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Es irrt, wer glaubt, sonntags herrsche im Erlangen-Haus Ruhe. Da gibt es nämlich Privatunterricht für alle, die unter Woche aus beruflichen Gründen keine Zeit für die Kurse haben, oder wenn man besonders schnell vorankommen möchte – wie Andrej Ottowitsch Rod, der öfter seinen Vater und die Verwandtschaft in Fürth besucht und dort, in Franken, nicht immer mit offenem Mund danebenstehen will, wenn die Unterhaltung auf Deutsch geführt wird.

Andrej Rod im Erlangen-Haus

Über sich selbst mag der Universitätsdozent nicht viel erzählen. Wichtiger ist ihm die jüngere Familiengeschichte, die der so vieler Rußlanddeutschen ähnelt und dann doch wieder so ganz eigene Züge trägt. Der Vater, Andrej Ottowitsch, wurde am 5. Mai 1932 im Kirchdorf Schidlowo, Region Donezk, ja, dort geboren, wo nun schon seit fünf Jahren Krieg herrscht. Fast wie 1941, als die Eltern mit den beiden älteren Söhnen per Zug in die Region Pawlodar evakuiert wurden, während der Großvater, Otto Rod, schon 1938 in die Knochenmühle des Gulags geriet und 1942 in einem Lager bei Nischnij Nowgorod, damals Gorkij, der Willkürherrschaft zum Opfer fiel. 1994 siedelten Andrejs Eltern und Schwestern nach Deutschland aus und ließen sich in Fürth nieder. Etwas später folgte auch der Bruder, Otto Ottowitsch. Und dann ist da noch die Geschichte von Irina Rod, veröffentlicht 2016 in der Moskauer Deutschen Zeitung, die eine erstaunliche Biographie offenbartrod-3

Noch eine, den männlichen Zweig der Familie betreffende Tradition sei angemerkt: Die Vornamen Andrej (Andreas) und Otto werden immer alternierend vergeben und weitervererbt.

Andrej und Otto Rod

Andrej und Otto Rod in Fürth

Gleich, wo Sie Andrej Rod einmal begegnen, ob in Wladimir oder Fürth, sein Deutsch wir dann sicher schon wesentlich besser sein, denn die Muttersprache seiner Ahnen erlernt er im Erlangen-Haus bei Tatjana Kirssanowa. Qualität hat ja schließlich einen Namen.


Die Brandkatastrophe von Notre Dame in Paris bewegt auch die Menschen in Wladimir. Zumal die Partnerstadt eine besondere Beziehung zu dieser Kathedrale hat. Im Jahr 2007 nämlich schenkte Patriarch Alexij II nach einem Gebet vor der Dornenkrone Christi dem Gotteshaus eine Kopie der Gottesmutter von Wladimir. Lange bangte man um die Ikone, doch nun, zum orthodoxen Palmsonntag und zum westkirchlichen Ostern, kommt die erfreuliche Bestätigung: Das Bildnis wurde kein Raub der Flammen, es ist unversehrt unter den geretteten Werken der sakralen Kunst.

Gottesmutter von Wladimir in Notre Dame. Photo: pravmir.ru

Anlaß zur Freude, Anlaß aber auch für einen näheren Blick auf das Bild vom Typus „Umilenije“, was so viel bedeutet wie „erbarmende Rührung und mitfühlende Hinwendung“, da Mariens Blick als Vorausschau auf das Leiden des Sohnes gedeutet wird, das dann seinerseits – und damit der Bezug zum heutigen Fest – in der Auferstehung seine Auflösung, seine Erlösung und Vollendung findet. Keine Ikone ist wichtiger für die russische Sakralkunst wie die Identität des Landes als die Wladimirer Gottesmutter, keiner werden so viele Wundertaten zugeschrieben, keine steht mit mehr Legenden in Verbindung.

Gottesmutter von Wladimir in der Tretjakow-Galerie

Gemalt wurde das Bild angeblich vom Evangelisten Lukas auf dem Holz des Abendmaltisches und soll dann von Jerusalem nach Konstantinopel gelangt sein. Forscher datieren die Entstehung freilich ins frühe 12. Jahrhundert im Zweiten Rom, von wo aus die Ikone wohl um 1135 nach Kiew gelangte. Gesichert ist, daß Andrej Bogoljubskij die Gottesmutter 1155 mit in den Norden nahm und in seiner neuen Hauptstadt Wladimir in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale verehren ließ. 1395, nach dem Mongolensturm und dem Fall des Zentrums der Alten Rus, verbrachte man die Ikone nach Moskau, wo sie vom 15. Jahrhundert an bis 1918 in der nach Wladimirer Vorbild im Kreml erbauten Mariä-Entschlafens-Kathedrale ihren Platz fand. Im Zuge der Oktoberrevolution profanisierte man das Bild nach einer kurzen Station im Historischen Museum 1930 in der Tretjakow-Galerie, wo die Ikone bis heute zu bewundern ist, während in Wladimir nur eine Kopie verblieb – und der Gründungsmythos der Stadt. Eigentlich nämlich wollte ja Andrej Bogoljubskij weiter nach Rostow Welikij, doch die Pferde scheuten kurz vor Wladimir, dem Fürsten erschien die Gottesmutter, und der Herrscher erbaute ihr zu Ehren vor der Stadt seine Residenz in dem nach ihm benannten Bogoljubowo. Und mit dieser eben dieser Gottesmutter, die wegen ihrer artistischen Ausführung auch kunstgeschichtlich von kaum zu überschätzendem Wert ist, verbindet man später den Sieg über die Mongolen, und angeblich soll sie sogar im Dezember 1941 vom Flugzeug aus – auf Befehl des Kremlherrschers – ihren Schutzmantel über Moskau ausgebreitet haben, um den Vormarsch der Wehrmacht aufzuhalten. Eine Glaubensbild eben, ein Gnadenbild, das jetzt aus dem Inferno von Paris gerettet wurde – und vielleicht ja auch geholfen hat, dort Schlimmeres zu verhindern. Frohe Ostern also!


Heute habe ich unseren Osterbaum im Flur des Erlangen-Hauses geschmückt. Dabei habe ich an unsere Freunde aus Erlangen gedacht: Ich habe mir Eure mit bunten Ostereiern geschmückten Häuser und Wohnungen vorgestellt.

Von Herzen möchten wir Euch Frohe Ostern, sonnige Frühlingstage und natürlich viel Spaß beim Eiersuchen wünschen!

Tatjana Kirssanowa


Wer sich in der zurückliegenden und in den Kartagen ihrem Höhepunkt entgegengehenden Fastenzeit einer gewissen Enthaltsamkeit befleißigte, hat jetzt allen Grund zur Vorfreude auf die sündhaft leckeren Köstlichkeiten der russischen Osterküche, auch wenn das Fest der Auferstehung erst am Sonntag in einer Woche auf dem rechtgläubigen Kalender steht. Denn es steht geschrieben: Wenn’s dem Orthodoxen schmeckt, leckt der Katholik die Lippen. Zugegeben, nicht ganz politisch korrekt und integrativ, aber es mag wohl auch für andere Konfessionen, Religionen, Häretiker, Agnostiker und – in Gottes Namen – auch Atheisten gelten, hält man sich denn an die strenge Regel, das folgende Rezept, entnommen dem formidablen Kochbuch von Anna Schukowa, der Wladimirer Großmeisterin der Gastronomie, erst am Karsamstag anzuwenden und die Paßcha dann an Ostern zu genießen. Wie das anzufangen sei, heute schon im Blog, damit morgen die notwendigen Einkäufe getätigt werden können. Man braucht nämlich:

450 g Butter, fünf bis sechs Eidotter, 500 g Zucker, ein Kilo Topfen (z.B. handgeschöpfter Bio-Topfen von Andechser Natur), 300 ml Sahne (am besten mit 30% Fettstufe im Glas aus dem Bioladen), je 100 g Rosinen, Mandeln und Zitronat / Orangeat sowie je einen halben Teelöffel Kardamom und Vanillepulver.

Die Zubereitung der Paßcha erfolgt in drei Schritten:

  1. Die warme Butter mit dem Zucker aufquirlen, die Dotter einzeln hinzugeben und die Masse weiter rühren, bis sich die Zuckerkristalle ganz aufgelöst haben, damit die Paßcha eine cremig-zarte Konsistenz erhalte.
  2. Aromatisieren läßt sich die Paßcha am besten durch die Beigabe von Kardamom und Vanillepulver.
  3. Nun kommt der Topfen an die Reihe – und mit ihm die Rosinen, die kleingeschnittenen Mandelstifte und das Zitronat. Alles gut umrühren und dann die geschlagene Sahne dazugeben. Wiederum alles sorgfältig vermischen, von unten nach oben und von oben nach unten, und dann in eine mit einem angefeuchteten Tuch ausgelegte Form füllen, oben mit einem Teller abschließen (er sorgt für den nötigen leichten Druck) und für zwölf Stunden in den Kühlschrank stellen.

Vor dem Servieren kommt noch das Verzieren mit Beeren oder Gummibären (für die Kleinen), gottgefällig mit dem orthodoxen Zeichen XB, das als Христос Воскрес, Christ ist erstanden, zu lesen ist. Dann gibt es kein Halten mehr, zumal die Speise wegen der rohen Eier als leicht verderblich-sterblich gilt.

Paßcha 1

Hinweis zur Güte: Diese Paßcha ist aus der Hälfte der o.g. Zutatenmenge entstanden.

P.S.: Der Jourdienst des Blogs begeht die hoffentlich nur läßliche Sünde des vorgezogenen Fastenbrechens natürlich einzig um der geneigten Leserschaft willen.


Auf das Schaffen von Ilja Schanin wies der Blog schon des öfteren hin. Er arbeitet ja gern mit vergänglichen Materialien – mit Eis und Sand -, wobei er aus dem Fundus der großen Meister schöpft.

Nun sind Arbeiten des Wladimirer Künstlers zusammen mit Werken von 39 anderen Kollegen aus aller Welt im Groeninge Museum Brügge zu sehen, entstanden nach den Vorlagen alter Meister wie Hans Memling, Jan van Eyck oder Hieronymus Bosch. Dazu Ilja Schanin selbst:

Früher arbeitete ich häufig mit Reliefs. In Brügge aber wurde die Arbeit dadurch erschwert, daß es notwendig war, bei der Gestaltung der Skulpturen die optimale Balance zwischen dem eigenen künstlerischen Ich und dem klassischen Gemälde zu finden. Mir scheint, unserem internationalen Team ist es dennoch gelungen, diese anspruchsvollen Pläne umzusetzen.

So entstand in sieben Sälen ein „Museum des neuen Blicks“, eine 60 Tage währende Ausstellung auf 700 qm Fläche, für deren Gestaltung 22 Tonnen Putz notwendig waren. Wer in nächster Zeit nicht in die Stadt der Brücken kommt, erfreue sich an den Kunstwerken unter: http://www.facebook.com/ilyashanin

Siehe hierzu auch: https://is.gd/PyPuws


Eigentlich würde dieses Jubiläum eine ganz eigene Würdigung verdienen, aber wer Jürgen Ganzmann kennt, weiß, wie wenig ihm an Aufhebens um seine Person liegt. Ihm ging und geht es um die Menschen, in deren Dienst er sich beruflich wie ehrenamtlich stellt. So will es denn auch der Blog heute auch bei der schlichten Bemerkung bewenden lassen, daß der Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben heuer sein zwanzigjähriges Jubiläum der Zusammenarbeit mit Wladimir begeht und mit immer neuen Ideen und Impulsen weiterführt, was einmal mit der Kinderpsychiatrie begann und fortgesetzt wurde mit dem 2002 von Bundespräsident Johannes Rau ausgezeichneten Projekt „Lichtblick“, das sich dann mit einem weitverzweigten Austauschprogramm mit hunderten von Hospitationen weiterentwickelte zum „Blauen Himmel“, um schließlich in der Einführung von Erlebnispädagogik und in der inhaltlichen Unterstützung der Selbsthilfegruppe für Eltern mit schwerbehinderten Kindern „Swet“ zu münden, um nur die wichtigsten Stationen zu skizzieren.

Jurij Katz, Alina Alstut und Jürgen Ganzmann

Im Jahr 2010 dann eine wichtige Wegmarke mit der Aufnahme einer Kooperation mit Bernd Schleberger, der von Pskow aus ein Netzwerk für die Behindertenarbeit in russischen Städten und Regionen aufbaute. Siehe hierzu: https://is.gd/gjzjaw. Was sich in den Jahren seither tat, verdient höchste Anerkennung und jede denkbare Auszeichnung, denn mittlerweile ist da eine regelrechte Bewegung entstanden, die bilateral auf der Ebene von Experten und Praktikern die Fragen von Inklusion und barrierefreier Gesellschaft spürbar voranbringen. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, resümiert jedenfalls Jürgen Ganzmann das letzte Treffen in Pskow vom 7. bis 11. April unter dem Titel „Entwicklung eines idealen Modells zu ambulanten Betreuungsdiensten für Menschen mit geistiger Behinderung“.

Jürgen Ganzmann, Ajschat Gamsajewa (Machatschkala), Roman Alexandrow und Jurij Katz

Acht Regionen – von Archangelsk bis Machatschkala, von Kaliningrad bis Irkutsk – und – erstmals als trilateraler Partner eine Delegation aus Minsk – trafen sich mit Jürgen Ganzmann und seiner Mitarbeiterin Arina Alstut – die beiden einzigen Fachleute aus Deutschland! – sowie mit Jurij Katz, Gründer von „Swet“, und Roman Alexandrow, Direktor des Jugendzentrums der Stadtverwaltung Wladimir. Nicht von ungefähr in dieser Konstellation, denn die Kooperation Erlangen-Wladimir gilt mittlerweile in diesen Fragen als Blaupause, und die Erfolge der russischen Partnerstadt – vor allem im Bereich „betreutes Wohnen“ – betrachtet man inzwischen landesweit als wegweisend zu einem idealen Modell. Schon entstanden nun nach dem Vorbild von Wladimir auch in Nischnij Nowgorod und Sankt Petersburg erste Projekte mit betreutem Wohnen. Um einander aber noch besser zu verstehen – die Begriffe sind in ihrer Vieldeutigkeit oft schwer zu übertragen – arbeitet man nun an einem Glossar zum Thema, das auch die unterschiedlichen bürokratischen Systeme transparent machen soll. Ermutigend dabei: Die Nichtregierungsorganisationen erfahren durch die örtlichen Behörden zunehmend Unterstützung, was sich auch darin ausdrückt, daß die Delegationen von Vertretern der kommunalen Verwaltungen begleitet wurden. Nur so lassen sich die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention, die ja auch die Russische Föderation unterzeichnete, erreichen. Die föderalen Gesetze sind nämlich – ähnlich wie in Deutschland – das eine, aber die Durchführung nach Kassenlage vor Ort etwas anderes, das sich nur mit dem Ehrenamt ins Werk setzen läßt.

Jürgen Ganzmann und Bernd Schleberger, stellvertretender Vorstand des BDWO und Koordinator des Projekts

Die nächsten Ziele sind nun neben der Einrichtung weiterer Wohnungen mit Betreuung die Organisation von Reisen für Behinderten. Nischnij Nowgorod denkt da an die Route Moskau –  Wladimir – Kasan, und Jurij Katz lädt eine Behindertengruppe aus Erlangen in sein neueröffnetes barrierefreies Haus nach Susdal ein. Noch nicht genug? Natürlich nicht: Im September reist Arina Alstut nach Irkutsk, um in Vertretung des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben zusammen mit 80 russischen Fachleuten Fragen der Betreuung von Behinderten aller Altersstufen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Eine Einladung, die zeigt, welches Ansehen sich Erlangen auf dem Gebiet erworben hat. Eine Auszeichnung, die Jürgen Ganzmann im zwanzigsten Jahr seines deutsch-russischen Fachaustausches sicher mehr bedeutet als jede Urkunde.


Totgesagte leben länger. Das gilt offenbar auch für die Traktoren aus Wladimir, deren Produktion im Sommer des Vorjahrs eingestellt wurde – mangels Nachfrage, vor allem wohl aber wegen fortgesetzten Versagens des Managements. Nun rollen sie wieder vom Band, die Schlepper, die einst Tausenden von Wladimirern Arbeit und Brot gaben und in aller Welt Absatz fanden.

Die Serienproduktion läuft bereits, wenn auch noch in bescheidener Stückzahl. 50 Exemplare sollen es bis Ende des Jahres werden, die universell einsetzbar sind, in der Landwirtschaft wie auch in der Straßenreinigung, gedacht für den Binnenmarkt und den Export in das sogenannte „Nahe Ausland“, also die Nachfolgestaaten der UdSSR. 400 Mio. Rubel will man in eine neue Werkhalle investieren. Allerdings nicht mehr auf dem Gelände des ehemaligen Werks in Wladimir, sondern im Gewerbegebiet Kameschkowo, 50 km nordöstlich der Partnerstadt gelegen, wo dann um die 50 neue Arbeitsplätze entstehen dürften. Glück auf!

Mehr zur Geschichte und Schließung des Traktorenwerks in Wladimir unter: https://is.gd/BGWIky

 

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