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Mit ‘Andrej Tarkowskij’ getaggte Artikel


Vor genau 775 Jahren ist Wladimir gefallen. Am 7. Februar 1238 nahm das Heer von Batu dem Prächtigen, einem Enkel des Dschingis Khan, nach nur fünftägiger Belagerung die Hauptstadt der Rus ein. Susdal hatte sich bereits am 5. Februar ohne große Gegenwehr ergeben. Mit Ausnahme von Nowgorod eroberte der Mongolenherrscher alle weiteren Städte der russischen Fürstentümer und drang darauf weit bis Ungarn und Polen vor. Für die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte verblieb Rußland unter dem Tatarenjoch, das erst Iwan der Schreckliche endgültig abschüttelte.

Der Mongolensturm.

Der Mongolensturm.

Wladimir verlor seinen Status als Hauptstadt der Rus an das aufstrebende Moskau, büßte seine Rolle als Machtzentrum ein, wenn auch die Moskauer Großfürsten noch bis zum Ende der Rjurikiden-Dynastie zur Krönung an die Kljasma kamen. Die Folgen der Belagerung mit all den Toten und Verwundeten, mit all den Zerstörungen sind heute dank dem Panoramabild im Goldenen Tor gut zu sehen. Eine Chronik berichtet, der Sturm der Eroberer sei von Westen gekommen, und am späten Vormittag des 7. Februar sei die der Einmarsch mit Feuer und Schwert erfolgt. Bischof Mitrofan rief die Bevölkerung in die Muttergottes-Kirche in die Altstadt, während die Fürstenbrüder Wsewolod und Mstislaw Jurjewitsch die Eroberer mit Geschenken gnädig stimmen wollten. Vergebens. Die Kirche wurde in Brand gesteckt – mit den dort Schutz suchenden Russen. Kaum jemand überlebte. Am eindrucksvollsten ersteht diese versunkene Zeit in all ihrer Grausamkeit wieder auf in dem Spielfilm “Andrej Rubljow”, von Andrej Tarkowskij 1969 an Originalschauplätzen gedreht.

Mehr dazu unter: http://is.gd/MFScQk

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Die Zeiten sind gottlob vorüber, als der Regisseur Sergej Paradschanow seinem Kollegen Andrej Tarkowskij sagte: “Groß wirst du erst, wenn du wenigstens zwei Jahre gesessen hast. Ohne diese Erfahrung kann man kein großer russischer Regisseur werden.” Dafür gibt es heute andere Kriterien.

Andrej Winogradow, 1. Reihe rechts, mit seiner Delegation zu Gast beim Erlanger Anstaltsleiter Hans-Michael Behnke und seinem Team.

Nach anderen Kriterien gehe es heute auch in den russischen Gefängnissen zu, berichtet Andrej Winogradow, zuständig für die Haftanstalten der Region Wladimir, der im Lauf dieser Woche mit seiner zehnköpfigen Delegation den Strafvollzug in Erlangen, Straubing, Ebrach und Nürnberg kennenlernen will. “Wir müssen weg vom reinen Wegsperren, weg von Gruppenzellen, weg vom Gedanken der Rache und Vergeltung, hin zu einem humanen Strafvollzug. Bei dieser Entwicklung können wir von dem lernen, was wir in Bayern sehen.” Weg will man in Rußland auch von dem wenig rühmlichen zweiten Platz nach den USA und vor Weißrußland und Kasachstan: Auf 100.000 Einwohner kommen in Nordamerika 710 Häftlinge, in Rußland 605 Insassen. In Deutschland liegt diese Zahl bei 91. Dabei hat die Region Wladimir noch ein besonderes Päckchen zu tragen: Dort stehen traditionell viele Gefängnisse, die Verurteilte aus dem ganzen Land aufnehmen. In insgesamt 15 Anstalten – einschließlich zweier Gefängniskrankenhäuser – sind 12.000 Inhaftierte untergebracht. Das ist in etwa die Zahl der Strafgefangenen in Bayern, verteilt auf 36 Standorte. Doch Bayern hat zwölfeinhalb Millionen Einwohner, das Gouvernement Wladimir gerade einmal eineinhalb Millionen. Viel zu tun also auch für die Reformer im Bereich Strafrecht, Gerichtswesen, Prävention und Rehabilitation, damit weniger Menschen überhaupt erst oder wieder hinter Gittern landen.

Zu Reformen in diesem Bereich schrieb Oscar Wilde, für den das Gefängnis den physischen wie den moralischen Untergang bedeutete, an den Herausgeber des Daily Chronicle einen Brief, der erst 1908, acht Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurde. In dem Schreiben heißt es: “Aber um selbst diese Reformen zur Wirkung zu bringen, bleibt noch viel zu tun. Und die erste und vielleicht schwierigste Aufgabe ist, die Gefängnisdirektoren menschlicher, die Gefangenwärter erträglicher, die Gefängnisgeistlichen christlicher zu machen.”

Anmerkung: Wer den gestrigen Beitrag vor 18.00 Uhr gelesen hat, wende sich diesem nochmals zu und beachte besonders das Post Scriptum mit gutem Ausgang.

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Von erstaunlichen archäologischen Funden – zumeist Artefakten aller Art – war hier schon des öfteren die Rede. Doch was nun gefunden wurde, übertrifft alle Erwartungen: die sterblichen Überreste von fast fünfzig Einwohnern Wladimirs aus dem 13. Jahrhundert, alle auf grausame Weise umgekommen bei der Erstürmung der Stadt durch die Goldene Horde. Regelrecht hingemetzelt wurden sie, Männer, Frauen, Kinder. Bei den Männern, die ihre Stadt verzweifelt verteidigten, finden sich oft sogar Mehrfachverletzungen. Einen von ihnen nannten die Archäologen sogar den “Helden”, weil er offenbar mit einem Pfeil und einer Lanze im Leib noch immer weiterkämpfte, bis er schließlich doch fiel.

Fundstücke aus Massengrab

Gemacht wurde der Fund ganz im Zentrum der Altstadt, in der Slatowratskajastraße, der Straße des Goldenen Tors, wo man das Fundament eines alten Anwesens untersuchen wollte. Dabei geriet den Wissenschaftlern eine Streitaxt in die Hände, Anlaß genug, um an der Stelle weiterzugraben. So stieß man auf das Massengrab, das sich sogar datieren läßt. Denn es war der 23. Februar 1238, als die Hauptstadt der Rus von den Mongolen nach kurzer Belagerung eingenommen wurde, jener Tag, an dem Wladimir für immer seine politische und geistliche Rolle verlieren sollte. Die tatarischen Reiter unter Khan Batu hatten vorher bereits Rjasan in Schutt und Asche gelegt und sich gut auf den Sturm Wladimirs vorbereitet. Man durchbrach die Verteidigungslinien und zielte unmittelbar auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, wohin sich die Wladimirer geflüchtet hatten. Den Rest sollte man sich in Andrej Tarkowskijs Film “Andrej Rubljow” ansehen, der an Originalschauplätzen gedreht wurde.

Miniatur aus dem 16. Jahrhundert

Die Funde geben aber auch über vieles andere Aufschluß. Bereits archivierte Artefakte lassen sich nun besser einordnen, Gebrauchsgegenstände kommen wieder zu ihren Schöpfern und Verwendern zurück. Und es läßt sich nachvollziehen, wie der Prozeß der Assimilierung der ursprünglich hier siedelnden finno-ugrischen Stämme mit den Slawen vonstatten ging. Auskunft erhalten die Wissenschaftler nun aber auch über den Gesundheitszustand der damaligen Bewohner, und von weiteren Funden erhofft man sich auch, genauere Angaben zur Bevölkerungszahl machen zu können. Man muß ja nicht unbedingt dem Romantiker Novalis folgen, der meinte: “Der Tod – ist das Leben. Durch den Tod wird das Leben verstärkt.” Dem halben Hundert Toter verdanken wir jedoch ein besseres Verständnis des Lebens in einer fernen Zeit.

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Das von einer eher mürrischen Bedienung verweigerte zwei Glas Saft beim Frühstück im Hotel sollte nicht den Ton für den Antrittsbesuch des Jenaer Oberbürgermeisters, Albrecht Schröter, begleitet vom Prorektor der Fachhochschule, Bruno Spessert, dem Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Wilfried Röpke, und der ebenso frischgebackenen wie frohgemuten Partnerschaftsbeauftragten, Anja Schwind, geben. Den richtigen Ton fanden vielmehr die Gastgeber mit einem Programm, das am Ende des Tages die neuen Freunde aus Thüringen Wladimir in den höchsten Tönen loben machte. Doch der Reihe nach:

Kranzniederlegung von Albrecht Schröter und Alexander RybakowWas später einmal in den Köpfen und Herzen der Gäste bleibt, sind sicher Gesten, die für immer verbinden. Dazu gehört eine Kranzniederlegung der beiden Oberbürgermeister auf dem Platz des Sieges an der Ewigen Flamme  zur Eröffnung des Arbeitstages. Hier, wo die Veteranen aus Erlangen und Wladimir schon 1991 einander die Hand gereicht haben, erlebt man, wie eng Deutsche und Russen eine schreckliche Geschichte verbindet, wie stark aber auch die Kraft der Vergebung ist und wie groß der Wille, eine gemeinsame friedliche Zukunft zu gestalten. 

Ein historischer Stich aus Jena für Alexander Rybakow, Photo Presseamt WladimirDer anschließende Empfang im Rathaus durch das Stadtoberhaupt, Alexander Rybakow, und den Vorsitzenden des Stadtrats, Sergej Kruglikow, findet denn auch schon in einer Atmosphäre der Vertrautheit statt. Die beiden Oberbürgermeister kennen sich von einer Begegnung in der Vorweihnachtszeit in Jena und verstehen sich, als wären sie alte Freunde. Und dennoch wohnt dem Treffen der Zauber alles Neuen inne. Alexander Rybakow freut sich, seine Stadt weitgehend unbeschadet durch die Krise zu sehen, zumal man in den 90er Jahren ja ganz andere Probleme zu meistern hatte, und bietet eine umfassende Zusammenarbeit an, ausgehend von den Ergebnissen dieser Erkundungsreise.

Wie eng diese Zusammenarbeit werden könnte zeigt sich schon wenig später an der Staatlichen Universität, wo Bruno Spessert, Professor für Maschinenbau mit langjähriger Praxiserfahrung bei Deutz, nicht nur bestens vorbereitete Fachkollegen trifft, sondern auch erfreut feststellen kann, auf welch hohem Niveau sich die technische Ausstattung in den Labors bewegt. Und wenn der gebürtige Kölner dann auch noch mit Sergej Arakeljan über sein Spezialgebiet Lärm fachsimpeln darf, weiß der Gründer der “Akustik-Tage” in Jena, daß die Reise nicht vergeblich war. Erste Ideen für eine Kooperation werden geboren, möglichst bald soll Rektor Walentin Morosow nach Jena kommen. Kurzum, es kommt etwas in Gang, das recht schnell hochschalten und Geschwindigkeit aufnehmen könnte.

Unter dem Portrait von Sergej TanejewDas wissenschaftliche Treffen braucht viel mehr Zeit, als eingeplant, und so müssen die jungen Künstler in der Städtischen Kindermusikschule mit ihren Vorführungen leider etwas warten. Unter dem Portrait von Sergej Tanejew, dem großen Wladimirer Komponisten, einem Schüler von Peter Tschajkowskij und dem Lehrer von Sergej Rachmaninow, verstehen es der zehnjährige Wadik und die fünfzehnjährige Mascha, mit Klavierstücken der beiden letztgenannten die Gäste regelrecht in ihren Bann zu schlagen. Da verwundert es nicht, wenn man hört, daß beide regelmäßig bei regionalen wie internationalen Wettbewerben ganz vorne mitspielen. Später am Abend wird Albrecht Schröter, gefragt nach seinen schönsten Eindrücken, ohne Zögern die Musikschule nennen, wo ihn besonders auch das Orchester für russische Volksmusikinstrumente begeistert.

Dieter Wenzel und Swetlana MakarowaUnterdessen hat Dieter Wenzel seine Visite im Kinderkrankenhaus gemacht, das er seit 1990 wie kein anderer Mediziner aus Erlangen kennt und unterstützt. Heute hat er sich vorgenommen, besonders die Krebsstation in Augenschein zu nehmen, die von den Soroptimist Klubs der Partnerstädte unterstützt wird. Wie notwendig diese Hilfe trotz der großen Fortschritte bei der medizinischen Ausstattung ist, zeigen räumliche Enge und bedrückende bauliche Zustände. Besonders freut sich Chefärztin Sweltana Makarowa über das Angebot des Besuchers, für Fachärzte wieder Hospitationen an der Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Erlangen zu ermöglichen. Und natürlich freut sie sich über die erneuten Spenden aus der Partnerstadt, von denen der Blog ja bereits am 11. Mai berichtet hat. Wenn wir schon bei der Freude sind: Staunend freut sich Dieter Wenzel darüber, daß es heute auf der Neugeborenenstation sogar Inkubatoren in Reserve gibt. Anfang der 90er Jahre stand da gerade mal ein einziger Apparat, und ohne die vielen Geräte aus Erlangen hätte wohl so manches Kind nicht überlebt. Später, beim Stadtrundgang ergreift der Pädiater die Gelegenheit und spricht Alexander Rybakow seine Anerkennung für die technische Aufrüstung des Kinderkrankenhauses aus.

Die Kinderkunstschule zum Anfassen für Albrecht SchröterZurück zu den Gästen aus Jena. Auch wenn die Zeit drängt, bleiben einige kostbare Minuten, um einen Blick auf die erstaunlich reifen Werke von Kindern in der Städtischen Kunstschule zu werfen. Knüpf- und Webarbeiten mit Motiven aus der russischen Sagen- und Märchenwelt, aber auch stilisierte Ornamentik, der Sakralkunst nachempfunden, sowie Landschaften schmücken die Wände in dem liebevoll restaurierten klassizistischen Bau am Kathedralenplatz. Nur wenige Straßen weiter trainieren die Medaillenhoffnungen der Wladimirer Turnschule, geleitet von dem siebenfachen Welt- und Olympiasieger, Nikolaj Andrianow. Man ist ganz zu Recht stolz auf das Wiederaufblühen dieser “Kaderschmiede des Sports”, die nach einer Periode des Niedergangs in den 90er Jahren nun erneut in der Weltspitze mitmischt, wofür Jurij Rjasanow mit seinem dritten Platz bei den letzten Europameisterschaften das beste Beispiel ist. Da bleibt den Gästen nur, ein “Weiter so!” zu wünschen.

Albrecht Schröter und Alexander Rybakow vor dem Rubljow-DenkmalAlexander Rybakow wartet da auch gerne auf seine Gäste und begrüßt nun vor dem Andrej-Rubljow-Denkmal auf dem Kathedralenplatz auch die Besucher aus Erlangen. Da fügt es sich doch mit schöner Symbolkraft, daß Dieter Wenzel dem Oberbürgermeister Jenas fast en passant erklären kann, wie eng die Verbindungen zwischen den Kinderkliniken der deutsch-deutschen Partnerstädte ist, daß er erst vor zwei Wochen wieder auf einem Kongreß an der Saale war und sich gut vorstellen kann, auch Jenaer Pädiater in den Austausch mit den Kollegen in Wladimir einzubeziehen. Doch nun gilt es, die architektonischen Wunderwerke Wladimirs zu entdecken. Zum Segensgruß schickt der Himmel ein paar Weihwassertropfen, wie der Gastgeber meint, aber das Unwetter am Horizont – die Wetterprognose von gestern morgen lag dann doch nicht so daneben – zieht an den Kathedralen vorüber. Über den Puschkin-Boulevar zur Aussichtsplattform, vorbei an dem zauberhaften Steilufer der Kljasma, gesäumt und geschmückt von einer ganzen Kette von Kirchen, geht es unter ausladenden Alleebäumen zum Denkmal für den apostelgleichen Fürsten Wladimir “Rote Sonne”, der von Kiew kommend hier seine Hauptstadt errichtete. Von der Aussichtsplattform hat man einen großartigen Blick auf die Weite der russischen Tiefebene, in die hinein Wladimir heute weiter wächst und aus der heraus die Mongolen 1237 die damalige Hauptstadt der Rus stürmten und brandschatzten. Die Residenz des Fürsten wurde dem Erdboden gleichgemacht, aber die beiden Kathedralen überstanden das Wüten. Die Demetriuskathedrale mit ihren einzigartigen Steinreliefarbeiten – keine einzige Figur oder Ornamentik wiederholt sich an den Fassaden -, tasteten die Eroberer nicht einmal an. Anders in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, in der später Andrej Tarkowskij für seinen Film “Andrej Rubljow” mit einigem Schaden für just die Fresken des großen Ikonenmalers die Lagerfeuer und Gewaltorgien der Reiterhorden nachstellen ließ. Albrecht Schröter ist hier am Ziel einer ganz persönlichen Pilgerreise. Während seines Theologiestudium arbeitete er just zur russischen Ikonenmalerei und setzt die Gastgeber mit seiner Detail- und Fachkenntnis in helles Erstaunen. Endlich an dem Ort, über den er vor 30 Jahren geforscht, den er aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. Ein Wiedersehen der besonderen Art, ein Wiedersehen, das ein Wiederkommen in sich trägt. Kaum ist der Wunsch ausgesprochen, arrangiert der Mönch, der die Gäste durch das Weltkulturerbe der UNESCO mit den größten Wandmalereien Andrej Rubljows führt, für den Samstag morgen einen Termin, wo der Ikonenkenner aus Jena ganz ungestört zum Jüngsten Gericht und den Gerechten im Paradies wiederkommen kann.

Im Patriarchengarten, Photo Pressestelle WladimirKann es noch schöner kommen? Der Patriarchengarten legt das nahe mit seinem blühenden Relief am südlichen Steilufer der Kljasma und flankiert von der Nordseite des ehemaligen Befestigungswalls. Hunderte von Schülern pflegen dieses gärtnerische Kleinod und zaubern ein Stück gezähmter Natur in eine Landschaft, die zum Schwärmen einlädt. Einige Augenblicke der Ruhe und des Innehaltens bei Konfitüre aus Sauerkirschen und Beeren, die alle in diesem jahrhundertealten Park wachsen und der erst in den letzten Jahren in all seiner Pracht und Schönheit wiedererstanden ist.     

Auf der TribüneDoch dann ist es vorbei mit der Ruhe: Den Anpfiff zum Spiel gegen den Erzrivalen Iwanowo haben die Gäste im Patriarchengarten nicht gehört, aber mit einem immer noch der Wissenschaft geschuldeten c.t. nehmen sie dann doch noch auf der Ehrentribüne des neuen Fußballstadions mit 16.000 Plätzen ihre Sitze ein. Da bleiben sie bis zur Halbzeit einigermaßen ruhig sitzen, weil das Spiel eher unentschlossen, wenn auch mit deutlichen Torvorteilen für Torpedo Wladimir, vor sich hindümpelt. Als der Stadionsprecher die Namen der Gäste aus Deutschland durchsagt, gibt sich übrigens ein ehemaliger Soldat der Sowjetarmee, der in Jena stationert war, zu erkennen. Man kennt eben Jena in Wladimir, und das nicht nur wegen Carl Zeiss… Ob es nun die Einwechslungen in der zweiten Halbzeit sind oder die gedrückten Daumen der Gäste, läßt sich nicht mehr sagen, aber jedenfalls hielt es niemanden mehr auf den Sitzen, als die Wladimirer Kicker nach dem Seitenwechsel ein Tor nach dem anderen im Netz der Gegner versenkten. 3 : 0 stand es an einem glücklichen Ende, das Torpedo Wladimir weiterbringt auf dem Weg zum Spiel um den Russischen Pokal. Freilich fürchtet man aus trauriger Erfahrung, da wieder an ZK Moskau zu scheitern. Aber heute ist erst einmal Freude über den Sieg angesagt, eine Freude, die auch über dem gemeinsamen Abendessen liegt. Ein schöner Ausklang für einen gelungenen Tag, der mit dem guten Ton der russischen Tischsitten, den Trinksprüchen, endet. Endet? Es ist wohl eher der Anfang einer langen und intensiven Freundschaft, für die Albrecht Schröter persönlich auch die Unterstützung des Stadtrates zu Hause gewinnen will. Den Segen des weit offenstehenden Wladimirer Himmels und dessen gastfreundlicher Geschöpfe hat er in jedem Fall.

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Gerade auch wissenschaftliche Kontakte stehen heute unter dem Effizienzvorbehalt und werden streng nach dem Leistungsprinzip geknüpft oder abgebrochen. Entsprechend den Rankings strecken Institute und Lehrstühle ihre Fühler in alle Welt aus, und wenn dann Universitäten noch lockende Zauberwörter wie “Exzellenz” und “Elite” im Mund führen, bekommt man schnell Appetit aufeinander, verpaßt dabei aber vielleicht auch die Chance, noch unentdeckte Edelsteine zu finden und diese in der Zusammenarbeit zu unerwartetem Glanz zu polieren. Doch es gibt daneben Hochschulen wie die Friedrich-Alexander-Universität, die lieber ihre eigenen Wege gehen und dabei – warum nicht?! – in Wladimir fündig werden, obwohl dort bisher zumindest keine Wissenschaftler von Weltruf forschen. Aber, so Andreas Nehring, Leiter des Lehrstuhls für Religions- und Missionswissenschaft: “Wir haben in Wladimir kompetentere Leute gefunden, als am manch anderer sogenannter Elite-Uni.” So ist es vor bereits fast zehn Jahren auch dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen unter Heinz Gerhäuser in Wladimir ergangen und mit ihm manch anderem Lehrstuhl und Forschungsbereich.

Ein schönes Ergebnis einer solchen erfolgreichen wissenschaftlichen Verbindungen bietet die Religionswissenschaft. Daniel Meier vom Lehrstuhl für Christliche Publizistik darf hier als Pionier gelten, denn schon 2003 nahm er an der Bürgerreise zum 20jährigen Partnerschaftsjubiläum teil und initiierte einen Austausch, der nicht nur von erstaunlicher Kontinuität, sondern auch einer breiten Ausdifferenzierung geprägt ist, die hier gar nicht im Detail dargestellt werden kann. Nur so viel: Auch ohne das lebhafte Interesse an den Kontakten seitens des Lehrstuhls für Philosophie von Hans Ineichen wäre vieles undenkbar geblieben. Dabei ist es doch – und davon kann man sich als Beobachter dieser Kontakte immer wieder begeistert überzeugen – gerade das Denken, das die Welt am Laufen, in der Drehung und in Schwingung hält.

Jewgenij Arinin, Sergej Minin, Elisabeth Preuß, Wadim Schdanow, Andreas Nehring, Empfang 23.04.09Seit dem 20. April und noch bis zum Monatsende halten sich nun acht Wissenschaftler der Staatlichen Universität und des russisch-orthodoxen Priesterseminars Wladimir sowie aus Moskau am Erlanger Lehrstuhl für Religions- und Medienwissenschaften auf. Dessen Leiter, Andreas Nehring, sowie seinen Wladimirer Kollegen, Jewgenij Arinin, und den Dozenten und Pfarrer der Hochschulgemeinde, Sergej Minin, empfing heute Bürgermeisterin Elisabeth Preuß im Rathaus. Die Politikerin kommt selbst aus der Wissenschaft und läßt sich gerade den Dialog der Religionen besonders angelegen sein. Dennoch kann man auch sie noch in Erstaunen versetzen, wenn sie erfährt, daß sich ein guter Teil der Bände des Heiligen Synods der russisch-orthodoxen Kirche im Bestand der Universitätsbibliothek Erlangen befindet. Die Bücher wurden in der Sowjetzeit in alle Welt verstreut. Karl Christian Felmy, dem emiritierten Leiter des Lehrstuhls für Geschichte und Theologie, gelang es, einen Teil davon nach Erlangen zu holen. Eine zufällige Erkenntnis am Welttag des Buches, den heute die UNESCO im Kalender rot markiert hat?

Sergej Minin und Jewgenij Arinin im Gesprach mit Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Photo Alma HassounDie Gäste, sprachlich wie organisatorisch bestens betreut vom wissenschaftlichen Mitarbeiter Wadim Schdanow, haben sich eine einwöchige Tagungsklausur zur Vorbereitung eines Antrags bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der russischen Stiftung für Sozial- und Geisteswissenschaften verordnet. Als Thema stellen sie sich die Frage nach der Religiosität im postsowjetischen Rußland unter verschiedenen Aspekten, von der Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft über den Diskus zur Orthodoxie in den russischen Medien bis hin zum Wandel des Verständnisses von “Heiligkeit” im Übergang von der sowjetischen zur postsowjetischen Zeit.  Klappt alles mit der Förderung, werden sich die Wissenschaftler der Partnerstädte in den nächsten drei Jahren intensiv austauschen und all diese Fragen just am Beispiel der gesellschaftlichen Entwicklung in der Region Wladimir untersuchen.

Den Startschuß hierfür hatte die Interfilmakademie München mit ihrer Anschubfinanzierung gegeben. Ihr Leiter, der Medienwissenschaftler Eckart Bruchner, bleibt auch weiter im Spiel. Er bereitet mit den Gästen parallel zur Tagung Projekte zum Themenfeld “Menschenbilder und Menschenwürde in den Massenmedien” vor, ein Bereich, zu dem Jewgenij Arinin als ausgewiesene Fachmann für den Filmemacher Andrej Tarkowskij viel beitragen kann. Daneben führen die Gäste aber auch noch Gespräche mit dem Erzbischöflichen Jugendamt, dem Martin-Luther-Bund und der Katholischen Erwachsenenbildung; sogar mit den Ingenieurwissenschaftlern des Fraunhofer Instituts treffen sie sich.  So kann der interreligiöse Dialog zwischen Freunden aussehen, und so kann eines Tages vielleicht auch Ökumene gelingen.   Der Geistliche Sergej Minin jedenfalls betont: “Wir haben hier in Erlangen nicht nur wissenschaftliche Kollegen, sondern viele Freunde gefunden.” Damit hat die Partnerschaft ihre Mission ja wesentlichenteils bereits erfüllt.

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