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„Aber der Hauptberuf des Menschen ist doch die Seele. Und der Ertrag – Freundschaft und Kameradschaft! Ist denn das keine Beschäftigung? Menschenskinder!“ Ob Andrej Platonow mit diesen Zeilen aus seinem Roman „Unterwegs nach Tschewengur“ die Profession des Lehrers im Sinn hatte, wissen wir nicht, doch er definierte damit, worauf es ankommt – und was vor allem einem Pädagogen wie Rudolf Schloßbauer gelungen ist, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Rudolf Schloßbauer und die Wladimirer Künstlerin, Natalia Britowa

Kaum auf die damals so kriegerisch-feinseligen Welt gekommen, verlor er den Vater in der Schlacht bei Stalingrad und schon wenig später auch die Heimat im Sudetenland. An der Hand der Mutter verschlug es Rudolf Schloßbauer nach Bubenreuth, wo er 22 Jahre bleiben sollte und wohin er bis heute eine innige Verbindung pflegt, bevor Erlangen und Nürnberg, Bamberg und Waischenfeld zu seiner endgültigen fränkischen Wahlheimat wurden.

Rudolf Schloßbauer und die Deutschlehrerinnen aus Wladimir

Der gelernte Lehrer hat in seiner Zeit als berufsmäßiger Schul- und Sportreferent und Stadtschulrat, später als Ehrenamtsbeauftragter sowie Co-Autor der Satzung und erfolgreicher Einwerber des Grundkapitals für die Bürgerstiftung viel Großes für das Gemeinwesen in Erlangen geleistet. Auszeichnungen wie die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Bürgermedaille der Stadt Erlangen würdigen das vielseitige Schaffen des Jubilars. Doch die Partnerschaft mit Wladimir betrieb der leidenschaftliche Pädagoge mit besonderer Hingabe und gibt damit bis heute als Kriegswaise und Vertriebener ein grandioses Beispiel für Versöhnung. In Rudolfs Schloßbauers Amtszeit fällt schon Anfang der 90er Jahre der Ausbau des Schüleraustausches mit Wladimir. Doch dies allein genügte ihm nicht. Aus seiner Zeit als Deutschdozent in China und der Mitautorenschaft an Sprachlehrbüchern bemerkte er früh, wie wichtig gerade für die Lehrkräfte aus der russischen Partnerstadt der unmittelbare Kontakt zum Gegenstand des Unterrichts ist. Erkannt, getan: Wann immer es Rudolf Schloßbauer möglich war, organisierte er hier wie dort Deutsch-Seminare für die russischen Kollegen, Veranstaltungen, die leider mit seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2000 so nicht fortgesetzt wurden, obwohl von Wladimirer Seite immer wieder angeregt.

Rudolf Schloßbauer mit seinem Freund Alexander Nikolskij und seiner Frau Ingrid

Bei seinem Kernbereich ließ es Rudolf Schloßbauer freilich nicht bewenden. Begeistert für die russische Malerei und Musik freundete er sich mit Künstlern und Sängern aus Wladimir an, half tatkräftig bei der Vermittlung von Auftritten für den Kammerchor Raspew bei dessen erster Franken-Tournee 1996, wurde Mitglied des Fördervereins „Nadjeschda“ und unterstützte vor allem das Erlangen-Haus, zu dessen ersten Mietern er gehörte. Auf seine Anregung geht dort übrigens die Einrichtung einer Nachtwächterstelle zurück, denn er wies, selbst damals nicht ganz wohlauf, berechtigterweise darauf hin, was Gästen und dem Haus alles nachts passieren könnte, wenn niemand da wäre, um Hilfe zu leisten oder Alarm zu schlagen.

Ein schlechter Lehrer beschreibt, ein guter erklärt, ein ausgezeichneter zeigt und ein großer begeistert.

Wer sich so für Wladimir eingesetzt – als Lehrer, aber nie oberlehrerhaft! – und selbst neun Mal die Partnerstadt besucht hat, immer bepackt mit Unterrichtsmaterial, bleibt auch im Ruhestand jederzeit ansprechbar für die Belange des deutsch-russischen Austausches, gleich ob es um Organisatorisches geht oder um eine Zuwendung für eines der Projekte. Ehrensache deshalb auch für ihn, den Deutschlehrerinnen aus Wladimir im Vorjahr seine Erfahrungen mit der Methodik des Fremdsprachenunterrichts näherzubringen. Ein russisches Sprichwort sagt: „Verehre deine Lehrer wie deine Eltern.“ Rudolf Schloßbauer ist so ein Lehrer, der begeistern und prägen kann wie die Eltern, und er gehört zu den Eltern der Partnerschaft mit Wladimir. Wir verdanken ihm viel, und im Namen vieler dankt und gratuliert heute der Blog einem Menschen, der die Seele zu seinem Hauptberuf gemacht.

Zum Wirken von Rudolf Schloßbauer in der Partnerschaft mit Jena gibt es übrigens eine eigene Geschichte unter: https://is.gd/9vn7xv


Bernd Gronau drückt mit wenigen Worten aus, was man wie das Drehbuch der Bürgerpartnerschaft lesen könnte: „Damals kamen unsere Väter nicht bis Moskau. Wenn wir heute in Wladimir sind, bedeutet das: Mit Freundschaft kommt man weiter als mit Gewehren.“ Dietlinde, seine Frau, erzählt von ihrem Vater, der aus der russischen Gefangenschaft ohne Verbitterung, sondern mit viel Sympathie für Land und Leute zurückkehrte. Offenbar wurde da schon etwas grundgelegt, das bis heute nachwirkt. Vor 28 Jahren nämlich meldete sich das Erlanger Ehepaar nach einem Aufruf in der Zeitung und bot zwei Gästen aus Wladimir Quartier. Die beiden, Wera und Wjatscheslaw Koslow tanzten damals beim Folklore-Ensemble „Rus“ und fühlten sich im Hause Gronau sofort heimisch, zumal zeitgleich auch noch eine ältere Dame aus Dresden zu Besuch war, die mit ihren Russischkenntnissen die Verständigung erleichterte. Ein Jahr später kam dann die Sängerin Galina Saïkina hinzu, die damals Mitglied des Akademischen Chors „Elegie“ war, heute in einem Kirchen-Quintett aktiv ist und via Erlangen mit dem Ehepaar Koslow Freundschaft schloß.

Galina Saïkina, Michael Gronau, Christine Jeppich, Wera Koslowa, Sascha Gronau, Dietlinde und Bernd Gronau sowie Wjatscheslaw Koslow

Seither geht es fast im Jahresrhythmus hin und her. „Wir sind schon längst nicht mehr nur Freunde, wir sind eine Familie“, bekräftigt Wera Koslowa, die sich um den tänzerischen Nachwuchs bei „Rus“ kümmert und mittlerweile recht passabel Deutsch spricht, im Notfall aber auch gern die Kommunikation per Internet mit der Gronau-Tochter in den USA nutzt, weil „Dietlinde nicht ständig online ist“. Ohnehin schätzt die große Freundschaftsfamilie mehr den unmittelbaren Kontakt – generationenübergreifend: Sohn Michael war vor sieben Jahren schon einmal in Wladimir und reist nun mit Enkel Sascha im Juli erneut in die Partnerstadt, während Dietlinde und Bernd Gronau auch schon einmal der Tochter ihrer russischen Freunde zur Hochzeit, zu der sie selbstverständlich geladen waren, eine Reise nach Erlangen mit Abstecher nach Paris schenkten. Wie gesagt: Mit Freundschaft kommt man weiter.

Worum es geht


Worum es geht beim Jugendaustausch mit Wladimir, erklärt der BDKJ in einem neuen Faltblatt. Da Deutsche und Russen „anders ticken“, ist der Besuch von Schauplätzen der gemeinsamen Geschichte ebenso vorgesehen wie der von sozialen Einrichtungen und natürlich kirchlichen Institutionen. Vor allem aber seien „die Abende am Lagerfeuer und in der russischen Banja (Sauna)“ wichtig – „oder Tage zusammen im Klettergarten und auf der russischen Datscha (Wochenendhaus) zu verbringen“. Denn daraus entstehen Freundschaften, „die diese Begegnungen über Jahre weitertragen“.

Die nächsten Gelegenheiten rücken schon näher: Vom 14. bis 24. August kommt eine Jugendgruppe aus Wladimir nach Erlangen, und der Gegenbesuch ist für die Zeit vom 30. September bis 9. Oktober geplant. Wer auf deutscher Seite Interesse an einer Teilnahme hat, kann am 17. Juni um 19.00 Uhr zu einem Kennenlern-Treff beim „traditionellen russischen Schaschlik (und Gemüse) im Jugendbüro“ kommen und mehr Informationen erhalten. Eine konfessionelle Bindung ist übrigens nicht erforderlich, zumal russischerseits drei Partner beteiligt sind: die katholische Rosenkranzgemeinde, die orthodoxe Erzdiözese sowie die Universität mit Studenten vor allem aus den Bereichen Philosophie, Sozial- und Religionswissenschaften.

Mehr unter: http://www.bdkj-erlangen.de und bei Facebook JADA Erlangen-Wladimir


Auch in der russischen Sagenwelt gibt es natürlich übernatürliche Wesen wie den Drachen. So hat etwa der Recke Dobrynja Nikititsch sogar den Kampf gegen einen dreiköpfigen Lindwurm aufgenommen – und für sich entschieden.

In Wladimir fühlten sich wohl gestern viele in die gruseligen Märchenstunden ihrer Kindheit zurückversetzt, denn an der Hauptstraße, unmittelbar vor einem stets gut frequentierten Schnellrestaurant, erhob ein aufgeblasenes Monster seine drei zackenbewehrte Häupter und lud kleine Gäste gegen einen Obolus von 150 Rubeln für eine Viertelstunde auf eine Rutschpartie ein.

Doch dem Spuk wurde rasch ein unblutiges Ende bereitet. Auf der Grundlage einer Bestimmung des Gouverneurs aus dem Jahr 2010 nämlich ist es nicht erlaubt, mit zeitlich befristet oder gar dauerhaft aufgestellten Objekten den Gesamteindruck der Altstadt mit ihren historischen Bauten und Kathedralen zu stören.

Der Schausteller zeigte sich wohl einsichtig und kam der Aufforderung der Behörden umgehend nach. Nur wenige Stunden nach der Inbetriebnahme der Attraktion war buchstäblich die Luft schon wieder raus. Es bleiben die Bilder – hier von Zebra-TV – in den Sozialen Medien, amüsante Kommentare und Berichte von einem Kampf, der entschieden war, bevor er überhaupt begonnen hatte, friedlich, ohne Einsatz des Schwertes, mit nur einem Federstrich. Für alle Fälle gut zu wissen: Siegfried der Drachentöter hat nicht minder unerschrockene russische Kollegen, die sich zu helfen wissen.


„Hier hat für mich vor 17 Jahren alles begonnen“, erinnerte sich gestern Jelena Gorbunowa an ihre ersten Begegnungen im Rahmen einer Veranstaltung der Volkshochschule, wo die Leiterin des Klöppelvereins Wladimir mit an diesem selten gewordenen Kunsthandwerk Interessierten Kontakt aufnahm und ihre filigranen Kleinodien erstmals im Ausland zeigte. „Ohne diese Kontakte von damals würden wir heute nicht in ganz Europa unsere Arbeiten zeigen“, fuhr sie fort und meinte dabei die Ausstellung in Spanien, wo ihr Sohn Michail vor kurzem einen Stand auf einer Ausstellung betreute, und ihre eigene Meisterklasse, die sie dieser Tage in Limburg abhielt, bevor die beiden zu einem Kurzbesuch nach Erlangen kamen. Mit neuen Plänen:

Michail Paryschew, Jelena Gorbunowa, Reinhard Beer und Peter Steger. Photo: Nadja Steger

Im Februar 2018 plant Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der VHS, wieder die „Russisch-Deutschen Wochen“ und bietet an, in das Programm auch das Thema „Spitzenklöppeln“ einzubauen – in Form einer Schau aus dem Schaffen des Wladimirer Vereins und eines Kurses, geleitet von der Meisterin ihres Fachs, Jelena Gorbunowa. Mehr soll noch nicht verraten werden, nur so viel: Die Vorbereitungen für die Veranstaltungen laufen bereits an, und die ersten Vorschläge versprechen wieder ein vielseitiges Programm von russischer Geschichte bis zu Literatur und Malerei zum Auftakt des fünfunddreißigjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft.


Mittlerweile gibt es schon ein Logo für den Halbmarathon, den es am 10. September in Wladimir zu laufen gilt, den ersten in der Sportgeschichte der Partnerstadt. Fünf Anmeldungen zum fürstlichen Lauf sind bisher aus Erlangen eingegangen. Immerhin. Aber ein wenig mehr dürfen es schon werden.

Halbmarathon „Fürstenpokal“

Darum nochmals hier der Aufruf, sich möglichst bald bei peter.steger@stadt.erlangen.de wegen Details der Reise vom 7. bis 11. September zu melden. In den Tagen vor Ort ist natürlich auch ein Besichtigungsprogramm vorgesehen, denn der Mensch lebt nicht vom Laufen allein. Anmeldeschluß ist der 30. Juni. Siehe auch: https://is.gd/wGthgI


Die Freude an der gestrigen Museumsnacht verdüsterte ein Streit, der in der russischen Partnerstadt derzeit auf offener Bühne ausgetragen wird. Es geht um den gesetzlich verbürgten und nun von der Erzdiözese eingeforderten Anspruch auf Rückübereignung von Gotteshäusern, die sich bisher noch in staatlichem Besitz befinden und für weltliche Zwecke genutzt werden. In der Region Wladimir sind davon acht Objekte betroffen, die bisher dem Landesmuseum für Ausstellungen zur Verfügung standen, darunter auch das Goldene Tor, das Wahrzeichen der einstigen Hauptstadt der Rus mit seiner kleinen Turmkapelle, in dem heute das Panorama des Mongolensturms und eine Waffensammlung zu sehen sind.

Ausschnitt aus dem Panorama im Goldenen Tor

Die Aufregung ist verständlicherweise groß: Das Museum fürchtet um zentrale Einrichtungen und Flächen, die man in jahrzehntelanger Arbeit renoviert, gestaltet und mit berechtigtem Stolz präsentiert hatte. Wohin mit all den Exponaten, wo die vielen Ausstellungen unterbringen? Man wird am Ende wohl Kompromisse für eine Doppelnutzung finden müssen, wie er sich bereits für das Goldene Tor abzeichnet, wo die Kirche tatsächlich nur die Kapelle für sich beansprucht, keineswegs das ganze Gebäude, das zum UNESCO-Kulturerbe zählt. Kompromisse, wie man sie andernorts auf der Welt längst kennt, wenn etwa ein Dom für die Touristen während eines Gottesdienstes geschlossen bleibt, ansonsten aber durchaus als Monument der Geschichte zur Besichtigung offensteht. Ein Vierteljahrhundert nach den sieben Jahrzehnten der staatlich verordneten Gottlosigkeit holt die russische Gesellschaft das Erbe des Atheismus ein. Die Vergangenheitsbewältigung hat gerade erst begonnen, und die Unterscheidung der Geister ist fürwahr desto schwieriger, je näher man ihr kommt.

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