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Am 4. März öffnete in Wladimir eine Ausstellung mit Jelena Jermakowa und Anna Titowa aus der Kreisstadt Alexandrow, 125 km nordwestlich der Partnerstadt gelegen.

Partnerschaftsbeauftragter, Peter Steger, vor dem Erlanger Rathaus

Gestern nun schickte Jelena Jermakowa den bebilderten Veranstaltungshinweis mit Wiedererkennungseffekt.

Anna Titowa und Jelena Jermakowa

Die Künstlerin, die erst 2014, nach dem Tod ihres ersten Mannes, zum Bleistift griff und sich später auch der Skulptur zuwandte, zeigt nämlich in der Schau auch Arbeiten, die im Sommer 2015 entstanden, als sie zusammen mit Jurij Iwatko nach Erlangen, genauer gesagt in den Ortsteil Tennenlohe, kam, wo der Bildhauer sein „Letztes Opfer“ schuf, während sie unablässig Ansichten und Gesichter zeichnete.

Jelena Jermakowa und eine Ansicht vom Skulpturenpark Tennenlohe

Verkäuflich sind Jelena Jermakowas Werke übrigens nicht. Die Unternehmensgründerin führt ihre eigene Werbeagentur und betreibt die Kunst für Herz und Seele. Zum Weltfrauentag wünscht sie sich denn auch die Vereinbarung von Brotberuf, Familie und Kreativität. Wie schön das gelingen kann, ist hier zu sehen.

Skulptur „Ultraviolett“, 2018, Bronze und Ton

Weitere Portraits der russischen Künstlerin sind hier zu finden: https://is.gd/XS6qMs

Und die Glückwünsche zum Weltfrauentag? Die sind nicht vergessen und finden Ausdruck in diesem Bild, gesehen vom Chefredakteur des Blogs, der sich dilettierend immer wieder in der Lichtbildnerei versucht.


Langsam, aber stetig gehen die Zahlen der Neuinfektionen mit Covid-19 in der Region Wladimir zurück. Ein Umstand der möglicherweise auch damit zusammenhängt, daß hier – ebenso wie landesweit – die bei uns grassierenden Mutationen bislang keine Rolle zu spielen scheinen. So wurden denn am Freitag nur noch ganze 111 Fälle registriert, was dann zu einer Gesamtzahl von mehr als 28.000 Personen führt, die sich im zurückliegenden Jahr mindestens einmal ansteckten. Für die Partnerstadt sind das 32 vs. 6.325. Der Seuche zum Opfer gefallen sind lt. offiziellen Angaben mittlerweile 903 Menschen und 1.974 Personen gelten als positiv getestet.

Auch wenn das öffentliche Leben allmählich wieder an Fahrt aufnimmt, treten die Behörden doch vernehmlich auf die Bremse. Die häusliche Quarantäne für alle über 65jährigen wurde noch einmal bis zum 21. März verlängert und dauert nun genau ein Jahr. Ausgenommen sind nur geimpfte Personen und solche, die Antikörper in sich tragen. Auch wenn nur noch vereinzelt Schulen und Kindergärten wegen eines Corona-Ausbruchs schließen und die Abschlußfeiern im Mai wohl stattfinden können, warnt das Gesundheitsamt vor zu großen Menschenansammlungen und treibt die Impfung der Lehrkräfte voran, von denen mittlerweile etwa sieben Prozent ihren zweiten Pieks erhalten haben. Sorge bereiten den Verantwortlichen die bevorstehenden Feiertage, das morgige Fest der Frauen und dann die Maslenzia, die Butterwoche, mit ihrem Höhepunkt am 14. März in Susdal. Die Veranstalter werden aufgefordert, die Festivitäten alle nach draußen zu verlagern, die Teilnehmerzahl zu begrenzen und die AHA-Regeln zu beachten, um neue Ausbrüche zu verhindern. Und schließlich eine Zahl, die aufhorchen läßt: Nach amtlichen Angaben gelten gut 40% der Bevölkerung der Region Wladimir als bereits immunisiert gegen das Virus. Das reicht natürlich noch nicht, macht aber Hoffnung, bei einiger Vorsicht, eine dritte Welle vermeiden zu können. Das ist auch dringend notwendig, denn die Zahlen aus der Statistik der Übersterblichkeit ergeben ein trauriges Bild, das wir uns bei nächster Gelegenheit genauer ansehen wollen.

P.S.: Für gestern wurden sogar nur noch 97 Neuansteckungen gemeldet, so wenige wie seit vier Monaten nicht mehr. Da bleibt nur zu wünschen, es gehe so weiter bis gegen Null! In Erlangen sind wir ja auch auf einem guten Weg, der uns hoffentlich bald wieder zusammenführt.


Lieber Herr Janik, im Namen des ganzen verschworenen Teams des Erlangen-Hauses gratulieren wir Ihnen zum Frühlingsanfang und zu Ihrem Geburtstag! Der Frühling nährt die Hoffnung auf Veränderungen zum Besseren, und uns scheint, als sei schon Licht am Ende dieses schrecklichen Tunnels unter der Bezeichnung Covid-19 zu erkennen. Wir wünschen Ihnen Gesundheit und Kraft bei ihrer so verantwortungsvollen und schwierigen Aufgabe zum Wohl unseres geliebten Erlangens. Wir können das Wiedersehen kaum erwarten und haben große Sehnsucht nach Ihnen allen!

Irina Chasowa

Jekaterina Ussojewa, Tatjana Kolesnikowa, Jelena Semjonowa, Natalia Korssakowa, Tatjana Kirssanowa und Irina Chasowa


Diesen Wünschen schließt sich natürlich auch gern die ganze Blog-Redaktion an, die in ihrer Stube den Spruch des Oberbürgermeisters von Erlangen eingerahmt an einem Ehrenplatz hängen hat: „Der Blog lebe noch lange!“


In den letzten Jahren war es zum Brauch geworden, daß die Gänsezüchter von nah und fern zum Ausklang der Masleniza, der Butterwoche, also des russischen Faschings, ihre streitlustigsten Ganter nach Susdal brachten, um sie zum Ergötzen des Publikums gegeneinander antreten zu lassen, von Schnabel zu Schnabel. Es ging dabei zwar nie so blutig zu wie bei den ja mittlerweile fast weltweit verbotenen Hahnenkämpfen, aber auch im Kampf um das Wohlwollen der Gansdamen flogen die Fetzen und Federn, und man kann sich vorstellen, wie schmerzhaft das Zwicken und Zwacken mit dem Schnabel oder das erbitterte Schlagen mit dem Flügel sein mag.

Nun verzichten die Veranstalter zum ersten Mal – und wohl auch für immer – auf diese Volksbelustigung und kommen damit dem Drängen von Aktivsten nach, die das Spektakel mit Tierquälerei gleichsetzen. Ein Zeichen dafür, wie sich auch in der russischen Gesellschaft ein Bewußtsein dafür einstellt, daß der Mensch bedachter mit der Schöpfung umgehen sollte. Man denke etwa auch an die Appelle hierzulande, auf Daunen zu verzichten, die dem lieben Federvieh bei lebendigem Leibe ausgezupft werden…

So recht zu sagen weiß niemand, seit wann es die Ganterkämpfe in russischen Landen gibt. Allerdings lassen Reliefs an den romanischen Kirchen wie der Demetrius-Kathedrale auf ein altes „Kulturgut“ schließen. Freilich wissen wir ja, daß in der guten alten Zeit auch längst nicht alles gut war.

Ganz ohne Schaukampf zum Höhepunkt des Karnevals geht es dann am Samstag nächster Woche auch nicht. Statt die Ganter aufeinander loszulassen, pfeift man das erst in letzter Zeit wiederentdeckte „russische Fußball“ an, von dem die Sportredaktion des Blogs zu gegebener Zeit berichtet.


In den 90er Jahren hatte ich gerade erst in der Städtischen Kinderklinik als HNO-Ärztin zu arbeiten begonnen, da wurde mir schon die Leitung der Abteilung übertragen. Ich brannte für meine Arbeit, wollte viel machen, aber es fehlte ebenso an Geräten wie ausreichenden Fertigkeiten. Doch da erschien in dieser seltsamen Zeit erschien wie ein Engel vom Himmel Peter Steger, der Frieden in diese verrückte Welt bringen wollte. Auch mich ergriff dieses gute Wirken.

Anna Parfjonowa mit Peter und Dominik Steger

Man bot mir eine Hospitation in der Partnerstadt Erlangen an: im riesigen HNO-Krankenhaus. Die Klinik leitete der unvergessene Professor Malte Erik Wigand. Ein Geschenk des Schicksals war das. Ich sah die hochprofessionelle Qualitätsarbeit eines geschulten und erfahrenen Teams, das wie ein ganzer Mechanismus für das Wohl der Menschheit arbeitete. Man beherrschte dort buchstäblich alles: angefangen beim banalen ambulanten Eingriff, wie der Öffnung von Abszessen oder der Herstellung einer Kurzschlußverbindung des Trommelfells, bis hin zu ausgesprochen komplexen plastischen und rekonstruktiven Operationen und Cochlear Implantaten. Der OP-Bereich nahm pünktlich von 8.00 Uhr den Betrieb auf und schloß um 17.00 Uhr.

Anna Parfjonowa und Dominik Steger

Wie taktvoll und akkurat man sich doch auf meinen Wunsch einstellte, alles kennenzulernen, alles auszuprobieren! Ich lernte Operationen an der Nasenscheidewand durchzuführen und das OP-Mikroskop zu beherrschen. Wichtiger als all das war aber der Austausch mit hochgebildeten Ärzten und wundervollen Menschen. Peter Steger, Professor Malte Erik Wigand oder Oberschwester Rosa und das ganze HNO-Team wurden nicht nur meine Lehrer, sondern waren auch meine einfühlsamen und guten Helfer, die mich behutsam und unaufdringlich unterstützten.

Anna Parfjonowa und Dominik Steger

Nun ist schon viel Zeit seither vergangen, doch ich erinnere mich noch immer an ihre Worte, ihre Blicke und ihren Wunsch, mir zu helfen. Ich überzeugte mich ein weiteres Mal davon, daß im zwischenmenschlichen Austausch Grenzen, Nationalitäten und Sprachen keine Rolle spielen. Und dann war da noch jenes gewaltige Geschenk für unsere Stadt, ein Deckenmikroskop für den OP-Saal, das, wie ich hoffe, noch immer gute Dienste im heutigen Regionalen Kinderkrankenhaus leistet. Die Spende aus Erlangen hatte uns ein Wladimirer Fuhrunternehmen gebracht. Ich hoffe sehr, daß all dies half, unseren Kindern in Wladimir gesünder zu werden.

Anna Parfjonowa

Tatjana Zwetkowa, die damalige ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses, mit Dominik und Peter Steger

Anm. d. Redaktion: Die Ärztin arbeitet heute in einer Wladimirer Privatklinik und behandelte Dominik Steger im Dezember 1997 wegen einer Mittelohrentzündung. Der kleine Patient hatte fortan bis heute nie mehr Probleme mit den Ohren.


In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Forum verlost die Eberhard-Schöck-Stiftung anläßlich der Ausstellung „Impressionismus in Rußland“, die das Museum Frieder Burda ab dem 27. März in Baden-Baden zeigt, zwei Eintrittskarten, eine Übernachtung mit Frühstück für zwei Personen im Atlantic Parkhotel und eine exklusive Stadtführung „Russisches Baden-Baden“. Allerdings benötigen Sie dazu nicht nur die unberechenbare Unterstützung Fortunas, sondern auch die kenntnisreiche Hilfestellung der Minerva, denn vor den Preis setzten die Veranstalter den Schweiß.

Verraten sei hier nur: Elias Repkin, der Kunstkritiker in der Blog-Redaktion, nimmt an der Verlosung teil. Aber wir würden uns natürlich auch freuen, wenn jemand aus der geschätzten Leserschaft das große Los ziehen, nach der dritten und hoffentlich letzten Welle der Pandemie in Begleitung nach Baden-Baden reisen und dann hier über die Eindrücke dort berichten würde.


Gestern unterrichtete Dmitrij Tichonow den Freundeskreis seiner Familie über den Tod seines Bruders Alexander, des großen Cellisten, der 1985 das Konservatorium in Tiflis abgeschlossen und dann als Solist und Dozent an der Universität Wladimir gewirkt hatte. Als 1995 die Junge Philharmonie aus Erlangen in der Partnerstadt gastierte, lernte Alexander Tichonow den Kontrabaßisten, Gerhard Rudert, kennen, mit dem ihn fortan eine enge musikalische Freundschaft verband, die ihren Ausdruck in ungezählten gemeinsamen Auftritten fand. Aber es gibt auch noch einen zweiten Menschen, Ute Schirmer, mit der dieser harmonische Begleiter der Partnerschaft eng verbunden war. Ihr, die vor 30 Jahren zum ersten Mal nach Wladimir gekommen war, sei gedankt für den folgenden Nachruf.

Alexander Tichonow und Gerhard Rudert im März 2018

Jetzt bleibt uns nichts von dir als die Erinnerung an deine Augen, dein Lächeln, deine Hände …

                            Antoine de Saint-Exupéry

Alexander Tichonow und Ute Schirmer, 17. März 2018

Wir erinnern uns an den Cellisten, der zuletzt im März 2018 als Solist das Cello-Konzert in C-Dur von Joseph Haydn zusammen mit der Camerata Franconia im Redoutensaal spielte. Das Konzert fand zum Jubiläum „35 Jahre Partnerschaft Erlangen-Wladimir“ statt. Aus Wladimir waren Alexander Tichonow, Andrej Schewljakow und Igor Starowerow zu dem Festauftritt eingeladen.

Andrej Schewlajkow, Igor Starowerow, Lydia Wunderlich, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow, März 2018

Im Sommer 2019 konnte ich einen Hausmusik-Abend in der Familie Tichonow erleben. Alexander spielte ein Stück am Flügel. Die beiden Töchter des Bruders Dmitrij sangen, vom Vater am Klavier begleitet, Lieder und Arien aus Opern, einer der drei Söhne hatte ein Stück auf der Geige vorbereitet. So viel Freude beim Musizieren durfte ich erleben! Dieser Abend ist mir in lebendiger Erinnerung geblieben.

Alexander und Dmitrij Tichonow mit Ute Schirmer und Familie, August 2019

Meine erste Begegnung mit seinem Vater, Alexander Tichonow sen., kam während meines ersten Aufenthaltes in Wladimir 1991 zustande, als ich im Auftrag von Adolf Pongratz die Noten und Instruktionen für ein für 1992 geplantes Jubiläumskonzert des Erlanger Kammerorchesters zu überbringen hatte. Aus Wladimir waren dazu vier Musiker eingeladen: der Kontrabaßist, Alexander Tichonow sen., die Geigerinnen, Mutter und Tochter Schewljakow, und der früh verstorbene Bratschist, Jurij Dobrotworskij. Später, 1998, lernte ich auch die ebenfalls mittlerweile verstorbene Pianistin, Liana Tichonowa, die Mutter von Alexander und Dmitrij, kennen. Sie war zum 15jährigen Partnerschafts-Jubiläum Erlangen-Wladimir mit zwei jungen Musikern gekommen, mit einer Pianistin und einem Flötisten, die mit Reiner Hesse als Flötentrio den Festakt in der Stadthalle begleiteten.

Dorian Keilhack und Alexander Tichonow, 18. März 2019

In einem Brief hatte ich Alexander Tichonow das Konzert der Camerata Franconia unter der Leitung von Dorian Keilhack  angekündigt, das als “Weihnachtsüberraschung“ über das Internet zu empfangen war. Im letzten Brief Alexanders hat er sich noch bedankt und seiner Freude Ausdruck gegeben, dieses Konzert – wenn auch nur über das Internet – miterleben zu dürfen.

Liebe Ute, sehr angenehm, von Ihnen einen Brief zu erhalten. Ja, die Hände spielen schon wieder. Ich werde mir gern das Konzert der mir lieb gewordenen Camerata Franconia mit ihrem großartigen Dirigenten, Dorian Keilhack, anhören! Unser Konzert kann ich einfach nicht vergessen. Viel Erfolg für ihn und Peter Steger. Wenn es das Video dazu gibt, schicken Sie es mir, bitte. Alles Gute, Sascha.

                                                                           Ute Schirmer

Dmitrij Tichonow, Eberhard Klemmstein, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow, 18. März 2019

Ute Schirmer schreibt es: „Gern hätte Alexander noch einmal in Erlangen bei einem Konzert mitgewirkt.“ Und es gab sogar schon erste Pläne dafür, nachdem es lange Zeit so ausgesehen hatte, als sei seine musikalische Karriere durch einen Sturz, bei dem er sich den rechten Arm gebrochen hatte, jäh beendet. Nun, wo diese leidige Sache ausgestanden schien, riß den Musiker der Tod aus dem Leben, viel zu früh. Aber ist nicht das Leben immer viel zu kurz?! Wie schön, daß da die Kunst weiterlebt, wie hier auf diesem Video der 35-Jahr-Feier der Städtepartnerschaft:


Nach übereinstimmenden Medienberichten brachte man Alexej Nawalnyj gestern von Moskau aus in das Gefängnis von Koltschugino, gut 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen. Der wohl derzeit weltweit berühmteste Häftling soll seine zweieinhalbjährige Strafe nach der Quarantäne weiter in der Region Wladimir verbüßen, voraussichtlich in der als streng geltenden Kolonie Pokrow, 80 km westlich von Wladimir, auf halbem Weg nach Moskau gelegen.

Alexej Nawalnyj im November 2017 bei einer Kundgebung in Wladimir, gesehen von Sergej Golowinow

In der sogenannten Korrektionsanstalt hat der gelernte Jurist dann die Möglichkeit eine Handwerkslehre zu machen – vom Bäcker bis zum Dreher. Wie bereits in den 80er Jahren, als Dissidenten wie Wladimir Bukowskij im Zentralgefängnis der Partnerstadt inhaftiert waren, hat auch heute die Wladimirer Regionalregierung keinerlei Einfluß darauf, wer in welcher Justizvollzugsanstalt des Gouvernements einsitzt. Es handelt sich dabei um Zuständigkeiten der Zentralregierung.


Eine der ganz großen Gestalten der Städtepartnerschaft ist ohne Zweifel Ella Rogoschanskaja. Die Journalistin begleitete nicht nur als Mitarbeiterin der Zeitung „Prisyw“ die Begegnungen zwischen Erlangen und Wladimir, sondern auch später mit ihrem eigenen Abendblatt. Besonders aber bleiben ihre Projekte in Erinnerung, von denen sie hier selbst berichtet und damit einem schon vor einiger Zeit erteiltem Auftrag der Blog-Redaktion nachkommt: https://is.gd/kajOE5

Anfang der 90er hatte es etwas, sich eine neue Zeitung auszudenken und ihr einen coolen Namen zu geben… Ich hatte mir eine Kinderzeitung in den Kopf gesetzt und zwar eine internationale! Eine, die man in Wladimir ebenso lesen würde wie in Erlangen, in unserer deutschen Partnerstadt. Wie sie aber nennen, damit es auf beiden Seiten zu verstehen war? Vielleicht so, wie es auf dem dem Einwickelpapier eines beliebten Kaugummis stand: „BUBBLE GUM“ – „Бабл Гам“ oder, wie wir ihn nannten „БУБЛИК“ – „Bublik“, zu Deutsch „Kringel“. Und schon haftete der Zeitung der Name an. Zweisprachig gelang es nicht auf Anhieb. Aber das war keine Hürde. Dafür gab es jede Menge Freiwillige, die mitmachen wollten. Ich hatte mir die Zeitung ja für ganz bestimmte Kinder ausgedacht, sprich, für die Klasse, in der mein Sohn saß. Die Erstausgabe erschien dann sogar ohne Registrierungsnummer. Die wurde erst später nötig, als das Blatt auch außerhalb der Schule erschien. Da mußte ich dann zur Anmeldung nach Moskau.

Ella Rogoschanskaja zum hundertjährigen Jubiläum der Zeitung „Prisyw“, Mai 2017

Die erwachsenen Onkels, die meine Unterlagen abstempelten, wunderten sich nicht im geringsten über den gar wunderlichen Namen der Zeitung. Immerhin brachte sie keinen Schweinkram, wie damals bei einigen recht beliebten. Wir fanden nicht gleich den Weg zum Herzen der deutschen Partner. Aber da kam Peter Steger ins Spiel, der sich für unser Projekt interessierte. Nicht einfach so, sondern wirklich. Es zeigte sich, daß das Herz unserer Partner empfänglich für Freundschaft war. Peter machte sich mit den Kindern in unserer Redaktion bekannt, unter denen sich nicht nur Enthusiasten befanden. So hatte die erst vierzehnjährige Sascha Ulitina bereits einen Gedichtband veröffentlicht. Da lag es nahe, solche Talente nach Erlangen einzuladen…

Nichts lieber als uns auf den Weg zu machen, hätten wir getan. Aber woher das Geld nehmen? Also machte ich unserem Stadtoberhaupt, Igor Schamow, meine Aufwartung. Und – schau einer an! – er half uns. Der Sponsorenscheck reicht fast für die Fahrkarten, wenigstens bis Prag. Von Prag bis Erlangen kaufte die deutsche Seite die Billets. Peters Entgegenkommen war schon damals erstaunlich… Und so fuhren wir an einem Frühlingsmorgen zeitig in Wladimir ab. Als Dolmetscherin hatten wir Olga Wolkowa an unserer Seite, eine Deutschlehrerin an einer Fachschule. Mein schludriger Schussel von einem Sohn überzeugte mich davon, die Schlappen, die er in der Schule trug, seien auch für die Reise genau richtig. Eine glatte Lüge! Er habe keine anderen Schuhe, also müsse er in den Filzlatschen reisen. Sein Kommentar: „Sie sollen denken, ich sei ein Hippie.“ Im war das schnuppe, während ich mich als Delegationsleiterin schämte und ihn anwies, sich fern von mir zu halten. Wir fahren also und sind schon auf halbem Weg nach Moskau. Die Straße wie leergefegt. Sonntag. Ostersonntag. Da kommt mir plötzlich, ich könnte doch einmal meine Reiseunterlagen in der Mappe durchsehen. Und ich entdecke: Einen Teil der Fahrkarten – jene ab Prag – hatte ich im Safe vergessen. Der schiere Alptraum! Der Zug würde zwar erst in ein paar Stunden abfahren, aber nach Wladimir zurückzukehren, würde allein schon eine Stunde kosten. Und dann nochmals die 170 km bis Moskau. Wie, womit? Nicht zu schaffen! Meine Güte… Aber ich hatte das Kommando und durfte mir nichts anmerken lassen. Der Bus mit den Kindern und Olga fährt weiter in die Hauptstadt. Ich kehre um und hole die Fahrkarten. Ich stehe einsam am Straßenrand. Wie meine Stimmung war? Wie wenn man vom 30. Stock fliegt und sich auf Höhe der fünften Etage sagt: „Bisher läuft es ja gar nicht so schlecht.“ Machen wir es kurz, um die Leser nicht auf die Folter zu spannen: Ich schaffte alles. Ein Verkehrspolizist hielt ein Auto an, das mich nach Wladimir mitnahm. Dort öffnete ich rasch den Safe. Dann stieg ich in ein Taxi, das schon für die Strecke gebucht war, dann aber frei wurde. Ein richtiger Glückspilz bin ich schon! Das Abteil, in dem die Kinder mit der Übersetzung bereits im Zustand einer halben Ohnmacht saßen, betrat ich fünf Minuten vor der Abfahrt. Ich erbat mir, mich bis Prag in Ruhe zu lassen. Ich fiel in einen fast letargischen Schlaf.

In Erlangen empfing uns Peter mit seinem noch ganz kleinen Sohn. Von der Wiege an lehrte er ihn die Freundschaft mit den Russen. Nicht mit leeren Worten. Sogar zum Praktikum kam der spätere Medizinstudent an der Charité in ein Wladimirer Krankenhaus. Das ist noch gar nicht so lange her. Kurzum: Meine Kinder vom „Bublik“ fühlten sich willkommen. Wie Verwandte wurden sie begrüßt. Die deutsche Gastfreundschaft unterschied sich durch nichts von der russischen, gleich ob bei offiziellen Anlässen oder in den Familien, wo die jungen Journalisten zu Besuch waren. Und dann, wieder daheim, erreichte uns ein Schwergewicht von Geschenk. Ich mußte zum Zoll. In den Kisten war alles, was man sich nur denken konnte: ganze Schachteln mit deutschen Süßigkeiten, Spielzeug für die Sieger unserer Leserwettbewerbe, Mappen, Schreibwaren… Das alles hatte Peter geschickt, der wohl einige Spender „angehauen“ hatte. Eine gelungene Überraschung!

Peter Steger und Wladimir Schinakow 1996

Die Kinder von damals sind längst erwachsen, einige arbeiten sogar als Journalisten. Aber das ist nicht die Hauptsache. Wahrscheinlich erinnern sie sich alle bis heute an die Herzlichkeit jener Begegnungen. Wäre ja schlimm, wenn nicht… Als dann später der Gegenbesuch von Schülern aus den Partnerstädten Wladimirs und Susdal, Erlangen und Rothenburg, folgte, stand ein Ausflug in das Brotkombinat auf dem Programm. Ein voller Erfolg bei den Gästen. Eine interessante Produktionslinie – und dann erst der Geschmack all der Backwaren. Ohne Worte! Ich war schon lange mit dem Direktor, Wladimir Schinakow, befreundet und partnerschaftlich verbunden. Für seinen Betrieb machte ich die Kinderzeitung „Kolobok“, benannt nach einer Märchenfigur, die aussieht wie ein kugelrunder Pfannkuchen, also ein naher Verwandter des „Bublik“, des Kringels. Dort gab es spaßige Verse über Lebkuchen oder eine neue Brotsorte. So in der Art wie: „Aus dem weißen Brot mach ich mir ein Boot…“ Natürlich gab es da auch Werbung für den Sponsor, versteht sich. Warum nicht diesen Freundschaftsbesuch machen! Genau! Wenn man schon nicht aus Deutschland kommt, um in Wladimir Wecken zu kaufen, könnte man ja wenigstens Gelegenheit zum Probieren geben. Und die Ausgabe vom „Kolobok“ war richtig gelungen: zweisprachig. Ein Teil der Auflage ging an Wladimirer Schulen. Den Rest packten wir in ein paar Kisten, zusammen mit leckeren Geschenken, und flogen nach Deutschland… Ich kann heute gar nicht mehr aufzählen, an wie viel Schulen wir zu Gast waren. Manchmal traf mich auf der Schwelle der Klassenzimmer schier der Schlag, denn da saßen fast erwachsene Leute. In Deutschland geht man ja länger als bei uns zur Schule, was ich damals nicht wußte. Diese „Onkels und Tanten“ blätterten mit ernstem Blick unseren „Kolobok“ durch, verkosteten unsere Kringel, bewerteten deren Qualität. Frei und ungezwungen benahmen sich die Schüler aller Altersstufen. Auch das verwunderte mich damals. Es war im Advent, und überall gab es Weihnachtsgebäck. Die Kinder, die wir trafen, verglichen, was für jedes Land traditionell war. Über Geschmäcker streitet man nicht, aber es gab auch keinen Grund zum Streit…

Wjatscheslaw Kartuchin, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Klaus Schrage und Ella Rogoschanskaja, März 2019

Meine persönliche Geschichte unter dem Titel „Mein Deutschland“ hängt eben jenen jetzt schon so weit zurückliegenden Begegnungen zusammen. Die Freundschaft der Länder beginnt, wie man schon zu Sowjetzeiten meinte, mit der Freundschaft von Menschen, mit der Volksdiplomatie. Seither ist viel Zeit vergangen. Ganz anders, wie auf einem anderen Planeten, ist das Leben geworden. Die Reportagen vom Zug der Freundschaft konnte man damals nur per Fax verschicken. Und heute mit einem Klick von überallher nach überallhin. Wahrscheinlich hat sich auch das Verhältnis zur Freundschaft zwischen den Ländern verändert. Mir scheint, sogar Worte wie diese sind nicht mehr in Gebrauch. Sie wurden ersetzt durch andere wie „Partnerschaft“. Bisweilen wird nicht einmal mehr diese angestrebt, sei es aus Kraftlosigkeit oder Unwillen. Dabei ist Freundschaft doch in erster Linie etwas, das mit Gefühlen zu tun hat. Es heißt, sie roste nicht, werde vielmehr mit den Jahren nur noch fester. Je nachdem… Ich meine das jedenfalls noch immer. Und die Gefühle? Darüber lohnt es, sich noch Gedanken zu machen. In meinem Privatarchiv jedenfalls finden sich noch immer einige Exemplare jener zweisprachigen Ausgaben. Zeitungen und einige Zeitschriften. Darunter hat „Stadt und Leute“ einen Ehrenplatz. All diese Publikationen erschienen in Koproduktion mit Peter Steger.

Ella Rogoschanskaja


Eben noch Temperaturen im Eiskeller – und nun schmilzt seit dem 65. Jahrestag der berühmten Rede von Nikita Chruschtschow, mit der die Tauwetterperiode eingeleitet wurde, die weiße Pracht schon wieder dahin. Es ist zwar nicht so rekordverdächtig warm wie bei uns, aber bei aller Unberechenbarkeit des russischen Winters deutet auch in Wladimir nun alles auf Frühling hin. Da lohnt noch einmal ein Blick zurück mit Bildern, die der jetzt schon seit drei Jahrzehnten mit den Erlanger Foto Amateuren befreundete Wladimir Fedin mit dem Winter aus den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi unterlegte. Also, Augen und Ohren auf, genießen Sie dieses Kunstwerk, das der Photograph mit dem besonderen Auge für das Schöne auf Bitten der Blog-Redaktion eigens bei youtube veröffentlichte, um es Ihnen allen – auch ohne Mitgliedschaft bei Facebook & Co. – frei zugänglich zu machen.

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