„The description that follows was made possible by the generous sharing of unpublished contextual and frequency data and free access to the Sungir artifacts granted by N. Bader, L. Mikhailova, and the curators of the Vladimir-Suzdal State Museum.”
Mit diesem unscheinbaren Satz beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise nach Wladimir und zur Besiedlung dieser Region während der Altsteinzeit. Studierenden der Archäologie ist der Name Sungir nicht unbekannt, denn in keiner Vorlesung über die Altsteinzeit fehlt diese Ausgrabungsstätte, die weltweit für ihre außergewöhnlichen Funde und die daraus gewonnenen Erkenntnisse bekannt ist. Indes wird die Lage Sungirs meist nur mit „ca. 200 km östlich von Moskau“ angegeben, wodurch sie sich in der anonymen Weite des russischen Staatsgebietes verliert.

Auf dem Weg nach Sungir
Als ehemaliger Schüler des Reichsstadtgymnasiums in Rothenburg o. d. Tauber horchte ich bei der Lektüre dieses Satzes aus einem Fachartikel über Elfenbeinschmuck auf: „Susdal? Ist das nicht die Partnerstadt Rothenburgs? Befindet sich Sungir gar in der Nähe von Susdal?“ Tatsächlich, Sungir liegt nur wenige Kilometer von Susdal entfernt. Näher noch liegt die nach einem Flüßchen benannte Fundstelle jedoch an Wladimir, der Partnerstadt Erlangens. Aus mittelfränkischer Verbundenheit, ja weil Erlangen aus Rothenburger Sicht fast um die Ecke liegt, nahm ich kurzerhand Kontakt mit den Erlangern, Hans Gruß und Peter Steger, auf. Ermuntert und unterstützt durch den Partnerschaftsbeauftragten stand für meine ebenfalls begeisterte Mitstudentinnen, Nina Schlösser und Yvonne Völlmecke, schließlich fest: Wir reisen nach Sungir!
Am 15. August 2011 war es schließlich soweit. Das Flugzeug brachte uns nach Moskau, ein Auto nach Wladimir, und am späten Abend konnten wir unsere Zimmer im Erlangen-Haus beziehen, wo wir, der russischen Sprache nicht mächtig, mit warmen deutschen Worten empfangen und beherbergt wurden.

Hinweisschild auf Sungir
Nach einer kurzen Orientierung in der Stadt und dem Besuch der weithin sichtbaren Sehenswürdigkeiten, nahmen wir unseren GPS-Empfänger zur Hand, den wir zu Hause mit den Koordinaten der Fundstelle gefüttert hatten, und machten uns zu Fuß auf den Weg. Erstes Hindernis war die schier endlos scheinende Straße, die uns vor die östliche Stadtgrenze bringen sollte. Doch konnten wir uns noch mit einer Vielzahl sehenswerter Holzhäuser über die brennende Sonne bei 40° Außentemperatur hinwegtrösten. Auch hielten wir stets unsere Augen auf, ob wir nicht irgendwo den Namen Sungir entdecken könnten, da wir außer den GPS-Koordinaten keinen Anhaltspunkt hatten. Und tatsächlich: Irgendwann konnten wir den Namen lesen – auf einem mit Rost überzogenen Schild, dessen volle Bedeutung sich uns zwar nicht entschlossen hat, uns aber die Gewißheit gab, auf dem richtigen Weg zu sein.

Am Ziel - Nina Schlösser und Mathias Probst in Sungir
Dies bestätigte auch das GPS. Schließlich waren wir da und standen vor einem wild mit Gräsern überwucherten Gelände. Nachdem wir uns kurz orientiert hatten, war klar: Hier liegt Sungir, ein absolutes Highlight der Altsteinzeit – und wir standen direkt darauf! Wer nicht weiß, was hier lange Zeit verborgen lag, kann sich unsere Freude angesichts einer ungemähten Wiese nur schwer vorstellen. Uns störte das aber wenig – wir schafften es sogar, die Reste der ehemaligen Grabung auszumachen und dokumentierten alles ausführlich mit Fotos.

Sungir im Sommer 2011
Touristisch ist der Ort jedoch gar nicht erschlossen, was aus unserer Sicht natürlich in keinster Weise seiner eigentlichen Bedeutung gerecht wird. Zwar weist ein Plakat in der Nähe auf Pläne für eine Erschließung des Geländes mit Museum und Parkanlagen hin, doch sind diese Pläne offensichtlich nie in die Realität umgesetzt worden. Es stellt sich auch die Frage, ob eine solche Investition am Stadtrand von Wladimir lohnenswert wäre – denn ganz ohne Wirtschaftlichkeit kommt auch eine Kultureinrichtung heute kaum mehr aus. Einige Text- und Bildtafeln, welche die Fundstelle in mehreren Sprachen näher beschreiben und auf ihre Bedeutung hinweisen, wären aber sicher ein guter Kompromiß. Dazu noch einige Hinweisschilder für den Weg aus der Innenstadt und der ein oder andere Hinweis in Prospekten sowie auf Internetseiten und Wladimir hätte dank seinen archäologischen Sensation auch ein touristisches Highlight mehr. Immerhin gibt es im Museum der Stadt einen Raum, der einzig der Fundstelle Sungir gewidmet ist. Leider war dieser während unseres Besuchs zwecks Restaurierung geschlossen, und obwohl wir beim Vizedirektor höchstselbst vorgesprochen haben, konnten wir leider keinen Blick auf das spannende Fundmaterial werfen.

Blick auf die Ausgrabungen
Sungir, benannt nach einem kleinen Zufluß der Kljasma, ist vor allem für seine reichen Bestattungen bekannt. Im Jahr 1955, während Arbeiten in einer Tongrube entdeckt, wurde die Fundstelle von 1957 – 1977 ausgegraben und ist aufs engste mit dem Namen des deutschstämmigen Moskauer Archäologen, Otto N. Bader, verknüpft, der die Arbeiten leitete. Dabei konnte über die Jahre eine Fläche von 4.500 m² untersucht und dokumentiert werden.

Sungir 1
Insgesamt gibt es in Sungir Überreste von neun Individuen, doch sind die Individuen Sungir 1, Sungir 2 und Sungir 3 die bekanntesten. Das nicht vollständige Skelett von Sungir 1 gehört zu einem etwa 60 Jahre alten Mann, der ausgestreckt auf dem Rücken liegend bestattet wurde. Typisch für altsteinzeitliche Bestattungen wurde der Tote mit rotem Ocker bestreut. Daneben wurden etwa 3000 Elfenbeinperlen entdeckt, die aufgrund ihrer Anordnung wohl an der Kleidung des Bestatteten aufgenäht waren, sowie etliche durchbohrte Fuchszähne, Armringe aus Mammutelfenbein und ein Anhänger aus Stein.

Sungir 1, Rekonstruktion
Erst 2010 konnte die Todesursache des Mannes geklärt werden. In seinem ersten Brustwirbel stellte man eine Verletzung fest, die durch ein dünnes, scharfes Objekt entstanden sein muß. Da der Knochen keine Spuren von Heilungsprozessen zeigt, liegt es nahe, daß der Mann durch diese Verletzung gewaltsam getötet wurde, wofür die Gründe jedoch vielfältig gewesen sein können. Die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigten, vermuten am ehesten einen Jagdunfall oder zwischenmenschliche Gewalt innerhalb der eigenen Gruppe. Für den Zeitpunkt des Todes gibt es zwei unterschiedliche Untersuchungsergebnisse – etwa 21.000 v. Chr. und 25.500 v. Chr.

Doppelbestattung
Sungir 2 und Sungir 3 wurden zusammen in einem Doppelgrab bestattet, das ebenfalls durch roten Ocker durchsetzt war. Die Toten, ein etwa 12 – 13 Jahre alter Junge und ein etwa 9 – 10 Jahre altes Mädchen, wurden auf dem Rücken liegend Kopf an Kopf beigesetzt. Die dabei gefunden Objekte werden von der Doppelbestattung jedoch sogar noch übertroffen. Der Junge wurde mit fast 5.000 Perlen aus Elfenbein und über 250 Zähnen vom Eisfuchs zu Grabe gelegt. Dazu kommen eine Pferde- und Mammutfigur aus Elfenbein und eine 2,5 m lange Lanze, ebenfalls aus Elfenbein. Einige weitere Objekte aus Elfenbein wurden ebenfalls neben dem Skelett entdeckt.

Rekonstruktion der Doppelbestattung
Das Mädchen hatte fast 5.300 Elfenbeinperlen auf ihrer Kleidung aufgenäht, jedoch keine Fuchszähne oder Figuren. Neben einigen weiteren Objekten aus Elfenbein lagen auch kleine Steinwerkzeuge neben der Bestatteten. Während bei dem Jungen keine Besonderheit am Skelett zu bemerken war, weist das Mädchen verkürzte und gebogene Oberschenkelknochen auf. Wissenschaftler führen diesen Befund auf eine Erkrankung der Mutter an Diabetes zurück. Die ermittelte Altersspanne ist sehr ungenau und variieren zwischen 30.000 und 26.800 v. Chr. Obwohl sich die Ergebnisse der einzelnen Skelette unterscheiden, wird durch sie klar, daß der Mann von Sungir 1 mehrere tausend Jahre später bestattet wurde.

Steinartefakte Sungir
Neben den Bestattungen gibt es jedoch auch Hinterlassenschaften von an der Kljasma siedelnden Menschen, darunter Feuerstellen, Gruben, Bereiche mit den Überresten verschiedener Tätigkeiten und Knochenansammlungen. Die Tierknochen stammen u.a. vom Hirsch, Mammut, Pferd und Eisfuchs. Die gefundenen Steinartefakte gehören zur sogenannten Kostenki-Streletskaya-Kultur. Deren charakteristische Steinwerkzeuge sind Blattspitzen, dreieckige Spitzen mit konkaver Basis, kurze Kratzer und einfache Schaber, während es nur wenige Klingen und Stichel gibt. Geographisch konzentriert sich diese Erscheinung am Mittellauf des Don, sie tritt jedoch neben Sungir auch am Unterlauf des Donez und der Kama auf.

Schmuckobjekte Sungir
Von besonderer Bedeutung sind die Bestattungen von Sungir vor allem für die Rückschlüsse auf das Leben und die Gesellschaft in der Altsteinzeit. Zunächst lassen sich anhand der vielen Perlen Kleidungsstücke wie Hosen und Mützen gut rekonstruieren, die aus der Altsteinzeit nicht erhalten sind und über die sonst wenig bekannt ist. Vor allem stellt sich aber bei der Doppelbestattung der Kinder die Frage, warum sie in ihrem Alter bereits so prachtvoll bestattet wurden. Die benötigte Arbeitszeit für die Herstellung der Perlen und anderen Objekte muß enorm gewesen sein (Wissenschaftler gehen von ein bis zwei Stunden für eine Perle aus), was bei einer mobilen und nicht-seßhaften Lebensweise noch mehr erstaunt.

Sungir-Publikation von Otto N. Bader
Folglich wurde bereits oft ein hoher sozialer Status der Bestatteten vermutet, für welche die Gemeinschaft viel Zeit und Energie investiert hat. Während dies für den alten Mann noch plausibel erscheint, verwundert es bei den beiden Kindern. Wie konnten sie in ihrem Alter bereits ein so hohes Ansehen genießen? Die Vorstellung eines vererbten Standes ist für die Epoche der Altsteinzeit eher ungewöhnlich. Eine weitere Frage ist: Warum sind die beiden Kinder gleichzeitig gestorben, und was ist die genaue Todesursache? Und: Warum werden in Sungir – wie auch anderswo – oft „Sonderfälle“ bestattet, also ein Opfer eines gewaltsamen Todes und ein Mädchen mit einer abnormen Beinform? Schon durch diese kurzen Überlegungen wird klar, welchen potenziellen Reichtum an Information die Fundstelle Sungir neben dem Reichtum der eigentlichen Funde bietet. In jedem Fall bietet Sungir mit seinen eindrucksvollen Zeugnissen der kulturellen Blüte der Menschen vor 23.000 bis 30.000 Jahren einen faszinierend Einblick in die Grundlagen unserer heutigen Kultur. Was für die gesamte Menschheit gilt, gilt hier natürlich erst recht für die Region um Wladimir, deren Besiedlungsgeschichte viel weiter zurückreicht als manchen vielleicht bewußt ist.
Zur Einführung in die älteste Geschichte von Bestattungen und mit Verweisen auf weitere Publikationen zu Sungir: P. Pettitt, The Palaeolithic Origins of Human Burial (London/New York 2011).
Mathias Probst
Nachbemerkung: Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des Reiseberichts von Mathias Probst konnte Peter Steger mit Wladimirs Oberbürgermeister Sergej Sacharow über Sungir sprechen. Man ist sich in der Partnerstadt dessen bewußt, daß diese einzigartige Fundstätte auch touristisch attraktiv gestaltet werden sollte. Ein Beispiel dafür könnte Erlangens Partnergemeinde Umhausen mit seinem Ötzi-Dorf sein. Der wissenschaftliche Berater dieses wirtschaftlich florierenden und inhaltlich eindrucksvollen Steinzeitparks, Walter Leitner, Chef des Instituts für Archäologie und Frühgeschichte an der Universität Innsbruck, hat bereits Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. Da könnte eine ferne Vergangenheit schon in naher Zukunft einiges zusammenführen, was offensichtlich zusammengehört. Mehr zu dem Projekt des österreichischen Wissenschaftler unter: http://is.gd/w0NY03
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