Manche Nachrichten brauchen ihre Zeit. Nicht etwa weil sie im Zeitalter der elektronischen Medien lange vom Sender zum Empfänger unterwegs wären, sondern weil man sie gerne zunächst einordnen möchte. In der Befürchtung freilich, dieser Prozeß könnte noch eine Weile dauern, hier vorerst einfach die Fakten mit ersten Mutmaßungen:
In der Nacht vom 7. auf den 8. Januar ist es nach Angaben der zuständigen Behörden um 3.32 Uhr in einem Kellerraum der Wladimirer Stadtteilverwaltung Oktjabrskij zu einem Brand gekommen, der unter Einsatz von fünf Fahrzeugen um 4.34 Uhr als gelöscht gemeldet wurde. Die offizielle Version für das Feuer ist nach bisheriger Lesart ein Kurzschluß. Gelagert waren in dem Kabuff die kompletten Unterlagen der Wahl vom 4. Dezember, just jene Stimmzettel und Benachrichtigungen, die man benötigt hätte, um vor Gericht die mutmaßlichen Fälschungen zu beweisen. Nun haben Feuer und Löschwasser dafür gesorgt, daß die Asservate gänzlich unbrauchbar geworden sind. Wie und ob der Prozeß nun überhaupt geführt werden kann, ist noch offen; die genaue Brandursache soll in den nächsten Tagen ermittelt werden.
Nach Aussage des Leiters der lokalen Wahlkommission, Roman Jegorow, habe nur er allein einen Schlüssel zu dem Lagerraum in Besitz. Er aber – ein wasserdichtes Alibi – war zur Zeit des Brandes nachweislich im Landkreis Susdal unterwegs und traf erst am frühen Morgen in Wladimir ein.
Nun ist ein Schuft, wer Böses dabei denkt, daß just in dem Stadtteil Oktjabrskij die temporären Wahllokale standen, wo die Partei Einiges Rußland eine Zustimmungsrate von zum Teil weit über 90% erzielt hatte. Ein Schuft, wer glaubt, da habe jemand versucht, Beweismittel zu vernichten. Ein Schuft, der wie die Oppositionsvertreter überzeugt ist, da sei nicht nur ein Zündler am Werk gewesen, sondern da habe es auch Order gegeben, die Löscharbeiten in die Länge zu ziehen: eine Stunde für einen vier Quadratmeter kleinen Kellerraum.
Zur Erinnerung zumindest der Fall des provisorischen Wahllokals Ladoga, das am 4. Dezember für die größte Aufregung gesorgt hatte: Hier waren die Fälschungen aus Sicht der Opposition am augenfälligsten: Bis 10.00 Uhr ließ man keine Beobachter zu. Diese mußten sich mit schon fast handgreiflichen Mitteln Zugang verschaffen und entdeckten dann, daß bereits 2.900 Stimmen in der Urne lagen, obwohl nur eine Buslandung voll Studenten anwesend war, die darüber hinaus noch gar nicht gewählt hatten. Diese “virtuellen” Ergebnisse zu Gunsten der “Partei der Macht” von 90% + x wurden dennoch von allen Wahlkommissionen als gültig anerkannt. Zum Vergleich: Die Partei Einiges Rußland konnte insgesamt in Wladimir gerade einmal 37% der Stimmen auf sich vereinigen.
Nun heißt es, geduldig auf das Ergebnis der Untersuchung der Brandursache warten. Vielleicht wird man eines Tages dann erfahren, ob das Feuer von jemandem gelegt oder in Auftrag gegeben wurde, dem die Sache nützt, oder ob es tatsächlich technisches Versagen, ein Kurzschluß war. Klärt sich diese brenzlige Sache nicht rasch zweifelsfrei, wird Wladimir der Geruch politischer Brandstiftung noch lange anhaften, wird Wladimir ein Feuermal tragen, das mit kosmetischen Mitteln nicht mehr zu beseitigen ist.


