Seit der Oktoberrevolution ist der 1. Mai für die Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten immer ein Tag demonstrativer Geschlossenheit im Kampf für die universellen Arbeiterrechte gewesen, wo die Internationale als Hymne der Proletarier alle sozialen und politischen Grenzen übertönte und einen Chor der Einheit schuf. Damit ist es längst vorbei. Für die allermeisten Russen ist der Tag der Arbeit schlichtweg ein freier Tag, ein Feiertag, ein Familienfest und für viele der Beginn der Frühlingsferien, die bis zum 10. Mai dauern.
Doch seit den Duma- und Präsidentschaftswahlen mit ihren offenkundigen Roßtäuschertricks ist es auch am 1. Mai dahin mit der Harmonie. Unübersehbar auch im Stadtzentrum von Wladimir. Da nämlich gab es gestern zwei voneinander getrennte Demonstrationen: gegen 10.00 Uhr die “offizielle” Kundgebung unter der Patronage der Gewerkschaften unter Einbeziehung der Anhängerschaft der herrschenden Partei Einiges Rußland und um die Mittagszeit den Marsch der Unzufriedenen, angeführt von den Kommunisten und mitveranstaltet von fast allen Oppositionsparteien vom wirtschaftsliberalen Jabloko bis zu den sozialdemokratischen Frauen. Auch wenn Rot das Farbspektrum der Banner dominierte, hielt die geschätzt eintausend Demonstranten doch vor allem eins zu zusammen: der Widerstand gegen eine Staatsmacht, die mit Lug und Betrug das Land regiert.
Wider Erwarten hat Gouverneur Nikolaj Winogradow, einziger Kommunist unter all seinen Kollegen, das Wort nicht ergriffen und entschuldigte sich auch schon bald mit dem Hinweis, er habe noch zu arbeiten. Immerhin ist der 1. Mai ja auch der Tag der Arbeit… Allerdings dürfte der Landesvater auch etwas zu feiern gehabt haben. Eine in Kowrow gestartete Aktion zu seiner Absetzung hat es nicht geschafft, bis zum Stichtag am 25. April die notwendigen 70.000 Unterschriften für eine Petition zu sammeln. Nach gegenwärtigem Stand dürfte also Nikolaj das letzte Jahr seiner Amtszeit Chef im Weißen Haus von Wladimir bleiben können. Und dann, im Frühjahr 2013, wird gewählt. Wieder direkt vom Volk.




