Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 13. September 2010


Nachstehender Bericht setzte fast zwei Monatsringe an, um in der Baumsprache zu bleiben. Er kam zwar schon Ende Juli in die „Blog-Redaktion“, aber die Bilder gingen in den Weiten des Internets verloren. Nun, nach den Ferien, sind sie wieder zusammen, Text und Photos von Ute Szczepaniak, deren Beitrag man freilich erst recht versteht, wenn man die Vorgeschichte kennt: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/07/23/die-huterin-der-baume/

Am Freitag, den 23. Juli, macht sich ein trutziges Trüppchen im strömenden Regen auf den Weg in Sachen Baumerhalt: Nadeschda Oblowazkaja, eine Naturschützerin aus Wladimir, Dolmetscherin Irina Tartakowskaja, sowie Dieter Argast als Fahrer und ich als Begleiterin treffen den Forstbeamten Herbert Kolb, der sich den Erhalt und Schutz alter Bäume zur Lebensaufgabe gemacht hat und für das Umweltschutzprogramm „Natura 2000“ kämpft.

Herbert Kolb, Nadeschda Oblowazkaja, Irina Tartakowskaja, Dieter Argast

Zunächst zeigt Herr Kolb an Beispielen von bis zu 300 Jahre alten Linden im Ansbacher Hofgarten, wie Baumveteranen, deren Vitalität und Stabilität nicht mehr gewährleistet sind, durch einen Kopfschnitt in etwa vier Meter Höhe und durch Beseitigung des Totholzes wieder eine grüne Krone tragen und über Jahrzehnte hinweg stehen bleiben können. Denn selten ist ein Abholzen alter Bäume wirklich notwendig. Der Stamm bildet öfters nur noch eine Art Hohlzylinder, in dem sich der Eremit – eine Käferart -, Fledermäuse, Bienen usw. einnisten können. Staunend sieht die Besucherin aus Rußland die wunderschönen Lindenalleen, Flatterulmen, beschnittene Bäume mit grünen Kronen und sich selbst überlassene Bäume, die irgendwann Äste abwerfen oder zerbrechen werden.

In Wladimir, so erzählt Nadja, gibt es kein systematisches Programm zum Erhalt oder zur Neuanpflanzung von Bäumen. Im Gegenteil – rund ein Drittel des Baumbestandes sei seit der Jahrtausendwende gefällt worden, und der Schwund gehe rasant weiter. Selbst wenn neue Bäume gepflanzt werden, gibt es offenbar niemanden, der sich um sie kümmert und sicherstellt, daß sie auch wachsen und gedeihen. Nur vereinzelt gelinge es Naturschutzgruppen wie der ihren, Alleen oder einzelne Bäume vor der Motorsäge zu retten.

Kreuzeiche

Nach den Hofgarten-Linden als Ort der Erholung für den Adel geht es nach Hürbel zu der bekannten Kreuzeiche, die nach manchen Schätzungen bis zu 800 Jahre alt ist und durch einen Kronenrückschnitt um 1943 Hilfe zum Weiterleben bekam. Um das Jahr 1900 betrug der Kronendurchmesser etwa 40 Meter! (laut Wikipedia) – heutzutage noch 20 Meter. Diese Eiche diente jahrhundertelang den Bauern als schattiger Rastplatz.

Die altehrwürdige Linde bei Linden wiederum, die die Gruppe danach besucht, wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges per Zufall durch Beschuß der Amerikaner „beschnitten“, sonst stünde sie heute nicht mehr. Nadja Oblowazkaja und Irina Tartakowskaja „telephonieren“ durch den hohlen Stamm der Linde. Auch Blickkontakt mit dem Gegenüber auf der anderen Seite ist durch ein Loch im Stamm möglich. Dennoch lebt die hohle, aber grüne Linde und bietet jedem Schatten, der sich auf ihrer Bank niederläßt.

Nadeschda Oblowazkaja und die Linde

Zuletzt geht es gegen Abend nach Rothenburg, das für den russischen Gast natürlich „wie ein Märchen“ wirkt und gebührend photographiert wird. Dennoch gibt es auch inmitten der Stadt Beispiele für den richtigen und falschen Umgang mit alten, geschwächten Bäume. Ob an den Parkplätzen oder in der Innenstadt, – oft sieht man Beispiele für gute (Kronen-) Schnitte, die den Baum erhalten. Dagegen findet man im Stadtgarten, der seit der Zeit der freien Reichsstadt als Erholungsstätte der Bürger dient, öfters nur noch Baumstümpfe: Hier wurden alte Bäume gefällt, häufig mit der Argumentation der Sicherheit.

Dieter Argast und seine Dryaden

Ein Abendessen in einem traditionellen Rothenburger Restaurant beendet den Baumausflug. „Alles muß man probieren“, sagt Nadja und bestellt sich als typisch bayerische Spezialität eine Portion Käsespätzle. Probieren wird die Naturschützerin daheim in Wladimir wider allen Umständen, ein Umdenken im Umgang mit dem Baumbestand dort  und eine Kooperation mit den verantwortlichen städtischen Behörden herbeizuführen.

Ute Szczepaniak

Sibirische Zirbelkiefern bei Wladimir

Dieser Tage hat Nadeschda Oblowazkaja übrigens berichtet, sie habe ihren Reisebericht über Erlangen im Wladimirer Rathaus abgeliefert und mit Lokalpolitikern über die Problematik gesprochen. Nun warte sie auf Taten. Die lassen hoffentlich nicht so lange auf sich warten, wie die sibirischen Zirbelkiefern benötigen, um so schön zu wachsen, wie auf dem Bild zu sehen, aufgenommen von Nadeschda Oblowazkaja in der Nähe von Wladimir. Dem auch sibirische Zeder genannten Baum werden ja große Heilwirkungen zugeschrieben. Bleibt zu hoffen, daß die Wladimirer Politik dagegen keine Resistenz entwickelt hat. Besonders nicht nach diesem Sommer, in dem allein in der Region Wladimir 30.000 ha Wald verbrannt sind.  

 

 

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: