Oberbürgermeister Sergej Sacharow ist gerade erst aus Palästina zurückgekehrt, wo er die 20. Städtepartnerschaft Wladimirs abgeschlossen hat: mit Bethlehem. Und am Abend bricht er nach Berlin auf, um an einer Konferenz zum Thema “Kommunalpolitik und Wirtschaft” teilzunehmen. Ein Mann zwischen den Kulturen und den Welten, vor allem aber ein Freund seiner Partner, besonders wenn sie aus Erlangen kommen, ein Freund, der sich viel Zeit für das Gespräch nimmt und für das Zuhören.

Jelena Owtschinnikowa und Sergej Sacharow.
Es gibt freilich auch viel zu besprechen mit den Gästen. Natürlich das aktuelle Arbeitsprogramm, daneben aber auch die Pläne für das dreißigjährige Jubiläum der Partnerschaft. Ganze 33 Punkte sind auf der Agenda abzuarbeiten. Manche davon kann man gleich wieder streichen, doch weniger werden es deswegen nicht, weil immer wieder neue Ideen und Vorschläge kommen. Es ist eben noch alles im Werden und Entstehen. Aber das Gerüst steht, nun kann die Arbeit an den Feinheiten beginnen.

Großer Empfang im Rathaus.
Kultur, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft sind nur einige der Themen, die während des Jubiläums ihren Platz im Programm finden werden. Schwerpunkt aber soll die Jugend werden, die wesentlich auch selbst das Programm gestaltet. Es genüge hier, die Akteure aus Erlangen zu nennen: Stadtjugendring, Jugendparlament, Mädchenchor des Christian-Ernst-Gymnasiums, Flötenensemble der Sing- und Musikschule, zwei Rockbands. Und auch an die Kinder ist gedacht, die sich auf eine Aufführung von Petterson und Findus des Theaters Kuckucksheim aus Heppstadt freuen dürfen.

Wladimirer Küche.
Immer wieder bekommt man in Wladimir die Frage gestellt, was sich denn so aus der Sicht der Besucher verändert habe. Da darf man getrost die Gastronomie nennen: Feinschmecker finden hier Raffinesse, Liebhaber von russischer Hausmannskost können sich auf eine deftige Küche verlassen, und kulinarisch sind längst alle Länder dieser Welt in der Partnerstadt daheim. Am schönsten weiß Alexander Bersenjew, Chefpsychiater der Region Wladimir, zusammenzufassen, was sich hier in den letzten Jahren entwickelt hat: die Eleganz der Franzosen vereint mit dem Geschmack der Russen.

Alexander Bersenjew und Eliisabeth Preuß.
Alexander Bersenjew braucht man hier nicht mehr eigens vorzustellen. In Erlangen kennt man ihn seit 1998 als sympathischen Streiter für die Sache der Psychiatrie, die in der Sowjetunion und in den ersten Jahren des Bestehens der Russischen Föderation so sehr im dunklen Schatten der übrigen Medizin stand. Mit Hilfe von vielen Freunden aus Erlangen ist es aber nun nicht nur gelungen, die akute Therapie wesentlich zu verbessern, vor allem wurde es möglich, seine Anregung umzusetzen, den Blauen Himmel, das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik, aufzubauen, eine Einrichtung, die mittlerweile landesweit Beachtung findet. Mitgebracht hat Elisabeth Preuß dem Chefarzt und Professor ein Sprungtuch für die Kinder aus der Psychiatrie, ein Geschenk, das er sich selbst zum Geburtstag gewünscht hatte, für sich, damit er “seinen” Kindern bei der Bewegungstherapie eine Freude machen kann. Das spricht für sich und für ihn!

Leonhard Hirl und Alexander Bersenjew.
Leonhard Hirl hat für die Zusammenarbeit mit der Psychiatrie in Wladimir unschätzbar viel geleistet. In seiner WAB (Wohnen Arbeit Betreuen) haben Dutzende von Fachkräften aus Wladimir Praktika und Hospitationen absolviert, und erst im November war ja Alexander Bersenjew gemeinsam mit Wladimir Besrukow, dem Gesundheitsminister der Region, bei dem Kollegen zu Gast. Nun soll es bald weitergehen. Das Jahr ist ja noch jung, viel Zeit also, um weitere Austauschmaßnahmen zu planen und umzusetzen.

Nadja Steger, Wladimir Besrukow, Elisabeth Preuß, Alexander Bersenjew, Andrej Sirin, Swetlana Makarowa, Ludmila Kondratenko,, Stephan Beck, Thomas Grützner, Leonhard Hirl, Peter Steger.
Alexander Bersenjew kennen seine Freunde aber auch als Meister der Gastlichkeit. Besonders gerne wartet er dabei mit einer Überraschung auf. Außer ihm wußte denn auch niemand davon, wer da noch alles zum Essen eingeladen war: Mediziner, die sich natürlich alle gut kennen, die aber auch die enge Zusammenarbeit mit Erlangen vereint. Swetlana Makarowa als Chefärztin der Kinderklinik, die übrigens auch wieder Spenden aus Erlangen für ihre Krebsstation in Höhe von mehr als 1.700 Euro entgegennehmen darf; Andrej Sirin, der Chefonkologe der Region, früher einmal auch Leiter des Wladimirer Gesundheitsamtes; Wladimir Besrukow, seines Zeichens Psychologe und Herr über die Medizin des ganzen Gouvernements. Seit mehr als 20 Jahren hat die Zusammenarbeit der Ärzte in der Partnerschaft eine besondere Stellung, und die Gastgeber werden denn auch nicht müde, für die viele Unterstützung aus Erlangen zu danken, vor allem in den schweren 90er Jahren.

Irina Sokolowa und Wera Guskowa.
Ebensolange währt auch die Kooperation mit dem Roten Kreuz in Wladimir. Fast von Beginn an mit dabei Projektkoordinatorin Irina Sokolowa und Wera Guskowa vom Vorstand des Ortsverbands, die über Jahre hinweg als Fachbürgermeisterin für Soziales und Gesundheit, aber auch als Ärztin mit charmanter Durchsetzungskraft viel getan hat für die Hilfsorganisation. Sie wird sich besonders darüber freuen, welch erfolgreichen Weg das Rote Kreuz nun in Wladimir eingeschlagen hat.

Vorstandssitzung des Roten Kreuzes Wladimir mit Pjotr Panasenko.
Zusammen mit vielen Partnern vor Ort: der Schwesternschule, der Jugendorganisation “Retter” mit Pjotr Panasenko als treibender Kraft, aber auch nach wie vor der Stadtverwaltung, die der außerordentlichen Vorstandssitzung des Roten Kreuzes die Türen des Rathauses weit öffnet und den Konferenzraum für die Veranstaltung zur Verfügung stellt. Sichtbare Zeichen der Wertschätzung.

Medien bei der Vorstandssitzung Rotes Kreuz Wladimir.
Auch seitens der Medien, die seit dem Wiederaufbau des Roten Kreuzes vor fast zwei Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen, um über die Fortschritte in der Arbeit und die einzelnen Projekte ausführlich zu berichten.

Elisabeth Preuß und Peter Steger, Vorstandssitzung Rotes Kreuz Wladimir.
Wertgeschätzt werden natürlich besonders die Gäste aus Erlangen, für die Elisabeth Preuß und Peter Steger bei der Veranstaltung sprechen dürfen. Und die das gerne tun, wenn man all die jungen Gesichter sieht von ehrenamtlichen Kräften, die davon berichten, wie lieb sie bei der häuslichen Pflege ihre Schutzbefohlenen gewonnen haben, wie sehr ihnen die Arbeit eine Sache des Herzens geworden sei; wenn man von der Leitung der Schwersternschule hört, für wie wichtig man es erachte, den Nachwuchs nicht nur als Fachkräfte zu entlassen, sondern vor allem als Menschen, die eine soziale Verantwortung wahrnehmen können; wenn der Wunsch ausgesprochen wird, einen Jugendaustausch im Bereich Wohltätigkeit ins Leben zu rufen; wenn in allen Gesprächen der Aufbruch zu spüren ist.

Winter in Wladimir.
Zeit bleibt da kaum, um auch einmal abseits der Sehenswürdigkeiten das winterliche Wladimir zu erkunden, aber es ist ja auch ein Arbeitsbesuch. Mit immer neuen Ausblicken.

Wiktoria Borowych und Elisabeth Preuß.
Elisabeth Preuß hat im Blog http://is.gd/ptUqNt von Wiktoria Borowych gelesen und sich sofort gesagt: “Die Frau will ich kennenlernen!” Sie sollte es nicht bereuen. Auf Anhieb waren sich die beiden sympathisch und einig darin, daß man gar nicht rasch genug mit der Zusammenarbeit beginnen kann. Seit einem Jahr ist Wiktoria Borowych Vorsitzende des Vereins Sozialdemokratischer Frauen mit schon etwa 200 Mitgliedern allein in Wladimir. Auch wenn der Name nach Partei klingt, handelt es sich dabei um eine gemeinnützige Organisation, die landesweit für die Gleichstellung der Geschlechter eintritt und für Familien kämpft. Ein besonderes Anliegen ist der 31jährigen das Schicksal von krebskranken Kindern und deren Familien. Ein Kinderhospiz einzurichten, ist ihr Ziel, und erste Gespräche mit Krankenhäusern führt sie dazu schon. Ein weiteres Thema ist die Betreuung von werdenden Müttern – gleich welchen Alters -, um sie dazu zu ermutigen, ihr Kind zur Welt zu bringen. Und dann ist da noch dieser, wie Elisabeth Preuß weiß, auch in Deutschland gefährdete Teil der Bevölkerung, der zwar zum Mittelstand gehört, aber mit seinem Einkommen knapp über den Fördergrenzen liegt und stets befürchten muß, in die Sozialsysteme abrutschen zu können. Genug Themen, um sie möglichst bald in Erlangen zu vertiefen, und Wiktoria Borowych zögert denn auch nicht lange, die Einladung der Bürgermeisterin in die Partnerstadt anzunehmen.

Elisabeth Preuß und Jekaterina Alexejenko.
Man kann richtig neidisch werden, wenn man die Medienvielfalt in Wladimir erlebt – und das Interesse von Presse, Rundfunk und Fernsehen an der Partnerschaft. Eine ganze Handvoll von Sendern, darunter auch eine staatliche lokale Anstalt, nicht weniger Rundfunkstationen und ein knappes Dutzend von Zeitungen und Illustrierten berichten über alles, was so passiert. Und laden immer gerne Gäste aus Erlangen zum Interview ein. Eine ganze dreiviertel Stunde widmet der Privatsender Variant Geschichte und Gegenwart der Partnerschaft und gibt Elisabeth Preuß und Peter Steger reichlich Gelegenheit von den engen Beziehungen zu erzählen. Besonders schön dabei zwei Aspekte: Zum einen war Jekaterina Alexejenko, die Moderatorin, bereits im Vorjahr mit den Pfadfindern in Erlangen, weiß also, wovon sie spricht, und zum andern sind da die Anrufe von Zuschauern mit all den liebgewordenen Erinnerungen an Begegnungen mit Freunden aus der Partnerstadt. Man hätte die Sendezeit gut verlängern können. Wie auch immer. Die nächste Gelegenheit kommt bestimmt. Da ist auf die Wladimirer Medien Verlaß.

Olga Dejewa, Olga Chochlowa, Elisabeth Preuß, Jelena Owtschinnikowa und Ludmila Kondratenko.
Anders als das Bild vermuten läßt, endet der Tag nicht mit einem reinen Frauentreffen. Zum Abendessen waren auch die Ehemänner der drei Gastgeberinnen gekommen. Wieder so ein Zeichen der Verbundenheit, auch wenn sie die Partnerschaft nur vom Hörensagen kennen. Bisher zumindest. Und auch Olga Chochlowa, stellvertretende Vorsitzende der Wladimirer Regionalduma, kennt Erlangen noch nicht aus eigener Anschauung. Sie hatte mit Jelena Owtschinnikowa und Olga Dejewa im Januar zwar kommen wollen, konnte die Reise dann jedoch aus dienstlichen Gründen nicht antreten. Aber den Besuch wird sie sicher eines Tages nachholen. Es ist ja noch viel Zeit, wenn man einem der Trinksprüche folgt, in dem es hieß: “Wir trinken auf die nächsten 30 Jahre der Partnerschaft und auf all die Generationen, die nach uns die Früchte unserer Freundschaft ernten können!”
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