“Bedenke wohl die erste Zeile, / Daß deine Feder sich nicht übereile!” Soweit die Warnung aus dem Faust. Und gleich wieder in den Wind geschlagen angesichts des Berichts und der Bilder von Anneliese und Sepp Martin. Man möchte ins Schwärmen kommen und nicht mehr aufhören. Was hier so prächtig prangt, hat der Blog noch nicht gesehen. Ein russisches Wintermärchen zum Nacherleben. Lassen wir uns entführen.

Bogoljubowo.
Ostern 1997 besuchten wir zum ersten Mal die Stadt Wladimir und schon vier Monate später zum zweiten Mal. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, und so beschlossen wir, nach 15 Jahren der Partnerstadr wieder einen Besuch abzustatten. Anlaß war eine Foto-Ausstellung, die mein Mann Ende Januar dort zeigen wollte. Was eignet sich dazu besser als der Start in das Jubiläum „30 Jahre Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir“?

Mariä-Entschlafens-Kathedrale, Wladimir.
Hatten wir uns bei unseren ersten Besuchen noch ausschließlich auf Wladimir beschränkt, wollten wir diesmal etwas mehr vom Land sehen und vor allem auch Regionen jenseits der Touristenströme kennenlernen.
Nach längerer, intensiver Internet-Recherche fanden wir bei dem russischen Unternehmen Baikal-Reisen.com ein Angebot für eine einwöchige Gruppenreise in den Ural, die unseren Vorstellungen entsprach. Die Reisegruppe bestand dann nur aus meinem Mann und mir, was wir durchaus genießen konnten. Eine Woche durch den Ural und danach eine Woche in Wladimir bei unseren russischen Freunden schien uns eine gute Kombination.

Kreml in Wladimir.
Bei der Abstimmung der Foto-Ausstellung mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, handelte sich mein Mann ganz schnell zusätzliche Arbeit ein. „Wenn Sie drüben sind, könnten Sie da nicht ein paar Fotos von Franken zeigen?“ „Ja, warum eigentlich nicht?“ Doch leider ist die Auswahl der Franken-Fotos meines Mannes sehr klein, da er Landschaften zwar eifrig im Urlaub, selten aber hier in der Heimat fotografiert. Der Foto Club Eckental mit seiner reichen Sammlung an hervorragenden Franken-Bildern kam ihm zu Hilfe, und während ich mich um die Reiseorganisation kümmerte, erstellte er mit seinen Eckentaler Foto-Kollegen eine einstündige Multimedia-Show über Franken.
Am 17.01.2013 starteten wir in München. Aber aller Anfang ist schwer, und so mußten wir uns erst einmal drei Stunden im Flugzeug eingesperrt am Rollfeld in Geduld üben, bevor wir Deutschland verlassen konnten.
Dank der klaren Beschreibung unseres Reiseveranstalters passierten wir in Moskau problemlos alle Kontrollen und fanden auch schnell den Check-In-Schalter für den Weiterflug nach Jekaterinburg. Hier nahm uns unser Reiseleiter in Empfang. Der Start in Moskau verzögerte sich diesmal nur um eine Stunde, und so erreichten wir den Ural wegen der Zeitverschiebung um +5 Stunden erst um 3 Uhr früh am nächsten Tag.

Kathedrale auf dem Blut in Jekaterinburg.
Nach einem üppigen Frühstück besichtigten wir die moderne Industrie- und Universitätsstadt mit 1,5 Mio. Einwohnern. Wir besuchten die „Kathedrale auf dem Blut“, die an der Stelle errichtet wurde, wo die letzte Zarenfamilie im Juli 1917 ermordet wurde. Sie ist mittlerweile ein Wallfahrtsort für Anhänger des russischen Zarentums.
Wir fuhren zu einer der Europa-Asien-Säulen weiter und konnten uns über die Grenze der Kontinente hinweg die Hand reichen.

Die Grenze zwischen Europa und Asien im Ural.
Am Nachmittag ging es dann mit der Eisenbahn weiter nach Kungur, einer Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern. Kungur gilt als die letzte europäische Stadt vor der Kontinentalgrenze. Dort wohnten wir in einer Datscha und wurden von den Besitzern bestens betreut.
Während Jewgenij uns auf den Ausflügen begleitete, sorgte seine Frau für unser leibliches Wohl.

Eishöhle von Kungur.
Wir besichtigten die faszinierende Eishöhle von Kungur. Mit etwa 5.600 Metern Gesamtlänge und rund 70 Seen ist sie die bekannteste Schauhöhle Rußlands. Bei dem Besuch der Stadt mit ihren Kirchen überraschte uns immer wieder die tiefe Gläubigkeit der russischen Bevölkerung aller Altersgruppen.

Eisbaden in Kungur.
Als wir uns über die großen Wasserbottiche wunderten, die in allen Kirchen aufgestellt waren, erfuhren wir von den Vorbereitungen auf das Fest der Epiphanie am 19. Januar. An diesem Feiertag wird der Taufe Christi im Jordan gedacht. Die Gläubigen bringen Wasser mit in die Kirche, um es durch das Eintauchen eines Kreuzes weihen zu lassen, oder sie kaufen das geweihte Wasser im Gotteshaus. Andernorts werden auch Seen und Flüsse geweiht, damit die Gläubigen sich mit einem Bad in dem Eiswasser von ihren Sünden reinwaschen können. Aus diesem Fest entstand das weltlich-sportliche Eislochschwimmen. Als wir dann selbst die Badezeremonie auf dem zugefrorenen Fluß beobachten konnten, fror es uns schon allein beim Zuschauen.
Zum Thema „frieren“: Wir hatten die ganzen zwei Wochen herrlichen Winter mit reichlich Schnee, oft auch mal Neuschnee. Die Temperaturen fielen nie unter -20 Grad und erreichten gegen Ende fast die Null-Grad-Grenze. Damit war die Kälte kein Problem.

Tatarendorf im Ural.
Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war der Besuch in einem nahe bei Kungur gelegenen Tatarendorf. Bei unserer Ankunft wurden wir mit traditionellen Liedern und Tänzen empfangen und mit tatarischen Spezialitäten verwöhnt. Nur zu schade, daß unser Fassungsvermögen begrenzt war!
Bei unserer Tour durch den kleinen Ort erfuhren wir von der paradiesischen Situation an der Schule: 21 Lehrer für 160 Schüler!

Tatarendorf im Ural.
Unsere Gastgeberin erzählte uns auch, daß die Menschen hier ihre Nahrungsmittel, sofern irgend möglich, selbst und rein biologisch erzeugen. Überhaupt war Ökologie oft ein Thema, das auch unseren russischen Freunden sehr am Herzen lag.
Nach drei Tagen Kungur ging es mit der Transibirischen Eisenbahn weiter nach Perm. Dabei lernten wir die beengten Platzverhältnisse in den einfachen Zugabteilen kennen. Wenn neun Personen auf dem Raum eines Abteils in ihren Betten liegen, hat auch die beste Lüftung keine Chance mehr. Wie muß das erst im Sommer sein, wenn die Sonne auf den Zug niederbrennt!

Perm im Ural.
Perm ist mit seinen knapp 1 Mio Einwohnern eine moderne Industriestadt, die ihre Bedeutung den reichen Bodenschätzen der Region verdankt. In der Sowjetzeit war sie lange eine „geschlossene“ Stadt und für alle Ausländer verboten, da hier die Rüstungsindustrie zu Hause war. Im 2. Weltkrieg beherbergte sie ein großes Kriegsgefangenenlager für Deutsche und später ein Gulag-Lager.
Mitten durch die Stadt führte die Wladimirka, die Straße der „Schmerzen und der Tränen“, auf der früher die zur Zwangsarbeit verurteilten Menschen von Moskau über Wladimir bis nach Sibirien zu Fuß gehen mußten. Sie waren oft mehrere Jahre unterwegs, viele kamen niemals an.
Wie schon in Jekaterinburg und Kungur fanden wir auch in Perm herrliche Eis- und Schneeskulpturen im Zentrum der Stadt, die bei Dunkelheit durch ihre bunte Beleuchtung erst so richtig zur Geltung kamen. Nachts herrschte auf dem Platz reges Treiben wie auf einem Jahrmarkt.

Hundeschlitten im Ural.
Von Perm aus fuhren wir mit der Bahn nach Perwouralsk. Wir übernachteten in einem idyllischen Holzhotel. Hier standen keine Ortsbesichtigungen auf dem Programm, sondern Husky-Schlitten-Touren. Dies war ohne Zweifel der abenteuerlichste Teil unserer Reise.
In einem alten, klappernden und knatternden UAZ, den Schlitten auf dem Dach und die Hunde im Kofferraum, fuhren wir mit dem Husky-Besitzer in Richtung Wald. Bald hatten wir die Zivilisation hinter uns. Auf tief schneebedeckter Fahrspur ging es immer weiter in die Einsamkeit. War uns die Fahrt schon nicht mehr geheuer, so kamen uns gewaltige Zweifel, als der junge Mann plötzlich versuchte, auf dem engen Weg zu wenden. Es kam wie es kommen mußte, das Auto hatte sich in Windeseile komplett im Schnee festgefahren.

Ein UAZ (Uralskij Awtozawod) im Schnee des Ural.
Nach harter, anstrengender Arbeit bekamen wir mit vereinten Kräften den Wagen wieder auf die Spur zurück, aber nicht gewendet. Also ging es weiter in die Wildnis hinein, bis wieder eine breitere Stelle kam, die ein Wendemanöver möglich machte. Fast war es geschafft, das Auto gedreht, da gab der Fahrer noch einmal Gas, und wieder saßen wir fest. Erneut der schweißtreibende Kampf, bis der kleine Transporter endlich gewendet auf dem Weg stand. Da tat es uns gut, als jetzt der Schlitten abgeladen wurde und wir, von sechs Hunden gezogen, hinter dem Auto her fahren konnten.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.
Nach einer Woche Ural landeten wir am frühen Vormittag in Moskau, wo uns der Fahrer des Erlangen-Haus abholte. Jetzt wartete erst einmal Arbeit auf uns. Die Ausstellung meines Mannes im „Haus der bildenden Künste“ wollte vorbereitet werden. Unsere russischen Freunde hatten gut vorgearbeitet und alle Bilder bereits gerahmt. Mit ihrer tatkräftigen Unterstützung und ungeplanten weiteren Helfern waren die restlichen Vorbereitungen für die Vernissage am nächsten Nachmittag schnell erledigt.

Panoramablick Wladimir.
Vier Kamera-Teams kamen, um über die Ausstellung der „fotografiken“ im regionalen Fernsehen und in den lokalen Zeitungen zu berichten. Die Bilder, die nur graphische Ausschnitte aus Gebäuden zeigen, verblüfften viele Besucher und regten zu lebhaften Diskussionen über Kunst in der Fotografie an.
Leichter verdauliche Kost war da die Überblendschau über Franken, die mein Mann aus Bildern des Fotoclubs Eckental erstellt hatte. Bei zwei Vorführungen, einmal in russischer und einmal in deutscher Sprache, konnten zahlreiche Besucher einen Eindruck von unserer fränkischen Heimat gewinnen. In angeregten Gesprächen nach den Vorführungen lobten Besucher immer wieder die ausdrucksvollen Bilder und die harmonische Gestaltung.
Gleich nach unserer Ankunft in Wladimir hatten uns unsere russischen Freunde aufgesucht. Es war schön, sie nach so langer Zeit wiederzusehen. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die nächsten Tage. Und sie schafften es tatsächlich, alle unsere Besichtigungswünsche zu verwirklichen!

Wladimir bei Nacht.
Wir bummelten mit ihnen durch Wladimir und staunten, wie sehr sich die Stadt in den letzten 15 Jahren verändert hat. Dichte Kolonnen moderner Fahrzeuge schieben sich heute unaufhörlich durch die Stadt. Viele Gebäude, die früher oft grau und sanierungsbedürftig wirkten, sind renoviert und hell. Zahlreiche Cafés und Bistros laden zum Verweilen ein, moderne Geschäfte und Boutiquen bieten alles, was das Herz begehrt. Wären im Supermarkt nicht alle Produkte mit kyrillischer Aufschrift, es hätte genausogut der SPAR oder REWE hier in Erlangen sein können, bekannte Marken wie Ritter-Sport und Lindt und sogar schwäbische Spätzle konnten wir finden.

Altes Rathaus Wladimir.
Es gibt noch die alten Markthallen für Obst und Gemüse und für Fleisch und Fisch, wo man sehr günstig einkaufen kann. Aber auch hier findet man neben den regionalen Produkten die breite Palette aller exotischen Früchte. Besonders beeindruckt hat uns die riesige Auswahl an frischem und geräuchertem Fisch.
Russen grillen gern und das unabhängig vom Wetter. So starteten wir am Sonntag in einen nahegelegenen Erholungspark und grillten bei frostigen Temperaturen von -15 Grad Schaschlik im Freien. Daß der Salat beim Essen auf dem Teller gefroren war, schadete weder dem Genuß noch unserer guten Laune.

Ensemble in Susdal.
Gesättigt besuchten wir Susdal und staunten nicht schlecht, wie sehr sich der kleine Ort gemausert hat: die meisten Gebäude renoviert und gepflegt. Bei herrlichem Abendrot genossen wir den Anblick des „russischen Rothenburgs ob der Tauber“.
Aber unsere Freunde ermöglichten uns nicht nur den Besuch von Susdal, auch Lakinsk und Bogoljubowo standen auf unserem Programm, und wir wanderten zur „Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche“, die auf einem kleinen Hügel inmitten einer Wiesenlandschaft, an der Mündung der Nerl in die Kljasma liegt.

Abendstimmung in Susdal.
Die Abende verbrachten wir abwechselnd bei unseren Freunden und wurden überall mit russischen Köstlichkeiten verwöhnt.
Die Woche verging wie im Flug, und nur zu schnell hieß es wieder Abschied nehmen. Aber wir verließen Wladimir mit dem festen Vorsatz, nicht wieder 15 Jahre bis zu unserem nächsten Besuch verstreichen zu lassen.
Text: Anneliese Martin, Bilder: Sepp Martin
Mehr zum Ehepaar Martin und der Ausstellung in Wladimir unter: http://is.gd/WBJXSd
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