Tief bewegt zeigte sich Alexander Bersenjew, Chefpsychiater der Region Wladimir, als er vorgestern gemeinsam mit Wladimir Besrukow, dem Chef der regionalen Gesundheitsbehörde, in Gremsdorf vor dem Denkmal für die etwa 300 behinderten Menschen stand, die während der NS-Diktatur aus “rasse- und volkshygienischen” Gründen in Vernichtungslager geschickt wurden. Anerkennung und Respekt für diese Erinnerungskultur sprachen denn auch die Gäste dem Gesamtleiter der Behinderteneinrichtung, Günther Allinger, aus, der die grausam-inhumanen Spuren der Geschichte nicht verwischen will, sondern den Erlanger Künstler Dieter Erhard beauftragt hat, ein Mahnmal für die Opfer der “Herrenmenschen” zu schaffen, das mit seinen Gleisschwellen und den abgesägten Schienen an den längst verschwundenen Bahnhof an der stillgelegten Bahntrasse erinnert, von wo aus die Todestransporte begannen.

Wladimir Besrukow, Alexander Bersenjew und Günther Allinger vor dem Denkmal für die ermodeten Heimbewohner.
Das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Einrichtungen, 1895 vom Orden der Barmherzigen Brüder gegründet. Aber die Besucher aus Wladimir verbindet mit Gremsdorf eine ganz andere Geschichte: human, weltoffen, bunt und vielfältig. Das Projekt Lichtblick, Ende 1999 aus der Taufe gehoben und bereits 2002 von Bundespräsident Johannes Rau mit dem 1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland ausgezeichnet, ist von einer einzigartigen Dynamik geprägt, die bis heute Anstoß gibt für eine Vielzahl von gemeinsamen Initiativen: Deutschkurse für Fachkräfte aus der Psychiatrie in Wladimir, Praktika, Kunstausstellungen, Fachaustausch – bis hin zum Blauen Himmel. Eine fortwährende Erfolgsgeschichte mit immer neuen Fortsetzungen.
Vor allem aber hat diese Geschichte viele Figuren und Helden, Schauplätze und Episoden. Wenn man allein versuchen wollte festzuhalten, wer da alles mitspielt, vom BRK Erlangen-Höchstadt bis zur Erzdiözese Bamberg, von der WAB Kosbach bis zur Laufer Mühle, vom Bezirksklinikum am Europakanal bis zum Bayerischen Rundfunk mit seiner Aktion Sternstunden. Und es kommen immer mehr dazu: die Georg-Simon-Ohm-Hochschule sowie das Klinikum Nord in Nürnberg, die Psychiatrische Klinik in Erlangen oder die deutschlandweit agierende und international ausgerichtete gemeinnützige Organisation Erlebnistage, um eine Auswahl der deutschen Projektpartner zu bieten.

Gruppenbild mit Betreuerinnen und der Schutzheiligen St. Lucia in der KWAK, der Kleinen Werkstatt für Arbeit und Kreativität.
Und alles zur Verbesserung der Therapie von Menschen mit psychischen und psychiatrischen Behinderungen. Und da gab und gibt es noch immer viel zu tun, voneinander zu lernen. In Theorie wie Praxis. Als Leiter einer Klinik mit 700 Betten hat Alexander Bersenjew einen besonderen Blick fürs Praktische. Abgeschaut hat er sich etwa schon vor zwölf Jahren beim ersten Besuch in Gremsdorf die eigene Wäscherei. Seither spart er nach Anfangsinvestitionen für die vier Waschmaschinen und zwei Schleudern viel Geld, das er nun lieber für die Behandlung seiner Patienten einsetzt, von denen einige im Rahmen der Arbeitstherapie sogar in der Wäscherei helfen können. Aber, so klagt er, noch immer fehle es in Rußland an Einrichtungen für Menschen, die austherapiert sind, allerdings noch nicht auf eigenen Beinen stehen können. Noch immer gebe es nicht genug Angebote, um auch bei schweren psychischen Beeinträchtigungen allmählich an Beschäftigung und Kreativität herangeführt zu werden, wie etwa in der KWAK, wo man übrigens auch fleißig köstliche Elisenlebkuchen bäckt, die eigentlich erst am kommenden Sonntag beim ganztägigen Werkstattfest zu probieren sind.
Statt dessen viel zu viele behördliche Einschränkungen. So dürfen Behinderte unter keinen Umständen Lebensmittel verpacken, weil man ihnen die notwendige Hygiene nicht zutraut, und die Produkte der Werkstätten haben auf dem russischen Markt so gut wie keine Absatzmöglichkeiten, wenn überhaupt Aufträge hereinkommen. So entsteht Behinderung, so beweist sich der Satz: “Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.” Aber auch in Rußland soll das nicht so bleiben. Schon am 29. November wird Alexander Bersenjew in der Staatsduma zu Moskau bei einer Anhörung unter dem Vorsitz von Walentina Matwijenko, der Präsidentin des Föderationsrats, zum Thema Behinderte und Arbeit sprechen und dabei seine Eindrücke von dem Besuch in der Metropolregion Nürnberg schildern. Besser hätte man die Reise ja gar nicht terminieren können.

Wolfram Howein, Michael Kleiner, Jürgen Üblacker, Günther Allinger, Wladimir Besrukow, Alexander Bersenjew und Jürgen Ganzmann.
Bei allem Drang nach vorne ist die Stiftung Lichtblick nach wie vor das Rückgrat der Zusammenarbeit. Hier werden die Mittel gemeinsam verwaltet, hier fallen die Entscheidungen über die Schwerpunkte der Zusammenarbeit, hier stellt man die Weichen für die gemeinsame Zukunft mit Wolfram Howein als Projektkoordinator, Michael Kleiner für die Erzdiözese Bamberg, Jürgen Üblacker und Jürgen Ganzmann für das BRK Erlangen-Höchstadt, Günther Allinger für die Barmherzigen Brüder und Peter Steger (nicht im Bild, dafür am Auslöser) für die Stadt Erlangen. Was aus der internen Sitzung unter Leitung von Alexander Bersenjew und Günther Allinger nach draußen dringen darf und soll ist eine gute Botschaft: Die Mission ist erfüllt. Der Blaue Himmel, das vor drei Jahren eröffnete Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik, ist nun dank der administrativen Unterstützung von Wladimir Besrukow dem Psychiatrischen Krankenhaus in der Partnerstadt angegliedert, und es kommen ausschließlich Kinder zu der zweiwöchigen Reha-Therapie, die von Psychiatern dafür ausgewählt wurden, möglichst in Gruppen mit ähnlichen Krankheitsbildern wie etwa Autismus oder ADHS. Umso wichtiger, gerade jetzt den Fachaustausch und die Deutschkurse fortzusetzen.
Besonders wichtig auch, weil die Zusammenarbeit mit der Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg nun so richtig in Fahrt kommt. Bei den International Days vom 21. bis 22. November, an denen Referenten aus aller Welt teilnahmen, dominierten gestern die Beiträge aus Wladimir. Der Lehrstuhl für Psychologie der Staatlichen Universität war prominent vertreten durch dessen Dekanin, Olga Filatowa, die Dozentin Irina Tscherkassowa, sowie Jekaterina Wachromejewa, zuständig für internationale Zusammenarbeit, sowie die Studentin, Natalia Popkowa, und bot in vier Vorträgen Einblicke in Forschungsergebnisse auf der Grundlage der Kooperation mit dem Blauen Himmel.

Alexander Bersenjew, Olga Filatowa, Wolfram Howein, Irina Tscherkassowa, Natalia Popkowa, Wladimir Besrukow und Jekaterina Wachromejewa.
Alexander Bersenjew, seit September auch Inhaber des neugeschaffenen Lehrstuhls für Psychiatrie, wird dabei nicht müde, auf die Bedeutung der Arbeit mit Kindern hinzuweisen. “Was wir in der Kindheit versäumen, rächt sich später unerbittlich”, lautet sein Credo, wenn er darauf hinweist, daß fast 30% der Wehrpflichtigen wegen psychischer Störungen nicht einberufen werden. Wenn er beklagt, wie viele psychiatrischen Erkrankungen viel zu spät behandelt werden. Doch immerhin, führt er als Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium aus, sei das Thema nicht mehr tabuisiert wie noch zu Sowjetzeiten. 1992 hatte Boris Jelzin, Rußlands erster Präsident, einen Erlaß unterzeichnet, der Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nur unter strengen richterlichen Auflagen erlaubt. Seither sei auch in der Gesellschaft vieles besser geworden. Psychisch Kranke grenze man nicht mehr aus, abwertende Begriffe wie “Irrenhaus” tauchten nicht mehr in den Medien auf, die Stigmatisierung sei vorüber. Noch nicht überall, noch nicht in allen Köpfen, aber es habe sich viel geändert. Zum Guten.
Da ist es nur gut und richtig, nach dem Antrittsbesuch in der Erwachsenenpsychiatrie am Montag, nun auch noch die Kinderabteilung zu besuchen, wo sich Oberarzt Thomas Fehn die Zeit nimmt, die Station zu zeigen. Zu sehen gibt es da einiges. Der Gastgeber beklagt zwar die beengten Räumlichkeiten für seine 30 jungen Patienten, doch dafür gibt es hier ein Betreuungsverhältnis, von dem man in Wladimir nur träumen kann. Während im Universitätsklinikum an der Schwabachanlage sieben Fachärzte auf 30 Kinder kommen, sind es im Wladimirer Psychiatrischen Krankenhaus gerade einmal zwei Mediziner, die für die Therapie von 50 Jungen und Mädchen zuständig sind. Dafür sind die Verweildauern in Erlangen viel länger, im Schnitt drei Monate, während Alexander Bersenjew die Kinder nach der Behandlung der akuten Symptome seine kleinen Patienten gleich wieder in die Familien zurückschickt und sie weiter in der Tagesklinik therapieren läßt. Ansonsten gleicht sich das meiste bis hin zu den Medikamentengaben, wenn auch die Präparate unterschiedliche Bezeichnungen haben. Zwei Dinge freilich würden die beiden Gäste lieber heute als morgen noch bei sich einrichten, den Time-Out-Raum, wo sich die Kinder buchstäblich austoben können (oder müssen), und das Ruhezimmer, wo ein Wasserbett, besondere Beleuchtung und meditative Musik die Patienten zur Besinnung bringen.
Als dann am Abend Bürgermeisterin Elisabeth Preuß für die Gäste ein Essen gibt, herrscht Aufbruchstimmung. Noch nie konnte so vieles als gelungen gewertet werden, noch nie gab es so viele neue Pläne. Von denen soll hier erst wieder berichtet werden, wenn sie Gestalt annehmen. Helfen soll dabei weiter auch die Stadtverwaltung, ein Ersuchen, dem die Gastgeberin gerne entspricht. Und so darf sicher verraten werden, daß die Partnerschaftsarbeit mit Wladimir im Jahr 2013 vom Schwerpunktthema “Menschen mit Behinderungen” geprägt sein wird. Mit der ausgesprochen kompetenten Unterstützung durch Elisabeth Preuß, wie Wladimir Besrukow und Alexander Bersenjew anerkennend hervorheben.


































