Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 25. Februar 2010


„Wenn ich Sie sehe“, so begrüßte Oberbürgermeister Alexander Rybakow im Mai vergangenen Jahres Dieter Wenzel auf dem Kathedralenplatz von Wladimir, „dann wird es immer teuer für mich.“ Auch wenn es mit einem gastfreundlichen Lächeln gesagt wurde, einen ernsten Hintergrund hat der freundliche Tadel durchaus. Die vielen Besuche des Erlanger Professors für Kindermedizin in der Partnerstadt in den vergangenen 20 Jahren waren nämlich nicht nur mit Lieferungen von humanitärer Hilfe – in Form von Medikamenten, Lebensmitteln und Medizintechnik – verbunden, sie gaben vielmehr auch den Anstoß für die Lokalpolitik, möglichst aus eigener Kraft etwas für das eigene Kinderkrankenhaus zu tun. Schließlich konnte man ja nicht nur zusehen, wie die Deutschen etwas taten. Die Möglichkeiten für diese Selbsthilfe sind mittlerweile gegeben, die Partner hier wie dort dürfen sich darüber freuen, daß das Wladimirer Kinderkrankenhaus mittlerweile in fast allen Bereichen eine gute medizinische Versorgung bieten kann. Nicht nur genug Inkubatoren gibt es inzwischen, von denen Dieter Wenzel noch vor wenigen Jahren einige von Bamberg aus nach Wladimir hat bringen lassen, sondern sogar ein CT-Gerät.

Einsatztreff mit Wolfgang Holter und Dieter Wenzel

Nicht zu früh freuen sollte sich aber das Wladimirer Stadtoberhaupt darüber, daß Dieter Wenzel heuer wohl nicht mehr in die Partnerstadt wird reisen können, denn Chefärztin Swetlana Makarowa und ihre beiden Mitarbeiterinnen, Natalia Malinkina und Jelena Bojzowa, haben schon jetzt eine lange Wunschliste zusammengestellt.  Und das erst zur Halbzeit ihres Aufenthaltes! Unisono schwärmen die Besucherinnen von der medizintechnischen Ausstattung der Erlanger Gastgeber. Besonders begeistert sind sie von der Rohrpost, die etwa Blutproben fast in Echtzeit von Station zu Station schickt, ohne die sonst notwendigen Treppauf-Treppab-Marathonläufe der Krankenschwestern, die so mehr Zeit auf ihre eigentliche Aufgabe, die Betreuung der kleinen Patienten, verwenden können. Nur träumen können die Ärztinnen aus Wladimir von dem Labor am Klinikum für Kinder und Jugendliche, das rund um die Uhr alle notwendigen Werte liefern kann. Und alle Geräte auf dem neuesten Stand! Aber es gibt auch Dinge, deren Einführung in Wladimir bedenkenswert erscheint, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen, beispielsweise die Regelung, Eltern und Angehörige der Kinder sogar auf die Intensivstation zu lassen – und das in Straßenkleidern. Undenkbar noch in Wladimir, wo man Infektionen fürchtet. „Ob das daran liegt, daß Erlangen so viel sauberer ist?“ rätselt Jelena Bojzowa, die zu Hause für die Kleinkinder bis drei Jahre zuständig ist.

Das Ärztequintett, flankiert von den Dolmetscherinnen Marina Beljakowa und Natalia Grebnev

Wichtigstes Thema der Hospitation ist die Onkologie. Etwa zehn Betten sind im Wladimirer Kinderkrankenhaus ständig mit jungen Krebspatienen aus der ganzen Region belegt. Man arbeitet zwar nach dem international gültigen CMF-Protokoll, doch das ist für die russischen Verhältnisse adaptiert und erlaubt nicht die Maximaltherapie, wie sie etwa in Erlangen angewandt wird. Für eine eigene Abteilung fehlt aber (noch) das Geld, und vor allem bei der Laborausrüstung gibt es noch einen Rückstand. „Da haben wir sicher noch viele Möglichkeiten für eine unterstützende Zusammenarbeit“, meint dazu Wolfgang Holter, der den Kolleginnen in dem Bereich alle Türen öffnet. Seit 2001 ist der Professor, der in seiner österreichischen Heimat eine erstklassige Ausbildung genossen hat und nun in Erlangen Standards für die Krebstherapie setzt, in Franken tätig und stellt sein Fachwissen nun auch den russischen Ärztinnen zur Verfügung. „Am besten“, so Swetlana Makarowa, „Sie besuchen uns schon bald, damit wir vor Ort gemeinsam klären können, was bei unseren Voraussetzungen zur Verbesserung der Therapie möglich und notwendig ist.“ Eine Einladung, die Alexander Rybakow sicher wieder Grund zu einer wohlmeinend-spitzen Bemerkung geben dürfte.

Im Rathaus mit Bürgermeister Gerd Lohwasser

Bürgermeister Gerd Lohwasser sieht sich da am Dienstag bei seinem Empfang für die Kinderärztinnen, zu dem auch die Stomatologin Natalia Gurenkowa geladen ist,  in einer komfortableren Position. Und das nicht nur, weil der Empfang just auf den russischen „Männertag“ fällt. Ein Schelm, wer… Er hat kein städtisches Krankenhaus zu finanzieren, sondern kann sich sogar noch über die 40 Mio. Euro freuen, die freilich schwer verdiente Prämie für den im Januar errungenen Sieg im Spitzencluster-Wettbewerb im Bereich „Medizintechnik“. Das Ergebnis konsequenter Politik, für die Gerd Lohwasser seit 1996 verantwortlich zeichnet. Aber der begeisterte Gesundheitspolitiker weiß den Gästen nicht nur die Vorzüge Erlangens mit seinen mehr als einhundert Firmen, die im medizinischen Bereich tätig sind, aufzuzählen, er erinnert sich auch gerne an seine Wladimir-Besuche und daran, wie er selbst einmal im Kinderkrankenhaus eine Spende des Ehrenbürg-Gymnasiums Forchheim überreicht hat, das eine Radstaffel nach Erlangen organisiert hatte. „Schon damals war spürbar“, anerkennt der Gastgeber im Erlanger Rathaus, „wie engagiert Sie arbeiten, und wie rasch Sie versuchen, den medizinischen Rückstand aufzuholen versuchen.“ Und überhaupt: „Es gibt viele Gründe, warum die Partnerschaft mit Wladimir unsere aktivste ist!“

Wenn der Besuch auch erst am Samstag endet, läßt sich doch ein Fazit schon jetzt ziehen: Die Zusammenarbeit geht weiter. Immer mehr auf Augenhöhe, von Kollegen zu Kollegen, unter Freunden und zum Wohl der Kinder hier wie dort.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: