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Archive for August 2010


Eine Gruppe der 159 Brandopfer fährt nun schweres Geschütz auf. Ihre Unzufriedenheit mit dem geplanten Wiederaufbau der Häuser tragen sie nicht nur in die Öffentlichkeit, nun haben sie ihren Unmut auch in einem offenen Brief an Ministerpräsident Wladimir Putin kundgetan. Man wolle nicht in die fast 70 „kanadischen Holzfällerhütten“ ziehen, die derzeit in Iwatino für sie gebaut werden. Wörtlich heißt es: „Wir weigern uns, in diese Bruchbuden einzuziehen.“

Neubausiedlung in Iwatino

Die Vorwürfe wiegen schwer, wenn sie denn Substanz haben: Von den Behörden sei man in die Irre geführt worden, das Wort des Ministerpräsidenten habe man gebrochen, indem die Brandopfer aus den Dörfern Kamenka und Juschnyj im Kreis Melenki genötigt worden seien, Einverständniserklärungen zu unterschreiben, in denen weder die künftige Wohnfläche noch der Haustyp angegeben war. Nun stelle man die Menschen vor vollendete Tatsachen: nur die soziale Mindestnorm mit 18 m² Wohnfläche pro Person für eine dreiköpfige Familie.  Unterdessen versteht die Regionalverwaltung die Welt nicht mehr und weist darauf hin, daß doch die Brandopfer nun in einer nagelneuen Siedlung würden leben können, wo es all das gebe, woran es früher fehlte: Gasanschluß, Wasser, Kanalisation.

Doch die Klagen gehen weiter, vor allem auch die Bauqualität betreffend. Preßspanplatten mit Schaumstoff, Wände, nicht dicker als ein Ziegelstein… Man fürchtet, im Winter werde es kalt in den Häusern. Vor allem aber regen sich die Menschen darüber auf, daß man ihnen – anders als in den übrigen Regionen – keine Alternative gelassen habe, von denen es gleich drei gegeben hätte: Bau durch staatliches Programm, finanzielle Entschädigung, Eigenbau mit staatlichem Zuschuß. Vor allem Variante 2 fände viele Interessenten, könnte man sich doch für die ursprünglich in Aussicht gestellten zwei Millionen Rubel pro Person eine Einzimmerwohnung in Wladimir kaufen – und vielleicht sogar noch ein Auto dazu.

Der Druck auf Gouverneur Nikolaj Winogradow wächst damit enorm. Er wird sich nun nicht nur gegenüber den Opfern der Waldbrände und der Öffentlichkeit erklären müssen, sondern muß gegenüber Ministerpräsident Wladimir Putin Rechenschaft ablegen. Das, so steht zu fürchten, wird für den Wladimirer Landesfürsten ein schwerer Gang nach Moskau. Durchaus aber auch möglich, daß der schier omnipräsente Ministerpräsident persönlich in die Region kommt, um sich ein Bild von der Lage zu machen. In jedem Fall braucht Nikolaj Winogradow jetzt gute Argumente für seine umstrittenen Entscheidungen, andernfalls entscheiden andere über sein weiteres politisches Schicksal.

Inzwischen zeigt der Protest erste Wirkung. Auf Anordnung des Gouverneurs sollen die neuen Häuser für den Fall eine Art Wintergarten, also zusätzliche Wohnfläche, erhalten, daß das abgebrannte Haus größer war als das neu zu bauende. Außerdem sollen einige Versorgungsgebäude unterkellert werden. Ob das die Gemüter beruhigt?

S. auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/08/26/heiser-herbst-fur-gouverneur/

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Besonders in Osteuropa steigen die Zahlen der HIV-Infizierten noch immer beängstigend schnell an. Die Region Wladimir meldet offiziell 2.500 Fälle. In der Partnerstadt gibt es zwar seit Jahren ein staatliches medizinisches Beratungszentrum, wo die Patienten einmal im Halbjahr untersucht und beraten werden. Was bisher jedoch fehlte, war eine Anlaufstelle wegen psychologischer Hilfe. Die Immunschwäche wirkt ja nicht nur verheerend auf den Körper, sondern hinterläßt gerade auch in der Seele schlimme Spuren. Ab Oktober nun nimmt eine Selbsthilfegruppe die Arbeit auf und füllt diese Lücke – als kostenloses Angebot -, um den Infizierten wieder Lebensmut zu machen und ihnen die Kraft zu geben, ihr Leben zu meistern. Denn das Leben geht ja auch mit dem Virus weiter. Die russische Zivilgesellschaft entwickelt zusehends Selbstheilungskräfte. Gut so!

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Na ja, so ganz neu, wie es die Überschrift verspricht, ist es, ehrlich gesagt, nicht mehr. Asche auf das Haupt des Bloggers, denn schon im Frühjahr hatte Tamara Skworzowa während ihrer erneuten Hospitation bei den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf einen kleinen schriftlichen Bericht und eine große Auswahl an Bildern aus dem Jahr 2009 hinterlegt, Beweisstücke einer erstaunlichen Arbeit und Zeugnis dafür, daß die Zusammenarbeit mit dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Nr. 1 in Wladimir im wahrsten Sinne des Wortes blüht und gedeiht. Doch lassen wir die Krankenschwester selbst zu Wort kommen:

Das Leben auf unserer Abteilung

Für das Geld, das wir von Jürgen Ganzmann erhielten, machten wir die Renovierungsarbeiten aus eigener Kraft. Natürlich half auch unser Chefarzt, Alexander Bersenjew. Wir nehmen an allen Wettbewerben teil und gewinnen immer. Alle Figuren und Skulpturen auf den Beeten sind das Werk unserer Patienten. Die Idee dazu habe ich aus Deutschland mitgebracht. Klar, daß alle zufrieden sind und sich über den ersten Preis freuen, auf den wir für die Gartengestaltung gekommen sind.

Wir spielen auch Schach und Dame. Die Jury unter Leitung von Chefarzt Alexander Bersenjew erkannte uns Mal um Mal und ohne Murren den zweiten Platz zu. Vor dem Turnier veranstalteten wir Wettkämpfe in den Abteilungen, um die besten Spieler zu ermitteln. Und wieder sind alle zufrieden und glücklich.

Mit Unterstützung der Mitarbeiter haben wir in unserer Abteilung sogar eine kleine Bibliothek eingerichtet. Lesen gefällt schließlich allen. Wenn die Patienten lesen, sind sie beschäftigt, und wir sind etwas entlastet. So geht das bei uns. Es herrscht eine gute Atmosphäre in der Abteilung. Zu uns kommt man ohne Furcht zur Behandlung, und manch einer besucht uns auch nur einfach. 

Ein kleiner Kommentar sei da ergänzend gestattet. Wer das Psychiatriekrankenhaus noch aus der Anfangszeit der Zusammenarbeit vor zehn Jahren kennt, als das Projekt „Lichtblick“ nicht viel mehr als ein Hoffnungsschimmer war, weiß zu schätzen, was hier geleistet wurde. Es genüge der Hinweis darauf, daß damals die Patienten noch mit Hilfe von Medikamenten ruhiggestellt wurden. Heute hilft man ihnen, ihren Platz zu finden, bemüht sich, sie an ihren Platz zu stellen und ihnen Verantwortung für sich und andere zu übertragen. Welch ein Bewußtseinswandel, welch ein Segen für Personal wie Patienten: Hier wie dort kommen die schönsten menschlichen Eigenschaften zum Vorschein – die Sorge füreinander und die spielerische Freude am Schöpferischen.

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Josef und Elisabeth Krichel, Peter Steger, Bertrand Selvais

Wer Josef Krichel in Koslar bei Jülich besucht, macht sich eher früher als später mit dem aufgeräumten Weltkriegsveteran auf den weiten Weg zurück in eine Zeit heute kaum mehr vorstellbarer Not und Entbehrung. Denn, wie es der älteste Sohn eines pensionierten Bahnbeamten formuliert: „Da ist der Vater in seinem Element“. Dabei erlebte der so angenehm-umgängliche Rentner doch nach eigenem Bekunden seine glücklichsten Jahre – sorgenfrei und ohne jede materielle Not – im Alter von 50 bis 70. Erst in letzter Zeit machen ihm und seiner Frau Elisabeth zunehmend gesundheitliche Beschwerden Malheur und bringen manche Einschränkung mit sich. So mußte der Heimkehrerkreis um Friedhelm Kröger, der sich heuer im Odenwald getroffen hatte, wieder einmal auf Josef Krichels Teilnahme verzichten.

Doch geht es nicht uns allen so, daß wir – je älter desto mehr – aus dem Element schöpfen, das uns in jungen Jahren geformt? Mag diese Jugend noch so elend und verraten gewesen sein. Josef Krichel hebt den Vorhang der Jahrzehnte ohne Mühe, ohne Scheu, ohne Zorn, ohne Verbitterung. Die Besucher bittet er in sein Arbeitszimmer, und schon erzählt er, gut vorbereitet und mit einigen handschriftlichen Notizen präpariert, um nur ja kein Detail auszulassen, sind es doch gerade diese oft unscheinbaren Einzelheiten, die Licht in die Erinnerung bringen.

Als Jahrgang 1927 gehörte Josef Krichel zum letzten Aufgebot des längst waidwunden Hitler-Deutschlands, das im letzten Kriegsjahr noch halbe Kinder ins Feuer schickte. Als im April 1944 die  Lehre bei der Bahn abgeschlossen war, kam sofort der Einberufungsbescheid. Die Ausbildung fand in Dänemark statt, gerade einmal zwei Monate kurz. Der Kommandeur sagte noch, das sei natürlich viel zu wenig, aber die Ostfront wartete nicht, sie rückte mit Macht voran. Also hieß es, man solle sich freiwillig melden… Wer von den Jungspunden wollte da als Drückeberger gelten? Nicht anders als Zwangsfreiwilligkeit kann man das nennen.

Josef Krichel

„In Polen bin ich nur rückwärts gelaufen, die Übermacht war zu groß“, erinnert sich Josef Krichel an die ersten Einsätze. Lange lag er an einem Brückenkopf über die Oder. Dabei war die Rote Armee schneller als der eigene Nachschub. Wäre der rascher vorangekommen, hätte der Krieg noch eher zu Ende gehen können. Immer wenn die Sowjetsoldaten abends sangen und tranken, kam am nächsten Morgen der Angriff, aber die Deutschen hielten die Stellung lange und mähten die jungen Kerle regelrecht ab. Schreckliche Szenen, an die sich der Gastgeber nur mit Grauen erinnert. Nur vor den russischen Scharfschützen mußte man sich in acht nehmen. Ein Kamerad wollte sich nicht bücken und bezahlte seinen Leichtsinn mit einem Kopfschuß. Bis zum 16. April 1945 dauerten diese hinhaltenden Scharmützel, dann kam er, der Großangriff: „Die Erde hat gezittert, zweieinhalb Stunden hat es gedonnert, überall Granaten, dann kam die Infanterie, dann der Rückzug…“ Aber just auf dem Rückzug drohte Gefahr auch von den eigenen Leuten. Die Front war schon am Laufen, in Auflösung, doch in einem kleinen Ort warteten die „Kettenhunde“, die Feldpolizei, die drohte, Flüchtende zu hängen. Zur Abschreckung hingen auch tatsächlich bereits zwei Landser.

Richtig Gegenwehr leistete die Einheit von Josef Krichel erst, als am 20. April die Russen vor Berlin standen. Aber die Übermacht war zu groß. An schreckliche Bilder erinnert sich der Veteran. Aus den abgeschossenen sowjetischen Panzern sprang die Besatzung brennend heraus, und niemand konnte helfen. Das schreckliche Ende des Krieges war absehbar, doch der Schrecken war noch nicht vorbei, und am schrecklichsten stellte man sich eine Gefangennahme durch die Russen vor. Auch Josef Krichel wollte sich zu den Amerikanern absetzen. Sein Trupp sammelte sich in Spandau zum Ausbruch, und gegen 17.00 Uhr ging es über die Charlottenburgbrücke. Überall krachte es, Zivilisten wollten mit, eine einzige Katastrophe. Man kam bis Staken, von wo aus am andern Morgen der Gegenangriff weitergehen sollte, aber die Panzer hatten sich über Nacht aus dem Staub gemacht. Ganze 800 Mann waren von der Einheit noch übrig, und keine 50 Meter konnte man mehr vorankommen, Josef Krichel ging in einem Graben in Deckung und hörte noch, der Führer sei im Kampf ums Leben gekommen. Bis zum bösen Schluß wurde man belogen. Später dann der Versuch, sich mit fünf Kameraden durch die Schrebergärten in Sicherheit zu bringen. Die Waffen hatte man schon weggeworfen, der Krieg war ja verloren. Noch eine Tasse Kaffee gab es in einer Laube zu trinken, doch schon nach fünf Minuten waren die Russen im Garten, ein Trupp von 18 Rotarmisten. In Panik wollten noch einige aus der Krichel-Gruppe über eine Mauer flüchten. – Hatten sie vergessen, daß in einer solchen Situation ohne Warnung geschossen wird?

Josef Krichel ließ sich gefangennehmen und kam nach Döberitz. Da gab es tonnenweise Knäckebrot, ein unvergeßlicher Anblick, an den er in den folgenden Hungerjahren noch oft zurückdenken wird. Schon in Rüdersdorf, wo der Gefangenentransport in einer Zementfabrik einquartiert wurde, starb dann ein Kamerad neben ihm, sein erster Toter in der Gefangenschaft. Entlang den ehemaligen Stellungen ging es weiter in ein Auffanglager. Zwei Tage und eine Nacht bei schönem Wetter. „Die Russen ließen uns zum Schwimmen in die Oder! Wir waren platt und sagten uns, so schlimm kann es ja nicht sein mit den Russen.“  Die nächste Station war Posen. Auf dem Bahntransport gab es als Verpflegung noch immer Knäckebrot. Im neuen Lager angekommen, hieß es, nicht nur Abschied von den Läusen zu nehmen, sondern auch von den letzten Habseligkeiten, die einem noch nicht bei der Gefangennahme abgenommen worden waren. Die Ruhr zwang Josef Krichel für zwei Wochen ins Lazarett, aber das war komplett überbelegt, viele konnten nur draußen liegen. Halbwegs auskuriert, meldete er sich deshalb gleich als Freiwilliger zur Arbeit, die mit gutem Essen – abends gab es einen „Doppelschlag“ – entlohnt wurde. Im Kokswerk waren die Polen umgänglich, es gab keine Exzesse gegen Deutsche wie andernorts. Doch da hieß es plötzlich: „Rußland“! Mitte Juni setzte sich der Gefangenentransport per Bahn über Warschau in Gang. Die Polen waren da schon anders gestimmt und wollten die Besiegten aus den Waggons holen. Hätten die Russen keine Warnschüsse abgegeben, wären die einstigen Besatzer wohl allesamt massakriert worden. Drei Wochen dauerte das Hin- und Hergeschiebe auf den Gleisen. Manchmal stand der Zug ganze Tage lang herum. Einen Becher Suppe und ein Stück Brot gab es dreimal am Tag, Für die Notdurft war ein Loch im Waggon vorgesehen, die Luke für die Frischluft versperrte Stacheldraht. Später gab es nur noch Trockenbrot, nichts Warmes mehr, stattdessen gesalzenen Fisch, dabei nie genug Trinkwasser, nur ab und an einen Eimer, der aber immer gleich leer war.

Raststätte Skaska, Kirschatsch

Irgendwo hinter Moskau hängte man nach der endlosen Fahrt zwei Waggons ab, und die Gefangenen mußten auf LKWs umsteigen, die sie durch die reinste Wildnis in ein Waldlager bei Kirschatsch brachten. Dazu fällt Josef Krichel heute nur noch ein: „Das war das Schlimmste: Erdbunker mit Wellblechdach, Bretterbetten und eine Decke.“ Schlimmer noch: Schon beim Morgenappell war der Lagerkommandant betrunken. Entsprechend wirr und irr sein Regiment. Bäume fällen ohne anständige Sägen und Äxte, oder Stümpfe roden ohne Arbeitsgerät, wie sollte das gehen? Die Norm war so jedenfalls nicht zu erfüllen, man mußte bis abends durcharbeiten, um sich seine „Kapusta“, das Kraut, zu verdienen. Beim Zählappell bereitete sich der Kommandeur dann bisweilen das absonderliche Vergnügen, die Gefangenen deutsche Lieder absingen und im Paradeschritt marschieren zu lassen. Wer die Beine am höchsten in die Luft warf, bekam die größte Tabakration. Die größte Qual hingegen bereitete das Ungeziefer: Wanzen, Flöhe und Läuse. Frische Wäsche gab es alle drei Wochen, das Wasser für die ca. 100 Gefangenen holte man aus der Erde, Hygiene fand praktisch nicht statt. Die Wanzen setzten Josef Krichel derart zu, daß er das ganze Gesicht voll mit den Plagegeister hatte und nicht mehr schlafen konnte, – bis er Maschinenöl aus einem Faß nahm und sich damit einschmierte. Es mochte stinken wie es wollte, es half gegen die Parasiten, und so wiederholte er die Prozedur immer wieder. Aber auch der Hunger trieb schreckliche Blüten. Pilzvergiftungen kamen immer wieder vor – mit oft tödlichem Ausgang. Ein Kamerad sammelte sogar vor lauter Hunger unterm Donnerbalken Körner. Die seien bekömmlicher, weil schon vorverdaut, meinte er. Neuankömmlinge im Waldlager Kirschatsch erschraken, als sie die Hungergestalten sahen. Den Winter hätte niemand überlebt. Das sah auch die Lagerleitung ein und verlegte die Gefangenen im Spätherbst.

Ehemalige Weberei in Karabanowo, 2004

So kam Josef Krichel im Oktober 1945 in das nahegelegene Karabanowo, wo er bis Januar 1947 blieb. Fast luxuriös erschien ihm dort die große Baracke für 150 Mann, die in der Weberei und Spinnerei arbeiten mußten. Schöne Pritschen gab es da, zweistöckig mit Bettwäsche. Da der Neuzugang keine brauchbare Ausbildung hatte, also nicht als „Spezialist“ galt, wurde Josef Krichel zum Kehrdienst in der Spinnerei eingeteilt. Die Russen hatten zwar Anweisung, nicht mit den Gefangenen zu sprechen, aber die Mitmenschlichkeit siegte. Karabanowo war damals nur ein kleiner Ort, und die Posten paßten nicht immer so streng auf. Also konnte man in Büchsen sammeln, was die Russen den Gefangenen zum Essen übrigließen, eine willkommene Zusatzration. Einmal im Monat gab es den sogenannten „Schwanz- und Hinternappell“, eine medizinische Untersuchung, von der Josef Krichel heute meint, sie sei bei allem Elend auch zum Lachen gewesen. Fehlanzeige im Lager waren aber Banja und Duschmöglichkeit. Immerhin konnte der Gefangene von Karabanowo aus die erste Karte mit 25 Worten ohne Ortsangabe nach Hause schicken, das erste Lebenszeichen an die Familie.

Erst im Kesselhaus des Kohlelagers von Karabanowo kam Josef Kirchel direkt mit der Zivilbevölkerung in Kontakt. Eine Frau steckte ihm beim Kehren immer heimlich Brot zu. Auch der Posten beim Straßenfegen draußen war in Ordnung und ließ so manches zu und durchgehen. Gequält vom ständigen Hunger, verlegte sich der Gefangene aufs Betteln. In der Regel mit Erfolg. Einmal jedoch klopfte er an einer Haustür, in der ein betrunkener Mann erschien und den Deutschen unwirsch fortschickte. Später, wieder nüchtern, holte das Rauhbein den staunenden Lagerinsassen ins Haus, entschuldigte sich für sein Benehmen und gab ihm Brot zu essen. „So sind halt die Russen“, kommentiert das Josef Krichel heute. Oder eine andere Episode: Einmal hatte er nur noch Talons, wertlose Gutscheine, für die es nichts gab, kein Geld. Da kam eine Dame, nobel gekleidet, des Wegs und schenkte ihm 20 Rubel, ein halbes Vermögen. „Für zehn Tage hatte ich genug zu essen, sie war richtig menschlich. Und überhaupt: Das war alles halb so wild in Rußland, das Schlimmste war der Hunger. Und da ich keinen brauchbaren Beruf hatte, war nun mal das Betteln mein Handwerk.“ Schlimm war es freilich für die ohne Kontakt zur Zivilbevölkerung.

Und auch so konnte manches schlimm ausgehen. So verschwanden immer wieder Stoffballen, die, unter der Hand verkauft, 800 Rubel einbrachten. Einer der Gefangenen hatte sich regelrecht auf diese Diebestouren im Lager spezialisiert, wohl unter Mitwisserschaft von Russen. Eines Tages wurde er verraten – und erschossen. Unter abenteuerlichen Umständen ließ sich auch Josef Krichel dazu anstiften, in den Vorratsraum der Stoffmanufaktur einzubrechen und dort drei Dosen Rindfleisch zu entwenden. Die Sache blieb unentdeckt, hätte aber böse enden können. In jedem Fall böse endete Kameradendiebstahl, ein Delikt, das sich der Gefangene – darauf legt er Wert – nie hat zuschulden kommen lassen, das aber trotz schlimmster Ächtung immer wieder vorkam. Dazu nur soviel: Ein zweites Mal verging sich niemand an den Vorräten der Mitgefangenen.

Josef Krichel und Berthold Eutermoser vor dem ehemaligen Lazarett, 2001

Vieles hing davon ab, an wen man geriet. Als Josef Krichel einmal Nachtschicht hatte und austreten mußte, fand er in der unbeleuchteten Baracke den Abtritt nicht und stürzte in ein zwei Meter tiefes Loch. Erst nach einer halben Stunde hörte ein Posten seine Hilferufe und zog ihn am Gewehrkolben hoch. Der Sanitäter im Lager machte einen festen Verband und schicke ihn zum Arzt, begleitet vom Posten. Doch der Mediziner wollte keine schmutzigen Deutschen behandeln, und so wuchs das gebrochene Schlüsselbein verkehrt zusammen. Trotz der Behinderung schickte der deutscher Lagerkommandant Josef Krichel wieder ins Kesselhaus. Es war schon spät im Jahr, der Gefangene mußte die Kohle bis zur Feuerstelle karren, von hinten kam es kalt, von vorne heiß, eine Lungenentzündung war die Folge. Der russische Arzt kam zwar immer wieder, aber er hatte keine Medikamente zur Verfügung. Das Fieber stieg so hoch, daß der Patient nicht einmal mehr Appetit auf die für Weihnachten aufgesparten Lebensmittel hatte. Halbwegs auskuriert, kehrte er ins Kesselhaus zurück, doch dann kam der Zusammenbruch. Fieber in immer neuen Schüben. Endlich hatte der Arzt ein Einsehen und schickte Josef Krichel mit weiteren drei oder vier Kameraden nach Kameschkowo ins Lazarett, 40 km nordöstlich von Wladimir gelegen. Unter lautem Fluchen rasierten italienische Kriegsgefangene die einstigen Verbündeten am ganzen Körper, und am Abend machte eine russische Ärztin Visite. Sie ließ den Patienten röntgen, und diagnostizierte TBC. Immerhin gab es auf der Isolierstation bessere Verpflegung, und auch sonst gestalteten sich die Umstände erträglich. In einem Gebäude waren die medizinischen Geräte installiert, in einem anderen lag die Krankenstation, außerdem gab es eine Schneiderei und Schreinerei mit einem Trakt für das Stammpersonal sowie eine Baracke für die Genesenen. Nach zwei Monaten endlich war Josef Krichel fieberfrei und wurde verlegt – nach Wladimir.

Bertold Eutermoser und Josef Krichel, Soldatenfriedhof Kameschkowo, 2001

Das Lagergebäude hatte die Form eines dreistöckigen Zeltes. Auch hier gab es sie wieder, die Entlausungsprozedur, einmal im Monat, aber gegen die Wanzen half das nicht. Im Sommer wurde es so schlimm, daß man sogar draußen schlafen mußte. Die Leitung bildete eine Jugendkompanie, der Josef Krichel zugeteilt wurde. Arbeit gab es auf  einer Großbaustelle, zu der sich 40 bis 50 Mann jeden Morgen aufmachten. Der deutsche Lagerkommandant muß ein arroganter Kerl gewesen sein auf seiner Leiter, von der aus er alle und alles beobachtete und den entkräfteten Gefangenen zurief, sie seien hier, um zu arbeiten. Knochenarbeit war das, jede Stunde gerade einmal fünf Minuten Pause. Als Josef Krichel immer schwächer wurde,  gab ihm jemand den guten Rat, am nächsten Morgen einfach nicht anzutreten. Wenn man ihn dann holen würde, sollte er sagen, er sei Schreiner, denn der Beruf sei gefragt. Und der Trick funktionierte. Josef Krichel mußte zwar am neuen Arbeitsplatz sein Täuschungsmanöver gleich gestehen, aber man beließ es beim Schuldeingeständnis und setzte den Möchtegern-Schreiner an der Hobelmaschine ein. Der rechte Ort, um zu überleben, denn hier holten sich Russen immer wieder Brennmaterial – außer der Reihe, versteht sich -, und der Deutsche, der den Mund hielt, bekam dafür Brotrationen extra. Aber es gab auch brenzlige Situationen. Immer wieder stellte ein Kamerad abends eine Kiste mit Spänen bereit, die Josef Krichel morgens in einem Wohnhaus gegen Brot eintauschen sollte. Doch einmal ging es schief, er wurde geschnappt, konnte sich aber losreißen und schaffte es in anderen Klamotten unerkannt ins Lager. Der Kommandeur schwor Stein und Bein, seine Leute seien keine Diebe, und die Sache wurde nicht weiterverfolgt. Von Zeit zu Zeit kam das Orchester vom Hauptlager und gab Konzerte, einmal besuchte sogar ein katholischer Pfarrer die Gefangenen und teilte die Kommunion aus. Als „Hostie“ gab es ein Stück Brot, das für die Gefangenen das reinste Manna war. „Es gab wohl schlechtere Lager“, urteilt Josef Krichel im Rückblick.

Josef Krichel, 2 Reihe, 5. v.r., Lager Moskau

Im Juni 1948 kommt nämlich die Order, auf Lastwagen aufzusitzen. Wie die Henker fahren sie über Stock und Stein, ohne jeden Halt brausen sie gen Moskau. Erst an einer Ampel können die Gefangenen ihr Wasser abschlagen und müssen sich von den Bewachern anhören, sie seien unkultiviert: „Nemzy net kultury!“ Kultur hin, Kultur her, sein bestes Jahr in der Gefangenschaft verlebt Josef Krichel in diesem Moskauer Lager, wo er beim Gang zur Arbeit immer wieder mit japanischen Kriegsgefangenen und russischen Häftlingen zusammentrifft. Auch hier herrschte zwar noch Hunger – außer Kappes und nochmals Kappes oder einen Löffel Kascha gab es nicht viel zu beißen -, aber ansosten war alles bestens geregelt. Wo genau in Moskau er arbeitete und wo das Lager sich befand, weiß Josef Krichel heute nicht mehr. Nur, daß er auf einem Bahnhof Ausschachtungen für die Gasleitung von Saratow nach Moskau machte. In der Nähe waren Häuser, sprich Zivilisten. Für die organisierten die Gefangenen Werkzeug und erhielten im Gegenzug Rubel auf die Hand, ein Handel der immer gutging und das Überleben sicherte. Regelrechte Überfälle provozierte der Hunger. Als einmal ein Güterzug mit an die 100 Waggons, vollbeladen mit Gemüse, im Schrittempo eine Steigung hochfuhr, stürmte Josef Krichel mit fünf Kameraden trotz Bewachung den Zug und räumte bis zur nächsten Kurve ab, was abzuräumen war. Der Posten schaute weg und erbot sich sogar, für die Gefangenen zu kochen. Bewacher und Bewachte hatten gute drei Tage an dem Mundraub satt zu essen.

Josef Krichel, links im Bild, Betonfabrik, Lager Moskau

Im Januar 1949 verschärfte sich die Lage dann noch einmal. In einer Betonfabrik sollten Kriegsgefangene die russischen Häftlinge ablösen. Harte Arbeit war das, die Betonplatten zu gießen, Matrizen herzustellen. Und das bei einer Norm, die einfach nicht zu erfüllen war. Nach drei Wochen lockerte man die Vorgaben, und es gab erstmals Geld, wenn man die Norm erfüllte: 200 Rubel. Dafür konnte man Tabak, Brot, Zucker und Margarine kaufen. Die jungen Männer lebten wieder auf, Witze wurden erzählt, und „alles sprang wieder an“, die Lebensgeister kehrten zurück. Sonntags hatte man arbeitsfrei, man konnte Fußball spielen, Auch Offiziere waren mit von der Partie, allerdings in einem Extraraum untergebracht. „Die waren das Arbeiten nicht gewöhnt“, weiß Josef Krichel zu berichten. Ganz freigestellt waren die Grade vom Oberst aufwärts. Nun wollten aber die einstigen Vorgesetzten sich mit den Mannschaftsgraden vermischen, um nicht so abgehängt zu sein, um Geld zu verdienen und sich besser verpflegen zu können. Aber Standesdünkel hielten sich oft hartnäckig. So bestand ein Oberleutnant weiterhin darauf, gesiezt zu werden, obwohl doch für alle das kameradschaftliche Du galt. Doch auch der fügte sich nach einer Standpauke dem allgemeinen Lagergesetz.

Josef Krichel hatte sich immer gewundert, warum er nicht – wie viele aus seiner Gruppe – schon im Mai 1947 bei den ersten Heimtransporten dabei war. Erst jetzt, im Dezember 1949, beim letzten Verhör in Moskau, stellte sich das Mißverständnis heraus. Bei der ersten Vernehmung in Karbanowo hatte er pflichtgemäß und der Wahrheit entsprechend angegeben, seine Einheit sei am 20. April 1945 in Berlin neu aufgestellt worden, und es seien auch SS-Leute darunter gewesen. Man hatte das wohl so verstanden oder verstehen wollen, daß auch er Mitglied der SS war und damit unter dem Generalverdacht von Kriegsverbrechen stand. Immer wieder wurde er danach gefragt, auch mit der Pistole bedroht, aber Josef Krichel hatte weder die SS-Rune eintätowiert noch je einen Aufnahmeantrag unterschrieben. Dennoch wurde er offenbar weiter als SS-Mann in seiner Akte geführt.

Immerhin gab es kurz vor der Heimreise, am 19. Dezember 1949, eine Nachzahlung noch ausstehenden Lohns. So viel, daß man gar nicht wußte, wofür die Rubel ausgeben, denn ausführen durfte man sie ja nicht. Und so brachte Josef Krichel 2.000 Zigaretten außer Landes. Sein Kommentar heute dazu: „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie gut es uns da ging!“

Über Weihnachten stand der Transport in Polen, und erst am 29. Dezember erreichten die Heimkehrer das Lager Friedland, von den Russen neu eingekleidet und mit Socken statt Fußlappen ausstaffiert. An Silvester traf Josef Krichel als letzter der sieben seines Jahrgangs wieder zu Hause ein; streng genommen waren es freilich nur drei, die anderen sind nie mehr zurückgekehrt von der Ostfront. Mit Josef Krichel aber meinte es das Leben gut. Schon an Neujahr besuchten ihn die Vertreter der Vereine, von denen es in Koslar an die 20 gibt, und vor allem hatten die Eltern überlebt. Sie waren von 1944 bis Februar 1945 evakuiert, aber die Kreisstadt Jülich, zu der Koslar heute gehört, lag in Schutt und Asche, zu 95% zerstört. Mitgebracht in die Heimat hatte Josef Krichel nur zwei Photos, die 1949 ein Russe in Moskau von ihm gemacht hatte. Wie es möglich war, diese einzigartigen Zeugnisse herauszuschmuggeln, bleibt sein Geheimnis.

Josef Krichel mit Nadja Loktjewa, Garten Erlangen-Haus, 2004

Kein Geheimnis macht Josef Krichel daraus, daß Rußland für ihn etwas Besonderes ist. 2001 und 2004 kehrte er mit Berthold Eutermoser, seinem mittlerweile verstorbenen Kameraden und Stubenältesten aus den Tagen der Gefangenschaft, nochmals zurück nach Wladimir, schloß Freundschaft mit Nadja Loktjewa, damals mit viel Herz im Erlangen-Haus beschäftigt, und hält bis heute Kontakt zu Irina Dolganowa, die als Deutsch-Dozentin bei den Sprachkursen des Psychiatrie-Projekts „Lichtblick“ eine wichtige Rolle spielte. Mit seiner Frau Elisabeth hat er schon Dampferfahrten auf Wolga und Don gemacht. Beim Abschied faßt Josef Krichel nochmals zusammen: „Ich wurde nie geschlagen in Rußland. Die Russen sind anständige Menschen, ich mag sie, und eure Partnerschaft ist eine großartige Sache. Hätten wir das damals schon gehabt, uns allen, den Russen und den Deutschen, wäre viel erspart geblieben.“

Anmerkungen: Kirschatsch liegt genau an der Grenze zwischen den Regionen Moskau und Wladimir am gleichnamigen Fluß. Reisende kennen den Ort von der Raststätte „Skaska“ her. Bertrand Selvais aus dem belgischen Bertrix, der bei dem Gespräch mit Josef Krichel anwesend ist, kommt aus dem Staunen nicht heraus: „Wie klein die Welt ist!“ Die Verwandtschaft seiner Frau Ljubow stammt nämlich mütterlicherseits aus Kirschatsch.

Karabanowo ist eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern im Kreis Alexandrow, ganz im Nordwesten des Gouvernements Wladimir und ebenfalls an der Grenze zur Region Moskau gelegen, etwa 130 km von der Partnerstadt entfernt. Am 31. August 1941 hatte ein deutsches Aufklärungsflugzeug eine Bombe auf den Ort abgeworfen. Es blieb bei Sachschaden, ein Mädchen verlor durch Splitter ein Auge. Karabanowo, erst seit 1938 Stadt, ist traditionell ein Ort der Textilindustrie, was sogar im Wappen zum Ausdruck kommt.   

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Umfragen und Analysen sowie Hitlisten aller Art gehören längst auch in Rußland zum Handwerk der Soziologen und Meinungsforscher. Die haben nun etwas herausgefunden, das uns in Erlangen wenig überraschen muß: Die Wladimirer gehören zu den glücklichsten Russen.

Aussichtsplattform Wladimir: I'm flying in the rain

Nach einem Vergleich der Lebensverhältnisse in allen 89 Regionen der Russischen Föderation hinsichtlich Preissteigerung und Arbeitslosigkeit,den entscheidenden Faktoren für das Wohlbefinden der Menschen, liegt Wladimir ganz vorne. Gemeinsam mit Moskau, dem Gouvernement Moskau, Kaluga, Samara, Nowgorod und St. Petersburg sowie sieben weiteren Föderationssubjekten weist Wladimir den geringsten „Negativ-Index“ auf. Da aber dieser Index in der angrenzenden Moskauer Region noch niedriger liegt und man da mehr verdienen kann, zieht es weiterhin viele Wladimirer dorthin, wo es ihnen besser geht. Doch das war schon bei den alten Römern so: Ubi bene, ibi patria.

Besonders gut lassen es sich Politiker und Geschäftsleute in Personalunion gehen, die zwischen Wladimir und Moskau pendeln. Auf einer eben von Forbes veröffentlichten Liste, wo erstmals unter der Überschrift „Politik und Geld“ die Einkünfte von Abgeordneten, Senatoren, Beamten und Leitern von Staatsbetrieben untersucht werden, liegt erwartungsgemäß Jurij Luschkow, der schamlos-schillernde Oberbürgermeister von Moskau, auf Platz 1. Doch siehe da: Auf Rang 7 richtet sich mit einem geschätzten Jahreseinkommen von 860 Mio. Rubel schon Grigorij Anikejew ein, seines Zeichens Abgeordneter der Region Wladimir in der Staatsduma. Da der Blog bereits über diesen Politkrösus berichtet hat, hier nur der Link für Leser, die wissen wollen, was Reichtum auf Russisch bedeutet: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/19/am-gelde-hangt-zum-gelde-drangt/

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Tatjana Peltzer

Zum heutigen Geburtstag von Faina Ranewskaja, dem 27. August 1896, nun, wie im Eintrag vom Mittwoch versprochen, die Fortsetzung ihrer längst Allgemeingut gewordenen Aussprüche, Anekdoten und Episoden voller Situationskomik und Humor in zwölf kleinen Kapiteln:

  1. Ranewskaja kommt mit ihrem ganzen Gefolge und einem Gepäckgebirge zum Bahnhof, wo sie feststellt: Schade, daß niemand das Klavier mitgebracht hat. – Nicht eben geistreich, der Witz, bemerkt jemand aus ihrer Begleitung. – Mag sein, gibt die Schauspielerin zurück, aber auf dem Klavier habe ich unsere ganzen Fahrkarten vergessen.
  2. Bei einem Restaurantbesuch war die Ranewskaja einmal sichtlich unzufrieden mit der Bedienung und der Qualität des Essens. Beim Zahlen verlangte sie, den Direktor zu sprechen. Als der erschien, forderte sie ihn auf, sie zu umarmen. Der darauf verduzt: Warum denn das? – Umarmen Sie mich zum Abschied, denn Sie werden mich hier nie wiedersehen.
  3. Als in Moskau auf dem Swerdlow-Platz ein Marxdenkmal des Bildhauers Kerbel aufgestellt wurde, kommentierte Ranewskaja den Vorgang folgendermaßen: Und da wundern die sich über Antisemitismus. Es handelt sich hier doch um eine dreifache Frechheit: In der großrussischen Hauptstadt errichtet ein Jude auf einem nach einem Juden benannten Platz ein Denkmal für einen dritten Juden! Anmerkung: Faina Ranewskaja war selbst Jüdin.
  4. Auf die Frage, warum die Präservative alle weißlich seien, vermutete Ranewskaja: Weil Weiß dicker macht.
  5. Bei einer Abendveranstaltung fragte man Ranewskaja, welche Frauen mehr zur Treue neigten, blonde oder brünette. Nach kurzem Nachdenken gab die Schauspielerin zurück: grauhaarige!
  6. Eine weitere Frage aus dieser Reihe: Warum schuf Gott die Frauen so schön und doch so dumm? – Schön, damit die Männer sie lieben können – und dumm, damit sie selbst die Männer lieben können.
  7. Einmal stand die Ranewskaja splitternackt und rauchend in ihrer Garderobe, als der Theaterdirektor ohne zu klopfen eintrat. Während er perplex erstarrte, fragte sie, ob es ihn schockiere, sie hier rauchend vorzufinden.
  8. Alter ist der Lebensabschnitt, wo die Kerzen für den Geburtstagskuchen teuerer sind als der Kuchen selbst und wo die Hälfte des Urins für die Analysen gebraucht wird.
  9. Einsamkeit ist, wenn man ein Telephon daheim hat, aber nur der Wecker klingelt.
  10. Das Leben ist ein kurzer Spaziergang vor dem ewigen Schlaf.
  11. Es ist öde, alt zu werden, aber anders kann man nicht lange leben.
  12. Gleichgeschlechtliche Liebe, Masochismus, Sadismus – alles keine Perversionen. Es gibt überhaupt nur zwei Perversionen: Rasenhockey und Ballett auf dem Eis.

Faina Ranewskaja

Aus Taganrog, ihrem Geburtsort, stammt übrigens auch Pawel Tschechow. Das Pseudonym, das sich die geborene Faina Feldmann zulegte stammt aus dem Werk des zeitlos modernen Dramatikers und Erzählers, genauer aus dem Stück „Der Kirschgarten“. Auch dazu gibt es eine Geschichte, Anregung genug, sich das Stück wieder einmal vorzunehmen:

Die noch junge Faina Feldmann holte einmal in Kertsch eine Überweisung von der Bank. Das Geld, 35 Rubel, in der Hand, verließ sie das Gebäude, und als sie hinaustrat entriß ihr eine Windbö die Scheine. Ihre stoisch-melancholische Reaktion: „Wie traurig, wenn sie so davonfliegen.“ Darauf ihr Begleiter, ein Schauspielerkollege: „Sie sind ja die Ranewskaja. Nur die Ranewskaja hätte das so sagen können.“

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Die Waldbrände sind gelöscht, die Rauchwolken haben sich verzogen, die Hitze ist kühlem Regenwetter gewichen. Nur noch in den Torfgebieten qualmt und raucht es, leider auch im Naturschutzgebiet Mschtschjora. Doch für Gouverneur Nikolaj Winogradow wird es gerade jetzt brandgefährlich, ihm steht politisch ein heißer Herbst ins Weiße Haus, seinen Regierungssitz, denn ihm, dem letzten Kommunisten im Amt eines Landesvaters, schlagen die Flammen seiner politischen Gegner von Einiges Rußland und der von ihr dominierten Regionalduma entgegen.

Alexandrowka

Wie bereits mehrfach berichtet, gibt es im Gouvernement Wladimir fast 150 Brandopfer, die in Notquartieren untergebracht sind. Ihnen allen hatte Wladimir Putin „Meter für Meter“ Entschädigung versprochen, und tatsächlich wird in allen Katastrophengebieten – von Rjasan bis Nischnij Nowgorod – auch so verfahren. In allen? Nicht ganz, denn die Region Wladimir schert aus. Zwar wird auch hier unter Videoüberwachung – eine Anweisung von Premierminister Wladimir Putin – rund um die Uhr gebuddelt und gebaut, zu beobachten auf der Internetseite der Regierung, aber die Geschädigten, die aus ihren Häusern oft nicht mehr als sich selbst, eine Ikone und ihre Dokumente retten konnten, haben ihre Bedenken: Nimmt man zum Beispiel die 68 Häuser, die in Iwatino gebaut werden, so gibt es da mehr Vorbehalte als Vorfreude wegen der Fertigbauweise, die, für Dorfbewohner ein Unding, keinen Keller für die Wintervorräte vorsehen. Der schwerste Vorwurf aber lautet, man bekomme in der Region Wladimir weniger neue Wohnfläche als andernorts und von Moskau finanziert und angeordnet. Überdies baue man überall Steinhäuser, nur eben nicht im Gouvernement Wladimir. Warum diese Ungleichbehandlung? Es gibt erste Vorwürfe, man sei genötigt worden, rasch Verträge zu unterschreiben, wonach man einverstanden sei mit einer geringeren Wohnfläche.

Nikolaj Winogradow

Tatsächlich ist es so, daß Gouverneur Nikolaj Winogradow verfügt hat, die Neubauten sollten nicht unter der Sozialnorm liegen, und die sieht vor, daß Alleinstehenden 33 m² Wohnfläche zustehen, einem Zweipersonenhaushalt 42 m² und je weitere Person zusätzliche 18 m². Nun wohnten aber viele der Opfer in viel größeren Häusern mit viel mehr Wohnraum. Und noch etwas wirkt einschränkend: Im Unterschied zu den anderen Regionen gilt in Wladimir eine Berechnungsformel, die der Entschädigung den aktuellen Marktwert der abgebrannten Häuser zugrundelegt, gewissermaßen eine bürokratische Abschreibung vornimmt, in der Regel um die 15%. Nun fragen sich die Geschädigten verständlicherweise, was mit diesen Mitteln geschieht. Fraglich ist auch, ob es sinnvoll ist, in einem Weiler wie Alexandrowka, dem vergessenen Dorf, neue Häuser zu errichten, obwohl es dort weder Strom noch Wasser oder Kanalisation gibt.

Andrej Issajew

Kommt das vielleicht alles daher, daß manche Schadensfälle viel zu spät nach Moskau gemeldet wurden und Alexandrowka als verlassenes Dorf registriert war, obwohl dort noch Menschen lebten, die Zuschüsse für den Wiederaufbau also von vorneherein niedriger angesetzt waren? Andrej Issajew, Abgeordneter der Wladimirer Duma, spitzt die Sache zu: „Leider hat Nikolaj Winogradow eine recht seltsame Verfügung erlassen, die man als eine Art Gerichtsvollzug für die Brandopfer bezeichnen kann. Die bereitgestellten Bundesmittel beschneidet er seltsamerweise mittels eines Koeffizienten. Der wiederum beschneidet die Wohnfläche, die materielle Hilfer und so weiter und so fort.“ Wenn das der bereits eingesetzte Untersuchungsausschuß auch so sieht und das nach Moskau weitermeldet, könnte der Gouverneur selbst bald zu den politischen Opfern der Brandkatastrophe gehören. Er wäre nicht der erste: Der Chef der nationalen Forstbehörde mußte schon vor zwei Wochen seinen Hut nehmen… Andererseits: Gerade Nikolaj Winogradow ist schon durch so manches Feuer gegangen und gehärtet zurückgekehrt.

Nachgereicht sei noch die Meldung, daß man rund um die vom Feuer verwüsteten Dörfer zunehmend von Brandstiftung ausgeht. Auch da wird es noch so manches zu untersuchen geben.

Zu Alexandrowka zum Nachlesen: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/08/13/das-vergessene-dorf/

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