Auch wenn in der orthodoxen Kirche Weihnachten eine viel bescheidenere Rolle spielt als im römisch geprägten Christentum – obwohl ja auch da strenggenommen Ostern alle anderen Feste überstrahlt – wollen wir den Hinweis darauf nicht versäumen, daß man heute in Rußland die Geburt des Gottessohnes feiert. Nicht unbemerkt vom Blog auch in den Vorjahren, wie die zum Nachlesen empfohlenen Einträge http://is.gd/L7YesG und http://is.gd/gqH3sN beweisen.
Es gibt in der russischen Tradition nicht die ausgeprägten Weihnachtsmärchen. Für die – und die Geschenke – ist Väterchen Frost zuständig. Der freilich hat nach dem Neujahrstag zusammen mit seiner Enkelin Schneemädchen (von deren Eltern schweigt die Legende übrigens) schon wieder den Heimweg nach Welikij Ustjug angetreten, wo er seit 1998 nach einer Idee des Ex-Oberbürgermeisters von Moskau, Jurij Luschkow, sein Zauberreich bewohnt. Dieses wird er erst wieder an seinem Geburtstag, dem 18. November, verlassen, um die Kinder von Kaliningrad bis Kamtschatka zu beglücken.
Ein solches Märchen, das sich so oder so ähnlich tatsächlich zugetragen hat, soll heute erzählt werden:
Es waren einmal in Wladimir einsame Männer, die in der kalten Jahreszeit auf der Suche nach einem Obdach waren. Sie hatten – der eine aus diesem, der andere aus jenem Grund - alles verloren: ihre Familie, ihre Wohnung, ihre Arbeit. Sie gingen, jeder für sich, von Haus zu Haus, wurden aber überall abgewiesen und weitergeschickt, so weit weg wie nur möglich. Niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben. Aber auch dort, weit weg, in anderen Stadtvierteln, wollte man sie nicht haben und schickte sie wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen waren. Da wußten sie bald selbst nicht mehr, wohin sie gehörten. Eines Tages jedoch, als der erste Schnee fiel, ging die Kunde von guten Menschen, die ein Wärmezelt in einem Park aufgestellt hatten. Es hieß, da gebe es etwas zum Essen, da könne man sich hinlegen, da brauche man nicht mehr zu frieren und ziellos umherzuirren. Rasch füllte sich das Zelt, und den Männern wurde warm im Bauch von der Suppe und warm ums Herz davon, nicht mehr fortgeschickt zu werden, ein Obdach gefunden zu haben. Als sie nun so zusammensaßen, einander von ihrem Schicksal erzählten und sich über das Gute freuten, das man ihnen tat, hatte einer plötzlich den Einfall, selbst auch etwas Gutes zu tun. Nicht für sich, sondern für andere, für Kinder. “Kindern eine Freude zu machen”, sagte er, “das macht doch die größte Freude!” Dem wollte niemand widersprechen, und gleich wurde überlegt, was denn da zu tun sei. Am andern Morgen zogen die Männer nach einer ruhigen Nacht im Warmen hinaus in die Stadt und baten um eine milde Gabe für die Waisenkinder Wladimirs. Am Abend hatten sie schon einen ganzen Sack voller Rubel und Kopeken zusammen, so viel, daß man davon mehrere Kartons Spielsachen kaufen konnte. Besonders aber freuten sie sich über den reichen Kaufmann, den sie auch um ein Almosen gebeten hatten. Der ließ es nicht bei ein paar Münzen bewenden, sondern gab großzügig seinen Anteil zum guten Werk und brachte selbst die Geschenke mit den Männern ins Waisenheim. Da herrschte große Freude unter den Kindern und über die ganze Stadt Wladimir. Die Männer aber wußten nun, was zu tun war, um das Herz warm zu halten. Ihr Herz und das Herz der Kinder.




