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Hinter der Geschichte mit den Fingerpulsoximetern, von der vorgestern hier https://is.gd/nlEdl0 die Rede war, steckt natürlich noch eine längere und ältere Geschichte, die heute Michail Mojsejantschik erzählt:

Freunde, wir leben in einer erstaunlichen Zeit. Diese herzerwärmende Geschichte dauerte mit dem ganzen bürokratischen Drahtverhau etwas mehr als vier Monate, fand dann aber doch ein gutes Ende. Heuer werden es schon mehr als dreizehn Jahre, seit ich als Ehrenamtlicher im sozialen Bereich tätig bin, und ans Aufhören denke ich noch lange nicht. Ich hatte immer wieder mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu tun, und so konnte ich das ganze Wesen des Freiwilligendienstes en detail studieren.

Vor etwa fünfzehn Jahren lernte ich einen bemerkenswerten Menschen, Peter Steger, kennen. Es war im Sommer 2006 als ich – aus welchem Grund, das weiß ich nicht mehr – im Erlangen-Haus vorbeischaute, um etwas in Erfahrung zu bringen. Ich weiß nur noch, daß wir uns dort zum ersten Mal begegneten. Seither halten wir Freundschaft, die, wie ich hoffe, immer nur noch fester wird. In den Jahren 2008/2009 tat Peter alles zur Unterstützung unserer bescheidenen Delegation, die in der Partnerstadt Wladimirs, in Erlangen am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen hospitierte. Nach dieser „Auslandstournee“ kreuzten sich unsere Wege immer wieder bei einer Vielzahl von Veranstaltungen in Wladimir. Mal pflanzten wir Bäume, mal nahmen wir an einem Radrennen teil, oder wir trafen uns bei einer Diskussionsveranstaltung. Einmal im Jahr sahen wir uns mindestens… Doch dann kam das Jahr 2020, das so gewichtige Veränderungen in unser aller Leben brachte. Es blieb nichts übrig, als sich darauf einzurichten.

Michail Mojsejantschik und Elisabeth Preuß im Juni 2016

Das ganze vergangene Jahr über half ich älteren Menschen in Quarantäne, brachte ihnen Lebensmittel, ging für sie in die Apotheke. Ich machte wieder einen regelrechten Kopfsprung ins Ehrenamt. Ich erhielt viel Zuspruch und Dankadressen für diese – zugegeben – nicht immer ganz leichte Sache. Einer von denen, die mir schrieben, war Peter. Er ließ mich wissen, daß er wegen der geschlossenen Grenzen in Deutschland bleiben müsse, moralisch aber auch über die zweitausend Kilometer Entfernung mit den Freunden und Bekannten in Wladimir verbunden bleibe. Eines Tages machte er dann die Vorschlag, unserem Freiwilligenteam „Wir zusammen“ zu helfen. Wir nahmen gern an, und so kam die Idee in die Welt, am Vorabend der Maifeiertage vergangenen Jahres unseren hochverehrten Weltkriegsveteranen und kinderreichen Familien leckere Festessen nach Hause zu bringen. Dazu schalteten wir den Hotel- und Gaststättenverband der Region Wladimir ein. Wir kamen rasch überein und machten alle eine Freude. Noch heute bekomme ich zu hören, die Hechtsuppe sei von besonderer Qualität gewesen! Selber habe ich sie nicht probiert, allerdings stieg mir ihr Duft verführerisch in die Nase.

Michail Mojsejantschik in Aktion

Im November nahm dann diese Fernhilfe im Rahmen der Städtepartnerschaft eine neue Wendung. Peter machte damals den Vorschlag, doch auch einmal die Freiwilligen oder das medizinische Personal zu unterstützen, die ständig um das Leben der Menschen zu kämpfen hatten. Zu der Zeit kamen auch kaum noch Anfragen von Hilfsbedürftigen an unsere Einsatzleitung. Wir überlegten also gemeinsam und entschieden, Krankenhäuser in Wladimir zu unterstützen. Und jetzt ein kleiner Zeitsprung zum 15. April, als wir unsere Geschenke an die Krankenhäuser übergaben. Warum der Zeitsprung? Ich möchte jetzt nicht von all den bürokratischen Hindernissen sprechen, die wir zu überwinden hatten. Hauptsache, wir haben es geschafft. Im Ergebnis erhielten die Krankenhäuser Nr. 2, Nr. 5 und Nr. 6 je 17 Fingerpulsoximeter, wobei ich anfangs keine Vorstellung davon hatte, was das für seltsame Geräte sind. Schließlich kam ich aber dahinter. Die kleinen Dinger messen die Sauerstoffsättigung im Blut und fühlen gleichzeitig den Puls. So können die Ärzte schon bei der Erstuntersuchung und Patienten in der Ambulanz feststellen, ob eine Infizierung mit Corona vorliegt. So geht die kleine Geschichte, die eine einfache Wahrheit belegt: Wenn du jemandem helfen willst, findet sich auch eine Möglichkeit dazu – und keine Lossprechung. Wir leben halt, Freunde, wirklich in einer erstaunlichen Zeit. Und meine Freundschaft mit Peter bleibt, ungeachtet der Entfernung, bestehen. Da habe ich keinen Zweifel.

Michail Mojesejantschik

P.S.: Am 19. April wurde der Wladimir Freund Vater seines ersten Kindes, Anastasia. Angeblich kommt das Mädchen ganz nach dem Vater: Es schläft und ißt gern viel… Wir gratulieren jedenfalls herzlich!


Heute die versprochene Fortsetzung des Berichts https://is.gd/uxwJbM von Arkadij Malygin über seine Verbindung zu Erlangen.

Und so machte ich mich denn im März 1999 im letzten Studienjahr mit meinen Kommilitonen nach Erlangen auf, um am dreiwöchigen Austauschprogramm unserer Hochschulen am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde teilzunehmen.

Bis heute habe ich gut in Erinnerung, wie hervorragend alles organisiert war. Untergebracht waren wir in deutschen Gastfamilien, und wir gingen jeden Tag zum Unterricht in richtige deutsche Klassen, wo wir Seit an Seit mit den dortigen Studierenden Deutschunterricht erhielten. Mich beeindruckte die technische Ausstattung des Instituts: ein modernes Sprachlabor, Filmprojektoren, Notebooks, Computer, Internet. Alles, um das Studium möglichst effektiv und interessant zu gestalten. Als Studenten der 90er Jahre konnten wir von all dem zu Hause leider nur träumen.

Die Dozentenschaft zeichnete sich durch große Vielfalt aus: die Kurse hielten mal noch ganz junge Lehrkräfte, die eben erst just jenes Institut abgeschlossen hatten, dann wieder erfahrene Fachleute mit gewaltiger Berufspraxis und Erfahrung. Natürlich gestaltete sich die allgemeine Atmosphäre im Unterricht auf europäische Weise demokratischer und, wie mir schien, auch etwas entspannter. Im Vergleich zu unserer fast militärischen Disziplin am heimischen Fremdspracheninstitut war das durchaus verblüffend. Zu Beginn frappierte uns dieser Unterschied im Lehrprozeß, dann begriffen wir aber, daß alles mit dem hohen Verantwortungsbewußtsein der Studierenden zusammenhing, die hierher mit der festen Absicht kamen, sich zu Übersetzern und Dolmetschern ausbilden zu lassen und Fremdsprachen nicht unter der Knute zu lernen, sondern weil sie ihren künftigen Beruf liebten und ihr Fach so gut wie irgend möglich beherrschen wollten.

Arkadij Malygin und Heinz Römermann (beide stehend) mit ihrer Gruppe

Unsere Gruppen und Klassen setzten sich ausgesprochen uneinheitlich zusammen: So fanden sich in meinem Kurs zum Beispiel Deutsche, Russen, Tschechen, Armenier, Niederländer, Kasachen und Bulgaren. Sie alle hatten ihre eigene Geschichte, die sie nach Deutschland geführt hatte. Das Besondere dabei: echte ethnische Deutsche, die auch in Deutschland zur Welt gekommen waren, gab es in unserer Gruppe nicht mehr als drei oder vier. Wir hatten es also mit einem regelrechten Schmelztiegel der Kulturen zu tun, in dem wir uns pudelwohl fühlten.

Auch das pralle Leben außerhalb der Klassenräume stellte ein interessantes Moment dar. Alle deutschen Kommilitonen gingen da einer Beschäftigung nach: Die eine schrieb als freie Journalistin Artikel für die Zeitung, ein anderer trieb Sport, wieder eine andere verdiente sich als Model etwas dazu. Nach dem Unterricht blieben wir oft im Wohnheim, wo das Studentenleben nie zur Ruhe kam und uns neue Bekanntschaften mit Altersgenossen aus aller Welt eröffnete: aus Spanien, aus dem Libanon, von Kap Verde, aus Georgien, aus Ägypten, aus den USA und anderen Ländern.

Abschließend möchte ich mit besonderer Dankbarkeit Heinz Römermann erinnern, der als unser Betreuer und Hauptdozent mit seinem herausragenden Unterricht und allem drum herum für einen angenehmen Aufenthalt am Institut sorgte. Ich habe viel bei ihm gelernt und denke bis heute gern an seine Kurse zurück.

Natürlich sind drei Wochen eine sehr kurze Zeit, um einen mehr oder weniger umfassenden Eindruck von einem Land, seiner Kultur und der Menschen dort zu gewinnen. Und so kam ich denn ein halbes Jahr nach dieser kurzen Reise zu zwei weiteren Semestern nach Erlangen, um ein ganzes Studienjahr in Deutschland zu verbringen, in dessen Verlauf ich sehr viel mehr Zeit haben sollte, um die Mentalität der Deutschen besser zu verstehen, neue Freunde aus verschiedenen Ländern der Erde zu finden und in das multikulturelle Studentenleben einzutauchen.

Arkadij Malygin


Um die Jahreswende gingen fast eintausend Euro an Spenden aus verschiedenen Zuwendungen von Erlangen nach Wladimir, die nun im Rahmen der gemeinsamen Aktion „My Wmeste“ – „Wir zusammen“ verwendet wurden. Der Journalist Michail Mojsejantschik, selbst maßgeblich an der Initiative beteiligt, berichtete nun über dieses gute Werk der Städtepartnerschaft.

Im Rahmen der Aktion „Wir zusammen“ erhielten drei medizinische Einrichtungen in Wladimir je 17 Pulsoximeter aus den Händen von Ehrenamtlichen der Regionalabteilung der Allrussischen Volksfront. Die Mittel zur Anschaffung der Geräte zur Messung der arteriellen Sauerstoffsättigung hatte Peter Steger, zuständig für die Städtepartnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen, überwiesen. Unsere Städte sind schon einige Jahrzehnte lang eng verbunden.

Michail Mojsejantschik bei der Übergabe der Sachspenden

Die Geräte helfen bei der Diagnostik von Corona und sind nun in Händen von ärztlichem Personal in den Krankenhäusern Nr. 2, Nr. 5 und Nr. 6. Hilfreich sind die Meßinstrumente übrigens auch bei der Klärung, ob jemand überhaupt an einer Lungenerkrankung leidet, einsetzbar ohne großen Aufwand ambulant wie stationär. „Aus diesem Grund verteilten wir die Geräte auch sofort in den verschiedenen Abteilungen“, bemerkte die medizinische Direktorin des Krankenhauses Nr. 2, Irina Pawlowa, denn auch gleich bei der Übergabe. Die Idee zu dieser guten Tat hatte der treue Partner unserer Aktion „Wir zusammen“, Peter Steger, der unsere Städtepartnerschaft betreut. Wegen der Pandemie bleibt er derzeit in Deutschland, hört aber nicht auf, auch unter diesen Bedingungen die Ehrenamtlichen und Mediziner in Wladimir zu unterstützen, das ihm zur zweiten Heimat wurde.

Fingerpulsoximeter

Gemeinsam mit unserem deutschen Freund kamen wir überein, die Spenden im Kampf gegen die Corona-Infektion am besten einzusetzen, indem wir diese Fingerpulsoximeter anschaffen. Und so konnten wir jetzt also 51 Apparate übergeben, je 17 an drei Krankenhäuser. Drei weitere erhielten unsere gemeinsamen Partner von der Elterninitiative „Swet“, die sich um Familien mit behinderten Kindern kümmert. Doch damit sind die Partnerschaftsaktionen und gemeinsamen Projekte bestimmt noch nicht zu Ende, vielmehr sollen sie weiter an Fahrt aufnehmen.

Michail Mojsejantschik im Interview

Die kleinen Apparate finden nun hauptsächlich in der Erstdiagnose beim Verdacht auf eine Ansteckung mit COVID-19 Verwendung, zum Einsatz kommen sie aber auch bei Patienten, die ambulant therapiert werden. In jedem Fall haben die Ärzte nun ständig die Möglichkeit der Prüfung, ob der Sauerstoffgehalt im Blut sich absenkt.

Ärztlicher Dank für die Spende

Erinnern möchte ich bei der Gelegenheit noch an die Aktion von „Wir zusammen“ im Mai vergangenen Jahres, als wir mit der Hilfe von Peter Steger für zehn kinderreiche Familien Essen aus den besten Restaurants Wladimir bestellen konnten. Siehe: https://is.gd/cQwMzD

Michail Mojsejantschik

Hier noch die Links zu drei TV-Reportagen über die Aktion: https://is.gd/LNMhLg https://is.gd/lvYxY3 https://is.gd/O8gWvj


Bereits Anfang März war es zu einem ersten Kennenlernen zwischen Matthias Wrede, Professor und Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Sozialpolitik, an der Friedrich-Alexander-Universität und dem Lehrstuhl für Management und Marketing an der Universität Wladimir gekommen. Beide Seiten interessierten sich besonders für die Auswirkungen der Pandemie auf die lokale und regionale Wirtschaft.

Nun fand am Donnerstag letzter Woche die erste, ganz der Ökonomie gewidmete Videokonferenz zwischen den beiden Hochschulen statt, zu der sich ein etwa dreißigköpfiges Auditorium dazuschaltete. Seitens der FAU als Referent noch dabei Andreas Mense, der über die räumliche Ausbreitung von COVID-19 sprach, während Matthias Wrede die Kreditvergabe des Bankenwesens in Zeiten der Pandemie vorstellte.

Die Wladimirer Seite präsentierte die erstaunlich gute Entwicklung in der Region, weitgehend zurückzuführen auf einen Wirtschaftsgipfel mit vielen Anreizen für das produzierende Gewerbe, zur Sprache kamen aber die Zukunft des Finanzsystems und das gegenwärtige Verhalten von Aktionären.

Man hatte sich viel zu sagen und will nun die Skripten austauschen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen…


Am heutigen bundesweiten Gedenktag für die Opfer und Angehörigen der Corona-Pandemie pflanzte Oberbürgermeister Florian Janik, unterstützt von Christoph Kintopp (Stadtgrün) und Peter Steger (Partnerschaftsbeauftragter), am Bohlenplatz, unweit vom Bibelgarten, einen amerikanischen Amberbaum als Zeichen der Anteilnahme sowie der Hoffnung. Eine Geste, die ausdrücklich auch für alle Verstorbenen und deren Angehörigen in den Partnerstädten gilt, von denen jede auf ihre Weise unter COVID-19 zu leiden hat. Hören und sehen Sie dazu hier die Ansprache von Oberbürgermeister Florian Janik.

https://www.youtube.com/watch?v=gyYgFU6Hodg

Alleine in Wladimir verstarben in den letzten Monaten drei Männer an den Folgen der Infektionskrankheit, die über Jahre die Partnerschaft prägten: der Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, der Arzt Michail Tjukarkin und der Künstler Wladimir Rusin. Ihnen und ihren Angehörigen gehören heute unsere Gedanken besonders.


„Liebe Freunde“, kann man derzeit auf allen Kanälen des Erlangen-Hauses lesen, „wir haben es satt, auf die Öffnung der Grenzen zu warten und entschlossen uns deshalb, eine online-Sprechstunde mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, abzuhalten. Wer also dem Mitarbeiter der Erlanger Stadtverwaltung Fragen stellen oder sich einfach nur mit ihm unterhalten möchte, hat dazu am Mittwoch, den 21. April, ab 17.00 Uhr, Moskauer Zeit, Gelegenheit per Videoschaltung. Anmeldungen unter Tel. 323795 oder vladimir@erlangen.ru werden ab sofort angenommen.“ Und dann heißt es da noch, der Mann aus Erlangen sei immer offen für das Gespräch und freue sich darauf, alte Freunde wiederzusehen und neue kennenzulernen… Wie wahr!

Peter Steger, Anna Makarowa und Irina Chasowa, März 2016

Die Idee zu der virtuellen Sprechstunde entstand dieser Tage bei einer Zoom-Konferenz mit dem Erlangen-Haus und liegt ja eigentlich auf der Hand. Die letzte Reise nach Wladimir datiert immerhin vom September 2019. Da staut sich einiges an Sehnsucht auf, hier wie dort, was weder Blog noch Facebook, youtube oder E-Mail kompensieren können.

Die Grenzen sind übrigens wieder durchlässiger. Seit dem 1. April stellen die Konsulate und Visa-Agenturen erneut Sichtvermerke für die Russische Föderation aus. Aber wer noch nicht vollständig geimpft ist, muß sich nicht nur testen lassen, sondern hat die Quarantäne nach Ein- und Ausreise zur Auflage. Und die deutsche Seite bearbeitet Visa-Anträge noch immer nur in begründeten Ausnahmefällen. Der Weg zurück zu jenen Zeiten, wo Jahr für Jahr um die einhundert Begegnungen zwischen Erlangen und Wladimir stattfanden, dürfte also noch viel Geduld erfordern.


Seit dem Sommersemester 2019 studiert Iwan Lawrentjew aus Wladimir an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Gerontologie. Nun steht seine Masterarbeit an, zu der er eine Umfrage (s. Ende des Berichts) macht. Ihm fehlen für die Studie besonders noch ethnische Deutsche und Menschen, die aus Westeuropa stammen. Nehmen Sie sich also bitte heute nicht nur Zeit zur Lektüre des Blog-Eintrags, sondern auch zum Ausfüllen des Fragebogens.

Iwan und Maria Lawrentjew

Nach eineinhalb Jahren geht mein Studium zu Ende, und es ist Zeit mit der Masterarbeit zu beginnen. Bevor man einen Dozenten kontaktiert, sollte der Student sich überlegen, mit welchem Thema er sich auseinandersetzen möchte und die entscheidende Frage klären, ob es genug Literatur zu dem geplanten Thema gibt, denn es wäre sehr erbärmlich beim Erstellen des theoretischen Teils der Masterarbeit festzustellen, in der Sache sei bisher zu wenig geforscht worden.

Sobald man sich für ein bestimmtes Thema entschieden hat, kann man einen Dozenten suchen, der die Masterarbeit betreut. Hier ist wichtig zu beachten, einander gut zu kennen und schon einmal zusammengearbeitet zu haben, da die Chemie passen sollte. Falls der Dozent seine Zustimmung gibt, bittet er ein Exposé zu schreiben, wo du deine zukünftige Masterarbeit skizzierst: Einleitung, Forschungsstand, Forschungskonzept, Zielsetzung, Fragestellung und Methodik. Am Ende solltest du eine Hypothese aufstellen, die du in deiner Masterarbeit entweder beweist oder widerlegst. Das Exposé hilft dem Dozenten, einen Überblick darüber zu bekommen, was du genau vorhast, es kann aber auch für dich sehr hilfreich sein, weil du da deine Arbeitsplanung ersichtlich machst, und während des Schreibens kann du dich gut orientieren, wo du dich momentan befindest und was noch zu machen ist, oder wieviel Zeit du noch übrig hast. In der Regel hat jeder Student in Vollzeit bis zu sechs Monate Zeit für die Masterarbeit, in Teilzeit macht das neun Monate aus.

Ich wollte schon am Anfang meines Studiums eine empirische Studie durchführen und das Thema mit älteren Personen mit Migrationshintergrund verbinden, weil ich selber aus Wladimir stamme und mich einfach interessiert, wie sich Migranten 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland eingelebt haben.

Dann kam die Pandemie und die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen. Das Thema lag förmlich auf der Hand. Es galt nur noch, eine gute Fragestellung zu entwickeln und die Betreuung zu klären.

Anja Beyer

Meine Wahl fiel auf Anja Beyer, Dozentin am Institut für Psychogerontologie (IPG) der Friedrich-Alexander-Universität, die schon viele Masterarbeiten erfolgreich betreut und vor kurzem promoviert hat. Ich besuchte ihre Seminare, und ihre Arbeitsmethode gefiel mir recht gut. Entscheidend für mich war auch, sie tagsüber anschreiben und schnell eine Antwort bekommen zu können, was bei den Betreuern, die eine eigene Praxis haben oder noch an einem anderen Lehrstuhl unterrichten, nicht immer der Fall ist.

Am IPG werden neben klassischen Seminaren und Vorlesungen regelmäßig kostenlose Kurse angeboten, wo man alles über Datenerhebung und Auswertung erfahren kann. Solche Lehrveranstaltungen sind vor allem für diejenigen Studenten sehr nützlich, die eine empirische Studie durchführen und mehr über statistical software wie Limesurvey, SPSS, PSPP erfahren wollen.

Für mich, einen Studenten mit pädagogischer Ausbildung, war Statistik ein Fremdwort. Deswegen war dieser Kurs ein Desiderat.

Im Folgenden möchte ich kurz auf das Thema meiner Masterarbeit eingehen.

Die Pandemie hat nicht nur neue Probleme mitgebracht, sondern auch die schon vorhandenen Herausforderungen durch Lockdown, Ausgangssperre, Reiseverbot signifikant verschärft, eine davon stellt die Einsamkeit dar.

Ziel meiner Masterarbeit ist, mit Hilfe von standardisierten Fragebögen Daten zu Einsamkeit, sozialer Isolation und Lebenszufriedenheit zu erheben und festzustellen, inwieweit sich Personengruppen mit verschiedenen Migrationshintergründen voneinander unterscheiden.

Dabei gehe ich von der durch soziale Forschungen mehrfach belegten Annahme aus, wonach ältere Menschen aus dem osteuropäischen Raum eine schlechtere soziale Einbettung und Wohnungssituation sowie niedrigere finanzielle Ressourcen aufweisen, die wiederum zentrale Risikofaktoren für soziale Isolation und Einsamkeit bedingen. Dem gegenüber steht der Umstand, wonach diese Personen untereinander sehr gut vernetzt sind.

Allerdings ist auch die Tatsache zu berücksichtigen, wonach die Befragung unter den Bedingungen des Lockdown stattfindet, der die gewohnte alltägliche Lebensführung stark betrifft.

Methodik

Eine der ersten und dabei zentralen Aufgaben bestand darin, einen Fragebogen zu erstellen, damit Daten zu der Fragestellung erhoben werden können. Ich wollte nicht das Rad neu erfinden und übernahm deshalb bekannte standardisierte Instrumente: die UCLA Loneliness Scale zur Erhebung von Einsamkeit, die Lubben Social Network Scale zur Erfassung sozialer Isolation, FLZM zur Erhebung von Lebenszufriedenheit und weitere Parameter, die Daten zu Geschlecht, Alter, Bildungs- und Familienstand abfragen sollen.

Die Befragung wird sowohl in Papierform, als auch in Online-Format stattfinden, damit möglichst viele Personen daran teilnehmen können. Je nachdem, wie jemand mit dem Computer umgeht, kann man sich entweder für Online oder die Papierform entscheiden. Der Link zu Online Befragung wurde bereits an den Vorsitzenden der Franconian Society, Frank Gillard, den Seniorenclub Erlangen und an Mitglieder der hiesigen russischen-orthodoxen und jüdischen Gemeinde verschickt und von ihnen per E-Mail, in WhatsApp-und Telegramgruppen weitergeteilt. Außerdem liegen in den obengenannten Gruppen Fragebögen in Papierform aus, damit Personen, die an Online-Befragung nicht teilnehmen können, Gelegenheit erhalten, den Papierfragebogen auszufüllen und in eine Urne einzuwerfen, womit auch auf die Anonymität und Vertraulichkeit der Befragung gewährleistet ist Für die Befragungsdurchführung sind zwei Monate geplant, danach werden die erhobenen Daten in SPSS ausgewertet.

Nun meine Bitte, wenn Sie mindestens 50 Jahre alt sind, an der Studie teilzunehmen oder die Links weiterzuleiten. Sie würden mir damit sehr helfen.

für Deutsch: https://www.ipg.phil.fau.de/lime2/index.php/485938?lang=de
für Russisch: https://www.ipg.phil.fau.de/lime2/index.php/329241?lang=ru

Iwan Lawrentjew

Mehr zu dem angehenden Gerontologen: https://is.gd/VEC3wy


Der Blog blickt heute wieder einmal zurück in die Geschichte der Städtepartnerschaft und veröffentlicht die Erinnerungen eines einstigen Studenten aus Wladimir an seinen ersten Aufenthalt in Erlangen.

Meine erste Bekanntschaft mit Deutschland begann mit einer wunderbaren Frau, bei der ich im März 1999 drei Jahre lang lebte, als ich am Studentenaustausch unserer Städtepartnerschaft teilnahm und das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde besuchte. Meine Gastgeberin hieß Inge Roller. Neben allem andern kannte sie auch noch meinen Vater, Prof. Wiktor Malygin, der zusammen mit Peter Steger den Hochschulaustausch zwischen Wladimir und Erlangen vorantrieb. Ohne die beiden wäre meine Reise schlichtweg nicht möglich geworden.

An Frau Roller, die ich liebenswürdigerweise einfach Inge nennen durfte, habe ich nur die besten Erinnerungen. Sie zeigte mir Nürnberg mit seinem historischen Stadtkern, wir waren in Würzburg mit seiner bemerkenswerten Festung, besuchten das allseits bekannte Bamberg mit seinem großartigen Dom, und natürlich machte sie mich überall mit der deutschen Küche bekannt, von den Nürnberger Bratwürsten zum bernsteinfarbenen Trunk aus der heimischen Brauerei bis zu den allerleckersten Kartoffelklößen zur für mich damals ganz ungewohnten Apfelschorle.

Inge Roller, Arkadij Malygin und Herr Hartmann, 1999 in Würzburg

Inge brachte mich mit ihrem Sohn Thomas zusammen, und ich erinnere mich an unseren gemeinsamen Ausflug zur Automobilausstellung, die damals gerade in Nürnberg veranstaltet wurde. Wie ein Schwamm saugte ich die deutsche Kultur auf, vermittelt durch meine „Fremdenführerin“, Inge Roller.

Zu meinem Erstaunen fiel mir der Umgang mit ihr ungeachtet des riesigen Altersunterschieds von ungefähr vierzig Jahren ganz leicht, und den Austausch mit ihr erlebte ich als absolut entspannt. Sie war richtig lieb zu mir und tat alles, um meinen Besuch in Deutschland zu einem unvergeßlich eindrucksvollen Erlebnis zu machen. Wir sprachen nur Deutsch miteinander, was auch wichtig war, weil ich so ganz in die Atmosphäre der deutschen Sprache und Kultur eintauchen und den Unterricht am Institut, wo wir unsere Kenntnisse vervollkommneten, im Alltagsgebrauch ergänzen konnte.

Meine Gruppe ging damals ganz im Studium am Institut auf, an dem ich später zwei unvergessene Semester studieren und eine Unzahl von einzigartigen Menschen kennenlernen sollte: Dozenten und Studenten aus verschiedenen Ländern der Erde, vor allem aber meine echte Liebe zur deutschen Sprache dank dem Vertrautwerden mit der Kultur des Landes „von innen“ und der Freundschaft mit Deutschen. Doch das ist dann schon wieder eine andere Geschichte, die ich das nächste Mal erzählen werde. Heute möchte ich nur meiner ersten „Fremdenführerin“ durch das Reich der deutschen Kultur, Inge Roller, für all das danken, was sie für mich während meines ersten Besuchs in Erlangen 1999 tat. Ich bin sicher, sie kann mich hören.

 Arkadij Malygin

Zu 100% aufgeklärt


Man lebt vielleicht nicht sicherer in Wladimir, aber man kann in der Partnerstadt sehr sicher sein, daß ein Kapitalverbrechen zu 100% aufgeklärt wird. Das zumindest geht aus den Zahlen hervor, die die Strafverfolgungsbehörden der Region für das erste Quartal 2021 veröffentlichen. Zudem sank in den ersten drei Monaten des Jahres die Kriminalität um 4,6% auf 4.064, bei Gewalttaten um 2,6% auf insgesamt 1.243 Fälle. Von den zwanzig Mordfällen, fünf davon in Wladimir, wurden alle, also 100%, gelöst. Das gleiche gilt für Vergewaltigungen; der bisher in diesem Jahr einzige Fall ist ebenfalls geklärt. Schwere Verletzungen mit Todesfolge gab es zehn; auch hier sind alle Täter überführt. Selbiges ist für die 30 Akte sexueller Gewalt – nur sechs waren es im Vergleichszeitraum des Vorjahres -, wo alle Schuldigen dingfest gemacht wurden. Die Kriminalpolizei schreibt sich diese Erfolge nicht nur aufs eigene Konto gut, sondern lobt die Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst und dem Innenministerium.

Die russische Baker Street

Bis Ende März d.J. gingen 1.161 Anzeigen ein, 22,9% weniger als im Vorjahreszeitraum. 553 Akten wurden bereits bearbeitet, und 233 gingen mit der Anklageschrift an die Gerichte. Mehr noch: Es gelang in den drei Monaten, 16 Altfälle zu klären, hauptsächlich Gewaltverbrechen, darunter auch zwei Morde. Wer „Schuld und Sühne“ gelesen hat, weiß freilich ohnehin, was Mord und Totschlag mit einem selber machen. Fjodor Dostojewskij läßt es Rodion Raskolnikow nach der Bluttat an der Pfandleiherin deutlich sagen:

Mordet man denn so? Geht man zu einem Mord so, wie ich damals gegangen bin?… Habe ich die Alte ermordet? Mich selbst habe ich ermordet und nicht die Alte! Mit einem Schlag habe ich mir den Garaus gemacht, ein für allemal!… Und diese Alte hat der Teufel ermordet, nicht ich.


Das Wladimirer Nachrichtenportal „Prisyw“ schickte unlängst eine Reporterin aufs Land, um einmal zu sehen, wie dort die Impfkampagne vonstattengehe. 17 mobile Teams sind nämlich im ganzen Gouvernement unterwegs und fahren Dörfer an, die kaum auf der Landkarte zu finden sind, wo Menschen leben, die im Fernsehen und von Nachbarn alle möglichen Gerüchte hören, wonach der Pieks in den Arm erst so richtig krank mache und in einigen Fällen auch gar nicht vor dem Virus schütze. Eine 80jährige meint mit schwarzem Humor dazu: „Sterben werde ich sowieso. Und so geht’s halt vielleicht schneller…“ – Und läßt dann doch die Spritze setzen. Von einem andern älteren Herrn ist die Rede, der nicht aus Einsicht den Ärmel hochkrempelt, sondern weil seine Frau ihm andernfalls nicht mehr erlauben will, zum Angeln zu gehen. Aber es gibt natürlich auch die Einsichtigen, die ihre Kinder und Enkel schützen wollen, die wissen, was die Infektion anrichten kann, die den drei Vakzinen vertrauen, die in russischen Laboren entwickelt wurden und nun im ganzen Land zur Verfügung stehen. So oder so, erste Dörfer gelten bereits als durchgeimpft. Gut so! An die 60.000 haben in der Region Wladimir mittlerweile die erste Dosis erhalten, die zweite nach drei Wochen gut 40.000. Es könnten und sollten mehr sein, meinen Fachleute, viel zu viele in der Bevölkerung trauen nämlich der Sache und dem Stoff nicht recht und sagen sich entweder: „Mich wird’s schon nicht erwischen“, oder sie setzen gleich auf die Immunisierung nach Ansteckung.

Winken zum Abschied nach der Impfung

Auch wenn die Pandemie in der Partnerstadt und der Region einigermaßen stabil bei 70 Neuansteckungen pro Tag verharrt und die Zahl der freien COVID-Betten zurückgeht – mehr als 40% der insgesamt 864 Behandlungsplätze sind derzeit nicht belegt – hält die Gesundheitspolitik Schutzkleidung für das medizinische Personal vor, schafft weiter Beatmungsgeräte an, bleibt für den Notfall gerüstet. Richtig so, denn die Übersterblichkeit bereitet Sorge. Für den vergangenen März nämlich meldete die Statistik 2.080 Todesfälle in der Region, 112 mehr als im Februar und 335 mehr als im März vergangenen Jahres. Ins Verhältnis zu den Zahlen im März während der vergangenen fünf Jahre ergibt sich gar eine Übersterblichkeit von 13%, die ja nach Ansicht von vielen Fachleuten das tatsächliche Bild wahrheitsgetreuer widergibt, fließen darin doch auch jene Sterbefälle ein, bei denen Corona wohl nur als „Nebenwirkung“ einer anderen Erkrankung zum Tode geführt hatte. Vergleicht man die Statistiken von 2019 und 2020 kommt man sogar aufs Jahr gerechnet auf eine Übersterblichkeit von 15,5% Die New York Times hatte zu dem Thema die Statistiken einiger Länder einander gegenübergestellt – mit schlimmen Zahlen für die Russische Föderation, während das von uns so leidenschaftlich ob des „Impfchaos“ gescholtene Deutschland einigermaßen glimpflich aus der Krise kommt.

Auf 126 Seiten listet unterdessen die Menschenrechtsbeauftragte der Region Wladimir, Ludmila Romanowa, Verstöße der Behörden in Zusammenhang mit der Seuchenbekämpfung auf. Kritisiert werden vor allem die mangelnde Transparenz der Entscheidungen bei den Kontaktbeschränkungen und der damit einhergehende Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber Politik und Verwaltung. Überzogen seien u.a. Ausgangsbeschränkungen gewesen, zu schwierig die Einhaltung bestimmter Regeln zur Nutzung von digitalen Passierscheinen, die Versorgung mit Medikamenten habe Mängel aufgewiesen, es sei zu Fällen gekommen, wo sich Ärzte weigerten, Hausbesuche zu machen, bei der Rückführung aus Urlaubsländern habe man manchen Menschen unhaltbare Bedingungen zugemutet, das Recht auf Bildung sei in Familien mißachtet worden, die technisch nicht für den Fernunterricht eingestellt sind, viele ältere Lehrkräfte seien nicht ausreichend für die neuen Bedingungen geschult worden, angefallene Mehrarbeit in Krankenhäusern und Betrieben sei nicht hinlänglich vergütet worden, die Betriebe und Behörden seien ihren Verpflichtungen zum Arbeitsschutz ihres Personals nicht im vollen Umfang nachgekommen, es habe an der gebotenen Kontrolle der Auflagen gefehlt… Eine lange Liste der Verfehlungen, deren Aufarbeitung noch dauern dürfte und die gerade auch hierzulande zumindest eines zeigt: In jedem Staat werden in Zeiten der Pandemie Fehler gemacht, das eine gelingt hier besser, das andere dort schlechter. So wie kein Mensch perfekt ist, ist auch kein System perfekt. Bleibt zu hoffen, daß die russischen Behörden aus unserem Umgang mit der dritten Welle lernen. Möge sie ihnen am besten erspart bleiben.

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