Am 24. März 1919 kam Leonhard Steger zur Welt, dessen Lebensweg vor sieben Jahren endete. Mit einem kleinen Rückblick auf diesen großen Menschen soll die lose Reihe über die Weltkriegsveteranen vorläufig schließen. Sie tut das mit dem Vermächtnis eines Mannes, dem die Gnade gegeben war, aus dem Fluch des Krieges einen Segen zu machen und damit seinen Kindern und Kindeskindern vorzuleben, wie man auch noch die schlimmsten Erlebnisse ins Gute wenden kann.
Der Frontsoldat Leonhard Steger ist nach dem Krieg nie mehr nach Rußland zurückgekehrt, aber er war in Gedanken bei jeder Reise seines Sohnes Peter dabei und erlebte die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir als spätes Wunder der Geschichte, an dem er selbst noch mitwirken konnte mit vielen Spenden für die humanitären Hilfsaktionen oder so symbolisch schönen Gesten wie dem Empfang für den Wladimirer Veteranenchor 1992 mit selbstgeschmierten Broten und Salz.
Aus Anlaß seines Geburtstages und anstelle eines Nachrufes gibt es heute im Blog leicht gekürzt das “Grußwort des Beauftragten für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, Friedensveteran mit langjähriger Nahkampferfahrung in Freundberührung mit Rußland” aus dem Sammelband “Rose für Tamara” zu lesen, 2001 von Fritz Wittmann und Peter Steger herausgegeben.
Immer wieder werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet Slawistik mit Schwerpunkt Russisch studiert habe. Je nach Situation und Fragesteller antworte ich dann mehr oder weniger lapidar, daß ich damit ein Erbe meines Vaters angetreten habe.
Mein Vater, Jahrgang 1919, war in seiner Jugend rasch in den Bann der nationalsozialistischen Verführer geraten und sah schon bald in einer militärischen Laufbahn den einzigen Ausweg für sich. Seine Eltern, die einen kärglichen Bauernhof in Hartenstein, Mittelfranken, bewirtschafteten, erkannten wohl Intelligenz und Begabung des einzigen Sohnes, konnten aber nicht das Schuldgeld aufbringen, um ihm den Berufswunsch Lehrer zu erfüllen. Stattdessen wurde er in das ungeliebte Metzgerhandwerk gedrängt und gezwungen, seine Bildung selbst in die Hand zu nehmen.
Persönliche Enttäuschungen sowie mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und Verzweiflung über die ärmlichen Lebensverhältnisse machten ihn anfällig für die Verheißungen und Aufstiegschancen der Reichswehr. Rasch fand er Gefallen an Disziplin und Hierarchie, bewährte sich als Ausbilder und trat der Waffen-SS bei. Als er im Elsaß vom Unternehmen Barbarossa erfuhr, meldete er sich freiwillig an die Ostfront und machte zunächst als Kundschafter, später als Panzeroffizier den gesamten Feldzug bis zur Schlacht bei Kursk sowie den Rückzug mit. Sieben Verwundungen – einen Granatsplitter trägt er noch immer im Kopf – überlebte er, aber das Erschrecken und Grauen über die Grausamkeiten des Krieges wirken bis heute schmerzlich nach. Wie viele seiner Altersgenossen kam er moralisch gebrochen nach Hause, mußte sich einige Zeit vor den Alliierten verstecken und bekam erst Ende der 50er Jahre mit der Gründung einer Familie wieder Boden unter die Füße.
Meine Kindheit ist geprägt von den Erzählungen des Vaters über die Kriegserlebnisse. Den Brjansker Wald kenne ich, als hätte ich dort selbst die Wölfe heulen hören; die Stalinorgel saust mir um die Ohren, als wäre ich selbst von ihr mit Beschuß belegt worden; ich habe den Geruch der russischen Katen in der Nase; der Geschmack der Schokolade, aus der eisernen Ration, eingetauscht gegen Tabak, hängt mir in den Zähnen; ich sehe die erhobenen Arme der Gefangenen, unter eigener Lebensgefahr wieder freigelassen; ich spüre den Todeshauch von Fleckfieber; ich sehe die brennenden Panzer und Strohdächer; ich kaue das mit Muschiks geteilte Brot; ich stehe am Grab der unbekannten Kameraden und unschuldigen Feinde. In allen Erzählungen war das Generalthema: „Die russischen Menschen sind gut; sie haben uns, die Angreifer, immer als Menschen behandelt und das wenige, das sie hatten, mit uns geteilt.“
Als ich dann ins Gymnasium kam, sollte ich Russisch lernen. Eine Estin aus Reval, die in einem Nachbarort lebte und zu der ich – ohne Führerschein – einmal die Woche mit dem Traktor fuhr, unterrichtete mich zwei Jahre lang mit Lehrbüchern aus der DDR, doch pädagogisches Geschick auf der einen und Lerneifer auf der anderen Seite hielten sich in engen Grenzen, so daß ich über die Anfangsgründe der Fremdsprache kaum hinausgelangte. Und als ich dann die Schule wechselte und wir später nach Hersbruck zogen, brach der Unterricht ganz ab. Dennoch hatte ich unter meinen Schulkameraden meinen Spitznamen weg: Iwan.
„Die Zukunft liegt in Rußland! Lerne Russisch, und Du hast die Zukunft!“ Diese Aufforderungen fielen in der Pubertät und Adoleszenz mit all ihren Aufbäumungen und Revolten, Irrwegen und Verwirrungen auf unfruchtbaren Boden, doch der Keim war gelegt. Als es galt, sich für ein Studienobjekt an der Universität Bamberg zu entscheiden, fiel die Wahl auf Anglistik und Slawistik. Mit dem Russischen mußte ich wieder ganz von vorne beginnen, noch unsicher, ob ich bei der Sache bleiben würde. Doch nach der ersten Sowjetunionreise 1983, ermöglich vom Vater, war für mich die Gewichtung klar: Russisch wurde mein Hauptfach, Herz und Verstand galten der Kultur, der Literatur und den Menschen Rußlands. Die Entscheidung war damals nicht einfach, Slawistik galt als „Orchideenfach“ ohne Aussicht auf praktische Anwendung. Doch das konnte ich durch Begeisterung für die Sache ausgleichen.
1987 erfuhr ich von der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir und meldete mich als ehrenamtlicher Dolmetscher. Meine Feuertaufe erlebte ich mit Michail Firsow, dem Leiter des Folklore-Ensembles RUS auf der Bühne der Stadthalle in Erlangen, wo ich dessen fünfzehnminütigen Vortrag ohne Punkt und Komma über das Programm seiner Truppe völlig unvorbereitet zu übersetzen hatte. Seither kann mich nichts mehr schrecken. Rasch wuchs ich in die Städtepartnerschaft hinein, erfuhr Förderung von den Verantwortlichen im Rathaus und trat Ende 1989 in die Dienste des Bürgermeister- und Presseamts.
Von Beginn meiner Arbeit an habe ich mich besonders dem Gedanken der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen verpflichtet gefühlt. Und so war es mit denn auch ein Herzensanliegen, die Veteranen der Partnerstädte zusammenzuführen. Der 50. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die UdSSR erschien mit hierfür der geeignete Anlaß. Es bedurfte einer langwierigen und sensiblen Vorarbeit, um die Idee, zu diesem traurigen Jubiläum, Kriegsteilnehmer aus Erlangen nach Wladimir einzuladen, Gestalt annehmen zu lassen. In Jakow Moskwitin, einem Oberst der Sowjetarmee und dem Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbands, fand ich schließlich einen Menschen, der bereit war, die Hand auszustrecken. Unter Leitung von Stadtrat Heinrich Pickel, der als einer der ersten seinerzeit über den Bug gesetzt hatte, reisten zehn Veteranen aus Erlangen nach Wladimir.
Was dort an menschlich Bewegendem geschah, hat alle Mitwirkenden und Zeugen tief beeindruckt und geprägt. Ich persönlich rechne diese Begegnungen voller Versöhnungs- und Verständigungsbereitschaft zu meinen wichtigsten Erlebnissen überhaupt und schöpfe daraus eine nie versiegende Kraft für meine weitere Arbeit. Eine Kraft, die mich darauf verpflichtet, alles in meine Kräften Stehende daran zu setzen, das Netz der Partnerschaft zwischen den Menschen beider Städte so eng und fest zu knüpfen, daß kein Vorurteil, keine Ideologie, keine Parole es mehr würde zerreißen können.
Die Feinde von einst mußten erkennen, daß sie auf beiden Seiten betrogen und verhetzt worden waren und im Grunde gar nichts gegeneinander hatten. Der Krieg wurde nun auch in den Köpfen und Herzen besiegt. Es kam zu Gegenbesuchen in Erlangen, der Veteranenchor aus Wladimir trat in der Partnerstadt auf, der Bayerische Soldatenbund organisierte Reisen, das Wladimirer Museum präsentierte eine Ausstellung zum Thema „Deutsche Kriegsgefange in Wladimirer Lagern“, der Veteran Nikolaj Schtschelkonogow verfaßte seine großartige „Erlangen-Hymne“, und nun veranstaltet die VHS Erlangen eine Podiumsdiskussion zum 60. Jahrestag des Unternehmens Barbarossa.
Seit dem Juni 1991 trage ich voller Stolz den Ehrentitel „Junger Veteran“. Wenn ich mich also nicht glücklich nennen darf, wer dann? In dem Land, an dessen Brandschatzung mein Vater teilgenommen hatte, habe ich ungezählte Freunde, durfte das Erlangen-Haus mit aufbauen, im Auftrag der Erlanger viel Gutes tun – und das Vermächtnis meines Vaters erfüllen. Dafür danke ich allen, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin, und denen, die mich so sein lassen, wie ich bin.
Unmittelbar an das Vorwort schließt sich folgendes Gedicht an:
Kapitulation
Sie kamen… / um zu siegen – / und blieben / oft nur liegen / auf jenem Feld / der Ehre, / auf daß man ihn vermehre: / den Ruhm / von Volk und Land, / des Glückes Unterpfand.
Und wer nach Haus / gekommen, / war fremd, vor Scham benommen. / Die Wunden / heilten nie, / auch wenn man / sie verzieh, / sie schmerzen immer wieder, / grad jetzt im Mai, / wo Ginster blüht und Flieder.
Die Sünden ihrer Väter / verbüßen noch viel später / die Söhne, / die nicht wissen, / was dem verweinten Kissen / vom Vater anvertraut, / dem das Gewehr war Braut.
Sie tragen keine Schuld, / doch schulden sie Geduld / sich selbst, dem Sieger / und dem Täter, / sonst werden sie Verräter / an sich und ihrer Zeit, / die endlich scheint bereit, / das Wort „vergib“ zu sprechen / und mit dem Haß zu brechen.
Peter Steger, 8. Mai 2001
Nachsatz: Leonhard Steger hat für seinen Sohn Peter die Arbeit als Partnerschaftsbeauftragter nicht gefunden, doch ohne den Vater hätte der Sohn diese Aufgabe gar nicht erst gesucht.
Danksagung an Volker Steger, den Hüter des Bildarchivs unseres Vaters.

















