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Vor 30 Jahren um dieses Zeit liefen die Vorbereitungen auf das erste Verwaltungs- und Wirtschaftsseminar in Wladimir auf Hochtouren. Ziel war es, die Fachleute aus Politik und Geschäftswelt in der russischen Partnerstadt – übrigens unter Einbeziehung der Erfahrungen aus Jena – auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Strukturen und Institutionen im wiedervereinten Deutschland vorzubereiten und die eigenen Abläufe in Ökonomie und Administration an die neuen Herausforderungen anzupassen. Inwieweit das gelang, schildert Jurij Woskobojnik, Stadtrat von 1990 bis 2006, in seinem kurzen Bericht.

Jurij Woskobojnik, Igor Schamow, Rudolf Schwarzenbach und Peter Steger beim Wirtschaftspicknick im Wald bei Wladimir 1992

Zum ersten Mal war ich 1991 mit Oberbürgermeister Igor Schamow und Wirtschaftsreferent Jurij Wlassow im Rahmen einer großen Delegation in Erlangen, um an den Wladimirer Kultur- und Sporttagen teilzunehmen. Damals ging es im Austausch zwischen unseren Städten hauptsächlich um kulturelle und sportliche Begegnungen sowie humanitäre Hilfe. Ich hingegen war Unternehmer und saß im Stadtrat dem Wirtschaftsausschuß vor, der sich besonders mit den neuen Formen der Ökonomie beschäftigte. Damals kam dann auch der Gedanke auf, die Wirtschaft Erlangens und seiner Umgebung in unsere Städtepartnerschaft einzubeziehen. Es gab zwar bereits erfolgreiche Kontakte, entstanden nach der ersten Unternehmerreise nach Wladimir 1989, geleitet vom damaligen Wirtschaftsreferenten Siegfried Balleis, für die Namen wie Manfred Dauter und Otmar Krafft stehen, aber wir hatten noch keine rechte Vorstellung, wie Handelsbeziehungen funktionieren sollten. Und so gab mein Besuch den Anstoß zu einer vertieften Zusammenarbeit, die uns das theoretische wie praktische Werkzeug an die Hand geben sollte, um erfolgreich mit deutschen Firmen zu kooperieren. Und so ganz nebenbei schufen wir damit eine weitere Möglichkeit, einander auch menschlich besser kennenzulernen. Man könnte nun all die vielen gemeinsamen Veranstaltungen aufzählen, doch das könnte für die Leser zu trocken werden. Deshalb beschränke ich mich auf das Resümee: Ohne diese Begegnungen, Seminare und Gespräche in freundschaftlich-partnerschaftlicher Atmosphäre hätte ich nie und nimmer meine Pläne einer Zusammenarbeit mit der Wirtschaft in Bayern verwirklichen können. Und dabei rede ich noch gar nicht von den vielen zwischenmenschlichen Brücken, die damals schon gebaut wurden und bis heute stehen.

Jurij Woskobojnik


Im November 2018 verstarb Fritz Wittmann https://is.gd/3DguV7, der große Versöhner zwischen Deutschen und Russen. Nun stellte dieser Tage seine Tochter, die Sängerin und Stimmbildnerin Johanna Sander https://is.gd/TwajcA, die Verbindung zu ihrem Onkel, einem Mathematiker, her, dessen bemerkenswerte Kontakte zu einem Mitarbeiter des russischen Bildungsministeriums heute Thema des Blogs sein sollen.

Erich Wittmann

Als 13 Jahre jüngerer Bruder von Fritz Wittmann habe ich natürlich an seinen Erfahrungen in der russischen Gefangenschaft und seinen Kontakten mit Russland in den letzten Jahrzehnten lebhaft Anteil genommen.

Da ich während meines Studiums an der Universität Erlangen im Hause meines Bruders in Baiersdorf gewohnt habe, hatten wir viele Gelegenheiten uns darüber zu unterhalten. Ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass ich eines Tages selbst Kontakte mit Russland haben würde. Vor 10 Jahren kam es aber für mich überraschend dazu.

Das kam so: 1970 übernahm ich eine Professur für Mathematikdidaktik an der Universität Dortmund. Nach grundlegenden Forschungen zum Lernen von Mathematik haben mein Kollege Gerhard Müller und ich 1987 das Projekt Mathe 2000 gegründet. Es war unser Ziel, den Mathematikunterricht vom Kindergarten bis zur beruflichen Erstausbildung und zum Abitur „aus einem Guss“ zu entwickeln. Unsere Materialien, vor allem das Unterrichtswerk DAS ZAHLENBUCH für die Grundschule, waren nicht nur in Deutschland sehr erfolgreich, sondern strahlten in andere Länder aus. Adaptierte Fassungen des Buches erschienen in der Schweiz, in Österreich, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg. Eine Übersetzung ins Englische wird in den Swiss International Schools verwendet. Das ZAHLENBUCH-Frühförderprogramm hat sogar in Peru Fuß gefasst.

Das Projekt Mathe 2000 erwarb sich auch in Asien einen sehr guten Ruf, was durch die Einladung an mich zu einem Hauptvortrag bei dem 9th International Congress on Mathematical Education in Tokio im Jahr 2000 unterstrichen wurde.

Nach einem Vortrag von mir bei einer Konferenz in Hannover im Jahr 2010 stellt sich mir Dr. Wladimir Sagwosdkin sagvosdkin@gmail.com vor. Er teilte mir mit, dass er nach Durchsicht verschiedener Unterrichtswerke für den Mathematikunterricht der Grundschule zu dem Schluss gekommen sei, das ZAHLENBUCH „nach Russland zu holen“. Herr Sagwosdkin ist Spezialist für Walddorfpädagogik und im russischen Bildungsministerium für Außenkontakte zuständig. Da er fließend Deutsch spricht, war der Austausch sehr einfach. Es waren verschiedene Hürden zu überwinden, aber schließlich wurde ein Lizenzvertrag zwischen dem Klettverlag und dem Nationalen Bildungsverlag in Moskau geschlossen. Im letzten Sommer habe ich dann die kompakte russische Bearbeitung „Mate plus“ zu Gesicht bekommen. Sie hat mir insofern gefallen, als es den Bearbeitern gelungen war, das ZAHLENBUCH auf seinen Kern zu reduzieren, was gut zu unserer Projektmaxime „Weniger ist mehr“ passt. An der Universität Dortmund können wir die Vollversion der Software DeepL nutzen, mit der Texte von einer Weltsprache in eine andere übersetzt werden können. Damit ist es mir möglich, Einsicht in die russische Fassung und die Kommunikation des Nationalen Bildungsverlags mit der Lehrerschaft zu gewinnen. Ich entnehme daraus, dass das mathematische Konzept unseres ZAHLENBUCHs in Russland sehr gut verstanden und gewürdigt wird.

Reisen zu Fortbildungen in Russland sind momentan leider nicht möglich. Sie würden den Austausch natürlich sehr befördern.

Abschließend möchte ich noch einmal zu meinem Studium in Erlangen zurückkehren. Ich habe mir damals auf Empfehlung meines ehemaligen Mathematiklehrers am Deutschen Gymnasium in Schwabach die Übersetzung des russischen „Lehrgangs der Höheren Mathematik“ von W. I. Smirnow gekauft und intensiv genutzt.  Als Mathematikdidaktiker habe ich später die Reihe „Enzyklopädie der Elementarmathematik“, eine Übersetzung aus dem Russischen, ebenso intensiv studiert. An dieser Enzyklopädie haben russische Mathematiker mitgewirkt, die internationalen Ruf genossen. Im Lauf der Zeit habe ich mitbekommen, dass russische Lehrbücher weltweit wegen ihres besonderen Stils geschätzt werden: Sie legen in erster Linie Wert auf Verständnis und vermeiden einen übertriebenen Formalismus. Verständnis zu vermitteln ist auch das oberste Ziel unseres Projekts Mathe 2000.

Es ist mir in Rückblick bewusst, dass mein Verhältnis zur Mathematik wesentlich durch den „russischen Stil“ geprägt wurde. Insofern ist die Bearbeitung des ZAHLENBUCHs für Russland in gewisser Weise eine Rückkehr zum Ursprung.

Fritz hat diese jüngsten Entwicklungen leider nicht mehr erlebt.

Prof. Dr. Dr. h.c. Erich Ch. Wittmann

Jetzt gilt es nur noch, herauszufinden, ob das ZAHLENBUCH auch schon in den Klassenräumen von Wladimir verwendet wird. Fortsetzung also nicht ausgeschlossen…

Mein Tag in Moskau


Unlängst berichtete hier Jakob Schombierski, Freiwilliger aus Jena, entstandt von der dortigen Eurowerkstatt zum Euroklub, von der interkulturellen Weihnachtsfeier, heute schildert er seine ersten Eindrücke von Moskau, das er am 5. Januar besuchte.

Jakob Schombierski und seine Gruppe

Moskau ist die Hauptstadt Russlands. Somit zählt sie zu den wichtigsten Städten des Landes. Als wirtschaftliches, politisches und wissenschaftliches Zentrum hat Moskau sehr viel zu bieten. Dazu gehören vor allem die vielen historischen und kulturellen Wahrzeichen der Stadt. Aber auch viele andere Völker und deren Kultur kann man dort vorfinden. Insgesamt lässt sich also sagen, dass Moskau sehr viel zu bieten hat. Deshalb konnte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, einmal selbst die Stadt gesehen zu haben. Zuvor hatte ich dazu nur Geschichten von Verwandten aus der Familie gehört, die bereits Moskau besichtigt hatten. Da das neue Jahr soeben angebrochen ist und das russische  Weihnachtsfest kurz bevorstand, dachten wir uns, es sei eine tolle Idee, Moskau in dieser geschmückten Zeit zu besichtigen.

Basilius-Kathedrale

Begonnen hat mein Tag damit, dass ich erst einmal ausgiebig gefrühstückt, alle nötigen Sachen gepackt habe und mich danach zum Treffpunkt aufmachte. Dort traf ich mich mit meinen ersten beiden Mitstreitern. Zusammen wurden wir zum Bahnhof in Wladimir gefahren. Dort angekommen, sind wir erst einmal durch den Sicherheitscheck hindurch gelaufen und haben dort dann die weiteren Mitglieder des Euroklubs getroffen, welche mit nach Moskau kamen. In all der Hektik ist mir aufgefallen, dass ich meine Tasche am Eingang vergessen hatte. Also gingen wir zurück und fragten nach, ob sie noch da sei. Nach dem Ausfüllen einiger Dokumente und einem kurzen Gespräch mit der Polizei, habe ich meine Tasche dann glücklicherweise wiederbekommen. Nun konnte es also wirklich losgehen. Wir stiegen in den Zug, und die Fahrt ging los. Nach ungefähr drei Stunden kamen wir in Moskau an. Zuerst besorgte sich jeder eine Tageskarte für die Metro. Danach fuhren wir zum ersten Standpunkt. Dort gab es noch nichts allzu Besonderes zu sehen. Wir suchten nach einem Platz um ein paar Bilder zu machen. Während wir durch die Straßen Moskaus liefen, fiel mir bereits zu Beginn die äußerst schöne und traditionelle Bauweise der Gebäude auf. Als wir bei unserem ersten Standpunkt angekommen waren, kümmerten wir uns erstmal ums Bildermachen. Dabei hatten wir einen wundervollen Ausblick auf Hochhäuser Moskaus und die Moskwa. Als wir das geschafft hatten, ging es erneut in die Metro. Von dort aus sind wir zum Zweiten-Weltkriegs-Museum gefahren. Das Wetter hat zu dem Zeitpunkt noch nicht so richtig mitgespielt, es hat sehr geschneit und war ziemlich windig. Das hat uns aber nicht daran gehindert, unsere Rundtour fortzusetzen. Im Museum dann angekommen, stellten wir fest, dass wir nicht hineinkamen, da der QR-Code meiner Impfung aus Deutschland dort nicht funktioniert und wir vorher auch keinen PCR-Test gemacht haben. Falls wir aber irgendwann erneut in Moskau sein sollten, haben wir uns vorgenommen, dort auf jeden Fall hinzugehen. Somit ging es dann für uns also den ganzen Weg wieder zurück zur Metro. Dort schauten wir erst nach der passenden Linie, welche uns zum Roten Platz brachte. Dort war unser erstes Ziel, einen passenden Platz zum Essen zu finden. Dafür überlegten wir uns ganz schlicht und einfach, zu KFC zu gehen. Da vor dem Roten Platz aber alles viel zu  überfüllt war und wir keine Chance gehabt hätten, einen Platz zu kriegen, suchten wir uns ein paar Straßen weiter eine weitere Filiale. Dort war zwar auch viel Betrieb, doch wir haben relativ schnell einen Platz bekommen. Dann konnten wir uns erstmal etwas ausruhen und unseren Hunger stillen. Danach ging es wieder nach draußen. Das Gute war, dass sich der Schnee und der Wind deutlich gelegt hatten, da war es gleich viel angenehmer, Moskau zu erkunden. Unser nächstes Ziel war also der Rote Platz. Dort sprang mir sofort die ganze  farbenfrohe Dekoration in die Augen. Dazu noch die riesige Mauer mit allen weiteren Gebäuden links und rechts. Am Ende dann natürlich noch das Wahrzeichen Nummer eins, der Kreml. Bislang habe ich all das nur auf Bildern sehen können, doch endlich stand ich selbst dort und konnte mir alles mit eigenen Augen ansehen. Es war ein wirklich atemberaubendes Gefühl. Dazu kam noch, dass es langsam dunkler wurde und damit die ganzen Lichter noch stärker zum Ausdruck kamen. Insgesamt gab alles ein sehr schönes Bild ab. Viele Bilder haben wir dort natürlich auch gemacht. Danach ging es dann weiter. Als nächstes sind wir in die Mediaausstellung gegangen. Wir haben uns dort aber nichts angeschaut, wir haben nur eine kurze Pause eingelegt, damit es dann weitergehen konnte. Wenige Meter weiter, außerhalb der Ausstellung, trafen wir auf einen guten Freund aus Wladimir. Gemeinsam machten wir natürlich auch wieder einige Fotos, bis es dann wieder zur Metro ging. Dort angekommen, suchten wir uns die Strecke zum WDNCh-Park heraus. Dort stehen viele kulturelle Gebäude der Völker, welche in Russland leben, eine riesige Eisbahn in der Mitte und am Ende noch ein Raketenmodell der Wostok, vor welchem auch wieder Bilder gemacht wurden. Danach ging es den gleichen Weg wieder zurück in die Metro. Von dort aus sind wir zum Bahnhof gefahren und haben uns langsam auf unseren Heimweg vorbereitet. Als jeder fertig war, sind wir gemeinsam zum Zugterminal gegangen. Dort haben wir uns von denen verabschiedet, die noch in Moskau geblieben sind, und sind dann eingestiegen. Ab da standen wieder drei Stunden Zugfahrt an. Aber durch den langen Tag war ich so müde, dass ich die meiste Zeit geschlafen habe. Somit ging diese Fahrt auch wieder relativ schnell vorbei.

WDNCh, die Allunionsausstellung

Ich, der nun das erste Mal selbst in Moskau war, kann sagen, dass mir die Stadt sehr gefallen hat. Dies lag wahrscheinlich auch daran, dass alles so sehr geschmückt war und in so vielen Farben geleuchtet hat. Alles hat eine sehr schöne Atmosphäre abgegeben, und in meinen Augen kommt vor allem keine deutsche Stadt an diese Schönheit heran. Gefühlt an jeder Ecke konnte ich Bilder machen, da es immer etwas Neues gab. Auch durch die Begleitung, die ich hatte, war die Moskau-Tour sehr angenehm, und wir haben uns gut miteinander verstanden. Insgesamt kann ich also sagen, dass mir der Ausflug sehr gefallen hat und ich ihn sehr gerne erneut machen würde.

Jakob Schombierski

Ein großer Verlust


Gestern verstarb in seinem 87. Lebensjahr Igor Schamow, von 1990 bis 2002 Oberbürgermeister von Wladimir. „Ein großer Verlust“, bekundete dazu Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, als er vom Tod seines russischen Kollegen hörte und wiederholte nach einer schmerzlich langen Pause: „ein großer Verlust für seine Familie, für uns alle…“

Igor Schamow und Dietmar Hahlweg, 1991, vor der Karl-Heinz-Hiersemann-Halle, gesehen von Karin Günther

Geboren am 11. Juni 1935 in Udmurtien, schloß Igor Schamow 1959 als promovierter Ingenieur der Physik sein Studium am Polytechnischen Institut in Leningrad ab und kam 1961 nach Wladimir, wo er die Leitung einer Forschungsgruppe am Institut für Synthetische Harze, später „Polymer-Synthese-Werk“ genannt, übernahm und eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlichte. Bis sein Team ihn 1990 erfolgreich zu den Wahlen für den Stadtrat aufstellte, der ihn im Oktober des gleichen Jahres, nach dem Rücktritt von Wladimir Kusin, zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Volksdeputierten, sprich zum Stadtoberhaupt, bestimmte. 1995 und 1997 gewann der parteilose Lokalpolitiker dann jeweils die Persönlichkeitswahl zum Oberbürgermeister und unterlag erst 2002 seinem vormaligen Stellvertreter, Alexander Rybakow. Doch auch darüber hinaus blieb Igor Schamow als Mitglied des ehrenamtlichen Ältestenrats der Lokalpolitik verbunden und erhielt für seine Verdienste neben der Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt auch überregionale Auszeichnungen. So zählte man ihn 1995 zu den 15 besten Stadtoberhäuptern landesweit.

Dietmar Hahlweg mit dem Ehepaar Berta und Igor Schamow vor dem Erlangen-Haus, 2015

Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, alle wesentlichen und bis in die Gegenwart hineinwirkenden Projekte der Städtepartnerschaft seien mit dem Namen von Igor Schamow verbunden. Vorneweg das Erlangen-Haus. Es war seine Idee, eine Begegnungsstätte für Russen und Deutsche zu schaffen, sogar ein Internationales Haus der Freundschaft schwebte ihm vor.

Rolf Wurzschmitt und Igor Schamow, 2015 in Erlangen

Er war es, der seinen „großen Freund“, Dietmar Hahlweg anrief, als 1991 die Wärmeversorgung in einem Stadtteil zusammenzubrechen drohte. Und er war es, der für eine rasche Inbetriebnahme der beiden Heizkessel aus Erlangen sorgte. Ebenso wie für den Einsatz der Busse der Erlanger Stadtwerke im Wladimirer ÖPNV.

Igor Schamow, Albrecht Schröter, Sergej Sacharow, Peter Röhlinger, Florian Janik und Jurij Fjodorow, 2015 in Wladimir

Er war es, der seinen „großen Freund“ gleich nach Amtsantritt gebeten hatte, der Bevölkerung seiner Stadt humanitäre Hilfe zu leisten. Und er war es, der die Verteilung der Lebensmittel, der medizinischen Geräte, der Medikamente und der Kleidung „ohne Schwund“ sicherstellte. Er war es aber auch, der seinen „großen Freund“ dazu ermunterte, nicht den Fisch, sondern die Angel zu schicken. Eine Bitte, der Erlangen entsprach, indem man Verwaltungs- und Wirtschaftsseminare veranstaltete, die Industrie- und Handelskammern zusammenbrachte, medizinische Fortbildung an den Universitätskliniken Erlangens ermöglichte, „Hilfe zur Selbsthilfe“ leistet.

Siegfried Balleis, Igor Schamow und Peter Steger, 1998, Schloßplatz Erlangen, gesehen von Karin Günther

Er war es, der auf Bitten seines „großen Freundes“ die Bedingungen schuf, die katholische Rosenkranzgemeinde wiederzubeleben. Ausgerechnet er, ein bekennender Atheist, der sich die Größe leistete, es nicht den vielen anderen Politikern gleichzutun, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems plötzlich ihre Nähe zu Gott und Kirche entdeckten.

Igor Schamow und Rudolf Schwarzenbach, 1992 beim Wirtschaftspicknick im Wald bei Wladimir

Die Liste ließe sich um die Zusammenarbeit der Klärwerke ebenso verlängern wie um die Auftritte von Igor Schamow in der Erlanger Volkshochschule, wo er sich nie zu schade war, auch die Niederungen der russischen Lokalpolitik verständlich zu schildern. Die Liste reicht von den Projekten der Psychiatrie bis zum Ausbau des Schüleraustausches und ließe sich ad lib. fortsetzen.

Margarita Malachowa, Jurij Fjodorow, Siegfried Balleis, Igor Schamow und Peter Steger im Russischen Dorf, 2000, gesehen von Karin Günther

Blickt man auf jene Jahre zurück, kann man sich nur wundern, wie es Igor Schamow gelungen ist, in der größten materiellen Not fast alle kulturellen Einrichtungen der Stadt am Leben zu erhalten, die einst volkseigenen Betrieben gehört hatten, die nun, von der Marktwirtschaft angeschlagen, selbst ums Überleben kämpften. Und so schaffte es der hemdsärmlig-zupackende Oberbürgermeister, ungeachtet aller ökonomischen Probleme – zu Beginn seiner Amtszeit gab Güter des täglichen Bedarfs nur gegen Bezugsscheine! -, schon 1991 Kultur- und Sporttage in Erlangen zu feiern und dann 1993 das legendäre „Fränkische Fest“ mit 350 deutschen Gästen in Wladimir zu veranstalten.

Dietmar Hahlweg, Gennadij Andrianow und Igor Schamow, Fränkisches Fest, September 1993, gesehen von Wladimir Filimonow

Möglich war das nur, weil Igor Schamow zu Dietmar Hahlweg und dessen Nachfolger, Siegfried Balleis, ein unverbrüchliches Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Und weil der Wissenschaftler mit vormals guten Verbindungen zum VEB Gaskombinat „Schwarze Pumpe“ von Beginn an auf die Partnerschaft setzte, bis in seine Verwaltung hinein, wo er die Strukturen, sprich Stellen, schuf, die den Austausch mit Leben erfüllen konnten.

Alexander Rybakow, Wolfgang Morell, Igor Schamow und Sophie Cammerer, 2015, Wohnstift Rathsberg

Selbst ein Kriegskind, lag Igor Schamow stets die Versöhnung zwischen den Deutschen und Russen besonders am Herzen. Er war es, der am 22. Juni 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR mit der ersten Veteranendelegation aus Erlangen an der Ewigen Flamme einen Kranz niederlegte, und in seinem Amtszimmer reichten sich Jakow Moskwitin, Vorsitzender des Wladimirer Veteranenverbands, und Stadtrat Heinrich Pickel, Leiter der Veteranendelegation aus Erlangen, die Hände und versprachen einander, sich das Böse nicht mehr gegenseitig anzurechnen. Wie sehr Igor Schamow diese Verständigung der Kriegsgeneration bewegte, zeigte sich in seiner Unterstützung für die Übersetzung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen“ mit den Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Gefangenschaft in Lagern der Region Wladimir und in einer für ihn so typisch menschlichen spontanen Geste:

Igor Schamow, Hellmut Schultz-Pernice

Im September 2000 feierten etwa 250 Erlanger mit ihren Freunden in Wladimir den gemeinsamen Eintritt ins neue Jahrtausend, in dem es, da waren sich alle sicher, nie mehr auch nur den Gedanken an Krieg zwischen Deutschen und Russen geben würde. Unter den Gästen auch der Senior der Bürgergruppe, der 95jährige Hellmut Schultz-Pernice, zum ersten Mal seit seiner Entlassung aus dem Lager vor 44 Jahren wieder auf russischem Boden. An allen Veranstaltungen und Ausflügen nahm er teil wie alle anderen auch, bis er sich am Abschiedsabend im Russischen Dorf von seinem Platz erhob und festen Schritts nach vorne zum Mikrophon ging. Wer dabei war, wird diese Szene nie vergessen: Der hochbetagte Deutsche stellte sich in geschmeidigem Russisch kurz vor und schilderte dann in beiden Sprachen seine langjährige unfreiwillige Verbindung zu Rußland, aus der ein tiefes Verstehen beider Kulturen geworden war, ohne einen Blick zurück im Zorn. Und, als hätte es dafür noch eines Beweises bedurft, rezitierte er russische Verse, die er in der Gefangenschaft auswendig gelernt hatte. Ein Moment, auch für Oberbürgermeister Igor Schamow derart bewegend, daß er sich spontan die Uhr vom Arm streifte und sie dem Erlanger überreichte. Ganz so, als wollte der Russe dem Deutschen die Würde zurückgeben, die ihm bei der Gefangennahme geraubt wurde, als man seine Armbanduhr konfiszierte. Vielleicht war die Versöhnung nie schöner zu erleben, als in diesem berührenden Augenblick, wo der Krieg im Denken und Tun zweier Menschen besiegt wurde.

Igor Schamow und Dietmar Hahlweg, 7. Mai 1995, Eröffnung des Erlangen-Hauses, gesehen von Kurt Fuchs

So werden wir Igor Schamow in Erinnerung behalten. Als einen zutiefst demokratischen Politiker ohne Parteibuch, aber voll der menschlichen Nähe, dem man überall auch ohne Termin begegnen konnte, denn er war stets zu Fuß unterwegs, keiner von denen, die eine Eskorte zu benötigen glauben und hinter verdunkelten Scheiben ihre Akten studieren, einer von denen, die aus dem Volk kamen und beim Volk blieben. Als einen uneitlen Menschen voll inspirierender Tatkraft, für den Freundschaft und Verständigung keine Parolen, sondern gelebte Politik waren. Vielleicht war auch deshalb seine Enttäuschung so groß, als die französische Partnerstadt Saintes die Zusammenarbeit mit Wladimir wegen des Tschetschenienkrieges abbrach. „Gerade wenn es schwer ist, brauchen wir doch Freunde“, so seine Reaktion. Diese Freunde hatte Igor Schamow in Erlangen gefunden, und das hat er ihnen nie vergessen. Seine Freunde in Erlangen werden ihn vermissen. Schmerzlich. Ein großer Verlust!

Gedanken zum Winter


Tatjana Oserowa, Autorin und Dozentin für Russisch im Ruhestand, hat wieder an der Tür zur Klasse 3 d gelauscht und stimmen zum Winter gesammelt, der es übrigens derzeit besonders gut mit Wladimir meint, wo Schnee über Schnee gefallen ist.

Winterwald, gesehen von Dmitrij Artjuch

Ein sonniger Wintertag. Die Bäume sind mit Rauhreif überzogen. Wenn man sie sich ansieht, meint man, es seien die Flügel von Zaubervögeln. Am liebsten würde man herumrennen und in diese wunderbaren Bäume hineinspringen. Wie schön, daß wir einen so herrlichen Winter haben. (Sergej Grigorjan)

Bank vor der Demetrius-Kathedrale in Wladimir, gesehen von Olga Slobodnjuk

Ein großartiger Tag! Die Sonne ist ganz hoch gestiegen. Schönheit um uns herum, besonders im Wald! Wie sich da die hohen Tannen erheben! Am liebsten würde ich näher zu diesem Wald kommen, auf einen hohen Hügel steigen und von oben diese Schönheit betrachten! (Alexandra Slobodjanjuk)

Spuren im Schnee, gesehen von Sergej Skuratow

Winterwald. Hell leuchtet die Sonne. Die Bäume voller Rauhreif. Durch den Wald führt ein langer schmaler Pfad. Entland des Pfads hohe Schneewehen. Geht man den Pfad weiter, kommt man auf einen hohen Hügel und erblickt in der Ferne das Dorf. (Alexander Gorbunow)

Goldenes Tor, gesehen von Wladimir Tschutschadejew
Bin zum Haus hinaus gegangen.
Blauer Himmel, Sonnenschein.
Alles liegt im Schnee gefangen,
und der Wind bläst kalt hinein,
trägt mich bis zum Berg hinauf
zu der Sonne schönem Lauf. (Alissa Golubina)
Eingang zur Rosenkranzkirche, gesehen von Wladimir Fedin

Ginge es nach dem Gregorianischen Kalender, wäre das Bücherpaket aus Erlangen nicht mehr rechtzeitig zum Jahreswechsel in Wladimir eingetroffen. Doch in Rußland gehen die Uhren anders, dort gibt es noch immer zwei Zeitrechnungen, eine weltliche, uns seit Ende des 16. Jahrhunderts vertraut und in der jungen Sowjetunion gültig seit deren Einführung durch die Bolschewiken im Jahre 1917, sowie eine kirchliche, die Julianische, nach wie vor gebräuchlich in der orthodoxen Kirche und im Brauchtum. Und so feiert man heute das alte Neujahr, und so kam denn auch die Sendung aus Deutschland vorgestern gerade noch zur rechten Zeit, damit gestern Olga Gunina und Igor Togunow ihre Belegexemplare im Erlangen-Haus noch im alten Julianischen Jahr abholen konnten.

Olga Gunina

Vor lauter Freude und Begeisterung über das Buch gingen nicht nur gleich die ersten E-Mails und Bilder in der Blog-Redaktion ein, sondern sogar Anrufe, voll der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, voll der besten Glückwünsche, voll der Dankbarkeit für dieses völkerverbindende Projekt. Anrührend! Zumal auch aus Cumiana und Rennes schon die ersten begeisterten Reaktionen auf die Anthologie „Was mich bewegt“ im Erlanger Rathaus eingingen.

Die Post ist da!

Jetzt wäre es eigentlich an der Zeit, die Kurzgeschichte von Olga Gunina und das Poem von Igor Togunow hier vorzustellen. Aber ein wenig Spannung soll nicht schaden. Wir verschieben das auf später, kosten erst einmal die pure Freude darüber aus, daß die zwölf Bücher nach fast genau einem Monat überhaupt vollzählig und unversehrt zugestellt wurden.

Igor Togunow

Für alle, die das Buchprojekt nicht kennen, hier noch einmal die wesentlichen Punkte:

Was mich bewegt – Schreibwettbewerb der Partnerstädte

Ende 2020 schrieb das Büro für Chancengleichheit und Vielfalt einen literarischen Wettbewerb aus, an dem in Zeiten der Pandemie unter dem Motto „Was mich bewegt“ alle Partnerstädte Erlangens teilzunehmen eingeladen waren. Nun ist die gut 230 Seiten umfassende Anthologie mit Beiträgen aus Beşiktaş, Bozen, Cumiana, Rennes, San Carlos sowie Wladimir erschienen und stellt mit ihren Texten aus Lyrik und Prosa im Original und in deutscher Übertragung ein in dieser Art bisher einzigartiges Kulturprojekt der internationalen Zusammenarbeit dar.

Mitautorin Chiara Fantone aus Cumiana

In seinem Vorwort schreibt denn auch Oberbürgermeister Florian Janik: „Die Kurzgeschichten, Betrachtungen, Erinnerungen und Gedichte zeigen, welch großes künstlerisches Potential in unseren Partnerstädten noch zu entdecken ist. Wir werden in Zukunft unser Augenmerk stärker darauf richten. Gustav Freytag sagte nämlich einmal, gute Bücher seien die großen Schätze des Menschengeschlechts. Wir haben nun mit diesem Buch einen großen Schatz der Städtepartnerschaften.“ Interessierte erhalten auf Nachfrage ein kostenloses Exemplar des Buches unter staedtepartnerschaften@stadt.erlangen.de bzw. digital unter: https://is.gd/Sc3yKv – Jetzt aber allen endgültig und zum letzten Mal ein gesundes Neues Jahr!


Pandemie hin, Corona her, der Austausch lebt dennoch. Besonders im Partnerschaftsdreick Erlangen-Jena-Wladimir. Lebender Beweis dafür ist Jakob Schombierski von der Euro-Werkstatt in der thüringischen zum Euroklub in der russischen Partnerstadt entsandt. Der Freiwillige schildert heute für den Blog seine Eindrücke von der vorgezogenen Neujahrsveranstaltung am 21. Dezember.


Das neue Jahr zu zelebrieren und damit mit dem alten abzuschließen, ist eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Fest auf Erden. Doch wie bei fast allen weltlichen Festlichkeiten gibt es verschiedene Varianten, wie diese gefeiert werden. In China beispielsweise ist das uns geläufige Neujahr von weniger Bedeutung. Im westlichen Teil der Welt wiederum wird es ausgiebig gefeiert. Dazu zählt beispielsweise ein großes Feuerwerk, viele weitere, vor allem regional verbreitete, Traditionen und natürlich die gemeinsame Zeit mit der Familie. Aber auch von Nation zu Nation gibt es Abweichungen. Wenn es in Deutschland beispielsweise die Geschenke schon am 24. Dezember gibt, zu Weihnachten, so erhalten die Menschen in Russland ihre Geschenke am 31. Dezember, also zu Neujahr. Aufgrund dessen haben wir uns vom Euroklub dazu entschieden, die Initiative zu ergreifen und eine kleine Neujahresfeier für hilfsbedürftige Kinder zu organisieren. Dazu zählte ein Programm und natürlich auch viele Geschenke.

Der große Kreis

Begonnen haben wir damit, uns einen Ablauf für die Neujahrsfeier zu überlegen. Dazu gehörten Spiele, die in großen Kreisen miteinander gespielt werden konnten, und ein Rollenspiel. Die Spiele dienten dazu, um sich etwas zu bewegen und die Kinder auch selbst aktiv teilnehmen zu lassen. Für das Rollenspiel kam die Idee „Die Ankunft des Väterchen Frost (Дед Мороз)“ auf. Dazu wurden verschiedene Rollen verteilt. Diese waren beispielsweise die verschiedenen Weihnachtsmänner aus Finnland, Frankreich und der Bruder des russischen Väterchen Frost. Die zuletzt erwähnte Rolle habe ich übernommen. Folglich wurde gemeinsam das Konzept verfasst. Nach ein paar Stunden Arbeit und weiterer Tage der Verfeinerung des Skriptes, hat jeder seinen Text erhalten. Dann wurde geübt. Am 21. Dezember fand das Event dann statt.

Jakob Schombierski als Väterchen Frost

Für uns, die Mitglieder und Freiwilligen des Euroklubs, begann der Tag in unserer Organisation. Zuerst wurden alle Geschenke, die bereitgestellt wurden, ins Auto verfrachtet und zum Veranstaltungspunkt gebracht. Dort angekommen, wurden diese erst einmal ausgeräumt und an Ort und Stelle abgelegt. Danach warteten wir die Zeit ab, bis jeder eintraf, das Publikum, sowie die restlichen Mitveranstalter. In der Zwischenzeit wurde der Ablauf durchgesprochen und der Text weiterhin geübt. Als alle versammelt waren, begannen wir, gemeinsam in großem Kreise kleine Spiele zur Eröffnung zu spielen, da war vor allem das Publikum gefordert. Danach wurde alles in den Saal nach nebenan verlegt. Dort begann nun das eigentliche Programm. Alle Beteiligten versammelten sich auf ihrem Platz, und das Rollenspiel begann. Ich habe mich dafür zunächst in einem Nebenraum platziert, da ich als Bruder des Väterchen Frost nicht erkannt werden durfte. Die Mitveranstalter schlüpften also nun ihre Rollen und begannen mit der Vorstellung. Nach jedem gesprochenen Abschnitt, wurden gemeinsam mit dem Publikum kleine Spiele gespielt. Dies setzte sich so lange fort, bis mein Auftritt kam. Zuvor hatte ich mich als Väterchen Frost verkleidet und weiterhin meinen Text einstudiert. Dann wartete ich, bis mir das Zeichen gegeben wurde, dass ich den Saal betreten kann. Ich platzierte mich in der Mitte des Raumes und fing an zu sprechen. Zuerst auf Deutsch, dann auf Russisch. Leider setzte da ein kleiner Blackout bei mir ein, weshalb ich kurz aus dem Konzept geriet, aber ich konnte mich wieder fangen. Danach lief alles ab, wie gehabt. Zuerst haben wir wieder kleine Spiele im Kreise gespielt, und dann haben die restlichen Teilnehmer des Euroklubs ihre Texte aufgesagt. Als das auch erledigt war, wurden nun endlich die Geschenke verteilt. Diese waren getrennt abgepackt, für Jungs und Mädchen, damit auch nichts durcheinander geriet. Danach wurde mir noch das sogenannte „auserwählte Geschenk“ gegeben. Dieses war ein Stab mit einem Schneemann auf der Spitze, welcher in Farben leuchtet, wenn man ihn schüttelt. Ich stellte mich also in die Mitte des Raumes und meine Aufgabe war es dann gewesen, diesen Stab an eines der Kinder zu geben. Dies tat ich auch, und das Danke, welches ich im Gegenzug erhielt, war so süß, dass es mir ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte. Danach löste sich die Veranstaltung immer weiter auf. Unsere Gäste bereiteten sich nun auf ihren Nachhauseweg vor, und ich konnte auch endlich mein Kostüm ausziehen, in dem es sehr schwitzig war. Als das ganze Publikum weg war, sind wir auch alle in die Garderobe gegangen, haben uns wieder umgezogen und alles zusammengepackt. Alles Nötige wurde dann im Auto verfrachtet, und unsere Arbeit war somit getan.

Jakob Schombierski als Väterchen Frost im Wimmelbild

Alles in allem kann ich sagen, dass mir der Tag gefallen hat. Auch wenn ich vorab ein paar Bedenken hatte, ob ich das überhaupt hinbekomme und auch zwischendrin meinen kleinen Blackout hatte. Aber alle Leute dort waren sehr nett, und so konnte ich das letzten Endes gut wegstecken. Es war auch schön, zu wissen, dass wir mit dieser Veranstaltung Kindern und Familien eine fröhliche und besinnliche Zeit schenken konnten. Außerdem hat es mir gefallen, interkulturelle Werte, verschiedener Länder, miteinander verknüpft und dargestellt zu haben. Für mich war es also ein sehr schöner und wertvoller Tag.
Auch noch einen großen Dank an alle Beteiligten für die Mühe und Arbeit, die aufgebracht wurde, um dieses Projekt umsetzen zu können.

Jakob Schombierski

Preise zu Weihnachten


Ginge es noch nach dem Julianischen Kalender – er behielt nach der Zeitumstellung am 14. Februar 1918 durch die Sowjetmacht seine Gültigkeit nur in der orthodoxen Kirche – würde man Neujahr heuer am 14. Januar feiern. Aber wozu den Konjunktiv?! Russen feiern die Feste, wie sie fallen, und begrüßen deshalb das Neue Jahr gern zwei Mal, ebenso wie immer mehr Familien auch Weihnachten doppelt begehen, nach dem Gregorianischen wie nach dem Julianischen Kalender. Deshalb ist auch gar nichts dabei, wenn Tatjana Kirssanowa, die Leiterin des Sprachlernzentrums im Erlangen-Haus, noch einen kleinen Bericht über eine Weihnachtsfeier nachreicht.

Roman Borsow, Tatjana Kirssanowa und Anastasia Solowjowa

Sie ahnen schon: Die erfahrene Pädagogin nutzt jede Gelegenheit, um Werbung für das Erlangen-Haus zu machen. Und was wäre dafür geeigneter, als ein Wettbewerb! Und so erhalten wir heute einen kleinen Einblick in eine Weihnachtsfeier für Jugendliche, die nicht im Erlangen-Haus eingeschrieben sind, aber Deutsch in der Schule lernen oder schon an der Universität studieren. Ziel der Veranstaltung: Die jungen Leute sollten die deutsche Weihnachtskultur kennenlernen und natürlich zusätzlich motiviert werden, ihr Deutsch zu verbessern.

Die Siegerarbeit von Alexandra Popowa

Den ersten Platz errang Alexandra Popowa, gefolgt von Anastasia Solowjowa sowie Kristina Muschinskaja und Roman Borsow, die sich den dritten Rang teilten. Dafür gab es nicht nur ein Diplom, sondern auch Preise: Ein Stipendium für ein Semester Deutsch am Erlangen-Haus für die Siegerin sowie für die Zweitplatzierte eine persönliche Führung durch das Erlangen-Haus mit anschließender Bewirtung für sie und zehn ihrer Freunde mit Stollen und Lebkuchen.

Zugeschaltet: Giada Hitthaler

Unterstützt wurde Tatjana Kirssanowa übrigens von Giada Hitthaler aus Südtirol, die ab Ende Januar das Team im Erlangen-Haus als Sprachassistentin unterstützt. Von ihr ist hier im Blog sicher bald mehr zu lesen.

Zum Ausklang noch das Video von Kristina Muschinskaja, mit dem sie den dritten Platz belegte: https://is.gd/Ow13hR


Ein treuer Leser des Blogs meinte gestern, er fürchte, auch heuer werde es wohl noch nichts mit einer vollständigen Wiederaufnahme des Austausches zwischen Erlangen und Wladimir. Dem zu widersprechen wagt derzeit niemand in der Blog-Redaktion, aber sie kann aus ihrem Fundus ein wenig Trost spenden mit der Stadtführung durch Wladimir an der Hand von Andrej und seinem Vater, Jewgenij Davydow. Der Junge wurde am 2. Juli 2012 in der Partnerstadt geboren und geht in die dritte Klasse des Gymnasiums Nr. 23. Seine Lieblingsfächer sind neben Mathematik Literatur, Russisch, Englisch, Informatik, Kunst und Sport (Turnen und Sambo). Er liest gerne über den Weltraum, die Planeten, über Vögel, Insekten und Schlangen; sein Lieblingsbuch aber ist „So war es“ von Jurij German über einen Jungen in seinem Alter, der die Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg erlebt.

Andrej Dawydow

Seit meinem siebten Lebensjahr begeistert mich der Flugzeugmodellbau. Ich habe schon einige Segelflieger fertiggestellt und bin mit ihnen bei Wettbewerben aufgetreten. In meiner Freizeit male ich gerne in den Techniken Gouache, Aquarell, Wachskreide und in Acryl nach Zahlen. Ich liebe die Natur und bin wegen der ökologischen Fragen sehr besorgt: Die Menschen fällen die Wälder, verschmutzen das Wasser. Ich habe vor, viel Zeit den Fragen der Erhaltung unseres Grünen Planeten zu widmen. Den Sommer verbringe ich gern im Dorf, wo ich Oma helfe, die Pflanzen zu gießen und Opa bei der Imkerei unterstütze. Ich interessiere mich fürs Photographieren; ich mache gern Bilder von Pflanzen, Blumen und ungewöhnlicher Architektur. Außerdem habe ich viel Freude am Reisen und Besuchen von Sehenswürdigkeiten. Ich bin begeistert von Orten wie dem Kreml in Nischnij Nowgorod und Kolomna, vom Roten Platz und dem Historischen Museum in Moskau, vom Patriotenpark in der Region Moskau, vom Kant-Museum und der Kurischen Nehrung in der Region Kaliningrad, vom Dendrarium und Stadion in Sotschi sowie vom Dinopark und dem Tachtalyberg im türkischen Kemer. Ich träume davon, die Partnerstadt Erlangen zu besuchen. Als ich von dem Wettbewerb „Was mich bewegt“ erfuhr, wollte ich gleich teilnehmen. Also schrieb ich ein Märchen über meine Heimatstadt, ihre Geschichte und die Veränderungen im Leben, bedingt durch Corona. Ich hoffe, meine „Stimmen der Geschichte“ gefallen Ihnen!

Eines Tages ging Andrej mit seinem Papa durch die wunderschöne alte Stadt Wladimir spazieren. Um den Ausflug angenehm und nützlich zu machen, beschlossen sie, entlang einiger zentraler Straßen zu gehen.

„Papa, warum nennt sich denn unsere Stadt Wladimir?“, fragte der Junge. „Vor langer Zeit, im Jahre 990 nach Christus, gründete Fürst Wladimir Swjatoslaw eine neue Stadt und gab ihr seinen Namen, Wolodimir“, begann Papa zu erzählen. „Seither schmückt diese alte russische Stadt das Ufer der Kljasma. Willst du noch mehr über die Geschichte hören? Komm, wir schauen uns mal die Kirchen, Türme und Häuser genauer an.“ „Aber darf man das denn schon?“ wunderte sich der Kleine. „Wegen Corona ist es doch verboten, in der Stadt einfach so herumzulaufen, oder?“ „Das darf man jetzt schon, wenn man überall den Abstand einhält, sogar im Park“, antwortete der Vater und kontrollierte gleich, ob der Sohn die Maske richtig aufhatte.

„Viele Straßen der modernen Stadt tragen noch ihre alten Bezeichnungen: Nikitskaja, Spasskaja, Wosnesenskaja, Nikolo-Kremljowskaja, Ilinskaja – alle nach ihren Kirchen benannt.

„Und der Platz, wo die wichtigsten Kirchen der Stadt stehen, erhielt den Namen Kathedralenplatz. Die Straße, der wir jetzt folgen, nennt sich Dworjanskaja, also Adelsstraße.“

Dworjanskajastraße und Goldenes Tor

„Diese Straße, mein Kleiner, gibt es seit 1588. Damals war sie noch als Jamskaja Soloboda bekannt, also als eine Art Vorort, wo die Kutscher wohnten. Als erste siedelten sich hier 15 Familien aus dem Dorf Michajlowa Storona im Landkreis Susdal an. Aber nach einem Brand verlegte man die Straße in den heute nach Lenin benannten Stadtteil. Anstelle der Jamskaja Sloboda entstand die Dworjanskaja Straße mit ihren prächtigen Häusern von Adligen und Kaufleuten.“

„Boah, Papa, schau mal, was ist denn das?“ fragte Andrej, als er das Gebäude aus weißem Muschelkalk mit seiner goldenen Kuppel erblickte. „Das ist das Goldene Tor.“ „Tor? Wo ist das denn? Und warum golden?“ „Das erkläre ich dir lieber vor Ort, da wird dir das dann schon klar. Komm, wir gehen mal näher ran und fragen nach“, schlug sein Papa vor.

Altgläubigenkirche und Goldenes Tor

Beim Näherkommen hörten sie:

„Ich bin das Haupttor unserer Stadt, durch mich kamen feierlich die Helden der russischen Erde: Andrej Boboljubskij, Alexander Newskij, Dmitrij Donskoj, Alexander Suworow. Von mir aus erstreckte sich die Hauptstraße, die Jamskaja Sloboda, bis hinunter zum Silbernen Tor. Insgesamt gab es im alten Wladimir sieben Tore, das Goldene, das Silberne, das Kupferne, das Handels-, Wolga-, Irina- und Iwantor. Aber all diese Tore gibt es schon lange nicht mehr. Übrig geblieben bin nur ich, das Goldene Tor.“

„Gut so!“ ergänzte Papa, „Solch ein Tor gab es einst nämlich auch in Jerusalem, Konstantinopel und Kiew. Heute steht aber nur noch unseres.“

„Ja,“ erinnerte sich das Goldene Tor, „unter Fürst Andrej Bogljubskij fing die Stadt an, schnell zu wachsen. In meiner Nähe schüttete man Wälle auf, bedeckt mit Holzbefestigungen. Sieben Kilometer lang war diese Stadtmauer. Als weiterer Schutz dienten die Steilufer der Flüsse. Dort, wo es keine Flüsse gab, hob man Gräben aus und füllte sie mit Wasser.“

Panoramabild des Mongolensturms auf Wladimir im Goldenen Tor

Inzwischen gingen Vater und Sohn weiter in die Georgijstraße.

„Sie entstand im 17. Jahrhundert und nannte sich Jegorjew-Straße“, fuhr der Vater mit seiner Erklärung fort. „Diese Straße verbindet zwei Kirchen, die Christ-Erlöser-Kirche und die Georgijkirche.“

„Schau nur, was das für eine schöne Kirche ist. Komm, wir fragen sie, warum sie diesen Namen trägt!“ bat der Junge.

„Früher war die Jegorowskajastraße das Herz der Stadt. Im 12. Jahrhundert stand hier der Hof von Jurij Dolgorukij. Direkt beim Hof legte er dann den Grundstein für St. Georgij den Drachentöter. Aber Ende des 18. Jahrhunderts brach ein schwerer Brand aus. Die Flammen vernichteten viele Häuser. Dort, wo die verbrannte Kirche gestanden hatte, baute man dann mich“, erklärte die Georgijkirche stolz.

Andrej ging mit seinem Vater weiter zum Feuerwehrhaus.

„Was ist das für ein Gebäude?“ fragte der Sohn.

„Das ist der Hof des ersten Löschzugs von Wladimir. Hier ist die Pumpe für das Wasser.“

Die Pumpe hob geheimnisvoll zu sprechen an:

„Tag und Nacht hielt der Wächter Ausschau auf die Stadt. Wenn er irgendwo Rauch oder Feuer erblickte, läutete er die Glocke. Später zeigten die Wächter einen Brand mit verschiedenfarbigen Ballons an, die sie neben sich aufhängten. Die Farbe des Ballons zeigte an, in welchem Stadtteil der Brand ausgebrochen war. Um diesen Pumpenwagen zu füllen, hatte man gerade einmal zweieinhalb Minuten Zeit. Vorneweg blies ein Reiter ins Horn, damit die Leute den Weg für die Feuerwehrleute freimachten. Hinterdrein folgte eine Kette von Karren und Fuhren mit Wassereimern, Handpumpen, Haken, Schaufeln… Das war eine regelrechte Prozession.“

„Dabei waren es erstaunlicherweise nicht nur Männer, die löschten, sondern auch Frauen und sogar Kinder“, ergänzte die Pumpe.

„Zu Hause hatten diese Helfer eigens Schilder mit einer Abbildung des Gegenstandes hängen, den sie bei Alarm mit zur Brandstelle nehmen sollten: eine Schaufel, ein Beil, einen Keil oder einen Eimer.“

„In der alten Zeit“, fuhr die Pumpe fort, „dienten die Feuerwehrleute 25 Jahre.“ 

Die Zeit verging schnell, es begann schon zu dunkeln. Vater und Sohn kehrten auf dem modernen Prospekt nach Hause zurück. Nur noch wenige Leute waren unterwegs, und so fielen all die Dinge auf, die sonst unbeachtet bleiben. Im Licht der Straßenlaternen standen „tanzende Bäume“, so wie sie Andrej schon einmal auf der Kurischen Nehrung gesehen hatte.

Da rief der Junge aus: „Papa, komm, wir fragen die Bäume, warum sie tanzen!“

„Wir versuchen, zu überleben, nach oben zu wachsen, aber die Autos hindern uns ständig daran, die Kehr- und Räumfahrzeuge, der Wind, der Straßenmüll“, erklärten die verkrümmten Bäume.

„Sie tun mir leid, das ist ja so ein grusliger Tanz.“

„Uns geht es nicht anders als diesen Bäumen, ständig versuchen wir, auch in Zeiten des Kriegs oder der Pandemie, zu überleben“, antwortete Papa. „Unsere Geschichte lehrte uns, alle Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu überwinden. Indem wir die Vergangenheit studieren, sammeln wir Erfahrung und Weisheit. Wir verstehen, wie wichtig es ist, die Erde zu lieben und zu bewahren, die Umwelt zu schützen, damit es nicht zu weiteren Krankheiten und Seuchen kommt.“

Zu Hause angekommen, tranken die beiden mit der ganzen Familie heißen Tee mit Wladimirer Lebkuchen und erzählten von ihrem Spaziergang durch die Heimatstadt.

Andrej Dawydow, aus dem Russischen von Peter Steger

Andrejs Eltern, Oxana und Jewgenij

Krachend gescheitert


Um den Jahreswechsel veröffentlichte das Internetportal „Zebra“ eine Analyse der Impfkampagne in der Region Wladimir und kommt zu dem Ergebnis, diese sei krachend gescheitert. Vor dem Hintergrund derzeit eindrucksvoll sinkender Ansteckungszahlen – Omikron ist noch nicht angekommen und wird die Partnerstadt auch hoffentlich verschonen – macht der Blog dieses umfangreiche Hintergrundmaterial nun auch seiner geneigten Leserschaft zugänglich.

Das Wort des Jahres 2021 lautete „Impfung“. In der Region Wladimir kann man sagen, daß die Impfkampagne gegen das Corona-Virus gescheitert ist. In der Region herrschte fast bis Mitte September ein akuter Mangel an Impfstoffen. Die Versuche der Behörden, die Ergebnisse mit der Peitsche zu verbessern, erwiesen sich als inkonsequent, ineffektiv und riefen erheblichen Widerstand in der Bevölkerung hervor. Und als die Lieferungen von Sputnik-V dann eintrafen, gab es in der Region bereits eine große Zahl von eingefleischten Aktivisten und unversöhnlichen Gegnern des QR-Codes, die für ihre Überzeugung bereit waren, sogar ihren Arbeitsplatz zu opfern.

Impfung gegen Covid-19

Ende Dezember waren nach offiziellen Angaben erst 43% der Bevölkerung – 580.000 Personen – geimpft. Die durchschnittliche Impfrate liegt bei 1.370 Personen pro Tag. Gerade einmal 18.000 Personen erhielten mittlerweile eine Auffrischimpfung.

Impfung – wie alles begann

Die erste begrenzte Charge des Impfstoffs Sputnik V für die Pilotimpfung von 41 Beschäftigten des Gesundheitswesens traf Anfang Oktober 2020 in der Region Wladimir ein. Ab Mitte Dezember 2020 wurden größere Mengen in die Region gebracht, um Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter zu impfen, aber die Lieferungen waren unregelmäßig, und die Anzahl der Dosen überstieg nicht 1.500 Einheiten.

Anfang Januar 2021 wurde ein Impfstoffmangel konstatiert. Damals war der Covid-Impfstoff noch neu, und viele Menschen ließen sich frei- und bereitwillig impfen. Allerdings gab es gleich zu Beginn einige Schwierigkeiten bei der Registrierung – das elektronische System funktionierte am zweiten Tag nicht. Die Behörden der Region Wladimir erklärten das Problem mit einer Fehlfunktion des gesamtrussischen Portals mit dem Register der geimpften Personen. Außerdem fehlte es an Kühlanlagen für die Lagerung von Impfstoffen, die aufgrund der großen Nachfrage nicht gekauft werden konnten.

Bis Ende Januar waren 8.800 Personen geimpft, und das Gesundheitsamt gab bekannt, die Impfkampagne sei gut angelaufen. Damals waren die Behörden noch kühn genug, zu erklären, bis zum 1. Juni werde man 60% der Einwohner der Region Wladimir (600.000 Menschen) geimpft haben, womit eine Herdenimmunität der Bevölkerung gewährleistet wäre. Sie begannen, die Rentner in die Impfung einzubeziehen. Ältere Menschen wurden zu den Impfstellen gebracht, und geimpfte Rentner unterlagen nicht mehr den Ausgangsbeschränkungen.

Doch schon bald wurde klar, daß die Impfungen in der Region Wladimir nicht eben erfolgreich verliefen. Hauptsächlich wegen eines Mangels an Impfstoffen. So sollten beispielsweise im Januar 13.400 Dosen in die Region geliefert werden, aber nur die Hälfte davon traf im Februar ein. Mitte April erhielten gerade einmal 5% der Einwohner von Wladimir die erste Komponente des Impfstoffs gegen das Virus. Der nationale Durchschnitt lag damals jedoch bei 6%.

Um die Zahlen zu verbessern, wurden im April die 48 stationären Impfstellen in den Krankenhäusern durch mobile Impfstellen an der Universität, in den Einkaufszentren Megatorg, Aschan und Globus, im Z-Club und am Bahnhof ergänzt. Im November wurde in Alexandrow die erste Impfstelle der Region eröffnet, die rund um die Uhr arbeitete. Und im Dezember wurde im Schauspielhaus das größte mobile Impfzentrum eröffnet.

Anfang Juni hatten diejenigen, die sich impfen lassen wollten, die Wahl: Die ersten Chargen von EpiVacCorona und CoviVac wurden in die Region Wladimir geliefert. Der Anteil der beiden neuen Medikamente an der Gesamtmenge der vom russischen Gesundheitsministerium verteilten Impfstoffe blieb jedoch sehr gering. Die Behörden forderten die Bevölkerung von Wladimir auf, sich nicht zu verspekulieren und nicht auf andere Impfstoffe zu warten, sondern sich mit Sputnik impfen zu lassen. Ende Juli wurde die erste Charge des Einkomponentenimpfstoffs Sputnik-Light geliefert, und die Region begann mit der Impfauffrischung für jene, die vor mehr als sechs Monaten geimpften worden waren.

Bis zum 1. Juni, wo ursprünglich 60% der Bevölkerung der Region Wladimir hätten geimpft sein sollen, waren nur 16,7% tatsächlich geimpft. Die neue Frist für das Erreichen der 60-Prozent-Impfquote wurde auf den 1. September festgesetzt.

QR-Code – der Anfang

Im Juni war von einer dritten Welle des Corona-Virus die Rede. Alle Massenveranstaltungen im Landkreis Petuschki wurden wegen eines starken Anstiegs der Krankheitsfälle abgesagt. Seit dem 21. Juni hat Gouverneur Wladimir Sipjagin Massenveranstaltungen in der gesamten Region Wladimir verboten. Eine Ausnahme wurde für Open-Air-Veranstaltungen gemacht. Um sie besuchen zu können, brauchte man jedoch entweder eine Impfbescheinigung oder einen negativen PCR-Test.

Hier wird geimpft, Impfung gegen Covid-19, hier können Sie sich auch gegen Grippe impfen lassen.

Die Behörden begannen mit der Verhängung von Restriktionen, die darauf abzielten, nichtgeimpfte Personen zum Aufsuchen der Impfzentren zu zwingen. Ende Juni wurden die Gastronomen in Wladimir aufgefordert, 60% ihres Personals zu impfen, um die Schließung ihrer Lokale zu verhindern. Die Leiter aller Unternehmen wurden aufgefordert, sich einen kollektiven Immunitätspaß gegen das Corona-Virus ausstellen zu lassen: Dazu sollten bis zum 1. August mindestens 60% und bis zum 1. September mindestens 80% der Beschäftigten geimpft sein. Anfang Juli verbot Wladimir Sipyagin den Hotels, Gäste ohne negativen PCR-Test oder Impfpaß aufzunehmen. Später wurde der Zutritt zu Restaurants, Bars, Cafés, Kantinen, Kinos, Nachtklubs und Diskotheken ohne QR-Code untersagt.

Dies führte zu Unzufriedenheit beim Hotel- und Gaststättenverband der Region Wladimir, deren Mitglieder hohe Verluste zu verzeichnen hatten. Laut der Partei „Einiges Rußland“ hatte der Gouverneur die landesweit drakonischsten Maßnahmen gegen Restaurants, Kinos, Fitneßzentren und Friseursalons verhängt. Gleichzeitig räumte die Regierungspartei ein, die Bevölkerung von Wladimir weise die niedrigste Impfquote des Landes auf. Dies war nicht auf eine große Zahl von Impfgegnern zurückgeführt, sondern auf einen Mangel an Vakzinen.

Im Hochsommer verschärfte sich das Problem des Impfstoffmangels in der Region. Allein für die Personen auf der Warteliste fehlten 70.000 Dosen. Die Behörden begründen dies damit, dass einige russische Regionen eine Impfpflicht eingeführt hätten und daher die Liefermengen umverteilt worden seien. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 56 stationäre und 20 mobile Einheiten in der Region Wladimir im Einsatz.

In Anbetracht dieser Umstände beschlossen die Behörden, einen Rückzieher zu machen und die QR-Regelung für den Dienstleistungssektor auf den 15. September zu verschieben, um sie dann erneut auf den 15. Oktober zu verschieben.

Impfpflicht – der Anfang

Im Hochsommer ordnete der Chef des Gesundheitsamtes der Region Wladimir die obligatorische Impfung von Arbeitnehmern in 12 Sektoren an: Lehrer, Ärzte, Vollzugsbeamte, Kellner, Fahrer öffentlicher Verkehrsmittel, Postboten, Mitarbeiter von Wohnungs- und Versorgungsunternehmen und Banken. Bis zum 15. September mußten die Arbeitgeber unter Androhung von Geldbußen 60% ihres Personals impfen lassen.

Doch eine Woche vor Ablauf der Frist stellte die Fraktion „Einiges Rußland“ im Parlament einen Antrag an Gouverneur Sipyagin, die Sanktionen gegen ungeimpfte Bürger, die wegen des Sputnik-V-Mangels keine Zeit hatten, sich impfen zu lassen, aufzuschieben. Und der Verband der Zahnärzte forderte, die regionalen Gesundheitsbehörden zu verklagen, weil sie den Zahnärzten keine Impfung angeboten hatten.

Infolgedessen wurde der Termin für die Impfpflicht auf den 15. Dezember verlegt, was jedoch den Prozentsatz der geimpften Arbeitnehmer auf 80% erhöhte. Außerdem wurde die Liste der Personen, die der Impfpflicht unterliegen, um Beamte und Studenten über 18 Jahren erweitert. Die Beschäftigten der Unternehmen wurden inzwischen von ihren Arbeitgebern darüber informiert, daß sie ohne Gehaltsfortzahlung von der Arbeit suspendiert werden, wenn sie sich weigern sollten, sich impfen zu lassen.

Eskalation im Herbst

Bis zum Frühherbst hatte sich die Impfquote auf 33% erhöht, während sie landesweit bereits 46% betrug. Das Ziel von 60% wurde erneut verfehlt. Die Region Wladimir belegte den 81. von 85 Plätzen. Auf den Wartelisten für Impfungen standen 50.000 Menschen. Erst Ende September erklärten die Behörden, daß es keinen Mangel an Impfstoffen mehr gebe.

Gleichzeitig stieg die Anzahl der Infektionen in der Region stark an. Die Behörden reagierten mit neuen Restriktionen: Seit dem 4. Oktober ist der Zugang zu Massenveranstaltungen nur noch mit einem Impfcode oder einer Genesungsbescheinigung möglich. Das Amt für Verbraucherschutz hat sich dafür ausgesprochen, die Einführung von QR-Codes für den Dienstleistungssektor nicht länger aufzuschieben. Der kommissarische Gouverneur, Alexander Awdejew, verschob jedoch die Einführung des QR-Codes in Restaurants und Fitneßstudios um zwei Wochen. Gleichzeitig kündigten die Behörden an, man müsse einige Sektoren auf die allgemeine Impfung vorbereiten. Verkehrsbetriebe und kommunale Dienste wurden verpflichtet, 100 Prozent ihres Personals zu impfen.

Zu den Impfstellen wurden die Menschen nicht nur mit der Peitsche, sondern auch mit Zuckerbrot gebracht. Im Degtjarjow-Werk in der Kreisstadt Kowrow wurden jedem Arbeiter, der sich impfen ließ, 1.000 Rubel versprochen. Im Landkreis Petuschki verlosten die Behörden unter den Geimpften Wasserkocher, Mikrowellenherde, Fernsehgeräte und Smartphones. Rentnern, die mit Sputnik-V geimpft waren, versprach man Freikarten für den öffentlichen Nahverkehr, Schwimmbadbesuche und Lebensmittelpakete.

Krankenhäusern mit hohen Impfraten wurden zusätzliche Mittel und Prämien für Ärzte versprochen, die ihre Patienten zur Impfung ermutigten. Die Kreisstadt Murom sowie die Landkreise Kirschatsch und Kameschkowo erhielten 9,5 Mio. Rubel aus dem Regionalhaushalt für ihre Erfolge bei der Impfung der Bevölkerung. Dem Dorf Posdnjakow im Landkreis Wjasniki versprach der Gouverneur persönlich, 500 Meter Straßen für die hohe Impfrate zu reparieren. Die Siedlung Urschelskoje, in der über 60% der Bevölkerung geimpft wurden, führte man als gutes Beispiel an und berichtete, durch die Herdenimmunität sei die Zahl der Notarzteinsätze um das Zehnfache gesunken.

Vorweihnachtliches Wunder

Am 22. Oktober forderte der kommissarische Gouverneur Alexander Awdejew die Menschen auf, sich darauf vorzubereiten, daß ab dem 15. Dezember der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen nur noch gegen Vorlage eines QR-Codes oder der Bestätigung einer Genesung möglich sein werde.

Die Generalprobe für Maßnahmen dieser Art stellte die von Präsident Putin angekündigte „Ferienwoche“ vom 30. Oktober bis 7. November dar. Damals war es nicht nur unmöglich, Theater, Museen, Hotels, sondern auch Bibliotheken, Fitneßstudios, Schwimmbäder, Restaurants und Cafés ohne QR-Code zu betreten. Das Amt für Verbraucherschutz empfahl den Behörden in der Region, die strenge „Genehmigungsregelung“ über die Frist hinaus zu verlängern, doch stattdessen hoben sie einige der Beschränkungen wieder auf.

Ende November führten die Behörden des Landkreises Sudgoda plötzlich strenge Beschränkungen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus ein: Die Türen aller Sport-, Kultur- und Verwaltungseinrichtungen wurden für ungeimpfte Personen geschlossen. Obwohl die Inzidenzrate in diesem Landkreis schon immer eine der niedrigsten war. Kein anderer Landkreis in der Region Wladimir ist dem Beispiel von Sudogda gefolgt.

Vor dem 15. Dezember hatten viele in Wladimir keinen Zweifel daran, daß das System der QR-Codes für den Besuch öffentlicher Orte eingeführt werden würde. Wladimirs Geschäftsleute sprachen sich zum zweiten Mal in diesem Jahr offen dagegen aus: Sie schickten eine Petition an Alexander Awdejew und forderten ihn auf der Plattform change.org auf, keine QR-Codes für Dienstleistungsunternehmen einzuführen.

Unerwartet für alle hob der kommissarische Gouverneur der Region Wladimir am 15. Dezember den Erlaß über die Einführung von QR-Codes vollständig auf. Dieses Wunder vor Neujahr im Weißen Haus wurde mit der Stabilisierung der Seuchensituation in der Region und dem beklagenswerten Zustand des Einzelhandels und der Gastronomie erklärt. Und am 17. Dezember erhielten die Wladimirer ein weiteres Geschenk: Alexander Awdejew erlaubte den Besuch von kulturellen Veranstaltungen ohne Vorlage von QR-Codes.

Zumindest über die Neujahrsfeiertage konnten nun alle die meisten öffentlichen Plätze ohne Einschränkungen besuchen. Regionen, in denen QR-Codes überall eingeführt wurden, blicken inzwischen neidisch auf die Region Wladimir.

Impfgegner

Zeitgleich mit dem Beginn der Impfkampagne traten in der Region Wladimir Impfgegner auf. Bereits im Januar berichteten die regionalen Gesundheitsbehörden über eine Gruppe junger Menschen, die in Krankenhäusern Flugblätter gegen Impfungen verteilten. Der Gouverneur wurde sogar gebeten, das Amt für Verbraucherschutz zu veranlassen, die Internetressourcen von Impfgegnern in Wladimir zu sperren. In verschiedenen Meinungsumfragen steht die Region Wladimir landesweit an erster Stelle, was die Zahl der Impfgegner angeht. Und die Personalvermittlungsagentur HeadHunter stellte fest, die überwiegende Mehrheit derer die sich nicht impfen lassen wollen, wolle bei dieser Überzeugung selbst dann bleiben, wenn dies zu Lasten ihrer Arbeit gehe.

Bei Lehrern, Kindergärtnerinnen, Fahrern öffentlicher Verkehrsmittel und Fabrikarbeitern hat sich eine regelrechte Anti-Impf-Stimmung breit gemacht. Sechs Angestellte des Kindergartens Nr. 35 in Wladimir wurden ohne Lohnfortzahlung suspendiert, weil sie sich weigerten, sich impfen zu lassen. Vier Lehrer der Schule №29 in Wladimir wurden aus denselben Gründen entlassen. Dutzende von ungeimpften Mitarbeitern der Rüstungsbetriebe in der Kreisstadt Kowrow wurden nach Hause geschickt. Sogar Mediziner in Wladimir weigerten sich, geimpft zu werden. Die Leitung der regionalen Gesundheitsbehörde bezeichnete diese Ärzte als Feinde, die ihren Kollegen in den Rücken schießen.

Impfgegner versuchten zu klagen, aber ohne Erfolg. Eine Angestellte einer medizinischen Einrichtung in der Kreisstadt Murom forderte vor Gericht ihren Lohn für die Zeit zurück, in der sie freigestellt war, weil sie sich weigerte, sich impfen zu lassen. Das Gericht entschied jedoch, die Entlassung sei rechtmäßig. Auch Arbeiter aus Kowrow, die für ihre Überzeugungen „gelitten“ hatten, zogen vor Gericht, verloren aber.

Die Kommunisten haben sogar eine Beratungsstelle eingerichtet, um denen, die von der Arbeit suspendiert wurden, weil sie sich weigerten, sich gegen das Corona-Virus impfen zu lassen, Rechtsbeistand zu leisten. Eltern machten sich im Namen ihrer Schüler stark für entlassene Lehrer; sie stellten sich als Ein-Mann-Streikposten auf, erzielten aber ebenfalls keine Ergebnisse in ihrem Sinne.

Von der Suspendierung nicht geimpfter Mitarbeiter waren in Wladimir u.a. die Brotfabrik und ein Transportunternehmen betroffen. Auch an der Staatlichen Universität erinnerte man die Lehrkräfte regelmäßig an die Notwendigkeit von Impfungen, während nicht geimpften Dozenten mitgeteilt wurde, dass sie ab dem 1. Januar 2022 vom Dienst suspendiert würden.

In der Region Wladimir gab es eine Reihe von Protesten gegen die Impfpflicht und die QR-Code-Bestimmungen. Insbesondere wurde in der Kreisstadt Alexandrow in der Nähe des Denkmals von Iwan dem Schrecklichen eine nicht genehmigte Kundgebung abgehalten. Die Teilnehmer bezeichneten QR-Codes als Analogie zu faschistischen Vorzeichen und nahmen eine Videoansprache an Präsident Putin auf. Ein Teilnehmer an dieser Aktion wurde mit einer Geldstrafe von 20.000 Rubel belegt.

Kein QR-Faschismus

Einwohner von Wladimir stellten unterdessen weiterhin Ein-Mann-Mahnwachen mit Plakaten auf, die da lauteten: „Nein zur Rassentrennung“, „Wir sind keine Sklaven“ „Nein zum QR-Code“, „Rußland gegen QR-Code“, „Nein zur Sklaverei“, „Nein zum QR-Faschismus“, „Ich bin kein Schinken mit QR-Code“, „Stoppt die Ausrottung der Nation“, „Der QR-Code wird uns nicht vor der Ansteckung retten. Er wird uns die Freiheit nehmen.“ Es gingen mehrere Petitionen mit Tausenden von Unterschriften an Wladimir Kiseljow, den Vorsitzenden der Regionalduma, und Alexander Awdejew, den kommissarischen Gouverneur, sowie an die Staatsduma mit der Aufforderung, das föderale Gesetz über den QR-Code an öffentlichen Orten nicht zu unterstützen bzw. zu verhindern.

Die meisten Regionalparlamente des Landes haben die Einführung des QR-Codes unterstützt, trotz der Proteste einer großen Anzahl von Gegnern. Die Abgeordneten der Regionalduma Wladimir hatten zweimal die Gelegenheit, ihre Haltung zum föderalen Gesetzentwurf über den QR-Code zum Ausdruck zu bringen, aber beide Male beschlossen sie, diese Frage erst gar nicht zu behandeln. Wladimir Kiseljow betonte, es  sei das Recht, nicht aber die Pflicht der Abgeordneten, sich zu den föderalen Gesetzentwürfen zu äußern.

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