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Mit ‘Behindertenarbeit Rußland’ getaggte Artikel


Heute feiert in Kosbach jemand einen runden Geburtstag, ohne deren ebenso stilles wie allgegenwärtiges Mitwirken – oft im Hintergrund – das Projekt Lichtblick, also der Austausch zwischen Einrichtungen für Menschen mit psychischen Behinderungen in Erlangen und Wladimir, um eine wesentliche, zutiefst humane Facette ärmer wäre: Edith Hirl. Noch in Kriegszeiten geboren, lernte sie von Kindheit an am eigenen Leib kennen, was Entbehrungen und Not bedeuten. Mehr noch, eine schwere Hörbehinderung drohte, ihren Lebensweg erheblich zu erschweren. Doch die Jubilarin begriff diese eigenen Einschränkungen als Aufruf, selbst anderen zu helfen, die um eine volle Teilhabe am Leben kämpfen müssen. Im Alter von 40 Jahren und als dreifache Mutter machte die gelernte Erzieherin deshalb noch eine Zusatzausbildung zur Heilpädagogin und eröffnete zusammen mit ihrem Mann Leonhard am 1. 1. 1984 die WAB (Wohnen Arbeiten Betreuen) in Kosbach. Was damals mit vier Bewohnern begann, hat sich heute zu einem kleinen Kosmos entwickelt, wo es in Erlangen und im Landkreis mehr als einhundert stationäre und 26 ambulante Wohnplätze für psychisch erkrankte Menschen gibt. Was heute in aller Munde ist, die Inklusion, wurde in Kosbach vor fast drei Jahrzehnten schon erfolgreich ins Werk gesetzt: die möglichst umfassende Teilhabe an allen Bereichen des Lebens.

Edith und Leonhard Hirl.

Edith und Leonhard Hirl.

Im Namen all der vielen Hospitantinnen aus Wladimir, die in den Einrichtungen der WAB neue Erfahrungen sammeln konnten, gratuliert der Blog dem Geburtstagskind ganz herzlich, verbunden mit dem aufrichtigen Dank für die gastliche Aufnahme und fürsorgliche Betreuung, für die fachkundige Anleitung und die aufrichtige Verbundenheit. Schon im Sommer übrigens kommen wieder Gäste aus Wladimir nach Kosbach. Und im Herbst sollen Fachleute der WAB Wladimir besuchen. Der Austausch geht also weiter. Dank Menschen wie Edith Hirl.

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Mehr als vierzig junge Menschen mit Behinderung gehören bei der Selbsthilfeorganisation Swet zur Musikgruppe. Aus Platzgründen konnte am gestrigen Freitag nur ein kleiner Teil von ihnen zum Auftakt des Seminars “Beispiele für erfolgreiche Umsetzung der Rechte von Behinderten auf Teilhabe” ins Erlangen-Haus kommen. Aber für gute Stimmung sorgten sie dennoch!

Musikgruppe Swet im Erlangen-Haus.

Musikgruppe Swet im Erlangen-Haus.

Zusammenarbeit im Bereich der Behindertenarbeit gibt es in der Partnerschaft seit den frühen 90er Jahren, doch ein derart intensiver fachlicher Austausch, an dem sich auch die politische Spitze beider Städte beteiligt, ist neu. Und soll fortgesetzt werden. Jelena Owtschinnikowa, “Sozialbürgermeisterin” Wladimirs, ist sich da mit ihrer Kollegin, Elisabeth Preuß, einig. Besonders will man sich für die Inklusion von behinderten Kindern einsetzen. Von denen gibt es etwa eintausend in Wladimir – bei insgesamt 53.000 Kindern -, von denen wiederum 67 so schwer behindert sind, daß sie bislang nur zu Hause am Bildschirm unterrichtet werden können. Wenn es nach Jelena Owtschinnikowa geht, sollen aber auch diese Kinder bald die Möglichkeit haben, wie alle anderen eine Schule zu besuchen. Dabei muß man wissen, daß es bis 2001 ein Gesetz gab, das bei der Diagnose “nicht beschulbar” die Kinder aus dem Unterricht ausschloß. Aufgehoben wurde diese Vorschrift erst auf Betreiben von Eltern mit behinderten Kindern. Auch Ljubow Katz, selbst Mutter eines mittlerweile 29jährigen behinderten Sohnes, hatte sich damals schriftlich in der Sache an den Präsidenten gewandt. Erfolgreich!

Tatjana Kirssanowa und Elisabeth Preuß bei dem Behinderten-Seminar im Erlangen-Haus.

Tatjana Kirssanowa und Elisabeth Preuß bei dem Behinderten-Seminar im Erlangen-Haus.

Als den größten Erfolg ihrer Arbeit sieht das Ehepaar Ljubow und Jurij Katz, die Gründereltern der Selbsthilfegruppe Swet, freilich die Veränderung in den Köpfen. Noch vor fünf oder zehn Jahren habe man in Wladimir Behinderte auf der Straße angestarrt wie einen Elefanten, nun drehe sich niemand mehr um. Und Jelena Owtschinnikowa berichtet begeistert vom Fach Toleranz, das in Kindergärten und Schulen helfe, den Umgang mit dem Anderssein als normal und selbstverständlich einzuüben. Auch die Politik nimmt das Thema ernst: Wladimir ist die erste Region, die ab dem kommenden Jahr eine Vergütung im Fall einer Pflegschaft für Familienangehörige, gleich ob Kinder oder alte Menschen, behindert oder krank vorsieht. Dem gegenüber stehen freilich auch erschreckende Zahlen: 80% der Väter verlassen ihre Familie, wenn ein behindertes Kind geboren wird! Nur ganze 4% beteiligen sich an der Pflege. Und es gibt, bedingt durch die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik, immer mehr Abtreibungen im Fall einer Behinderung.

Nikolaj Romanow, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Elisabeth Preuß und Ljubow Katz mit Kindern im Erlanger Zimmer.der Frühförderstätte.

Wiktor Tschukajew, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Elisabeth Preuß und Ljubow Katz mit Kindern im Erlanger Zimmer.der Frühförderstätte.

Dennoch: Thomas Grützner, Behindertenbeauftragter der Stadt Erlangen, und Leonhard Hirl, der Altmeister in Sachen “Betreutes Wohnen” für Menschen mit psychischen Behinderungen, sind begeistert von dem, was sie bei dem Seminar, wo sie natürlich auch selbst sprechen, in fünf Referaten von ihren russischen Kollegen hören. Und vor allem von dem, was sie nach der Mittagspause mit eigenen Augen sehen. Zum Beispiel das mit Spenden aus der Partnerstadt eingerichtete ”Erlanger Zimmer” im Zentrum für Frühförderung, wo Eltern für ihre behinderten Kinder alles geschaffen haben, was für deren Entwicklung notwendig ist, von der Logopädie bis hin zur Bewegungstherapie, wo es Rechtsberatung ebenso gibt wie Platz für gemeinsame Feiern. Alles in Räumlichkeiten, die von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt, aber mit ehrenamtlichen Kräften und mit der Hilfe von Sponsoren renoviert und eingerichtet wurden.

Elisabeth Preuß in der Schule des Lebens.

Jurij Katz, Leonhard Hirl, Thomas Grützner, Ljubow Katz und Elisabeth Preuß in der Schule des Lebens.

Besonders eindrucksvoll die “Schule des Lebens”, in einem anderen Gebäude untergebracht, wo in Kleingruppen geübt wird, wie man für sich selbst sorgt: Putzen, Waschen, Kochen, Aufräumen, aber auch Basteln stehen auf dem Lehrplan. Immer gemeinsam, immer in einer familiären Atmosphäre. Und immer gern zur Freude anderer, denn, was da gerade mit viel Sorgfalt entsteht, ist eine ganze Serie von Glückwunschkarten.

in der Schneiderei.

Elisabeth Preuß, Ljubow Katz, Ludmila Nikolina, Leonhard Hirl, Jurij Katz und Thomas Grützner in der Näherei.

Eine sinnvolle Beschäftigung bietet auch die Näherei. Bis zu sechs Plätze sind hier jeweils für vier Stunden besetzt. Dann ist Schichtwechsel. Länger halten die jungen Leute wegen ihrer Beeinträchtigungen nicht durch. Und sie sollen ja auch noch etwas anderes lernen: in Würde zu leben, möglichst selbständig. Alle hier haben eine abgeschlossene Ausbildung hinter sich, finden aber in der freien Wirtschaft keine Stelle. Also nähen sie für die Verkaufsausstellungen, die Swet regelmäßig organisiert. Aus dem Erlös wird wieder Stoff gekauft, und die Jugendlichen erhalten eine kleine Gratifikation.

In der Probewohnung.

In der Probewohnung.

Wenn die Pädagogen von Swet jemanden für reif halten, bereits auf eigenen Beinen zu stehen, schlagen sie die Person für die Wohngruppe vor. Ein mittelständischer Unternehmer hat der Selbsthilfeorganisation seine ehemaligen Geschäftsräume kostenlos überlassen, die nach einer Renovierung und der Ausstattung mit gespendeten Möbeln nun immer für einen Monat zum Zuhause auf Probe für Vierergruppen geworden sind. Unter Anleitung einer Sozialarbeiterin gestalten die jungen Leute ihren Alltag selbst, schaffen sich eine Struktur und bereiten sich auf ein selbstbestimmtes Leben vor. Auf Dauer. Dafür wird ab März eine Sechszimmerwohnung hergerichtet - mit einem über die Partnerschaft vermittelten Zuschuß der katholischen Hilfsorganisation Renovabis in Höhe von 50.000 Euro! -, die betreutes Wohnen, ein für Rußland bisher einmaliges Projekt, ermöglichen soll. In den zwei Jahrzehnten segensreicher Tätigkeit sind nämlich aus den ersten Kindern mit Behinderungen junge Erwachsene geworden, die früher oder später auch mit der Frage konfrontiert werden, was aus ihnen werden soll, wenn die Eltern einmal selbst Hilfe brauchen, erkranken, sterben. Dafür die Wohnung und dafür schon im nächsten Jahr der Bau eines Hauses, für das die Stadt bereits ein Grundstück bereitgestellt hat. Und dafür Respekt und Anerkennung dem Ehepaar Ljubow und Jurij Katz sowie all ihren Mitstreitern aus Swet, der Stadtverwaltung und den vielen Spendern und Unterstützern aus Wladimir und Erlangen.

Natalia Korssakowa,

Natalia Korssakowa, Elisabeth Preuß, Irina Chasowa und Nadja Steger im Deutsch-Kurs.

Eine ganz andere Schule des Lebens findet man abends im Erlangen-Haus, wenn all die Sprachkurse für die 200 Deutschlernenden auf den verschiedenen Stufen beginnen. Die Gäste aus Erlangen haben dieses Mal ein Geschenk mitgebracht, das richtig Freude aufkommen läßt: German Hacker, 1. Bürgermeister von Herzogenaurach, hat seine Mitarbeiterin, Nadja Steger, die angenehme Aufgabe übertragen, in seinem Namen den Deutschkursen im Erlangen-Haus ein Erlangen-Monopoly zu überreichen. Eine schöne Geste von jemandem, der Wladimir bisher noch nicht aus eigenem Erleben kennt, ein schönes Geschenk, das die spielerische Beschäftigung mit Erlangen ermöglicht. Ein herzliches Dankeschön dafür von Wladimir nach Herzogenaurach oder besser: спасибо большое!

P.S.: Im Museum im Amtshausschüpfla zu Erlangen eröffnet heute um 11.00 Uhr Stadträtin Gabriele Kopper die Ausstellung mit Ostereiern aus Wladimir. Nicht vergessen, weitersagen und nachlesen unter: http://is.gd/xxSP3N

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Über Swet (Licht), eine 1995 gegründete Initiative von 800 Elternpaaren mit behinderten Kindern aus elf Städten der Region Wladimir, wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. Im Freundeskreis Wladimir warb ich im Herbst 2011 um Spenden für die Elterninitiative, woraufhin bis Januar 2012 bei den Barmherzigen Brüdern in Gremsdorf ein Betrag von 2000 € aufgelaufen war.

Spendenübergabe: Ljubow Katz, Anna Makarowa, Wolfram Howein.

Bei meinem Besuch in Wladimir im Februar 2012 konnte ich dieses Geld dann an Swet übergeben. Anlass war die Einweihung eines neuen Therapie- und Beratungszentrums in der Partnerstadt, was Gelegenheit gab, auch die Wladimirer Öffentlichkeit von dieser Spende in Kenntnis zu setzen.

Das Erlangen-Zimmer

Bei meinem jüngsten Besuch Anfang Oktober konnte ich mich nun vor Ort davon überzeugen, was aus der Spende geworden ist. Ein großes Zimmer des Zentrums, das für die Therapie behinderter Kinder und Jugendlicher vorgesehen ist, wurde mit der Spende eingerichtet und „Erlangen-Zimmer“ genannt. Eine Sprossenwand ist installiert, und man hat großflächige Körper aus strapazierfähigem Plastikmaterial angeschafft, mit dem die Kinder nicht nur spielen können, sondern mit denen sie auch therapiert werden.

Zahlenpuzzle

So sind z. B. die großen Plastikrollen geeignet, stark gehbehinderten Kindern, mit den Händen abgestützt auf der Rolle, die Benutzung der Beine zu ermöglichen. Des Weiteren wurde ein großer Beutel mit Schaumstoff-Puzzle-Teilen angeschafft, um auch die geistigen Fähigkeiten trainieren zu können. Mein Eindruck ist, dass das Geld bei Swet gut angekommen ist und dass auch weitere Engagement auf fruchtbaren Boden fallen wird.

Korridor im Flur

Das neueste Vorhaben, für das um Unterstützung gebeten wird, ist die Einrichtung von Wohnungen  für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, deren  Eltern nicht mehr in der Lage sind zu unterstützen. Gerade in der Situation, wo die Eltern verstorben sind oder altersbedingt oder aus anderen schwerwiegenden Gründen nicht mehr zur Verfügung stehen, kann dank dem Projekt eine Unterbringung der Kinder oder jungen Erwachsenen in geschlossenen Anstalten verhindert werden. Zudem dürften nach Berechnungen von Swet die Kosten für die Betreuung der Behinderten durch diese Maßnahmen deutlich niedriger als in geschlossenen Einrichtungen liegen.

 Wolfram Howein 

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Fragt man Jurij Katz, der vor siebzehn Jahren gemeinsam mit seiner Frau Ljubow, die Initiative “Swet – Licht” für Eltern mit schwerbehinderten Kindern gegründet hat, wie viele Menschen seine Selbsthilfeorganisation betreut, greift er gern zur Symbolik der Blume, dem Emblem des Vereins. Die 30 Blütenblätter stehen für je ein Programm, das angeboten wird, von Hypotherapie bis zur juristischen Beratung. Das eine zugeschnitten auf einen eher kleinen Kreis von Kindern mit besonderen Behinderungen, das andere ein Service für alle 30.000 Behinderten der Region Wladimir, um nur zwei Bereiche herauszunehmen. Allein in der Partnerstadt sind es mehr als 800 Familien, deren Kinder von Swet betreut werden. Familie ist denn auch das Stichwort, denn deren Bund fürs Leben zerbricht oft am Schicksal eines behinderten Kindes, weshalb das Augenmerk gerade der Unterstützung von betroffenen Eltern gilt. Dabei ist die Organisation, die ursprünglich nur in den ersten Lebensjahren eines Kindes Hilfe anbieten wollte, heute für Behinderte aller Altersstufen offen und gilt damit landesweit als beispielgebend.

Wolfram Howein, Elisabeth Preuß, Jurij Katz

Jurij Katz nutzt seinen Besuch in dieser Woche dazu, alte Freunde wiederzusehen und neue zu gewinnen – für sich und vor allem seine großartige Sache. Bei Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, zuständig im Erlanger Rathaus unter anderem für Fragen der Inklusion, muß der Gast freilich nicht lange werben. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, wissen, wovon sie sprechen. Im Unterschied zu breiten Teilen der Politik und Öffentlichkeit hier wie dort: “Inklusion betrifft alle”, meint dazu die Gastgeberin, “aber noch längst nicht alle wissen, wie sehr es sie persönlich betrifft”, ergänzt Jurij Katz, der drei Hochschulabschlüsse vorweisen kann. Der gelernte Ingenieur studierte nach der Geburt des schwerbehinderten Sohnes vor 28 Jahren und der Gründung des Vereins zunächst zusätzlich Pädagogik, und, weil es damit bei seiner Arbeit noch längst nicht getan ist, erwarb er im Vorjahr auch noch ein Diplom als Jurist. Nun möchte der Vorkämpfer für ein gleichberechtigtes Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten möglichst rasch ein Kooperationsprojekt im Bereich Inklusion beginnen, den mit der habe man dank medizintechnischer Unterstützung aus Erlangen bereits seit mehr als zehn Jahren gute Erfahrungen gemacht. Mit Hilfe von über Vermittlung des Kinderschutzbundes seitens Siemens gespendeter Geräte konnten nämlich schon etwa 30 Kinder mit eingeschränkter Hörfähigkeit in den normalen Schulbetrieb inkludiert werden. Ein Experiment, das gegen den anfänglichen Widerstand der “Fachleute” gelungen ist, lange bevor der Terminus Inklusion auf die Agenda kam und heute exemplarisch für ganz Rußland.

Daniela Lade, Jurij Katz

Im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das Jurij Katz bereits bei seinem ersten Besuch vor gut vier Jahren kennengelernt hatte, trifft er Daniela Lade, die das gleiche Ziel verfolgt: ein gleichberechtigtes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen. Der Gast geht allerdings einen Schritt weiter und plädiert dafür, die Beratung nicht alleine Behinderten zu überlassen, auch wenn die aus eigener Erfahrung sicher über mehr Empathie verfügen. Wichtig sei aus seiner Sicht neben der professionellen Hilfestellung auch die Öffnung für Nichtbehinderte, ganz so wie ja auch Betriebe verpflichtet seien, einen bestimmten Anteil von Behinderten zu beschäftigen. Ganz pragmatisch sieht er die Sache: “Entscheidend ist die Qualität der Beratung, gleich ob die ein Behinderter oder Nichtbehinderter anbietet”, lautet sein Credo. Auch Daniela Lade will keine Abstriche bei der Qualität machen, hält aber entgegen, gerade in den oft schwierigen Lebenslagen von behinderten Menschen schaffe die gemeinsame Betroffenheit ein besonderes Klima des Vertrauens und Verstehens. Man kann davon ausgehen, daß der Dialog fortgeführt wird. Jurij Katz verspricht jedenfalls wiederzukommen, um zu sehen, wie sich die Inklusion von Nichtbehinderten im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Zukunft entwickelt.

Bevor es am Nachmittag mit seinem Freund Wolfram Howein zu den Barmherzigen Brüdern nach Gremsdorf geht, besucht Jurij Katz noch einen Spender, der seit Jahren mit monatlich 100 Euro die Organisation Swet unterstützt, aber anonym bleiben möchte. Jetzt überlegt der Pharmazeut, einmal Wladimir zu besuchen, um selbst zu sehen, was mit seiner Hilfe alles an Gutem bewirkt wurde. Wolfram Howein, selbst ein großzügiger Förderer der Arbeit von Jurij Katz, könnte da viel zeigen. Auch viel von dem, was noch zu tun ist. Gemeinsam. Mit Behinderten und Nichtbehinderten. In Erlangen und in Wladimir. Mitstreiter willkommen!

Mehr zu Swet – viel mehr! - unter Eingabe von “Jurij Katz” in der Suchmaske oben rechts.

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Kerzen von Swet

“Ich bin das Licht der Welt”, heißt es bei Joh 8,12, und es ist sicher keine zufällige Assoziation, wenn in diesen vorweihnachtlichen Tagen die Selbsthilfeorganisation “Swet – Licht” mit einer neuen Aktion auf die schwierige Situation von schwerstbehinderten Kindern aufmerksam macht. Das Wladimirer Pendant zur deutschen Lebenshilfe hat nämlich Jungen und Mädchen, denen man früher attestiert hätte, sie seien zu nichts nütze und nicht beschulbar, gelehrt, Kirchenkerzen zu ziehen. Die Pädagogen sind stolz auf ihre Schützlinge, denn gerade diese Kunst erfordere hohes handwerkliches Geschick. Bisher sind die Kerzen nur für den liturgischen Gebrauch bestimmt und fanden bereits den priesterlichen Segen. Schon aber gibt es Überlegungen, Kerzen auch als Andenken für Touristen und Freunde der Elterninitiative herzustellen.

Wolfram Howein und Jurij Katz, Gründer von Swet.

Da darf man an einen besonders engen Freund aus Erlangen denken, an Wolfram Howein, der heute Geburtstag feiert und sich das Wohl der Kinder von “Swet” wie kaum jemand angelegen sein läßt. Der Blog kann ihm zwar keinen Geburtstagskuchen mit Kerzen backen, aber des Jubilars Augen leuchten sicher noch viel heller angesichts dessen, daß auf seinen Spendenaufruf zugunsten von “Swet – Licht” hin mittlerweile fast 2.000 Euro eingegangen sind. Wer noch etwas dazulegen möchte, ist herzlich eingeladen, dies zu tun und sich unter http://is.gd/RHIYNL näher über das Projekt zu informieren. Und wer genauer wissen möchte, was Wolfram Howein ganz nebenher noch so alles für die Partnerschaft leistet, klicke http://is.gd/fz7WiB an und staune.

С днём рождения, дорогой Вольфрам!

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St. Nikolaus im ersten Schnee

“Sei gegrüßt, lieber Nikolaus, wieder gehst du von Haus zu Haus, alle Kinder lieben dich, warten schon und freuen sich. Teilst du dann deine Gaben aus, danke schön, danke schön, lieber Nikolaus!” Wenn man jetzt, am frühen Morgen, lange vor Sonnenaufgang, aus dem Fenster sieht, entdeckt man auch in Erlangen erste Spuren von Schnee, der in unserer kindheitsgeprägten Vorstellung doch so unbedingt zur Vorweihnachtszeit gehört, besonders zum Fest des Hl. Nikolaus. Wer am vergangenen Samstag einen Bummel durch die Fußgängerzone machte, konnte im calvinistisch-kalten Erlangen auch die herzerwärmende Botschaft des Bischofs aus Kleinasien vernehmen, die sich so wohltuend absetzt von der abgefeimt den Regeln des Marktes unterworfenen ”Mission” der nun allüberall präsenten, in ausgeliehene rote Bademäntel gewandeten Weihnachtsmänner. Doch nicht um Stil- und Kulturkritik soll es heute gehen, sondern um ein gutes Werk, das am Samstag vor dem zweiten Advent getan:

Der Nikolaus-Stand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Vorstand Erlangen, macht aufmerksam auf die Kommerzialisierung der christlichen Traditionen und sammelt für Swet, die Elterninitiative für behinderte Kinder in Wladimir.

Rolf Bernard und Jutta Schnabel mit "Nikolaus"

Strahlend schien die Sonne noch als die ehrenamtlichen Mitglieder des Erlanger Dekanatsvorstandes des BDKJ ihren Info-Stand in der Fußgängerzone aufbauten. Mit Schokoladen-Nikoläusen machten sie aufmerksam auf den Mißbrauch christlicher Traditionen im Weihnachtsgeschäft. Nicht der von Coca-Cola zu Werbezwecken und zur Umsatzsteigerung erfundene Weihnachtsmann, sondern der Heilige Nikolaus von Myra soll  uns am 6. Dezember daran erinnern, daß nicht Konsum und Einkaufsrausch Ziel unserer Vorfreude auf Weihnachten sein sollten. Vielmehr ist es ein Gebot der christlichen Nächstenliebe, sich an jene Mitmenschen zu erinnern, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen oder diskriminiert werden.  Deshalb wurden die Schokoladen-Nikoläuse nicht einfach verschenkt, sondern die Passanten sollten aktiv mitmachen. Wer sich am Wurfspiel, am Quiz oder bei den „Überraschung-Wichteln“ beteiligte, konnte einen kleinen Nikolaus mitnehmen. Nicht ohne die Aufforderung, eine Spende zu geben für die Elterninitiative „Swet – Licht“ in Wladimir. Das Ehepaar Jurij und Ljubow Katz kümmert sich seit 1995 intensiv um Familien mit behinderten Kindern und ist gerade dabei - hoffentlich mit Hilfe der Stadtverwaltung in Wladimir -, eine Wohnung zu einem Treffpunkt für Behinderte und deren Eltern auszubauen.  Wer dafür direkt spendete, erhielt einen „großen Nikolaus“.

Bitte anklicken und wirken lassen!

Es soll nicht ein schlechtes Zeichen gewesen sein, daß sich am Nachmittag der Himmel verdunkelte  und auch die Spendenbereitschaft nachließ. Es soll auch nicht symbolische sein, wenn die derzeitige politische Lage in Rußland manch dunkle Wolke am Himmel erscheinen läßt. Die gespendeten  knapp 200 Euro sind jedenfalls ein Zeichen für die Solidarität mit benachteiligten Menschen in Wladimir. Und das trotz Drohgebärden aus Moskau und gewisser Behörden  in Richtung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Es ist ein Zeichen dafür, daß die Menschen in Wladimir von uns nicht allein gelassen werden, nicht jedenfalls von den Kirchen, demokratischen Organisationen und Bürgern in Erlangen.

Rolf Bernard

Wer am Samstag nicht am Stand des BDKJ vorbeigekommen ist und dennoch etwas für Swet tun möchte, kann dies gerne jederzeit nachholen. Der heutige Nikolaustag, an dem wir auch zwei Jubilaren, Karin Günther und Robert Niersberger, gratulieren können, die besonders viel für die Partnerschaft mit Wladimir tun, bietet Gelegenheit, dies nachzuholen. Wie das geht und mehr von Swet erfahren Sie unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/11/07/mehr-licht-mehr-swet/

Und noch ein P.S.: In der Erlanger Stadtbibliothek wurde gestern eine Austellung über die Ausgrabungen in Myra, der Heimat von St. Nikolaus, eröffnet.

P.P.S: Der Weihnachtsmann ist keine Erfindung von Marketingstrategen zur weltweiten Verbreitung der schwarzen Koffeinlimonade aus den USA. Vielmehr gibt es den “Santa Claus” seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland, vornehmlich in protestantischen Gegenden als Gegenstück zum katholischen Christkind. Ob man an sie glaubt oder nicht, ist also eher eine Sache der Konfession als der Nationalität.

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“Swet” bedeutet im Russischen “Licht” und findet sich auch in dem beliebten Mädchennamen Swetlana wieder. In Wladimir steht “Swet” für eine bei der Gründung im Jahr 1995 in ihrer Art einzigartige Selbsthilfeorganisation, gegründet vom Ehepaar Jurij und Ljubow Katz zusammen mit weiteren Eltern von schwerstbehinderten Kindern. Inzwischen leuchtet es nach dem Vorbild von Wladimir in vielen weiteren russischen Städten: Die früher weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossenen Kinder erhalten immer mehr Zugang zu Bildung und sozialen Einrichtungen, haben eine Stimme und setzen ihre Rechte durch. Über die segensreiche Arbeit von Swet hat der Blog bereits mehrfach berichtet; wir wollen uns deshalb darauf beschränken, auf eine neue Aktion von Wolfram Howein hinzuweisen, der sich von der Tatkraft der Elternorganisation hat begeistern lassen und nun den untenstehenden Spendenaufruf startet, dem gutes, bestes Gelingen zu wünschen ist. Mehr zu Swet unter http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/07/20/ein-licht-fur-behinderte-kinder-in-wladimir/ 

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Jurij Katz

Es gibt in ganz Wladimir niemanden, der so viel geleistet hat und noch immer tut für Familien mit schwerstbehinderten Kindern wie Jurij und Ljubow Katz. Selbst Eltern eines  pflegebedürftigen Kindes, hat das Ehepaar 1995 die Selbsthilfeorganisation “Swet – Licht” gegründet, die in ihrer Wirkkraft auf Gesellschaft und Politik nur mit der Lebenshilfe zu vergleichen ist. Längst ist es dem Verein gelungen, das Rathaus von der Notwendigkeit der Behindertenarbeit zu überzeugen, und auch immer mehr Sponsoren aus der ganzen Region Wladimir lassen sich an ihre soziale Verantwortung erinnern. Die Sach- und Geldspenden werden derzeit besonders gebraucht, denn die gesamten, von der Stadtverwaltung im Erdgeschoß eines Wohnhauses bereitgestellten 180 qm Fläche sollen optimal genutzt werden als Beratungs- und Therapiezentrum sowie als Treff für etwa 70 Familien mit Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Man sieht es ihm an, wie glücklich Jurij Katz ist, wenn er dieses nächste Standbein seines Verbands vorstellt. Besonders ist er aber stolz auf die behindertengerechte Toilette, etwas, das es ansonsten in Wladimir bisher nur noch im Einkaufsmarkt Globus gibt.

Jurij Katz

A propos Globus. Das deutsche Handelsunternehmen gehört zu den Hauptsponsoren des Projekts, bei dem die Eltern in allen Dingen die Richtung vorgeben – bis hin zur Wahl der Farben in den einzelnen Zimmern. Und überhaupt ist Handanleben angesagt. Ein Freiwilliger arbeitet schon seit Wochen ehreamtlich mit, obwohl er selbst am Sonntag noch zusätzlich arbeiten muß, um seine Familie ernähren zu können. Wie wichtig die Sache ist, zeigt sich etwa an dem Unstand, daß man bereits jetzt zwei achtköpfige Gruppen für autistische Kinder geschaffen hat. Bei der pädagogischen Arbeit kann “Swet – Licht” im übrigen wiederum auf die Stadtverwaltung setzen, die für die Personalkosten der zwei Dutzend Lehrkräfte aufkommt. Jeder hilft eben, wie er kann. Auch Freunde aus Erlangen: Ein Apotheker, der ungenannt bleiben will, spendet schon seit Jahren für bedürftige Familien der Organisation monatlich 100 Euro und erhält dafür in regelmäßigen Abständen Rechenschaftsberichte. Und erst unlängst hat Wolfram Howein seine Aktion zu Gunsten von “Swet – Licht” ins Leben gerufen, zu der mehr zu lesen ist unter: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/07/20/ein-licht-fur-behinderte-kinder-in-wladimir/. Man muß gesehen haben, was da bewegt und möglich gemacht wird. Und wer es gesehen hat, wird das Projekt auch unterstützen.

Philipp Schütze und Sergej Sacharow

Oberbürgermeister Sergej Sacharow will alles genau wissen, den Dingen auf den Grund gehen, den Menschen zustehen und von ihnen lernen. Auch wenn er eigentlich ganz andere Pläne hatte, wie gestern morgen im Erlangen-Haus, wo es eigentlich nur um Interna dieses behaglichen Dachs der Partnerschaft gehen sollte. Die Gelegenheit, sich mit jungen Gästen seiner Stadt auseinanderzusetzen, läßt er sich denn auch nicht entgehen. Philipp Schütze kennen die Blogleser bereits als einen Pionier des Studentenaustausches und empfehlenswerten Blogger, den man hier finden kann: http://is.gd/whyxGo. Das Stadtoberhaupt interessiert bei dem Gespräch gar nicht groß das Lob an den Studienbedingungen – etwa den kleinen Seminargruppen und dem Komfort im Wohnheim -, vielmehr will Sergej Sacharow vom Gast, der sich bereits recht gewandt auf Russisch auszudrücken versteht, wissen, wo die Defizite liegen, was besser gemacht werden könnte. Vor allem scheint es da eine Informationslücke zu geben. Viel zu wenig, so der Geschichtsstudent, sei an der Friedrich-Alexander-Universität unter den Kommilitonen bekannt, daß es recht gute Studienmöglichkeiten in der Partnerstadt gibt. Damit nicht genug: Wladimir sei zu schwach in den Angeboten des Deutschen Akamdemischen Austauschdienstes vertreten und komme bei anderen Plattformen wie dem Erasmus-Programm faktisch gar nicht vor.

Alexander Rosenbusch, Sergej Sacharow, Ronja Conradt, Philipp Schütze

“Das muß sich ändern – und zwar möglichst bald”, meint dazu Sergej Sacharow und meint es ernst damit, will er doch aus Wladimir eine Wissenschaftsstadt machen, ein Vorhaben, das natürlich nur bei einem lebendigen Austausch über Fach- und Ländergrenzen hinweg möglich ist. Aber es gibt noch mehr zu besprechen, noch mehr Austauschmöglichkeiten, wie sie Ronja Conradt aus Jena nutzt, deren Zeit nach fast einem halben Jahr Arbeit im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres in zwei Wochen zu Ende geht. Bis heute weiß sie manchentags am Morgen noch nicht, womit sie sich tagsüber im Euroklub beschäftigen wird. Sicher immer mit sinnvollen Dingen wie Deutschkurse, Präsentationen, Auftritte in Schulen und Wettbewerbe, dafür häufig am Wochenende und manchmal noch immer in der Aufgabenstellung nicht ganz klar definiert. Aber das gehört eben auch zum interkulturellen Lernen. Was das angeht, hat Alexander Rosenbusch keinen Nachholbedarf, hat er doch russische Wurzeln und noch immer eine Großmutter in Rußland, die er dieser Tage mit seinem Freund Philipp Schütze besuchen will. Der übrigens hat vor seiner Entscheidung für Russisch und Wladimir dort erst einmal den russischen Alltag auf seine Verträglichkeit geprüft und für gut befunden. Aber das ist sicher bald einmal Thema im Blog wobistduphilipp, und es soll hier nicht zuviel vorweggenommen werden.

Peter Steger und Sergej Sacharow

Auch wenn es die altbekannten Probleme mit der Feuchtigkeit im Keller gibt, ist doch für Sergej Sacharow der Besuch im Erlangen-Haus ein angenehmes Heimspiel. Besonders, wenn er von 70% Auslastung des Gästetrakts während des Sommers hört und erfährt, daß man bei der Hörerzahl wieder an die Zweihundertergrenze kommt und zwei zusätzliche Gruppen vorsieht. Besonders, wenn die Geschäftsführerin Irina Chasowa berichten kann, daß man noch in diesem Herbst den Beamer im Mehrzweckraum dazu nutzen will, um regelmäßig deutsche Filme zu zeigen, die anschließend auch gleich vor Ort diskutiert werden könnten. Besonders, wenn von zu referieren ist, daß das Goethe-Institut die Zusammenarbeit mit dem Erlangen-Haus weiter auszubauen vorhat. Da kommt die Spende von den Computerfreunden Poxdorf, die nach ihrer Auflösung die Hälfte des Vereinsvermögens für die technische Ausstattung der Klassenräume zur Verfügung stellen, gerade zur rechten Zeit.

Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, Anna Makarowa, Irina Chasowa, Wiktor Malygin

Engagement und Erfolg der Sprachlernzentren werden vom Goethe-Institut belohnt. Technische Aufrüstung durch interaktive Tafeln erhält einen Zuschuß von bis zu 20%, und das Goethe-Institut trägt den Transport sowie künftig anfallende Wartungskosten. Großzügig wirklich und allen Dankes würdig!  Eines Tages wird sich dann vielleicht auch ohne große interne Bürokratie ein Freundeskreis bilden, wie das in Erlangen der Fall war, ein Gremium, das in größtmöglicher Eigenständigkeit Programme entwickelt oder etwa bei der Betreuung und Unterbringung von Gästen mithilft. Ideen und Anregungen sind da höchst willkommen. Denn die Partnerschaft kann jeden brauchen, so wie sie auch für jeden da sein will.

Helmut Schmitt und Sergej Sujew

Wenn es um die Zusammenarbeit mit Erlangen, dieser so “beispielhaften und einzigartigen Partnerschaft”, geht, sieht Sergej Sacharow nicht auf die Uhr. Helmut Schmitt, Erlangens offizieller Gesandter zum Stadtfest, kommt zwar deshalb erst zur Wandlung in die Rosenkranzkirche, aber erstens ist er vom gleichen Schlag, und zum zweiten erhält er beim Gespräch mit Pfarrer Sergej Sujew unerwartete Entschädigung im Angesicht der Wladimirer Gottesmutter. Die nämlich hat eine ganz besondere Bedeutung für den überzeugenden Katholiken. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt: Zu seinem zwölften Geburtstag schenkte Otto Rauh, Jugendkaplan der Herz-Jesu-Gemeinde in Erlangen, dem Ministranten Helmut Schmitt eine kleine Kopie dieser Ikone. Damals hatte der Beschenkte natürlich noch gar keine Vorstellung von Wladimir und der Ikonenmalerei. Erst 1983 sollte sich diese Wissenslücke schließen, in dem Jahr, als die Partnerschaft ihren so erfolgreichen Lauf nahm. 1985 dann kam der Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes zum ersten Mal nach Wladimir. Die Reise zum Stadtfest ist seine elfte… Und die Abbildung der Muttergottes von Wladimir hängt heute in seinem Arbeitszimmer zu Hause. Symbolhafter geht es fast nicht mehr.

Swetlana Melnikowa, Helmut Schmitt, Alissa Axjonowa

Dieses Wochenende wird noch öfter Anlaß zum erfreulichen Rückblick geben. Wir wollen es deshalb für den aktuellen Eintrag dabei bewenden zu lassen, noch kurz vom Besuch im Landesmuseum Wladimir – Susdal zu berichten, das Fachleute zu den zehn besten europaweit rechnen. Warum, vermag niemand so recht zu sagen, aber abgesehen von drei Ausstellungen, die im Lauf der vergangenen 28 Jahre vom Landesmuseum an der Kljasma den Weg zum Stadtmuseum an der Regnitz gefunden haben, ist es nie so zu einem Fachaustausch gekommen. Ein weißer Fleck auf der Karte der Partnerschaft. Ein Fleck, der nun der Vergangenheit angehört, denn im Oktober kommen die ersten beiden Museumspädagogen aus Wladimir nach Erlangen, und dann wird es sicher munter weitergehen, zumal ja schon das dreißigjährige Jubiläum in greifbare Nähe rückt. Ein beharrlich verfolgtes Ziel von Alissa Axjonowa, der Grande Dame Wladimirs, ist damit von einer Frau erreicht, die nicht nur über fünf Jahrzehnte der Wladimirer Museumslandschaft ihren Prägestempel aufgedrückt hat, sondern die auch einst – heute ist sie Präsidentin des Museums - an der Wiege der Städtepartnerschaft stand, als in den Parteigremien über die Aufnahme von Beziehungen zu Erlangen entschieden wurde. Eine Tradition, an die Swetlana Melnikowa, Nachfolgerin von Alissa Axjonowa auf dem Posten der Direktorin, gerne fortsetzen will. Da ist es fast nur noch Formsache, eine Einladung an beide Museumsdamen für das nächste Jahr auszusprechen, um dann vielleicht schon eine Ausstellung in der renovierten Orangerie vorzudenken. Noch weit hin, aber die Zeit vergeht schnell. Besonders in der Partnerschaft mit ihrer ungebrochenen Eigendynamik, getrieben von Menschen mit inspirierender Phantasie und unermüdlichem Schaffenswillen im Geist des Lyrikers Sergej Jessenin, der in jedem Abschied ein baldiges Wiedersehen erkannte: “Auch wenn die Trennung uns bestimmt, / uns niemand je die Hoffnung nimmt.”

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Stefan Nolte, Irina Arschanych, Jelena Bordanowa, Milena Prochorowa, Ulrich Kahnt

Der Verein Lebenshilfe hat – nicht nur in Erlangen – in den letzten 50 Jahren großartige Dinge vollbracht. Ursprünglich eine kleine Initiative von Eltern mit behinderten Kindern, bietet die Organisation heute ein ganzes Netzwerk von Einrichtungen zur Förderung, Bildung und Integration und ist aus dem sozialen und gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Den Integrativen Kindergarten haben Jelena Bordanowa, Irina Arschanych und Milena Prochorowa bereits besucht, nun stand gestern die Georg-Zahn-Schule, das staatlich anerkannte, aber private Förderzentrum für geistige Entwicklung. auf dem Programm. Eine Schule der besonderen Art, wo versucht wird, vor allem ein gutes soziales Miteinander gelingen zu lassen. Wenn auch wie an einer Regelschule alle Fächer unterrichtet werden, gibt es doch auffällige Unterschiede. Notendruck zum Beispiel herrscht hier nicht, vielmehr fördert man die individuellen Fähigkeiten. Kann jemand etwa wegen seiner Behinderung nicht lesen, kann er bestimmt etwas anderes, das dann intensiv gefördert wird. Außerdem gibt es eine besondere Symbol- und Gestensprache, die auch in der Verständigung mit taubstummen Kindern hilft. Oder man benutzt den sogenannten Talker, einen Computer mit Sprachausgabe, der per Druck auf ein bestimmtes Symbol Standardsituationen wiedergibt. Bei der Zusammensetzung der Klassen gehen Alter und soziale Kompetenz vor Leistung, und die Pädagogen haben einen großen Spielraum bei der Gestaltung des Unterrichts.

Speiseplan der letzten Woche

Besonderes Augenmerk legen Stefan Nolte, stellvertretender Schulleiter, und Ulrich Kahnt, die sich beide viel Zeit für die Gäste nehmen, auf die Integration innerhalb der Klassen, sprich auf deren Mischung und Zusammensetzung, damit nicht eine Schule innerhalb der Schule entstehe. Respekt im Umgang miteiander und vor der Behinderung des anderen, aber auch das Gespür für eigene Stärken können so wachsen. Dies ist besonders immer freitags zu erleben, wenn für zwei Stunden das Schülercafé öffnet und es zugeht wie in der Gastronomie draußen, nur daß hier Schüler Schüler bedienen, lernen, mit Geld umzugehen, die laute Atmosphäre zu ertragen, etwas für andere zu tun. Eine Schule des Lebens eben. Eine gute, von der man in Wladimir gerne lernen will.

Georg Gremer, Julia Golub, Milena Prochorowa, Jelena Bordanowa, Oliver Kratz

Auch der Nachmittag steht noch unter dem Vorzeichen der Lebenshilfe, denn die Kinderpsychiatrie im Kopfklinikum kooperiert seit zwei Jahren ganz eng mit dem Verein. Was mit ein oder zwei jungen Patienten begonnen hat, umfaßt jetzt einen Kreis von acht Jugendlichen mit verminderter Intelligenzleistung und psychiatrischer Diagnose, die unter Anleitung von Georg Gremer Basisfähigkeiten der sozialen Kommunikation einüben und lernen, Aggressionen zu beherrschen. Doch dies ist nur ein kleiner Bereich, der im Büro der Therapeutin Christa Wichmann vorgestellt wird: Ambulant behandelt man hier in der Schwabachanlage 250 bis 300 Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern, 30 Betten stehen auf Station und ebensoviele in der Tagesklinik zur Verfügung. In Wladimir ist das Verhältnis 50 zu 25. Größer ist der Unterschied hinsichtlich der Verweildauer. Während in Erlangen die Kinder kaum länger als drei Monate auf Station bleiben und dann – nicht zuletzt auf Druck der Krankenkassen – nötigenfalls in betreute Wohngruppen entlassen werden, gibt es in Wladimir noch ganz ausgeprägt das Phänomen des Hospitalismus, wo Kinder, die niemand mehr haben will, nicht einmal ein Waisenheim, die Station als ihr Zuhause begreifen und sich dort geborgen fühlen. Jelena Bordanowa berichtet sogar von Fällen, wo Kinder über Jahre in der Psychiatrie bleiben und später einfach in eine Erwachsenenabteilung wechseln. In Deutschland, wo in den letzten Jahrzehnten die Betten in der Psychiatrie um 90% reduziert wurden, nicht mehr denkbar. Anlaß für Oberarzt Oliver Kratz, auf die Verantwortung der Politik hinzuweisen. Der Dreiklang Pädagogik, Psychiatrie und Politik müsse die Rahmenbedingungen schaffen, um Kinder möglichst rasch wieder – wenn schon nicht zu den Eltern, die oft überfordert oder selbst krank sind – in geeignete Einrichtungen zu bringen, wo sie wieder das Leben lernen. Doch damit enden die Unterschiede nicht: Jelena Bordanowa berichtet von einem schrecklichen Phänomen: Manche Eltern adoptieren ein Kind, bekommen dann aber ein leibliches und wollen ersteres - erst recht, wenn sich Behinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen sollten -, oft wieder loswerden. Eine Art Rückgaberecht gebe es sogar! Der einfachste Weg sei es, das Kind anhand von drei oder vier Diagnosekriterien als Fall für die Psychiatrie einstufen zu lassen. Einmal dort gelandet, bleibt es für immer dort oder in einem Heim, wenn sich nicht Ausländer als Adoptiveltern finden, denn russische Ehepaare dürfen solche Kinder gar nicht annehmen. Da ist die Politik in Rußland tatsächlich gefordert. Gleiches gilt für die noch immer praktizierte Zwangssterilisation, in Frankreich noch bis Ende der 60er Jahre üblich, in Deutschland nach den Erfahrungen mit dem Faschismus seit Kriegsende ein Tabu.

Betreuerin mit Kind. Quelle: Homepage der Kinderpsychiatrie Erlangen

Noch immer ist die Psychiatrie in Rußland mit Furcht und Angst besetzt. Da gibt es eine lange Tradition, mit der auch die russischstämmige Ärztin, Julia Golub, vertraut ist. Eines der berühmtesten Gedichte von Alexander Puschkin beginnt mit den Versen: “Herr, halt den Wahnsinn von mir ab. / Sei lieber Bettelsack und Stab / Und Hunger mir vergönnt…” Man lese sich nur einmal durch die ”Krankenstation Nr. 6″ von Anton Tschechow, “Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen” von Nikolaj Gogol oder “Die Schule der Dummen” von Alexander Sokolow. Kein Bereich der Medizin ist bis heute so unterfinanziert, nirgendwo ist der Personalschlüssel so spartanisch. Auf die 50 Kinder der Wladimirer Station kommen gerade einmal zwei Ärztinnen und fünfzehn Schwestern. Kein Mann darunter, wie Jelena Bordanowa beklagt, obwohl das die Jungs so dringend bräuchten. Den Papierkram erledigt man auf Station in Wladimir noch immer per Kugelschreiber; die räumlichen Bedingungen mit bis zu zwölf Betten in einem Zimmer lassen keinen Raum für Privatsphäre. Aber es gibt auch angenehmere Unterschiede: Während es in der Psychiatrie in Deutschland nur vier zusätzliche Urlaubstage gibt, kann man in Rußland volle 72 Tage freinehmen und als Krankenschwester bereits mit 50 in Rente gehen. Für Ärzte gilt dies übrigens nicht, weil die in der Regel nicht wie das Pflegepersonal im ständigen Kontakt mit den Patienten und derart unter psychischem und manchmal auch physischem Druck stehen. Aber ans Aufhören denken die Besucherinnen noch lange nicht. Sie wünschen sich vielmehr einen engeren Austausch mit den Erlanger Kollegen und hoffen, daß sie diese bald in Wladimir begrüßen dürfen. Man hätte sich noch viel zu sagen und könnte noch viel mehr voneinander lernen – wie überall in der Partnerschaft eben.

S. auch: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/07/08/gemeinsam-in-eine-integrative-zukunft/

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Die Idee, den Integrativen Kindergarten im Röthelheimpark zu besuchen, entstand bei einem Gespräch Anfang Juni in Gremsdorf mit den drei Hospitantinnen: der Krankenschwester aus der Kinderpsychiatrie, Jelena Bordanowa, der Kinderpsychiaterin, Swetlana Sawina, und der heilpädagogischen Erzieherin, Swetlana Schkurowa. Bisher nämlich werden in Wladimir Kinder mit Behinderungen ausschließlich in speziellen, an ihren Bedürfnissen ausgerichteten Einrichtungen betreut. Bei der gestrigen Führung durch die integrative Kindertagesstätte, an der auch die erst vor wenigen Tagen aus Wladimir angereiste Psychologiedozentin, Irina Arschanych, teilnahm, überzeugten sich die staunenden Besucherinnen davon: Integrative Vorschularbeit mit Kindern ist möglich und notwendig, eine Bereicherung für alle Beteiligten.

Ewa Bretting, vorne rechts, mit ihren Besucherinnen aus Wladimir

Überzeugt hat die Gäste vor allem aber die begeisternde Mischung aus Professionalität und Leidenschaft, aus der Ewa Bretting, die Leiterin der Einrichtung in Trägerschaft der Lebenshilfe, und das Team ihre Energie beziehen. Eine Energie, die sich speist aus dem Respekt vor Menschen, gleich ob mit oder ohne Behinderungen, und dem Wunsch, allen die gleichen Entwicklungs- und Lebensperspektiven zu bieten. “Dazu muß man raus aus dem Schatten solcher Einrichtungen und rein in die Öffentlichkeit, damit man uns und unsere Arbeit überall wahrnimmt”, fordert Ewa Bretting. Denn es sollte mehr Angebote dieser Art geben. Selbst in Erlangen, das durchaus auch in Bildungsfragen offen aus Tradition ist, findet man nur noch einen weiteren integrativen Kindergarten – in Büchenbach. Dabei wächst die Nachfrage nach dieser Art von “Koedukation”. Was in Erlangen auch erst in der letzten Dekade – freilich unterstützt durch Gesetze und Fördermaßnahmen von Staat, Stadt und Bezirk – entstehen konnte, ist in Wladimir im Moment noch nicht mehr als eine Idee. Und doch auch schon wieder mehr als nur eine Idee, denn – und das freut Ewa Bretting besonders – die Kinderpsychiatrie macht seit Beginn des Projekts Lichtblick, wie Jelena Bordanowa berichtet, regelmäßig Ausflüge in die Stadt, um die kleinen Patienten am öffentlichen Leben teilhaben zu lassen und die Gesellschaft sensibel zu machen für das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. In den Partnerstädten und überall.

Noch in dem Monat wollen die Gäste aus Wladimir die Georg-Zahn-Tagesstätte, ebenfalls eine Einrichtung der Lebenshilfe, besuchen und sich dort weitere Anregungen holen. Doch für die Leser des Blogs hier einstweilen die Links: http://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/06/11/der-lichtblick-der-partnerschaft und  http://www.lebenshilfe-erlangen.de/einrichtungen-integrativer-kindergarten-roethelheimpark.html.

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