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Wenn man, von Cloppenburg kommend, nach Lüsche hineinfährt, liegt linker Hand ein kleiner Supermarkt, die letzte Einkaufsmöglichkeit im Dorf, gegründet 1957, nachdem sich Franz Sieve selbständig gemacht hatte. Noch heute kann man den fast 87jährigen mit seiner Frau Josephine noch regelmäßig im Geschäft antreffen, das eine der Töchter führt. Ein Wunder, ein großes Wunder, wenn man die Lebensgeschichte kennt, die ausreicht, um ganze Archive zu füllen und die so früh schon hätte zu Ende gehen können.

Josephine und Franz Sieve

Josephine und Franz Sieve

Franz Sieve, am 17. Dezember 1924 geboren, wuchs als Zweitältester mit neun Geschwistern auf einem Bauernhof in Lüsche, Kreis Vechta, auf und hatte gerade eine Bäckerlehre hinter sich, als er Mitte Januar 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Die halbjährige Ausbildung brachte ihn von Oldenburg über Groningen, in die Ukraine und nach Frankfurt an der Oder zum Truppenübungsplatz Wandern. Nach drei Tagen Heimaturlaub ging es via Potsdam wieder nach Wandern, wo Franz Sieve am 9. Juli 1943 den Einsatzbefehl für den Mittelabschnitt an der Ostfront erhielt. Lieber wäre er ja zur Marine gegangen, doch dafür brauchte er die Unterschrift des Vaters, der allerdings meinte, es sei besser, sein Sohn bleibe bei der Einheit mit all den Oldenburgern und Schulkameraden. Er konnte nicht wissen, was dem gerade erst 18jährigen alles bevorstand, zumal er bei Kriegsbeginn noch der festen Überzeugung war, bis seine Jungs an die Reihe kämen. sei längst schon wieder Frieden eingekehrt.

Paul und Franz

Doch zurück in die Heimat kamen später nur zwei der sechs Kameraden aus Lüsche: Franz Sieve und sein Schulfreund Paul, mit dem er auch die Lehre als „Teigaffe“ gemacht hatte. Paul, der so schlecht sah, daß er nicht einmal die größten Zielscheiben traf, hatte den ganzen Rückzug zu Fuß mitgemacht und sich schließlich in einem Waldstück bei Berlin versteckt, um sich den Amerikanern zu ergeben. Doch die lieferten die Soldaten von der Ostfront an die Sowjets aus, weshalb Paul behauptete, er habe am Rhein gekämpft. Also behielten ihn die Amerikaner bis sie keinen Nachschub mehr hatten für die Verpflegung der Gefangenen und jedem, der wollte, auf eigene Gefahr einen Entlassungsschein anboten. Franz wollte – und marschierte zu Fuß weiter bis nach Lüsche. Es sollte Jahre dauern, bis sich die Freunde wiedersahen, die beiden einzigen von sechs.

Zur Erinnerung an die Gründung

Franz Sieve gehörte zur 56. Infanteriedivision, Regiment 234, 5. Kompanie mit der Feldpostnummer 07176 B und wurde nach einer Kurzausbildung in Roslawl bei Smolensk am 27. Juli 1943 mit nur einem Karabiner in der Hand und denkbar mangelhaft ausgebildet am Oka-Abschnitt bei Orjol, etwa 150 km vor Moskau, ins Gefecht geschickt. Gleich zu Beginn des Einsatzes hieß es, Stellungen zu halten, die nicht mehr zu halten waren.„Wir hatten den Panzern und der Infanterie nichts entgegenzusetzen, weil wir keine schweren Waffen hatten“, erinnert sich der Veteran. Auch die zweite Stellung geriet bald unter schweren Panzerbeschuß. Eine Granate explodierte unmittelbar neben Franz Sieve. Der Aufprall verschüttet ihn fast im Sandwall – und ließ sein linkes Trommelfell platzen. Aber was war das angesichts des Umstandes, daß gerade einmal 16 Mann von seiner Einheit am Leben blieben? Mehre Tage suchte der versprengte Trupp hinter der Front nach dem Regiment, doch es war aufgerieben. Erst am 15. August trafen die Soldaten auf eine deutsche Einheit, der sie sofort angegliedert wurden, um neue Stellungen zu verteidigen. Mit 250 Mann bei einbrechender Dunkelheit – gegen 16 Panzer und nachrückende Infanterie. Ein Himmelfahrtskommando. Mit einem Gefreiten und einem Obergefreiten gelang es Franz Sieve, im letzten Moment den Graben zu verlassen. Ein Offizier wollte den „Feiglingen“ mit der Pistole in der Hand noch die Flucht vor dem Feind vereiteln, doch einer der drei hielt dem entgegen, man unterstehe gar nicht seinem Kommando und lasse sich von ihm nichts befehlen. Das Gemetzel nahm seinen Lauf.

Das Trio schlug sich über Wiesen und Felder durch und traf an einem Wegrand auf weitere drei Überlebende der Einheit, die bestätigten, daß wohl niemand außer ihnen durchgekommen sei. Die Wege trennten sich wieder. Erst nach drei
Stunden erreichten die drei das Dorf Dubrowa, voll mit deutschen Soldaten, die sich offenbar mit schwerem Gerät auf einen neuen Kampfeinsatz vorbereiteten. Den Neuankömmlingen war danach nicht zumute, sie folgten einem elementareren Bedürfnis und wollten erst einmal schlafen. In einem Heuschober am Rand des Dorfes fielen sie in so tiefen Schlaf, daß sie den Abzug der Deutschen gar nicht bemerkten, die vor ihrem Weitermarsch fast alle Häuser noch in Schutt und Asche gelegt hatten. Am Morgen war inzwischen die Sowjetarmee nachgerückt. Grund genug, erneut die Flucht zu ergreifen. Die beiden anderen hatten sich schon in den nahen Wald gerettet, doch Franz Sieve wollte nicht ohne Brotbeutel, Photoapparat (billig aber funktionstüchtig) und Karabiner mit Munition einfach ab durch die Mitte. Das blieb nicht unbemerkt. Ein etwa zwanzigköpfiger Trupp setzte den Flüchtenden nach, gab Schüsse ab, rief. Um schneller laufen zu können, ließ Franz Sieve den Brotbeutel und den Photoapparat fallen. Das hielt zwar die Verfolger zunächst auf, sollte sich aber später rächen. Den Photoapparat jedenfalls hätte der Oldenburger wohl besser in der Scheune gelassen, wie wir noch sehen werden.

Josephine und Franz Sieve

Im Wald fand Franz Sieve die beiden anderen nicht mehr, auf seine verzweifelten Rufe erhielt er keine Antwort. Sein Glaube, wieder auf der deutschen Seite zu sein, sollte sich aber schon bald als schlimmer Irrtum erweisen. Er kam auf seinem stundenlangen Marsch zu einem Bach, wo zwei Reiter auf ihn schossen. Weiter unten führte eine von einem Posten bewachte Brücke über das Gewässer. Fast wäre es Franz Sieve gelungen, das andere Ufer, unbemerkt vom Posten, zu erreichen, doch er hatte übersehen, daß nahe der Brücke Häuser standen, aus denen ihm nun zwei Dutzend Soldaten nachsetzten. Nach allem, was er gehört hatte, war es nun um ihn geschehen, denn der Feind mache keine Gefangenen, hieß es in der Propaganda. Und tatsächlich sah es nach dem Schlimmsten aus. Man zog ihn bis auf die nackte Haut aus und verteilte seine Sachen untereinander. Erst als einer der Sowjetsoldaten drohte, dem Deutschen mit einem Dolch das Gemächt abzuschneiden, schritt ein Offizier ein, wohl ein Tatare, der den eigenen Mann mit dem Gewehrkolben niederstreckte: „An diesen Mann habe ich bis heute oft gedacht und ihn meinen Lebensretter genannt.“

Der „Fritz“ wurde notdürftig mit alten Sachen eingekleidet, mit Schlägen traktiert und in das Dorf zurückgebracht, aus dem er geflohen war. Offenbar hatte er sich im Kreis bewegt. Nun ging die Befragung mit Hilfe eines Dolmetschers weiter. Vor allem wollte man wissen, wo die beiden Kameraden abgeblieben waren. Sogar im Wald mußte er unter Bewachung nach ihnen rufen. Sie sollten sich ergeben, weil sie es ohnehin nicht mehr zu den eigenen Linien schaffen würden. Doch die beiden meldeten sich nicht. Erst viel später, im ersten Lager, traf Franz Sieve den Obergefreiten Walter Thierfelder wieder, der ihm erzählte, daß sie sich ganz in der Nähe versteckt hätten. Er habe sich gut in der Gegend ausgekannt und meinte, man würde es noch bis zu den eigenen Leuten schaffen. Doch der Gefreite hatte bei der Flucht aus dem Dorf einen Kniedurchschuß erhalten und so viel Blut verloren, daß er nicht mehr laufen konnte. So beschlossen sie, sich anderntags gemeinsam zu stellen. Der verwundete Kamerad wurde erschossen, weil er den Fußmarsch in die
Gefangenschaft nicht mitmachen konnte…

In seinen Erinnerungen „Sechseinhalb Jahre hinter Stacheldraht“ heißt es an einer Stelle: „Die Zivilisten wollten wieder zurück in ihre Dörfer, von wo sie vor den Deutschen geflüchtet waren. Aber die Deutschen hatten auf ihrem Rückmarsch alles verbrannt, was nur brennen konnte. Ja, mußte das denn sein, dachte ich mir und konnte auch verstehen, daß sie auf mich so verhetzt waren.“ Andererseits: Was hatte er nach den wenigen Tagen Fronteinsatz damit zu tun? Wer Wahrheit und Gerechtigkeit sucht, darf freilich nicht in den Krieg ziehen.

Am 16. August 1943 begann um 6 Uhr morgens in Dubrowa bei Orjol eine Gefangenschaft, die Franz Sieve durch 25 Lager führte, darunter auch für einige Monate in das Lager Nr. 190, nach Wladimir. Davon – und warum man den Bäcker aus dem Oldenburger Land bis zu seiner Entlassung für einen Spion hielt – hier in Ihrem Blog. Wegen technischer Probleme möglicherweise später als gewohnt.

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