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Verse ohne Titel


Im Jahr 2000 erschien im Wladimirer Verlag PEKO ein zweisprachiger Band mit Gedichten von Tatjana Oserowa in der Übertragung von Peter Steger, aus dem heute folgende Verse ohne Titel zitiert werden:

Wenn wieder mal…
die Kälte kommt im Flug
und uns die Wärme nur erscheint als Trug,
dann glaubt man nicht, daß wieder bald erblüht
der Eisbusch,
wenn das Frühjahr zu uns zieht.

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Бывает…                                                                                                                                                Прилетают холода.                                                                                                                                           И кажется, что не было тепла,

Не верится, что снова зацветёт

Куст ледяной,                                                                                                                                                 Когда весна придёт.


Unlängst war hier eine Aufnahme der Luftwaffe von Wladimir zu sehen – https://is.gd/k6rcaU -, heute nun das Bild eines amerikanischen Spionagesatelliten von der Partnerstadt, das sich in den mittlerweile zugänglichen Tiefen der Archive der CIA fand und dieser Tage von Zebra-TV veröffentlicht wurde. Von 1956 an spähten die U-2-Maschinen – übrigens mit Stützpunkt in Erbenheim bei Wiesbaden und später in Giebelstadt bei Würzburg – das Gebiet der UdSSR aus. Einer dieser Aufklärungsflüge  in 20 km Höhe endete am 1. Mai 1960 mit dem Abschuß von Fancis Gary Powers im Himmel über dem Ural, wobei durch ein Versehen auch eine Sowjetische MiG-19 getroffen wurde, gesteuert von einem Piloten, der aus Gus Chrustalnyj in der Region Wladimir stammte. Zu der Zeit hatten die Amerikaner aber auch schon das Weltall zu Spionagezwecken requiriert: 1959 begann das von der CIA mitentwickelte Rüstungsprogramm CORONA mit dem Start eines Spähsatelliten, der das Gebiet der UdSSR und der VR China in den Fokus nahm. Schon ein Jahr später gründete man den Militärnachrichtendienst NRO, der die verschiedenen Dienste im Bereich der Weltraumaufklärung koordinieren sollte. Im August setzte der Satellit Discoverer die erste Kapsel mit Aufnahmen ab. Fast 150 Satelliten stiegen allein von 1959 bis 1972 mit ihren Spezialkameras auf und lieferten den Agenten im Einsatz auf der Erde in ihrem Zielgebiet Orientierungsmaterial.

Wladimir mit den Augen des amerikanischen Spionagesatelliten

Wladimir mit den Augen des amerikanischen Spionagesatelliten

Eine dieser Aufnahmen, hier zu sehen, entstand am 12. Dezember 1961 und zeigt Wladimir mit den mittlerweile längst eingemeindeten Siedlungen im Norden und Südosten. Der Schnee als Hintergrund läßt das Relief der Stadt besonders gut erkennen, die Bahnstrecke, den Lauf der Kljasma, die Straße nach Bogoljubowo, während die Gebäude eher angedeutet bleiben. Klar in jedem Fall zu sehen, wie rasch sich Wladimir nach dem Krieg entwickelt und wie sehr die Stadt schon damals ihre heutige Gestalt angenommen hatte. Damals ein verstohlener Blick hinab ins Reich des Gegners, heute ein Dokument der Zeitgeschichte, wohl wissend, wie emsig gerade jetzt wieder Informationen übereinander gesammelt werden, im Himmel wie auf Erden, denn gegenseitiges Vertrauen läßt sich offenbar schwerer herstellen als immer effektivere Überwachungsmethoden. Nicht auszudenken, was der Blog da in 50 Jahren rückblickend wird zu berichten wissen von all dem, was unseren Blicken heute noch verborgen bleibt…


Heute vor 100 Jahren – nach dem Julianischen Kalender, den dann die Sowjets Anfang 1918 auf die Gregorianische Zeitrechnung umstellten – begann im kriegsmüden Petrograd die Februarrevolution, die zur Abdankung des Zaren und zur Einführung der bislang wohl liberalsten Demokratie auf russischem Boden führte, bis dann im Herbst – mittels deutscher Arglist – aus dem Schweizer Exil ein gewisser Wladimir Lenin ins Land kam und umgehend den roten Umsturz herbeiführte, bekannt geworden als die Oktoberrevolution.

Goldenes Tor

Goldenes Tor und Mädchengymnasium

Was nun aber geschah damals, Februar / März, im provinziellen Wladimir? Auch hier hatten die Menschen nicht genug zu essen, waren des erfolglosen Krieges überdrüssig, ärgerten sich über eine unfähige politische Führung und die allgemeine Mangelwirtschaft. Erste Streiks wurden ausgerufen, und Parolen wie „Weg mit dem Zaren!“, „Schluß mit dem Krieg!“, „Wir wollen Brot!“ waren zu hören. Es kam sogar zu einem Auflauf vor dem Haus des Gouverneurs, wo Frauen mit ihren Kindern nach Brot riefen und die Rückkehr ihrer Männer von der Front forderten. Nach einem Zeitzeugenbericht soll zu der Menge dann aber nicht der Statthalter des Zaren, Wladimir Krejton, sondern dessen Gattin Maria gesprochen haben, mit Worten, die an jene mit dem Kuchen, den die Hungerleider eben anstelle von Brot essen sollten, erinnern, die man Marie Antoinette in den Mund legte: „Wie kommt ihr denn auf Hunger? Soll das jetzt etwa Hunger sein? Richtiger Hunger herrscht, wenn die Menschen ihre Kinder fressen…“ Nur ein herbeigeeilter Polizeitrupp habe die Residenz des Gouverneurs und deren Bewohner vor dem wütenden Ansturm der ob einer derartigen Menschenverachtung empörten Frauen bewahren können. Aber die Worte taten ihre Wirkung, gingen von Mund zu Mund und kamen natürlich auch den in Wladimir stationierten Soldaten zu Ohren, die mit den herrschenden Umständen auch alles andere als zufrieden waren.

Wladimir und Maria Krejton beim Besuch eines Waisenheims

Wladimir und Maria Krejton beim Besuch eines Waisenheims

Am 27. Februar übernahm die Duma in Petrograd die Regierungsgeschäfte und vollzog damit de facto den Machtwechsel. Vier Tage war die Revolution auch in Wladimir angekommen. Und natürlich schlug nun die Stunde der Wendehälse, angeführt von Gouverneur Wladimir Krejton, der übrigens schon bald emigrieren sollte und 1931 in Locarno starb. Entscheidend jedoch war die Haltung des Militärs, wo der zarentreue Teil ins Hintertreffen geriet, zumal aus Moskau Revolutionstruppen anrückten. In der Nacht zum 3. März waren es ungefähr 800 rekonvaleszierende Soldaten, denen sich vor Ort stationierte Kameraden anschlossen, die in die unbewachte Residenz des Gouverneurs eindrangen und ihn verhafteten, worauf er gesagt haben soll: „Aber ich habe mich doch der neuen Regierung angeschlossen.“ Ganz im Geiste einer Figur aus dem historischen Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“, die meint: „Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert.“

Residenz des Gouverneurs

Residenz des Gouverneurs (heute Sitz des Staatlichen Lokalen TV-Senders)

Es dauerte freilich noch bis zum Vormittag, bevor es dem noch in der Nacht auf etwa 1.000 Mann angewachsenen Trupp gelang, auch den großen Rest der Armee – immerhin nach Schätzungen zwischen 20.000 und 25.000 Soldaten – gegen den Widerstand der Befehlshaber auf seine Seite zu ziehen – mit rufen wie: „Kameraden, schließt euch uns an, wir sind gegen den Zar, gegen den Krieg!“ Dazwischen hatte man den Leiter der Polizei festgesetzt und seine Kaserne gestürmt sowie Bank und Post übernommen. Die Lage drohte noch einmal zu eskalieren, als sich die zarentreuen Truppen am Goldenen Tor den Aufständischen entgegenstellten, aber schließlich ging – anders als in Petrograd und Moskau – alles unblutig, ohne Opfer ab, einige Blessuren im Handgemenge nicht eingerechnet. Eine Revolution im Handstreich, die man heute wohl „samten“ nennen würde. Es folgten nun auch in Wladimir die wenigen Monate einer freiheitlichen Politik – bis dann im Herbst alles anders wurde, bis das „Rote Rad“, wie Alexander Solschenizyn die Sowjetepoche nannte, sich unbarmherzig zu drehen begann.

 


Die alpinen Skifahrer Wladimirs hatten es wirklich gut, ganz im Unterschied zu den Bedingungen in den allermeisten anderen russischen Städten, wo es zwar auch nicht an Schnee mangelt, wohl aber an den topographischen Voraussetzungen. Hatten! In diesem Winter nämlich war die vor zehn Jahren eröffnete Abfahrt am Steilufer der Kljasma und ganz in der Nähe des Stadions gesperrt. Aus schnöden Gründen eines Zwistes zwischen Unternehmertum und Behördenwesen. Man streitet um ein Fleckchen Erde im Besitz des Gouvernements,  um gerade einmal ein Hektar, für das der private Betreiber der Piste nun statt 320.000 Rubel im Jahr das Dreieinhalbfache an Pacht zahlen soll, weil das Grundstück durch Erdarbeiten im Wert gestiegen sei. Da lohnt es wohl nicht mehr, den Lift anzuwerfen und die Strecke zu präparieren. Bleibt nur noch der ohnehin bei weitem populärere Ski-Langlauf in der weiten Landschaft.

Hasenbergl

Hasenbergl

Oder man fährt ein Stück in Richtung Susdal und biegt dann, fast noch in Sichtweite zu Wladimir, zur Ortschaft Sadowyj ab, wo der VS-Park am Hasenbergl liegt mit einem richtigen Hang und der ganzen Infrastruktur – bis hin zum Schuh- und Bretterverleih oder Après-Ski.

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Eine Liftfahrt kostet 30 Rubel (für Kinder die Hälfte), also gerade einmal 50 Cent, man bekommt Skipässe aber auch stundenweise oder im Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerpack, ganz nach Lust und Laune.

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Der Park am Hasenbergl ist übrigens auch im schneefreien Rest des Jahres ein beliebtes Ausflugsziel, hauptsächlich für Familien, aber auch für Festgesellschaften. Der Abschiedsabend zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft wurde im Juni 2013 ebenfalls am Hasenbergl gefeiert. Nicht nur zur Winterszeit geht es hier http://www.vspark.ru also hoch her.


Auf nach Meiningen! Denn die thüringische Kleinstadt mit ihrer einzigartigen Theaterwelt, liegt in dieser Saison an der Bahnstrecke Moskau – Petuschki – Wladimir, zumindest künstlerisch. Dort nämlich, nur eineinhalb Autostunden nördlich von Erlangen, bringt André Brückner das Roman-Poem „Moskau – Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew (1947 – 1990) auf die Bühne, ein umwerfendes Trum Literatur, das zu sehen, die Reise alleine lohnt, ganz zu schweigen von den übrigen Schätzen Meiningens.

jerofejew

Wer nach einem literarischen Delirium sucht, sich auf die Reise ins Paradies machen will, ohne zu erwarten, dort auch anzukommen, wer schon immer einmal wissen wollte, wie all die vielen Stationen auf der Bahnstrecke von der russischen Hauptstadt in Richtung Wladimir heißen, wer sich nicht an verbalen Grobheiten oder – damals, in den welken Spätjahren der prüden Sowjetunion, wie heute, im idiosynkratisch aufgeladenen Korrektsprech unserer Tage, verpönten – Kraftausdrücken stört und dabei auch Sinn für skurrilen Humor aufbringt, greife zunächst zur Pulle, verzehre dazu eine Stulle und mache sich sodann an die Lektüre von „Moskau – Petschuki“, oder wie das halluzinierte Poem in der Übersetzung von Natascha Spitz heißt: „Die Reise nach Petuschki“. In der wüsten Phantasmagorie von Wenedikt Jerofejew, wo schon der Kreml zu Beginn der Reise in Moskau unauffindbar ist und der Weg, wie immer, nur zum Kursker Bahnhof führen kann, spirituell erleuchtet von so mancher Mixtur geistlicher Getränke, deren Nebenwirkungen im rauschhaften Bewußtseinsstrom des Alleinunterhaltes und Ich-Erzählers eine dem Tempo des Vorortzuges folgende, mal ruckelnde, mal rasende Folge von Bildern evozieren, in denen man die großen Geister der russischen Literatur ebenso wiedererkennt wie die Sakramentalien der Bibel oder die Ikonographie der sakrosankten Staatsideologie Sozialismus.

Wenedikt Jerofejew

Wenedikt Jerofejew

Kurzum ein anarchisches Stück saturnalischer Literatur, dessen nicht einmal 200 Seiten, 1969/1970 entstanden, erst 1988 in der UdSSR erscheinen konnten und gerade einmal zehn Jahre vorher in deutscher Übersetzung auf den Markt gekommen waren. Vor zwei Jahren ist dieses imaginierte Kleinod der frühen Postmoderne übrigens erstmals sogar in Afghanistan erschienen, auf Farsi. Darauf kann man nachträglich doppelt anstoßen. Zum einen muß sich nämlich der Übersetzer in Kabul gehörig Mut angetrunken haben, um sich den gestrengen Sittenwächtern des Propheten entgegenzustellen, der dem Alkohol angeblich so gar nichts abgewinnen konnte und seinen eifernden Adepten kein Gläschen gönnen wollte; zum andern stößt der Kulturexport sicher den patriotischen Pharisäern der russischen Hochkultur sauer auf, die es lieber sähen, wenn der ausländische Leser sich mehr der hehr-erhebenden slawischen Literatur zuneigte und gefällige Kenntnis von der moskowitischen Sittlichkeit erhielte.

Anweisung zur Exmatrikulation von Wenedikt Jerofejew

Anweisung zur Exmatrikulation von Wenedikt Jerofejew

Wenedikt Jerofejew war nämlich ein rechter Rabauke, oder, wie man das auf gut Russisch sagt, ein Rowdy. Und auf Rowdytum stand in der UdSSR – einem eigenen Paragraphen entsprechend – das Lager, die Zwangsarbeit oder zumindest die Relegierung. So wurde denn mit Anweisung Nr. 11, datiert vom 30. Januar 1962 und unterzeichnet von Rektor Boris Kiktjow, der Student Wenedikt Wassiljewitsch Jerofejew schon im ersten Studienjahr des Wladimirer Staatlichen Pädagogischen Instituts – heute gemeinsam mit der Polytechnischen Hochschule in der Staatlichen Universität aufgegangen – verwiesen, weil er „wegen unentschuldigten Fehlens“ die Prüfung der „mündlichen Volkskunst“ versäumte und seiner „moralischen Erscheinung“ nach nicht dem Kodex der Hochschule entsprach und ungeeignet erschien, als künftiger Lehrer und Erzieher der jungen Generation tätig zu werden. Ein Gespür für Talent bewies man damit freilich nicht. Aber das soll ja an anderen Bildungsstätten auch vorkommen.

Moskau - Petuschki

Moskau – Petuschki

Immerhin ließ sich der vertriebene Poet später auf seinem unsteten Lebensweg in der Region Wladimir, in Petuschki, nieder, übrigens in jenem Ort, der heute als Giftküche für den ganzen Großraum bis hin nach Moskau gilt, weil die Polizei da immer wieder Heroinringe sprengt. Der Rausch lebt also weiter. Wer den ohne Kater oder kalten Entzug genießen will, sei an die Erstübersetzung von Natascha Spitz verwiesen, so noch erhältlich. Die Neuübertragung des politisch, pardon, slawistisch hyperkorrekten Peter Urban, der aus dem vertrauten Tschechow einen akademischen Čechov, aus dem umgänglichen Wenedikt Jerofejew einen unaussprechlichen Venedikt Erofeev und aus der freien „Reise nach Petschuki“ ein zwar originalgetreues, aber doch nur nach Fahrplan klingendes „Moskau – Petuški“ macht, wirkt an mancher Stelle eher ernüchternd als erheiternd. Aber so oder so, ins Reisegepäck nicht nur auf dem Weg von Moskau nach Wladimir, gehört das Buch in jedem Fall. Ob auf Russisch, Deutsch oder eben jetzt auch Farsi. Zum Wohl und за здоровье!

Auf nach Meiningen also, wo das Stück am 13. April Premiere hat und dann noch am 16. und 29. April sowie am 27. Mai und 23. Juni zu sehen ist: https://is.gd/dBburd – und Karten gibt es hier: https://is.gd/w8XFdg


Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man weiß, daß die Ostslawen schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter austrieben und das Frühjahr begrüßten.

Butterwoche

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Butterwoche

Der heutige Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr dir frische Saat hervorwachsen soll.

Butterwoche

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikten Ablauf des Rituals halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber gestaltet sich der russische Karneval in geregelteren Bahnen als hierzulande das närrische Treiben und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Um in unseren Breiten zumindest kulinarisch die Butterwoche mitfeiern zu können, bietet sich an, nach russischem Rezept Pfannkuchen zu backen. Dazu ist es nur nötig, beim Rühren der gesalzenen Eier bis zu einer leichten Schaumbildung ein Glas kochendes Wasser und darauf etwa die gleiche Menge Kefir dazuzugeben, bevor man das Mehl einstreut (etwas Soda nicht vergessen), alles klumpenfrei vermischt, ein wenig zuckert und einige Sonnenblumenöl darübertropfen läßt. Ein russischer Pfannkuchen sollte möglichst dünn und von beiden Seiten gleichmäßig gebacken sein, golden wie die Sonne, für die er ja ursprünglich steht.


Aus gegebenem Anlaß: Es gibt noch immer virtuell abgelegene Gegenden in den Freistaaten Bayern und Thüringen, wo ein schneller Internetanschluß nicht selbstverständlich ist. Sehr zum Verdruß des dort beheimateten Gewerbes, das über Wettbewerbsnachteile klagt. Da kann es, wenn die Blog-Redaktion sich auf einer Fortbildungsreise befindet, schon auch einmal zu Verzögerungen bei der Veröffentlichung des aktuellen Materials kommen, wie heute bedauerlicherweise geschehen.

internet

Internet – Server der Fiskaldaten mit ausfallsicherem Verteilungsspeicher – Finanzamt und Überprüfung der Kassenbons durch jeden Kunden

Ähnliches fürchten derzeit Unternehmer in der Region Wladimir, denn ab dem 1. Juli d.J. müssen alle Kassen automatisch die Einnahmen per Internet an das Finanzamt melden, gläsernes Einkaufen also. Das macht zum einen natürlich Investitionen in die Technik notwendig, legt aber auch etwas offen, was die russische Telekom anders vermittelt. Es gibt nämlich in Region Wladimir – von der Größe des Bundeslandes Brandenburg – durchaus noch Orte, wo der Zugang zum Netz für größere Datenmengen entweder zu schwach oder zu instabil ist, wie jetzt das Amt für Wirtschaftsförderung zugab. Von den 2.318 Ortschaften im Gouvernement sind erst 270 (davon 230 auf dem Land) mit Glasfaserkabel erschlossen. In allen übrigen läßt sich also zur Einführung der online-Kassen der Stichtag nicht halten.

Aber es handelt sich nur um eine Fristverlängerung. Früher oder später wird der Große Bruder dann jedem an der Kasse über die Schulter und auf die Finger schauen.

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