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Archive for 27. Februar 2010


Den Begriff „Mitgliederschwund“ kennen nicht nur die deutschen Gewerkschaften. Ihre Bindekraft und Bedeutung für die Gesellschaft haben die russischen Vertreter der Interessen von Werktätigen in noch viel dramatischerem Ausmaß erlebt: Allein in den letzten drei Jahren hat der Wladimirer Regionalverband der Gewerkschaften mehr als 150.000 Mitglieder verloren. Das mag wohl hauptsächlich damit zusammenhängen, daß viele Betriebe geschlossen wurden oder kräftig entlassen haben, es hat aber sicher auch damit zu tun, daß die Arbeitnehmer keinen Mehrwert ihrer eigenen Lobby erkennen. Tatsächlich ist landesweit ein gewaltiger Ansehensverlust der Gewerkschaften zu verzeichnen. Einst nach der Kommunistischen Partei die zweitmächtigste Organisation in der Sowjetunion, stehen sie heute im Windschatten der marktwirtschaftlichen Reformen und haben sich selbst fast marginalisiert. Vielleicht auch, weil vielfach die internen Strukturen kaum verändert wurden, jedenfalls nicht mit den rasanten Veränderungen des Arbeits- und Soziallebens haben Schritt halten können. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung verlieren sie an Einfluß. Während am letzten Wochenende erstmals alle Oppositionsparteien gemeinsam in Wladimir und der ganzen Region erfolgreich zu Protesten gegen die Preis- und Tariferhöhungen zu Demonstrationen aufriefen, treten die Gewerkschaften fast nur am traditionellen 1. Mai in Erscheinung. Fast nur noch eine folkloristische Übung.

Nadjeschda Sucharnikowa

Das könnte sich nun ändern. Jedenfalls hat das zu ändern Nadjeschda Sucharnikowa vor. Die bisherige Stellvertreterin will bei den Wahlen am 2. März gegen den bisherigen Chef, Gennadij Nikanorow, antreten, der seit 20 Jahren die Geschicke des Gewerkschaftsbundes der Region Wladimir leitet. Die Herausforderin hält den Genossen Vorsitzenden für überfordert, nicht geeignet, Konzepte für die Zukunft zu entwickeln, und seine Amtszeit bezeichnet sie gar als Periode der Stagnation. Ein Begriff übrigens, der politisch besetzt ist und die Ära Leonid Breschnjews bis zum Amtsantritt von Michail Gorbatschow charakterisiert. Das will Gennadij Nikanorow nicht auf sich sitzen lassen und erklärt, er habe in der letzten Amtsperiode seit 2005 bei 15 Protestkundgebungen immerhin fast 7.000 Menschen auf die Beine gebracht. Ob das als Bilanz genügt und überzeugt?

Gennadij Nikanorow

Gennadij Nikanorow, seines Zeichens Kommunist, ist der Mann des Weißen Hauses, wo Genosse Nikolaj Winogradow unverzagt der Trikolore der Partei „Einiges Rußland“ das rote Banner entgegenhält. Und Nadjeschda Sucharnikowa? Die ist just Mitglied der Kremlpartei und beklagt, ihre Anhänger würden vom Apparat des Gouverneurs unter Druck gesetzt. Aber davon ließen die sich nicht beeindrucken: Fünf große Gewerkschaftsorganisationen unterstützen die Herausforderin und machen damit zum ersten Mal in der Geschichte des Wladimirer Gewerkschaftsverbands eine alternative Wahl möglich.

Die Kandidatin sieht sich nicht als Parteisoldatin, sondern den Idealen der Gewerkschaft verpflichtet, und sie will für alle Mitglieder da sein. Vor allem aber will sie neue, junge Mitglieder werben, denn in der Nachwuchsarbeit sieht sie ihre wichtigste Aufgabe. Scheitern die Gewerkschaften daran, werden sie in Rußland bald buchstäblich aussterben. Da kann man nur den traditionellen Gewerkschaftsgruß „Glück auf“ gen Wladimir rufen und hoffen, daß es nach mehr als 20 Jahren – so lange ist das her! – auch einmal wieder zu einem Treffen mit den Kollegen aus Erlangen kommt, deren Kontaktangebote bisher unerwidert blieben.

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