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Es soll ja in Erlangen noch immer den einen oder anderen geben, der noch nie in Rothenburg war. All denen haben die unternehmungslustigen Studentinnen aus Wladimir, Polina Foliforowa und Jekaterina Ragusina, etwas voraus. Sie setzen sich – mir nichts, dir nichts – am letzten Wochenende in die vielen leeren Züge und genossen einen Tag im fränkischen Susdal – ohne das sonst dort übliche Geschiebe und Gedränge von Touristenmassen.

Polina Foliforowa und Jekaterina Ragusina

Und, jetzt kommt’s, die beiden drehten ihr mittlerweile zweites Video für TV Мы – frisch, fröhlich und erstmals mit deutschen Untertiteln. Also anklicken und ab nach Rothenburg. Gute Reise!


Das Erlangen-Haus in Wladimir, immer wieder das Erlangen-Haus als Drehscheibe, Kopfbahnhof und Heimathafen der Partnerschaft. Oder, wie vor 25 Jahren bei der Einweihung der Regionalbeauftragte der Deutschen Botschaft Moskau, Frank Hoffer, im Interview mit Axel Mölkner meinte, „in diesem Sinne sicher ein Vorbild für viele andere.“

Damals, vor einem Vierteljahrhundert, mit dabei auch Hans Zahn, der den Besuch in Wladimir nutzte, um als Gast seines Künstlerfreunds, Pjotr Dik, verschiedene Arbeiten vor allem in Susdal zu schaffen. Darunter auch ein Aquarell des Erlangen-Hauses, das er der Stadt Erlangen schenkte.

Hans Zahn: Erlangen-Haus 1995

Und dann, fünf Jahre später, reiste er wieder mit in die Partnerstadt und machte dort erneut eine Skizze vom Erlangen-Haus. Das daraus entstandene Aquarell stellte er auf den Tag genau vor zwanzig Jahren, am 27. Mai 2000, fertig.

Hans Zahn: Erlangen-Haus 2000

Mehr zu Hans Zahn, der am 1. Januar 2019 verstarb, unter diesem Link: https://is.gd/SO9O0J


Die Internetplattform Pro Wladimir veröffentlichte dieser Tage den Bericht einer Arina genannten Ärztin, die mit ihrer Familie eine Corona-Infektion überlebte. Ihre Krankengeschichte erschien der Blog-Redaktion lesenswert genug, um sie zu übersetzen und stellvertretend für viele COVID-19-Patienten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen:

Ungeachtet der steigenden Corona-Infektionen kennt fast jeder in Wladimir jemanden, den man als COVID-19-Dissidenten bezeichnen könnte, der davon fabuliert, es handle sich um Fehldiagnosen, weshalb gar keine Gefahr bestehe. Anderen flößen die offiziellen Verlautbarungen und Mitteilungen in den Medien panischen Schrecken ein, der dazu zwingt, in Abgeschlossenheit zu leben und nur ganz selten Freigang zu nehmen, um Graupen, Klopapier und Schutzmasken zu kaufen. Tatsache ist freilich, daß weder die einen noch die anderen gegen den Virus gefeit sind. Letztendlich ist das niemand.

Arina ist Ärztin an einem städtischen Krankenhaus. Ihr und ihren Angehörigen stellte man die Diagnose „COVID-Lungenentzündung“, was für mehrere Wochen spürbare Veränderungen im Familienleben mit sich brachte. Jetzt, wo sie die Krankheit bereits überwunden hat, berichtete Arina dem Internetportal Pro Wladimir von den Symptomen und Ängsten in Zusammenhang mit der Corona-Infektion sowie von der Reaktion des Freundeskreises auf die Diagnose und von dem Geld, das für die Behandlung aufzuwenden war.

Ob ich darüber nachgedacht habe, daß diese Krankheit auch mich und meine Angehörigen treffen könnte? Meine Antwort lautet: Ja! Ich bemühte mich deshalb, so gut wie möglich Vorsorge zu treffen, mich und die Familienmitglieder und natürlich die Eltern zu schützen.

Am 26 April erkrankte ich, am 28 April erkrankte mein Mann, und am 30. April erkrankten meine Eltern. Ein wenig später steckten sich die Kinder an, eins nach dem andern – mit Fieber bis zu 38 Grad, wobei sie aktiv blieben. Die ältere Tochter klagte über unerträgliche Kopfschmerzen, die dann wieder spurlos vergingen.

Unser verhängnisvoller Fehler bestand darin, daß wir uns mit den Eltern trafen. Wir sehnten uns einfach in der Selbstisolation nacheinander. Und mit Blick auf unser aller „Gesundheit“ verbrachten wir am 24. April einen Tag gemeinsam auf der Datscha. Auf dem Weg machten wir noch Besorgungen im Einkaufszentrum, unserem möglichen Ansteckungsort.

Mir war klar, daß man sich die Infektion ohne weiteres im öffentlichen Raum holen konnte, weshalb wir stets die Mittel für den individuellen Schutz mit uns führten. Auf der Arbeit, beim Einkaufen oder Tanken, wo auch immer. In Geschäfte ging ich ausgesprochen selten, diese Seite deckte vorübergehend mein Mann ab. Übrigens erkrankte niemand auf der Arbeit nach dem Kontakt mit ihm und mir, was bedeuten kann, daß die Inkubationszeit recht kurz sein könnte, vielleicht nur ein paar Tage.

Wir werden nicht oft krank. Ich dachte zunächst, es sei eine Erkältung, eingefangen auf der Datscha. Der Wind hatte kräftig geweht, und ich hatte mit kaltem Wasser gearbeitet. Erst als ich am zweiten Tag den Geruchssinn verlor, ohne daß die Nase verstopft gewesen wäre, wurde ich unruhig.

Begonnen hatte alles in der Nacht von Sonntag auf Montag. Der Kopf tat furchtbar weh, ich bekam 38,6 Grad Fieber. Dank Paracetamol gelang es rasch, die Temperatur wieder auf 37,8 Grad zu senken, und die ersten drei Tage fühlte ich mich damit auch recht munter. Als aber am Abend des 28. Aprils mein Mann 39.2 Grad Fieber bekam, das zwei Tage lang nicht sinken wollte, bestand für mich kein Zweifel mehr daran, daß der Virus unsere Familie befallen hatte.

Am ersten Tag hatte ich noch mein Geschmacksempfinden, doch am nächsten Tag war es schon vollkommen weg. Es ist natürlich verwirrend, nichts mehr zu schmecken und zu riechen. Doch dieser Virus zeichnet sich dadurch aus, daß die Schwäche so übermächtig ist, daß man den Verlust dieses Sinns während der akuten Phase gar nicht als störend empfindet. Am Donnerstagmorgen schaffte ich es nicht mehr, aus dem Bett zu kommen: Schwäche, unerträgliche Gelenk- und Muskelschmerzen, als wäre man durchgeprügelt worden. Ich spürte jeden Teil meines Körpers. Überdies überkam mich eine Empfindung, als hätte man mich verbrüht, jede Berührung der Haut auf dem Rücken und Bauch war ausgesprochen unangenehm. Sich anziehen, bequem sitzen oder liegen, sich im Bett umdrehen, all das verursachte Unbehagen.

Dann trat das Gefühl einer Last auf der Brust ein. Beim Einatmen fragt man sich schon, ob es überhaupt gelinge, Luft zu holen. Der Schmerz in der Brust läßt einen verkrampfen, Panikattacken sind die Folge. Man begreift, daß flache Atmung erlaubt, bei Bewußtsein zu bleiben, während der Versuch, tief Luft zu holen, nur die Beunruhigung verstärkt.

Es gibt keine spezifische Therapie, und uns wurde klar, daß in den ersten Tagen viel trinken und die Einnahme von fiebersenkenden Mitteln und Vitaminen eine raschere Gesundung fördern. Dabei ist es übrigens so, daß man gar nicht besonders trinken und essen möchte, man will nur die ganze Zeit schlafen. Man muß sich also dazu zwingen, und das ist ganz wichtig!

Vom ersten Tag an meldete ich mich krank und ließ eine Ärztin aus einer Privatklinik kommen. Angesichts der Beschwerden des ersten Tags der Erkrankung, der Arbeit draußen und mit kaltem Wasser gab es mehr Anlaß für eine Diagnose der Art viraler Atemwegserkrankung. Als dann aber die Ärztin am Freitag nochmals kam und alle Ergebnisse zusammenführte, ordnete sie ein CT der Lunge an. Dieses führte dann zu der Diagnose: „CT-Bild einer zweiseitigen viralen Lungenentzündung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit COVID-19“…

Die CT machte man meinem Mann und mir am fünften Tag, weil man davon ausgeht, daß es vorher zu einem pathologischen Prozeß in der Lunge kommt. Nun stellte sich heraus, daß die Lunge meines Mannes zu 15%, meine eigene zu 13% infiziert war. Die Ärztin verschrieb uns darauf sofort eine stärkere Therapie.

Wegen der eher geringfügigen Infizierung der Lunge und eines hohen Sauerstoffsättigungswerts ließen wir uns zu Hause behandeln. Wir haben eine Pulsoxymeter zu Hause und konnten den Sauerstoffgehalt im Blut selbst messen. Das beruhigte uns ein wenig. Dank der neuen Therapie hielt sich bei meinem Mann das Fieber bei 38,2 Grad. Nach einigen Tagen machte er nochmals eine CT. Es zeigte sich eine negative Dynamik, und der Umfang der Infektion seiner Lunge lag bereits bei 38%, während die Sauerstoffsättigung abfiel. Mit all diesen Fakten konfrontiert und eingedenk des wahrscheinlichen Risikos einer bedeutenden und sogar rasch erfolgenden Verschlechterung des Zustands, riefen wir den Notdienst. Übrigens brauchte der Rettungswagen schon damals dreizehn Stunden, bis er bei uns eintraf. Mein Mann wurde auf die Corona-Station des Regionalkrankenhauses eingeliefert.

Meine Eltern sind über 65 Jahre alt und gehören zur Risikogruppe. Am fünften Tag nach den ersten Symptomen ließen sie auch eine CT machen. Papas Lunge war sauber, während die meiner Mutter gleich zu mehr als 40% infiziert war. Dabei hatte mein Vater die ersten fünf Tage mit hohem Fieber und großer Schwäche zu kämpfen, während sich Mama bei 37,4 Grad wohl fühlte. Allerdings begann auch sie am vierten Tag zu fiebern; Paracetamol half da bereits nicht mehr. Man brachte sie mit einem Rettungsfahrzeug ins Regionalkrankenhaus.

Heute sehen die Standards für eine CT-Untersuchung ein wenig anders aus, wenn man eine COVID-19-Infektion vermutet. Fühlt sich der Patient einigermaßen gut, liegt die Temperatur unter 38 Grad und zeigen die Blutwerte eine hohe Sauerstoffsättigung, ist es besser, die CT nicht wesentlich vor dem neunten Tag zu machen. Eile mit Weile, weil man sonst eine ungenaue Information erhält, ohne Anzeigen für eine Lungenentzündung. Oder sie werden sich erst noch zeigen, was dann als leichter Verlauf und als Kriterium gewertet, um eine häusliche Therapie zu verordnen. Ein Beispiel dafür ist just mein Mann.

Die Corona-Station im Regionalkrankenhaus wurde am 5. Mai eröffnet. Fünf Tage später war die Klinik schon bis aufs letzte Bett voll, zu sehen an dem Bild, das mein Mann aus seinem Zimmer über der Aufnahme machte.

Was das Krankenhaus anlangt, so ergab sich der Eindruck, die Ärzte seien am Anfang recht durcheinander gewesen. Neue Arbeitsbedingungen, jede Menge Patienten, die Einweisungen erfolgten chaotisch. Der Gerechtigkeit halber ist zu sagen, daß sich die Mediziner rasch gefangen hatten. Allerdings ist es um das Essen im Regionalkrankenhaus natürlich nicht zum besten bestellt. Man wird dort spärlich versorgt: Frühstück um zehn, Mittagessen um eins, Abendessen um fünf Uhr. Eine vollwertige Ernährung für Patienten mit einer Erkrankung wie Lungenentzündung ist ein wichtiger Beitrag zur Genesung. Lebensmittel ins Krankenhaus darf man nicht bringen, und das macht Hoffnung darauf, daß die Frage derzeit einigermaßen gelöst ist, aber…

Während des Krankenhausaufenthalts testete man meinen Mann zwei Mal auf Corona, weil zwei negative Befunde als Entlassungsgrund gelten. Gewöhnlich fällt der Test positiv bei einem Infizierten ohne Symptome aus, wenn er die ersten Tage hohes Fieber hatte, das bis zu zehn Tage dauern kann. Danach ist er dann in der Regel schon negativ. Wir hatten also die Diagnose COVID-19-Lungenentzündung mit einem unbestätigten Laborergebnis.

Übrigens kam niemand von der Aufsichtsbehörde, um uns zu testen, weder mich, noch meinen Vater, noch mögliche Kontaktpersonen unter meinen Verwandten. So viel zur Statistik. Und noch eine Bemerkung: Ein positiver Test während der Krankheit verhilft zu keiner Zaubertablette, um auf einen Schlag wieder gesund zu werden. Die Einhaltung der Selbstisolation hängt vielmehr von der Gewissenhaftigkeit jedes einzelnen ab. Als wir begriffen, daß es sich um COVID-19 handelte, begaben wir uns umgehend in die Selbstisolation. Aus der Wohnung kamen wir nur zur CT – mit dem eigenen Auto, überwiesen von unserer Ärztin und nach Anmeldung unseres Besuchs beim Klinikpersonal.

Es gibt da noch so eine Besonderheit: In Familien verläuft die Krankheit viel heftiger, was wahrscheinlich mit der Konzentration des Virus zusammenhängt. Daraus erklärt sich auch der schwerere Verlauf der Krankheit im Fall von medizinischem Personal.

Die Diagnose und Therapie von COVID-19 ist kein billiges Vergnügen. Allein die CT-Untersuchung ist mit 3.500 Rubel pro Person zu veranschlagen. Und wenn es dann gleich um  eine ganze Familie geht… Aber wer wollte da knausern. Wenn es Anzeichen für eine Infektion gibt, ist das im wesentlichen die einzige Methode, eine Lungenentzündung zu diagnostizieren. Allein für mich fielen da für die CT und Medikamente etwa 10.000 Rubel an. Eine CT-Kontrollaufnahme der Lunge macht man dann einen bis spätestens drei Monate später, und das sind dann wieder Kosten. Wir hatten bisher die Möglichkeit die Untersuchungen machen zu lassen und die Medikamente zu kaufen. Wer sich das nicht leisten kann, hat als gute Alternative, sich an seine Poliklinik zu wenden, um dort entsprechend der Quote eine CT zu machen und sich stationär mit genau den gleichen Medikamenten behandeln zu lassen.

Wir haben einen Pulsoxymeter, was beruhigend ist. Auch als es mir so richtig schlecht ging, konnte ich immer die Sauerstoffsättigung im Blut messen und mich vergewissern, daß es noch nicht gar so schlimm um mich stand. Ein gewöhnliches Modell dieses Geräts kostet übrigens bis zu 1.000 Rubel, allerdings sind die Preise in letzter Zeit nach oben geschossen. Wenn man überhaupt noch fündig wird. Allerdings ist fraglich, ob man das Gerät tatsächlich im Alltagsleben in jedem Haushalt benötigt. Wohl eher wird es wie das Bluthochdruckgerät nur herumliegen, da wir es bisher kaum nutzen.

Im Bekanntenkreis waren wir die ersten, die erkrankten. Unsere Freunde standen unterschiedlich zur Verbreitung des Virus. Die einen nahmen die Sache, so wie wir selbst, sehr ernst, begriffen, daß es sich da um kein Hirngespinst handele, sondern man sich und seine Eltern schützen müsse. Die anderen meinten, sie hätten die Selbstisolation satt. Und dann gab es noch jene, die meinten: „Was soll’s, das ist doch alles Unsinn, wir gehen weiter aus und treffen uns mit andern.“ Als wir denen dann sagten, daß wir infiziert seien und vom Rettungswagen abgeholt wurden, kam ein langes Schweigen als Antwort… Erst dann stimmten sie allmählich zu, daß das alles kein Spaß sei. Und jenen, die überhaupt nicht an den Virus glauben wollten, boten wir herausfordernd an, uns doch zu Hause zu besuchen, wir würden sie gern am gedeckten Tisch bewirten.

Aber das sind alles lyrische Abschweifungen. Unsere Freunde erwiesen sich als die aufmerksamsten Menschen: tägliche Kontaktaufnahme, Lebensmittel, Hygieneartikel und Spielsachen für die Kinder an der Tür. So sieht wahre Freundschaft aus!

Optimistisch stimmt zu begreifen, daß wir all das überlebt haben. Nicht so ohne weiteres, aber wir haben überlebt. Meine Lieben sind alle wieder zu Hause, und COVID-19 kann uns keine Furcht mehr machen!

Das unangenehmste Phänomen dieser Krankheit ist das Gefühl des Erschlagenseins. Noch nie zuvor war ich derartig krank. Man kann schlicht und ergreifend nicht aufstehen, man kommt nicht aus dem Bett, man liegt und will rein gar nichts machen: Apathie, Asthenie. Man denkt nur, wie die Tage schneller vergehen könnten, wie das alles schneller vorbei sein könnte. Manchmal kam bei Einschlafen ein Schrecken, der mir die Tränen in die Augen trieb: Was, wenn du nicht mehr aufwachst? Und das, obwohl man weiß, daß alles gar nicht so schlimm ist, daß alles seinen vorgesehenen Gang geht. Pathogenetisch ist das Auftreten von Panikattacken bei dieser Erkrankung noch nicht bewiesen, aber die Absenz des Geruchssinns und eine besondere Empfindsamkeit der Haut deuten auf ein Eindringen des Virus in das zentrale Nervensystem. Und bisweilen verschlimmern auch die Medien die Situation.

Allerdings ist anzumerken, daß die Erkrankung verhältnismäßig selten so verläuft, wie es bei uns der Fall war. Die meisten Menschen erleben COVID-19 als typische virale Atemwegserkrankung. Meine Krankengeschichte erzähle ich, damit niemand sich fürchte, damit alle wissen, daß ein derartiger Verlauf möglich ist. Und wenn man einigermaßen gesund ist, vergeht alles wie ein Alptraum, sofern man sich an die ärztlich verordnete Ruhe, Ernährung und sonstige Verhaltensmaßnahmen hält. Keinesfalls sollte man sich selbst verarzten.

Meine Krankenakte wurde schon fast einen Monat nach den ersten Symptomen geschlossen. Übrigens dauerte es genauso lange, bis mein Geruchssinn zurückkehrte. Allerdings fühle ich mich noch immer nicht endgültig gesund. Geblieben sind eine gewisse Schwäche und der Wunsch, tagsüber ein Nickerchen zu machen. Der klassische Verlauf einer Lungenentzündung, ganz gleich welcher Art, ist immer von einer ausgeprägten Asthenie während der Genesung begleitet. Die Kräfte kommen nicht sofort zurück. Doch die Familie, die Kinder, die Arbeit sorgen für eine rasche Rückkehr in die gegebene Realität.

Die Einführung der Selbstisolierung war notwendig, um den Krankenhäusern Luft zu verschaffen, die Bauarbeiten auszuführen, die Technik und Medikamente zu kaufen. Und die Ärzte brauchten Zeit, um sich zu COVID-19-Fachleuten umschulen zu lassen und, wie es sich für sie gehört, Menschenleben zu retten. Ich möchte all den furchtlosen Ärzten aller Fachrichtungen ein riesiges Danke sagen, den Internisten, den Ophthalmologen, den HNO-Ärzten, den Chirurgen, den Neurologen und allen übrigen, den Krankenschwestern, den Schwesternhelferinnen, die, gleich unter welchen Umständen, vornean stehen und dabei ihre eigene wie die Gesundheit ihrer Angehörigen riskieren. Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie gesund!

P.S.: Zufall oder Fügung – gestern gab es gleich zwei Rücktritte auf Grund von Versäumnissen und Vorwürfen im Zusammenhang mit der Pandemie. Sowohl der Leiter des Gesundheitsamtes der Region als auch der medizinische Direktor des Regionalkrankenhauses Wladimir stellten ihren Posten zur Verfügung.


„Gar nicht so schwer“, meint Koch Dmitrij Sablin, „eine Schwarzwälder Kirschtorte à la Wladimir zu backen“, sicher nicht nur weil ja die dafür notwendige Schattenmorelle vor der Haustür des Park-Hotels Wosnesenkaja Sloboda am Sonnenhang der Partnerstadt wächst, sondern wohl vor allem, weil ihm seine charmant kommentierende und parlierende Chefin, Anna Schukowa, die Präsidentin des Regionalen Hotel- und Gaststättenverbands der Region, kundig zur Hand geht. Was im Video eine geraffte und kurzweile Viertelstunde dauert, braucht in Echtzeit zwei Stunden. Etwas länger nun brauchte die kunstvolle filmische Montage des Zuckerbäckergrußes zum 25 Jubiläum des Erlangen-Hauses.

Geburtstagstorte der Volkshochschule für das Erlangen-Haus im Januar d.J.

Ausgeliefert jedenfalls, das dokumentiert der professionell gestaltete Streifen, wurde die vom Rathaus Erlangen bestellte Geburtstagstorte an die sprachlos überraschte Irina Chasowa, die Direktorin des Erlangen-Hauses, am 7. Mai, wo, Corona sei’s geklagt, gemeinsam hätte gefeiert werden sollen. Wenn die Erlanger aber schon selbst nicht kommen können, schicken sie wenigstens süße Grüße. Und Anna Schukowa gratuliert den Partnerstädten – mit einem sympathischen Versprecher – zum 25. Jubiläum der Freundschaft sowie Oberbürgermeister, Florian Janik, den sie im Dezember 2017 kennengelernt hatte, nachträglich zur Wiederwahl und zum 40. Geburtstag.

Florian Janik und Anna Schukowa, Dezember 2017

Jetzt aber endlich zum Video, sehenswert, auch wenn man der russischen Sprache (noch) nicht mächtig ist: https://yadi.sk/i/kDPy1MgA1IkjNw

Schwarzwälder Kirschtorte à la Wladimir

Aber es sprechen ja auch die Bilder für sich…

Erlangen-Haus Geburtstagstorte 1

Die „Geburtstagskinder“ Natalia Korssakowa und Irina Chasowa

 


Eine weitere Folge aus dem Projekt „Kriegskinder“.

Nikolaj Schtschelkonogow und Christine Trautner, November 2019

Mit zwei Jahren erkrankte Christine Trautner, geboren 1927 als jüngstes von drei Geschwistern in Waldbreitbach an der Wied, unweit von Koblenz, an Scharlach und behielt einen Hörschaden, der ihr das ohnehin entbehrungsreiche Leben von Kindheit an noch schwerer machte. Zu ihren ersten Erinnerungen – mit vier Jahren – gehört der Tod des Großvaters, dem der Pfarrer noch die Letzte Ölung gebracht hatte.

Immerhin konnte der Vater bei der Familie bleiben. Er übte als Lkw-Fahrer für die Molkerei einen kriegswichtigen Beruf aus und wurde nicht eingezogen, während der zwei Jahre ältere Bruder an die Westfront geschickt wurde und in amerikanische Gefangenschaft geriet, die er zwei Jahre lang in den USA zubrachte.

Christine kam – wie alle in ihrem Jahrgang – zum Bund Deutscher Mädchen und mußte nach der Schule im Jahr 1941 ihr Pflichtjahr ableisten. Eigentlich wollte sie einen Beruf erlernen, aber da hieß es immer: „Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen!“ Man vertröstete sie also, schickte sie in ein Kloster, um dort einfache Arbeiten in der Wäscherei zu verrichten und „für das Essen zu schuften“. Auch in der Kreisstadt Neuwied wollte es nicht mit einer Ausbildung zur Näherin klappen, wieder vertröstete man das Mädchen auf später und nutzte sie als billige Arbeitskraft aus.

Unterdessen rückte der Krieg näher. Die Schule geriet unter Beschuß, und im Kloster traute sich das Kind aus Angst vor den Bomben nicht auf den Dachstuhl. Und dann kamen eines Nachts die Flieger tatsächlich. Im Keller saß Christine da, der Schutt brach bis ganz nach unten durch, eine Frau kam sogar um, und das Mädchen wartete auf der Treppe bis zum Morgen.

„Man war kein richtiger Mensch damals“, erinnert sich die Zeitzeugin. „In der Kirche sollte man sich möglichst nicht blicken lassen, und man konnte weder sagen noch machen, was man wollte.“ Montags mußte man immer „beichten“, was man am Wochenende mit dem Bund Deutscher Mädchen so alles unternommen hatte, zum Beispiel all die vielen Lieder gesungen, die Christine Trautner noch heute auswendig kennt. Und natürlich haben alle mitbekommen, wie die Juden abtransportiert wurden, und man ahnte – wohin. Ansonsten blieb es „ruhig“ in dem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Bis dann die Amerikaner kamen.

An einem Sonntag war das, als Christine auf den Schmittenberg wollte, wo Verwandte einer der Freundinnen wohnten, mit denen sie gerade einen Spaziergang unternahm. Zur Unzeit, denn die Wehrmachtssoldaten waren soeben im Begriff, die Flucht zu ergreifen; den Berghang hatten die ersten Einschüsse der US-Armee getroffen. Da war an den Besuch nicht mehr zu denken…

Die Truppen requirierten das Elternhaus, stellten den Herd auf den Hof und kochten dort. Den Mädels schärfte man ein, sie sollten aufpassen, besonders die blonden, die „Blitzmädchen“, doch passiert ist dann doch nichts, und nach wenigen Tagen konnte die Familie das Haus wieder beziehen, die Soldaten rückten ab. Nur eine Flasche Öl ließen sie zurück, deren Inhalt aber ranzig roch, weshalb man bei allem Hunger keinen Gebrauch davon machte.

Ihren Mann aus Franken, Alfred Trautner, lernte Christine Anfang der 50er Jahre in Neuwied kennen, und 1955 heirateten die beiden schon. Bald darauf machten sie sich in Erlangen mit einem Süßwaren- und Getränkehandel selbständig, und hier bekam die schwerhörige Neubürgerin, die bis heute viel von den Lippen abliest, endlich auch ihr erstes Hörgerät von Siemens.

Gemeinsam mit ihrem bereits 2016 verstorbenen Mann, einem Weltkriegsveteranen, pflegte sie eine Vielzahl von Freundschaften mit Familien in Wladimir. Sie weiß, wie wichtig die Völkerverständigung nach den Schrecken des Krieges ist. Umsomehr bereiten ihr die Umtriebe von Nationalisten und Rechtsradikalen Sorgen, denn „die machen immer nur Krieg“.


Seit gestern hält die S-Bahn auch wieder an den neun Stationen des Landkreises Petuschki, der neben Wladimir als Corona-Brandherd gilt und an die Region Moskau angrenzt. Einen ganzen Monat lang waren alle, die zur Arbeit nach Moskau wollten, gezwungen, die überfüllten Busse, zu nutzen, um zum einzig geöffneten Tor Richtung Moskau, zum Bahnhof Petuschki, zu kommen. Keine ideale Lösung unter den bis auf weiteres geltenden Bedingungen der Quarantäne, weshalb es viele Beschwerden gab, die bis hinauf zum Präsidenten gingen.

Blick vom Goldenen Tor in Wladimir nach Osten, gesehen von Michail Mojsejantschik

Unterdessen wird, anders als in Petuschki, in einer anderen Kreisstadt, Koltschugino, die Quarantäne ab dem 26. Mai aufgehoben. Überhaupt nutzt die Gouvernementsregierung nun mutig die gesetzlichen Vorgaben, nach Lage der Fallzahlen vor Ort punktuell Lockerungen einzuführen, sprich bestimmte Handelszentren wieder zu öffnen oder Kindergärten und Krippen nach ähnlichen Regeln wieder aufzumachen, wie sie auch bei uns gelten. Gleichzeitig fuhr man die COVID-19-Tests auf den Rekordstand von mehr als 3.000 täglich hoch.

Blick vom Goldenen Tor in Wladimir nach Westen, gesehen von Michail Mojsejantschik

In Susdal könnten nach dem 1. Juni die Hotels und Pensionen wieder öffnen, die nun zwei Monate lang geschlossen waren. Stadtdirektor Sergej Sacharow bittet jedenfalls Gouverneur Wladimir Sipjagin in einem Brief darum und weist auf die sozialen Folgen des Stillstands für die 10.000 Einwohner hin, die im wesentlichen vom Tourismus leben. Mit gerade einmal 30 bestätigten Infizierten erscheine die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs, jedenfalls aus Sicht des City-Managers, als vertretbar.

Musterung in Zeiten von Corona, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Dabei schlägt die Pandemie nicht nur auf die Wirtschaft, sondern natürlich auch auf den Haushalt der Kommunen durch. So entließ kürzlich die Kreisstadt Kowrow mit Hinweis auf notwendige Einsparungen sieben Leiter von kommunalen Kulturhäusern und Kunstschulen. Erst die Intervention der Regionalregierung verhinderte eine weitere Kündigung für 18 Mitarbeiter der Sportschulen.

Musterung in Zeiten von Corona, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Soweit der kurze Blick auf einen kleinen Teil der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Nebenwirkungen der Maßnahmen rund um die Pandemie, die sich in der Region Wladimir noch immer ausbreitet: Als infiziert gelten mit Stand 23. Mai 2.194 Personen, von denen 435 auf die Partnerstadt selbst entfallen. 16 Corona-Patienten sind mittlerweile verstorben.


Die Friedensvioline, die zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir übergeben werden sollte, ist noch immer in Erlangen. Ebenso wie der Geigenbaumeister Alfred Binner, die Sponsoren Olaf Kühne und Eva Lohse mit Familie sowie Bernhard Michali, der das Projekt künstlerisch begleitet und eine musikalische Lithographie mit Widmung anfertigte, die einfach zu schön ist, um sie nur im Büro aufzuhängen.

Der Dank, den der Künstler ausspricht, geht natürlich zurück an alle an dieser Friedensgeste Mitwirkende, vor allem für ihre Geduld, für ihr Durchhaltevermögen und den Glauben an die gemeinsame gute Sache. Noch weiß Sancta Corona allein, wann die Reise in die Partnerstadt stattfinden kann, aber ihre himmlische Schwester, die Heilige Cäcilia, hält zumindest einstweilen ihre schützende Hand über das Meisterinstrument, das bis auf weiteres fleißig von Alma Keilhack eingespielt wird.

Wer den Videofilm dazu noch nicht gesehen haben sollte, hole dies hier nach: https://is.gd/mQ3JmK

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