Noch während des Konzertes am 23. Dezember 2012 in München notierte Nadja Steger einen ganzen Fragenkatalog, an Nikolaj Litwinow, den künstlerischen Leiter des Staatlichen Tanz- und Gesangsensembles RUS, der gleich nach dem Auftritt mit seiner Truppe die Heimreise antrat. Hier nun das Interview in voller Länge, gefolgt von einem kurzen abschließenden Gespräch mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger:
N.S.: Eure Tänze und Lieder sind einfach mitreißend. Handelt es sich dabei tatsächlich um alte Weisen oder doch zumindest teilweise um moderne Arrangements?
N.L.: Unsere Lieder und Tänze, die wir im Programm haben, stammen wirklich aus alter Zeit, allerdings interpretieren wir sie auf eher moderne Weise. Möglich, daß so etwas von ihrem historischen Wert verloren geht, andererseits werden so Lexik und Bild des Tanzes in ihrer Klarheit und Lakonie dem heutigen Publikum vielleicht erst richtig zugänglich.
N.S.: Wie sind Sie zu RUS gekommen? Wann und warum? Sie sind vor genau 25 Jahren zum ersten Mal in Erlangen aufgetreten. Welche Gefühle verbinden Sie heute damit? Spüren Sie diesen Abstand von 25 Jahren? Hat sich das Erlanger Publikum verändert? Und sind Sie nach so vielen Jahren nicht der Auftritte, Konzerten und des ewigen Lebens aus dem Koffer überdrüssig? Gibt es vielleicht den Wunsch, einmal alles sein zu lassen, ein anderes Leben zu beginnen, ruhig und ausgeglichen wie bei den anderen?
N.L.: Ich bin 1977 zu RUS gekommen, nachdem ich das Uraler Konservatorium abgeschlossen hatte. Anfangs wollte ich mich nur als Musiker am Bajan, dem russischen Knopfakkordeon, vervollkommnen, doch mit der Zeit packten mich die neue Arbeit und die einzigartige russische Musik. Ich lerne viele Musiker im Genre russischer Volksmusik kennen, hörte ihre Art zu spielen, wobei manche nicht einmal Noten lesen konnten. Aber ihre Interpretationen verzauberten mich. Dergleichen, das wurde mir klar, bringt man einem im Konservatorium nicht bei. Bei diesen wahrhaft begabten Musikern habe ich eine Meisterschaft gelernt, die in der Volksweisheit und den Traditionen gründet.
Das Erlanger Publikum zeichnete sich immer durch eine besondere Aufmerksamkeit aus, ebenso anspruchsvoll wie wohlmeinend und entgegenkommend. Man spürt die hohe Bildung im Saal, was nicht verwundert, gibt es hier doch viele Institute, die Universität. Jede Menge Konzerte ganz unterschiedlicher Richtung werden hier gegeben, Festivals und Foren finden hier statt. Ich war selbst auch schon in Erlangen bei einem Symphoniekonzert.
Natürlich ermüden uns die Konzerte und Tourneen, zumal die Reisen und deren Umstände immer wieder andere sind. Doch an jedem Morgen kommt die Flut neuer Kräfte, und wieder erklingt die Musik in der Seele, alles ist vergessen, und wieder ist da diese Lust auf Arbeit und Kreativität.
N.S.: In Erlangen ist überall zu hören: „RUS hat sich wieder neu erfunden, ist interessanter geworden, lebendiger, offener.“ Diese Entwicklung ist ohne Zweifel auch Ihr Verdienst. War es schwierig, die Nachfolge von Michail Firsow anzutreten? Viele haben sich doch bestimmt gefragt, ob Sie das wohl schaffen? Wie fühlen Sie sich in der Rolle des künstlerischen Leiters?
N.L.: Diese Rolle zu übernehmen, ist schwierig. Es geht ja nicht nur um das Repertoire und die Inszenierung von neuen Nummern. Es geht vor allem auch um Menschen, die im Ensemble arbeiten, deren Arbeitsbedingungen und Alltagsleben ich gerne verbessern möchte. Da sind wir ziemlich auf uns alleine gestellt. Wenn es mir aber gelingt, die Künstler in der Liebe zur Musik, zum Lied, zum Tanz, zu den Volkstraditionen zu vereinen und ihnen dabei zu helfen, in ihrem Beruf möglichst perfekt zu werden, dann habe ich wahrscheinlich meine Aufgabe erfüllt.
N.S.: Heute mäkeln alle an der Jugend herum. Sie interessiere sich für nichts, habe keine Werte. Früher sei das alles ganz anders gewesen. Aber bei RUS kann man hinsehen, wo man will: überall junge, schöne und talentierte Künstler. Haben Sie Probleme mit dem Nachwuchs, mit dem Generationenwechsel?
N.L.: Nachwuchsprobleme kennen wir auch. Zum einen liegt das an den niedrigen Gehältern, zum anderen gibt es nicht genug Jugendlichen, die bereit sind, sich ernsthaft mit der Volkskunst auseinanderzusetzen. Gut nur, daß die Ausbildung bei uns bisher noch kostenlos ist. Sollte sich das ändern, werden wir in echte Personalnöte geraten. Schon jetzt fehlen in den weiterführenden Fachschulen für Musik Lehrkräfte.
N.S.: Wie wichtig ist es für Sie, jenen kulturellen Reichtum, den Sie auf der Bühne zeigen, weiterzugeben? Wollen Sie überhaupt diese Rolle spielen?
N.L.: Das kulturelle Erbe eines Volkes ist ungemein wichtig für die jüngere Generation. Es wäre zum Schämen und Jammern, wenn das russische Liedgut oder die russische Musik nicht mehr erklängen. Unsere Kultur ist in Jahrhunderten gewachsen, und wir haben kein Recht, sie zu vergessen oder zu verlieren. Ohne Kultur kein Volk. Es gibt jede Menge Wettbewerbe, wo immer wieder neue Namen auftauchen, darunter viele hochbegabte. Mit ihnen zusammen wird sich auch in Zukunft die Sing- und Tanztradition in meisterhafter Form entwickeln und erhalten.
N.S.: Wer auch nur einmal gesehen hat, was RUS auf der Bühne „anstellt“, fragt sich, woher nur die Kraft für die zum Teil schlichtweg akrobatischen Nummern kommt. Wo schöpfen die Künstler Kraft? Wie oft wird geprobt?
N.L.: Unsere Künstler kommen nach Abschluß der weiterführenden oder höheren Fachschulen für Kultur zu uns, sie tanzen von Kindesbeinen an. Physische Kraft und die Bereitschaft, schwierige und teilweise auch akrobatische Nummer zu tanzen, gehören dazu. Wir proben täglich fünf Stunden, manchmal auch länger. Angefangen wird mit dem Gesang, und dann wenden wir uns den Tanzübungen zu. Am Ende steht immer eine Gesamtprobe des Programms.
N.S.: Bei allem Reichtum im Bereich der Kultur findet man in Deutschland wohl kaum derartig meisterhafte Künstler. Wollen Sie nicht vielleicht auch einmal eine Meisterklasse für Ihre Erlanger Kollegen geben?
N.L.: Zu Meisterklassen reicht es bei mir noch nicht. Ich lerne selbst mein ganzes Leben bei den großen Meistern und Zeitgenossen. Allerdings würden unsere Künstler sicher gern einmal den einen oder anderen Kniff zeigen.
N.S.: Nun sind in all den Jahren schon so viele Ensembles und Gruppen aus Wladimir nach Erlangen gekommen. Alle mit großem Erfolg. Doch sobald bekannt wird, daß RUS auftritt, vergessen die Erlanger praktisch alles, und man hört nur noch: „RUS kommt“. Worin liegt Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis in Erlangen?
N.L.: Ich denke, der Erfolg von RUS hat zu tun mit der Vielschichtigkeit, der Authentizität, der Ursprünglichkeit und dem Professionalismus der Truppe. Wir sind näher dran an den spirituellen Wurzeln des russischen Volkes, an seinen Traditionen und seiner Eigenheit.
N.S.: Wenn man Ihre Konzerte besucht, ist das wie der Eintritt in ein Märchen. Es stockt einem der Atem. Sogar der deutsche Zuschauer spricht gleich von den russischen Märchen, auch wenn er nie welche gelesen haben sollte. Um das Publikum so für sich einzunehmen, muß man selbst aus diesen Traditionen heraus leben, an sie glauben. Fühlen Sie sich als ein Teil dieses Märchens, dieser Traditionen, oder sind die Auftritte für sie nichts als eine Arbeit, die man möglichst professionell ausführt?
N.L.: Musik ist in sich selbst Zauberei. Die Traditionen gleich welchen Volkes sind dabei nicht Zeugnis dessen, was verschwindet, sondern im Gegenteil jene Kraft, aus der die Gegenwart Kraft schöpft, aus der heraus sie sich bildet, mit deren Hilfe sie sich entwickelt. Eine gute Tradition ist nicht die Wiederholung dessen, was war, sie ist vielmehr wie ein Erbe, das auf einen gekommen ist und das man aufgefordert ist, zu mehren, um es dann an die Nachkommen weiterzugeben. In diesem Sinne wird die Tradition immer reicher durch den ununterbrochenen kreativen Prozeß. Wir folgen unseren Traditionen, studieren sie und lassen sie auf der Bühne auferstehen, wobei wir versuchen, die Grundlagen zu erhalten. Aber das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, und, um eine gute Nummer ins Programm aufnehmen zu können, will viel und lange hin- und herüberlegt und vieles immer wieder neu be- und überarbeitet sein.

RUS im Dezember 2012 in Erlangen. Peter Steger und Nikolaj Litwinow bei Geschenkübergabe an Swetlana Sawina.
N.S.: Besucht man ein Konzert von RUS, gewinnt man den Eindruck, das Ensemble spiele mit dem Publikum, fordere das Publikum heraus. Fast in jeder Nummer gibt es ein Element der Überraschung. Wenn die Künstler beispielsweise nach einem Abgang noch einmal unerwartet auf die Bühne kommen, schauen sie dem Publikum keck in die Augen als wollten sie sagen: „Vergiß uns nicht!“ So meint man, in ein endloses Märchen geraten zu sein. Sehe ich das richtig?
N.L.: Idealerweise wollen wir natürlich, daß jede Nummer interessant und möglichst perfekt über die Bühne geht, daß ihr Klang der echten Volksmusik entspricht, etwas Einmaliges hat und lange im Gedächtnis des Publikums haften bleibt. Gelingt das, haben die Besucher unsere schlichte und aufrichtige russische Kunst verstanden.
N.S.: Russische Weihnacht und Bach. Wie geht das zusammen?
N.L.: Das eine wie das andere gehört zu einer Klassik, die alle verstehen. Hier treffen sich Einfachheit und Genialität. Und die Stücke sind alle schon vor langer Zeit entstanden, was es möglich macht, sie zusammenzubringen. Bach liebe ich ganz besonders. Seine Musik ist so fundamental wie unser Universum, und sein Scherzo ist ein kleiner Teil seiner großen Musik, die in jedem Programm erklingen kann. Würde man mich fragen, mit welcher Musik man das Universum vertonen könnte, fiele mit nur die Musik des genialen Johann Sebastian Bach ein.
Anmerkung von P.S.: Die Raumsonde Voyager ist gerade dabei, unser Sonnensystem zu verlassen. An Bord hat sie eine goldene Schallplatte. Als es kurz vor dem Start 1977 darum ging, welche Musik als Botschaft für andere Zivilisationen man ins All schicken sollte, einigte man sich gewissermaßen per Akklamation auf eben diesen Johann Sebastian Bach.
N.S.: München ist sehr verwöhnt. Das Publikum dort setzt man nicht so leicht in Erstaunen. Und dann dies: Am 23. Dezember um 11.00 Uhr ist der Saal voll, es erklingen Bravo-Rufe. Am Ende des Konzerts stehende Ovationen. Sogar Nonnen sind im Publikum. Als dann auch noch Stille Nacht erklang, sangen alle mit, und viele hatten Tränen der Begeisterung und Rührung in den Augen. Ist das ein Geschenk ans Publikum, eine Verbeugung vor der deutschen Tradition, eine Taktik oder etwas anderes? Warum plötzlich ein Lied in deutscher Sprache?
N.L.: Das war wirklich ein besonderer Tag. Alle waren in Erwartung des Weihnachtsfestes, und alles war darauf ausgerichtet, alle waren darauf eingestimmt. Ich bin sehr glücklich, daß wir dem anspruchsvollen Publikum in München gefallen haben. Stille Nacht ist schon lange zu einem internationalen Lied geworden und erklingt auch bei uns in Rußland. Wir singen das Lied gerne, fürchten aber manchmal, ihm wegen unserer Aussprache Schaden zuzufügen, seinen Zauber zu zerstören…
N.S.: Im Westen führt man schon seit Jahrhunderten Diskussionen über die geheimnisvolle russische Seele. Was RUS auf die Bühne bringt, ist eher die farbenfrohe und lebenslustige Seite der russischen Seele. Es ist wohl nur das Lied von der Troika des Postalions, mit dem das Ensemble auch die Tür zur anderen, zur melancholischen Seite im Leben der Russen ein Stückchen aufmacht. Oder verstehen Sie unsere russische Seele als Inbegriff von Fröhlichkeit und Freude?
N.L.: Fröhlichkeit und Freude ebenso wie Melancholie, alle Schattierungen der Seele des russischen Volkes würden wir gerne vorstellen. Wenn wir nur genug Talent und Meisterschaft besäßen.
N.S.: Wie fühlen Sie sich auf der Bühne?
N.L.: Wenn ich mein Instrument auf dem Schoß habe und mit meinen Musikern ein Stück spiele, lebe ich in einer anderen Welt, in einer besonderen Welt, wo jedes Lied eine besondere Geschichte erzählt… Wenn ich im Saal sitze und den Künstlern zusehe, achte ich darauf, daß das Bild, die Idee richtig und gekonnt umgesetzt werden.
N.S.: Wie lange wollen Sie noch auftreten?
N.L.: So lange es noch neue Möglichkeiten gibt. Material (Lieder und Tänze) gibt es viele. Wichtig ist, alles richtig aufzuführen und zu interpretieren, dem Original nicht zu schaden.
N.S.: Was ist für Sie die größte Auszeichnung?
N.L.: Die größte Auszeichnung ist es, schöpferisch tätig sein und vor Publikum auftreten zu können. Es ist die Fähigkeit, kreativ zu bleiben. Unser Geist fordert ebenso wie unser Körper ständiges Training, es kommt zu Mangelerscheinungen, wenn wir nicht beide ständig kultivieren.
N.S.: Bei einem solchen Arbeitsrhythmus ist es doch sicher schwierig, Familie und RUS unter einen Hut zu bringen.
N.L.: Ich kann nicht klagen. In der Hinsicht gelingt mir bisher alles.
N.S.: Was wünschen Sie den Erlangern zum Neuen Jahr?
Ich möchte allen auf der Welt Frieden wünschen. Mögen die Völker in Freundschaft leben und ihre friedlichen Errungenschaften und Freuden miteinander teilen. Ich wünsche mir die weitere Entwicklung und Festigung unserer gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Städten, denn heuer werden es ja schon 30 Jahre, seit die Partnerschaft besteht. Und allen einfach alles Menschenglück!
Und nun noch einige Fragen an Peter Steger
N.S.: Peter, Deine „russische Karriere“ begann doch 1987, als RUS erstmals in Erlangen auftrat? Wie kam es dazu, daß ausgerechnet Du mit dem Ensemble arbeitetest? Welche Gefühle hattest Du damals?
P.S.: Tatsächlich hat mit RUS für mich alles erst so richtig begonnen. Ich studierte damals noch in Bamberg Slawistik. Dort fehlte mir aber der Umgang mit leibhaftigen Russen, und es gab kaum Möglichkeiten, Russisch zu sprechen. Als ich in der Zeitung las, in Erlangen suche man Betreuer für die Wladimirer Kultur- und Sporttage meldete ich mich und wurde von Dagmar Paliwal, damals mit Herbert Lerche für die Partnerschaften zuständig, vom Fleck weg engagiert. Allerdings hatte ich mich, meinem literarischen Interesse folgend, für die Schriftstellergruppe beworben. Warum ich dann doch für RUS eingeteilt wurde, weiß heute niemand mehr zu sagen. Meine anfängliche Enttäuschung wich dann aber rasch heller Begeisterung für die Truppe. Unmittelbar vor dem Auftritt erst bat mich dann die Co-Betreuerin, die eigentlich dafür vorgesehen war, mit Michail Firsow, dem künstlerischen Leiter, auf die Bühne zu gehen. Was ich damals nicht wissen konnte: Diese Bretter der Stadthalle, heute Heinrich-Lades-Halle genannt, sollten bestimmend für meinen weiteren Lebensweg werden. Zum ersten Mal als Dolmetscher vor einem großen Publikum. Ohne jede Erfahrung. Mit noch keineswegs perfekten Russischkenntnissen. Und dann dies: Michail Firsow sprach eine gefühlte Ewigkeit ohne Punkt und Komma über sein Ensemble, die russischen Volkstraditionen, das Programm, seine Freude, erstmals in Deutschland auftreten zu können – und schien vergessen zu haben, daß sein überquellender Wortschwall ja auch noch übersetzt werden sollte. Die Spannung im Publikum war mit Händen zu greifen. Geraune, Getuschel, vereinzelte Lacher angesichts meiner hilflosen Blicke zum Redner mit der flehentlichen Bitte um eine Gelegenheit zu übersetzen. Als der Gast aus Wladimir schließlich doch zum Ende kam, schlug mir aus dem Saal eine Welle des Bedauerns entgegen, aber auch der Erwartung: Was macht der arme Kerl da jetzt daraus? Ich entschied mich dafür, eine gewisse Überforderung einzugestehen, indem ich meine Übersetzung mit dem Satz einführte: „Sie verstehen sicher, daß ich Ihnen nicht alles Wort für Wort wiedergeben kann, bitte begnügen Sie sich deshalb mit einer kurzen Zusammenfassung.“ Verständnisvolles Lachen bedeutete mir, den richtigen Ton getroffen zu haben. Da war mir klar, die Feuertaufe überstanden zu haben. Von da an konnte mich nichts mehr schrecken.
N.S.: Wolltest Du damals gleich mit Wladimir weiterarbeiten, oder entwickelte sich dieser Wunsch erst mit der Zeit?
P.S.: Es gab für mich von da ab keinen Zweifel daran, daß ich an Wladimir dranbleiben würde. Wladimir hatte mich gepackt. Schon anderntags erfüllte ich Michail Firsow heimlich – er setzte sich dazu regelrecht von der Delegation ab und hatte strenge Sanktionen zu fürchten – seinen Herzenswunsch und zeigte ihm München. Gleichzeitig lernte ich auch in Erlangen Menschen kennen, die unerwartet offen für die russischen Gäste waren, vor allem aus dem Stadtverband Kultur und der Folkloregruppe Ihna, die mich alle auf meinem weiteren Weg unterstützten.
N.S.: In diesen 25 Jahren hat sich RUS doch sicher verändert. Ist die Gruppe besser geworden oder hat sie mittlerweile die „Patina des Antiquariats“ angenommen?
P.S.: RUS erfindet sich ständig neu, und nur RUS ist besser als RUS. Das haben die Erlanger sofort begriffen. Dietmar Hahlweg, der damalige Oberbürgermeister und Vater der Partnerschaft, nahm mich nach dem Konzert mit hinter die Bühne, um noch einmal persönlich für den Auftritt zu danken. Er brachte damals zum Ausdruck, was alle im Saal fühlten: „Wir sind begeistert von Ihrer großartigen Kunst, und wir wünschen uns nichts mehr, als Ihr Ensemble baldmöglichst wieder hier in Ihrer Partnerstadt zu sehen.“ Sein Wunsch sollte mit Hilfe von Eike Haenel, dem Leiter von Ihna, schon zwei Jahre später in Erfüllung gehen, als er, persönlich mit vollem Risiko haftend RUS in Zusammenarbeit mit der Deutschen Jugend in Europa auf die erste Deutschlandtournee schickte, die ich begleiten durfte. Auch in den schwierigen 90er Jahren, als RUS wohl nur dank dem Umstand überlebte, bei der Konzertdirektion Schlote aus Salzburg unter Vertrag gewesen zu sein, versuchte das Ensemble, immer wieder neue Elemente in sein Programm aufzunehmen. Allerdings gab es da auch eine Zeit der Stagnation, später sogar der Spannungen innerhalb der Gruppe und mit ihrem Leiter. Doch aus jeder Krise ging RUS gestärkt hervor, auch nach dem Tod von Michail Firsow im Jahr 2007. Seit Regine Burk aus Rückersdorf bei Nürnberg die Weihnachtsgastspiele des Ensembles organisiert, erlebt RUS eine Neugeburt.
N.S.: Pflegst Du eine besondere Beziehung zu RUS, oder ist für Dich ein Ensemble wie das andere?
P.S.: RUS war meine erste Liebe – und bleibt es. Es war auch dieses Ensemble – das kann ich im Rückblick bestätigen -, mit dem die Bürgerpartnerschaft erst so richtig begann. Es sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Aber es ist natürlich keine eifersüchtige Liebe, keine ausschließende Liebe. Ob Rock oder Klassik, ob Chor oder Instrumentalgruppe aus Wladimir, ich empfange sie alle mit der gleichen Liebe, die freilich ihren Ursprung in RUS hat.
N.S.: Hast Du nach 25 Jahren nicht allmählich genug von Wladimir?
P.S.: Wo denkst Du hin! Ich freue mich auf die nächsten 25 Jahre! Es gibt noch so viel zu entdecken, zu fördern, zu entwickeln. Und dann wächst ja inzwischen schon die dritte Generation der Partnerschaft heran und darf die Früchte der Verständigung und Versöhnung ernten, die wir alle der Voraussicht und Umsicht von Dietmar Hahlweg und seinem Team verdanken. Wie sollte ich mich ausgerechnet da vom Acker machen wollen!
Was erwartet uns an Neuem in diesem Jahr? Womit wird uns unser russischer Peter im Jubiläumsjahr überraschen?
Würde ich das verraten, wäre es doch keine Überraschung mehr. Aber keine Sorge, der Blog wird weiter fleißig berichten – in der Vorausschau wie im Rückblick. Und: Wunderbar an dieser Bürgerpartnerschaft ist, wie sie mit ihrer Eigendynamik und Kreativität, ihrer Lebendigkeit und Vielfalt auch mich selbst jeden Tag wieder neu überrascht.














































