Das von einer eher mürrischen Bedienung verweigerte zwei Glas Saft beim Frühstück im Hotel sollte nicht den Ton für den Antrittsbesuch des Jenaer Oberbürgermeisters, Albrecht Schröter, begleitet vom Prorektor der Fachhochschule, Bruno Spessert, dem Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Wilfried Röpke, und der ebenso frischgebackenen wie frohgemuten Partnerschaftsbeauftragten, Anja Schwind, geben. Den richtigen Ton fanden vielmehr die Gastgeber mit einem Programm, das am Ende des Tages die neuen Freunde aus Thüringen Wladimir in den höchsten Tönen loben machte. Doch der Reihe nach:
Was später einmal in den Köpfen und Herzen der Gäste bleibt, sind sicher Gesten, die für immer verbinden. Dazu gehört eine Kranzniederlegung der beiden Oberbürgermeister auf dem Platz des Sieges an der Ewigen Flamme zur Eröffnung des Arbeitstages. Hier, wo die Veteranen aus Erlangen und Wladimir schon 1991 einander die Hand gereicht haben, erlebt man, wie eng Deutsche und Russen eine schreckliche Geschichte verbindet, wie stark aber auch die Kraft der Vergebung ist und wie groß der Wille, eine gemeinsame friedliche Zukunft zu gestalten.
Der anschließende Empfang im Rathaus durch das Stadtoberhaupt, Alexander Rybakow, und den Vorsitzenden des Stadtrats, Sergej Kruglikow, findet denn auch schon in einer Atmosphäre der Vertrautheit statt. Die beiden Oberbürgermeister kennen sich von einer Begegnung in der Vorweihnachtszeit in Jena und verstehen sich, als wären sie alte Freunde. Und dennoch wohnt dem Treffen der Zauber alles Neuen inne. Alexander Rybakow freut sich, seine Stadt weitgehend unbeschadet durch die Krise zu sehen, zumal man in den 90er Jahren ja ganz andere Probleme zu meistern hatte, und bietet eine umfassende Zusammenarbeit an, ausgehend von den Ergebnissen dieser Erkundungsreise.
Wie eng diese Zusammenarbeit werden könnte zeigt sich schon wenig später an der Staatlichen Universität, wo Bruno Spessert, Professor für Maschinenbau mit langjähriger Praxiserfahrung bei Deutz, nicht nur bestens vorbereitete Fachkollegen trifft, sondern auch erfreut feststellen kann, auf welch hohem Niveau sich die technische Ausstattung in den Labors bewegt. Und wenn der gebürtige Kölner dann auch noch mit Sergej Arakeljan über sein Spezialgebiet Lärm fachsimpeln darf, weiß der Gründer der “Akustik-Tage” in Jena, daß die Reise nicht vergeblich war. Erste Ideen für eine Kooperation werden geboren, möglichst bald soll Rektor Walentin Morosow nach Jena kommen. Kurzum, es kommt etwas in Gang, das recht schnell hochschalten und Geschwindigkeit aufnehmen könnte.
Das wissenschaftliche Treffen braucht viel mehr Zeit, als eingeplant, und so müssen die jungen Künstler in der Städtischen Kindermusikschule mit ihren Vorführungen leider etwas warten. Unter dem Portrait von Sergej Tanejew, dem großen Wladimirer Komponisten, einem Schüler von Peter Tschajkowskij und dem Lehrer von Sergej Rachmaninow, verstehen es der zehnjährige Wadik und die fünfzehnjährige Mascha, mit Klavierstücken der beiden letztgenannten die Gäste regelrecht in ihren Bann zu schlagen. Da verwundert es nicht, wenn man hört, daß beide regelmäßig bei regionalen wie internationalen Wettbewerben ganz vorne mitspielen. Später am Abend wird Albrecht Schröter, gefragt nach seinen schönsten Eindrücken, ohne Zögern die Musikschule nennen, wo ihn besonders auch das Orchester für russische Volksmusikinstrumente begeistert.
Unterdessen hat Dieter Wenzel seine Visite im Kinderkrankenhaus gemacht, das er seit 1990 wie kein anderer Mediziner aus Erlangen kennt und unterstützt. Heute hat er sich vorgenommen, besonders die Krebsstation in Augenschein zu nehmen, die von den Soroptimist Klubs der Partnerstädte unterstützt wird. Wie notwendig diese Hilfe trotz der großen Fortschritte bei der medizinischen Ausstattung ist, zeigen räumliche Enge und bedrückende bauliche Zustände. Besonders freut sich Chefärztin Sweltana Makarowa über das Angebot des Besuchers, für Fachärzte wieder Hospitationen an der Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Erlangen zu ermöglichen. Und natürlich freut sie sich über die erneuten Spenden aus der Partnerstadt, von denen der Blog ja bereits am 11. Mai berichtet hat. Wenn wir schon bei der Freude sind: Staunend freut sich Dieter Wenzel darüber, daß es heute auf der Neugeborenenstation sogar Inkubatoren in Reserve gibt. Anfang der 90er Jahre stand da gerade mal ein einziger Apparat, und ohne die vielen Geräte aus Erlangen hätte wohl so manches Kind nicht überlebt. Später, beim Stadtrundgang ergreift der Pädiater die Gelegenheit und spricht Alexander Rybakow seine Anerkennung für die technische Aufrüstung des Kinderkrankenhauses aus.
Zurück zu den Gästen aus Jena. Auch wenn die Zeit drängt, bleiben einige kostbare Minuten, um einen Blick auf die erstaunlich reifen Werke von Kindern in der Städtischen Kunstschule zu werfen. Knüpf- und Webarbeiten mit Motiven aus der russischen Sagen- und Märchenwelt, aber auch stilisierte Ornamentik, der Sakralkunst nachempfunden, sowie Landschaften schmücken die Wände in dem liebevoll restaurierten klassizistischen Bau am Kathedralenplatz. Nur wenige Straßen weiter trainieren die Medaillenhoffnungen der Wladimirer Turnschule, geleitet von dem siebenfachen Welt- und Olympiasieger, Nikolaj Andrianow. Man ist ganz zu Recht stolz auf das Wiederaufblühen dieser “Kaderschmiede des Sports”, die nach einer Periode des Niedergangs in den 90er Jahren nun erneut in der Weltspitze mitmischt, wofür Jurij Rjasanow mit seinem dritten Platz bei den letzten Europameisterschaften das beste Beispiel ist. Da bleibt den Gästen nur, ein “Weiter so!” zu wünschen.
Alexander Rybakow wartet da auch gerne auf seine Gäste und begrüßt nun vor dem Andrej-Rubljow-Denkmal auf dem Kathedralenplatz auch die Besucher aus Erlangen. Da fügt es sich doch mit schöner Symbolkraft, daß Dieter Wenzel dem Oberbürgermeister Jenas fast en passant erklären kann, wie eng die Verbindungen zwischen den Kinderkliniken der deutsch-deutschen Partnerstädte ist, daß er erst vor zwei Wochen wieder auf einem Kongreß an der Saale war und sich gut vorstellen kann, auch Jenaer Pädiater in den Austausch mit den Kollegen in Wladimir einzubeziehen. Doch nun gilt es, die architektonischen Wunderwerke Wladimirs zu entdecken. Zum Segensgruß schickt der Himmel ein paar Weihwassertropfen, wie der Gastgeber meint, aber das Unwetter am Horizont – die Wetterprognose von gestern morgen lag dann doch nicht so daneben – zieht an den Kathedralen vorüber. Über den Puschkin-Boulevar zur Aussichtsplattform, vorbei an dem zauberhaften Steilufer der Kljasma, gesäumt und geschmückt von einer ganzen Kette von Kirchen, geht es unter ausladenden Alleebäumen zum Denkmal für den apostelgleichen Fürsten Wladimir “Rote Sonne”, der von Kiew kommend hier seine Hauptstadt errichtete. Von der Aussichtsplattform hat man einen großartigen Blick auf die Weite der russischen Tiefebene, in die hinein Wladimir heute weiter wächst und aus der heraus die Mongolen 1237 die damalige Hauptstadt der Rus stürmten und brandschatzten. Die Residenz des Fürsten wurde dem Erdboden gleichgemacht, aber die beiden Kathedralen überstanden das Wüten. Die Demetriuskathedrale mit ihren einzigartigen Steinreliefarbeiten – keine einzige Figur oder Ornamentik wiederholt sich an den Fassaden -, tasteten die Eroberer nicht einmal an. Anders in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, in der später Andrej Tarkowskij für seinen Film “Andrej Rubljow” mit einigem Schaden für just die Fresken des großen Ikonenmalers die Lagerfeuer und Gewaltorgien der Reiterhorden nachstellen ließ. Albrecht Schröter ist hier am Ziel einer ganz persönlichen Pilgerreise. Während seines Theologiestudium arbeitete er just zur russischen Ikonenmalerei und setzt die Gastgeber mit seiner Detail- und Fachkenntnis in helles Erstaunen. Endlich an dem Ort, über den er vor 30 Jahren geforscht, den er aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. Ein Wiedersehen der besonderen Art, ein Wiedersehen, das ein Wiederkommen in sich trägt. Kaum ist der Wunsch ausgesprochen, arrangiert der Mönch, der die Gäste durch das Weltkulturerbe der UNESCO mit den größten Wandmalereien Andrej Rubljows führt, für den Samstag morgen einen Termin, wo der Ikonenkenner aus Jena ganz ungestört zum Jüngsten Gericht und den Gerechten im Paradies wiederkommen kann.
Kann es noch schöner kommen? Der Patriarchengarten legt das nahe mit seinem blühenden Relief am südlichen Steilufer der Kljasma und flankiert von der Nordseite des ehemaligen Befestigungswalls. Hunderte von Schülern pflegen dieses gärtnerische Kleinod und zaubern ein Stück gezähmter Natur in eine Landschaft, die zum Schwärmen einlädt. Einige Augenblicke der Ruhe und des Innehaltens bei Konfitüre aus Sauerkirschen und Beeren, die alle in diesem jahrhundertealten Park wachsen und der erst in den letzten Jahren in all seiner Pracht und Schönheit wiedererstanden ist.
Doch dann ist es vorbei mit der Ruhe: Den Anpfiff zum Spiel gegen den Erzrivalen Iwanowo haben die Gäste im Patriarchengarten nicht gehört, aber mit einem immer noch der Wissenschaft geschuldeten c.t. nehmen sie dann doch noch auf der Ehrentribüne des neuen Fußballstadions mit 16.000 Plätzen ihre Sitze ein. Da bleiben sie bis zur Halbzeit einigermaßen ruhig sitzen, weil das Spiel eher unentschlossen, wenn auch mit deutlichen Torvorteilen für Torpedo Wladimir, vor sich hindümpelt. Als der Stadionsprecher die Namen der Gäste aus Deutschland durchsagt, gibt sich übrigens ein ehemaliger Soldat der Sowjetarmee, der in Jena stationert war, zu erkennen. Man kennt eben Jena in Wladimir, und das nicht nur wegen Carl Zeiss… Ob es nun die Einwechslungen in der zweiten Halbzeit sind oder die gedrückten Daumen der Gäste, läßt sich nicht mehr sagen, aber jedenfalls hielt es niemanden mehr auf den Sitzen, als die Wladimirer Kicker nach dem Seitenwechsel ein Tor nach dem anderen im Netz der Gegner versenkten. 3 : 0 stand es an einem glücklichen Ende, das Torpedo Wladimir weiterbringt auf dem Weg zum Spiel um den Russischen Pokal. Freilich fürchtet man aus trauriger Erfahrung, da wieder an ZK Moskau zu scheitern. Aber heute ist erst einmal Freude über den Sieg angesagt, eine Freude, die auch über dem gemeinsamen Abendessen liegt. Ein schöner Ausklang für einen gelungenen Tag, der mit dem guten Ton der russischen Tischsitten, den Trinksprüchen, endet. Endet? Es ist wohl eher der Anfang einer langen und intensiven Freundschaft, für die Albrecht Schröter persönlich auch die Unterstützung des Stadtrates zu Hause gewinnen will. Den Segen des weit offenstehenden Wladimirer Himmels und dessen gastfreundlicher Geschöpfe hat er in jedem Fall.
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