Feeds:
Beiträge
Kommentare

Seit Mitte des Jahres arbeitet Jörg Amonat – nach einem erfolgreichen Projekt gleichen Namens in Jena – an der Ausstellung „Würdemenschen“, die ab dem 3. Oktober in Kreuz + Quer gezeigt werden soll: http://www.wuerdemenschen.de

Hannes Obermair, Irina Chasowa und Jörg Amonat

Gestern nun sprach der aus Erfurt stammende Künstler in einer Videokonferenz mit Irina Chasowa, der Direktorin des Erlangen-Hauses, und Wiktor Malygin, Germanist und Alt-Rektor der Staatlichen Universität Wladimir, und fragte sie – ebenso wie den Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, nach Erlebnissen, in denen die Menschenwürde für sie erlebbar wurde. Aus den Interviews, die auch noch mit virtuellen Gästen aus Bozen, Jena und Riverside geführt werden, entsteht dann eine Text-Musik-Collage.

Wiktor Malygin und Jörg Amonat

Dieses Gesamtkunstwerk wird im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie am Samstag, den 2. Oktober, von 21.00 bis 22.00 Uhr in der Neustädter Kirche, Neustädter Kirchenplatz 1, bei freiem Eintritt unter dem Titel „WÜRDEMENSCHEN_hören“ vorgestellt – mit Kommentaren, Interpretationen und musikalischen Improvisationen sowie literarischen Texten von Jörg Amonat mit Stefan Poetzsch, Klaus Wegener, Ariane Karbe, Qiong Gu, Birgit Keßner-Schulz, Rubén A. Casillas und Günter Leitzgen, moderiert von Peter Steger. Eine herzliche Einladung zu diesem Wiederhören nicht nur mit Wladimir!


Schon zum siebten Mal trägt die Region Wladimir einen Wettkampf um den Titel des schönsten Dorfes aus. Heuer mit der Rekordbeteiligung von 119 Ortschaften und einem Grand Prix für Dworitschtschi mit nicht einmal einhundert Seelen im Landkreis Petuschki. Das Preisgeld in Höhe von 200.000 Rubeln will man für die Sanierung des Denkmals für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs verwenden. Ausgezeichnet wurde die Ortschaft denn auch nicht nur für die romantische Natur und das Dorf-Ensemble, sondern für die viele Eigeninitiative: die Einrichtung eines Eishockeyplatzes, eines Strands, einer zum Filmdrehort umgebauten Garage und eine Geschichte, die bis in die Bronzezeit zurückgeht. Aber lassen wir die Bilder sprechen:


So lautet ein russisches Sprichwort, das sich natürlich auf viele Lebensbereiche anwenden läßt, auch auf die Pandemie, unter der nach wie vor auch die Region Wladimir leidet – und wohl auch noch länger leiden dürfte. Die Impfquote liegt nämlich noch immer viel zu niedrig; gerade einmal 248.000 Einwohner des Gouvernements, also gut 35%, gelten als vollständig geimpft. Weit entfernt von der Herdenimmunität, die man bis zum Herbst hatte erreichen wollen. Und die man auch erreichen könnte, denn nach Angaben des regionalen Gesundheitsamtes stehen mittlerweile die vier russischen Vakzine in ausreichender Menge zur Verfügung – stationär in staatlichen wie privaten Krankenhäusern ebenso wie bei mobilen Einheiten, von Supermärkten bis zu Hochschulen. Aber noch immer ist die Skepsis in der Bevölkerung groß, besonders unter den Jahrgängen im Erwerbsalter. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt zwar mit 81,6 um 7,2% niedriger als in der Vorwoche, und in der Tendenz zeichnet sich eine leichte Entspannung ab, doch nur noch 18,8% der Kranken sind älter als 65 Jahre, und am stärksten trifft Corona derzeit mit einem Anteil von fast 40% der Ansteckungen Personen zwischen 30 und 49 Jahren.

Stop, Corona-Virus!

Diese Daten korrelieren mit den Entlassungen aus den Krankenhäusern, die niedriger liegen als die Einweisungen. Von den gegenwärtig 1.349 Covid-19-Betten in der Region sind nur noch 246, also 18,2% frei. In einigen Landkreisen, insbesondere Susdal, Sudogda und Jurjew-Polskij, sind mittlerweile wieder alle Plätze belegt. Und dabei hat der Herbst noch gar nicht richtig begonnen, vom Winter ganz zu schweigen…

Weiterhin also leider keine guten Aussichten für den Austausch im Rahmen der Städtepartnerschaft. Besonders auch weil die Europäische Union und die Russische Föderation gegenseitig die Impfstoffe noch nicht anerkennen. Man gilt also de facto als ungeimpft, was immer man auch gespritzt bekommen hat, und kann frühestens nach fünf Tagen Quarantäne mit PCR-Test loslegen… Toxisch für unsere Begegnungen.

P.S.: Wladimir Putin hat sich – statt nach Duschanbe zu reisen – in Quarantäne begeben, weil in seiner näheren Umgebung „nicht einer, nicht zwei, sondern einige Dutzend Infektionen bekannt wurden.“ Es heißt, da hätten einige zumindest auf die zweite Spritze verzichtet. Sollte man nicht tun. Das Virus macht auch vor dem Kreml nicht halt.


Aber wenn es einem geht, wie dem Photographen Wladimir Nikonow, der bisher immer nur davon träumte, einmal am größten See der Welt zu stehen, und dann unerwartet einen Anruf mit dem Angebot erhielt, nach Sibirien zu reisen, um dort Aufnahmen eines Kunstfestivals unter dem Titel „Um des Lichtes willen – Baikal“ zu machen, verändert sich auf einen Schlag die ganze gewohnte Geographie. Was der Mann mit der Kamera auf der magischen Insel Olchon mit der 60köpfigen Truppe eine Woche lang erlebte, hielt er nicht nur in verstörend schönen Bildern fest; die Erfahrungen unter dem Motto „Der Garten der Lüste“ nach Hieronymus Bosch werden ihn noch lange nicht loslassen. Gut, daran teilhaben zu können.

Bleibt nur noch anzumerken, daß im März 2018 auch schon ein anderer Traum am Baikal, freilich aus Eis und Schnee, wahr wurde: https://is.gd/WX0Zg2

Am Puls der Demokratie


Nicht nur in Deutschland stehen Bundestagswahlen an, auch in der Russischen Föderation wird am kommenden Sonntag eine neue Staatsduma gewählt. Ab heute dürfen keine Prognosen mehr veröffentlicht werden. Zu deren Bedeutung in Gegenwart und Zukunft macht sich der Wladimirer Politologe, Roman Jewstifejew, so seine eigenen Gedanken:

19. September – Wahlen zur Staatsduma


Nicht die Einschaltquoten oder Zahlen und Prozente sind die Hauptsache. Mir geht es gar nicht so sehr um die Frage, wer erster wird, wer an zweiter Stelle kommt, wer das Recht erhält, uns in der Staatsduma zu vertreten; klar, das ist wichtig, aber das betrifft die Gegenwart, ich interessiere mich freilich mehr für die Zukunft. Also, ein wenig über die Zukunft.

Die robotergestützte Telephonbefragung stellt eine neue, interessante und vielversprechende Technologie dar. Und sie wäre noch vielversprechender, wenn es nicht den allgemeinen Trend zu einer abnehmenden Genauigkeit von Massenerhebungen gäbe. George Gallup vertrat einst die Ansicht, Umfragen seien der „Puls der Demokratie“, sie könnten nicht nur zur Vorhersage von Wahlergebnissen, sondern ganz allgemein dazu verwendet werden, die Meinungen und Interessen der Bürger zu ermitteln und somit Entscheidungen zu treffen. Aber das ist schon lange her.

Heute wollen die Menschen, die wir als Befragte bezeichnen, gar nicht mehr Befragte sein. Sie gehen uns auf jede erdenkliche Art und Weise aus dem Weg, verbergen sich, machen sich aus dem Staub, und wenn wir sie dann doch kriegen, verstecken sie ihre Meinungen und Interessen hinter gesellschaftlich und politisch gebilligten Aussagen.

Telephonspam und Telephonbetrug halten die Menschen allmählich von ernsthaften Telephongesprächen ab, und Menschen, die in ihren Wohnungen oder auf der Straße angetroffen werden, bevorzugen die Sicherheit, d. h. sie verstecken sich ebenfalls.

Dies bedeutet natürlich nicht den völligen Zusammenbruch der quantitativen Forschung, aber es macht es sehr schwierig, relevante Daten zu produzieren. Je mehr telephonische Umfragen, vor allem mit Hilfe von Robotern, durchgeführt werden, desto mehr Probleme werden mit den Befragten auftreten.

Ich vermute, es wird nicht mehr lange dauern, bis ein Bot entwickelt ist, der alle eingehenden Anfragen entgegennimmt, sie filtert, einige ohne unser Zutun beantwortet und die wichtigsten an seinen Auftraggeber weiterleitet. Die Fragen des Interviewer-Roboters werden dann von den Befragten-Robotern beantwortet.

Ich habe einmal geschrieben, solche Roboter hätten bereits einen Namen: „Digitaler Agent“, der digitale Avatar eines Bürgers. Ich bevorzuge jedoch den Begriff „Digitaler Engel“, ein digitaler Engel, der die Menschen vor allen Arten von unnötigen und gefährlichen Informationsräumen schützt, indem er Routineanfragen, Werbeangebote und natürlich die von Vermarktern und Soziologen gestellten Fragen beantwortet.

Was für eine Welt das dann sein wird, ist heute schwer vorstellbar. Aber auch in einer solchen Welt ist Soziologie möglich. Es wird einfach mehrere Ebenen von Bots und Programmen zwischen dem Forscher und dem Menschen geben, die ebenfalls untersucht und beschrieben werden können, um die reale menschliche Ebene zu rekonstruieren (falls dies in Zukunft noch für jemanden von Interesse sein sollte).

Doch nun zurück zu Einschaltquoten und Politik. Etwas Lustiges: Mein gestriges, bisher wenig informatives, aber recht lebendiges Bild sagt viel über den „unpolitischen“ Charakter des aktuellen politischen Wahlkampfes aus. Einige der Medien in Wladimir haben einige dieser Gedanken veröffentlicht, einige davon verdreht, einige zugespitzt, und ein Bürger, der sich darüber aufregte und offensichtlich anderer Meinung war als ich, hat mich heute morgen aufgesucht, um mir seine Meinung zu sagen. Einer Ironie des Schicksals folgend, suchte er mich an einem Ort, an dem sich der moderne Mensch im Zeitalter des Übergangs zur Informationsgesellschaft nur noch selten aufhält – nämlich auf der Arbeit. Nachdem er die Gänge abgelaufen war und festgestellt hatte, daß ich schon fast in die Informationsdimension eingetreten bin und keine physische Erscheinung mehr habe, zog er wieder von dannen. Es kam zu keiner Diskussion.

Hätte ich jedoch schon meinen eigenen digitalen Engel, würde der für mich den Kopf hinhalten, er könnte sogar ein digitales Gesicht für meine Worte und Gedanken bekommen, und alle wären glücklich. Aber solange ich das nicht habe, muß ich für mich selbst geradestehen. Wenn man denn meiner habhaft wird.

Roman Jewstifejew


„Kinder sind die Blumen unseres Leben“, ist auf einem der Schilder zu lesen, ein anderes weist auf die Krankenstation hin oder verkündet den Tagesablauf. Die Bücherei ist noch voller Kinderliteratur, und die Lagerregeln auf einem Tisch, herausgegeben vom Direktor des Wladimirer Werkes für Automobilzubehör „Awtopribor“, verweisen darauf, daß hier mindestens noch bis 1998 ein geordnetes Leben herrschte. Seit wann der Ort verlassen ist, vermag der Blogger Michail Sluzkij aus Nischnij Nowgorod, der hier in den Wäldern um die Partnerstadt auf Entdeckungstour ging, nicht zu sagen, aber seine Bilder sprechen auch so für sich. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch verlassen hat. Verlassen mit großer Wahrscheinlichkeit, weil der Betrieb sich den Unterhalt der wohl noch zu Sowjetzeiten konzipierte Anlage, zu der auch ein Bolzplatz gehörte, nicht mehr leisten konnte, zumal er mittlerweile sogar Konkurs angemeldet hat. Warum die öffentliche Hand nicht eingesprungen ist? Das könnte Gegenstand einer eigenen Recherche sein. Hier nun aber eine Bildergalerie, veröffentlicht vom Internetportal Kljutsch-Media, mit dem stillen Charme des Verfalls.

Wer sich noch 20 Minuten Zeit nehmen will, kann hier die Eindrücke per Video vertiefen: https://www.youtube.com/watch?v=eFYaqXXbldg


Unter diesem Titel veröffentlichte gestern die Regisseurin und Produzentin Jekaterina Zwetkowa ihren halbstündigen Film über den Großfürsten Alexander Newskij, der nicht nur Wladimir, sondern Politik und Kultur Rußlands wie kaum ein anderer Herrscher bis heute spürbar prägt. Obwohl sein Geburtsjahr bisher mit 1220 angegeben wurde, feierte man wegen einer kürzlich erfolgten Korrektur sein 800. Jubiläum erst heuer. Deshalb auch erst jetzt die Präsentation der Dokumentation: sehenswert auch ohne englische oder deutsche Untertitel, wenn man prächtige Kirchen und Klöster – nicht nur in Wladimir – bestaunen möchte.

Wer hingegen dem Text folgen kann, erfährt viel über die heiligmäßigen Großtaten des mittelalterlichen Autokraten. Deshalb hier, für alle, die sich mit dessen historischer Wirkung auf das Russische Reich und das Verhältnis zum Westen interessieren, die Links zu zwei schon länger zurückliegenden Berichten aus dem Blog https://is.gd/cDnyKu und https://is.gd/92usSx

Pilze über Pilze


Wir wissen leider nicht, wo diese drei Frauen mit ihrem Mona-Lisa-Lächeln die Pilzernte einbrachten, und erst recht können wir nicht sagen, nach welchem Rezept sie ihre Beute der „stillen Jagd“ zubereiteten. Gerne aber teilt die Kulinaria-Redaktion des Blogs ein Wladimirer Rezept zum Nachkochen, das sicher zur Freude Ihrer Familie und Gäste gereicht.

Russische Pilzsammlerinnen im Jahr 1910

Doch zunächst ein Warnhinweis: 2.011 Menschen wurden in diesem Jahr bisher auf dem Gebiet der Region Wladimir als vermißt gemeldet, dreizehn von ihnen sucht man noch immer. 114 hatten sich – zumeist bei der Pilzsuche – im Wald verirrt. Allein am Freitag und Samstag vergangener Woche fanden neun Pilzesammler nicht mehr nach Hause.

Angelika Sajzewa, Sängerin im Wladimirer Kammerchor

Kein Wunder, wenn ein Freund aus der Partnerstadt berichtet, er habe an einem einzigen Vormittag 150 Steinpilze ins Körbchen gelegt. Und man braucht gar nicht lange in den Sozialen Netzwerken unterwegs sein, um Bilder über Bilder – Danke an Sergej Skuratow und Andrej Seliwanow – von Pilzen über Pilzen zu entdecken, die vor allem eines zeigen: Es gibt sie in rauhen Mengen, doch es sind kaum Pfifferlinge darunter. Und in der Tat: In den russischen Wäldern wachsen derart viele Edelpilze wie Rotkappen, Maronen oder Steinpilze, daß viele die Eierschwammerln links stehen lassen. Man gewinnt fast den Eindruck, sie stünden unter dem Exportvorbehalt, denn wer jetzt bei uns nicht selbst in die Pilze geht, sondern auf den Märkten und in den Geschäften einkauft, steht zumeist vor Angeboten aus russischen Landen.

Gut so, denn das gibt einmal wieder Gelegenheit, ein bewährtes Wladimirer Rezept zur Zubereitung von Pfifferlingen mit Bratkartoffeln (der bei uns schon fast bis zum Überdruß übliche Semmelkloß ist in der russischen Küche unbekannt) und Tomatensalat vorzustellen:

Die Pfifferlinge gut reinigen und – hierzulande eher unüblich – nach russischer Art unter laufendem Wasser kurz abspülen. Dann mit ein wenig Speiseöl an- und durchbraten, bis der ganze Saft verdampft ist. Bleibt nämlich Flüssigkeit in der Pfanne, behalten die Pilze eine gummiartige Konsistenz. Unterdessen schält man Kartoffeln und schneidet sie in Scheiben oder Spalten, die dann roh – wieder so eine russische Besonderheit – mit feingeschnittenen Zwiebeln nach Geschmack in Speiseöl angebraten werden. Neben dem Würzen auf keinen Fall die Butterflocken vergessen, die man auf die Bratkartoffeln, sobald sie tischfertig sind, herniedersinken lassen sollte. Und dann Kartoffeln mit gebratenen Pilzen vermischen und ein paar Minuten in der Pfanne zusammen braten. Ein Tomatensalat, angemacht mit saurer Sahne, Salz und Pfeffer, ein wenig Öl und Essig sowie unbedingt frischen Kräutern wie Petersilie und Dill macht das ebenso schlichte wie köstliche kulinarische Glück perfekt.

Klare Sache! Guten Appetit!


Das Goldene Tor kommt nicht nur in die Jahre, sondern leidet auch unter dem Zahn der Zeit und den vom Verkehr verursachten Erschütterungen. Vor dem Hintergrund eines Rechtsstreits um das Projekt der Sanierung schrieb der Politikwissenschaftler und Gründer einer Geschichtswerkstatt folgende Glosse, bebildert mit Aufnahmen des Goldenen Tors von Wladimir Tschutschadejew:

Die Sache ist die:

Im 12. Jahrhundert, zur Zeit von Andrej Bogoljubskij, wurden in der Stadt neue Steintore gebaut, also nicht die Tore selbst, sondern das, woran sie, die Tore, befestigt werden sollten, sprich eine Steinkonstruktion, mächtig, stark, mit einem Bogen, und oben drauf gab es auch eine Kirche. Alles war wie in Europa, in ihren mittelalterlichen Schlössern. Es gab noch andere Tore in der Stadt, aber kleinere, gewöhnliche Tore, Tore im allgemeinen. Und dieses, das Goldene – riesig, pompös, man könnte hier Triumphe feiern und auf einem weißen Pferd mit einer vergoldeten Mütze in die Stadt einziehen.


An den Seiten wurden hohe Wälle aufgeschüttet, befestigt zunächst mit Eichenstämmen, dann bedeckte man sie mit Erde, die Wälle waren stark, hielten jahrhundertelang. Und natürlich gab es einen Wassergraben, der nicht mehr erhalten ist, aber die Reste der Stadtmauern sind noch recht gut erhalten.


Warum haben sie das alles gebaut? Nun, um die Stadt zu schützen. Hat aber nichts geholfen. Im Jahr 1238 gelangten die Eindringlinge nicht durch das Tor in die Stadt, sondern etwas weiter rechts, indem sie den Wall erklommen und die schwache Festungsmauer durchbrachen. Danach ging die militärische Bedeutung des Bauwerks gegen Null. Aber das Tor stand noch, die Menschen hatten sich daran gewöhnt, und Bürger und Besucher gingen durch den Bogen ein und aus. Es stellte sich heraus, daß die Torflügel gar nicht benötigt wurden, und so vergrub man sie irgendwo. Und die Steinkonstruktion überdauerte die Zeitläufte. Sie wurde sogar zum UNESCO-Denkmal ernannt. Und sie heißt Goldenes Tor. Aber, wie gesagt, das eigentliche Tor gibt es seit vielen Jahrhunderten nicht mehr.

Es heißt, irgendwann hätten alle die Nase voll davon gehabt, durch den engen Torbogen zu fahren, und einige kluge Köpfe schlugen vor, die Wälle an den Seiten des Bauwerks abzureißen und eine Straße um das Goldene Tor herum anzulegen. Das war praktisch! Die Idee gefiel allen, aber es stellte sich heraus, daß die Wälle den steinernen Koloß stützten, ohne sie würde alles einstürzen. Es war also dringend notwendig, Strebepfeiler im architektonischen Sinne zu bauen Die Legende besagt, Katharina die Große habe dies alles erfunden. Bei ihrer Wladimir-Visite, fuhr sie mit ihrer Kutsche durch den Bogen und blieb dort stecken, wodurch die Hauptstraße der Stadt verstopft wurde und ein in der Stadt noch nie dagewesener Stau entstand. Die Kutsche wurde herausgezogen, und Katharina befahl, die Wälle abzutragen und eine Straße um das Goldene Tor herum zu bauen. Wie befohlen, so getan, aber das Tor drohte, einzustürzen. Erneut gab Katharina den Befehl, das Goldene Tor mit Strebepfeilern auf allen vier Seiten zu verstärken. So geschah es denn auch, weil solche Dinge nicht ohne Anweisungen von oben in Angriff genommen werden können. Besonders nicht in Legenden.

Und schon fuhren alle um das Goldene Tor herum und fragten sich, was das für ein Trum sei, das da sinn- und zwecklos herumstehe. Zweihundert Jahre lang fuhren sie darum herum, bis ein kluger Kopf, der sich mit allen möglichen europäischen Wundern auskannte, auf die Idee kam, ihn als Wasserturm zu nutzen. Was ist denn so schlimm daran? Man stelle einen Bottich mit Wasser direkt auf die Kirche. Es gäbe genug Wasser für alle, sagte er. Die Beamten der Stadt kratzten sich am Kopf, schüttelten ihre Bärte und öffneten ihre Brieftaschen – wir sollten es versuchen, meinten sie. Und sie beauftragten den deutschen Architekten Kiel mit dem Bau eines neuen Wasserturms. Allerdings nicht auf dem Goldenen Tor, sondern unweit davon. Seiner Funktion in der Neuzeit beraubt, blieb das Tor stehen, bis es zu einem Denkmal von internationaler Bedeutung wurde und der Staat für seinen Schutz sorgte.

Im Inneren des steinernen Verteidigungsgebäudes wurde ein Museum eingerichtet, das sich mit der Verteidigung der Stadt gegen die Tataren befaßt (was für eine Verteidigung, eine vollständige Niederlage), mit den Helden von Wladimir und so weiter. Einheimische und Touristen besuchten das Museum und gingen durch den Bogen, und alle waren begeistert. Mit Ausnahme einer tatkräftigen Frau, die geschict wurde, als Gouverneurin über die Wladimirer Lande zu herrschen. Sie hatte drei Hauptideen: die Tore zurückzubringen, d.h. ein Tor in den Bogen einzubauen, eine Kanone in der Nähe aufzustellen und mittags zu böllern und außerdem allen zu verbieten, durch das Goldene Tor hindurchzufahren. Letztere Idee erinnerte die Menschen in Wladimir an den globalen Stau, den die Kutsche von Katharina der Großen verursacht hatte, und so schickten sie die Gouverneurin bei den Wahlen in die Wüste.


Inzwischen ist das alte Bauwerk baufällig geworden. Nicht zum ersten Mal, aber es gelang immer wieder, das Gebäude zu restaurieren. Doch nun lösten sich Steine, die Sache ist ernst, es geht nicht um ein gewöhnliches Abbröckeln von Putz. Nachdem ein weiterer Brocken abgebrochen war, beschloß die Russische Föderation, die das Goldene Tor seit dreißig Jahren verwaltet, es sei an der Zeit, das Bauwerk zu sanieren! Und wies das Museum an, das Restaurierungsprojekt in Auftrag zu geben. Das Museum erteilte den Auftrag, und innert eines Jahres war das Projekt abgeschlossen. Aber Pustekuchen. Das Museum sagte, es sei das falsche Projekt, sie bräuchten ein anderes und kündigten den Vertrag. Jetzt müssen wir noch ein paar Jahre auf das neue Restaurierungsprojekt warten. Doch das ist gar nicht so schlecht.

Ich erinnere mich, daß Michail Fjodorowitsch, der erste der Romanows, am Ende seiner Herrschaft das Goldene Tor renovieren lassen wollte und Antip Konstantinow schickte, um einen Kostenvoranschlag für die Arbeiten zu erstellen. Antip machte seine Sache gut und legte seine Berechnungen der Zarenkanzlei vor. Dort machte man sich daran, die Unterlagen zu prüfen. Dann starb der Zar, dann starb Antip. Schließlich dauerte es 50 Jahre, bis man das Goldene Tor renovierte. Das Bauwerk blieb dennoch stehen. Vielleicht ist es das Richtige, wenn man das Goldene Tor einfach nicht daran hindert, stehenzubleiben.


(Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen und und Personen ist keinesfalls frei erfunden, sondern legitim und böswillig, wenn auch zu einem guten Zweck).

Roman Jewstifejew


Die ungezählten wilden Müllkippen, die brennenden Deponien, die allgegenwärtige Flut von Abfällen werden nicht ab morgen der Vergangenheit angehören, aber immerhin will man jetzt in Wladimir ernst mit der Mülltrennung machen. Ein erster wichtiger Schritt ist nun mit der Einrichtung der ersten Annahmestelle für Wertstoffe gemacht. Hier kann man die eigene Tonne entlasten und dabei sogar eine kleine Honorierung erhalten: für eine Aludose und PET-Flasche je 50 Kopeken, pro Kilo Glas ebenfalls einen halben und für Altpapier je Kilo sogar sechs Rubel. Wertstoffe eben. Nach und nach sollen nach diesem Muster in allen Stadtteilen Wertstoffhöfe eingerichtet werden, immer das vom Präsidenten des Landes ausgegebene Ziel vor Augen, den Umfang des Restmülls der deponiert wird, bis 2030 zu halbieren.

Alexander Rytschkow, Wjatscheslaw Kartuchin, Marcus Redel und Marina Gedina

Einen wesentlichen Anstoß zu dieser Entwicklung leistete sicher der Besuch von Marcus Redel, des damaligen 2. Werkleiters des städtischen Eigenbetriebs für Stadtgrün, Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, der im Oktober 2019 in Wladimir das Erlanger Konzept für Entsorgung und Wiederverwertung vorstellte https://is.gd/tbSTy5. Zum andern besann man sich wohl auch der guten alten sowjetischen Tradition – ähnlich dem SERO-System in der DDR -, Wertstoffe zu sammeln und abzugeben.

Was auch immer den Ausschlag gab: Hauptsache weniger Müll. Ansetzen sollte man da freilich weltweit schon bei der Produktion all der (unnötigen) Verpackungen und der Einführung eines Pfand- und Rücknahmesystems. Aber freuen wir uns über den ersten wichtigen Schritt, der Wladimir wieder ein wenig sauberer macht!

%d Bloggern gefällt das: