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Bürgermeisterin Elisabeth Preuß wußte gestern genau, welche Frage sie stellen mußte, um ihren Gast zum Sprechen zu bringen: „Lieber Herr Katz, an welchem neuen Projekt arbeiten Sie denn derzeit?“ Genau das Stichwort für den Gründer des im Jahr 1995 ersten russischen Selbsthilfevereins „Swet“ für Eltern mit behinderten Kindern: „Wir sind derzeit dabei, eine große Wohnung in Susdal so behindertengerecht einzurichten, daß wir in einem halben Jahr gern auch schon eine sechs- bis siebenköpfige Gruppe der Lebenshilfe Erlangen dort aufnehmen können.“ Gerade erst, am 10. Oktober, konnte man das siebenjährige Jubiläum der betreuten Wohngruppe  in Wladimir feiern, und nun also schon wieder neue Pläne, möglich geworden dank der Schenkung eines Grundstücks seitens der Erlanger Stiftung „Lichtblick“, aus dessen Erlös „Swet“ im Zentrum von Susdal eine Haushälfte zur Unterbringung von Gästen erwerben konnte. Was die Übernachtung dort genau kosten soll, ist erst noch festzulegen, aber in jedem Fall wird es um ein Vielfaches günstiger als im Hotel und – vor allem – hilft jeder Gast mit seinem Obolus bei der Finanzierung der Sozialprojekte von „Swet“.

Behindertenbeauftragter Thomas Grützner, Inklusionsbeauftragte Schila Németh-Heim, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Jurij Katz

Jurij Katz, der russische Vorkämpfer für Inklusion könnte noch viel von seiner segensreichen Arbeit und dem großen Anteil Erlangens an dieser Erfolgsgeschichte berichten, etwa davon, daß dieser Tage ein Jugendlicher aus der betreuten Reitergruppe der Organisation bei einem überregionalen Wettbewerb bei Moskau in der Disziplin Galopp den zweiten Platz belegte – oder von der Teilnahme am VI. Internationalen Forum „Jedes Kind ist einer Familie würdig“ und seinem eigenen Besuch der Lebenshilfe-Zentrale in Berlin, bevor er am Wochenende nach Erlangen weiterreiste. Aber die Zeit der Bürgermeisterin ist knapp, und fallen die vielleicht wichtigsten Worte des Tages erst nach dem Empfang, im Gespräch mit Thomas Grützner, dem gegenüber der Gast, angesprochen auf die Ergebnisse der Bundestagswahlen ein Bekenntnis abgibt:

Für mich sind die Anzeichen entscheidend, die auf eine Wiederannäherung unserer Länder hindeuten. Vertrauen zu zerstören ist schnell geschehen, es wieder aufzubauen, kann dauern. Als es in meiner Schulzeit daran ging, sich für eine Fremdsprache zu entscheiden, wurde ich zunächst für die Deutsch-Gruppe eingeteilt. Doch ich bat meinen Vater, alles zu tun, um mich Englisch lernen zu lassen. Und so kam es denn auch. Für mich als russischen Juden war es undenkbar, Deutsch zu lernen. Erst viel später und vor allem in der Zusammenarbeit mit Erlangen habe ich meine Einstellung zu Deutschland grundlegend geändert. Ich möchte, daß das so bleibt, und ich bin zu allem bereit, das der russisch-deutschen Freundschaft dient.

Leonhard Hirl, Jürgen Ganzmann, Jelena Schaab, Jurij Katz und Michael Schaab

Der Rest des Tages gehörte der WAB Kosbach, mit der zusammen „Swet“ nicht nur die Deutschkurse, sondern auch die Hospitationen fortsetzen will, gehörte dem Gespräch mit Geschäftsführer Jürgen Ganzmann und Leonhard Hirl, dem Gründer der Einrichtung, gehörte dem Schmieden neuer Pläne, etwa für ein deutsch-russisches Kickerturnier in Wladimir während der Fußballweltmeisterschaft. Dabei geht es ja heute noch weiter mit der Besichtigung verschiedener Einrichtungen der WAB Kosbach und einem Abstecher nach Gremsdorf zu den Barmherzigen Brüdern. Dabei kann man in einem schon sicher sein: Jurij Katz wird seiner Devise treu bleiben, morgen nur die besten Errungenschaften seiner fränkischen Freunde mit nach Hause zu nehmen und mit ihnen gemeinsam an dem zu hobeln und zu schleifen, was noch nicht so gelungen sein mag – zum Wohl der Behindertenarbeit hier wie dort. Eben ganz so, wie es sein soll in der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir.


Portrait der Weltbürgerin, Annie Constance Christensen, geb. Ehrensvärd, anläßlich ihres 80. Geburtstages, vorgestellt und für den Blog bearbeitet von Natalia Oserowa-Pedersen, die aus Wladimir stammt und, auch wenn sie in Dänemark lebt, eng mit der Heimat und der Städtepartnerschaft verbunden bleibt.

Während es dämmert, bricht die Zeit für ein Gespräch an. Ich erinnere mich an die unvergeßlichen Stunden, die ich mit Annie Constance Christensen bei einer unserer Begegnungen verbrachte. Das Flair ihres gastfreundlichen Hauses in Århus läßt einen die stille Stimme der Geschichte und den Atem der Gegenwart spüren. Annie Constance Christensen unterrichtete über 38 Jahre Russisch an der Århus-Universität, schrieb zahlreiche Artikel und Lehrbücher und war Mitglied des Organisationskomitees von „The International Association of Teachers of Russian Language and Literature“.

Annie Constance Christensen

Ihr Charme und ihre Offenheit neuen Eindrücken gegenüber, ihre Fähigkeit, das Echte zu fühlen, machen unser Gespräch so intensiv und einmalig, ganz unabhängig vom Thema. Natürlich hinterlassen einen besonderen Eindruck die Erzählungen über das uralte Geschlecht ihrer Familie, die lebendige Geschichte, die uns in Gesichtern, Bildern und Farben begegnet. Annie Constances Schicksal und wissenschaftliches Wirken hat eine enge und direkte Beziehung zu Kulturtraditionen mehrerer Länder: Schwedens und Dänemarks, Finnlands und Deutschlands, Frankreichs und Rußlands.

Einer der direkten Vorfahren von Annie Constance, Jacob Hubert Ehrensvärd, kämpfte im Krieg unter Karl XII, sein Sohn, Augustin Ehrensvärd, ein hervorragender Politiker und großer Spezialist in der Fortifikation, war Feldmarschall während des Siebenjährigen Krieges. Er war es auch, der die berühmte Festung Sveaborg auf dem heutigen Staatsgebiet von Finnland errichtete. Sein Sohn, Carl August Ehrensvärd, seinerseits wurde zu einem großen Kunsttheoretiker, Kunstmaler und Architekten, war mit vielen Künstlern seiner Zeit befreundet, wie zum Beispiel Johan Tobias Sergel und Nicolai Abraham Abildgaard, der als Begründer der dänischen Kunstmalerschule gilt. Gleichzeitig war Carl August Ehrensvärd im Geiste der Familientradition Oberbefehlshaber der schwedischen Flotte.

Einer der Urgroßväter Annie Constances, Johan Hampus Furuhjelm, stand im Dienste des Russischen Imperiums. Er war Gouverneur von Russisch-Alaska, zu verschiedenen Zeiten Generalgouverneur der Region Primorje, Admiral und Befehlshaber der Sibirischen Flotte der Häfen am Ostpazifik und Stadtoberhaupt von Taganrog. Darüber erzählte Anne Constance in einem Interview in der russischen Internetzeitschrift „Topos“: https://is.gd/UL1kCF

Mein Vater ist Schwede. Die Mutter meines Vaters war Finnin, die Schwedisch sprach, und ihr Vater, mein Urgroßvater, Johan Hampus Furuhjelm, Vertreter eines finnischen Adelsgeschlechts, war Gouverneur von Russisch-Alaska. Mein Vater war selbstverständlich stolz auf seinen Vater. Sogar sehr. Er saß oft mit uns zusammen und erzählte über seinen Großvater. Natürlich war die Rede von Rußland, Finnland war ja damals ein Teil des Russischen Imperiums.

Annie Constances Interesse an Fremdsprachen begann mit dem Französischen. Die Zuneigung zur französischen Kultur und Literatur blieb für immer bestehen. In ihren Bücherregalen findet man Werke auf Französisch von Pierre de Ronsard, Pascal Quignard bis Jean Patrick Modiano. Die Zuwendung zu den neuesten Tendenzen in der Literatur und Gesellschaft war immer kennzeichnend für die Familie von Annie Constance. Die Cousine der Großmutter, Annie Fredrika Furuhjelm, war Journalistin, Schriftstellerin und Vorkämpferin für Frauenrechte, für das Recht, zur Wahl zu gehen; sie stand mit der berühmten schwedischen Schriftstellerin, Selma Lagerlöf, im Briefwechsel.

Als junge Linguistin teilte Annie Constance Christensen die Begeisterung ihres Gatten, des Germanisten Jørgen Christensen, für die deutsche Sprache, Literatur und Kultur. Noch als dänischer Germanistikstudent verbrachte Jørgen Christensen dank einem Stipendium ein Jahr in Freiburg im Breisgau.

Annie Constance Christensen, portraitiert von Tatjana Liwschiz

Annie denkt sehr gern an diese Zeit zurück: „Mein Mann verliebte sich gleich in diese Stadt mit ihrem wunderbaren Dom und der mittelalterlichen Architektur. Später besuchten wir Freiburg zusammen mit den Kindern oder allein. Wir waren auch oft in Frankfurt am Main bei unserem Freund, dem Skandinavistikprofessor, Ernst Metzner, zu Gast. Wir besuchten einander in unseren Ferienhäusern. Sie kamen zu uns nach Dänemark, und wir fuhren in ihr Ferienhaus bei Fulda. Jørgen sprach so gut Deutsch, daß man den Eindruck hatte, er sei Deutscher.“

Die Geschichte und die Sprache wählen den Menschen selbst. Die spätere wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit von Annie war mit der russischen Sprache verbunden. Annie Constance faszinierte die Ungewöhnlichkeit und Eigenart des Klanges der russischen Sprache im Vergleich zu anderen Sprachen. Die junge Linguistikstudentin begann, sich mit Leidenschaft die russische Sprache anzueignen. Das Russische leistete keine Gegenwehr:

Ich begann, Russisch zu studieren. Es sollte zu meinem Lebensglück werden. Die russische Sprache ist das Glück meines Lebens. Das Interessanteste und das Wichtigste in meinem Leben geschah dank der russischen Sprache.

Sogar ihren dänischen Gatten, Jørgen Christensen, traf sie dank dem Russischstudium in einem Russischkurs in Zagreb, im Herbst 1961.

Einer der interessantesten Begegnungen mit der russischen Kultur wurde die Freundschaft mit den berühmten Kunstmalerinnen und Buchillustratorinnen, Nika Golz und Tatjana Liwschiz. Die engen Freundinnen besuchten Annie und Jørgen vielmals in Århus. Annie und Jørgen waren ihrerseits oft in deren Moskauer Wohnung (gegenüber dem Kiewer Bahnhof) in einem Haus zu Gast, von Nikas Vater, dem bedeutenden Moskauer Architekten, Georgij Golz, erbaut.

Annie Constance Christensen, gemalt von Tatjana Liwschiz

Die gemeinsame Begeisterung für Kunstgeschichte, Altertum, Sprachen und Märchen brachte sie einander näher und erfüllte die Freundschaft mit der besonderen Freude an der Poesie, ausgedrückt durch Wassilij Axjonows Worte „mit dem phosphoreszierenden Aufblitzen der Reime“.  Die Seelen der Freunde wurden gereimt, dabei entstand ein neuer Einklang.

Diese Freundschaft führte sogar zu einem gemeinsamen Projekt. Annie Constance Christensen gab eine zweibändige Grammatik der russischen Sprache für skandinavische Studenten heraus. Nika Golz steuerte die graphische Gestaltung des Lehrbuchs bei, das an den skandinavischen Fakultäten für Slawistik in Gebrauch ist.

Im Jahre 2005 gab Annie Constance Christensen noch ein sehr interessantes Buch in englischer Sprache im Verlag Aarhus University Press, „Letters from the Governor´s Wife (a View of Russian Alaska 1859-1862)“, heraus. Es enthält Briefe von Annies Urgroßmutter, Anna Furuhjelm, an ihre Mutter, Ann von Schoultz. Anna Furuhjelm war Gattin des vorletzten Gouverneurs von Russisch-Alaska. Es war eine äußerst schwierige und jahrelange Arbeit, diese alten, dünnen, durchsichtigen und dichtbeschriebenen Briefseiten der Urgroßmutter zu entziffern. Diese Publikation liefert einen sehr persönlichen und vielfältigen Einblick in das Leben der russischen Kolonie.

Einige Fragmente des Buches wurden von Annie Constance ins Russische übersetzt. Sie erschienen in der Sammlung der Dokumente „Russisch-Amerikanische Kompagnie und die Studien des Pazifischen Nordens 1841-1867“ im Verlag Nauka 2010. Bei dieser Übersetzung war die Hilfe von Swetlana Schuwalowa, einer ehemaligen Russischprofessorin der Moskauer Staatlichen Universität und langjährigen Freundin und Kollegin an der Århus-Universität, unentbehrlich. In der Zeitschrift „Die Welt des russischen Wortes“, März 2010, wurde der Artikel von Annie Constance „Anna Nikolajewna und Iwan Wassiljewitsch Furugelm in Russisch-Amerika“ veröffentlicht.

Jedes Mal, wenn Annie Constance nach Rußland reist, kommt sie mit ihrer ansteckend offenen Art, ihrer Liebe und Begeisterung für Land und Leute. So empfangen sie denn auch dort alte wie neue Freunde (etwa im April vergangenen Jahres, als sie zusammen mit Natalia Oserowa in Wladimir den Band von Edith Södergran vorstellte) immer liebevoll. Die russischen Besucher wiederum genießen ihre Gastfreundlichkeit in Dänemark. Annie ist immer da, wo etwas Interessantes geschieht. Zum Beispiel nahm sie vor einem Jahr am Literaturfestival „Ordkraft“ (dänisch: „Die Kraft des Wortes“) in Ålborg teil, wo auch Olga Sedakowa, die größte russische Dichterin der Gegenwart, zwei Tage lang auftrat. Annie Constance lud die Autorin sofort zu sich nach Århus ein und zeigte ihr die alte Stadt als eine sehr erfahrener Reiseführerin.

Annie Constance Christensen im Gespräch mit Olga Sedakowa

Bekanntschaften und Treffen mit Menschen klingen durch Zeit und Umstände nach. Menschen, deren Schicksal andere prägt und deren Lebenslauf bezaubert, bleiben in deiner Seele als eine Begegnung der besonderen Art.

Ich erinnere mich noch an mein erstes Treffen mit Annie Constance in Moskau in der Turgenjew-Bibliothek im April 2016 bei der Vorstellung des Buches „Das Fenster zum Garten“ (Verlag Art Volkhonka 2016). Es handelt sich um Übersetzungen aus dem Schwedischen ins Russische der Gedichte von Edith Södergran, s. hier im Blog unter: https://is.gd/GMBQmJ. Sie trug dem russischen Publikum Edith Södergrans Gedichte im Original, auf Schwedisch, der Muttersprache der Dichterin, vor. Annie war nämlich als des Schwedischen wie des Russischen mächtige Beraterin an diesem Buch beteiligt.

Ich sehe vor meinen Augen immer noch Annie Constances gerade Haltung, ihre schlanke Figur und höre ihr eindringliches, in die Poesie versunkenes Vortragen der Södergran-Gedichte:

„ … das Glück gleitet davon in leichten Wolkenbildern / über die blauen Tiefen, / das Glück ist ein Feld, schlafend in Mittagsglut / oder des Meeres endlose Weite unter dem Brennen / lotrechter Strahlen, / das Glück ist machtlos, es schläft, atmet und weiß / von nichts…“

Aus dem Gedicht „Der Schmerz“, ins Deutsche übertragen von Christiane Grosz.

Mir war, als ob die Rezitierende nicht nur sehr tief in die Poesie Södergrans eingedrungen sei, sondern auch als hielte sie mit der finnischen Modernistin Zwiesprache.

Irina Gurskaja, Moskau


Schon hoch in den Achtzigern, fragte ein Journalist den 1930 in der Nähe von Odessa geborenen Schriftsteller Wladimir Krakowskij einmal, welchem Umstand er wohl sein langes Leben verdanke. „Ganz einfach“, antwortete der Autor von 70 Veröffentlichungen, „ich habe immer ein Ziel, und das ist das nächste Buch.“ Gestern nun hat der große alte Mann der Wladimirer Dichtkunst und langjährige Vorsitzende des Regionalen Schriftstellerverbandes sein letztes Kapitel geschrieben und die Feder für immer zur Seite gelegt.

Wladimir Krakowskij

Literarisch zu Hause war Wladimir Krakowskij in fast allen Genres: Lyrik und Prosa in all ihren Spielarten – vom Roman bis hin zur Fabel oder zum philosophischen Traktat. Dem Altmeister des Wortes zu Ehren hier nun zwei kurze Texte, die typisch erscheinen für sein Schaffen:

Alles, was ich früher über Meister und andere gesagt habe, stimmt nicht ganz. Die Menschen lassen sich nämlich einteilen in solche, die fähig sind, Aufgaben zu stellen, und jene, die in der Lage sind, diese zu lösen. In solche, die eine Anordnung geben, und jene, die diese ausführen. In Schöpfer und Meister. Die übrigen tun hier nichts zur Sache. Schöpfer und Meister sind es, aus denen die Menschheit sich zusammensetzt. Uns beide haben sie ihren eigenen Stolz. Die einen halten den Kompaß in Händen, bei den anderen stecken die Beine in den Stiefeln. Die einen weisen den Weg, die anderen gehen ihn. Die einen zeichnen dem Pappkameraden einen Kreis ums Herz, die anderen platzieren dorthin eine Kugel. Und jeder hat seinen Stolz. Doch glücklicher sind die Meister. Sie haben eine sichere Hand, während die Kompaßnadel immer zweifelnd zittert. Meister laufen nicht aufgewühlt nachts durch die Wohnung und liegen nicht entkräftet morgens im Bett, sie starren nicht trübsinnig an die Decke. Sie springen munter auf und krempeln die Ärmel hoch, kaum daß sie ins Hemd geschlüpft sind. Jede Frau träumt davon, einen Meister zu gebären. Weil sie ihren Sohn glücklich sehen will.

Wladimir Krakowskij

 

Und jetzt noch eine Fabel! Strenggenommen ist es ja nur eine komische Geschichte, entdeckt in einer Zeitschrift, die mir jemand aus Paris mitgebracht hatte. Ich kann zwar kein Französisch, aber das hat nicht viel zu bedeuten: Wenn man langsam liest und nach jedem Wort nachdenkt, kann man jede Sprache verstehen. Jedenfalls war da von einem Henker aus dem Mittelalter zu lesen, der sich darauf verstand, den Kopf derart geschickt abzuschlagen, daß sein Beil trocken blieb. Er vollführte die Hinrichtung mit einer blitzartigen Bewegung und hob über der Richtstätte triumphierend das blitzende, von keinem Blutstropfen befleckte Beil. Die Menge klatschte dem Könner seines Fachs begeistert Beifall. Es hieß von ihm, er habe goldene Hände. 16 Dörfer und eine Stadt machten einander das Recht streitig, sich seine Heimat nennen zu dürfen. Er fragte nie, für welche Verbrechen der von ihm hingerichtete Mensch zum Tode verurteilt war. Er hatte nicht einmal ein Auge dafür, wohin der Kopf rollte. Seine einzige Sorge war es, das Beil trocken zu halten und das Gefallen der Menge zu erlangen. Derjenige hingegen, der das Urteil unterschrieb, litt unter seinen Zweifeln und weinte manchmal sogar. Er fürchtete die Rache von Spießgesellen des Hingerichteten und besonders das, was dessen Nachkommen über ihn sagen würden. Vielleicht hatte er ja gar nicht den richtigen verurteilt, und die Nachkommen würden ihn einen Schuft und Mörder schimpfen. Das machte ihm schwer zu schaffen, wenn er daran dachte. Währenddessen wußte der mit dem trockenen Beil über der Richtstätte, daß die Nachfahren nichts anderes als die Zeitgenossen sagen würden: „Was das nur für ein Meister war!“ Deshalb wollte er gar nichts weiter wissen und kennen als den Augenblick seiner Arbeit, nichts davor und nichts danach. Nicht wofür das Urteil gefällt wurde, noch wohin der Kopf rollte.

Der Blog veröffentlichte übrigens erst im August etwas zu und von Wladimir Krakowskij, nachzulesen unter: https://is.gd/w28IvE

 


„Unsere Stadt besuchen jährlich mehr als eineinhalb Millionen Touristen, und als Zentrum des Fremdenverkehrs sollte Susdal auf der Höhe der Zeit sein“, meint Stadtdirektor Sergej Sacharow und hat allen Grund zur Freude und zum Stolz. Der Staatskonzern „Rostelekom“ hat nämlich entsprechend einem Vertrag von Ende November vergangenen Jahres mehr als sieben Kilometer Glasfaser verlegt und garantiert nun an 19 Punkten kostenlosen Internetzugang mit einer Leistung von zwei Gigabyte pro Sekunde, ausbaubar auf zehn Gigabyte.

Die Stadtverwaltung mietet die Leitungen für zunächst drei Jahre zum Preis von fast eineinhalb Millionen Rubel p.a., was laut „Rostelekom“ keinesfalls die Investitionskosten decke, weshalb man die Aktion denn auch mehr als Geste des guten Willens verstehe. Dem Gast der Zehntausend-Seelen-Stadt jedenfalls bietet sich nun die Möglichkeit, einmal eingewählt, die Sehenswürdigkeiten zu besuchen und sich gleichzeitig frei durch die virtuellen Welten zu bewegen, seine Bilder und Eindrücke in Echtzeit um den Globus zu schicken, ohne sich immer wieder neu im Internet anmelden zu müssen. Übrigens ganz wie in Rothenburg o.d.T., der fränkischen Partnerstadt von Susdal, wo die Devise gilt: „Für die über zwei Millionen Besucher aus aller Welt, aber auch für Einheimische, ist die schnelle mobile Verbindung ins Internet, abseits des eigenen Mobilfunkvertrages, der kostengünstige Draht nach Hause oder in die Welt.“ Die beiden Partnerstädte sind halt auf Draht.

Anrührend


Als ich so am Kursker Bahnhof sitze und auf den Zug nach Wladimir warte, sehe ich eine alte Frau, die auf und ab durch die Halle schlürft. Arm ist sie, anrührend in ihrer Erscheinung, bittet, eine Ikone in der Hand, um Geld für Brot und Milch. Ein kaum zu ertragender Anblick inmitten all der so geschäftigen und augenscheinlich wohlversorgten Menschen.

Da fiel mir plötzlich ein: Die Witwe meines Erlanger Freundes hatte mir doch ein ganzes Säckchen mit russischem Kleingeld übergeben, lauter Rubelmünzen und viele Kopeken, die sie überall im Arbeitszimmer ihres Mannes gefunden und nun mir zum Abschied mitgegeben hatte. Ich werde schon eine Verwendung dafür finden, meinte sie. Da ich fürchtete, mit diesem unerwarteten Schatz über die erlaubten acht Kilo für das Handgepäck zu kommen – einen Koffer zum Aufgeben hatte ich gar nicht dabei -, zögerte ich zunächst. Und tatsächlich lag ich dann auch über der Grenze und hätte eigentlich 40 Euro zuzahlen müssen. Doch die Dame am Schalter hatte ein Einsehen mit mir…

Jetzt begriff ich erst, wofür mir die gute Freundin in Erlangen das Säckchen übergeben hatte. Der Verstorbene konnte so über den Tod hinaus helfen und wenigstens für einen Tag eine alte Russin glücklich machen. Anrührend, sehr anrührend.

Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.


Während sich die russische Wirtschaft insgesamt erholt, müssen die durchschnittlichen Familien in Wladimir zurückstecken, wenn man den jüngsten Angaben des Amtes für Statistik für den Zeitraum 2011 bis 2016 folgt. Zwar sind Löhne und Gehälter um den Faktor 1,6 von 15.500 Rubel auf 23.700 Rubel gestiegen, rechnet man aber auch nur die offiziell fixierte Inflation ein, kommt man auf ein Minus beim Einkommen von drei Prozent. Dabei gibt man offenbar immer mehr für Nahrungsmittel aus: von 35% ein Anstieg auf 38%. Bei den Mieten das gleiche Bild: 2011 veranschlagte man dafür noch 25%, fünf Jahre später sind es schon 28%.

Damit folgt die Region Wladimir einem landesweiten Trend, wonach mehr als ein Drittel der Mittel für Lebensmittel im Budget reserviert sind. Angaben, die das Amt gleich selbst kommentiert: „Überall auf der Welt legt man in der statistischen und ökonomischen Praxis den Anteil der Ausgaben für Lebensmittel in der Struktur des Konsumverhaltens als verallgemeinernden Faktor für den Wohlstand der Bevölkerung zugrunde. Je höher dieser Anteil, desto niedriger der Wohlstand der Menschen.“

Mit Auswirkungen auf das übrige Kaufverhalten: wenn vor fünf Jahren noch 39% übrig blieben für sonstige Anschaffungen, auch langlebiger Waren, so sind es jetzt nur noch 33%. Nur ein Prozent der befragten Familien gaben an, über genug Einkommen zu verfügen, um nicht nur den täglichen Bedarf zu decken, sondern auch etwas übrig zu haben für ein neues Auto oder eine Wohnung.

Profit schlagen daraus die Produzenten von billigen Fleisch- und Wurstwaren, deren Absatz in der untersuchten Zeitspanne um 15% angestiegen ist. Allein von 2015 bis 2016 ist der Ausstoß von Wurstwaren – getreu dem Motto „Fleisch muß sein, beiß rein!“ – um 22% und der von Fertiggerichten mit tierischem Anteil um fast ein Viertel gestiegen. Eine Tendenz, die ungebrochen anhält: Im ersten Halbjahr 2017 nahm im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Produktion von Wurstwaren und Fertigprodukten in der Region Wladimir noch einmal um 12% bzw. 15,5%. Weniger stark der Zuwachs bei Fisch, Milchprodukten und Eiern.

Bleibt zu hoffen, daß die Wladimirer Kochkunst unter der Entwicklung zum billigen und vorgefertigten Essen nicht dauerhaft leidet. Hierzulande hat man ja da schon seine traurigen kulinarischen Erfahrungen gemacht, die man den Russen gern ersparen würde. Aber aus Fehlern lernt man ja meist zu spät, besonders aus denen anderer. Bleibt nur, hier im Blog bald einmal wieder ein leckeres Rezept aus einer Wladimirer Küche vorzustellen – ohne Anleitung von der Packung.


In einem Brief an die Redaktion des Blogs schreibt Tatjana Parilowa davon, wie viel man auf der Plattform von interessanten Menschen und Begebenheiten erfahren könne. Mehr noch: „Für mich ist das schon eine im guten Sinne gemeinte Abhängigkeit, unbedingt jeden Tag die Seiten des Blogs zu öffnen, um Neues und Interessantes über die Politik die Partnerschaftsbeziehungen, über Kinder, Menschen, Kultur und Natur zu erfahren.“ Und dann das: Die Leserin wird zur Erzählerin und berichtet von einem Wladimirer Künstler mit Namen Wassilij Kossaurow.

Wassilij Kossaurow

Am 1. Mai 1959 in der Partnerstadt geboren, schließt er 1987 die dortige Fakultät für künstlerische Graphik ab und beteiligt sich früh an lokalen, regionalen und internationalen Ausstellungen. Werke des Malers hängen mittlerweile in russischen, französischen und amerikanischen Privatsammlungen, und in den fernen 90er Jahren zeigte Wassilij Kossaurow seine Werke sogar einmal im Erlangen-Haus.

Wassilij Kossaurow – Energetisches Tal

Fragt man allgemein nach der Rolle des Künstlers in der modernen Welt und nach seinem besonderen Platz in der Gesellschaft, kommt man rasch zu der Aussage, sie habe viel mit der Schaffung neuer Lebensmöglichkeiten zu tun, mit der Mediation  der sozialen Veränderungen und mit der Anstrengung, das Alltagsleben und das Kreative in ihren radikalen Veränderungen abzubilden.

Wassilij Kossaurow – Müdigkeit

Das Werk Wassilij Kossaurows ist eine unablässige Suche, immer begeistert von der russischen Avantgarde und der Theorie des Kosmismus sowie der Esoterik und Theosophie, woher sich sein Thema „Energetik der Seele“ herleitet.

Wassilij Kossaurow – Energetisches Dreieck

Viel Zeit verwendet der Künstler auf die Restaurierung alter Werke. So hat er etwa dem Erzengel Gabriel im Altarbereich der Christi-Verklärungs-Kirche in Porezkoje, Landkreis Susdal, neues Leben eingehaucht.

Wassilij Kossaurow – Es wird Abend

Vielleicht angeregt von den Restaurierungen setzt sich die Auseinandersetzung mit Engeln in seinem Werk fort. Diese menschenähnlichen Flügelwesen als Boten zwischen dem Materiellen und Geistigen, zwischen Gott und dem Menschen, haben es ihm jedenfalls besonders angetan.

Wassilij Kossaurow – Konfrontation

In der christlichen Glaubenslehre kommen den Engeln ja viele Rollen zu: Vermittler, Streiter, Beschützer, Bewacher. Jeder Künstler kleidet sein Verständnis der Rolle von Engeln in diese oder jene Form und Gestalt, drückt in seiner individuellen Art und Weise die persönliche Interpretation des Bildes aus.

Wassilij Kossaurow – Schutzengel

So tut das auch Wassilij Kossaurow mit seinen Mitteln.

Wassilij Kossaurow – Wer bin ich jetzt?

In Rußland gibt es keine Familie, die nicht vom Krieg betroffen wäre. Der Großvater des Künstlers starb in einem KZ. Die Suche nach Angaben zu dessen Schicksal dauerten lange und führten schließlich zu einer Nummer, unter der er im Lager geführt wurde.

Wassilij Kossaurow – Großvater

„Das Werk Wassilij Kossaurows zeichnet sich durch Einflüsse der Suprematen und Konstruktivisten der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts aus, allerdings in seiner ganz eigenen Ausprägung: von der Gegenstandslosigkeit eines Malewitsch zu expressiven Formen und bestimmteren Begriffen und Phänomenen. In den Arbeiten des Künstlers findet man die kosmische Kälte mit der irdischen Wärme verbunden, ebenso wie die Abwesenheit einer sichtbaren Grenze zwischen Wachzustand und der Vorstellung, ein Zustand, der unsere Herzen bewegt“, schreibt Nadeschda Sewastjanowa, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wladimirer Landesmuseums.

Wassilij Kossaurow – Auszug

Selbst freilich meint der Künstler, die beste Lehrerin sei die Natur.

Wassilij Kossaurow – Flußlandschaft im Herbst

Die „Innere Speisekammer“ Wassilij Kossaurows ist nicht einfach nur die Ausstellung eines Künstlers, sondern eine Nenner der Themen eines internationalen Projekts unter dem Begriff „Engel“, das die Werke von 45 Künstlern aus Europa und Rußland vereint.

Wassilij Kossaurow – Ausstellungsplakat

Das Schaffen des Wladimirer Malers ist mittlerweile in Deutschland, in der Slowakei und in der Tschechei bekannt als Ausdruck des russischen Surrealismus. Und in Rußland wurde die „Innere Speisekammer“ zum Jubiläumsdebut für den Wladimirer.

Tatjana Parilowa

 

 

 

 

 

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