innig-andächtigen a-capella-Gesängen des Frauen- oder Männerchors mit wirbelnden Tanzfolgen und virtuosen Instrumentaleinlagen läßt die Konzertbesucher buchstäblich atemlos zurück. Man könnte hier ad infinitum hymnische Kritiken aus der Presse zitieren und würde damit RUS doch nur in der Blässe der Theorie näherkommen. Wer es irgend ermöglichen kann, versorge sich und die Seinen rasch mit Karten für folgende Konzertdaten der Altrussischen Weihnacht mit RUS:

15.12.: Kulturarena in Öhringen; 16.12.: Philharmonie Gasteig in München; 17.12.: in Jona / Schweiz; 18.12.: in Zürich; 19.12.: Congress Centrum in Würzburg; 20.12.: Liederhalle in Stuttgart; 21.12.: Meistersingerhalle in Nürnberg um 19.30 Uhr.

Ein Rückblick auf den letzten Auftritt in Erlangen ist zu finden unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=2968&action=edit&message=1, und hier geht es zur Künstleragentur: www.burk-artist.de, wo noch viel mehr zu sehen und zu lesen ist über RUS. Und, ja, es gibt RUS auch auf You Tube: http://www.youtube.com/watch?v=815o9KHc8Bs

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