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Das war gestern ein echter Marathon: Fast neuneinhalb Stunden dauerte die bis dato vielleicht längste Deutschstunde der Welt und reichte über alle elf Zeitzonen der Russischen Föderation hinweg, von Chabarowsk bis nach Kaliningrad.

21 Deutschlernzentren; Partnerschaft mit dem weltweit führenden Lehrinstitut für die deutsche Sprache

Zugeschaltet waren alle 21 Sprachlernzentren des Goethe Instituts Moskau und teilweise auch deren Außenstellen von Irkutsk über Krasnojarsk, Kemerowo, Tomsk, Nowosibirsk, Nowosibirsk-Akademgorodok, Barnaul, Omsk, Jekaterinburg, Ufa, Togliati, Samara, Wolschskij, Wolgograd, Rostow am Don, Saratow, Nischnij Nowgorod, Jaroslawl, Sergijew Possad, Kaliningrad – und natürlich Wladimir.

Deutschlandjahr in Rußland

Leider spielte die Zentrale in Moskau die Beiträge aus Wladimir nicht, wie ursprünglich vorgesehen und im Blog gestern angekündigt, ab 16.00 Uhr en bloc ein, sondern die kurzen Stellungnahmen aus dem Erlangen-Haus erschienen verteilt, jeweils nach ca. der 4., 5., 6. und 7. Stunde.

Irina Chasowa, Direktorin der Stiftung Erlangen-Haus (Sprachlernzentrum Wladimir); das rote Ausrufezeichen markiert den Chat-Gruß von Georg Kaczmarek

Nicht jeder wird sich die Zeit genommen haben, den virtuellen Parforceritt durchs ganze weite Land zu verfolgen, aber Georg Kaczmarek machte sich gestern die Mühe und belohnt uns dankenswerterweise mit seinen Momentaufnahmen aus der Direktübertragung.

Natalia Dumnowa, Dozentin am Erlangen-Haus, und Irina Chasowa

Zu hören war natürlich die Leiterin des Erlangen-Hauses, Irina Chasowa, zu Wort kamen aber selbstverständlich auch Tatjana Kirssanowa, die Koordinatorin der Deutschkurse, und ihre Mitarbeiterinnen sowie (ehemalige) Hörer, die bereits ihre Spuren in der Partnerschaft und im Blog hinterlassen haben.

Andrej Schebankow, Hörer am Erlangen-Haus
Jewgenij Nikolajew, ehemaliger Hörer am Erlangen-Haus
Natalia Korssakowa, Dozentin am Erlangen-Haus
Sergej Trojnitsch, ehemaliger Hörer am Erlangen-Haus
Tatjana Kirssanowa, Leiterin der Sprachkurse am Erlangen-Haus
Mit Deutsch durch ganz Rußland!

Wer hier klickt, kann noch einmal das russische Großepos der deutschen Sprache, den Auftakt zum Deutschlandjahr, nacherleben und ein kurzes Wiedersehen mit Wladimir feiern. Mehr kann man sich in Zeiten von Corona doch gar nicht wünschen.


Auf den Tag genau zwölf Jahre ist es her, seit der Blog in den unendlichen Weiten des Internets Gestalt annahm und seither nach bestem Wissen und Gewissen Zeugnis über die Zeitläufte und Geschehnisse der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir in Form einer täglichen „Chronik der laufenden Ereignisse“ ablegt, fast schon so lange also wie das unter diesem Titel von Menschenrechtlern herausgegebene Informationsbulletin, das von 1968 bis 1983 erschien. Wäre der Blog ein in einer gut katholischen Familie aufgewachsenes Kind, stünde jetzt bald die Firmung an, jenes Sakrament der Bekräftigung des Glaubens und des Aufrufs zur Verkündigung, weltlich angereichert mit einem Geschenk des Firmpaten. Womit wir bereits beim gestrigen Aufruf des Blogs wären. Auf den hin meldete sich nämlich schon ein Student der Berufsfachschule 2 am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde mit Erstsprache Russisch:

Seit etwa vier Jahren spreche ich regelmäßig mit Muttersprachlern, welche ich auf einschlägige Internetseiten finde. Zunächst sprechen wir immer 30 Minuten ausschließlich in Russisch, anschließend 30 Minuten in Deutsch. Als Kommunikationsmittel nutzen wir Skype. Zu einer Muttersprachlerin aus Nischnij Nowgorod hat sich mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Wir lernen seit etwa zweieinhalb Jahren zusammen Russisch bzw. Deutsch. Trotz dieses absoluten Glückstreffers ist es schwierig, über das Internet einen zuverlässigen Lernpartner zu finden. Daher erhoffe ich mir, über diesen Austausch einen Lernpartner zu finden, mit dem ich mein Russisch verbessern und vielleicht sogar eine weitere Freundschaft schließen kann. Ich möchte Sie bitten, Kontakt nach Wladimir herzustellen.

Sergej Gostjew

Was sollte dem Blog besser zum Geschenk gereichen als eine solche Zuschrift, möchte man meinen, aber damit nicht genug: Am 14. September meldete sich via http://www.facebook.com/peter.steger.5492 ein bis dato im Rahmen des Austausches völlig unbekannter Musiker mit Namen Sergej Gostjew mit dem Vorschlag als Multiinstrumentalist, zu Hause in der World Music, etwas für die Städtepartnerschaft zu tun. Für den Anfang würde er sich über die Zusendung von Noten bekannter deutscher Volkslieder freuen. Nun hören Sie einmal, was der Künstler, der dieser Tage ein Kammerkonzert im Erlangen-Haus geben will, daraus für ein Geburtstagsständchen für den Blog zaubert:

Und schließlich, wie bestellt, schrieb auch noch Jelena Gromowa an den Redaktionsleiter, ohne vom heutigen Blog-Jubiläum zu wissen, wie um die Drei vollzumachen, die laut einem russischen Sprichwort Gott so liebt:

Jelena Gromowa (links unten im Bild) und Inge Taubald (rechts im Bild)

Jedes Mal, wenn ich an meine Freunde aus Erlangen denke, an Inge und Helmut Taubald, erinnere ich mich auch an Sie als jenen Menschen, der seit mehr als 30 Jahren, von den ersten Tagen meiner Bekanntschaft mit Gästen aus der Partnerstadt im März 1988 in Wladimir an, als guter Begleiter und Gefährte in Erscheinung trat und uns das Wertvollste schenkte, was wir Menschen im Leben haben, – seine kostbare Zeit, seine Anteilnahme, sein Mitgefühl, sein Mitwirken an unseren Unternehmungen, Reisen, Sorgen und Freuden.

Die Briefe und Karten, die Sie mir immer von Inge Taubald weiterleiten, sind unschätzbar und stellen den größten Schatz in meinem Leben dar (…). Ihr seid meine Engel, ein Geschenk des Himmels, nicht nur für mich, sondern für alle, die diese Gabe der schlichten zwischenmenschlichen Verständigung verstehen, ohne Boshaftigkeit, Neid, Mißgunst und andere Laster. Dank an Euch alle, die Ihr in meinen Erinnerungen und in meinem Herzen lebt. Ich hoffe, wenn die Welt sich wieder normal dreht und wie ein Fluß in sein Bett zurückkehrt, werden wir mit einem eigenen Oktoberfest unsere Wiedervereinigung feiern können! Alles Gute für Euch, Gesundheit und ein langes Leben wünscht Jelena Gromowa.

Und wie das so ist in dieser immer wieder erstaunlichen Partnerschaft: Soeben geht noch eine E-Mail von Tatjana Kirssanowa, der Koordinatorin der Sprachkurse am Erlangen-Haus, ein. Die Dozentin wird heute im Rahmen der Eröffnung des Deutschlandjahrs während der ganztägigen „Längsten Deutschstunde“ auf dem youtube-Kanal https://is.gd/5Hlwew, veranstaltet vom Goethe Institut Moskau, um 16 Uhr MEZ, zu sehen und zu hören sein. Schalten Sie sich doch einfach dazu, gern auch schon früher.

Jetzt aber zum guten Ende noch der verdiente Dank an die geneigte Leserschaft und deren ungezählte Beiträge zum Gelingen des Blogs, der vorgestern 813 und gestern 552 Aufrufe hatte. Mit dem heutigen Eintrag zählt die Statistik 4.603 Artikel und 1.450 Kommentare. Doch im Blog sind ja nicht Zahlen und Figuren die Schlüssel aller Kreaturen, sondern hier fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort. Belassen wir es also dabei für heute. Bleiben Sie der Städtepartnerschaft und dem Blog auch und gerade in dieser schweren Zeit der Pandemie gewogen. Halten Sie den Kontakt zu Wladimir, denn er ist ein Schatz, wie Jelena Gromowa stellvertretend für die vielen anderen sagen würde.


Am späten gestrigen Nachmittag, also am Vorabend des heutigen Europäischen Tags der Sprachen, lud der Euroklub Wladimir zu einer Zoom-Konferenz ein, zu der aus Jena der Slawistikstudent Lukas Altmann sowie der Freiwillige Jewgenij Sacharjewitsch und aus Erlangen Oxana Löscher, Leiterin der Abteilung Russisch am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, sowie der Partnerschaftsbeauftragte Peter Steger zugeschaltet waren.

Oxana Löscher

Im Plenum, moderiert von Jelena Guskowa, der Leiterin des Euroklubs, war man sich rasch einig: Ohne Fremdsprachen geht heute nichts mehr in der Welt, gleich ob in der Wirtschaft oder im kulturellen Austausch. Wissenschaftlich, pädagogisch und in der praktischen Anwendung – sei es im Gespräch oder beim Dolmetschen – untersuchte die virtuelle Tagung die verschiedenen Facetten aus der jeweiligen Erfahrung. Dabei war man sich in einem einig: Man kann gar nicht früh genug anfangen, Kinder an Fremdsprachen heranzuführen, wenn man nicht gleich die Möglichkeit zur bilingualen Erziehung haben sollte.

Lukas Altmann und Jewgenij Sacharjewitsch

Zu wenig leider kamen die jungen Leute im Publikum zu Wort. Dabei – und das erwies sich dann gegen Ende der Diskussion – ging es doch hauptsächlich um sie. Ihr Wunsch lautet nämlich, nachdem die Freiwilligen aus Jena mit ihren Sprachangeboten coronabedingt ausbleiben, über das Internet Verbindung nach Jena und Erlangen aufnehmen zu können, um ihr Deutsch zu praktizieren.

Jelena Guskowa und ihr Euroklub

Oxana Löscher nahm diesen Aufruf freudig auf und zeigte sich überzeugt, in den Russischklassen interessierte Jugendliche für diese Art des Austausches zu finden. Auch in Jena will man sich dazu Gedanken machen. Der Blog wendet sich daher an alle Leser in Erlangen mit der Bitte, sich zu überlegen, ob nicht jemand bereit sein könnte, alle zwei Wochen einmal (gern auch öfter) als Sprachpate solche Gespräche mit jungen Leuten aus der Partnerstadt zu führen. Ohne Lehrbuch, ohne Lehrplan, einfach drauflosreden, damit die jungen Leute nicht aus der Übung kommen. Freiwillige vor und bitte per Kommentar hier oder direkt bei peter.steger@stadt.erlangen.de melden. Was könnte schöner sein, als in Zeiten der Pandemie eine solche Sprachbrücke nach Wladimir zu bauen! Die virtuelle Zusammenkunft wurde übrigens aufgezeichnet und kann auf Wunsch später zur Verfügung gestellt werden.

Die Wahlanalyse


Als Ergebnis der Kommunalwahlen gewann Einiges Rußland alle 25 Sitze im Stadtrat von Wladimir – zum ersten Mal in der postsowjetischen Geschichte der Partnerstadt. Die Wirkung dieses Ergebnisses zeigte sich bei der konstituierenden Sitzung: Nikolaj Tolbuchin wurde in weniger als einer Minute zum Ratsvorsitzenden gewählt, und Andrej Schochin erhielt zum dritten Mal in Folge die Schlüssel zur Macht in die Hand. Der Blog berichtete darüber gestern.

Auf Anfrage von Zebra TV erläuterte nun der auch in Erlangen bekannte Dmitrij Petrosjan, Doktor der Philosophie, außerordentlicher Professor des Lehrstuhls für soziale und geisteswissenschaftliche Disziplinen der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Soziologie und Geisteswissenschaften und Direktor des „Zentralen Russischen Beratungszentrums“, die Ergebnisse des Wahlkampfs und zog die Schlußfolgerungen für alle, die an den politischen Prozessen in Wladimir beteiligt sind.

Dmitrij Petrosjan (rechts im Bild) bei einem Empfang mit für eine Wissenschaftlerdelegation mit Bürgermeisterin Elisabeth Preuß im Dezember 2019

Für diejenigen, die die Wahlen seit langer Zeit beobachten, ist nichts Unerwartetes geschehen. Zumindest, weil Ende 2019 die Abstimmung via Parteilisten durch die Abstimmung in Ein-Mitglieder-Wahlkreisen ersetzt wurde. Wie die Praxis der letzten Jahre zeigt, siegen in solchen einsitzigen Wahlkreisen traditionell die Vertreter der Partei Einiges Rußland. Ich erkläre dies damit, daß sie als Personen mit politischem Hintergrund oder solider Führungserfahrung antreten. Sie werden dem Wähler als Menschen mit Macht präsentiert, denen man vertrauen kann. Jeder, der sich gegen sie stellt, sieht hingegen wie ein Emporkömmling aus, was typisch für unsere politische Kultur ist.

Die Abstimmung über Parteilisten würde Kommunisten, Vertreter der Liberaldemokratischen Partei in den Stadtrat bringen, möglicherweise auch von Gerechtes Rußland und Jabloko. Gleichzeitig müssen wir, wenn wir über den Sieg von Einiges Rußland sprechen, bedenken, daß keiner der siegreichen Kandidaten, unterstützt von der Regierungspartei, in seinen Werbematerialien dem Wähler erklärt hat, mit wessen Unterstützung er antritt. Erst im Wahllokal, wurde klar, daß der Kandidat Einiges Rußland vertrat. Offenbar wird das Ansehen der Partei als zu niedrig angesehen, obwohl es sich dabei eher um ein Stereotyp handelt. Das Ansehen der Partei ist zwar tatsächlich zu niedrig, um eine Mehrheit über die Listen zu erhalten, aber in allen Umfragen würden 30-35% der Wähler für Einiges Rußland stimmen.

So oder anders wurde der Sieg in den Wahlkreisen mit einem Einzelmandat errungen, was vorhergesagt und wohl auch so geplant war. Reden wir nicht von Fälschungen ohne Beweise, obwohl all dies so meinen: Wahlen, die drei Tage dauern, sind für Beobachter äußerst schwer zu kontrollieren. Aber nehmen wir eine rein technologische Frage. Die niedrige Wahlbeteiligung hat bereits Tradition: Die 18% Wahlbeteiligung hatten wir nicht zum ersten Mal. Dies ist unter anderem das Ergebnis der Boykottstrategie, die bei früheren Wahlen wiederholt angewandt wurde, hat aber auch zu tun mit der Apathie und dem Mißtrauen der Wähler in Sachen freier Wahlen, ist ein Spiegelbild dessen, daß man meint, die eigene Stimme entscheide ohnehin nichts.

Gleichzeitig können wir nicht sagen, unser Volk sei unpolitisch und 80% der Wähler hätten kein Interesse an dem, was geschieht. Nein, sie sind interessiert, aber erinnern wir uns einmal, wie der Wahlkampf aussah. Ich bin jemand, der beruflich politische Prozesse beobachtet, aber selbst ich mußte auf eigene Faust Informationen über die Kandidaten recherchieren, danach suchen, was sie tun, wer von welcher Partei kommt und wer in welchem Wahlkreis nominiert ist. Im Aufzug des Hauses, in dem ich wohne, war immer das Porträt eines Vertreters von Einiges Rußland zu sehen, aber weder ein kommunistischer noch ein Kandidat der Vereinigten Demokraten tauchten in meinem Hof auf.

Junge Menschen versuchten, in sozialen Netzwerken Wahlkampf zu machen, aber es wurde nur ein Appell an ihre Unterstützer. Sie wandten sich überhaupt nicht an jene Menschen, die sie nicht kannten und zum ersten Mal ihren Namen sahen. Bei all dem Gerede über administrative Ressourcen, über mögliche Verfälschungen, rein technologisch haben unser System und die nichtsystemischen Oppositionellen es nicht verstanden, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Sie können weder ihr Elektorat genau definieren, noch dessen Größe bestimmen, und erst recht bringen sie ihre Wählerschaft an die Urne. Das ist ziemlich offensichtlich. Eine Person, die nicht speziell an politischen Prozessen interessiert ist – und wir haben mindestens die Hälfte davon -, wo soll so jemand etwas über die Kandidaten der Opposition, ihre Programme, für das, was sie stehen und was sie vertreten, in Erfahrung bringen. Das ist eine altbekannte Sache – im voraus zu verlieren. Unsere systemische Opposition – die Kommunisten oder die Liberaldemokraten – weiß, wie man sich an Wahlen beteiligt, und sie weiß, wie man es richtig macht. Doch der nichtsystemischen Opposition fehlt wahrscheinlich die Erfahrung, wie sie in den unterschiedlichen Wählerschichten Stimmen fangen kann.

Ob es Diskussionen im Stadtrat geben wird, oder ob er einstimmig wie nie zuvor sein wird, hängt davon ab, wie sich die sozioökonomische und politische Situation im Land und in der Region in den kommenden Jahren und vielleicht Monaten entwickelt, ob es neue Herausforderungen gibt, wie sich die Situation mit Corona entwickelt. Es ist klar, daß die Stadtratsmitglieder jetzt als Einheitsfront auftreten, außerdem ist das Amt des Ratsvorsitzenden nicht mehr so bedeutsam wie noch vor kurzem, und es besteht innerhalb der Partei ein Konsens über den Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters. Obwohl sich selbst hier, wie Sie wissen, der vielleicht letzte aktive Politiker in der Region Wladimir, Sergej Kasakow, eingemischt haben könnte und der nun ein Gerichtsverfahren mit dem Ziel angestrengt hat, die Wahl des Stadtoberhaupts zu annullieren.

Das Problem mit den Ergebnissen dieser Wahl – bei einer so niedrigen Wahlbeteiligung von 18% und 100% der Sitze einer Partei im Stadtrat – liegt darin, daß sie eine ihrer wichtigsten Funktionen nicht erfüllen: die Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen zum Ausdruck zu bringen. Wir wissen wirklich nicht, was die politischen Präferenzen der 80% sind, die nicht zur Abstimmung gingen. Wir haben im Stadtrat keine Vertretung derjenigen, die andere Parteien und andere Politiker unterstützen. Probleme und Widersprüche zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen – wirtschaftlich, sozial, beruflich – haben sich ja nicht in Luft aufgelöst und werden sich früher oder später manifestieren. Deshalb gibt es ja eine republikanische Regierungsform mit Wahlen und Räten. Heute haben wir einen Stadtrat, der durch seine Struktur nicht die tatsächlich existierende Fülle der Ansichten der Bürger widerspiegelt.

Nun zum Oberhaupt der Stadt. Wenn Andrej Schochin die Direktwahl des Oberbürgermeisters wiederherstellt, wie er vor der Wahl sagte, wäre seine Wahl für eine neue Amtszeit, wie ich glaube, gerechtfertigt. Seine Effizienz sollte danach beurteilt werden, wer was vom Chef der Kommunalverwaltung erwartet. Aus Sicht des Machtwechsels wäre es gut, einmal einen anderen Menschen zu sehen, es kommt ja in der Gesellschaft immer zu Veränderungen, neuen Entwicklungsimpulsen, und die Menschen leben damit, daß es eine gewisse Bewegung gibt, und sie fangen an, ihre eigene Verantwortung dafür zu spüren, wie die Macht funktioniert.

Gleichzeitig wird, wie soziologische Untersuchungen zeigen, die Tätigkeit von Andrej Schochin nicht geringer eingeschätzt als die anderer Führungspersönlichkeiten. Deshalb haben viele Menschen nicht so recht verstanden, warum er hätte ausgewechselt werden sollen. Ein ausreichend großer Anteil der Stadtgesellschaft, insbesondere der unpolitische, wird im Prinzip sagen, die Stadt entwickle sich und stehe sehr gut da, vor allem im Vergleich zu vielen anderen Städten. Wenn wir jetzt direkte Bürgermeisterwahlen gehabt hätten, hege ich unter diesem Gesichtspunkt wenig Zweifel daran, daß Andrej Schochin gute Chancen gehabt hätte, sie zu gewinnen. Als die Direktwahlen abgeschafft wurden (2010 – Anm. d. Red.), hatten weder Andrej Schochin noch Sergej Sacharow eine Chance, gegen Alexander Rybakow zu gewinnen. Nun hat sich Andrej Schochin als ein sehr effektiver Manager erwiesen, und Versuche, ihn der Korruption zu beschuldigen, hinterließen in der Bevölkerung keinen Eindruck.


Er galt natürlich als der gegeben Favorit für den Posten des Stadtoberhaupts, gestern bei der konstituierenden Sitzung des Mitte des Monats gewählten Stadtrats mit seinen 25 Mitgliedern, die ausnahmslos alle, darunter sechs Frauen, der Partei Einiges Rußland angehören. Andrej Schochin leitet ohnehin seit 2011 als Oberstadtdirektor die Geschicke Wladimirs und empfahl sich dem Kommunalparlament in seiner Bewerbungsrede als jemand, der bei maximaler Bürgerbeteiligung weiter daran arbeiten wolle – wie schon in den vergangenen neun Jahren – , den Lebensstandard aller zu erhöhen. Dazu beabsichtige er, den Mittelstand zu fördern, die Infrastruktur zu verbessern und den urbanen Raum schöner zu gestalten.

Andrej Schochin

Die beiden Mitbewerber um das Amt, der Vizerektor der Universität, Lew Loginow, und der wirtschaftsliberale Verleger mit Sitz im Regionalparlament, Sergej Kasakow, schieden bereits in der ersten Runde aus. Auf Andrej Schochin entfielen bei einer Enthaltung alle Stimmen der 23 anwesenden Mitglieder des Stadtrats. Hiermit fungiert der 1961 in Wladimir geborene gelernte Mathematik- und Physiklehrer als Chef der Verwaltung und als protokollarischer Vertreter der Partnerstadt, anders als in Erlangen allerdings nicht zugleich als Vorsitzender des Stadtrats. Auf diesen Posten wurde – ebenfalls einstimmig und sogar ohne Enthaltung – Nikolaj Tolbuchin gewählt.

Nikolaj Tolbuchin

Damit sind die politischen Weichen für die nächsten fünf Jahre in Wladimir gestellt. Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik gratulierte seinem Kollegen bereits und lud ihn baldmöglichst zu einem Besuch ein. Da Andrej Schochin die Städtepartnerschaft seit seinem bisher einzigen Besuch in Erlangen zur Tausendjahrfeier die Partnerschaft kennt, darf man in der guten bisherigen Tradition auf eine Kontinuität der Beziehungen hoffen.


Das autonome Fahren ist auf russischen Straßen schon viel weiter verbreitet, als man das gemeinhin hierzulande weiß und wahrnimmt. Die Treiber der verkehrstechnischen Zukunftstechnologie sind etwa der Internetkonzern Yandex, der Bushersteller Volgabus mit Werk in der Region Wladimir oder der Lkw-Produzent Kamaz.

Yandex – Fahrerloses Auto

Nun war dieser Tage – oder besser in der Nacht, weil da das Verkehrsaufkommen geringer ist – erstmals landesweit ein Transporter mit einer Tonne Gemüse auf der Strecke von Wladimir nach Moskau unterwegs. Wie Gouverneur Wladimir Sipjagin persönlich mit berechtigtem Stolz berichtet, sei die störungsfreie Fahrt von einem Techniker hinter dem Steuer überwacht worden, der auf der ganzen 240 km langen Strecke bis zum Ziel kein einziges Mal habe eingreifen müssen. Für die Zustellung hatte der Empfänger 1.500 Rubel zu bezahlen; wäre es rechtlich bereits möglich, die Fuhre ganz ohne menschlichen Einsatz abzuwickeln, hätten die Kosten unter 1.000 Rubel gelegen. Für die Zukunft also ein durchaus lohnendes Geschäftsmodell.

Mehr zum Stand der russischen autonomen Verkehrstechnik unter: https://is.gd/TLxiJD


Im Sommer vergangenen Jahres arbeiteten drei Künstler aus Wladimir im Skulpturenpark Tennenlohe. Heuer fiel das Symposium aus bekannten Gründen aus, internationale Gäste hätten nicht anreisen können. Da tröstet immerhin ein Besuch auf dem Gelände, wo Gertrud Reich-Schowalter und Dietrich Puschmann vom Kunstkreis Tennenlohe diesen Sommer über die passenden Standorte für die russischen Skupturen suchten und fanden.

Gerturd Reich-Schowalter und Dieter Puschmann mit der Arbeit von Igor Tschernoglasow

Die Arbeit von Igor Tschernoglasow fand ihren Platz unter den Augen des Schutzengels von Kirill Wedernikow, und die Verliebten von Sergej Tschernoglasow umarmen einander auf einer Grünfläche gegenüber der Sparkasse.

Der Schutzengel von Kirill Wedernikow

Am besten machen Sie sich aber selbst nach Tennenlohe auf und erfreuen sich an diesen und all den weiteren Skulpturen und Figuren.

Bleibt noch der Dank an die Firma Bärnreuther & Deuerlein Schotterwerke, die aus ihrem Werk in Gräfenberg die beiden Steine für die letztjährige „Fiesta“ für einen geradezu lächerlich günstigen Betrag zur Verfügung stellte.

Siehe auch: https://is.gd/oj42Mw


Unter dem Pseudonym Lainalice schafft Alissa Runowa in Wladimir eine Traumwelt, bewohnt von Elfen und Feen, die den Betrachter ganz Auge werden lassen.

Alissa Runowa alias Lainalice

Fortsetzung folgt.


Im Landkreis Alexandrow der Region Wladimir liegt die nicht weiter bemerkenswerte Kleinstadt Karabanowo. Doch in ganz in der Nähe des Orts liegt ein geheimnisumwittertes und einzigartiges Naturdenkmal, der Hexenkessel.

Zwischen Feldern und Ebenen tut sich da unvermutet ein kreisrunder Trichter mit einem Sumpf auf seinem Grund auf. Überdies kann man hier etwas Ungewöhnliches beobachten: Das Wasser – ganz unabhängig von Niederschlägen – verschwindet manchmal und tritt dann wieder zu Tage. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, hier sei vor Jahrmillionen ein Meteorit niedergegangen; somit könnte die ganze Anomalie des Ortes mit den Metallablagerungen tief in der Erde zusammenhängen.

Aus der Mitte des größtenteils schon verlandeten Tümpels ragt ein kleine Insel hervor, die Ufer sind mit Gestrüpp und Bäumen bestanden.

Geologisch betrachtet, handelt es sich bei dem Landschaftsschutzgebiet um ein Karstphänomen, wie auch an einigen anderen Stellen der Region zu beobachten, das sogar zur Verhinderung des Baus eines Atomkraftwerks bei Murom führte. Dies könnte auch erklären, warum von Zeit zu Zeit das Wasser verschwindet: Über unterirdische Korridore fließt es in die Pitschkura, in dessen Wasser das Geheimnis des Hexenkessels über die Moloktscha und Scherna schließlich in die Kljasma strömt. Und von da… Aber das wissen Sie schon selber.

Freiwillige vor


Nun ist es amtlich: Auch in der Region Wladimir ist der vom nationalen Gamalei-Zentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelte Impfstoff „Sputnik V“ eingetroffen und soll nun – ungeachtet wissenschaftlicher Bedenken auch russischer Fachleute – in der Partnerstadt medizinischem Personal verabreicht werden. Auf freiwilliger Basis. Zwei Pikser im Abstand von drei Wochen sollen dann vor einer Ansteckung mit Corona schützen. Gleichzeitig will man in dieser Testphase auch die Belastbarkeit der Lieferkette für das weltweit erste Präparat dieser Art prüfen, an dem ja auch schon Indien, Venezuela, Mexiko, Brasilien und andere Länder Interesse bekunden. Der wohlwollende Laie kann da nur weiter viel Gesundheit wünschen.

Der Wunsch macht sich auch an den aktuellen Zahlen fest: Mittlerweile sind nämlich 200 Todesfälle in der Region Wladimir zu beklagen, täglich kommen über 30 – gestern waren es 33 – neue Ansteckungen hinzu, seit einiger Zeit stets mehr, als wieder genesen. Zum 18. September lag dieses Mißverhältnis bei 33 : 18. An aktiven Infektionen zählte die Statistik gestern 916. Dennoch glaubt das Gesundheitsamt, die Lage im Griff zu haben. Mehr noch: Am Montag soll sogar das in der Regionalklinik eingerichtete Covid-19-Krankenhaus geschlossen werden, um dort zum Normalbetrieb zurückzukehren. Sorgen bereiten freilich – wie ja auch hierzulande – die Urlaubsrückkehrer aus der Türkei oder aus Tunesien, Ägypten, von den Malediven… Sie sind ja verpflichtet, sich auf eigene Kosten – sofern sie nicht bereits als infiziert oder als Kontaktpersonen eingestuft werden – testen und in ein Melderegister eintragen zu lassen. Das tun natürlich nicht alle, und so droht nun aktuell 91 Urlaubern eine Geldbuße in Höhe von 14.000 bis 15.000 Rubel, die sich im Falle einer Gesundheitsgefährdung anderer auf 150.000 bis 300.000 Rubel erhöhen kann. Acht geben auf sich und andere, das gilt also nach wie vor und hier wie dort!

P.S.: Rußland nimmt nun auch mit Weißrußland, Kasachstan und Kirgisien die Flugverbindungen wieder auf. Und seit dem 4. September liegen die Neuinfektionen wieder bei über 5.000 Fällen täglich und nähern sich rasch der Marke 6.000.

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