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Auf nach Meiningen! Denn die thüringische Kleinstadt mit ihrer einzigartigen Theaterwelt, liegt in dieser Saison an der Bahnstrecke Moskau – Petuschki – Wladimir, zumindest künstlerisch. Dort nämlich, nur eineinhalb Autostunden nördlich von Erlangen, bringt André Brückner das Roman-Poem „Moskau – Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew (1947 – 1990) auf die Bühne, ein umwerfendes Trum Literatur, das zu sehen, die Reise alleine lohnt, ganz zu schweigen von den übrigen Schätzen Meiningens.

jerofejew

Wer nach einem literarischen Delirium sucht, sich auf die Reise ins Paradies machen will, ohne zu erwarten, dort auch anzukommen, wer schon immer einmal wissen wollte, wie all die vielen Stationen auf der Bahnstrecke von der russischen Hauptstadt in Richtung Wladimir heißen, wer sich nicht an verbalen Grobheiten oder – damals, in den welken Spätjahren der prüden Sowjetunion, wie heute, im idiosynkratisch aufgeladenen Korrektsprech unserer Tage, verpönten – Kraftausdrücken stört und dabei auch Sinn für skurrilen Humor aufbringt, greife zunächst zur Pulle, verzehre dazu eine Stulle und mache sich sodann an die Lektüre von „Moskau – Petschuki“, oder wie das halluzinierte Poem in der Übersetzung von Natascha Spitz heißt: „Die Reise nach Petuschki“. In der wüsten Phantasmagorie von Wenedikt Jerofejew, wo schon der Kreml zu Beginn der Reise in Moskau unauffindbar ist und der Weg, wie immer, nur zum Kursker Bahnhof führen kann, spirituell erleuchtet von so mancher Mixtur geistlicher Getränke, deren Nebenwirkungen im rauschhaften Bewußtseinsstrom des Alleinunterhaltes und Ich-Erzählers eine dem Tempo des Vorortzuges folgende, mal ruckelnde, mal rasende Folge von Bildern evozieren, in denen man die großen Geister der russischen Literatur ebenso wiedererkennt wie die Sakramentalien der Bibel oder die Ikonographie der sakrosankten Staatsideologie Sozialismus.

Wenedikt Jerofejew

Wenedikt Jerofejew

Kurzum ein anarchisches Stück saturnalischer Literatur, dessen nicht einmal 200 Seiten, 1969/1970 entstanden, erst 1988 in der UdSSR erscheinen konnten und gerade einmal zehn Jahre vorher in deutscher Übersetzung auf den Markt gekommen waren. Vor zwei Jahren ist dieses imaginierte Kleinod der frühen Postmoderne übrigens erstmals sogar in Afghanistan erschienen, auf Farsi. Darauf kann man nachträglich doppelt anstoßen. Zum einen muß sich nämlich der Übersetzer in Kabul gehörig Mut angetrunken haben, um sich den gestrengen Sittenwächtern des Propheten entgegenzustellen, der dem Alkohol angeblich so gar nichts abgewinnen konnte und seinen eifernden Adepten kein Gläschen gönnen wollte; zum andern stößt der Kulturexport sicher den patriotischen Pharisäern der russischen Hochkultur sauer auf, die es lieber sähen, wenn der ausländische Leser sich mehr der hehr-erhebenden slawischen Literatur zuneigte und gefällige Kenntnis von der moskowitischen Sittlichkeit erhielte.

Anweisung zur Exmatrikulation von Wenedikt Jerofejew

Anweisung zur Exmatrikulation von Wenedikt Jerofejew

Wenedikt Jerofejew war nämlich ein rechter Rabauke, oder, wie man das auf gut Russisch sagt, ein Rowdy. Und auf Rowdytum stand in der UdSSR – einem eigenen Paragraphen entsprechend – das Lager, die Zwangsarbeit oder zumindest die Relegierung. So wurde denn mit Anweisung Nr. 11, datiert vom 30. Januar 1962 und unterzeichnet von Rektor Boris Kiktjow, der Student Wenedikt Wassiljewitsch Jerofejew schon im ersten Studienjahr des Wladimirer Staatlichen Pädagogischen Instituts – heute gemeinsam mit der Polytechnischen Hochschule in der Staatlichen Universität aufgegangen – verwiesen, weil er „wegen unentschuldigten Fehlens“ die Prüfung der „mündlichen Volkskunst“ versäumte und seiner „moralischen Erscheinung“ nach nicht dem Kodex der Hochschule entsprach und ungeeignet erschien, als künftiger Lehrer und Erzieher der jungen Generation tätig zu werden. Ein Gespür für Talent bewies man damit freilich nicht. Aber das soll ja an anderen Bildungsstätten auch vorkommen.

Moskau - Petuschki

Moskau – Petuschki

Immerhin ließ sich der vertriebene Poet später auf seinem unsteten Lebensweg in der Region Wladimir, in Petuschki, nieder, übrigens in jenem Ort, der heute als Giftküche für den ganzen Großraum bis hin nach Moskau gilt, weil die Polizei da immer wieder Heroinringe sprengt. Der Rausch lebt also weiter. Wer den ohne Kater oder kalten Entzug genießen will, sei an die Erstübersetzung von Natascha Spitz verwiesen, so noch erhältlich. Die Neuübertragung des politisch, pardon, slawistisch hyperkorrekten Peter Urban, der aus dem vertrauten Tschechow einen akademischen Čechov, aus dem umgänglichen Wenedikt Jerofejew einen unaussprechlichen Venedikt Erofeev und aus der freien „Reise nach Petschuki“ ein zwar originalgetreues, aber doch nur nach Fahrplan klingendes „Moskau – Petuški“ macht, wirkt an mancher Stelle eher ernüchternd als erheiternd. Aber so oder so, ins Reisegepäck nicht nur auf dem Weg von Moskau nach Wladimir, gehört das Buch in jedem Fall. Ob auf Russisch, Deutsch oder eben jetzt auch Farsi. Zum Wohl und за здоровье!

Auf nach Meiningen also, wo das Stück am 13. April Premiere hat und dann noch am 16. und 29. April sowie am 27. Mai und 23. Juni zu sehen ist: https://is.gd/dBburd – und Karten gibt es hier: https://is.gd/w8XFdg


Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man weiß, daß die Ostslawen schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter austrieben und das Frühjahr begrüßten.

Butterwoche

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Butterwoche

Der heutige Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr dir frische Saat hervorwachsen soll.

Butterwoche

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikten Ablauf des Rituals halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber gestaltet sich der russische Karneval in geregelteren Bahnen als hierzulande das närrische Treiben und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Um in unseren Breiten zumindest kulinarisch die Butterwoche mitfeiern zu können, bietet sich an, nach russischem Rezept Pfannkuchen zu backen. Dazu ist es nur nötig, beim Rühren der gesalzenen Eier bis zu einer leichten Schaumbildung ein Glas kochendes Wasser und darauf etwa die gleiche Menge Kefir dazuzugeben, bevor man das Mehl einstreut (etwas Soda nicht vergessen), alles klumpenfrei vermischt, ein wenig zuckert und einige Sonnenblumenöl darübertropfen läßt. Ein russischer Pfannkuchen sollte möglichst dünn und von beiden Seiten gleichmäßig gebacken sein, golden wie die Sonne, für die er ja ursprünglich steht.


Aus gegebenem Anlaß: Es gibt noch immer virtuell abgelegene Gegenden in den Freistaaten Bayern und Thüringen, wo ein schneller Internetanschluß nicht selbstverständlich ist. Sehr zum Verdruß des dort beheimateten Gewerbes, das über Wettbewerbsnachteile klagt. Da kann es, wenn die Blog-Redaktion sich auf einer Fortbildungsreise befindet, schon auch einmal zu Verzögerungen bei der Veröffentlichung des aktuellen Materials kommen, wie heute bedauerlicherweise geschehen.

internet

Internet – Server der Fiskaldaten mit ausfallsicherem Verteilungsspeicher – Finanzamt und Überprüfung der Kassenbons durch jeden Kunden

Ähnliches fürchten derzeit Unternehmer in der Region Wladimir, denn ab dem 1. Juli d.J. müssen alle Kassen automatisch die Einnahmen per Internet an das Finanzamt melden, gläsernes Einkaufen also. Das macht zum einen natürlich Investitionen in die Technik notwendig, legt aber auch etwas offen, was die russische Telekom anders vermittelt. Es gibt nämlich in Region Wladimir – von der Größe des Bundeslandes Brandenburg – durchaus noch Orte, wo der Zugang zum Netz für größere Datenmengen entweder zu schwach oder zu instabil ist, wie jetzt das Amt für Wirtschaftsförderung zugab. Von den 2.318 Ortschaften im Gouvernement sind erst 270 (davon 230 auf dem Land) mit Glasfaserkabel erschlossen. In allen übrigen läßt sich also zur Einführung der online-Kassen der Stichtag nicht halten.

Aber es handelt sich nur um eine Fristverlängerung. Früher oder später wird der Große Bruder dann jedem an der Kasse über die Schulter und auf die Finger schauen.


In dem gar nicht häufig genug zu empfehlenden Blog von Hans-Joachim Preuß https://stuttgartnishnij.wordpress.com findet man im Eintrag vom 13. Februar eine deutsch-russische Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Rose Ebding, nun schon im dritten Jahr Deutschlehrerin an einem Gymnasium in Nischnij Nowgorod, schildert darin auf zutiefst anrührende Weise, was sie im Innersten mit Rußland verbindet.

Hans-Joachim Preuß, Florian Janik, Martina Stamm-Fibich, Rose Ebding und Melitta Schön, September 2014 in Wladimir

Hans-Joachim Preuß, Florian Janik, Martina Stamm-Fibich, Rose Ebding und Melitta Schön, September 2014 in Wladimir

Mein Vater wurde 1914 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Eigentlich wollte er Sprachen studieren, doch weil er als einziger Sohn einer Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg die väterliche Bäckerei übernehmen sollte, lernte er nolens volens Bäcker – als Kompromiß im französischsprachigen Genf. Ab 1940 war er Soldat, 1944 geriet er im Baltikum in sowjetische Kriegsgefangenschaft, bis 1950 blieb er in Lagern in Kritschew und Mogilew (Weißrußland). Mein Bruder und ich sind in den frühen 50er Jahren geboren, und unsere Kindheit war geprägt durch die Geschichten unseres Vaters von der Gefangenschaft. Ich weiß es noch wie heute, wie wir jeden Sonntag auf seinem Schoß saßen und seinen Erzählungen zuhörten. Diese ist eine davon:

Sie hockten im Schützengraben. Um sie herum seit Tagen Granateinschläge und Gewehrfeuer. Kameraden wurden getroffen, schrien vor Schmerz, starben „wie die Fliegen“. Alle wußten, wie hoffnungslos die Lage war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch selbst erwischt wurde – oder in Gefangenschaft kam. Dann war es so weit. Franz blickte aus seinem Schützengraben auf zu einem Rotarmisten, der das Gewehr auf ihn gerichtet hatte und ruhig sagte: „пошли“ („gehen wir“). Der Soldat hatte Schlitzaugen, war vielleicht ein Kasache. Er untersuchte Franz nicht nach Waffen. Der hatte noch seine Mauser bei sich und dachte: „In Gefangenschaft gehe ich nicht. Bei nächster Gelegenheit erschieße ich den ‚Russen‘ und dann mich.“ Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, holte der Kasache einen Apfel vom Baum und gab ihn Franz. Dann pflückte er einen zweiten, den er selbst aß. Franz warf seine Mauser ins Getreidefeld und ging in Gefangenschaft, wo er fünf Jahre bleiben sollte.

Im Lager wurde er Lagerbäcker. Ein tschechischer Pfarrer brachte ihm Russisch bei: Mit Kohle schrieb er Vokabeln und Grammatikregeln auf leere Mehlsäcke. Später wurde er Lagerdolmetscher – beide Aufgaben haben ihm wohl das Leben gerettet.

Rußland und die Russen haben meinen Vater sein Leben lang nicht losgelassen. Als er mit 55 einen Herzinfarkt hatte, gab er die Bäckerei auf und übernahm die Leitung des Fremdenverkehrsamts in Schramberg. Abends gab er Russisch- und Italienischkurse an der Volkshochschule (Italienisch hatte er neben Französisch in Genf gelernt). Nach seiner Pensionierung wurde er Reiseleiter und führte mehrere Reisen u.a. in die Sowjetunion.

Mich prägten seine Geschichten auch, und sie sind sicher ein Grund, warum ich russische Literaturwissenschaft studiert habe und jetzt in Nischnij Nowgorod lebe. Und so sind sie die Vorgeschichte zu meinem derzeitigen Projekt, von dem ich im nächsten Bericht erzählen werde.

Bei dem Schulprojekt handelt es sich um eine szenische Darstellung von Episoden aus dem Leben deutscher Gefangener in Lagern von Wladimir und Gorkij (Nischnij Nowgorod) – nach Motiven des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“. Darin leider nicht enthalten – die Geschichte aus Schramberg, die unwillkürlich an das Wort von Martin Luther denken macht: „Auch wenn ich wüßte, daß morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

An alle, die diese Zeilen lesen, deshalb der Aufruf, die eigenen Erlebnisse deutsch-russischer Verbundenheit aufzuschreiben und hier im Blog öffentlichen zu machen. Lassen wir angesichts der schieren und doch nur scheinbaren Übermacht des Trennenden all das entdecken und weitergeben, was uns über die Grenzen hinweg im Innersten zusammenhält.


Die Aufklärung des CIA war natürlich besonders an strategischen Objekten interessiert, wozu zweifelsfrei ein Flugplatz gehört, auch wenn der nicht für militärische Zwecke genutzt wurde. Vielleicht deshalb taucht die Anlage auch nur einmal in den nun veröffentlichten  Geheimdokumenten auf, nämlich am 20. September 1949 mit dem Vermerk: „Dies ist der erste Bericht über den Wladimirer Flugplatz. Die Angaben sind noch zu bestätigen und durch zusätzliche Informationen zu ergänzen.“ Tatsächlich gab auf dem Gelände des heutigen Heizkraftwerks ab Mitte der 30er Jahre bis 1958 auf einer Fläche von 1 x 1,5 km zwei Start- bzw. Landebahnen, wo die US-Agenten ein „vierstöckiges Gebäude mit einem turmähnlichen Aufbau und einer Antenne“ entdeckten: „Im Erdgeschoß befanden sich fünf Schiebetüren, die zwei Drittel der Fassade des Gebäudes abdeckten. Im dritten und vierten Stock lagen die Wohnungen für das Personal“. Neben weiteren Betriebsgebäuden erwähnt der Bericht etwa 20 Leichtflugzeuge und einige Doppeldecker für Übungsflüge. Sehr viel mehr wissen aber auch die Heimatkundler in Wladimir nicht mehr über den Flugplatz, obwohl es seit Mitte der 30er Jahre einen recht aktiven Fliegerklub gab und Berichte vorliegen, wonach sogar verwundete Soldaten von der Front nach Wladimir geflogen wurden.

1 photo 2017 01 26 12 04 42Plan des Traktorenwerks im CIA-Bericht vom 14. Februar 1952

Ganz anders das Material zum 1941 erbauten Traktorenwerk, dem insgesamt fünf mehrseitige Berichte aus den Jahren 1950 bis 1952 gewidmet sind – mit detaillierten Angaben zu den ab 1944 ausgelieferten Zugmaschinen, Produktionszahlen, Arbeitsdisziplin, Ausstattung und exakten Lageskizzen. Hatte man hier in den ersten Kriegsjahren noch hauptsächlich Bauteile für Panzer produziert, so stellte man 1944 allmählich auf den landwirtschaftlichen Sektor um. Die Amerikaner vermerken dazu, ab 1945 habe es „eine ständige Erweiterung der Anlagen“ gegeben, und erst 1949 habe das Werk seine endgültige Größe erreicht, damals noch außerhalb von Wladimir gelegen, etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und mit einem bis heute genutzten eigenen Bahnanschluß an die Strecke Moskau – Nischnij Nowgorod.

1 photo 2017 01 26 12 04 30Lageplan des CIA vom Traktorenwerk vom 7. März 1950 mit dem damals schon weitgehend aufgelösten Lager für Kriegsgefangene Nr. 7190/1.

Zur Ausstattung des Betriebs gehörten nach Angaben des CIA „große Pressen“, made in USA, „zu schwer für moderne Produktionsbedingungen“. Einige Werkzeuge stellte man auf „kleineren Automaten und mit metallverarbeitenden Geräten“ her, „die aus deutschen Fabriken stammen“. Die Deutschen finden nicht nur als Kriegsgefangene Erwähnung, laut Erkenntnissen der amerikanischen Spionage ließen sich in der ersten Hälfte des Jahres 1948 in Wladimir einige deutsche Ingenieure mit ihren Familien nieder. Sie arbeiteten demnach vor allem in der Chemieindustrie, waren aber auch als Berater im Traktorenwerk tätig. „Für sowjetische Verhältnisse kann man ihre Lebensumstände als ausgezeichnet beschreiben. Sie verdienten mindestens 2.000 Rubel und konnten alles zum Selbstkostenpreis kaufen.“

Im ersten Bericht vom 7. März 1950 ist die Rede von 150 Wachleuten, die u.a. von Türmen herab die Ordnung unter den etwa 4.000 Arbeitskräften wahrten. Erwähnt wird aber auch das sieben Meter hohe Stalin-Denkmal am Werkseingang.

1 photo 2017 01 26 12 04 29Lageplan vom 7. März 1950

Als dann im Februar 1952 ein neuer Bericht zusammengestellt wurde, hatte die Produktion im Drei-Schicht-Betrieb mit 13.000 bis 15.000 Traktoren des Modells Universal II pro Jahr bereits richtig Fahrt aufgenommen. Der dritte Bericht weiß dann schon von einem Frauenanteil der Belegschaft von fast 40% und führt einige leitende Mitarbeiter sogar mit Namen an. Außerdem erlangte man im März 1952 Kenntnis von italienischen und englischen Maschinen, angeschafft vom „Vladimirski Traktorni Zavod imeni Zhdanova“ zur Ergänzung der bereits vorhandenen amerikanischen und deutschen Anlagen. Entgangen ist den Agenten auch nicht, daß die Produktion rasch wieder auf militärische Zwecke umgestellt werden könnte, was dann aber doch nicht geschah, wie wir heute wissen. Was offenbar geheim bleibt, sind die Quellen. Deren Schutz ist wohl Ehrensache der Schlapphüte auch noch nach so vielen Jahren.

Natürlich wurden auch weitere Betriebe, wie das Chemie-, Autozubehör- und Elektrogerätewerk ausspioniert, während erstaunlicherweise jeder Hinweis auf die Wodkabrennerei fehlt, obwohl die doch in Kriegszeiten die unter „Molotow-Cocktail“ bekannt gewordene brennbare Flüssigkeit herstellte. Aber vielleicht wird ja dieses Material noch immer als geheim eingestuft. Das erfahren wir wohl erst nach der nächsten Veröffentlichung. Nicht auszudenken, was heute alles von den Diensten gesammelt wird, in Zeiten, wo sogar vermeintliche Freunde und sogenannte strategische Partner einander ausspähen, was das Zeug hält. Was da später von heute wohl noch alles ans Licht kommen mag? „Das Spionieren, scheint’s, ist deine Lust“, bemerkt denn auch Faust gegenüber Mephistopheles, der zurückgibt: „Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.“ Wie gut, daß es da die Städtepartnerschaft gibt, wo man sich offen austauscht und doch einander auch die Geheimnisse läßt – auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen.


In den Aufzeichnungen eines „provinziellen Bloggers“, wie sich der hier schon des öfteren zitierte Michail Mojsejantschik nennt, ist immer wieder etwas zu entdecken, das überraschende Einblicke in vermeintlich längst bekannte Wladimirer Landmarken schenkt. Der junge Journalist sieht und hält fest, an dem der Passant zumeist vorübergeht.

Michail Mojsejantschik und Elisabeth Preuß, Juni 2016

Michail Mojsejantschik und Elisabeth Preuß, Juni 2016

Während in unseren Breiten schon Frühlingsgefühle sprießen, herrscht in der Partnerstadt noch Bilderbuchwinter mit fast täglich frischem Schnee. Und so ist es denn auch, als wären die folgenden Bilder erst gestern entstanden, auch wenn die Aufnahmen bereits vor fast einem Monat gemacht wurden.

Старый новый год

Die Taufe von Fürst Wladimir I, datiert auf das Jahr 987

Frost und Schnee machen die Basreliefs des neuen Fürst-Wladimir-Denkmals im Stadtzentrum noch kontrastreicher, verleihen ihnen Tiefe und Schärfe.

Старый новый год

Fürst Wladimirs Feldzug gegen Korsun

Gut zu sehen auch hier, wo der Feldzug des Fürsten Wladimir gegen Korsun (Chersones) dargestellt ist, ein Ereignis, das untrennbar mit der Taufe der Kiewer Rus zusammenhängt, als 988 die griechische Stadt auf der Krim eingenommen und die byzantinische Prinzessin Anna mit dem slawischen Eroberer vermählt wurde.

Старый новый год

Die Taufe der Rus

Auf der Aussichtsplattform über dem Steilufer der Kljasma dann ein weiteres, vor zehn Jahren eingeweihtes Denkmal für den Täufer Rußlands, den zwar die Nestorchronik als „von Lastern besessen“ beschreibt und als „unersättlich in seiner Unzucht“ geschildert wird, „indem er sich verheiratete Frauen zuführen ließ und Jungfrauen schändete“, der dann aber, vom Heidentum zur Christenlehre bekehrt, eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durchgemacht haben soll. Glaubenssache eben.

Старый новый год
Schön jedenfalls anzusehen die Schnee-Graffiti, die der nächste Schneesturm zudeckt, der erste Frühlingshauch wegleckt.
Старый новый год
Die Hände sind es übrigens, laut einem russischen Sprichwort, die das Glück schaffen und den Kummer vertreiben. Und Freude machen, wenn sie ihren Gruß so im Schnee hinterlassen.


Mitte Januar, noch unter Barack Obama, veröffentlichte der CIA mehr als zwölf Millionen Seiten von Dokumenten – https://is.gd/AvMUdn – aus dem Zeitraum von 1947, dem Jahr der Gründung des Auslandsgeheimdienstes, bis Mitte der 90er Jahre. Darunter finden sich Positionspapiere, Lageeinschätzungen, Dossiers über Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, statistische Angaben, Interviews, sogar eine Sammlung sowjetischer Witze. Man stößt auf bisher geheime Informationen über Agentenaktionen in Südkorea, Afghanistan, Vietnam und andere Staaten, darunter auch auf dem Gebiet der UdSSR zu Zeiten des Kalten Krieges. In den Fokus der amerikanischen Schlapphüte geriet, besonders in den 50er Jahren, Wladimir mit seinen strategisch wichtigen Objekten, wie etwa dem „Camp for Important Prisoners“, besser bekannt als das Wladimirer Zentralgefängnis, das in einem vom 3. Juni 1954 datierten Bericht auftaucht.

Wladimirer Zentralgefängnis

Wladimirer Zentralgefängnis

Hier hatten schon der Revolutionär Michail Frunse oder der Tyrannensohn, Wassilij Stalin, eingesessen, bevor auch „highranking Nazis“ hinter diesen Mauern eingesperrt wurden. Konkret ist die Rede von Bruno Streckenbach, Obergruppenführer der SS, Feldmarschall Ewald von Kleist, General Maximilian de Angelis.

tsentral

Sperrgebiet

Genannt werden aber auch Russen, Georgier und sogar Japaner, von denen freilich nicht klar ist, womit sie die Aufmerksamkeit der Spione verdienten. Vielleicht ging es da ja auch nur darum, zu zeigen, was man alles herausfinden konnte, zum Beispiel mit dem Hinweis auf elf griechische Partisanen, die auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land via Jugoslawien in die UdSSR gerieten, wo man die Überläufer 1952 – wohl in Taschkent – festsetzte und zu Haftstrafen von drei bis zehn Jahren verurteilte, die sie in Wladimir zu verbüßen hatten. Mit nur sechs Monaten Gefängnis – von Januar bis Juni 1953 – kam ein gewisser Kosta Gomenes davon, der „in Saloniki lebte und dessen Vater Schuhverkäufer war“. Aber auch in Litauen festgenommene Altgläubige und ein italienischer Diplomat, „wohl ein Jesuit“, tauchen in den Listen der CIA auf, die Mitte Mai 1952 feststellt: „Die Disziplin, früher sehr streng, ist abgemildert. Die Häftlinge haben jetzt zum Beispiel die Möglichkeit, ein Buch ins Bett mitzunehmen.“ Für Vergehen gab es einen Verweis, im Wiederholungsfall wurde man „zur Strafe für einige Tage in eine kleine, dunkle Kammer geschickt“. Briefe erhalten durften nur einige wenige und das auch nur aus dem Inland. Ab dem 13. Februar 1953 gestattete man den Verkauf von privaten Gegenständen. Berichtet wird in dem Zusammenhang, „ein deutscher Diplomat, der einen Koffer mit Kleidern bei sich hatte, konnte einen gebrauchten, aber noch guten Anzug für 1.200 Rubel verkaufen“. Von Zeit zu Zeit kamen Sonderkommissionen des Innenministeriums in die Haftanstalt und „gingen von Zelle zu Zelle, um mit jedem zu sprechen, der dazu bereit war.“ Im Februar 1953 befragte man die Insassen, ob die Verpflegung ausreichend sei, ob sie geschlagen werden, wie es mit der Hygiene aussehe… Auch Beschwerden wegen der medizinischen Versorgung wurden wohl vorgebracht, obwohl von den Agenten als „verhältnismäßig gut“ eingestuft: „Ärzte und Krankenschwestern waren immer erreichbar und taten alles, was in ihren Kräften stand“. Allerdings verliefen die Gespräche mit der Kommission unter Aufsicht des Gefängnispersonals, zuständig für die innere Ordnung.

kollazh tsru CIA-Bericht vom 3. Juni 1954

Seltsam nur, daß weitere Erwähnungen des Wladimirer Gefängnisses fehlen, obwohl doch Anfang der 60er Jahre Francis Gary Powers hier festgehalten wurde, nachdem man den Spion am 1. Mai 1960 beim Aufklärungsflug über dem Ural abgeschossen hatte, bevor man ihn gerade einmal zwei Jahre später in Berlin gegen Rudolf Abel austauschte. Erst im Februar 1988 ist wieder in einem Bericht an den republikanischen Senator Robert K. Dornan davon zu lesen, in den zehn Arbeitslagern der Region Wladimir seien ungefähr 15.000 Häftlinge untergebracht.

Fortsetzung folgt.

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