
- Jurij Katz
Es gibt in ganz Wladimir niemanden, der so viel geleistet hat und noch immer tut für Familien mit schwerstbehinderten Kindern wie Jurij und Ljubow Katz. Selbst Eltern eines pflegebedürftigen Kindes, hat das Ehepaar 1995 die Selbsthilfeorganisation “Swet – Licht” gegründet, die in ihrer Wirkkraft auf Gesellschaft und Politik nur mit der Lebenshilfe zu vergleichen ist. Längst ist es dem Verein gelungen, das Rathaus von der Notwendigkeit der Behindertenarbeit zu überzeugen, und auch immer mehr Sponsoren aus der ganzen Region Wladimir lassen sich an ihre soziale Verantwortung erinnern. Die Sach- und Geldspenden werden derzeit besonders gebraucht, denn die gesamten, von der Stadtverwaltung im Erdgeschoß eines Wohnhauses bereitgestellten 180 qm Fläche sollen optimal genutzt werden als Beratungs- und Therapiezentrum sowie als Treff für etwa 70 Familien mit Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Man sieht es ihm an, wie glücklich Jurij Katz ist, wenn er dieses nächste Standbein seines Verbands vorstellt. Besonders ist er aber stolz auf die behindertengerechte Toilette, etwas, das es ansonsten in Wladimir bisher nur noch im Einkaufsmarkt Globus gibt.

Jurij Katz
A propos Globus. Das deutsche Handelsunternehmen gehört zu den Hauptsponsoren des Projekts, bei dem die Eltern in allen Dingen die Richtung vorgeben – bis hin zur Wahl der Farben in den einzelnen Zimmern. Und überhaupt ist Handanleben angesagt. Ein Freiwilliger arbeitet schon seit Wochen ehreamtlich mit, obwohl er selbst am Sonntag noch zusätzlich arbeiten muß, um seine Familie ernähren zu können. Wie wichtig die Sache ist, zeigt sich etwa an dem Unstand, daß man bereits jetzt zwei achtköpfige Gruppen für autistische Kinder geschaffen hat. Bei der pädagogischen Arbeit kann “Swet – Licht” im übrigen wiederum auf die Stadtverwaltung setzen, die für die Personalkosten der zwei Dutzend Lehrkräfte aufkommt. Jeder hilft eben, wie er kann. Auch Freunde aus Erlangen: Ein Apotheker, der ungenannt bleiben will, spendet schon seit Jahren für bedürftige Familien der Organisation monatlich 100 Euro und erhält dafür in regelmäßigen Abständen Rechenschaftsberichte. Und erst unlängst hat Wolfram Howein seine Aktion zu Gunsten von “Swet – Licht” ins Leben gerufen, zu der mehr zu lesen ist unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/07/20/ein-licht-fur-behinderte-kinder-in-wladimir/. Man muß gesehen haben, was da bewegt und möglich gemacht wird. Und wer es gesehen hat, wird das Projekt auch unterstützen.

Philipp Schütze und Sergej Sacharow
Oberbürgermeister Sergej Sacharow will alles genau wissen, den Dingen auf den Grund gehen, den Menschen zustehen und von ihnen lernen. Auch wenn er eigentlich ganz andere Pläne hatte, wie gestern morgen im Erlangen-Haus, wo es eigentlich nur um Interna dieses behaglichen Dachs der Partnerschaft gehen sollte. Die Gelegenheit, sich mit jungen Gästen seiner Stadt auseinanderzusetzen, läßt er sich denn auch nicht entgehen. Philipp Schütze kennen die Blogleser bereits als einen Pionier des Studentenaustausches und empfehlenswerten Blogger, den man hier finden kann: http://is.gd/whyxGo. Das Stadtoberhaupt interessiert bei dem Gespräch gar nicht groß das Lob an den Studienbedingungen – etwa den kleinen Seminargruppen und dem Komfort im Wohnheim -, vielmehr will Sergej Sacharow vom Gast, der sich bereits recht gewandt auf Russisch auszudrücken versteht, wissen, wo die Defizite liegen, was besser gemacht werden könnte. Vor allem scheint es da eine Informationslücke zu geben. Viel zu wenig, so der Geschichtsstudent, sei an der Friedrich-Alexander-Universität unter den Kommilitonen bekannt, daß es recht gute Studienmöglichkeiten in der Partnerstadt gibt. Damit nicht genug: Wladimir sei zu schwach in den Angeboten des Deutschen Akamdemischen Austauschdienstes vertreten und komme bei anderen Plattformen wie dem Erasmus-Programm faktisch gar nicht vor.

Alexander Rosenbusch, Sergej Sacharow, Ronja Conradt, Philipp Schütze
“Das muß sich ändern – und zwar möglichst bald”, meint dazu Sergej Sacharow und meint es ernst damit, will er doch aus Wladimir eine Wissenschaftsstadt machen, ein Vorhaben, das natürlich nur bei einem lebendigen Austausch über Fach- und Ländergrenzen hinweg möglich ist. Aber es gibt noch mehr zu besprechen, noch mehr Austauschmöglichkeiten, wie sie Ronja Conradt aus Jena nutzt, deren Zeit nach fast einem halben Jahr Arbeit im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres in zwei Wochen zu Ende geht. Bis heute weiß sie manchentags am Morgen noch nicht, womit sie sich tagsüber im Euroklub beschäftigen wird. Sicher immer mit sinnvollen Dingen wie Deutschkurse, Präsentationen, Auftritte in Schulen und Wettbewerbe, dafür häufig am Wochenende und manchmal noch immer in der Aufgabenstellung nicht ganz klar definiert. Aber das gehört eben auch zum interkulturellen Lernen. Was das angeht, hat Alexander Rosenbusch keinen Nachholbedarf, hat er doch russische Wurzeln und noch immer eine Großmutter in Rußland, die er dieser Tage mit seinem Freund Philipp Schütze besuchen will. Der übrigens hat vor seiner Entscheidung für Russisch und Wladimir dort erst einmal den russischen Alltag auf seine Verträglichkeit geprüft und für gut befunden. Aber das ist sicher bald einmal Thema im Blog wobistduphilipp, und es soll hier nicht zuviel vorweggenommen werden.

Peter Steger und Sergej Sacharow
Auch wenn es die altbekannten Probleme mit der Feuchtigkeit im Keller gibt, ist doch für Sergej Sacharow der Besuch im Erlangen-Haus ein angenehmes Heimspiel. Besonders, wenn er von 70% Auslastung des Gästetrakts während des Sommers hört und erfährt, daß man bei der Hörerzahl wieder an die Zweihundertergrenze kommt und zwei zusätzliche Gruppen vorsieht. Besonders, wenn die Geschäftsführerin Irina Chasowa berichten kann, daß man noch in diesem Herbst den Beamer im Mehrzweckraum dazu nutzen will, um regelmäßig deutsche Filme zu zeigen, die anschließend auch gleich vor Ort diskutiert werden könnten. Besonders, wenn von zu referieren ist, daß das Goethe-Institut die Zusammenarbeit mit dem Erlangen-Haus weiter auszubauen vorhat. Da kommt die Spende von den Computerfreunden Poxdorf, die nach ihrer Auflösung die Hälfte des Vereinsvermögens für die technische Ausstattung der Klassenräume zur Verfügung stellen, gerade zur rechten Zeit.

Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, Anna Makarowa, Irina Chasowa, Wiktor Malygin
Engagement und Erfolg der Sprachlernzentren werden vom Goethe-Institut belohnt. Technische Aufrüstung durch interaktive Tafeln erhält einen Zuschuß von bis zu 20%, und das Goethe-Institut trägt den Transport sowie künftig anfallende Wartungskosten. Großzügig wirklich und allen Dankes würdig! Eines Tages wird sich dann vielleicht auch ohne große interne Bürokratie ein Freundeskreis bilden, wie das in Erlangen der Fall war, ein Gremium, das in größtmöglicher Eigenständigkeit Programme entwickelt oder etwa bei der Betreuung und Unterbringung von Gästen mithilft. Ideen und Anregungen sind da höchst willkommen. Denn die Partnerschaft kann jeden brauchen, so wie sie auch für jeden da sein will.

Helmut Schmitt und Sergej Sujew
Wenn es um die Zusammenarbeit mit Erlangen, dieser so “beispielhaften und einzigartigen Partnerschaft”, geht, sieht Sergej Sacharow nicht auf die Uhr. Helmut Schmitt, Erlangens offizieller Gesandter zum Stadtfest, kommt zwar deshalb erst zur Wandlung in die Rosenkranzkirche, aber erstens ist er vom gleichen Schlag, und zum zweiten erhält er beim Gespräch mit Pfarrer Sergej Sujew unerwartete Entschädigung im Angesicht der Wladimirer Gottesmutter. Die nämlich hat eine ganz besondere Bedeutung für den überzeugenden Katholiken. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt: Zu seinem zwölften Geburtstag schenkte Otto Rauh, Jugendkaplan der Herz-Jesu-Gemeinde in Erlangen, dem Ministranten Helmut Schmitt eine kleine Kopie dieser Ikone. Damals hatte der Beschenkte natürlich noch gar keine Vorstellung von Wladimir und der Ikonenmalerei. Erst 1983 sollte sich diese Wissenslücke schließen, in dem Jahr, als die Partnerschaft ihren so erfolgreichen Lauf nahm. 1985 dann kam der Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes zum ersten Mal nach Wladimir. Die Reise zum Stadtfest ist seine elfte… Und die Abbildung der Muttergottes von Wladimir hängt heute in seinem Arbeitszimmer zu Hause. Symbolhafter geht es fast nicht mehr.

Swetlana Melnikowa, Helmut Schmitt, Alissa Axjonowa
Dieses Wochenende wird noch öfter Anlaß zum erfreulichen Rückblick geben. Wir wollen es deshalb für den aktuellen Eintrag dabei bewenden zu lassen, noch kurz vom Besuch im Landesmuseum Wladimir – Susdal zu berichten, das Fachleute zu den zehn besten europaweit rechnen. Warum, vermag niemand so recht zu sagen, aber abgesehen von drei Ausstellungen, die im Lauf der vergangenen 28 Jahre vom Landesmuseum an der Kljasma den Weg zum Stadtmuseum an der Regnitz gefunden haben, ist es nie so zu einem Fachaustausch gekommen. Ein weißer Fleck auf der Karte der Partnerschaft. Ein Fleck, der nun der Vergangenheit angehört, denn im Oktober kommen die ersten beiden Museumspädagogen aus Wladimir nach Erlangen, und dann wird es sicher munter weitergehen, zumal ja schon das dreißigjährige Jubiläum in greifbare Nähe rückt. Ein beharrlich verfolgtes Ziel von Alissa Axjonowa, der Grande Dame Wladimirs, ist damit von einer Frau erreicht, die nicht nur über fünf Jahrzehnte der Wladimirer Museumslandschaft ihren Prägestempel aufgedrückt hat, sondern die auch einst – heute ist sie Präsidentin des Museums - an der Wiege der Städtepartnerschaft stand, als in den Parteigremien über die Aufnahme von Beziehungen zu Erlangen entschieden wurde. Eine Tradition, an die Swetlana Melnikowa, Nachfolgerin von Alissa Axjonowa auf dem Posten der Direktorin, gerne fortsetzen will. Da ist es fast nur noch Formsache, eine Einladung an beide Museumsdamen für das nächste Jahr auszusprechen, um dann vielleicht schon eine Ausstellung in der renovierten Orangerie vorzudenken. Noch weit hin, aber die Zeit vergeht schnell. Besonders in der Partnerschaft mit ihrer ungebrochenen Eigendynamik, getrieben von Menschen mit inspirierender Phantasie und unermüdlichem Schaffenswillen im Geist des Lyrikers Sergej Jessenin, der in jedem Abschied ein baldiges Wiedersehen erkannte: “Auch wenn die Trennung uns bestimmt, / uns niemand je die Hoffnung nimmt.”
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