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Die Stadt

Es war Ende August 2018 nach 14 Jahren meine vierzigste Reise nach Wladimir. Strahlend blauer Himmel, die ganzen zehn Tage lang, der „Jubiläumsreise“ angemessen, meine ich.

Fußgängerzone Wladimir

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie sehr sich die Stadt in den wenigen Jahren entwickelt hat. Vor 14 Jahren waren Spaziergänge, vor allem bei schlechtem Wetter, eher ein Hindernislauf um Pfützen und Stolperfallen herum, heute sind Gehsteige gepflastert, und man wird allenfalls gelegentlich von Radfahrern gestört, die verständlicherweise die Bürgersteige den von Autos beherrschten Straßen vorziehen.

Fußgängerzone Wladimir

Auch die Straßen wurden modernisiert, nördlich von der Altstadt entstand eine neue, vierspurige Trasse, um den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt besser zu verteilen. Allerdings kann der Straßenbau mit der Zunahme der Fahrzeuge nicht mithalten, und damit wird „Stop and Go“ zum Standard während der Rushhour. Das Internetportal mit der aktuellen Verkehrssituation zeigt jeden Tag morgens und nach Feierabend über die Stadt verteilt rot eingefärbte Straßenabschnitte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 2 km/h.

Patriarchengarten

Eine Oase der Ruhe und Erholung ist dagegen die neue Fußgängerzone neben der Hauptstraße am Abhang zur Kljasma. Alte, restaurierte Häuser, Boutiquen und Andenkengeschäfte, kleine Museen sowie drei Aussichtsplattformen mit Blick zur Kathedrale, zur Kljasma und zum Patriarchengarten laden zum Verweilen ein. Dieser Park (Eintritt 80 Rubel) mit einer großen Fontäne und Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist besonders schön im Mai, wenn die Kirschen blühen.

Springbrunnen im Zentrum von Wladimir

Ganz neu und erst zum Stadtfest am 26. August eingeweiht, ist der Springbrunnen vor dem Schauspielhaus am Goldenen Tor. Der Brunnen ist ebenerdig mit Gitterrosten angelegt, und so kann man zwischen den in der Intensität ständig wechselnden Fontänen einherspringen, ein Magnet für Kinder und gelegentlich auch für jung gebliebene Erwachsene. Abends erstrahlt das Ensemble dann in bunten Farben, und stündlich wird das Ganze noch mit Musik untermalt.

Wasserfreuden

Nicht weit entfernt liegt die Kirche der katholischen Rosenkranzgemeinde. Natürlich hat Pfarrer Sergej Sujew Zeit, mir die Fortschritte auf der Baustelle des Pilgerzentrums zu zeigen. Strom, Wasser, Abwasser und Heizung sind installiert, jetzt steht der Innenausbau an. Zurzeit wird aber noch an der Außenanlage gearbeitet. Durch einen Gerichtsentscheid wird das Grundstück geschätzte 100 m² größer, was z. B. zusätzliche Parkflächen ermöglicht. Leider erschweren und belasten immer wieder neue Auflagen die Kostenseite und damit den Fortgang der Arbeiten. So müssen jetzt alle Stromzuführungen unterirdisch verlegt werden, und dies trifft nicht nur den Neubau, sondern auch das Pfarrhaus und die Kirche. Bis zur Einweihung des Zentrums wird sicher noch mindestens ein Jahr vergehen, vorausgesetzt, die Spenden kommen rechtzeitig an.

Die Initiative Swet

Seit 1995 besteht in der Region Wladimir die Initiative Swet, in der sich mehr als 800 Eltern von Kindern mit den verschiedensten Behinderungen zusammengefunden haben. Ziel ist es, die jungen Leute aus der durch die administrativen Vorgaben und die medizinische Therapie entstandenen Isolation zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren, ein Recht, das ihnen durch die Gesetze der Russischen Föderation garantiert wird. Swet erfuhr vielfältige Unterstützung durch die Partnerschaft mit Erlangen. Mit Einzelspenden und Spendenaktionen wurden die Projekte gefördert. Mit Unterstützung von Erlangen entstanden Kontakte zu deutschen Einrichtungen und Institutionen der Behindertenarbeit, die WAB in Kosbach stellte z. B. Hospitationen zur Verfügung.

Jurij Katz in Susdal

Einer der Initiatoren und engagierten Repräsentanten ist Jurij Katz, mit dem ich über die Wiederbelebung von Hospitationen bei den Barmherzigen Brüder in Gremsdorf geredet habe. Diese Zusammenarbeit geht zurück auf das Projekt „Lichtblick“ mit dem Kinderzentrum „Blauer Himmel“. Aus dieser Zusammenarbeit erhielt Swet 2015 ein Datscha-Grundstück am Nerl zur geeigneten Verwendung. Das Grundstück wurde dann verkauft, weil die von Swet betreuten Menschen in der Gesellschaft, in Städten leben sollen, ein Leben auf dem Land würde wieder eine Isolierung bedeuten.

Swet-Baustelle in Susdal

Jurij Katz fuhr deshalb mit mir nach Susdal, um die aus dem Erlös des Grundstücks gekaufte Wohnung zu besichtigen. Sie liegt in der Mitte der Stadt, direkt gegenüber von den Handelsreihen. Es handelt sich um eine von drei Wohnungen in einem alten Holzhaus. Zurzeit läuft eine umfassende Renovierung, drei Handwerker waren auf der Baustelle tätig. Es entstehen drei Wohn-/Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein WC mit Dusche und ein kleiner Lagerraum. Das Ganze soll als Schulungszentrum für Behinderte (ggf. mit Angehörigen) genutzt werden. Bis zu neun Personen können unterkommen und sollen in ein- bis mehrwöchigen Kursen die Grundlagen eines eigenständigen Lebens erlernen.

Jurij Katz im neuen Zentrum

Danach besuchten wir noch ein Therapiezentrum für behinderte Kinder in Susdal. In sozial schwachen Susdaler Familien sind 80 behinderte Kinder bekannt. Das Zentrum wurde von einer privaten Initiative gegründet, die Organisation Swet hilft beratend.

Therapiezentrum in Susdal

Die Finanzierung erfolgt durch Sponsoren, auch die Stadt Susdal gibt mit kleinen Anteilen Unterstützung. Ein verfallener Gebäudekomplex wird, getaktet durch die Verfügbarkeit von Spenden, Raum für Raum ausgebaut. Es ist immer wieder erstaunlich, was mit einfachen Mitteln erreicht werden kann!

Jurij Katz

Auf dem Weg zurück fällt uns etwa in der Mitte zwischen Susdal und Wladimir auf der linken Seite ein großer Neubau ins Auge, ein privates Museum mit Autos und Motorrädern. Darin befindet sich ein Café, an dessen Bar man auf Motorrädern Platz nimmt.

Wolfram Howein

Wir machen eine Sitzprobe, verziehen uns für unser Gespräch aber gerne auf die Stühle an den nebenstehenden Tischen. Ob sich das Investment rechnet? Ich bin mal gespannt, was daraus in einem Jahr geworden ist, wenn ich mal wieder nach Susdal fahren werde.

Wolfram Howein

Fortsetzung folgt.


Das Goldene Tor mit Sergej

Das Wahrzeichen Wladimirs ist das Goldene Tor, erbaut als westliches Stadttor 1164. Es ist ein sehr gut erhaltenes Beispiel russischer Militärarchitektur aus dem 12. Jahrhundert. Heute vom Verkehr umtost, war es früher Teil der Wall-Befestigungsanlagen. Hier treffe ich mich mit Sergej, einem Deutsch-Schüler meiner ‚Gastmutter‘  Irina Dolganowa. Er studiert in Moskau Englisch und Deutsch und freut sich über die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Wir besuchen die sehenswerte Militärausstellung im Goldenen Tor.

Goldenes Tor

Im Jahr 1238 fiel Wladimir den mongolisch-tatarischen Eroberern zum Opfer. Dieses traumatischen historischen Ereignisses wird in Multimedia hinter einer riesigen Glaswand gedacht. Eine realistische Abbildung des westlichen Stadttors, des Goldenen Tors, im eisigen Winter mit Blick auf die Wallanlagen und die weite Ebene zeigt die damalige Schlacht in all ihrer Brutalität. Überall kämpfende Soldaten, zerfetzt, blutend, mit Speeren im Körper, Tote und Erfrorene. Alles ist in in blau-weiß-rotes Licht getaucht, die russischen Nationalfarben. Dazu erzählt in Überlautstärke eine mächtige, sonore, schwebend-feierliche Stimme von der historischen Schlacht, die zum Abstieg Wladimirs führte. Es läuft einem kalt den Rücken herunter vor lauter martialischer Feierlichkeit. Vor der Glaswand Fahnen und Gewehre aus Kriegen der späteren Jahrhunderte, z.B. gegen Schweden oder die Türkei.

Panorama des Mongolensturms

Die oberen Gänge werden gesäumt von Portraits der sowjetischen Helden aus dem Zweiten Weltkrieg, dem Großen Vaterländischen Krieg. Interessante Karikaturen gegen Hitler, Mut-mach-Plakate für die Sowjetarmee beim Marsch nach Westen gegen Nazi-Deutschland und Photos vom Einmarsch nach Berlin und dem brennenden Reichstag.

Am Ende der Ausstellung wird quasi als Zeichen der friedlichen Zusammenarbeit heute der Raumanzug von Walerij Kubassow, dem Kosmonauten aus der Region Wladimir, in russisch-amerikanischer Weltraummission (Sojus-Programme) gezeigt.

Sergej und der Raumanzug von Walerij Kubassow

Diese Ausstellung ist besonders interessant für deutsche Besucher, weil sie einen Blick auf den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der russischen Seite zeigt. Das ist sehr ergreifend und macht einem einmal mehr die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlich.

Ein Junggesellinnenabend im deutschen Max Bräu

In Wladimir gibt es seit 2014 ein deutsches Brauhaus mit Namen Max Bräu. Dort schenkt man verschiedene leckere Biersorten nach dem Rezept des deutschen Braumeisters Hans Maurer aus und serviert Deftiges zum Essen. Ein- oder zweimal im Monat wird ein Quizabend ausschließlich für Frauengruppen angeboten.

IQ-Junggesellinnenabend. Es spielen nur Damen!

Irina fragt, ob ich Interesse hätte, als Zaungast dabei zu sein und mit ihr dabei an der Theke ein leckeres Bier zu trinken. Hatte ich natürlich. Ihre Freundin Swetlana fährt uns mit ihrer schwarzen Limousine hin.

Das Sudhaus der Max Bräu

Der Saal faßt mindestens 250 Personen. Das riesige messingblitzende Sudhaus von der bayerischen Caspary GmbH gibt einem das original-bayerische Brauhausgefühl.  Es hatten sich 34 Frauengruppen, also insgesamt etwa 170 Frauen, angemeldet, um ihre Intelligenz im Wettbewerb gegeneinander zu messen. Drei Frauen moderieren die Veranstaltung sehr kurzweilig und mit Niveau. Die Fragen – oft in Form von Bilderrätseln – aus Film, Literatur, Musik, Film und Allgemeinwissen werden auf sechs riesige Leinwände projiziert. Die Frauen sind mit Freude dabei, denken nach, beraten sich, kauen an den Stiften und jubeln über ihre richtigen Antworten. Die drei Siegergruppen erhalten Preise wie Freibier, Blumen oder Sekt.

Im Saal der Max Bräu

Das Startgeld geht an karitative Institutionen. Die Organisation von Irina und Swetlana für behinderte Kinder hat schon einmal davon profitiert. Ihre Gruppe landete diesmal leider „nur“ auf Platz 4.

Russisch-bayerische Gemütlichkeit im Max Bräu

Die Frauengruppen haben zum Teil sehr witzige Namen, unter denen sie antreten wie „Mutterschaft ist nicht alles“, „Die bessere Rippe Adams“, „Rüschi-Plüschi“, „Ohne Wäsche“, „Die Frigiden“ (Wortspiel im Russischen mit: „Die Spiegeleier“) und viele andere. – Ein sehr vergnüglicher Abend!

Künstlern in Susdal über die Schulter geschaut

Es gäbe noch viel zu erzählen. Etwa von den Ausflügen nach Bogoljubowo, nach Jurjewez, von der Bootsfahrt auf der Wolga, vom Besuch im Filzstiefelmuseum in Kinesсhma mit den größten Filzstiefeln der Welt, vom Auflug in die wunderschöne kleine Museumsstadt Susdal und von den Abschlußtagen in Moskau. Über vieles davon wurde schon im Blog berichtet. So beschränke ich mich auf meine Erlebnisse in Wladimir.

Mariä Schutz und Fürbitt am Nerl

Ich bedanke mich bei allen, die diese Reise zu einer ganz besonderen gemacht haben: Irina Dolganowa, Anna Lesnjak, Irina Chasowa und Peter Steger, der mir die Tür dazu geöffnet hat.

Hanns Jasse


Der „Blog-Redakteur“, (wie Peter Steger in diesem Blog gelegentlich auf sich selbst Bezug nimmt), hat neben vielen positiven auch eine negative Eigenschaft, nämlich eine über das verträgliche Maß hinausgehende Bescheidenheit. Daß hinter dem täglichen Blog viel mehr steckt, als das Schreiben eines Textes und die Suche nach passenden Bildern, ist dem aufmerksamen Leser allerdings offensichtlich. Profunde Allgemeinkenntnis, ausgedehnte Recherchen (die man bei so manchem Profi der schreibenden Zunft vermißt), Reisen fast bis ans „Ende der Welt“, körperliche Fitness, wache Augen und Ohren, Interesse für alles und jeden, der oder das mit Rußland oder Wladimir zu tun hat, nicht zuletzt die Bereitschaft, Geld einzusetzen, das sind nur die vordergründigen Eigenschaften, die es braucht, um seit mehr als 1.000.000 Klicks täglich und pünktlich zum Frühstück Qualität zu liefern.

Viel wichtiger als all dies aber sind ein weites Herz, ein kritisches Hirn und offene Hände, Antennen also, um all das zu empfangen, was die Städtepartnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen seit 35 Jahren bietet. Und diese drei, überall grundlegenden Zutaten, nämlich Herz, Hirn und Hand, die hat Peter Steger im Überfluß und setzt sie zum Wohle der ihm anvertrauten Städtepartnerschaften ein, neben Wladimir sind das noch Jena, Cumiana, Stoke-on-Trent, Riverside, Bozen, Umhausen und die Patenschaften für die Heimatvertriebenen aus Brüx und Komotau.

Jürgen Ganzmann, Alina Kartuchina, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Julia Obertreis und Wolfgang Schneck

Als tägliche Leserin des Blogs, als gelegentliche Autorin und vor allem als Teil der Erlanger Stadtspitze seit mehr als 15 Jahren weiß ich: Es braucht für das Gelingen von Städtepartnerschaften immer (mindestens) drei Beteiligte: 1. eine Stadtspitze, die hinter den Partnerschaften steht und diese (gemeinsam mit dem Stadtrat) mit 2. ausreichend Personal ausstattet und 3. eine Bürgerschaft, die die Partnerschaft mit Leben füllt.

All dies ist in Erlangen gegeben, die Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis und Florian Janik standen und stehen dazu, daß sich im Sachgebiet „Internationale Beziehungen“ drei Mitarbeiter mit zweieinhalb Stellen darum kümmern, die Städtepartnerschaften eben nicht nur auf dem Schild am Ortseingang stehen zu lassen. (Anm. d. Redaktion: Gegeben sind glücklicherweise auch eine Konstellation und Kondition der Amts- und Sachgebietsleitung sowie des ganzen Teams – Helmut Schmitt, Herbert Lerche, Sabine Lotter und Silvia Klein sind da zu nennen -, die kreatives Arbeiten befördern, in Verwaltungen angeblich nicht gottgegeben.)

Peter Steger aber hat noch eines drauf gelegt und neben der Organisation von Reisen, offiziellen Terminen, Austauschprogrammen, Festakten, Jubiläen, Firmenkontakten und vielem mehr vor zehn Jahren begonnen, diesen Blog zu schreiben, nicht ahnend, wie sehr dieser nicht nur eine engmaschige Chronik, sondern auch ein wertvolles Archiv werden würde.

Im heißen Juli 2018, vor wenigen Wochen, als wieder einmal eine Delegation aus Wladimir in Erlangen weilte, erwähnte ich in meinem Redebeitrag vor den Gästen zum wiederholten Mal voller Dankbarkeit und Bewunderung den Blog. Ich sagte sinngemäß: „Gäbe es einen Nobelpreis für Blogs, Peter Stegers Blog hätte ihn als erster verdient.“ Und so war meine Freude riesengroß, als kurz darauf das Deutsch-Russische Forum unter dem Vorsitz von Matthias Platzeck diesen Blog und das Gesprächsforum „Prisma“ für einen Preis vorschlugen, der am vergangenen Wochenende von den Außenministern beider Länder, Sergej Lawrow und Heiko Maas, persönlich in Berlin überreicht wurde.

Diese hohe Anerkennung für Peter Steger adelt seinen Blog und, lieber Peter, um den Kreis zu schließen: Bei aller geziemender Bescheidenheit: Akzeptiere einfach, daß Du wegen hoher Verdienste zurecht mit der Ehrenbürgerwürde von Wladimir ausgezeichnet wurdest, daß es seinen Grund hat, wenn Du in Wladimir bekannt bist, wie der berühmte bunte Hund, vor allem aber, wenn Wladimir von der Verwaltungsspitze über unzählige Schulen, Unternehmen, Vereine, Organisationen, Veteranenverbände und Friedensinitiativen Dir eine tiefe Wertschätzung und Verbundenheit zeigen, von der Du Dir jedes Jota verdient hast!

Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Anmerkung der Redaktion: Die Erlanger Nachrichten berichten heute ausführlich zum Thema, und auf der Homepage http://www.deutsch-russisches-forum.de sind Pressestimmen aus ganz Deutschland zu der Veranstaltung vom Freitag zu finden, erfreulicherweise auch mit Links zu der Berichterstattung des Blogs: https://is.gd/LsTUfF


Bei der Tagung zum Ausklang des „Deutsch-Russischen Jahrs der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“ am Freitag im Außenministerium zu Berlin gingen nicht nur, wie berichtet, Auszeichnungen an 30 Projekte der unterschiedlichsten Projekte der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern, sondern es erschien auch eine Broschüre mit dem Titel „Städte, Regionen und Initiativen“ mit weiteren deutschen Bewerbungen anläßlich der Ausschreibung für herausragende Partnerschaftsarbeit. Wie dem Vorwort von Martin Hoffmann, geschäftsführender Vorstand des Deutsch-Russischen Forums, zu entnehmen, „entfaltet dieser Band vor den Lesern einen eindrucksvollen Teppich deutsch-russischer Partnerschaft, geknüpft mit den vielfältigen Qualitäten gesellschaftlicher Diplomatie unserer Länder. Er beinhaltet eine sehr konkrete Erfolgsgeschichte, die viel zu selten durch positive Meldungen, Artikel oder Filmberichte in den Medien gewürdigt wird.“ Wer, vor allem von den Ehrenamtlichen, wollte dem widersprechen!

Broschüre drf

Und so findet man in dieser, mit Zuschüssen des Auswärtigen Amtes geförderten Publikation bebilderte Kurzdarstellungen von Anträgen, die es kaum minder als die 30 ausgewählten verdient hätten, ausgezeichnet zu werden. Darunter auch der Jugendaustausch zwischen Erlangen und Wladimir unter Beteiligung des orthodoxen Erzbistums und der Universität, die Geschichte der deutsch-russischen Raumfahrt aus Sicht des Paares Höchstadt-Krasnogorsk, die deutsch-russische Gruppe der Eurowerkstatt Jena oder die alljährige Hilfsaktion des Partnerschaftsvereins in Rothenburg o.d.T. für Susdal. Ein wahres Kompendium von zivilgesellschaftlichen Kooperationen auch jenseits der offiziellen 105 Städtepartnerschaften, Brücken der Verständigung, von denen es gar nicht genug gibt – und deren es doch durchaus mehr gibt als man gemeinhin zu wissen glaubt. Ebenso ermutigend wie notwendig in Zeiten wie diesen.


Irina, meine „Gastmutter“

Treppenhäuser in russischen Mietshäusern sind oft nicht sehr einladend: dunkel, Stolperstufen, Beton, keine Bilder, häufig muffig; die Eingangstüren in die Wohnungen aus doppeltem Stahl, Farbe abgeblättert, immer mit zwei Sicherheitsschlössern versehen.

Mein Gastzimmer

Doch kaum betrete ich die Drei-Zimmerwohnung mit Balkon, umfängt mich Gemütlichkeit. Die meisten Wohnungen sind zwar klein und beengt, aber liebevoll eingerichtet. So auch die von Irina Dolganowa. Sie wohnt dort mit ihrem 18jährigen Sohn Nikita, den ich fast nie zu Gesicht bekomme, weil er stets in einem Restaurant in Küche und Service arbeitet oder mit Freunden unterwegs ist. Was soll er auch machen? Schließlich hat er sein Zimmer für zwei Wochen an den fremden deutschen Typen abgetreten, der in Wladimir Russisch lernen möchte, also an mich. Er schläft im geräumigen Zimmer seines 8jährigen Bruders Matwej. Dieser wiederum kuschelt sich nachts zu seiner Mutter ins große Bett. Die Wohnung platzt aus allen Nähten. Alles ist übervoll. Auf dem Balkon hängt die Wäsche. Aus allen Vitrinen und Regalen schauen mich Nilpferde an, Irinas Lieblingstier, in allen Größen, Formen und Materialien, ganz zu schweigen von den vielen weiteren Kuscheltieren des kleinen Matwej.

Irinas Nilpferde

Ich befinde mich plötzlich in einer  typischen russischen Familie mit einer typisch russischen Wohnung, genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Und obwohl ich mit Irina nur Übernachtung und Frühstück vereinbart hatte, wird daraus eine fürsorgliche Vollversorgung. Sobald ich nach Hause komme, verwöhnt sie mich mit den leckersten Dingen. Es gibt Borschtsch, Bliny (Pfannküchlein) mit Smetana (saure Sahne), Marmelade oder Fleisch, Pelmeni (Teigtaschen), geräucherten Wels (natürlich mit viel Bier oder auch Wodka), Kascha  (Buchweizenbrei) oder Müsli zum Frühstück und – zu jeder Tageszeit – Konfety (russisches Konfekt), Waffeln oder Kekse mit Tschai (Tee) oder Kaffee.  Ich lerne die russische Küche gründlich kennen.

Wkusno, lecker!

Irina ist selbständige Deutschlehrerin, Übersetzerin (Deutsch und Englisch), Dolmetscherin und Begleiterin von ausländischen Touristengruppen. So hat sie ständig zwei Mobiltelephone bei sich, um ihre Unterrichtsstunden zu organisieren, mit Reiseagenturen, Firmen oder der russischen Handelskammer zu sprechen. Da sie so ausgezeichnet Deutsch beherrscht, können wir uns wunderbar über viele Themen, über ihre Erfahrungen in Deutschland und die Situation vor Ort unterhalten. Das bereichert uns beide.

Irina Dolganowa und Matwej in Wjatkino

Als Selbständige und alleinerziehende Mutter ist es nicht einfach, für die steigenden Lebenshaltungskosten aufzukommen und für die Versorgung und Ausbildung ihrer beiden Söhne zu sorgen. Sie tut es mit vollem Einsatz und ist dabei sehr liebevoll.

Verkehr in Wladimir

Die Wohnung befindet sich in der Nähe der Bushaltestelle „Wladimirskij Gosudarstwennyj Universitet“, ein Zungenbrecher, den ich mir nur mit Mühe merken kann. Er bedeutet Staatliche Universität von Wladimir. Da ist das Bild der Haltestelle auf dem Smartphone hilfreich, das ich den Passagieren oder auch der „Konduktor“, der Schaffnerin, zeigen kann.

Ich fahre ich mit dem Trolleybus 8 oder der Marschrutka 5 in 25 Minuten zum Unterricht. Marschrutki sind privat betriebene kleinere Busse, die eine feste Linie in der Stadt bedienen. Der Fahrschein kostet 20 oder 21 Rubel (= 30 Eurocent).

Hin und wieder sehe ich Busse mit deutscher Reklameaufschrift aus bayerischen Städten. Diese verdankt Wladimir wohl der Partnerschaft mit Erlangen, denn einige Busse sind ja tatsächlich an die Stadt vermittelt worden

Übrigens ist es äußerst wichtig, auf die sechsstellige Nummer des Busfahrscheins zu schauen, bevor man ihn wegwirft. Ergeben nämlich die ersten drei auf dem Schein abgedruckten Ziffern die gleiche Summe wie die letzten drei, dann sollte man den Fahrschein zerkauen und runterschlucken. Das bringt Glück! Ja, Russen sind sehr abergläubisch. Einer Freundin ist das mit den Zahlen an einem Tag ein paar Mal passiert. Und? Hatte sie Glück? Nein, dafür aber leichte Bauchschmerzen.

Die Straßen in Wladimir sind, wie in vielen anderen Städten, breit, oft vierspurig. Es ist lebensgefährlich, einfach über die Straße zu rennen, um den Bus noch zu bekommen. Dafür gibt es Unterführungen. Autos und Motorräder sind meist mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs, und Fußgänger gelten nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Andererseits habe ich oft an Zebrastreifen erlebt, wie Autofahrer anhalten, sobald man den Fuß auf die Straße setzt. Vorbildlich!

Anna, meine Lehrerin

So komme ich täglich zwei Wochen lang zu meiner Russischlehrerin, Anna Lesnjak, am ersten Tag natürlich fürsorglich begleitet von Irina, damit ich die Strecke kennenlerne und ja nicht verloren gehe…

Anna Lesnjak und Hanns Jasse

Anna Lesnjak ist eine nette junge Frau und Deutschlehrerin der Kindergruppe im Erlangen-Haus. Dazu hat sie ein Zertifikat zum Russischunterricht für Ausländer. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem Hochhaus mit einem phantastischen Blick über das grüne Wladimir, auf die weiter entlegenen Vorstädte und die Mäander der Kljasma, die (leider nicht zum Baden geeignet), von Nordwest aus der Region Moskau kommt und später in die Oka, einen Zustrom der Wolga, mündet.

Anna hat den Unterricht mit mir vorzüglich vorbereitet. Den Einstufungstest finde ich schwierig, aber mit ihrer Hilfe kämpfe ich mich durch. So hat sie einen Eindruck, wo ich nach zwei Monaten Unterricht in Deutschland (einmal die Woche) stehe: sehr am Anfang. Aber das sollte sich ändern.

Annas Unterricht war sehr strukturiert, und sie hat mich mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen weitergebracht: Am Ende meines Urlaubs komme ich vier Tage allein in Moskau gut zurecht, kaufe Tickets, gehe Einkaufen, frage nach dem Weg. Ich kann schon kleine Dialoge führen. Ein guter Erfolg!

Umgestaltung des Theaterplatzes

Nach dem Unterricht gehen wir in die Stadt. Anna ist stolz, mir ihre Heimat zu zeigen. Und Wladimir ist nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch eine der bedeutungsvollsten für die russische Geschichte. Die Stadt wurde im Jahr 990 erstmals urkundlich erwähnt. Ihre Gründung wird dem Kiewer Fürsten Wladimir Swjatoslawowitsch zugeschrieben. Ihre Bedeutung liegt darin, daß hier einer der Begründer des Altrussischen Reiches, der Rus, lebte und regierte, nämlich Großfürst Andrej Bogoljubskij. Ein Besuch im acht Kilometer entfernten Bogoljubowo (von Gott geliebt) lohnt sich.

Wladimir wurde Mitte des 12. Jahrhunderts, als Kiew seine dominierende Stellung in der Rus verloren hatte, zum Zentrum von Staat und Kultur. Es entstanden bedeutende Bauten, Befestigungsanlagen, Klöster und Kirchen. Hier war der Ort, an dem die russisch-orthodoxe Kirche ihren Patriarchensitz hatte, von hier aus entwickelte sich der Kern des großrussischen Reiches unter Vereinigung der Fürstentümer.

Anna Lesnjak und Hanns Jasse vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Anna zeigt mir das Goldene Tor mit den Wallanlagen. Sie umgaben früher die gesamte Stadt auf fast sieben Kilometer Länge. Leider konnten nicht einmal sie dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert standhalten. Wladimir wurde erobert und erlebte bald darauf seinen Niedergang. Wir sehen die stattliche Mariä-Entschlafens-Kathedrale (1158-1160), davor das Denkmal des berühmten Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360?-1430), das Schauspielhaus mit dem Backsteinbau der Dreifaltigkeitskirche (jetzt Museum für Lackarbeiten, Kristallglas und Stickerei), das Lebkuchenhaus, das Löffelmuseum, den Wasserturm, die Schmiede und das neue Symbol für Wladimir: das Denkmal für die Kirschen.

Andrej Rubljow

Und, aktuell zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018, das Maskottchen, Sobaka Sabiwaka, der Hund, der immer das Tor trifft.

Besuch im Erlangen-Haus (Erlangenskij Dom)

Anna hat mit Irina Chasowa, der Direktorin des Erlangen-Hauses, einen Termin gemacht. Ich bin gespannt auf das Haus, von dem ich so viel gelesen und gehört hatte. Es ist wirklich eine wunderbare Villa mit Garten.

Das Erlangen-Haus

Irina Chasova empfängt mich und Elina, eine Schülerin von Anna, und zeigt uns bereitwillig und mit Freude die Räumlichkeiten. Es ist ein sehr gut eingerichtetes Haus. In letzter Zeit sind einige Möbel dazugekommen. Die Lehrmaterialien sind dank der engen Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Moskau auf dem neuesten Stand. Wir können uns vorstellen, daß es Spaß macht, an diesem Ort Deutsch zu lernen.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Zur Zeit meines Besuchs waren leider Ferien, weshalb ich den Unterrichtsbetrieb nicht mitbekam und die Lehrerinnen nicht kennenlernen konnte. Aber Irina schildert ihre Arbeit so lebendig und voll Begeisterung, daß wir einen guten Eindruck davon bekommen. Und ich bedanke mich bei Irina für die Vermittlung einer so guten Russischlehrerin wie Anna Lesnjak.

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

 

 

 


Es wurde ja bereits angekündigt: Zum Ausklang des „Deutsch-Russischen Jahrs der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“ sollte es mit der Auszeichnung herausragender Projekte im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern eine Anerkennung für ehrenamtliches Engagement geben. Preisträger der Blog, den Sie gerade lesen, und das Gesprächsforum „Prisma“, das Sie aus der Lektüre des Blog bereits kennen.

Sergej Lawrow, Alina Kartuchina, Elisabeth Preuß und Heiko Maas

Mehr als 250 Projekte hatten sich beim Deutsch-Russischen Forum, dem für die Organisation und Durchführung der Veranstaltung nicht genug gedankt werden kann, um die Urkunde beworben, die gestern im Außenministerium zu Berlin Heiko Maas und Sergej Lawrow am späteren Nachmittag an die 30 von der Jury ausgewählten Partnerschaftspaare überreichten. Einzig Erlangen und Wladimir wurden dabei mit einer doppelten Urkunde ausgezeichnet.

Im Wimmelbild der Ausgezeichneten: Alina Kartuchina und Elisabeth Preuß

Für Erlangen nahm Bürgermeisterin Elisabeth Preuß die Auszeichnung entgegen, selbst häufig mit eigenen Beiträgen im Blog vertreten und regelmäßige Leserin der Plattform, aus Wladimir war zu der Zeremonie Alina Kartuchina angereist, die selbst Ende Januar d.J. als Jugendvertreterin an dem Diskussionsforum „Prisma“ teilgenommen hatte und die Partnerschaft schon vom Schüleraustausch her bestens kennt. Eine gute Wahl also, eine gute Vertretung für Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, die ihren Besuch kurzfristig hatte absagen müssen, weil das Ergebnis der Gouverneurswahlen vom vergangenen Sonntag eine Stichwahl am übernächsten Sonntag notwendig macht und somit Präsenzpflicht für alle Kommunalpolitiker gilt.

Die Partnerschaftsdelegation: Jürgen Ganzmann, Alina Kartuchina, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Julia Obertreis und Wolfgang Schneck

Mit dabei aber auch die Historikerin, Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neue und Neueste Geschichte an der FAU und Sprecherin von Prisma deutscherseits, sowie Jürgen Ganzmann, seit 1999 mit seinen Projekten im Bereich Behindertenarbeit und Psychiatrie einer der großen Akteure der Partnerschaft.

Alina Kartuchina und Peter Steger

Warum nun die Auszeichnung für den Blog? Unter den mittlerweile offiziell geführten 105 deutsch-russischen Städtepartnerschaften ist er wohl das einzige Medium, das seit nunmehr zehn Jahren Tag für Tag über den Austausch berichtet und dabei bereits deutlich über eine Million Aufrufe zu verzeichnen hat. Mehr noch: Den aktuell 3.860 Einträgen stehen 1.172 Kommentare gegenüber, die – all die Gastbeiträge gar nicht berücksichtigt – beweisen, welch ein interaktives Leben diese Internetplattform führt. Es ist also eine Auszeichnung nicht nur für den ehrenamtlichen Betreiber des Blogs, sondern vor allem auch für Sie alle, die jetzt gerade diese Zeilen lesen. Ohne Ihre Rückmeldungen, Kommentare, Ermunterungen, kritische Anmerkungen und eigenen Beiträge wäre der Blog längst wieder eingestellt. Danke also an Sie alle!

Großer Saal, voller Saal im Außenministerium zu Berlin

Vor dem Preis floß dann aber auch der Schweiß. In vier Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Teilnehmer mit Themen wie Strategien für eine Verbesserung der Lebensqualität in den Kommunen und Regionen, Zivilgesellschaft und Ihre Gestaltungskraft für Städtepartnerschaften oder Projekte der Zusammenarbeit im sozialen Bereich.

Volle Arbeitsgruppen

Zu einem weiteren Arbeitskreis war eigens Konrad Wölfel, im Erlanger Amt für Umweltschutz und Energiefragen zuständig für Klimaschutz und Energieberatung, angereist – und traf auf Sergej Siwajew, in den 90er Jahren Vizebürgermeister von Wladimir, mittlerweile als Professor für Urbanistik in Moskau und seit kurzem auch als Fachgebietsleiter bei Rostelecom tätig. Die beiden fanden auf Anhieb zueinander – und schon zeichnet sich ein neues Projekt ab.

Sergej Siwajew und Konrad Wölfel

Sergej Siwajew berät nämlich russische Kommunen dabei, effizienter mit Energie umzugehen. Dabei soll auch das deutsche Modell helfen, wonach – wie in Erlangen – städtische oder staatliche Einrichtungen in Fragen wie Strom und Heizung von einem eigenen Gebäudemanagement betreut werden. In russischen Städten und Gemeinden zeichnet dafür noch immer die Schulleitung oder die Direktion des Krankenhauses verantwortlich – und ist damit häufig überfordert.

Sergej Siwajew und Elisabeth Preuß

Dies soll sich nun ändern, und so darf man also mit einer baldigen Annahme der Einladung nach Erlangen rechnen, ausgesprochen an Sergej Siwajew natürlich auch von Elisabeth Preuß. Am Rande der Begegnungen dann ein weiteres Projekt, an dem Erlangens Bürgermeisterin beteiligt sein wird: Anfang November, wenn sie ohnehin zum nächsten Treffen von Prisma nach Wladimir kommt, nimmt sie in der Partnerstadt an einer Konferenz zu Fragen der kommunalen Selbstverwaltung teil, organisiert von Emil Markwart, Professor an der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung in Moskau. Man ruht sich ja nicht auf den Lorbeeren der Partnerschaft aus…

Jurij Katz aus Wladimir

Wie weit diese Partnerschaft über Erlangen hinaus wirkt, sieht man etwa an obigem Bild, das, rechts stehend, Jurij Katz zeigt, den Gründer der Selbsthilfeorganisation Swet, hier bei einer Konferenz mit dem Verein „Gemeinnützige Werkstätten Oldenburg – Dagestan“, wo der Vorreiter einer russischen „Lebenshilfe“ gerade auch seine in Franken gesammelten Erfahrungen vermitteln kann.

Gabriele Krone-Schmalz und Jürgen Ganzmann

Unterdessen ging Jürgen Ganzmann, Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, auf Autogrammjagd. Gabriele Krone-Schmalz hatte 2001 den Vorsitz bei der Jury, die den „Preis für bürgerschaftliches Engagement“ in vier Kategorien an die Partnerschaft Erlangen-Wladimir vergab, darunter an das Projekt „Lichtblick“ von Jürgen Ganzmann, der dann im Jahr 2002 den 1. Preis zusammen mit Fritz Wittmann, Brüne Soltau und Peter Steger aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau entgegennehmen konnte. Da kommen Erinnerungen hoch.

Jürgen Ganzmann und Sergej Lawrow

Aber es geht ja weiter, wie beide Außenminister, die sich vertraut beim Vornamen nennen, es sich wünschen. Gerade in politisch schwierigen Zeiten. Die Zivilgesellschaft ist da gefordert wie nie zuvor, aber sie wird auch gefördert. Das Außenministerium stellt als Gastgeber Millionen für die Förderung des Austausches zur Verfügung, die Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften, das Deutsch-Russische Forum – sie alle unterstützen Initiativen und Projekte des Miteinanders.

Nikolaj Kaplenko und Konrad Krebs

Und schließlich gibt es da auch noch die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, der etwa auch die Arbeit der Eurowerkstatt in Jena unterstützt, von wo Konrad Krebs mit Nikolaj Kaplenko aus Wladimir zur Konferenz kam, auch wenn ihr Projekt dieses Mal keine Auszeichnung erhielt. Aber auch da geht die Verständigungsarbeit weiter.

Jürgen Ganzmann und Peter Steger

Dennoch: Es könnte noch viel getan werden für das deutsch-russische Miteinander. In der gemeinsamen Erklärung der Veranstaltung  fordern die Veranstalter deshalb auch neben Erleichterungen bei der Erteilung von Visa und Verbesserungen bei den Bedingungen für Praktika und Hospitationen Unterstützung bei der Gründung eines deutsch-russischen Koordinationsrates der Partnerstädte.

Jürgen Ganzmann und Peter Steger

Vor allem aber: Es kann und darf nicht bei den etwa einhundert kommunalen Partnerschaften bleiben, die in keinem Verhältnis zu den 2.200 deutsch-französischen Verbindungen stehen. Immerhin liierten sich während der Tagung drei neue deutsch-russische Paare – Greifswald & Wyborg, Schwedt & Tuapse siwie Lahr & Swenigorod -, und 2019 soll dann das Deutsch-Russische Jahr der Wissenschaften ausgerufen werden. Es geht also weiter – schon Ende September mit dem deutsch-russischen Jugendforum in Hamburg, an dem Gruppen aus Jena und Wladimir teilnehmen…

Auszeichnung 16

Doch, weil’s so schön war, hier noch einmal das Gruppenbild.


In meinem Leben hatte ich bisher schon dreimal die Gelegenheit die Sowjetunion und die Russische Föderation zu bereisen.  So erinnere ich mich gern an die abenteuerliche Fahrt auf der Transsibirischen Eisenbahn 1976 von Berlin über Moskau, Irkutsk, Chabarowsk über Nachodka nach Japan. Gute Erinnerung habe ich auch an Seminare der Friedrich-Ebert-Stiftung 2003 in Kaluga und Moskau, wo ich interessierten russischen Trägern das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und den Zivildienst in Deutschland vorstellte, und schließlich an die 1.300 Kilometer lange, wundervolle Kreuzfahrt 2014 mit meiner Frau von Moskau nach Sankt Petersburg über das Wolga-Ostsee-Kanalsystem via Onega- und Ladogasee und die Newa bis zu den Schönheiten von Sankt Petersburg.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Land und Leute begeisterten mich so sehr, daß ich Lust bekam, mir die russische Kultur über das Erlernen der Sprache zu erschließen. Aber wo? Als angegrauter Pensionär hatte ich keine Lust, an einem der vielen Studenten-Gruppenkurse in den großen Städten teilzunehmen. Das war mir zu viel Party und zu wenig effektiv. Also ein individueller Kurs in einer kleineren Stadt. Der Goldene Ring lockte mich sehr. Da stieß ich auf den Blog von Peter Steger, der die erfolgreiche Partnerschaft zwischen Erlangen und Vladimir so lebendig beschreibt. Über ihn erhielt ich Kontakt zum Erlangen-Haus und seiner Direktorin, Irina Chasowa. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es folgte eine erlebnisreiche Reise im Juli und August.

Bonn –  Berlin – Moskau – Sergiev Possad – Wladimir

Das war die Reiseroute. Es empfiehlt sich für Wladimir-Reisende, die Anfahrt über Sergijew Possad zu machen. Vom Flughafen mit dem Aeroexpress (bei mir war es von Scheremetjewo zum Bahnhof Belorusskij) und dann mit der Metrolinie 5 zur Station Komsomolskaja. Von dort 500 m zu Fuß zum Jaroslawsker Bahnhof (Startbahnhof nach Sergijew Possad). In nicht einmal eineinhalb Stunden ist man mit dem Vorortzug am Ziel. Dort bietet sich einem dieser atemberaubende Anblick.

Sergijew Possad

Sergijew Possad ist das spirituelle Zentrum und seit 1946 Hauptsitz der russisch-orthodoxen Kirche. Die Klosteranlage, der Dreifaltigkeit des Heiligen Sergij geweiht, ist von einer 1.300 m langen Mauer umschlossen. Das Kloster wurde im 14. Jahrhundert vom Heiligen Sergij von Radonesch gegründet. In der 1423 errichteten Dreifaltigkeitskirche liegt das Grabmal des Eremiten. Die Ikonostase ist ausgestaltet von dem berühmtesten aller Ikonenmaler, Andrej Rubljow, der auch in Wladimir wirkte.

Die Dreifaltigkeitskirche, im Vordergrund Touristen und Pilger an der Heiligen Quelle

In den vielen Kirchen der Klosteranlage tummeln sich Touristen aus aller Welt und Pilger, die das Wasser der Heiligen Quelle trinken, es abfüllen oder darin baden. Die Lawra, ein russisches Kloster des allerhöchsten Rangs, beherbergt viele Kapellen und Kirchen, ein Priesterseminar, Zarengemächer, das Grabmal des Zaren Boris Godunow, die Residenz des orthodoxen Patriarchen und wird von einem 80 Meter hohen Turm, überragt, der weithin sichtbar ist. Wegen der vielen Besucher gibt es Restaurants und Läden mit Devotionalien, Kitsch und edlem Schmuck. Ein einziger Bazar!

Mariä-Entschlafens-Jathedrale (1559-85, erbaut von Iwan IV, dem Schrecklichen)

Sogar der russische Präsident, Wladimir Putin, mit seinem chinesischen Kollegen Xi zeigt sich im Klosterladen in einem Meer von Schmuck und nachempfundenen Fabergé-Eiern.

Sergijew Possad, in der Sowjetzeit Sagorsk genannt, ist eine Stadt von 100.000 Einwohnern in einer hügeligen Landschaft, berühmt für die Matrjoschkas. Seit 1904 werden sie hier massenhaft produziert. Im Spielzeugmuseum kann man die Entwicklung der Puppen anhand vieler verschiedener Modelle verfolgen.

Historisches Museum in Sergijew Possad

Für den Besuch der Klosterstadt empfiehlt sich als Unterkunft das Hotel Aristokrat (über http://www.hotels.com unbedingt das Turmzimmer buchen mit Blick auf die Lawra, Kosten: ca. 60 Euro für zwei Nächte).

Dort lernte ich den jungen Priester Kirill aus Wladimir mit seiner Frau Lidia und ihrer sechsjährigen Tochter kennen. (Geistliche dürfen heiraten, das Zölibat gilt nur für Mönchspriester.) Er hatte eine Pilgerfahrt organisiert, und so konnte ich mit Dmitrij, dem Taxifahrer der Gemeinde, und zwei russischen Pilgerinnen über Alexandrow mit dem Besuch eines weiteren Klosters nach Wladimir fahren.  Meine kärglichen Russischkenntnisse wurden dabei auf eine erste Probe gestellt.

Alexandrow

Nach vier Stunden endlich am Ziel, in Wladimir. Was würde mich hier erwarten? Dmitrij brachte mich genau vor die Tür meiner Gastgeberin, Irina Dolganowa. Sie begrüßte mich mit „Dobro poschalowat! Herzlich willkommen!“

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

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