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Archive for März 2010


In Wladimir ist ein neues Internetportal an den Start gegangen, das Informationen über den gesellschaftlichen Aufbau der ganzen Region bietet. Insbesondere kommen hier Nichtregierungsorganisationen, Vereine, Bürgerinitiativen und Kirchen zu Wort. Wenn man die Homepage http://rgo.avo.ru anklickt, springt einem zwar als erstes das Portrait von Gouverneur Nikolaj Winogradow entgegen, der übrigens darüber nachdenkt – wie Präsident Dmitrij Medwedjew – unter die Blogger zu gehen, aber daneben schon eine Erklärung der katholischen Rosenkranzgemeinde zu dem terroristischen Doppelanschlag in Moskau. Und das ist wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie klein der Sprengel mit seinen 300 Gläubigen ist.

Aber das Forum will ja auch gerade die Vielfalt des Gouvernements zeigen, das sich ausdrücklich zur Entwicklung der Zivilgesellschaft, zu Toleranz und Verständigung bekennt und auf den wenig bekannten Umstand hinweist, daß die Region „mulitkonfessionell“ ist und mehr als einhundert Ethnien Heimat bietet, darunter übrigens auch vielen Flüchtlingen aus dem Kaukasus. Seit 1998 gibt es in der Verwaltung des Gouvernements einen Rat für Religionen und Nationalitäten, der darüber wacht, daß Gesetz und dessen Anwendung immer den Geist der Gewissens- und Meinungsfreiheit atmen.

Sehen wir uns einige Zahlen an: Auf den 29.000 km² der Region Wladimir leben derzeit 1.523.900 Einwohner, was einer Dichte von gut 53 Menschen pro km² entspricht. Fast 80% leben in Städten. 

Vielvölkerstaat Rußland

Betrachtet man die Nationalitäten an, ergibt sich folgendes recht buntes Bild: 1.443.857 Russen, 16.755 Ukrainer, 8.670 Tataren, 5.682 Weißrussen, 4.999 Armenier, 3.570 Mordwiner, 3.090 Aserbajdschaner, 2.251 Zigeuner, 2.334 Tschuwaschen, 2.079 Moldawier, 1.435 Deutsche, 1.044 Georgier, 1.010 Mari, 959 Udmurten, 798 Usbeken, 724 Baschkiren, 718 Juden, 520 Tadschiken, 440 Lesgier, 432 Koreaner, 410 Polen, 388 Kasachen, 364 Komi-Permjaken, 354 Tschetschenen, 348 Komi, 333 Awaren… Fast alle dieser außerhalb von Rußland oft nur Ethnologen bekannten Völker haben auch ihr eigenes Zentrum oder zumindest einen Verband.

Der Blog will da nicht nachstehen und eröffnet ab heute eine neue Kategorie unter dem Titel „Zahlen und Fakten“ mit statistischen Angaben zum öffentlichen Leben in der Partnerstadt und im Gouvernement. Vielleicht entsteht so mit der Zeit ein kleines Nachschlagewerk oder Kompendium. Посмотрим oder schau ma amal.

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Alexej Slepow

Darauf haben die Wladimirer Freunde des Winersports lange gewartet. Endlich – wenn auch erst zum Ende der Saison – einer von ihnen ganz vorne dabei, wenn auch nicht in Vancouver. Immerhin aber gewann Alexej Slepow am 28. März bei den russischen Meisterschaften in Syktywkar Gold in der 15-km-Distanz Freistil und hängte Sergej Schirjajew und Pjotr Sedow mit 15 bzw. 21 Sekunden Abstand deutlich ab. Ein besonderer Erfolg, gehören doch die Unterlegenen beide zur Auswahlmannschaft. Gut möglich also, daß der Wladimirer in der nächsten Saison auch international für sein Land antreten darf.

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Demonstration in Wladimir

Die steigenden Nebenkosten treiben die Russen landesweit auf die Straßen und Plätze. Seit Anfang des Jahres auch in der Region Wladimir. Am vergangenen Sonntag nun der vorläufige Höhepunkt mit mehr als eintausend Demonstranten, angeführt von der Partei Gerechtes Rußland und den Kommunisten sowie einigen Aktionsbündnissen. Damit kommen die Kremlpartei Einiges Rußland und ihre Vertreter immer mehr unter Druck, haben sie doch immer wieder versprochen, die kommunalen Abgaben auf einem erträglichen Niveau zu halten. Nun verschlingt aber dieser Posten immer mehr. Um das doppelte ist er vielfach gestiegen und kann bei einer Dreizimmerwohnung schnell mal 8.000 Rbl. ausmachen. Vorgesehen von der Politik war freilich, daß der Sprung nur 25% betragen sollte. Doch das war zu kurz gedacht. Nun signalisieren die Behörden, daß man bereit sei, in Härtefällen die Rechnungen aus dem städtischen Etat zu begleichen. Grundsätzlich sieht man sich nämlich auf dem richtigen Weg, Energie- und Versorgungskosten zum realen Preis anzubieten. Was aber tun, wenn die Bevölkerung den nicht bezahlen kann? Geht das so weiter, wird Wladimir mehr tun müssen, als sich zusammen mit weiteren 20 Städten und Regionen in Rußland an der Earth Hour vom vergangenen Sonntag zu beteiligen und an einem Abend für eine Stunde das Licht auszuschalten.

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Wjatscheslaw Selenin

Wenn man zwischen den Zeilen liest, was dieser Tage Wladimier Medien berichten, weiß man, daß Wjatscheslaw Selenin wohl nicht mehr lange im Amt bleibt. Der Leiter des kommunalen Eigenbetriebs „Gorwodokanala“, zuständig für den Bereich Trink- und Abwasser in der Stadt Wladimir, ist im Krankenstand, während auf seiner Dienststelle eine Untersuchungskommission arbeitet und eine Wirtschaftsprüfung durchführt. Krankmeldung + Revision ist eine Gleichung, an deren Ende fast immer nur eines herauskommt: Entlassung.

Bestätigt sich die Vermutung, wird die Partnerschaft einen wichtigen Mitstreiter verlieren, der über viele Jahre hinweg erfolgreich mit dem Erlanger Eigenbetrieb Stadtentwässerung zusammengearbeitet hat. Aber noch ist es ja nicht so weit. Noch darf man hoffen, daß Wjatscheslaw Selenin seine Geschäfte in Wladimir ebenso sauber geführt hat wie er im Umgang mit den Erlanger Partnern aufgetreten ist.

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Gleich nach dem schrecklichen Doppelanschlag in der Moskauer Metro trafen sich gestern Vertreter der Sicherheitsorgane aus der ganzen Region Wladimir zu einer Lagebesprechung, an der auch der Geheimdienst FSB teilnahm. Nach bisherigen Erkenntnisse besteht kein Grund, eine erhöhte Sicherheitsstufe auszurufen. Allerdings wird die Bevölkerung um erhöhte Wachsamkeit und darum gebeten, auffällige Personen und Gegenstände umgehend zu melden.

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Den 3-D-Blog gibt es noch nicht, wohl aber nun ein 3-D-Kino in Wladimir. Und gleich was für eines! 550 Plätze bietet der Saal und die rußlandweit (bisher) größte Leinwand. Die Technik – aus Deutschland importiert – kostete 8 Mio. Rbl., doch die Investition dürfte sich bei einem Eintrittspreis von 250 Rbl. pro Person für „Rus-Kino“ lohnen. Mit dem Billet erhält man auch die notwendige Brille, eine sogenannte „passive“, die sich leicht tragen und wieder zusammenlegen läßt und eben jenes Gefühl vermittelt, man befinde sich selbst inmitten des Geschehens auf der Leinwand. Nur als Held aktiv eingreifen kann man noch nicht…

Doch die Konkurrenz schläft auch in Wladimir nicht: Schon in drei Monaten plant „Kino-Max“ ebenfalls die Eröffnung eines Saals für dreidimensionale Filme. Da erinnert man sich an den Ausspruch von Wladimir Lenin, der einmal sagte: „So lange das Volk noch ungebildet ist, sehen wir in Kino und Zirkus von allen die wichtigsten Künste.“  Die Gegenwart betreffende Schlüsse zu ziehen, bleibt dem geneigten Leser überlassen.

 

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Ernst Bloch meinte von der Zeit, sie sei eine Uhr ohne Ziffern. Ein schönes Bild, das freilich von unserer digitalen Epoche mit ihrem Zahlenfetisch in allen Lebensbereichen nachgerade als contradictio in adjecto widerlegt wird. Der große marxistische Philosoph des vergangenen Jahrhunderts mußte auch den kollektiven Irrsinn der Umstellung von „Winterzeit“ auf „Sommerzeit“ nicht mehr miterleben, der nun schon mehr als 30 Jahre mit fraglichem Nutzen Biorhythmus und Stundenpläne hin- und herschiebt.

Zeit, Salvadore Dalí

Rußland überlegt nun ernsthaft, mit dem heutigen Tag zum letzten Mal bei dieser Rochade mitzumachen, sieht es bei der Prozedur doch nur wenig Entwicklungspotential für seinen Turm, die Wirtschaft. Präsident Dmitrij Medwedjew selbst hatte schon im Herbst Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Operation geäußert und nun dieser Tage nachgelegt: „Jede Menge Meinungen konnte ich zu der Sache hören, aber keine einzige war positiver Natur.“ Aber nicht nur Ökonomen sind es, die keinen Mehrwert sehen; vor allem Mediziner und Statistiker weisen darauf hin, daß es besonders im ersten Monat nach der Umstellung der Zeit vermehrt zu Unfällen und Erkrankungen komme.

Spasskij-Turm, Moskauer Kreml

Sollte Rußland den Schritt im nächsten Jahr tatsächlich wagen und aus dem Zeitkartell von 110 Staaten ausbrechen, könnte das dazu führen, daß andere Länder nachziehen, denn auch da mehren sich die Stimmen, die Kritik vortragen. 2010 bleibt es aber in Rußland noch bei der immer wieder gewöhnungsbedürftigen Umstellung. Und doch bleibt nichts beim alten. Denn mit dem heutigen Tag verschwinden – wie bereits von Dmitrij Medwedjew im November gefordert – zwei von den einst elf russischen Zeitzonen in der Lethe, und die Zeitdifferenz zwischen dem westlichsten und östlichsten Punkt Rußlands verringert sich von bisher elf auf zehn Stunden. Durchaus möglich, daß damit noch nicht das Ende aller Reformtage gekommen ist. Es gibt Stimmen, die bereits eine Verringerung der Zeitzonen auf fünf bis sechs fordern, was wiederum vor allem dem Wirtschaftskreislauf des Landes dienen soll.

Unberüht von all dem und unbeirrt davon bleibt nur die Eisenbahn. Die fährt nämlich schon immer nach einem Fahrplan, der nur eine Zeit kennt, nämlich die Moskauer. Und die ist und bleibt in Wladimir gültig und der unseren um zwei Stunden voraus.

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Bei aller ungeahnten Vielseitigkeit der virtuellen Welt, sie kann vieles nur fahl und schal von dem nachbilden, was man draußen unter den Menschen erlebt. Dessen wird man sich wieder einmal so recht bewußt, wenn einem die Ehre zuteil wird, mit Dekan Josef Dobeneck seinen 60. Geburtstag nachzufeiern. Sein Jubiläum hatte er schon am 15. März im großen Kreis seiner Gemeinde St. Kunigunde in Uttenreuth begangen, gestern nun ein Empfang für Freunde und Weggefährten aus Kirche, Politik und Gesellschaft.

P. Rigobert O.Carm. und Josef Dobeneck

P. Rigobert O.Carm. und Josef Dobeneck

Glücklich, wer sich schon um 18.00 Uhr in dem eindrucksvoll schlichten Gotteshaus einfand, in dem Josef Dobeneck seit 1986 als Geistlicher tätig ist. Glücklich, weil er als Introitus zum Wiegenfest „heiter-festliche Orgelmusik“ von Christoph Reinhold Morath zu hören bekam. Was der Musiker, Geistliche und Orgelsachverständige der evangelischen Landeskirche dem von ihm gemeinsam mit Domorganist Markus Willinger konzipierten Instrument entlockte, war schlichtweg grandios.

Landrat Eberhard Irlinger, Josef Dobeneck und Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg

Landrat Eberhard Irlinger, Josef Dobeneck und Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg

Eine präzise jubilierende Toccata und Fuge d-moll von Johann Sebastian Bach, BWV 565, wurde von einem beschwingt ausgelassenen Bólero de Concert des virtuosen Parisers Louis Lefébure-Wely, einem großen Reformator der Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, abgelöst, bevor das Konzert in einer fulminanten „freien Improvisation einer Orgelsymphonie“ viel zu früh endete. Da tröstet zu wissen, daß Christoph Reinhold Morath am morgigen Sonntag um 19.00 Uhr im Rahmen der Bach-Agenda 2010 auf seiner Rohlf-Orgel von 1996 ein weiteres Konzert mit Werken von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt und Robert Schumann geben wird. Wer Ohren hat zu hören, der komme und staune!

Rolf Bernard, Josef Dobeneck und Udo Zettelmaier

Rolf Bernard, Josef Dobeneck und Udo Zettelmaier

Glücklich aber auch, wer an den vielen Tischen im Pfarrsaal sitzen und in kleiner und großer Runde mit den fast einhundert Geladenen bei einem gepflegten Festtagsschmaus den Jubilar hochleben lassen durfte. Auch wenn der gebürtige Franke sich dem Motto verpflichtet fühlt, „nicht geschimpft ist schon gelobt“, und, wie Landrat Eberhard Irlinger etwas launig anmerkte, nicht viel davon hält, Gegenstand von öffentlichen Preisungen zu sein, blieb ihm doch nicht erspart, sich manches ehrliche Wort der Anerkennung und Hochschätzung anhören zu müssen.

Rolf Bernard, Josef Dobeneck und Oberbürgermeister Siegfried Balleis

Rolf Bernard, Josef Dobeneck und Oberbürgermeister Siegfried Balleis

Besonders wird sich das Geburtstagskind über den Auftritt von Oberbürgermeister Siegfried Balleis gefreut haben. Der nämlich trug eine Grußbotschaft aus der Partnerstadt Wladimir vor. Sergej Sujew, Pfarrer der römisch-katholischen Rosenkranzgemeinde, und P. Innokentij, Generalvikar der russisch-orthodoxen Erzdiözese Wladimir, gratulierten dem Bruder in Christo und dankten ihm für seine Unterstützung des ökumenischen Jugendaustausches, des Fördervereins „Nadjeschda“, geleitet von Udo Zettelmaier, sowie für die langjährige Zusammenarbeit. Die währt nun schon zehn Jahre und begann 2000 mit dem Besuch einer Pilgergruppe aus Wladimir, die auch in Uttenreuth Station machte. 2002 führte Josef Dobeneck im tiefsten russischen Winter dann selbst eine Pilgergruppe in die Partnerstadt und reiste 2005 anläßlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes ein zweites Mal zu den russischen Freunden.

Josef Dobeneck und Andreas Bernard

Josef Dobeneck und Andreas Bernard

Ob Josef Dobeneck, seit 1995 Dekan in Erlangen, heuer seine dritte Reise nach Wladimir antritt, ist noch nicht gewiß. Aber der erneuten Einladung wird er sicher bald folgen. Denn es gibt ja auch für ihn viel Neues zu entdecken, nicht nur in der Gemeinde- und Jugendarbeit, sondern vor allem auch im „Blauen Himmel“, einem Projekt des Ordens der Barmherzigen Brüder, die in Gremsdorf eine Langzeiteinrichtung für geistig und körperlich schwerbehinderte Menschen unterhalten. Der Erlebnis-Pädagoge, Andreas Bernard, weiß als Kind des Jugendaustausches mit Wladimir da viel von seinem praktischen Lehrgang im Sommer vergangenen Jahres im „Blauen Himmel“ zu erzählen, und Rolf Bernard war erst Anfang des Monats in Wladimir, um den zur unverzichtbaren Tradition gewordenen ökumenischen Jugendaustausch für dieses Jahr vorzubereiten.

Tischschmuck für Josef Dobeneck

Tischschmuck für Josef Dobeneck

Doch zuvor, gleich nach Ostern, geht es für Josef Dobeneck erst einmal in die zweite Heimat, nach Polen. Die Liebe zu Land und Leuten entdeckte der Geistliche schon in seinen Studienjahren, und sie hat ihn nie mehr losgelassen. Dort wird dann der runde Geburtstag zum dritten Mal gefeiert, ganz nach dem russischen Sprichwort „Gott liebt die Drei“.

P.S.: Es hat nichts Gotteslästerliches an sich, wenn Oberbürgermeister Siegfried Balleis von der „Erlanger Dreifaltigkeit“ spricht und damit das harmonische Miteinander von Josef Dobeneck mit seinem evangelischen Amtsbruder, Peter Huschke, und dem evangelisch-reformierten Pfarrer, Johannes Mann, meint, die natürlich unter den Gratulanten nicht fehlen durften.

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Heute schon geschmunzelt? Wenn nicht, dann bitte hier weiterlesen:

Zwei Popen stellen am Straßenrand ein Warnschild auf: „Haltet an! Das Ende ist nah! Kehrt um, bevor es zu spät ist!“ Da kommt schon ein Laster angebraust. Der Fahrer sieht das Schild, hält an und flucht zum heruntergelassenen Fenster heraus: „Verdammte Sektenbrüder, ihr geht einem ganz schön auf den Geist!“ Er fährt mit vollem Karacho weiter. Hinter der nächsten Biegung ist ein donnerndes Krachen und Platschen zu hören. Darauf der eine Pope zum andern: „Wir hätten vielleicht doch einfach schreiben sollen: Vorsicht! Brücke einsturzgefährdet!“

Rätsel: Es blüht uns allen, duftet aber nicht? – Das Ende.

Und noch ein Kurzdialog: „Bist du sauer?“ – „Keine Spur, ich suche nur das Beil.“

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Amnestie

Das russische Rechtssystem hat nicht den besten Ruf. Aus keinem Land kommen mehr Klagen an den Europäischen Gerichtshof. Man denke nur an den prominentesten Fall Michail Chodorkowskij. Doch es ist etwas in Gang gekommen, das auf allen Ebenen – von der Ausbildung der Polizei- und Justizbeamten bis hin zu Haftbedingungen und Resozialisierungsmaßnahmen – ansetzt und den Willen zu einer Verbesserung der Lage erkennen läßt. Präsident Dmitrij Medwedjew will einen Rechtsstaat westlicher Prägung und setzt derzeit den Hebel beim Innenministerium an, das demnächst seine Pläne für eine Generalreform vorlegen soll.

Unterdessen bringt die Partei Einiges Rußland in die Staatsduma ein Gesetz ein, das eine Amnestie zum 65. Jahrestag des Kriegsendes – in der russischen Diktion der „Tag des Sieges“ – vorsieht. Nicht ungewöhnlich zu dem Anlaß. Noch kein halbes Jahr im Amt, ließ Präsident Wladimir Putin vor zehn Jahren zum 9. Mai 200.000 Häftlinge vorzeitig auf freien Fuß, vor fünf Jahren waren es dann nur ganze 300. Wenn der Entwurf der Kremlpartei in der jetzigen Form durchgehen sollte, könnten sich nun in den nächsten Wochen bis zu 300.000 Gefängnisinsassen Hoffnung auf Freilassung machen.

Ursprünglich war vorgesehen, nur Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, also des Zweiten Weltkrieges, zu begnadigen. Doch davon sitzen nicht mehr als vierzig landesweit hinter Gittern. Der Entwurf bezieht jetzt in die Amnestie einen viel größeren Kreis ein: alle, die älter sind als 55 Jahre, Mütter und Minderjährige. In den Genuß der Begnadigung könnten aber auch Gesetzesbrecher mit bis zu dreijährigen Haftstrafen fallen. Daran nehmen Kritiker Anstoß, weil vor allem Korruption in diesem Rahmen geahndet wird, ein Übel der Gesellschaft, dem Präsident Dmitrij Medwedjew ganz entschieden den Kampf angesagt hat. Andererseits: Sollte nicht jedem die Chance eingeräumt werden, sich zu bewähren?

Die Massenamnestie vor zehn Jahren hat jedenfalls zu keinem signifikanten Anstieg der Kriminalität geführt. Erschreckend allerdings, daß in der Region Wladimir ein zwölfprozentiger Anstieg bei Verbrechen von Rückfalltätern zu verzeichnen ist. Die Gründe dafür? Es fehlt an Resozialisierungspogrammen und Arbeitsplätzen, die für Vorbestrafte zur Verfügung stehen. Zu diesen Fragen hat die Wladimirer Staatsanwaltschaft bereits Gesetzesvorschläge gemacht, die Gouverneur Nikolaj Winogradow vorliegen. Doch für deren Umsetzung braucht es Geld…

Klar ist eines: Werden die Häftlinge in die Freiheit entlassen, ohne auf diese vorbereitet zu sein und ohne eine Chance zu erhalten, dort ihren Platz zu finden, kommt das allen noch teuerer zu stehen.

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