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Nachdem eine Internetabstimmung im Vorjahr im Wettstreit um den Titel der “Schönsten Stadt Rußlands” für Wladimir eher blamabel ausgegangen war (s. http://is.gd/HkbHgX), hat nun die RBK, die angesehenste Agentur für Wirtschaftsnachrichten eine Umfrage unter Touristen mit einem recht erfreulichen Ergebnis veröffentlich: Erlangens Partnerstadt belegt darin den dritten Platz! Bronze sozusagen für seine goldenen Kuppeln.

Wladimir

Moskau und Sankt Petersburg blieben wegen ihrer Ausnahmestellung außen vor. Überraschend dann aber doch, welche Stadt da auf dem ersten Platz landete: Kaliningrad, die einstige “Festung” Königsberg, im Krieg völlig zertrümmert, heute aber Symbol einer Öffnung Rußlands nach Westen und einer Rückbesinnung auf die jüngere Geschichte. Bei den russischen Touristen sind es denn auch just diese Verbindungen zu Deutschland, von Immanuel Kant ganz zu schweigen, die der Exklave den Spitzenplatz einbrachten. Ebenfalls noch vor Wladimir liegt Irkutsk, die ”Perle im Schatten des Baikals”.

Blick auf die Kljasma und die Wälder um Wladimir.

Blick auf die Kljasma und die Wälder um Wladimir.

An Wladimir loben die einheimischen Touristen die “patriarchalische” Ruhe, das Flair der stillen Nebenstraßen und natürlich das großartige Ensemble des Kathedralenplatzes. Kritisiert wird im gleichen Atemzug jedoch das Fehlen einer Fußgängerzone und einer Strandpromenade. Ersteres zumindest könnte nach neuesten Plänen schon bald Wirklichkeit werden, an der Kljasma flanieren zu können, dürfte noch dauern, wenn es überhaupt je möglich sein wird, ist da doch die Bahnlinie davor. Aber der Blick von oben hat ja auch seinen Reiz.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Nachzutragen bleiben die anderen Städte der “glücklichen Sieben”: Kasan, Nischnij Nowgorod, Sotschi und Archangelsk. Wir in Erlangen wußten ja schon immer, was wir an Wladimir haben. Schön, daß nun auch die Russen selbst unsere Partnerstadt zu den schönsten rechnen. Gratulation!

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Es ist wieder einmal von einem dieser Familientreffen zu berichten, die unbemerkt und ganz im privaten Kreis vonstattengehen, ohne die aber die Bürgerpartnerschaft Erlangen – Wladimir nicht wäre, was sie ist. Springen wir also gleich rein in die Geschichte, die sich im Hause Gruß zu Baiersdorf zuträgt. 

Wera Jemelina inmitten ihrer Freunde im "Wladimirer Eck": Brigit und Hans Gruß, Elisabeth und Fritz Wittmann mit dem kleinen Zaungast Alexander Kravets.

Wera Jemelina inmitten ihrer Freunde im “Wladimir-Winkel”: Brigit und Hans Gruß, Elisabeth und Fritz Wittmann mit dem kleinen Zaungast Alexander Kravets.

Am Samstag holte Hans Gruß, den Bloglesern von seinen großartigen Reiseschilderungen aus dem Vorjahr bestens in Erinnerung,  Wera Jemelina vom Flughafen ab. Sie bleibt noch bis morgen. Dabei war das Ziel ihrer Reise ursprünglich ein ganz anderes. Als halbprofessionelle Sängerin – ihrem Brotberuf geht die gelernte Juristin bei einer Baufirma in Moskau nach - hatte sie vor, sich mit ihrem russischen Bühnenpartner in Stuttgart das Musical ”Elizabeth” im Original ansehen, um es dann selbst aufzuführen. Der Künstler aber bekam nun doch nicht frei und blieb zu Hause. Wera Jemelina hingegen wollte ihr Visum nicht ungenutzt lassen und entschied sich zu einem Gegenbesuch bei ihren fränkischen Freunden.  Hans Gruß nämlich hatte Familie Jemelin, Iwan und Maria, im Sommer in Sudogda bei Wladimir besucht. Zu dem Treffen auf dem Land war auch Wera hinzugestoßen, die schon als Kind in diese Familienfreundschaft hineingewachsen ist. Es war nämlich schon im Jahr 2000, als Fritz Wittmann seinen Freund Hans Gruß mit den Jemelins zusammengebracht hatte. Damals drückte Wera noch die Schulbank, ihr Vater war Klärwerksdirektor in Sudogda; heute ist er für Infrastrukturprojekte der ganzen Region zuständig und arbeitet im Weißen Haus in der Partnerstadt, der Schaltzentrale für Politik und Verwaltung des Gouvernements Wladimir. Iwan Jemelin kam dann 2002 zum ersten Mal nach Erlangen, wo ihm Fritz Rösch half einen gebrauchten Ford Taunus zu kaufen, mit dem der Gast dann später glücklich nach Hause fuhr. Und Wera? Sie war natürlich auch schon einmal zu Besuch, 2005, unmittelbar vor ihrem Studium. Jetzt freut sich Familie Gruß über die Gelegenheit, wieder einmal ausführlich miteinander zu sprechen – die Besucherin ist firm in Englisch und kommt auch mit Deutsch gut zurecht, während der Hausherr gern sein Russisch pflegt - und macht bestimmt schon neue Pläne für künftige Treffen.

P.S.: Wer den elfteiligen Reisebericht von Hans Gruß noch nicht gelesen hat, hole dies nach. Einfach seinen Namen in die Suchmaske oben rechts im Blog eingeben und eintauchen in eine Welt, in der aus Fremden Freunde werden.

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“Bedenke wohl die erste Zeile, / Daß deine Feder sich nicht übereile!” Soweit die Warnung aus dem Faust. Und gleich wieder in den Wind geschlagen angesichts des Berichts und der Bilder von Anneliese und Sepp Martin. Man möchte ins Schwärmen kommen und nicht mehr aufhören. Was hier so prächtig prangt, hat der Blog noch nicht gesehen. Ein russisches Wintermärchen zum Nacherleben. Lassen wir uns entführen. 

Bogoljubowo.

Bogoljubowo.

Ostern 1997 besuchten wir zum ersten Mal die Stadt Wladimir und schon vier Monate später zum zweiten Mal. Inzwischen ist viel Zeit vergangen, und so beschlossen wir, nach 15 Jahren der Partnerstadr wieder einen Besuch abzustatten. Anlaß war eine Foto-Ausstellung, die mein Mann Ende Januar dort zeigen wollte. Was eignet sich dazu besser als der Start in das Jubiläum „30 Jahre Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir“?

Mariä-Entschlafens-Kathedrale, Wladimir.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale, Wladimir.

Hatten wir uns bei unseren ersten Besuchen noch ausschließlich auf Wladimir beschränkt, wollten wir diesmal etwas mehr vom Land sehen und vor allem auch Regionen jenseits der Touristenströme kennenlernen.

Nach längerer, intensiver Internet-Recherche fanden wir bei dem russischen Unternehmen Baikal-Reisen.com ein Angebot für eine einwöchige Gruppenreise in den Ural, die  unseren Vorstellungen entsprach. Die Reisegruppe bestand dann nur aus meinem Mann und mir, was wir durchaus genießen konnten. Eine Woche durch den Ural und danach eine Woche in Wladimir bei unseren russischen Freunden schien uns eine gute Kombination.

Kreml und Demetrius-Kathedrale in Wladimir.

Kreml in Wladimir.

Bei der Abstimmung der Foto-Ausstellung mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, handelte sich mein Mann ganz schnell zusätzliche Arbeit ein. „Wenn Sie drüben sind, könnten Sie da nicht ein paar Fotos von Franken zeigen?“ „Ja, warum eigentlich nicht?“ Doch leider ist die Auswahl der Franken-Fotos meines Mannes sehr klein, da er Landschaften zwar eifrig im Urlaub, selten aber hier in der Heimat fotografiert. Der Foto Club Eckental mit seiner reichen Sammlung an hervorragenden Franken-Bildern kam ihm zu Hilfe, und während ich mich um die Reiseorganisation kümmerte, erstellte er mit seinen Eckentaler Foto-Kollegen eine einstündige Multimedia-Show über Franken.

Am 17.01.2013 starteten wir in München. Aber aller Anfang ist schwer, und so mußten wir uns erst einmal drei Stunden im Flugzeug eingesperrt am Rollfeld in Geduld üben, bevor wir Deutschland verlassen konnten.

Dank der klaren Beschreibung unseres Reiseveranstalters passierten wir in Moskau problemlos alle Kontrollen und fanden auch schnell den Check-In-Schalter für den Weiterflug nach Jekaterinburg. Hier nahm uns unser Reiseleiter in Empfang. Der Start in Moskau verzögerte sich diesmal nur um eine Stunde, und so erreichten wir den Ural wegen der Zeitverschiebung um +5 Stunden erst um 3 Uhr früh am nächsten Tag.

Kathedrale auf dem Blut in Jekaterinburg.

Kathedrale auf dem Blut in Jekaterinburg.

Nach einem üppigen Frühstück besichtigten wir die moderne Industrie- und Universitätsstadt mit 1,5 Mio. Einwohnern. Wir besuchten die „Kathedrale auf dem Blut“, die an der Stelle errichtet wurde, wo die letzte Zarenfamilie im Juli 1917 ermordet wurde. Sie ist mittlerweile ein Wallfahrtsort für Anhänger des russischen Zarentums.

Wir fuhren zu einer der Europa-Asien-Säulen weiter und konnten uns über die Grenze der Kontinente hinweg die Hand reichen.

Die Grenze zwischen Europa und Asien im Ural.

Die Grenze zwischen Europa und Asien im Ural.

Am Nachmittag ging es dann mit der Eisenbahn weiter nach Kungur, einer Kleinstadt mit 70.000 Einwohnern. Kungur gilt als die letzte europäische Stadt vor der Kontinentalgrenze. Dort wohnten wir in einer Datscha und wurden von den Besitzern bestens betreut.

Während Jewgenij uns auf den Ausflügen begleitete, sorgte seine Frau für unser leibliches Wohl.

Eishöhle von Kungur.

Eishöhle von Kungur.

Wir besichtigten die faszinierende Eishöhle von Kungur. Mit etwa 5.600 Metern Gesamtlänge und rund 70 Seen ist sie die bekannteste Schauhöhle Rußlands. Bei dem Besuch der Stadt mit ihren Kirchen überraschte uns immer wieder die tiefe Gläubigkeit der russischen Bevölkerung aller Altersgruppen.

Eisbaden in Kungur.

Eisbaden in Kungur.

Als wir uns über die großen Wasserbottiche wunderten, die in allen Kirchen aufgestellt waren, erfuhren wir von den Vorbereitungen auf das Fest der Epiphanie am 19. Januar. An diesem Feiertag wird der Taufe Christi im Jordan gedacht. Die Gläubigen bringen Wasser mit in die Kirche, um es durch das Eintauchen eines Kreuzes weihen zu lassen, oder sie kaufen das geweihte Wasser im Gotteshaus. Andernorts werden auch Seen und Flüsse geweiht, damit die Gläubigen sich mit einem Bad in dem Eiswasser von ihren Sünden reinwaschen können.  Aus diesem Fest entstand das weltlich-sportliche Eislochschwimmen. Als wir dann selbst die Badezeremonie auf dem zugefrorenen Fluß beobachten konnten, fror es uns schon allein beim Zuschauen.

Zum Thema „frieren“: Wir hatten die ganzen zwei Wochen herrlichen Winter mit reichlich Schnee, oft auch mal Neuschnee. Die Temperaturen fielen nie unter -20 Grad und erreichten gegen Ende fast die Null-Grad-Grenze. Damit war die Kälte kein Problem.

Tartarendorf im Ural.

Tatarendorf im Ural.

Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war der Besuch in einem nahe bei Kungur gelegenen Tatarendorf. Bei unserer Ankunft wurden wir mit traditionellen Liedern und Tänzen empfangen und mit tatarischen Spezialitäten verwöhnt. Nur zu schade, daß unser Fassungsvermögen begrenzt war!

Bei unserer Tour durch den kleinen Ort erfuhren wir von der paradiesischen Situation an der Schule: 21 Lehrer für 160 Schüler!

Tartarendorf im Ural.

Tatarendorf im Ural.

Unsere Gastgeberin erzählte uns auch, daß die Menschen hier ihre Nahrungsmittel, sofern irgend möglich, selbst und rein biologisch erzeugen. Überhaupt war Ökologie oft ein Thema, das auch unseren russischen Freunden sehr am Herzen lag.

Nach drei Tagen Kungur ging es mit der Transibirischen Eisenbahn weiter nach Perm. Dabei lernten wir die beengten Platzverhältnisse in den einfachen Zugabteilen kennen. Wenn neun Personen auf dem Raum eines Abteils in ihren Betten liegen, hat auch die beste Lüftung keine Chance mehr. Wie muß das erst im Sommer sein, wenn die Sonne auf den Zug niederbrennt!

Perm im Ural.

Perm im Ural.

Perm ist mit seinen knapp 1 Mio Einwohnern eine moderne Industriestadt, die ihre Bedeutung den reichen Bodenschätzen der Region verdankt. In der Sowjetzeit war sie lange eine „geschlossene“ Stadt und für alle Ausländer verboten, da hier die Rüstungsindustrie zu Hause war. Im 2. Weltkrieg beherbergte sie ein großes Kriegsgefangenenlager für Deutsche und später ein Gulag-Lager.

Mitten durch die Stadt führte die Wladimirka, die Straße der „Schmerzen und der Tränen“, auf der früher die zur Zwangsarbeit verurteilten Menschen von Moskau über Wladimir bis nach Sibirien zu Fuß gehen mußten. Sie waren oft mehrere Jahre unterwegs, viele kamen niemals an.

Wie schon in Jekaterinburg und Kungur fanden wir auch in Perm herrliche Eis- und Schneeskulpturen im Zentrum der Stadt, die bei Dunkelheit durch ihre bunte Beleuchtung erst so richtig zur Geltung kamen. Nachts herrschte auf dem Platz reges Treiben wie auf einem Jahrmarkt.

Hundeschlitten im Ural.

Hundeschlitten im Ural.

Von Perm aus fuhren wir mit der Bahn nach Perwouralsk. Wir übernachteten in einem idyllischen Holzhotel. Hier standen keine Ortsbesichtigungen auf dem Programm, sondern Husky-Schlitten-Touren. Dies war ohne Zweifel der abenteuerlichste Teil unserer Reise.

In einem alten, klappernden und knatternden UAZ, den Schlitten auf dem Dach und die Hunde im Kofferraum, fuhren wir mit dem Husky-Besitzer in Richtung Wald. Bald hatten wir die Zivilisation hinter uns. Auf tief schneebedeckter Fahrspur ging es immer weiter in die Einsamkeit. War uns die Fahrt schon nicht mehr geheuer, so kamen uns gewaltige Zweifel, als der junge Mann plötzlich versuchte, auf dem engen Weg zu wenden. Es kam wie es kommen mußte, das Auto hatte sich in Windeseile komplett im Schnee festgefahren.

Ein UAZ (Uralskij Awtozawod) im Schnee des Ural.

Ein UAZ (Uralskij Awtozawod) im Schnee des Ural.

Nach harter, anstrengender Arbeit bekamen wir mit vereinten Kräften den Wagen wieder auf die Spur zurück, aber nicht gewendet. Also ging es weiter in die Wildnis hinein, bis wieder eine breitere Stelle kam, die ein Wendemanöver möglich machte. Fast war es geschafft, das Auto gedreht, da gab der Fahrer noch einmal Gas, und wieder saßen wir fest. Erneut der schweißtreibende Kampf, bis der kleine Transporter endlich gewendet auf dem Weg stand. Da tat es uns gut, als jetzt der Schlitten abgeladen wurde und wir, von sechs Hunden gezogen, hinter dem Auto her fahren konnten.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Nach einer Woche Ural landeten wir am frühen Vormittag in Moskau, wo uns der Fahrer des Erlangen-Haus abholte. Jetzt wartete erst einmal Arbeit auf uns. Die Ausstellung meines Mannes im „Haus der bildenden Künste“ wollte vorbereitet werden. Unsere russischen Freunde hatten gut vorgearbeitet und alle Bilder bereits gerahmt. Mit ihrer tatkräftigen Unterstützung und ungeplanten weiteren Helfern waren die restlichen Vorbereitungen für die Vernissage am nächsten Nachmittag schnell erledigt.

Panoramablick Wladimir.

Panoramablick Wladimir.

Vier Kamera-Teams kamen, um über die Ausstellung der „fotografiken“ im regionalen Fernsehen und in den lokalen Zeitungen zu berichten. Die Bilder, die nur graphische Ausschnitte aus Gebäuden zeigen, verblüfften viele Besucher und regten zu lebhaften Diskussionen über Kunst in der Fotografie an.

Leichter verdauliche Kost war da die Überblendschau über Franken, die mein Mann aus  Bildern des Fotoclubs Eckental erstellt hatte. Bei zwei Vorführungen, einmal in russischer und einmal in deutscher Sprache, konnten zahlreiche Besucher einen Eindruck von unserer fränkischen Heimat gewinnen. In angeregten Gesprächen nach den Vorführungen lobten Besucher immer wieder die ausdrucksvollen Bilder und die harmonische Gestaltung.

Gleich nach unserer Ankunft in Wladimir hatten uns unsere russischen Freunde aufgesucht. Es war schön, sie nach so langer Zeit wiederzusehen. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für die nächsten Tage. Und sie schafften es tatsächlich, alle unsere Besichtigungswünsche zu verwirklichen!

Wladimir bei Nacht.

Wladimir bei Nacht.

Wir bummelten mit ihnen durch Wladimir und staunten, wie sehr sich die Stadt in den letzten 15 Jahren verändert hat. Dichte Kolonnen moderner Fahrzeuge schieben sich heute unaufhörlich durch die Stadt. Viele Gebäude, die früher oft grau und sanierungsbedürftig wirkten, sind renoviert und hell. Zahlreiche Cafés und Bistros laden zum Verweilen ein, moderne Geschäfte und Boutiquen bieten alles, was das Herz begehrt. Wären im Supermarkt nicht alle Produkte mit kyrillischer Aufschrift, es hätte genausogut der SPAR oder REWE hier in Erlangen sein können, bekannte Marken wie Ritter-Sport und Lindt und sogar schwäbische Spätzle konnten wir finden.

Altes Rathaus Wladimir.

Altes Rathaus Wladimir.

Es gibt noch die alten Markthallen für Obst und Gemüse und für Fleisch und Fisch, wo man sehr günstig einkaufen kann. Aber auch hier findet man neben den regionalen Produkten die breite Palette aller exotischen Früchte. Besonders beeindruckt hat uns die riesige Auswahl an frischem und geräuchertem Fisch.

Russen grillen gern und das unabhängig vom Wetter. So starteten wir am Sonntag in einen nahegelegenen Erholungspark und grillten bei frostigen Temperaturen von -15 Grad  Schaschlik im Freien. Daß der Salat beim Essen auf dem Teller gefroren war, schadete weder dem Genuß noch unserer guten Laune.

Ensemble in Susdal.

Ensemble in Susdal.

Gesättigt besuchten wir Susdal und staunten nicht schlecht, wie sehr sich der kleine Ort gemausert hat: die meisten Gebäude renoviert und gepflegt. Bei herrlichem Abendrot genossen wir den Anblick des „russischen Rothenburgs ob der Tauber“.

Aber unsere Freunde ermöglichten uns nicht nur den Besuch von Susdal, auch Lakinsk und Bogoljubowo standen auf unserem Programm, und wir wanderten zur „Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche“, die auf einem kleinen Hügel inmitten einer Wiesenlandschaft, an der Mündung der Nerl in die Kljasma liegt.

Abendstimmung in Susdal.

Abendstimmung in Susdal.

Die Abende verbrachten wir abwechselnd bei unseren Freunden und wurden überall mit russischen Köstlichkeiten verwöhnt.

Die Woche verging wie im Flug, und nur zu schnell hieß es wieder Abschied nehmen. Aber wir verließen Wladimir mit dem festen Vorsatz, nicht wieder 15 Jahre bis zu unserem nächsten Besuch verstreichen zu lassen.

                                                                                                           Text: Anneliese Martin, Bilder: Sepp Martin

Mehr zum Ehepaar Martin und der Ausstellung in Wladimir unter: http://is.gd/WBJXSd

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Vor genau 775 Jahren ist Wladimir gefallen. Am 7. Februar 1238 nahm das Heer von Batu dem Prächtigen, einem Enkel des Dschingis Khan, nach nur fünftägiger Belagerung die Hauptstadt der Rus ein. Susdal hatte sich bereits am 5. Februar ohne große Gegenwehr ergeben. Mit Ausnahme von Nowgorod eroberte der Mongolenherrscher alle weiteren Städte der russischen Fürstentümer und drang darauf weit bis Ungarn und Polen vor. Für die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte verblieb Rußland unter dem Tatarenjoch, das erst Iwan der Schreckliche endgültig abschüttelte.

Der Mongolensturm.

Der Mongolensturm.

Wladimir verlor seinen Status als Hauptstadt der Rus an das aufstrebende Moskau, büßte seine Rolle als Machtzentrum ein, wenn auch die Moskauer Großfürsten noch bis zum Ende der Rjurikiden-Dynastie zur Krönung an die Kljasma kamen. Die Folgen der Belagerung mit all den Toten und Verwundeten, mit all den Zerstörungen sind heute dank dem Panoramabild im Goldenen Tor gut zu sehen. Eine Chronik berichtet, der Sturm der Eroberer sei von Westen gekommen, und am späten Vormittag des 7. Februar sei die der Einmarsch mit Feuer und Schwert erfolgt. Bischof Mitrofan rief die Bevölkerung in die Muttergottes-Kirche in die Altstadt, während die Fürstenbrüder Wsewolod und Mstislaw Jurjewitsch die Eroberer mit Geschenken gnädig stimmen wollten. Vergebens. Die Kirche wurde in Brand gesteckt – mit den dort Schutz suchenden Russen. Kaum jemand überlebte. Am eindrucksvollsten ersteht diese versunkene Zeit in all ihrer Grausamkeit wieder auf in dem Spielfilm “Andrej Rubljow”, von Andrej Tarkowskij 1969 an Originalschauplätzen gedreht.

Mehr dazu unter: http://is.gd/MFScQk

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Noch ist es nicht zu spät für gute Vorsätze im Neuen Jahr. Vornehmen will sich darum der Blog für 2013 ff. den Verzicht auf die Weiterverbreitung der maßlosen Ratings, die seit einiger Zeit auch in Rußland wie die sprichwörtlichen Sauen durchs mediale Dorf getrieben werden. Blicken wir heute also noch drei letzte Male in diesen Spiegel der Hoffart und leisten wir ein für allemal Abbitte mit einem Gebet, das die russ.-orth. Kirchengemeinde des Hl. Propheten Elias in Stuttgart dreimal zu beten empfiehlt:

Winterimpressionen 4

Gott, mein Vater, ich habe mich versündigt. Mit Ruhmsucht, Eitelkeit und Eigenliebe habe ich mich verfehlt. Ich habe meine Ehre gesucht. Ich war hoffärtig. Mir fehlten die Demut und die Reue. Ich wollte gelobt und anerkannt werden. Ich suchte meinen eigenen Ruhm. Ich liebte die Schmeichelei. Ich lebte nicht in der Wahrheit. Es tut mir leid. Ich bin ein Sünder. Ich habe versagt. Vergib mir. Erlöse mich von meiner Eitelkeit. Ich bin nur Erde, und in die Erde werde ich zurückkehren. Herr, erbarme dich meiner. Amen.

Und allen, die gern zum Rosenkranz greifen, legen die schwäbischen Exilrussen mindestens 33 Mal den Bittruf des Hl. Nikodemus gegen das Laster der Eitelkeit ans Herz: “O mein Herr Jesus! Ich komme aus eigener Kraft gegen das Laster der Eitelkeit nicht an; hilf mir, dem Sünder!”

Winterimpressionen 5

So geläutert und exkulpiert, schauen wir also Wladimir bei seinem Blick in den Spiegel über die Schulter. Und siehe da, beim Wettbewerb um das Prädikat “Die schönste Stadt im Land” kam Wladimir mit dem Stichtag 29. Dezember auf Platz 33. Als der Blog dazu aufrief, sich an der Internetabstimmung zu beteiligen und die Ehre der Partnerstadt zu retten, lag Wladimir übrigens noch auf Platz 37 (s. http://is.gd/hA8Wxh). Dennoch: Was kann ein solches Schaulaufen wert sein, wenn Moskau dabei unter 81 Mitbewerbern auf Platz 57 verwiesen wird und es auch Sankt Petersburg nicht einmal unter die ersten zehn schafft. Sieger, das sei verraten, wurde Irkutsk, gefolgt von Pskow und Smolensk. Sei’s drum. Ob es besser wird, wenn die Betreiber der Internetplattform ankündigen, die Abstimmung werde fortgesetzt, um das Interesse an der Geschichte russischer Städte wiederzubeleben? Immerhin ein symbolischer Trost für die Partnerstadt: 33 lautet auch das Kfz-Kennzeichen für die Region Wladimir. Und 33 Mal sollte der Hoffärtige mit St. Nikodemus gegen sein Laster anbeten. Alles nur Zufall?

Winterimpressionen 3

 

Unter den 165 Städten Rußlands mit mehr als 100.000 Einwohnern nimmt – und das ist schon ernster zu nehmen – auch nur Platz 74 ein. Untersucht wurde in der Studie die Attraktivität, abzulesen an der Bevölkerungsdynamik und den ökonomischen Entwicklungspotentialen. Ganz vorne zu liegen kommen nach diesen Kriterien wenig überraschend Moskau, Sankt Petersburg und Noworossisk. Wladimir profitiert in der Hinsicht sicher durch die Landflucht in der eigenen Region, leidet aber auch durch die Nähe der Metropolen Moskau und Nischnij Nowgorod, wo neben hauptstädtischem Flair auch höhere Löhne winken. 

Winterimpressionen 7

Und zum dritten: Der Internetauftritt der Wladimirer Stadtverwaltung www.vladimir-city.ru kam in der Nomination “Beste Homepage eines Zentrums eines Subjekts der Föderation” (gemeint ist die Hauptstadt einer Region, Republik oder einer anderen Gebietskörperschaft, wovon es 83 gibt) auf Platz 3. Als besser in dieser Hinsicht wurden nur noch Wologda und Rostow am Don eingestuft. Kriterien waren u.a. die Frequenz der Aktualisierung von Nachrichten, die Qualität der Mitteilungen, der Zugang zu Gesetzestexten, die Durchführung von elektronischen Ausschreibungen sowie die Interaktivität mit den Nutzern.

Winterimpressionen 6

 

Auch wenn es nicht immer für ganz vorne reicht: Für uns in Erlangen ist Wladimir immer spitze. Und manchmal hat so ein Rating, wie immer es zustandekommen mag, auch justament durch Kritik auch seine gute Seite. In den 90er Jahren nämlich ernannte Percy Gurwitz, seinerzeit Stadtrat, Wladimir zur “banklosesten Stadt des Landes”. Noch zu Lebzeiten des Gelehrten in der Lokalpolitik wurde daraufhin im Garten des Erlangen-Hauses eine Bank aufgestellt, und ihr folgten viele weitere Sitzgelegenheiten im ganzen Zentrum, alle beflankt mit Abfallkörben, die sogar geleert werden… Was damit gesagt sein soll? Den hehren Vorsatz, eingangs gefaßt, wollen wir zwar nicht aufgeben, aber ein Hintertürchen zum Blog soll doch offen bleiben für den Fall einer gewissen Relevanz. Von Fall zu Fall eben. 

P.S.: Dank an Jelena Gontscharowa für die Winterimpressionen, die wir in Erlangen, wo schon vor dem Jahreswechsel die Haselnuß zu blühen begann, derzeit leider nur virtuell genießen können.

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Die Serie von Berichten über die Herbstreise von Sieghard Hellmann nach Wladimir und anderen Städten des Goldenen Rings geht heute mit dem fünften Teil leider schon zu Ende – mit einem wunderbar zur Bürgerpartnerschaft passenden Motto zu guter Letzt. Wer den Anschluß versäumt hat oder überhaupt erst jetzt auf die Schilderungen stößt, schlage nach unter http://is.gd/3FMZxy. Nun aber los, dem guten Ende entgegen:

Relativ gut ausgeruht nach dem Abend bei Kostja, traf ich am nächsten Morgen Tatjana Kirssanowa und Swetlana Schelesowa im Ausstellungsbereich des berühmten Goldenen Tores. Die beiden hatten im Juli 2012 engagiert den Deutschkurs beim Besuch in Erlangen betreut (s. http://is.gd/nwXHBS).

Swetlana Schelesowa

Swetlana Schelesowa

An diesem für Wladimir schicksalsträchtigen Ort begann die Stadtführung, die Tatjana und Swetlana für mich

Tatjana Kirssanowa

Tatjana Kirssanowa

organisiert und zu der sie mir auch eine Stadtführerin vermittelt hatten. Wie bereits früher im Blog ausgeführt, befand sich in Wladimir vor dem Mongolensturm das Kultur-und Machtzentrum der Rus. Belagerung und Einnahme der Stadt im Jahre 1238 durch das mongolische Heer lassen sich im großen Ausstellungsraum audiovisuell in verschiedenen westeuropäischen Sprachen nacherleben. Ein guter Auftakt für unsere Wanderung durch das geschichtlich und architektonisch reiche Wladimir!

Die Führung im Goldenen Tor gab mir einen ersten Einblick in die Geschichte Wladimirs und der Persönlichkeiten, welche die Geschicke unserer Partnerstadt geprägt haben.

Sieghard Hellmann und Tatjana Kirssanowa im Goldenen Tor.

Sieghard Hellmann und Tatjana Kirssanowa im Goldenen Tor.

Der weitere Weg führte uns dann zu allen wichtigen Plätzen und Bauten der Stadt unter kundiger Leitung unserer Stadtführerin. In einem Anflug von Kühnheit (?) hatte ich eine russischsprachige Führung gewünscht. Das Sprechtempo unserer Stadtführerin erschien mir anfänglich atemberaubend. Die gleiche hohe Sprechgeschwindigkeit erlebt man bei den  Nachrichtensprechern des russischen Fernsehens, die, ganz anders als ihre deutschen Kollegen, ein unentwegtes Expreßtempo an den Tag legen.

Sieghard Hellmann mit seiner Gruppe bei der Stadtführung vor der Demetriuskathedrale.

Sieghard Hellmann mit seiner Gruppe bei der Stadtführung vor der Demetriuskathedrale.

Auf unserem Weg gesellten sich zu unserer Gruppe das am Vorabend im Deutschkurs besungene Geburtstagskind Nadja und ihr Lebensgefährte Sergej. Mein Necken, daß Lebensgefährtin sich sprachlich vermutlich von Lebensgefahr ableitet, verstand Nadja sofort und schenkte mir ein bezauberndes Lächeln. Erwartet hatte ich eigentlich eine andere Reaktion, aber Männer denken wohl manchmal etwas eindimensional.

Sieghard Hellmann und seine Gruppe an der Mariä-Entschlafens-Kathedrale.

Sieghard Hellmann und seine Gruppe an der Mariä-Entschlafens-Kathedrale.

Höhepunkt einer Stadtführung in Wladimir ist zweifellos ein Besuch der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, welche mit dem Geschick der Stadt eng verbunden ist. Ihre reiche Innenausstattung wirkt auf den Besucher auf eine besondere, spirituelle Weise.

Sieghard Hellmann und die Geschichte Wladimirs.

Sieghard Hellmann und die Geschichte Wladimirs.

Wer sich für die Entwicklung von Wladimir von der Urzeit bis in die Gegenwart interessiert, sollte unbedingt eine Führung im Stadtmuseum mitmachen. Deutschen Gästen zeigt man dabei gern, daß die sehr frühen Bewohner des Gebietes um Wladimir bereits den Mercedes-Stern kannten.

Ausklang im Schesch-Besch mit Swetlana Schelesowa und Tatjana Kirssanowa.

Ausklang im Schesch-Besch mit Swetlana, Nadja und Sergej.

Nach der geistigen Speise meldete sich bei uns der vernachlässigte Magen, der die ganze Zeit ehrfürchtig geschwiegen hatte. Es war Nadjas Geburtstag, und so luden wir sie und Sergej zum Essen ein. Leider hatte Tatjana uns zuvor verlassen müssen, da ihr Unterricht begann, und so lenkten wir ohne sie unsere Schritte in das wohlbekannte Schesch-Besch. Zu der nachmittäglichen Zeit waren im Restaurant nur noch wenige Gäste anwesend. Dies erklärt vermutlich, warum die bestellten Speisen rasch und fast gleichzeitig den Weg zu uns fanden und wir einen weiteren Tisch dazu stellen mußten, damit alles Platz fand.

Am letzten Tag vor der Abreise traf ich nach vier Jahren Larissa wieder. Sie war mit ihrer Freundin Irina (s. http://is.gd/TX70z1) vor vier Jahren mit einem Deutschkurs aus dem Erlangen-Haus zu Besuch in Erlangen. Kennengelernt hatten meine Frau Valerie und ich Larissa und Irina bei einem sonnigen Ausflug in die Fränkische Schweiz. In der Zwischenzeit hatten wir uns schriftlich über das Wohlergehen der Familien auf dem laufenden gehalten.

Larissa vor einem Projekt ihres Mannes.

Larissa vor einem Projekt ihres Mannes.

Larissa und ihr Mann waren bis zu meinem letzten Tag in Wladimir auf Urlaubsreise gewesen. Daher fand ich es toll, daß sie sich einen ganzen Tag für mich freinahm. Die Zeit bis zu unserem ersten Treffen schien uns schnell vergangen zu sein. Beim Gespräch über das Leben im allgemeinen stimmten wir dem Dichterwort zu: „Du kannst dein Leben weder verlängern noch verbreitern, nur vertiefen.“

Larissa besucht weiterhin eifrig Deutschkurse im Erlangen-Haus, und ich bemerkte erfreut, welche Fortschritte sie gemacht hatte. Sie ist eine aktive und findige Person und half mir, in erstaunlich kurzer Zeit meine verbliebenen Einkäufe zu erledigen. Zur Belohnung gingen wir zu ihr nach Hause zum Kaffeetrinken, wo ich auch Larissas Mann Andrej kennenlernte. Leider nur kurz, da er auf dem Sprung zu einer dienstlichen Verabredung war.

Ihr Haus ist sehr schön und mit viel Geschmack eingerichtet. Im Kellergeschoß haben sie sogar einen gut ausgestatteten Fitneßraum. – Beneidenswert, wenn ich an mein vereinsamtes Trimmrad denke. 

Sieghard Hellmann und Larissa im Erlangen-Haus.

Sieghard Hellmann und Larissa im Erlangen-Haus.

Die Zeit verging sehr schnell, und ich begleitete Larissa anschließend noch zu ihrem Deutschkurs in das Erlangen-Haus. Im Vorraum motivierte uns dann die Deutschlehrerin mit launigen Worten zu einem Abschiedsfoto.

Das Haus von Larissa und Andrej steht ganz in der Nähe vom Haus der Pensionärin Olga, bei der ich die letzten vier Tage in Wladimir wohnte. Das Gästezimmer bei Olga wurde mir von Tatjana Kirssanowa zu Beginn meiner Reise vermittelt, da ich gesagt hatte, ich würde gern in einer russischsprachigen Umgebung leben. Durch die vielen Einladungen kam ich aber erst in den letzten Tagen dazu, zu Olga zu ziehen.

Blick aus dem Küchenfenster.

Blick aus dem Küchenfenster.

Olga wohnt mit ihrer Familie in einer ruhigen Gegend mit beinahe schon ländlichem Charakter. Bis zu einer Hauptstraße mit Bushaltestelle sind es aber keine zehn Minuten Fußweg.

Die folgende Begebenheit ist, glaube ich, typisch für Rußland und die russische Mentalität. Eines Morgens, als ich mit Elektrorasierer und Kulturbeutel zum Badezimmer strebte, kam Olga mir freundlich lächelnd entgegen und übergab mir eine brennende Kerze. Im ganzen Haus gab es keinen Strom, wie Olga meinte, wegen der Reparaturarbeiten in einem der Nachbarhäuser. Hiervon wird aber niemand vorab informiert, auch regt sich keiner sonderlich auf. Das Warmwasser war nicht betroffen, und so duschte ich bei Kerzenschein. Die spärlichen Bartstoppeln mußten bis nach dem Frühstück warten, als das ganze Haus genauso unangekündigt plötzlich wieder Strom hatte.

Abschied: Sieghard Hellmann mit Sascha und Olga.

Abschied: Sieghard Hellmann mit Sascha und Olga.

Olgas zwölfjährige Tochter Alexandra, abgekürzt Sascha, lernt Englisch und Deutsch. Bei ihren Deutschhausaufgaben habe ich mitunter geholfen. Einmal hatte sie sogar bis elf Uhr abends gewartet, bis ich von einem Ausflug in die Stadt zurückkam.

Ein Hobby von Sascha ist das Zeichnen und Malen. Auf meine Bitte hin zeigte sie mir ihre Sammlung selbstgemalter Bilder und Zeichnungen. Ihre Arbeiten gefielen mir gut, sie hat Talent, und ich wünschte ihr, sie möge auf diesem Weg weitergehen. Zum Abschied ließ sie mich ein Bild aussuchen, welches jetzt in meinem Arbeitszimmer einen Ehrenplatz hat.

Saschas Abschiedsgeschenk an Sieghard Hellmann.

Saschas Abschiedsgeschenk an Sieghard Hellmann.

Am letzten Morgen holte mich früh ein Privattaxi ab und brachte mich zum Bahnhof. Der Expreßzug Sapsan kam pünktlich aus Nischnij Nowgorod an und fuhr auf die Minute pünktlich nach Moskau weiter. Im Management deutscher Firmen spricht man gern von „best practise sharing“. Vielleicht sollte man einen höheren Bahndirektor mal mit seinem russischen Homologen zusammenbringen?

Meine Reise nach Wladimir und zum Goldenen Ring ging nach zwei wunderbaren, erlebnisreichen Wochen zu Ende. Durch die vielen freundschaftlichen Begegnungen war sie sehr bereichert worden, und vermutlich deshalb kam mir bei der Abfahrt aus Wladimir ein Wort des großen deutschen Erziehers und Humanisten Wilhelm von Humboldt in den Sinn: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben.“

Sieghard Hellmann

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Seit einiger Zeit läuft im russischen Internet eine Abstimmung über die schönste Stadt. 81 Städte von Kaliningrad bis Petrosawodsk-Kamtschatskij (aus welchen Gründen auch immer auf den Plätzen 67 bzw. 59) nehmen landesweit teil. Darunter natürlich auch Wladimir. Leider bisher nur mit einem Platz im vorderen Mittelfeld und mit knapp 4.500 Stimmen auf Rang 37. Immerhin noch vor Moskau, das abgeschlagen die Nummer 54 abgibt, und nur drei Positionen hinter Sankt Petersburg mit seinen gerade einmal 6.200 Unterstützern. Schier uneinholbar angeführt wird der Schaulauf von – wer hätte das gedacht?! – Smolensk, Pskow und Irkutsk mit einem Stimmenpolster im sechstelligen Bereich. Vom Glanz des ”Goldenen Rings” läßt diese Hitparade der russischen Städte übrigens auch nicht viel erkennen: Einzig das leuchtend schöne Kostroma schafft es bisher gerade einmal auf den wenig rühmlichen Platz 23, während das an der Wolga prunkende Jaroslawl mit Platz 61 (!)  noch hinter dem doch recht gesichtslosen Iwanowo (Rang 59) zu liegen kommt. Unverdient, wenn nicht gar ungerecht!

Wladimir-Denkmal und Mariä-Entschlafens-Kathedrale.

Wladimir-Denkmal und Mariä-Entschlafens-Kathedrale.

Der mündige Leser ahnt es schon. Trau, schau wem. Das allgegenwärtige Rating-Unwesen schießt ins grellfarbene Kraut und macht sich selbst bisweilen unglaubwürdig. Ein soeben erfolgreich durchgeführter Test bestätigt zwar die Angaben der Veranstalter, die von der Russischen Bundesagentur für Tourismus unterstützt werden, man könne von einer Internetadresse aus nur eine Stimme pro Tag abgeben, aber daß es da gelungen ist, für bestimmt Städte mehr Aktivisten zu mobilisieren als für andere, ist offenkundig. Dennoch für alle, die des Russischen mächtig sind, hier der Link zu der Städteliste: http://xn—-etbdra6aacodma.xn--p1ai/rating 

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir.

Wladimir rechts anklicken, wo “голосовать” steht. Anschließend bestätigen “подвердить” und dann als letzte Hürde das Puzzle zusammenfügen. Geht ganz rasch – auch ohne Russischkenntnisse. Und hilft vielleicht doch, bis zum 29. Dezember, wenn um 15.00 Uhr Moskauer Zeit die Wahl entschieden ist, Wladimir zumindest unter die ersten zehn Städte hochzubringen. Verdientermaßen! Sollte es nicht klappen, ist das auch nicht so schlimm. Zumindest wir in Erlangen wissen, was wir an Wladimir haben und drücken fest die Daumen!

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Stadt ohne Zentrum


Auch wenn Roman Jewstifejew, Autor folgender Überlegungen, diese ausdrücklich im Vorsatz als “Dummheiten” bezeichnet, wollen wir doch zu überlegen geben, was er über Wladimir zu sagen hat:

Wladimir ist eine Stadt ohne Zentrum. Dabei lasse ich das historische Zentrum, einen sehr besonderen und spezifischen Bereich, außen vor. Also: Es gibt die Stadt, aber eben kein Zentrum. Die Stadt hat Straßen, normale, nicht besonders breite, eher schon enge, aber anständige. Sie hat Häuser, alles, wie sich das so gehört. Die Straßen führend irgendwo hin, und sie vermitteln den Eindruck, man könne auf ihnen zu etwas Großem, Weitem, Modernem gelangen. Fast als käme man durch Stadtteile einer Megapolis. Doch eine Megapolis gibt es hier nicht! Die findet man 200 km westlich von Wladimir. Und wir haben kein Zentrum. Nur Straßen. Die Behörden schaffen in der Stadt weder ein geographisches noch ein funktionales Zentrum, und viele Leute wissen gar nicht, was sich wo befindet. Das kulturelle Zentrum? Ja, wahrscheinlich das Schauspielhaus, ständig ausverkauft dank immer den gleichen Zuschauern, die Philharmonie, das Zentrum für klassische Musik und noch so einiges mehr. Doch das ist alles für Liebhaber, eher die Peripherie einer Massenkultur, aber nicht ihr Zentrum. Ein Geschäftszentrum? Eine ganz unverständliche Sache für eine behäbige Kleinbürgerstadt. Wo nun also ist das Zentrum? Schwer zu sagen. Und so läuft es am Ende darauf hinaus, daß das Zentrum von Wladimir in Moskau liegt, Moskau ist. Auch Wladimirs Stadtentwicklungsstrategie ist Moskau. Einzig das Wladimirer Zentralgefängnis schafft zumindest in den Köpfen als Ersatz für das fehlende Zentrum so etwas wie eine Stadtmitte.

Diese Kopfgeburt eines Stadtzentrums soll – wie schon beim gestrigen Eintrag – nicht durch ein Bild abgebrochen werden.

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Heute feiert man auch in Wladimir den internationalen Tag des Tourismus. In einem der großen Parks der Partnerstadt finden dem Thema entsprechend die unterschiedlichsten Veranstaltungen besonders für Jugendliche statt. Doch zu dem ganzen Komplex Fremdenverkehr will so gar nicht passen, was der Wladimirer Stadtrat in dieser Woche beschlossen hat, nämlich die Häuser einzureißen, die am Rand des historischen Stadtkerns liegen und an Neubauviertel grenzen. Die Abrißbirne hängt hier, weil die zum Teil noch aus der Zeit vor der Revolution stammenden Wohngebäude angeblich zu 80% baufällig und nicht mehr sanierbar seien. Außerdem fehle ihnen jeder Komfort. Deshalb sollen sie, wie das der neue Stadtentwicklungsplan vorsieht, einem modernen Einkaufszentrum weichen. 

Häuserkampf in Wladimir

Das mag ja alles rational nachvollziehbar sein. Aber hätte man Anfang der 90er Jahre auch so gedacht und gehandelt, wäre das Erlangen-Haus eine Chimäre geblieben, ein schöngeistiger Plan auf dem Reißbrett. Heute zollt dem 1995 eingeweihten Zentrum der Partnerschaft die Museumschefin, Swetlana Melnikowa, höchstes Lob und wünscht sich, auch andere historische Bausubstanz würde nach dieser Blaupause restauriert. Auch wenn diese Häuser an der Peripherie der Touristenströme liegen, sollten sich doch die Verantwortlichen überlegen, was dem Image und Gesicht ihrer Stadt mehr zustatten kommt: ein weiterer genormter Konsumtempel oder das Flair von historischen Gebäuden aus einer untergegangenen Epoche. Und das in einer Stadt, die sich gerade als Zentrum des Goldenen Rings zu definieren sucht, um wieder mehr Besucher anzulocken. Und das in einer Stadt, die gerade einen Wettbewerb startet, um ein schlüssiges Werbekonzept für den Fremdenverkehr zu finden. Gerade Wladimir sollte alles daran setzen, um Zeugen seiner Vergangenheit zu erhalten. Daß das möglich ist, zeigt das Erlangen-Haus.

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Denkmalschützer und Historiker in Wladimir sorgen sich um den Befestigungswall, ein Zeugnis mittelalterlichen Städtebaus, wie es nur noch selten in russischen Städten anzutreffen ist. Wildes Parken am Fuß des Erdwalls, das Fehlen einer Drainage, vor allem aber das unerlaubte Befahren mit Geländewagen und dem daraus folgenden Verlust der schützenden Grasnarbe setzen dem Baudenkmal derart zu, daß es vom Regen ausgewaschen zu werden und ins Rutschen zu geraten droht. In jedem Fall, so Museumsdirektorin Swetlana Melnikowa in einem TV-Interview, entspreche die Bedeutung dieser aufgeschütteten “Stadtmauer” keinesfalls den fehlenden Bemühungen um ihren Erhalt.

Befestigungswall Wladimir mit Goldenem Tor

Erbaut im 12. Jahrhundert unter Andrej Bogoljubskij als Bollwerk gegen die verfeindeten Fürstentümer der Rus mit einem Umfang von fast sieben Kilometern, hielt der Wall 1238 die Mongolen immerhin neun Tage lang vom Sturm der Stadt ab, bis sie am zehnten Tag dann doch unter der Übermacht der Angreifer fiel und in der Folge ihre Bedeutung als Hauptstadt an Moskau verlor. Von den einst fünf Wach- und Durchfahrtstoren ist nur noch das Goldene Tor erhalten, an dessen östlicher Seite sich heute der letzte Rest des Walls hinzieht bis zum Museum “Altes Wladimir”.

Befestigungswall Wladimir

Schon einmal übrigens drohte Wladimirs Befestigung der endgültige Verfall. Im 19. Jahrhundert nämlich nutzte man die Hänge als Schutt- und Müllkippe. Einem heute weitgehend vergessenen Kaufmann und Mäzen namens Nikolaj Borowezkij, der offenbar viel Zeit und Geld dafür aufwenden mußte, ist es zu verdanken, wenn heute zumindest noch Reste des Walls erhalten sind. Im Juni 1941 gab es dann noch einen Anlauf des Stadtsowjets, die Anlage in ihrem Bestand zu sichern, doch zwei Tage nach der Initiative überfielen die Hitler-Truppen die UdSSR. Lange darf man nach Ansicht der Fachleute jetzt aber nicht mehr  mit den Instandhaltungsmaßnahmen warten - beginnend mit einer Absperrung und der Wiederbegrünung -, wenn man nicht endgültig verlieren will, was noch erhalten ist von dem einst mächtigsten Befestigungswall der Alten Rus.

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