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Wollte man Mark Twain folgen, sollte man die deutsche Sprache ja sanft und ehrfruchtsvoll zu den toten Sprachen ablegen, „denn nur die Toten haben die Zeit, diese Sprache zu lernen.“ Doch die Russen halten es da mehr mit Johann Wolfgang von Goethe und dem nach ihm benannten Institut mit Hauptsitz in Moskau sowie 21 Sprachlernzentren, darunter eines im Erlangen-Haus zu Wladimir: „Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten; er spielt den Dolmetscher, indem er sich selbst bereichert.“

Markus Bassenhorst und Susanne Lender-Cassens bei der Begrüßung der Gruppe aus dem Erlangen-Haus im Club International

Landesweit geht die Zahl derer, die sich an russischen Schulen, Universitäten, Instituten und Filialen des Goethe-Instituts mit Deutsch plagen zwar zurück – um etwa 800.000 auf etwa eineinhalb Millionen -, aber nach dem Englischen behauptet das Deutsche als „erste zweite Fremdsprache“ vor dem Spanischen, Französischen oder Chinesischen seine Position. Und daran ändern offenbar auch die schwieriger gewordenen politischen Beziehungen glücklicherweise nichts.

Die Gäste aus dem Erlangen-Haus mit Markus Bassenhorst, Susanne Lender-Cassens, Dozentin Heide Thies und Reinhard Beer

Daran knüpfte denn auch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens beim gestrigen Empfang im Club International zusammen mit Markus Bassenhorst, dem Leiter der Volkshochschule an, als sie den Austausch mit der Partnerstadt Wladimir als Möglichkeit zur Begegnung bezeichnete, „egal, worüber die ganz oben sich gerade streiten“. Die Chef-Dozentin des Sprachlernzentrums von Wladimir und Leiterin der zwanzigköpfigen Gruppe, Tatjana Kirssanow, ging in ihrer Erwiderung noch weiter:

Bei der Vorbereitung auf diese zweiwöchige Reise erzählte ich natürlich viel über Erlangen. Einmal wurde ich da gefragt, ob das denn wirklich alles so märchenhaft sei, wie ich es schildere. Ja, nun sehen es alle, die mitgekommen sind. Wir fühlen uns hier im Kurs und bei den Gastfamilien wie im Paradies. Danke für dieses Märchen!


Schwere Kost à jour: Die Region Wladimir nimmt den dritten Platz unter den zentralrussischen Gouvernements hinsichtlich der Aids-Ansteckungsrate ein – mit weiterhin steigender Tendenz. Das zumindest geht aus dem Jahresbericht 2017 des Russischen Gesundheitsministeriums hervor. Ein Trend, der für das ganze Land gilt, weil es, wie Experten beklagen, vor allem an Aufklärung und Vorbeugung fehlt. Und so zählt man in der Region Wladimir aktuell fast 48 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner. Schlimmer ist es nur noch in den Gouvernements Iwanowo und Tula mit den Kennziffern 62 und 50. Allerdings nehmen in Wladimir und Umland die Fälle weiter zu: 55 Neuinfektionen von 2016 bis 2017, während sie im Raum Tula um 123 zurückgingen.

Wichtig dabei: Die Zahl der Neudiagnosen sagt wenig über das aktuelle Infektionsgeschehen aus, denn sie erfaßt lediglich, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum positiv getestet wurden. Der Zeitpunkt der Infektion liegt dann oft schon lange zurück. Neue HIV-Infektionen werden oft erst Jahre später festgestellt und in der Statistik erfaßt. Und dann ist da immer noch die Dunkelziffer derer, die gar nichts von ihrer Infektion wissen (wollen). Daß da auch bei uns noch vieles im argen liegt, zeigt dieser Artikel der SZ: https://is.gd/N61WvR


„Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“, meinte einmal Paul Cézanne. Was den französischen Maler zum Pinsel greifen ließ, ist für viele Photographen heute Antrieb, nach Orten zu suchen, wo die Vergänglichkeit alles Irdischen zerfallende Gestalt annimmt. Die sogenannten „lost places“ sind die modernen Motive der Vanitas und ersetzen die Attribute Totenschädel und Sanduhr durch den mensch- und gottverlassenen Ort.

Die Region Wladimir bietet diesem Genre ein Übermaß an Anschauungsmaterial, etwa ein ehemaliges Wasserkraftwerk an der Nerl, das, vor 65 Jahren in Betrieb genommen, einmal mit vier Turbinen und einer Leistung von 525 Kilowatt das größte von 68 seiner Art werden sollte. 30 Dörfer und vier Kolchosen erhielten von hier Strom, die bis dahin ihre Elektrizität von störanfälligen Dieselgeneratoren erhalten hatten.

Eine ganze Kaskade weiterer Wasserkraftwerke sollte an der Nerl entstehen, doch bereits Anfang der 60er Jahre stellte man in der Region hauptsächlich auf Kohle, später auf Gas um, und die Bauten blieben sich selbst überlassen.

Vor acht Jahren dann noch ein Architektenwettbewerb mit dem Vorschlag, das Ensemble zu einer Wassermühle mit Gastronomie umzubauen, doch es fand sich kein Investor.

Nur wenige Kilometer weiter, in Starodub, die Überreste einer vor einhundert Jahren gebauten Textilmanufaktur, die in den 90er Jahren aufgegeben wurde. Auch so ein Ort, den sich die Natur zurückholt. Doch bevor er verschwindet, besuchen ihn noch die Chronisten mit der Kamera. Vielleicht auch Othmar Wiesenegger, der Ende August wieder nach Wladimir aufbricht, um dort die Patina des Verfalls zu bewahren.

Vielleicht auch den Zauber der Landschaft, in dem diese verlorenen Orte liegen, wie Starodub an der Kljasma, wo 1935 ein Naturschutzgebiet zur Wiederansiedlung des Wassermaulwurfs und einige Jahre später zur Biberzucht eingerichtet wurde. Beide einst von der Ausrottung bedrohte Arten findet man heute übrigens wieder im Einzugsbereich der Kljasma. Lost places und Natur gehen eben gut zusammen.


Zu denen, die unsere Partnerschaft mit Wladimir entscheidend prägen, gehört ohne Zweifel Reinhard Beer, dem gestern im Innenhof seiner Volkshochschule gut einhundert Gäste zum 60. Geburtstag gratulierten. Da er lieber anderen etwas Gutes tut, als für das Gute selbst gelobt zu werden, hier statt der verdienten Eloge nur eine verdichtete Würdigung seiner Rolle im Austausch mit der russischen Partnerstadt.

Reinhard Beer

Obwohl als Leiter der Sprachenabteilung und stellvertretender Direktor der Volkshochschule durchaus gefordert, nimmt er sich Zeit für die Biennale „Russisch-Deutsche Wochen“ mit einem ebenso vielfältigen wie anspruchsvollen Programm und organisiert im elften Jahr in Folge jeden Sommer wieder einen zweiwöchigen Deutschkurs für eine Gruppe aus dem Erlangen-Haus in Wladimir. Ein Verwaltungs- und Gestaltungsaufwand, der so wohl kaum in seiner Arbeitsplatzbeschreibung stehen dürfte, aber in guter Tradition von all seinen Vorgesetzten – Klaus Wrobel, Christine Flemming und Markus Bassenhorst – mitgetragen wird.

Reinhard Beer mit Jutta Brandis und Lux

Entscheidend aber die Unterstützung für den Aufbau der Deutschkurse am Erlangen-Haus, die so nicht denkbar wären ohne Reinhard Beer, der das Goethe-Institut schon 1995 für eine Zusammenarbeit mit dem heutigen Sprachlernzentrum gewann und somit für die international anerkannte Qualität des Unterrichts sorgte. Seine eigenen Fortbildungen für die Lehrkräfte am Erlangen-Haus sind mittlerweile legendär, und all das pädagogische Material, das er von Verlagen für Wladimir gespendet erhielt, füllt ganze Bücherschränke.

Reinhard Beer

Reinhard Beer beim Programmgespräch mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus am 14. Juli 2018, gesehen von Georg Kaczmarek

Und dann noch dies: Dank dem Bemühen von Reinhard Beer kann man an der Volkshochschule Erlangen seine Russischkenntnisse zertifizieren lassen. Da mutet es allerdings verwunderlich an, wenn der bekennende Rockmusikfan und gelernte Hispanologe selbst noch kein Russisch spricht. Deshalb hier als Nachgesang auf den Geburtstag mit den besten Wünschen von Sting der auf Englisch gesungene Song „Russians“: https://is.gd/rukkjm


Mitte August lädt Rjasan, Hauptstadt der südöstlichen Nachbarregion des Gouvernements Wladimir, zum I. Internationalen Forum Alter Städte ein.  16 Staaten, darunter Bulgarien, Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich Serbien, Estland, Serbien, Armenien, China oder die Türkei haben sich mit Kommunen angemeldet, die älter als 500 Jahre sind, um eine ganze Woche lang über Fragen zu besprechen, die historische Zentren, davon 40 aus der Russischen Föderation, betreffen. Angemeldet hat sich auch Wladimir.

Wladimir im Mittelalter

Deutschland ist auf der Tagung mit Münster und Trier vertreten, die ihrerseits zeigen wollen, wie man angesichts moderner Herausforderungen an den Städtebau und die Infrastruktur mit dem über Jahrhunderte gewachsenen Erbe umgehen kann. Wieder so eine Veranstaltung, die in Zeiten der Wirren, über die Grenzen hinweg Menschen zusammenbringt, die gemeinsam über das Stein gewordene Gedächtnis ihrer Länder sprechen, als es, um mit der „Ode an die Freude“ zu sprechen, schönre Zeiten gab als die unsern, wo es dann aber auch weitergeht mit „Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, / und der Lebende hat recht.“ Gutes Gelingen in diesem Sinne für dieses neue Forum, das der Vergangenheit gedenkt und Gegenwart wie Zukunft gestalten will.


Gestern nachmittag traf die diesjährige, gut zwanzigköpfige Gruppe aus dem Erlangen-Haus per Flug und Bus via München in Erlangen ein, schon voller Vorfreude erwartet von ihren Gastgebern – und selbst wohl voll freudiger Erwartung dessen, was der Freundeskreis Wladimir für die Gäste so alles vorbereitet hat.

Man kennt sich schon: Elisabeth Preuß und Tatjana Kirssanowa, gesehen von Georg Kaczmarek

Im elften Jahr nun schon kommen immer in der zweiten Julihälfte etwa zwanzig Teilnehmer an den Deutschkursen des Sprachlernzentrums im Erlangen-Haus, um bei einem speziell auf ihr Niveau abgestimmten Unterricht ihre Kenntnisse zu vertiefen, vor allem aber auch, um Land und Leute zu erleben. Dabei ergibt sich sicher genug, worüber hier im Blog noch zu berichten sein wird.

Lagebesprechung mit Gerhard Kreitz, gesehen von Georg Kaczmarek

Aber nun lassen wir den Wladimirern erst einmal Zeit, um in den Gastfamilien – denen wieder einmal ein großes Dankeschön! – so richtig anzukommen, sich einzuleben. Willkommen und добро пожаловать!


In diesem Jahr erscheint eine neue Ausgabe des Roten Buchs der bedrohten und aussterbenden Fauna und Flora in der Region Wladimir. 2008 hatte man zum ersten Mal eine Bestandsaufnahme vorgenommen, damals noch unvollständig, mit vielen blinden Flecken. Die Datenbasis ist mittlerweile viel besser geworden, leider aber eben auch das Tempo des Artenschwunds. Wäre ja auch zu schön, könnte man die Gegend um die Partnerstadt als Insel der seligen Tiere und Pflanzen bezeichnen. Ungeachtet aller erfreulicher Tendenzen beim Schutz etwa des Wassermaulwurfs oder des Wisents, drohen leider auch hier viele Spezies, für immer zu verschwinden, besonders unter den Kerbtieren – mit all den verheerenden Folgen für Pflanzen und Vögel.

Distelhummel

Einer der Mitautoren des Roten Buches weist nun auf das Bienensterben hin, das besonders auch die Hummeln betrifft, von denen man in Wald und Flur des Gouvernements Wladimir von der Größe des Bundeslandes Brandenburg 28 Arten zählt, darunter vier Spezies der parasitären Kuckuckshummeln. Alle werden sie seltener, besonders aber die auch in Deutschland vom Aussterben bedrohte Samthummel und die Distelhummel. Erstere mag es trocken, die zweite braucht Feuchtgebiete. Spezialistinnen, denen zunehmen der Lebensraum fehlt.

Samthummel

Ob der Eintrag im Roten Buch den brummelnden Insekten, denen man nachsagt, sie seien noch emsiger und effektiver als die kleinere Honigbiene, zu überleben hilft, sei dahingestellt, aber immerhin wissen wir so, was wir in absehbarer Zeit verlieren – sehenden Auges. Spätere Generationen werden uns fragen, warum wir wider besseres Wissen nicht handelten.

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