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Ein Zuruf mit Folgen


Peter Steger hat es wieder einmal geschafft. Er hat eine Idee, gibt diese weiter, und daraus wird dann ein ganzes Projekt. Der Reihe nach.

Im Herbst 2018 rief mir der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Erlangen einen Namen zu. Diese Person sollte ich unbedingt kennenlernen. Erlangen hat mit Universität, Medizin und Kultur genügend Schwerpunkte, die die Städtepartnerschaft mit Wladimir beflügeln. Tourismus und Gastronomie passen wiederum sehr gut zu Rothenburg ob der Tauber. Deswegen der Zuruf an mich. Von Beruf Vermögensverwalter und aktiv im Partnerschaftsverein, bilden gute Voraussetzungen, um ein Wirtschaftsthema aufzugreifen. Gesagt getan. Im Januar dieses Jahres lernte ich auf einer meiner Rußlandfahrten den Leiter der Wladimirer Hotelfachschule, Fjodor Lawrow. kennen, in Erlangen auch wegen seines Fußballtalentens bereits bestens bekannt. Nach einer Führung durch die Schule und einer Erklärung der Aufgabenstellung dieser Weiterbildungseinrichtung war mir klar, was dort gemacht wird. Zu Hause, in heimatlichen Gefilden, nahm ich Kontakt zum örtlichen Hotel- und Gaststättenverband auf. Dort wurde mir eindrücklich aufgezeigt, welch massiver Personalmangel in dieser Branche herrscht. Restaurants schließen zwei oder drei Tage in der Woche, weil sie keine Servicekräfte haben. Manche Hotels können nicht alle Zimmer vermieten, weil das Housekeeping fehlt.

Erfreulich war, daß von Juli bis September daraufhin zwei Hospitantinnen aus Wladimir ihre Auslandserfahrungen in Rothenburg sammelten. Dies hatte sehr gut funktioniert. Die Hoteliersfamilie war sehr beeindruckt von Genauigkeit, Pünktlichkeit, Freundlichkeit und Engagement seitens der beiden 18- und 20jährigen Mädels. Und bei den zwei jungen Damen gab es beim Abschied sogar Tränen. Sie fühlten sich in der familiären Atmosphäre sehr wohl.

Fjodor Lawrow, Alissa Uschakowa, Adelheid Teutscher, Amalia Dobronrawowa und Erwin Bauer

Nach dem ersten Erfolgserlebnis soll dies nun ausgebaut werden. Das Projekt verzeichnet eine Win-Win-Situation. Die russischen Gäste können in ihrer Vita auch einen beruflichen Auslandsaufenthalt nachweisen. Bei den deutschen Gastronomen kann die Personalsituation temporär entlastet werden.

Deshalb war ich jetzt Ende November wieder in Wladimir. Ich hielt vor versammelter Mannschaft von 170 Studenten einen Werbevortrag für Rothenburg. Mit einem selbstproduzierten Musikvideo mit russischer Musik über Rothenburg konnte ich gleich die volle Aufmerksamkeit der jungen Leute erzeugen. Die persönlichen Einladungen von den Hotelmanagern verstärkten noch einmal den Eindruck, daß die Hospitanten wirklich sehr gut in Rothenburg aufgenommen werden. Nach meinem Vortrag kamen denn auch spontan drei Jugendliche auf mich zu und fragten mich, was sie konkret tun müßten, um nach Rothenburg zu kommen.

Erwin Bauer als Referent bei der Jährlichen wissenschaftlich-praktischen Studentenkonferenz zu den Ergebnissen von Praktika 2019

Am Tag darauf hielt ich den gleichen Vortrag noch einmal in der Susdaler Berufsfachschule vor gut 70 jungen Leuten aus dem Tourismus- und Hotelbereich. Auch dort meldeten sich spontan mehrere Personen, die Interesse an einem Arbeitsaufenthalt in Rothenburg zeigten.

Auditorium in Susdal

Natürlich muß noch einiges abgeklärt werden. Zustimmung der Eltern und der Schule, Visum beantragen und Flugtickets kaufen. Es wird also wirklich spannend, wieviel Russen letztendlich kommen werden. Die gesamte Rothenburger Gastronomie hat inzwischen Interesse an einer konstruktiven Zusammenarbeit angekündigt.

Auch im Teilbereich Wirtschaft kann die Städtepartnerschaft weiter wachsen. Für beide Seiten wäre es von Vorteil. Peter Steger hat den Stein ins Wasser geworfen und ich setze das Projekt um.

Erwin Bauer


Strenggläubige Christen in Ost und West unterziehen sich ja im Advent dem „kleinen Fasten“, das eine weniger strikte Observanz als in der Passionszeit fordert. Doch längst hat hier wie dort die Säkularisierung Einzug gehalten und fährt zumindest vor Weihnachten schwere kulinarische Geschütze auf. Da bietet die Pirogge in ihrer vegetarischen Variante einen Ausgleich zwischen festlichem Genuß und asketischer Zurückhaltung. Aber versuchen Sie es selbst mit diesem Rezept aus Wladimir:

Für den Teig benötigen wir: 500 g Mehl, 40 g Zucker, 250 g Milch, 1 Eßlöffel Sonnenblumenöl, 1 Eigelb, 1/2 Päckchen trockene Hefe, 1/2 Teelöffel Salz.

Zubereitung des Teigs: 2 gehäufte Teelöffel des vorher gesiebte Mehl in eine kleine Schüssel geben, 125 ml warme Milch, 1 Eßlöffel Zucker und Hefe dazu. Alles gut durchmischen, verrühren und 10-15 Minuten stehen lassen. Danach in das restliche Mehl 125 ml warme Milch, den restlichen Zucker, Eigelb, Salz und Hefemischung geben. Alles gut und lang von Hand oder mit der Küchenmaschine kneten und warmes Sonnenblumenöl dazugeben. Aus dem Teig macht man dann eine Kugel und stellt sie in einer Schüssel an einem warmen Ort, abgedeckt mit einem Küchentuch, wo man sie eine Stunde gehen lassen sollte.

Zubereitung der Füllung: Am beliebtesten und berühmtesten sind in der russischen Küche folgende Piroggenfüllungen:

– Weißkohl mit gekochten Eiern;

– gekochte Eier mit Frühlingszwiebeln;

– Kartoffeln mit gerösteten Zwiebeln und Pilzen;

– Reis mit Frühlingszwiebeln und Eiern.

Zu unserer Füllung benötigen wir ca. 1 kg Kartoffeln, die wir schälen, garkochen und mit Milch sowie einem Stückchen Butter pürieren. Der Brei darf nicht zu flüssig, aber auch nicht zu hart sein. Ein bis zwei Handvoll getrockneter Pilze – möglichst aus den Wladimirer Wäldern -, vorher für zwei bis drei Stunden eingeweicht. Danach Sud abgießen und Pilze fein schneiden. 3 mittelgroße Zwiebeln schälen und in Sonnenblumenöl golden anbraten. Es muß genug Öl in der Pfanne sein, aber die Zwiebeln dürfen auch nicht im Öl schwimmen. Dann die Pilze dazugeben und kurz zusammen anbraten. Kartoffelbrei unterheben, Salz und Pfeffer nach Geschmack beigeben, abkühlen lassen.

Den Teig dünn ausrollen. Auf die eine Hälfte des Teiges die Füllung verteilen, mit der zweiten Hälfte alles abdecken und Ränder festmachen. Im abdeckenden Teil des Teigs zwei Ringe ausschneiden und daraus Tannenbäumchen oder andere Dekorationen formen, um die Pirogge damit zu verzieren. Ein Ei in einer Tasse mit einem Eßlöffel Milch gut verquirlen. Mit dieser Melange die Pirogge gut von oben und an den Seiten bepinseln, damit der Kuchen danach glänze. Ein Blech mit Öl bestreichen und die Pirogge drauflegen. Im Ofen bei 170° C auf der mittleren Ebene ca. 30 Minuten backen. Wenn die Pirogge fertig ist, wird sie dünn mit Butter bestrichen und warm serviert. Guten Appetit und noch einen gesegneten Advent!


Das Kammerensemble der Philharmonie Wladimir tourt wieder durch Bayern. Ein letztes Mal, wie Igor Besotosnyj, Dozent für Balalaika und Leiter des Quartetts, bestätigt, der vor 30 Jahren seinen musikalischen Einstand in Erlangen bei der Woche der Russischen Küche gab. Ob es wirklich bei der Entscheidung bleibt, ist abzuwarten. Für den Rückzug aufs partnerschaftliche Altenteil ist der Saitenvirtuose ja noch viel zu jung. Aber die lange Anreise im eigenen Tourbus und vor allem der Termindruck zu Hause setzen Fakten. So ist auf dieser Abschiedstournee – bei freiem Eintritt – das letzte Konzert am Dienstag, den 10. Dezember, um 19.30 Uhr in St. Sebald, Egerlandstraße 22, angesetzt, doch schon am Donnerstagabend wartet eine Verpflichtung auf einer Bühne in Moskau. Dazwischen liegen 2.500 Straßenkilometer, abwechselnd am Steuer mit Alexander Schaposchnikow. Eigentlich ja unzumutbar ohne ein ungehöriges Maß an Selbstausbeutung.

George Mills, Swetlana und Olga Besotosnaja, Igor Besotosnyj und Alexander Schaposchnikow

Dennoch: Wer will im Austausch zwischen Erlangen und Wladimir schon vom letzten Mal sprechen!? Bestimmt gibt es noch Anlässe und Gelegenheiten für ein Wiederhören, ob hier oder dort. Nur eben in dieser Form wohl eher nicht mehr. Und das ist wirklich schade, wenn man die Gruppe gestern wieder, gebucht von Ernst Stäblein, auf der Waldweihnacht hören konnte – oder noch eindrucksvoller sogar, auf Initiative des Seniorenbeirats, beim Wohltätigkeitsauftritt im Hospiz am Ohmplatz.

Swetlana Besotosnaja

Noch am Samstag gibt es zu einem Abendkonzert ins Klinikum Starnberg, heute sind die vier ab 19.00 Uhr in der m&i-Fachklinik in Herzogenaurach zu erleben, morgen musizieren sie in Bad Heilbrunn, und dann, wie gesagt, am Dienstag gibt es schließlich das Abschiedskonzert um 19.30 in St. Sebald.

Igor Besotosnyj und Alexander Schaposchnikow

Im Programm wieder – und doch stets neu – klassische Stücke von Mozart bis Vivaldi, interpretiert auf den russischen Volksmusikinstrumenten Balalajka, Domra und Bajan, begleitet von der Violine. Und dann ist da wieder der Deutsch-Amerikaner, George Mills, der mit seinem gepflegten Väterchen-Frost-Rauschebart und vor allem seiner Sprachkompetenz auch als Russe durchginge und für die einfühlsamen Vokaleinlagen steht.

Olga Besotosnaja, Elisabeth Preuß, George Mills, Ernst Stäblein, Swetlana Besotosnaja, Alexander Schaposchnikow und Igor Besotosnyj

Im begeisterten Publikum gestern stand denn auch Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die versprach, trotz anderer Terminverpflichtung, auch noch zum Konzert nach St. Sebald zu kommen, um sich von dem Quartett zu verabschieden.

Natalia Nikolajewa und Lisa Puyplat

Und noch jemand stand in den Reihen vor der Bühne auf der Waldweihnacht. Ein Pärchen, von dem noch zu erzählen sein wird: Natalia Nikolajewa aus Gus-Chrustalnyj in der Region Wladimir, die schon als Schülerin im Erlangen-Haus Deutsch lernte, dann mit ihren Eltern die Sommerkurse an der Volkshochschule besuchte und nun schon erfolgreich das Physikum des Medizinstudiums in München hinter sich gebracht hat, von Erlangen aus stets von Lisa Pyplat fürsorglich begleitet. Aber, wie gesagt, das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.

 


Den emotionalen Höhepunkt setzte Nikolaj Schtschelkonogow gestern morgen zum Ende seiner fast zweiwöchigen Reise in die eigene Vergangenheit mit dem Besuch der Roten Kaserne in Potsdam, wo er von 1951 bis 1957 stationiert war. Hierher holte er nach Stalins Tod 1953 seine Frau nach, von hier aus wurde er zur Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 nach Berlin kommandiert, wo sich aber bei seinem Eintreffen die Lage bereits beruhigt hatte, und hier, im Militärkrankenhaus von Beelitz, in der einstigen Doktor-Koch-Klinik, kam sein Sohn zur Welt. Hier liegt der Grund für seine tiefe Verbundenheit mit den Deutschen, die sich übrigens, wie der Veteran betont, in all den sechs Jahren seiner Stationierung auch nur im Ansatz feindselig ihm gegenüber benommen hätten, ganz im Gegenteil, sogar Familienfreundschaften seien in jener Zeit entstanden, von denen Nikolaj Schtschelkonogow immer wieder gerne erzählt.

Jekaterina Zwetkowa, Andrej Maximow, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Maxim Lortschenko vor dem Hauptkomplex der Roten Kaserne in Potsdam

In dem riesigen Komplex der Roten Kaserne, benannt nach dem Baumaterial Klinker und entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, war ab 1948/1949 bis 1993 die Sowjetische bzw. Russische Armee einquartiert, und bot Platz für die ganze 34. Artillerdivision, in der Nikolaj Schtschelkonogow diente. Nach dem Abzug der Soldaten nutze die Stadt Potsdam – ähnlich wie das in Erlangen geschah – das Areal zur Neugestaltung eines ganzen Viertels mit Wohnungen, Büros und Forschungseinrichtungen.

Auf dem Weg zur Alexander-Newskij-Gedächtniskirche in Potsdam

Doch dann ging es schon hinauf zur Alexander-Newskij-Kirche, erbaut auf Anordnung König Friedrich Wilhelms III. in den Jahren 1826 bis 1829 als Manifest der engen Freundschaft von Preußen und dem Russischen Reich, auf dem Kappellenberg, unweit der Kolonie Alexandrowka, die eigens für die russischen Soldaten angelegt wurde. Heute ist sowohl die Siedlung als auch die Kirche, das älteste russisch-orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa, Teil des UNESCO-Welterbes.

Alexander-Newskij-Kirche in Potsdam

Der Schutzpatron wiederum steht in enger Beziehung zu Partnerstadt. Der einstige Großfürst von Wladimir wurde in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale beigesetzt, Peter I ließ aber die Gebeine des mittlerweile heiliggesprochenen Siegers über den Deutschherrnorden und dessen Drang nach Osten in seine neue Hauptstadt überführen, wo sie wohl auch bleiben werden.

Gottesdienst in der Alexander-Newskij-Kirche zu Potsdam

Aber wer wollte schon groß an diesen Reliquienraub denken, wenn doch, wie es der Himmel will, gerade an diesem Freitagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Übrigens war die Kirche auch damals, in den 50er Jahren, geöffnet. „Auch wenn ich, als Kommunist erzogen, kein gläubiger Mensch war“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „kam ich doch immer wieder hierher. Denn es ging uns materiell zwar recht gut, und wir fühlten uns wohl hier, aber Heimweh hatten wir doch alle, und da bot die Kirche uns ein Stück Rußland.“ Allerdings, und auch das gehörte zum Leben der Sowjetsoldaten: „In den Büschen, wo es zu dem einen oder anderen Stelldichein mit den Fräuleins gekommen sein mag, saßen gern auch Geheimdienstleute, um über die Moral der Truppe zu wachen.

Schloß Cecilienhof

Zu den festen Ausflugszielen gehörten natürlich auch Schloß Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, dessen viele Zimmer Nikolaj Schtschelkonogow noch heute fast alle beschreiben könnte. Für eine Besichtigung bleibt freilich ebensowenig Zeit wie für eine Führung durch Sanssouci.

Sanssouci

Aber es war ja auch keine touristische Reise für den Veteran. Er konnte sich seinen Herzenswunsch erfüllen: zum sechsten Mal nach Erlangen kommen, um Abschied von seinen deutschen Kameraden und Freunden zu nehmen, um noch einmal die wichtigsten Stationen seiner Zeit als Soldat in Deutschland zu besuchen, vor allem aber, um sein ganz persönliches Zeugnis für die russisch-deutsche Aussöhnung über die ungezählten Gräber hinweg abzulegen, um zu beweisen, daß man den Krieg in sich besiegen kann. Davon wird nun bald die Dokumentation von Jekaterina Zwetkowa berichten, die bereits im April fertiggestellt sein soll, um sie dann – möglichst mit Gästen aus Erlangen – zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir uraufzuführen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Nikolaj Schtschelkonogow will so lange nicht warten. Viel zu ungeduldig ist er dafür, zumal er keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen möchte. Und so wird er schon heute – im Geiste der Verständigung – von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Deutschland berichten und sicher einen Reisebericht schreiben, ganz im Sinne seiner Mission der Aussöhnung mit den einstigen Feinden. Welch ein großer Mensch!


Nikolaj Schtschelkonogow erinnert sich noch genau, wie die Operation Bagration der Sowjetarmee, der Wehrmacht das Rückgrat brach, die Kampfmoral nahm, die letzte Hoffnung raubte, mit Moskau wenigstens noch einen Verhandlungsfrieden schließen zu können. Die Verluste waren nicht mehr auszugleichen. Und er, der 1925 im Ural geborene Bauernjunge, der ohne Vater aufwuchs und mit 15 Jahren als Mähdrescherfahrer bereits Verantwortung für sein ganzes Dorf trug und erst nach dem Krieg eine richtige militärische Ausbildung erhielt, er war dabei, als die Heeresgruppe Mitte aus Babrujsk vertrieben und versprengt wurde, als der Sturm auf Berlin seinen großen Anlauf nahm.

„Auch wenn wir auf dem Vormarsch waren, verlief nicht immer alles nach Plan“, erzählt der Veteran, den man nach seiner Ausbildung in der Ukraine nach Wladimir versetzte, von wo aus er dann sechs Jahre zum Dienst in die DDR geschickt wurde. „Es gab Situationen, wo die pure Panik ausbrach, wo Kameraden zitterten und schlotterten, Todesangst litten, den Leichengeruch nicht mehr aushielten, die verbrannte Erde Würgen verursachte. „Noch heute“, so bekennt Nikolaj Schtschelkongow dem eigens auf den Leipziger Ehrenfriedhof für die Sowjetarmee gekommenen Vizekonsul, Ilja Matwejew, zuständig für die Grabstätten in Thüringen und Sachsen, „noch heute wache ich manchmal auf und höre die Schreie, die Schüsse, spüre das Grauen des Krieges.“ Aber da ist natürlich auch die Freude über den Sieg, der Stolz auf die eigene Leistung, und da ist besonders seine persönliche Mission, alles zu erzählen, damit es in Zukunft keine neuen Kriegsveteranen gebe: sein Operation Frieden.

Gräberfeld auf dem Sowjetischen Friedhof Leipzig

Auf diesem Feldzug des Friedens und der Versöhnung ist der ehrenhalber zum Oberst ernannte einstige Hauptmann der Sowjetarmee nun von Erlangen aus via Jena und Leipzig in Berlin eingetroffen, wo er gestern gegen Mittag das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst besuchte. Man kann nur ahnen, was in Nikolaj Schtschelkongow vorging, als er durch die Räume des Hauses schritt, in dem vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde auf Betreiben der sowjetischen Seite ein zweites Mal unterzeichnet und das Ende des Dritten Reichs besiegelt wurde.

Nikolaj Schtschelkonogow vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst

Der Wladimirer Friedensbotschafter kam damals beim Sturm auf Berlin auch durch diesen Vorort und drang dann vor bis zum Hauptquartier der Gestapo – in einem verbissenen Häuser- und Straßenkampf. „Es gab Gebäude, die mehrmals am Tag den Frontverlauf veränderten, immer wieder neu eingenommen werden mußten“, weiß er zu berichten. „Es war schrecklich zu sehen, wie verzweifelt der Volkssturm um etwas kämpfte, das längst verloren war!“

Nikolaj Schtschelkonogow

Mehr als 300.000 Rotarmisten fielen bei der Operation Berlin, darunter viele an der Seite von Nikolaj Schtschelkonogow, der heute bedauert, damals nicht Tagebuch geführt zu haben. Aber auch so erinnert er noch unglaublich viel und hat zu dem Thema Hunderte von Vorträgen verfaßt und an einem Dutzend von Büchern mitgewirkt. Und nun begleitet ihn ja auf seiner Operation Frieden das Dokumentarfilm-Team von Jekaterina Zwetkowa. Wie gut, daß damit sein Wissensschatz bewahrt bleibt.

Nikolaj Schtschelkonogow vor einem Plakat aus den USA im Jahr 1942

Und so zeigt denn auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst Interesse nicht nur an dem Film, sondern an den Erinnerungen des Gastes aus Wladimir. Jedes Detail jener letzten Kriegstage ist hier von Belang, und in den zahlreichen Sonderausstellungen kommt auch jedes Zeugnis zur Wirkung. Welch ein Glücksort der deutsch-russischen Verständigung.

Eintrag von Nikolaj Schtschelkonogow im Gästebuch des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst

Natürlich gehört zum Berlin-Besuch auch der Gang zum Ehrenmal für die Sowjetarmee im Treptower Park. Und wenn Nikolaj Schtschelkonogow dort dann auch noch jemanden wie Dominik Steger trifft, den er schon als Kleinkind ins Herz geschlossen hatte, dann kann die Versöhnung über die Gräber und Generationen zwischen Russen und Deutschen nicht symbolischer zum Ausdruck kommen. Vielleicht aber versteht man die Kraft dieser Momente auch erst mit dem Abstand einiger Jahre…

Nikolaj Schtschelkonogow und Dominik Steger: Versöhnung über den Gräbern am Ehrenmal im Treptower Park

Ein ganz besonderer Moment erwartete Nikolaj Schtschelkonogow dann aber am Nachmittag in der Botschaft der Russischen Föderation: ein Empfang beim höchsten Diplomaten seiner Heimat.

Nikolaj Schtschelkonogow

Eine ganze halbe Stunde nimmt sich Sergej Netschajew für den Gast Zeit, erkundigt sich nach dem Stand der Entwicklung von Wladimir und der ganzen Region – und lobt die Partnerschaft mit Erlangen. Aber der Botschafter gibt dem Veteranen auch die Zeit, um von seinen Kriegserlebnissen und natürlich den freundschaftlichen Verbindungen zu den deutschen Kameraden zu erzählen und auf die Aktion „Hilfe für Wladimir“ zurückzublicken, wo er persönlich über die gerechte Verteilung der humanitären Lieferungen aus Erlangen an bedürftige Kriegsteilnehmer und ihre Familien wachte.

Nikolaj Schtschelkongow und Sergej Netschajew

„Ich hätte nie gedacht, als einfacher Mensch einmal eine derart hohe diplomatische Ehre zu erleben“, gestand Nikolaj Schtschelkonogow nach dem Empfang, bei dem er auch das mit einer Widmung versehene Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ überreichte. Und in der Tat: In all den Jahren der Städtepartnerschaft seit 1983 gab es derlei, ein Tête-à-Tête mit einem amtierenden russischen Botschafter, noch nie. Schön und verdient, daß nun diese Ehre dem Botschafter h.c. des Friedens und der Verständigung zuteilwurde.


Eindrücke über meinen Aufenthalt an der FAU

Als Dozentin an der Staatlichen Universität Wladimir besuchte ich im Rahmen des Programms „ERASMUS + Staff Mobility for Teaching“ vom 11. bis 15. November 2019 die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mein Aufenthalt diente der Vertiefung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit und dem Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen unseren Hochschulen.

Ich besuchte die Universitätsstandorte in Erlangen und Nürnberg. Erlangen ist eine kleine und gemütliche Stadt. Beeindruckt haben mich die kleinen Bürgerhäuser, die wunderbaren Parkanlagen und die vielen einladenden Restaurants und Cafés. Alles wirkte ruhig und aufgeräumt. Auf dem Marktplatz wurden schon Vorbereitungen für die Weihnachtszeit getroffen; die Stimmung ist teilweise feierlich und voller Vorfreude. Die Lehrkräfte der Universität waren alle sehr freundlich, höflich und hilfsbereit.

Evelina Winter und Olga Kossowan

Ich wurde vom Städtepartnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, Peter Steger, sowie von der ERASMUS-Hochschulkoordinatorin an der FAU, Bianca Köndgen, und Evelina Winter, Mitarbeiterin des Lehrstuhls Didaktik des Deutschen als Zweitsprache, herzlich begrüßt. An der Universität war eine sehr interessante Ausstellung zum Thema „Fernweh“ zu sehen.

Nürnberg machte auf mich den Eindruck einer schönen und lebhaft pulsierenden Stadt. Die Atmosphäre im Stadtzentrum war beinahe feierlich zu nennen: strahlende Kaufhäuser und lebhafte Cafés, gut gelaunte Menschen, Glockengeläut auf dem Hauptmarkt.

Im Mittelpunkt meines Aufenthalts stand aber das Kennenlernen des Lehrstuhls Didaktik des Deutschen als Zweitsprache und seiner Lehrstuhlinhaberin, Prof. Dr. Magdalena Michalak. Ich hatte Gelegenheit, an ihrem Seminar zum Thema „Sprache im Fachunterricht“ sowie an ihrer Vorlesung mit der Bezeichnung „Erwerb des Deutschen als Zweitsprache“ teilzunehmen. Dargestellt wurden u.a. Lehrstrategien und didaktische Ansätze für die zukünftigen Lehrkräfte. Beide Veranstaltungen waren äußerst interessant und bereichernd, auch wegen der vielfältigen Erfahrungen und Kreativität.

Olga Kossowan

Ich selber hielt einen Vortrag zum Thema „Language Awareness – Welche sprachlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen dem Russischen und dem Deutschen?“ Die Studenten hörten aufmerksam zu und beteiligten sich aktiv. Sie waren besonders interessiert zu erfahren, wie in Wladimir Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird.

Insgesamt war der Besuch für mich in jedweder Hinsicht ein Gewinn. Der fachliche Erfahrungsaustausch war sehr angenehm, und zugleich haben die beiden mittelfränkischen Städte viel Kultur, Lebensart und neue Eindrücke geboten.

Frau Winter hat mir im Rahmen einer interessanten Stadtführung durch Nürnberg das größte Felsenkellerlabyrinth Süddeutschlands gezeigt. Der Weg führte zum Dürerkeller, der den Einwohnern Nürnbergs im 2. Weltkrieg als Luftschutzbunker gedient hatte. Dieser Besuch vermittelte Eindrücke von der Geologie des Nürnberger Burgberges sowie von der Herstellung und Lagerung von Bier. Abgeschlossen wurde dieser Rundgang bei einem Besuch der Nürnberger Hausbrauerei Altstadthof, die ein gutes Rotbier braut und seit einigen Jahren auch Whisky herstellt.

Olga Kossowan

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen bedanken, die zur Ermöglichung und zum Gelingen meines Besuches an der FAU im Rahmen des ERASMUS+ Programmes beigetragen haben. Insbesondere gebührt mein Dank Magdalena Michalak, Evelina Winter, Bianca Köndgen und Peter Steger.

Olga Kossowan


„Im Sommer 1945 brachte man uns hierher. Ich war damals ja noch ganz jung. Aber gesehen hatte ich schon viel Grauenhaftes beim Vormarsch auf Berlin. Berge von Haaren und Schuhen, ausgemergelte Männer, Frauen, Kinder. Immer wieder stießen wir auf solche Lager. Aber Buchenwald hat bei uns einen besonderen Namen, steht wie Auschwitz und Dachau für das ganze schreckliche KZ-System.“ An manchen Stellen ist es fast, als könnte Nikolaj Schtschelkonogow selbst die Führung durch die Anlage übernehmen.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jewgenij Sacharjewitsch, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa vor dem Modell des Arbeitslagers Buchenwald

„Aber das war damals schon noch ganz anders, wenige Monate nach der Befreiung durch die Amerikaner im April. Überall Stacheldraht, das Grauen greifbar. Und einige der Baracken blieben für uns geschlossen.“ „Da könnten“, fährt der Veteran fort, „schon die internierten Deutschen gesessen haben, die hier von den Sowjets als vermeintliche oder tatsächliche Nazis gefangen gehalten wurden.“ Bis 1950 blieb Buchenau also ein Ort des Schreckens, an dem, wenn auch nicht mehr durch willkürliche Erschießungen oder mittels Vernichtung durch Arbeit, 7.000 Deutsche an Hunger und Kälte starben. Dem gegenüber stehen freilich die hiesigen 56.000 Opfer des Nationalsozialismus, darunter alleine 15.000 aus der Sowjetunion.

Eingangstor zum Arbeitslager Buchenwald

Wenn hier die Steine sprechen könnten. Was hätten sie alles an Schicksalen zu erzählen von all den Menschen, die ihre Familien und Freunde nie mehr wiedersehen sollten, von all den Familien und Freunden, die nur ahnen konnten, was der Lagerinsasse zu erleiden hatte: schwerste Arbeit, Erniedrigungen, Schikanen, Hunger, Krankheit, Folter, Tod. „Jedem das Seine“, wie zynisch am Tor zu lesen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Kann und soll man gewichten hier? Wo geschah mehr Leid, wo war es erträglicher? Wer wollte das sagen. Und die Steine schweigen. Aber dann gibt es doch besonders grausame Orte, schier nicht zu ertragen. Etwa das Gelände der ehemaligen Reithalle und dem Pferdestall, von der Lagerleitung als „medizinische Einrichtung“ getarnt, wohin man Sowjetsoldaten brachte, um sie „untersuchen“ zu lassen. Nichts ahnend, da außerhalb des eigentlichen Lagers gelegen, gingen so 8.483 Rotarmisten in den Tod durch Genickschuß.

Iwan Nisowzew, Tatjana Jazkowa und Nikolaj Schtschelkonogow am Platz der Hinrichtung von 8.483 sowjetischen Soldaten und Offizieren

Da ist es gut, in Begleitung zu sein, sprechen zu können über das Unaussprechliche – mit den Landsleuten, Iwan Nisowzew, der jetzt schon seit acht Jahren in Jena lebt, und Jewgenij Sacharjewitsch, der zur Zeit als Freiwilliger aus Wladimir in der Euro-Werkstatt arbeitet und Buchenwald bereits von vorherigen Besuchen her kennt.

Nikolaj Schtschelkonogow in Buchenwald

Stets vor Augen hatten die Lagerinsassen – keine Frauen, aber einige Kinder – den Tod in Form der Verbrennungsanlage. Krematorium kann man das graue Gebäude nicht nennen, denn die sterblichen Überreste wurden natürlich nicht individuell in Urnen aufbewahrt und beigesetzt. Man wurde fast spurlos beseitigt. Und vorher, in der sogenannten „Pathologie“, entnahm man den Toten auch noch alles Wertvolle, wie zum Beispiel das Zahngold.

„Pathologie“ von Buchenwald

Vielleicht ist Buchenwald aber auch so ein symbolischer Ort, weil er ja in unmittelbarer Nähe zu Weimar liegt, der Stadt der deutschen Klassik. Der Beweis dafür, daß Bildung nicht unbedingt gegen Menschenverachtung hilft. Auch die Nazis kannten „ihren“ Goethe oder Schiller, gingen ins Theater, hörten Musik, schrieben Gedichte und Lebenserinnerungen. Es kann wohl nur die Herzensbildung sein, die Menschen gegen die Barbarei immunisiert. Aber welche Schule kann sich um die kümmern?

Opfertafel Buchenwald

Und für noch etwas steht Buchenau – oder gegen etwas: Gegen die Mär, wonach die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Schrecken der Lager haben wissen können. Wie dann ist es möglich, daß die gesamte Infrastruktur von Buchenwald – Wasser, Strom, Erschließung durch eine Straße – von Firmen und Behörden aus Weimar bewerkstelltigt wurde? Wie, wenn ein Betrieb dort in Geschäftsbeziehungen mit der SS stand und in deren Auftrag – gegen Rechnung – die Verbrennungsanlage baute? Ohne Zwang, einfach nur, um Geld zu verdienen – mit dem Tod.

Nikolaj Schtschelkonogow und Tatjana Jazkowa vor den Verbrennungsöfen in Buchenwald

Nikolaj Schtschelkonogow wollte noch einmal an diesen dunklen Ort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Die Regie der Reise wollte es, daß dieser Besuch auf seinen 94. Geburtstag fiel. Da darf natürlich eine freudige Überraschung nicht fehlen. Nach einem Stadtrundgang in Jena empfing den Jubilar der Frauenchor von Michael Berman.

Geburtstagstanz mit Nikolaj Schtschelkonogow

Eigentlich war ja nur eine kleine Probe angesetzt, aber dann wurde daraus doch ein fröhliches Fest mit deutsch-russischem Gesang und Tanz in der Multikulturellen Integrationsgruppe Jena. „Zu Tränen rührend“, bekannte der überraschte Veteran.

Nikolaj Schtschelkonogow und der Frauenchor von Michail Berman

Welch ein Ausklang dieses Tages. Auch davon sollten eines Tages die Steine erzählen, wenn sie denn sprechen könnten.

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