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Archiv für Januar 2012


Winter in Wladimir

Jetzt will es der Winter wissen in Wladimir. Die Kältefront aus Sibirien, die soeben auch in Deutschland einrückt, hat die Partnerstadt schon seit Tagen eingenommen, ein zweiter Schub arktischer Luft ist im Anzug, und die Wettervorhersage prophezeit gar bis Ende Februar Schnee und Eis im Übermaß. Durchschnittlich acht Grad soll die Temperatur unter der üblichen Winternorm liegen und auf bis zu unter – 30° C fallen. So schön das für das Auge sein mag, Fröste der Art, vor allem, wenn sie über einen längeren Zeitraum andauern, bringen Härten und Gefahren mit sich.

Winter in Wladimir

Zum einen ist da eine zu erwartende Zunahme von Bränden. Die Fernheizung liefert nicht mehr genug Wärme, also stellen viele Menschen in Häusern und Wohnungen Radiatoren auf, handhaben sie nicht sachgemäß, und schon brennt es. Erste Fälle gibt es bereits. Zum andern leiden unter dem strengen Winter wieder einmal die Ärmsten der Armen, die Obdachlosen. Das einzige städtische Heim für sie ist chronisch überfüllt, und nun platzt auch die Wärmestation am Bahnhof mit ihren zwei bewohnbar und vor allem beheizbar gemachten Waggons aus allen Nähten. Wo Platz ist für 25 Personen, bitten schon 35 Bedürftige um Einlaß.

Wärmestation

Leser des Blogs haben bereits im vorletzten Winter geholfen – übrigens gemeinsam mit einer französischen Stiftung -, ein Winterquartier für Wladimirer Obdachlose einzurichten. Wer sich nochmals beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen, dies mit einer Überweisung auf das Konto 19-000345, “Hilfe für Wladimir”, BLZ 764 500 00, Stichwort “Obdachlose” erneut zu tun. Im Frühjahr freilich sollten sich die Verantwortlichen der Partnerstädte einmal zusammensetzen und klären, was man gemeinsam tun kann, um Erfrierungen oder gar Todesfälle im nächsten Winter zu verhindern. Ein Gebot, wenn nicht der Nächstenliebe, so doch der Partnerschaft.

Mehr zum Thema unter: http://is.gd/8i1Bmj und http://is.gd/J08Mzh

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In der Ausgabe Nr. 4 der Wochenzeitung “Die Zeit” war ein Artikel über die bedrohte Vielfalt der Haustierrassen zu lesen.  54 der 65 zur Zucht zugelassenen Huftierrassen gelten demnach in deutschen Landen als gefährdet. Die Gründe liegen auf der Hand bzw. in der Hand der Verbraucher, die immer mehr für immer weniger Geld wollen, was dazu führt, daß wir alle am Ende viel weniger haben, weniger Artenvielfalt, weniger Auswahl, weniger Leben. Nur noch billige Masse anstatt Klasse und Rasse.

Rotbuckelrind

In Rußland ist diese Entwicklung leider auch nicht ermutigender. Es ist zwar offenbar gelungen, den Wladimirer Kaltblüter vor dem Verschwinden zu retten, doch eine Rindviehrasse steht kurz vor ihrer Auslöschung. Die widerstandsfähigen Rotbuckelrinder, Anfang des 20. Jahrhunderts in der Region Nischnij Nowgorod, erstmals gezüchtet und in ganz Zentralrußland weit verbreitet, werden heute nur noch in zwei Ställen in der Region Wladimir gehalten. Entstanden ist die Rasse durch eine Züchtung aus den örtlichen Braunen von der Oka mit eingeführten Tiroler Kühen. Etwa 1.100 gehörnte Köpfe zählen die beiden Herden. Noch. Denn die Ställe sind baufällig, und das Geld für ein neues Dach fehlt. Dabei wird die Milch, von der jede Kuh aber nur zehn Liter am Tag gibt, wegen ihres hohen Fettgehalts und süßen Geschmacks geschätzt. Besonders von Feinschmeckern in Moskau. Wenn nicht bald etwas geschieht, werden die sich dann sicher auch das Fleisch der Rotbuckligen munden lassen. Solange es sie noch gibt.

Tula-Gans

Anderes Vieh, Federvieh, gleiches Thema. In Deutschland schätzt man besonders zur Winterzeit wohlfeile Gänse aus den Mastbetrieben Polens oder Ungarns. Kaum bekannt aber ist hierzulande, daß es in der historischen Museumsstadt Susdal, gute 30 km von Wladimir entfernt, das einzige landwirtschaftliche Institut gibt, wo alle russischen Gänserassen gezogen werden. 21 gibt es davon – noch. Etwa die Tula-Gans, die älteste russische Rasse, oder die Kuban-Gans oder die Wladimirer Lehm-Gans, die mit nur noch drei Exemplaren kurz vor dem Aussterben stand. Doch auch hier droht Gefahr: Das Institut mit seinen Freilaufflächen wird von Häuslebauern in die Zange genommen, erhält zu wenig Mittel vom Staat, während die Hälfte der Gänserassen aus eigener Kraft nicht mehr überleben würde.

Im Institut erzählt man die Geschichte von einem jungen Gänserich, der sich in eine alte Gans verliebt habe, eine alte, bereits erblindete. Er richtete ihr die Federn, rieb den Kopf an ihrem Hals, führte sie zum Wasser und zum Trog – bis sie an Altersschwäche starb. Ob der Ganter sich später neu verliebte, ist nicht überliefert, aber eine Lektion in rührender Würde hat er all jenen erteilt, die in Tieren nur (Re-)Produktionseinheiten zur Profitmaximierung sehen.

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Heuer begeht Rußland ein besonderes Jubiläum: die Eintausendeinhundertfünfzigjahrfeier der Staatsgründung mit einer Vielzahl von Festakten, Ausstellungen, Diskussionen, Symposien. Am Ende des Gedenkjahres wird ganz sicher die Frage nach dem Status quo und dem Quo vadis stehen, denn auch zwei Dekaden nach dem Zerfall der UdSSR hat die Russische Föderation noch keine neue Staatsdoktrin entwickelt, kein Band gefunden, von dem das größte Land der Erde im innersten zusammengehalten wird.

Der Blick zurück in die Geschichte kann da manche Ansicht zurechtrücken, und da just Wladimir als Hauptstadt der Rus nach dem Fall Kiews und vor der eigenen Einnahme durch die Mongolen – also zwischen 1243 und 1389 - eine zentrale Rolle bei der Geburt des russischen Staatswesens spielte wird es auch die Partnerstadt Erlangens ein, wo in den nächsten Monaten so manches Großereignis mit historischem Bezug stattfinden wird.

Altarkreuz Wladimir

Den Anfang macht die Übergabe eines Altarkreuzes aus dem 12. Jahrhundert, das auf dem Erlöser-Hügel gefunden und nun, nach der Restauration, dem Wladimirer Landesmuseum übergeben wurde. Die Form des Kultgegenstandes weist zurück nach Byzanz. Der Querbalken trägt die Inschrift “Jesus Christus König der Juden” und zeigt zwei Engel. Derartige Kreuze kennt man bisher auf altrussischer Erde nur aus Kiew und Chersones in der Ukraine. In Wladimir ist es aber schon der zweite Fund dieser Art, ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der Stadt, bevor Moskau das Zepter übernahm. Allerdings fanden die Archäologen beim ersten Mal nur noch Fragmente. Doch nun das gesamte Kreuz, das Forscher in Verbindung bringen mit byzantinischen Vorbildern aus dem 11. Jahrhundert. Im Katharinenkloster auf dem Sinai hängt darüber hinaus eine byzantinische Ikone, eine Auftragsarbeit von Kreuzfahrern, deren Sujet exakt die gleiche Szene darstellt wie auf dem Wladimirer Kreuz.  Zusammen mit 65 weiteren Objekten wird dieses frühe Zeugnis der Ostkirche bald in einer großen Gesamtschau der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die wird unterdessen weiter fragen nach der eigenen Identität und wohl da beginnen müssen, wo Wladimir Putin vor zehn Jahren schon die Staatsideologie vermutete, nämlich “wahrscheinlich in der Orthodoxie”.

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Reiner Hesse

Gestern nahmen Verwandte, Freunde und Mitglieder der Altstädter Gemeinde Abschied von Reiner Hesse, der bereits am 16. Januar, fast siebzigjährig, seinem heimtückischen Krebsleiden erlegen ist. Mit ihm ist jemand gegangen, dem die Partnerschaft mit Wladimir viel verdankt, sehr viel. Der Abschied von ihm begann schon mit dem Sterben seiner Frau Margarete, die den gleichen Tod erlitt wie er. Doch all die Jahre dazwischen, geprägt von dem Verlust der so lebensfroh-heiteren Gefährtin und der unaufhaltsam einsetzenden eigenen Erkrankung, war er, wenn auch zurückgenommen, immer noch da, gehörte er zum Gesamtensemble des Zusammenspiels zwischen Erlangen und Wladimir, war seine Stimme vernehmbar.

Margarete und Reiner Hesse bei Familie Wladimir Filimonow. Aus dem Archiv von Karin Günther.

Nun ist er nicht mehr unter uns, nun fehlt er uns unsagbar, bleibt uns nur noch in der Erinnerung – und in dem vielen Guten, das er getan und geschaffen. Es bleibt seine tastend-trostspendende Gedankenlyrik, die er gemeinsam mit Lehramtsstudenten an der Pädagogischen Universität Wladimir analysierte. Es bleibt sein Wissen, das er als Unternehmensberater ohne Honorar Wirtschaftsstudenten in der Partnerstadt vermittelte. Es bleibt die Musik, die er hier wie dort aufführte, besonders mit der Aufzeichnung des Konzerts des Wladimirer Kammerorchesters unter Leitung von Alexander Tichonow in der Altstädter Kirche vom 21. Februar 1998, als er anläßlich des 15. Partnerschaftsjubiläums gemeinsam mit seinem Bruder Christof und seinem Schwiegersohn Christian Schöffel auftrat.

Vor allem aber bleibt die Erinnerung an eine sanfte Seele, an einen Menschen, in dessen Nähe es einem warm ums Herz wurde, an jemanden, der ebenso stetig wie still den Gedanken der Völkerverständigung in die Tat umzusetzen verstand. Wann immer Rat bei der Vorbereitung von Begegnungen gefragt war, konnte man auf Reiner Hesse zählen, wann immer es galt, Gäste unterzubringen und zu betreuen, durfte man sich darauf verlassen, daß es in seinem Haus in der Rudelsweiherstraße viele Wohnungen gab. Und wenn die nicht genügten oder schon anderweitig vergeben waren, suchte er selbst andernorts Obdach.

Grabstätte Reiner Hesse, Altstädter Friedhof.

Reiner Hesse hat die Mahnung zur Brüderlichkeit in Kapitel 6 des Briefes an die Galater vorgelebt; im sanftmütigen Geist trug er des andern Last und erfüllte so das Gesetz Christi. Dabei blieb er stets bescheiden, sich der eigenen Schwäche bewußt. Niemand könnte das besser zum Ausdruck bringen als er selbst in seinem Haiku “Biographie”, wo es heißt: “Berge meinte er zu versetzen, / aber ach, / nur mühsam hat er eine Schwelle erklommen.” Ja, auch Reiner Hesse hat keine Berge versetzt, aber er hat alle, die ihn kannten, in eine Schwingung und Stimmung von schwebender Harmonie und feinfühliger Menschenliebe versetzt, woraus jene Kraft wuchs, der eigenen Schwäche und Begrenztheit gewachsen zu sein. Und das vergessen wir ihm nie – gleich ob hier in Erlangen oder in Wladimir oder andernorts. Wer immer ihn kannte, wird dankbar bleiben für immer, dankbar für immer und dafür, daß es ihn gab, wenn er uns allen auch viel zu früh wieder genommen wurde.

Als Reiner Hesse zu Grabe getragen wurde, setzte Schneefall ein. Doch Abschied von ihm zu nehmen, das fiel auch da nicht leichter:

Flocken der Zeit

Die Zeit fällt in stillen Flocken / und breitet ihr weißes Haar / über die klaffende Erde.

Das Leben paßt in keine Worte, / und der Tod schweigt / tief in sich hinein.

Die Menschen werfen / traurige Schatten / und lassen Blumen fallen / in jenes tiefe Dunkel, / hinunter auf den Grund, / von dem wir genommen, / zu dem wir zurückkehren, / der uns nicht losläßt.

Es ist kalt geworden / von den Flocken der Zeit / auf dem einsamen Mund, / an dem das Lächeln zerbrochen / am Ende der Zeit. (Peter Steger)

Reiner Hesse hat vor fünf Jahren einen Bericht über seine Erfahrungen mit der Partnerstadt Jena geschrieben, der einen weiteren Einblick in sein breites Schaffen gibt:  http://is.gd/ZHkQ2k

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Es ist nicht mehr weit hin bis zu den Präsidentschaftswahlen am 4. März. Gerade einmal sechs Wochen vor dem Termin hat sich nun in Wladimir eine Initiativ-Gruppe von Jurastudenten formiert, die bis zum Wahltag möglichst viele junge Leute dafür gewinnen will, als Beobachter beim Urnengang ein wachsames Auge auf den behördlichen Umgang mit dem Ausdruck des Volkswillens zu werfen. “Saubere Wahlen” nennen die Studierenden des Juristischen Instituts ihre Aktion und auf die Einhaltung des Rechts wollen sie achten. Eine Mißachtung desselben wie bei den Dumawahlen am 4. Dezember soll nicht mehr möglich sein.

Präsidentschaftswahlen in Rußland 2012

Der Europarat fordert derweil die Neuzusammensetzung der russischen Wahlkommissionen und liegt damit auf einer Linie mit der Opposition in Wladimir, die auf der Entlassung des obersten Wahlbeauftragten der Region, Wladimir Komatowskij, besteht. Sogar Wladimir Tschurow, der Landeswahlleiter, hat seinem Kollegen vom Goldenen Ring gemaßregelt und bei einem Besuch in der Partnerstadt Konsequenzen im Fall der verbrannten Wahlunterlagen gefordert: “Wenn man es nicht schafft, die Dokumente in einem Keller aufzubewahren, soll man sie sich halt unters Bett legen. Als Rattenfutter jedenfalls taugen sie nicht.” Indes ist das Bauernopfer bereits dargebracht: Der für die Sicherung der Listen und Scheine zuständige Wahlleiter, Roman Jegorow, ist zurückgetreten.

Damit die Präsidentschaftswahlen ehrlich verlaufen, sind mittlerweile von den 926 Wahllokalen der Region 720 mit Web-Kameras ausgestattet. Überall soll es darüber hinaus gläserne Urnen geben. Und – die Zahl der provisorischen Wahllokale wird drastisch vermindert. Sie sollen nur noch an Bahnhöfen und in Krankenhäusern eingerichtet werden, geleitet von Vertretern der Opposition.

Wahlgang

Auch die juristische Auseinandersetzung mit den Fälschungsvorwürfen nimmt Fahrt auf. Erste Anhörungen sind bereits gelaufen, Prozesse dürften bald folgen, und dann wird Recht gesprochen über jene Wahlen, bei denen nun wahrlich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann, wenn sogar die Staatsanwaltschaft von landesweit 3.000 Manipulationsfällen spricht. Vertrauen zurückgewinnen ist in Deutschland derzeit das wichtigste Thema für den Bundespräsidenten. Das eint ihn bei allen politischen Unterschieden mit dem russischen Premier, der wieder Präsident seines Landes werden will. Als Mahnung wird Wladimir Putin dabei nicht nur die unüberhörbaren Stimmen der Opposition und die wechselmütige Stimmung der Wähler verstehen, sondern er wird auch alles tun, um zu verhindern, was ein Witz vermittelt, der über ihn kursiert:

Nach der Präsidentschaftswahl wird Wladimir Putin gefragt, ob er zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören wolle. Er bittet zunächst um die gute: – Sie haben die Wahl gewonnen! – Und die schlechte? – Keiner hat Sie gewählt.

Wer die Geschichte von den hungrigen Ratten und dem Brand noch nicht kennt, sei auf den Link http://is.gd/4nQS2Y verwiesen.

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„The description that follows was made possible by the generous sharing of unpublished contextual and frequency data and free access to the Sungir artifacts granted by N. Bader, L. Mikhailova, and the curators of the Vladimir-Suzdal State Museum.”

Mit diesem unscheinbaren Satz beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise nach Wladimir und zur Besiedlung dieser Region während der Altsteinzeit. Studierenden der Archäologie ist der Name Sungir nicht unbekannt, denn in keiner Vorlesung über die Altsteinzeit fehlt diese Ausgrabungsstätte, die weltweit für ihre außergewöhnlichen Funde und die daraus gewonnenen Erkenntnisse bekannt ist. Indes wird die Lage Sungirs meist nur mit „ca. 200 km östlich von Moskau“ angegeben, wodurch sie sich in der anonymen Weite des russischen Staatsgebietes verliert.

Auf dem Weg nach Sungir

Als ehemaliger Schüler des Reichsstadtgymnasiums in Rothenburg o. d. Tauber horchte ich bei der Lektüre dieses  Satzes aus einem Fachartikel über Elfenbeinschmuck auf: „Susdal? Ist das nicht die Partnerstadt Rothenburgs? Befindet sich Sungir gar in der Nähe von Susdal?“ Tatsächlich, Sungir liegt nur wenige Kilometer von Susdal entfernt. Näher noch liegt die nach einem Flüßchen benannte Fundstelle jedoch an Wladimir, der Partnerstadt Erlangens. Aus mittelfränkischer Verbundenheit, ja weil Erlangen aus Rothenburger Sicht fast um die Ecke liegt, nahm ich kurzerhand Kontakt mit den Erlangern, Hans Gruß und Peter Steger, auf. Ermuntert und unterstützt durch den Partnerschaftsbeauftragten stand für meine ebenfalls begeisterte Mitstudentinnen, Nina Schlösser und Yvonne Völlmecke, schließlich fest: Wir reisen nach Sungir!

Am 15. August 2011 war es schließlich soweit. Das Flugzeug brachte uns nach Moskau, ein Auto nach Wladimir, und am späten Abend konnten wir unsere Zimmer im Erlangen-Haus beziehen, wo wir, der russischen Sprache nicht mächtig, mit warmen deutschen Worten empfangen und beherbergt wurden.

Hinweisschild auf Sungir

Nach einer kurzen Orientierung in der Stadt und dem Besuch der weithin sichtbaren Sehenswürdigkeiten, nahmen wir unseren GPS-Empfänger zur Hand, den wir zu Hause mit den Koordinaten der Fundstelle gefüttert hatten, und machten uns zu Fuß auf den Weg. Erstes Hindernis war die schier endlos scheinende Straße, die uns vor die östliche Stadtgrenze bringen sollte. Doch konnten wir uns noch mit einer Vielzahl sehenswerter Holzhäuser über die brennende Sonne bei 40° Außentemperatur hinwegtrösten. Auch hielten wir stets unsere Augen auf, ob wir nicht irgendwo den Namen Sungir entdecken könnten, da wir außer den GPS-Koordinaten keinen Anhaltspunkt hatten. Und tatsächlich: Irgendwann konnten wir den Namen lesen – auf einem mit Rost überzogenen Schild, dessen volle Bedeutung sich uns zwar nicht entschlossen hat, uns aber die Gewißheit gab,  auf dem richtigen Weg zu sein.

Am Ziel - Nina Schlösser und Mathias Probst in Sungir

Dies bestätigte auch das GPS. Schließlich waren wir da und standen vor einem wild mit Gräsern überwucherten Gelände. Nachdem wir uns kurz orientiert hatten, war klar: Hier liegt Sungir, ein absolutes Highlight der Altsteinzeit – und wir standen direkt darauf! Wer nicht weiß, was hier lange Zeit verborgen lag, kann sich unsere Freude angesichts einer ungemähten Wiese nur schwer vorstellen. Uns störte das aber wenig – wir schafften es sogar, die Reste der ehemaligen Grabung auszumachen und dokumentierten alles ausführlich mit Fotos.

Sungir im Sommer 2011

Touristisch ist der Ort jedoch gar nicht erschlossen, was aus unserer Sicht natürlich in keinster Weise seiner eigentlichen Bedeutung gerecht wird. Zwar weist ein Plakat in der Nähe auf Pläne für eine Erschließung des Geländes mit Museum und Parkanlagen hin, doch sind diese Pläne offensichtlich nie in die Realität umgesetzt worden. Es stellt sich auch die Frage, ob eine solche Investition am Stadtrand von Wladimir lohnenswert wäre – denn ganz ohne Wirtschaftlichkeit kommt auch eine Kultureinrichtung heute kaum mehr aus. Einige Text- und Bildtafeln, welche die Fundstelle in mehreren Sprachen näher beschreiben und auf ihre Bedeutung hinweisen, wären aber sicher ein guter Kompromiß. Dazu noch einige Hinweisschilder für den Weg aus der Innenstadt und der ein oder andere Hinweis in Prospekten sowie auf Internetseiten und Wladimir hätte dank seinen archäologischen Sensation auch ein touristisches Highlight mehr. Immerhin gibt es im Museum der Stadt einen Raum, der einzig der Fundstelle Sungir gewidmet ist. Leider war dieser während unseres Besuchs zwecks Restaurierung geschlossen, und obwohl wir beim Vizedirektor höchstselbst vorgesprochen haben, konnten wir leider keinen Blick auf das spannende Fundmaterial werfen.

Blick auf die Ausgrabungen

Sungir, benannt nach einem kleinen Zufluß der Kljasma, ist vor allem für seine reichen Bestattungen bekannt. Im Jahr 1955, während Arbeiten in einer Tongrube entdeckt, wurde die Fundstelle von 1957 – 1977 ausgegraben und ist aufs engste mit dem Namen des deutschstämmigen Moskauer Archäologen, Otto N. Bader, verknüpft, der die Arbeiten leitete. Dabei konnte über die Jahre eine Fläche von 4.500 m² untersucht und dokumentiert werden.

Sungir 1

Insgesamt gibt es in Sungir Überreste von neun Individuen, doch sind die Individuen Sungir 1, Sungir 2 und Sungir 3 die bekanntesten. Das nicht vollständige Skelett von Sungir 1 gehört zu einem etwa 60 Jahre alten Mann, der ausgestreckt auf dem Rücken liegend bestattet wurde. Typisch für altsteinzeitliche Bestattungen wurde der Tote mit rotem Ocker bestreut. Daneben wurden etwa 3000 Elfenbeinperlen entdeckt, die aufgrund ihrer Anordnung wohl an der Kleidung des Bestatteten aufgenäht waren, sowie etliche durchbohrte Fuchszähne,  Armringe aus Mammutelfenbein und ein Anhänger aus Stein.

Sungir 1, Rekonstruktion

Erst 2010 konnte die Todesursache des Mannes geklärt werden. In seinem ersten Brustwirbel stellte man eine Verletzung fest, die durch ein dünnes, scharfes Objekt entstanden sein muß. Da der Knochen keine Spuren von Heilungsprozessen zeigt, liegt es nahe, daß der Mann durch diese Verletzung gewaltsam getötet wurde, wofür die Gründe jedoch vielfältig gewesen sein können. Die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigten, vermuten am ehesten einen Jagdunfall oder zwischenmenschliche Gewalt innerhalb der eigenen Gruppe. Für den Zeitpunkt des Todes gibt es zwei unterschiedliche Untersuchungsergebnisse – etwa 21.000 v. Chr. und 25.500 v. Chr.

Doppelbestattung

Sungir 2 und Sungir 3 wurden zusammen in einem Doppelgrab bestattet, das ebenfalls durch roten Ocker durchsetzt war. Die Toten, ein etwa 12 – 13 Jahre alter Junge und ein etwa 9 – 10 Jahre altes Mädchen, wurden auf dem Rücken liegend Kopf an Kopf beigesetzt. Die dabei gefunden Objekte werden von der Doppelbestattung jedoch sogar noch übertroffen. Der Junge wurde mit fast 5.000 Perlen aus Elfenbein und über 250 Zähnen vom Eisfuchs zu Grabe gelegt. Dazu kommen eine Pferde- und Mammutfigur aus Elfenbein und eine 2,5 m lange Lanze, ebenfalls aus Elfenbein. Einige weitere Objekte aus Elfenbein wurden ebenfalls neben dem Skelett entdeckt.

Rekonstruktion der Doppelbestattung

Das Mädchen hatte fast 5.300 Elfenbeinperlen auf ihrer Kleidung aufgenäht, jedoch keine Fuchszähne oder Figuren. Neben einigen weiteren Objekten aus Elfenbein lagen auch kleine Steinwerkzeuge neben der Bestatteten. Während bei dem Jungen keine Besonderheit am Skelett zu bemerken war, weist das Mädchen verkürzte und gebogene Oberschenkelknochen auf. Wissenschaftler führen diesen Befund auf eine Erkrankung der Mutter an Diabetes zurück. Die ermittelte Altersspanne ist sehr ungenau und variieren zwischen 30.000 und 26.800 v. Chr. Obwohl sich die Ergebnisse der einzelnen Skelette unterscheiden, wird durch sie klar, daß der Mann von Sungir 1 mehrere tausend Jahre später bestattet wurde.

Steinartefakte Sungir

Neben den Bestattungen gibt es jedoch auch Hinterlassenschaften von an der Kljasma siedelnden Menschen, darunter Feuerstellen, Gruben, Bereiche mit den Überresten verschiedener Tätigkeiten und Knochenansammlungen. Die Tierknochen stammen u.a. vom Hirsch, Mammut, Pferd und Eisfuchs. Die gefundenen Steinartefakte gehören zur sogenannten Kostenki-Streletskaya-Kultur. Deren charakteristische Steinwerkzeuge sind Blattspitzen, dreieckige Spitzen mit konkaver Basis, kurze Kratzer und einfache Schaber, während es nur wenige Klingen und Stichel gibt. Geographisch konzentriert sich diese Erscheinung am Mittellauf des Don, sie tritt jedoch neben Sungir auch am Unterlauf des Donez und der Kama auf.

Schmuckobjekte Sungir

Von besonderer Bedeutung sind die Bestattungen von Sungir vor allem für die Rückschlüsse auf das Leben und die Gesellschaft in der Altsteinzeit. Zunächst lassen sich anhand der vielen Perlen Kleidungsstücke wie Hosen und Mützen gut rekonstruieren, die aus der Altsteinzeit nicht erhalten sind und über die sonst wenig bekannt ist. Vor allem stellt sich aber bei der Doppelbestattung der Kinder die Frage, warum sie in ihrem Alter bereits so prachtvoll bestattet wurden. Die benötigte Arbeitszeit für die Herstellung der Perlen und anderen Objekte muß enorm gewesen sein (Wissenschaftler gehen von ein bis zwei Stunden für eine Perle aus), was bei einer mobilen und nicht-seßhaften Lebensweise noch mehr erstaunt.

Sungir-Publikation von Otto N. Bader

Folglich wurde bereits oft ein hoher sozialer Status der Bestatteten vermutet, für welche die Gemeinschaft viel Zeit und Energie investiert hat. Während dies für den alten Mann noch plausibel erscheint, verwundert es bei den beiden Kindern. Wie konnten sie in ihrem Alter bereits ein so hohes Ansehen genießen? Die Vorstellung eines vererbten Standes ist für die Epoche der Altsteinzeit eher ungewöhnlich. Eine weitere Frage ist: Warum sind die beiden Kinder gleichzeitig gestorben, und was ist die genaue Todesursache? Und: Warum werden in Sungir – wie auch anderswo – oft „Sonderfälle“ bestattet, also ein Opfer eines gewaltsamen Todes und ein Mädchen mit einer abnormen Beinform? Schon durch diese kurzen Überlegungen wird klar, welchen potenziellen Reichtum an Information die Fundstelle Sungir neben dem Reichtum der eigentlichen Funde bietet. In jedem Fall bietet Sungir mit seinen eindrucksvollen Zeugnissen der kulturellen Blüte der Menschen vor 23.000 bis 30.000 Jahren einen faszinierend Einblick in die Grundlagen unserer heutigen Kultur. Was für die gesamte Menschheit gilt, gilt hier natürlich erst recht für die Region um Wladimir, deren Besiedlungsgeschichte viel weiter zurückreicht als manchen vielleicht bewußt ist.

Zur Einführung in die älteste Geschichte von Bestattungen und mit Verweisen auf weitere Publikationen zu Sungir: P. Pettitt, The Palaeolithic Origins of Human Burial (London/New York 2011).

Mathias Probst

Nachbemerkung: Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des Reiseberichts von Mathias Probst konnte Peter Steger mit Wladimirs Oberbürgermeister Sergej Sacharow über Sungir sprechen. Man ist sich in der Partnerstadt dessen bewußt, daß diese einzigartige Fundstätte auch touristisch attraktiv gestaltet werden sollte. Ein Beispiel dafür könnte Erlangens Partnergemeinde Umhausen mit seinem Ötzi-Dorf sein. Der wissenschaftliche Berater dieses wirtschaftlich florierenden und inhaltlich eindrucksvollen Steinzeitparks, Walter Leitner, Chef des Instituts für Archäologie und Frühgeschichte an der Universität Innsbruck, hat bereits Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. Da könnte eine ferne Vergangenheit schon in naher Zukunft einiges zusammenführen, was offensichtlich zusammengehört. Mehr zu dem Projekt des österreichischen Wissenschaftler unter: http://is.gd/w0NY03

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Olga Dejewa

Auch wenn es wieder viel von vielen anderen Begegnungen zu berichten gäbe, vom Kinderkrankenhaus oder von der Universität, von Umweltfragen, von der Übergabe weiterer Spenden – insgesamt fast 6.000 Euro - oder von der Planung für das dreißigjährige Partnerschaftsjubiläum 2013, bleiben wir noch einmal beim Roten Kreuz, das, wie berichtet, kurz vor seiner Neugründung steht und nun in Olga Dejewa auch eine Frau an der ehrenamtlichen Spitze hat, der alle das Zeug dazu attestieren, aus der Organisation wieder das zu machen, was ihrer Bedeutung entspricht. Es wird sicher nicht leicht für die ebenso energische wie charmante Vorsitzende, denn ihre leitende Funktion beim Städtischen Sozialwerk erfordert allein schon Einsatz mehr als genug. Andererseits gibt ihr Brotberuf auch unmittelbaren Einblick in menschliche Notlagen, die möglicherweise mit Hilfe des Roten Kreuzes erträglicher werden.   

Rot-Kreuz-Zentrum Wladimir

Das Rote Kreuz hat in Rußland noch immer nicht seine frühere Bedeutung wiedergewonnen. In allen Staaten der Erde vertreten, übernimmt es überall ganz unterschiedliche Funktionen. In der Sowjetunion gab es fast so etwas wie eine freiwillige Zwangsmitgliedschaft, und vor allem der Blutspendedienst ging unter dem Vorzeichen des Roten Kreuzes vonstatten. Als Anfang der 90er Jahre die staatliche Unterstützung wegfiel, löste sich oft binnen Wochen und Monaten ein Ortsverband auf. Nicht so in Wladimir, weil da gerade in jener schwierigen Zeit das BRK Erlangen-Höchstadt gemeinsam mit dem Ortsverband Wladimir des Russischen Roten Kreuzes die vielfältigen Hilfsaktionen durchführte und ab 1999 dann auch die Arbeit an Sozialprojekten finanzierte und einen Förderverein gründete. In der ganzen Region Wladimir gibt es nur noch einen einzigen weiteren Ortsverband, in dem Städtchen Raduga, unweit von der Partnerstadt gelegen. Das alleine zeigt, vor welchen Herausforderungen beim Wiederaufbau der Organisation man steht.

Olga Dejewa und ihr gemischtes Team

Olga Dejewa ist sich sicher, dazu beitragen zu können. Sie setzt auf ihr Präsidium, dem Irina Sokolowa angehört, die schon in der Vergangenheit eine Stütze des Roten Kreuzes war, sie setzt auf die Lokalpolitik, der an einem starken Sozialpartner gelegen ist, sie setzt auf die Mitgliederwerbung und Sponsoren, besonders aber setzt sie auf die weitere fachliche Unterstützung aus Erlangen und die Ko-Finanzierung der Projekte “Häusliche Pflege” und “Erste-Hilfe-Kurse” durch den Erlanger Förderverein. Dessen Mitgliedern sei an dieser Stelle wiederum herzlich gedankt für ihre Geduld, für ihr Durchhaltevermögen über all die schweren Jahre der Ungewißheit und Stagnation in Wladimir hinweg. Nun darf man sagen, es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben. Nun, wo es schon bald wieder so richtig losgehen kann mit der Projektarbeit ist aber auch die Zeit gekommen, neue Mitglieder zu werben. Eine Sache, der sich gerade auch der Blog immer wieder zuwenden wird. Interessenten mögen sich aber schon jetzt an den 2. Vorsitzenden des Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir wenden: peter.steger@stadt.erlangen.de

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Sergej Sacharow, Anna Makarowa, Jürgen Üblacker, Irina Chasowa

Seit seinem Amtsantritt vor einem dreiviertel Jahr ist kein Monat vergangen, wo Sergej Sacharow nicht Gäste aus Erlangen empfangen hätte. Da läßt es sich Wladimirs Oberbürgermeister denn auch nicht nehmen, Jürgen Üblacker, den soeben in den Ruhestand verabschiedeten Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, und Peter Steger, den Partnerschaftsbeauftragten,  zu einem Gespräch ins Rathaus einzuladen. Und, wer ihn kennt, weiß, daß er es nicht beim Gespräch beläßt, sondern immer konkrete Absprachen trifft. So auch gestern bei dem Treffen: Er persönlich und die Stadtverwaltung insgesamt werden alles daran setzen, den Neustart des Roten Kreuzes in Wladimir - nach Jahren der Stagnation – erfolgreich zu gestalten, ganz wie es sich die Gäste als Vertreter des Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir wünschen. Vor allem mit der Bereitstellung von Räumlichkeiten und dem Angebot, an Ausschreibungen für Sozialprojekte teilzunehmen. Und schließlich möchte Sergej Sacharow möglichst bald nach Erlangen kommen, vielleicht schon im Juni, um u.a. die Arbeit des BRK vor Ort kennenzulernen. Immerhin war er nun schon zehn Jahre nicht mehr in der Partnerstadt, die er überhaupt erst einmal besucht hat, zur Tausend-Jahr-Feier 2002, damals noch als Abgeordneter der Gouvernementsduma. Prächtig hat es ihm damals gefallen. Desto mehr wundert er sich übrigens darüber, daß man diesen Stadt-Geburtstag nicht alljährlich mit einem großen Volksfest begeht, wie in Wladimir üblich. Aber zum Feiern hat Erlangen ja seine Bergkirchweih.

Sergej Sacharow, Jürgen Üblacker

Aber da ist noch etwas, das Sergej Sacharow loswerden möchte: Seinen aufrichtigen Dank an Jürgen Üblacker, der seit 1990 wie kaum ein anderer für die Aktion “Hilfe für Wladimir” steht und über zwei Jahrzehnte hinweg den Menschen in der Partnerstadt unschätzbare Unterstützung in schwerer Zeit gegeben hat. Das ist schon eine veritable Dankurkunde wert, zumal der Rentner bereit ist, auch im Ruhestand weiter für das Rote Kreuz in Wladimir tätig zu bleiben. Und so beläßt auch er es nicht einfach beim Gespräch, sondern verspricht, schon bald für länger zurückzukehren, um seine Erfahrungen für die Kollegen vom Wladimirer Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen. Kein Ende also einer Ära, wie Stefan Müller MdB, Präsident des BRK Erlangen-Höchstadt, bei der Verabschiedung von Jürgen Üblacker meinte, sondern der Beginn einer neuen Phase der Zusammenarbeit – zumindest für und mit Wladimir.

Jürgen Üblacker, Jewgenij Jaskin, Irina Chasowa, Olga Dejewa, Peter Steger

Für diesen Neubeginn stehen Olga Dejewa, Direktorin des Wladimirer Sozialwerks und seit November Geschäftsführerin des Wladimirer Roten Kreuzes, und Jewgenij Jaskin, leitender Chefarzt des sogenannten Rot-Kreuz-Krankenhauses, der ehrenamtlich dem Vorstand der gemeinnützigen Organisation angehört. Denk beiden darf man dank ihrer Berufserfahrung und Verbindungen in Politik und Gesellschaft zutrauen, das Rote Kreuz in der Partnerstadt wieder auf die Erfolgsspur zu bringen und selbständig zu machen, weitgehend unabhängig von Finanzleistungen aus Erlangen. Die sollen in Zukunft nur für konkrete Projekte fließen, nicht mehr für die Infrastruktur und das Personal des Ortsverbands Wladimir. Wie das alles en detail vonstatten gehen soll, steht heute auf der Tagesordnung. Gestern ging es bei einem Abendessen im engen Kreis darum, einander näher kennenzulernen, Vertrauen zueinander und in eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Und das ist voll und ganz gelungen. Da wird das andere fast von selbst gelingen.

Was sonst noch alles gestern gelungen ist, mag Gegenstand späterer Einträge hier im Blog sein. Heute nur so viel: Schon in den nächsten Wochen kommen Läufer und Strafvollzugsbeamte, Fußballer, Radfahrer, Psychologiestudenten und Schüler nach Erlangen. Eine Kunstausstellung steht an. Der Blaue Himmel wird ab dem 1. Februar unter der neuen Leitung des Psychiatrischen Krankenhauses firmieren. Und vieles mehr, versprochen!

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Die Brücke von Mossino

Lassen wir heute einmal all die Arbeitstreffen beiseite, die einen Wintersonntag in Wladimir füllen können. So interessant es sein kann, über die Zukunft des Austausches von Religionswissenschaftlern zu berichten, so viel Vorfreude die Planung der Konzertreise des Kammerchores Raspew nach Erlangen Anfang März bereiten mag, so viel sich auch in der Rosenkranzgemeinde mit dem Bauprojekt eines Pilgerheims – in Zusammenarbeit mit der Erzdiözese Bamberg und anderen Partnern – anbahnt, all das soll uns zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen, dann nämlich, wenn die Worte Tat geworden. Alles eben zu seiner Zeit. 

Tatjana und Witalij Gurinowitsch

Lassen wir also die Stadt eine halbe Autostunde hinter uns und folgen der Spur von zwei erholungsbedürftigen Herren, die in dem erst vor kurzem eingemeindeten Dorf Mossino, nordwestlich von Wladimir gelegen, einem stets gleichen und doch immer wieder ganz anderem Ritual erliegen. In dem Vorort leben jetzt im Winter gerade einmal noch 20 Familien, alle übrigen Einwohner haben hier in Form einer Datscha ihren Zweitwohnsitz. Die freilich schätzen die Siedlung wegen ihrer Nähe zur Stadt, der Anbindung an den Busverkehr und seiner Lage am Ende einer Straße. Anders gesagt: In der einen Richtung geht es nach Wladimir, alle anderen Wege führen ins Nirgendwo und Überall der weiten russischen Felder und der tiefen russischen Wälder. Das bukolische Ende der Welt, zumindest von Wladimir aus gesehen.

Datscha in Mossino

Eine Datscha ist nicht einfach nur eine Laube mit einem Flecken Land drum herum. Eine Datscha ist ein Lebensprojekt, eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist, so etwas wie eine Versicherung auf die Unwägbarkeiten des Schicksals. Keines der malerischen Häuschen wird je fertig, bestenfalls gibt es Abschnitte, mit denen man durch ist, bevor sich neue Baustellen auftun. Ganz wie im richtigen Leben. Warum dann nur tut man sich das an? Wozu der unaufhörliche Aufwand? Müßige Fragen, die sich selbst beantworten, wenn man die Ruhe genießt, wenn man das selbst eingeweckte Gemüse und Obst aus dem Keller holt, wenn man den Geruch des frisch gespalteten Holzes einatmet und dabei zusieht, wie es im Ofen seine Wärme aushaucht und den Raum im Nu von jenseits des Gefrierpunktes zu einem bullig gemütlichen Ort der Heimeligkeit macht.

Banja in Mossino

Die wahre Wärme freilich wird einem nur zuteil, wenn man die Banja heizt, wo der Russe erst so richtig Russe sein kann. Nicht jede Datscha hat einen solchen Anbau, nur unzureichend mit “Sauna” umschrieben, aber wer es irgend vermag, leistet sich diesen gar nicht so teueren Luxus, legt selbst Hand an, beauftragt einen Usbeken, die neuen Baumeister Rußlands, kauft einen Holzofen. Und dann schürt er und schürt er und schwitzt er und schwitzt er. Und wenn er nicht gestorben ist, dann heizt und dampft er noch heute.

Am Ende der Welt

Aber wer geht denn auch schon zum Sterben in die Banja. Andererseits könnte man manchmal schon meinen, der Spruch mit Neapel sei auch auf das Schwitzbad anwendbar, etwa in der Art: Einmal noch die Banja und dann mit Martin Luther einträchtig und sinnmächtig gesungen: “Mit Fried’ und Freud’ ich fahr’ dahin / in Gottes Willen; / getrost ist mir mein Herz und Sinn, / sanft und stille, / wie Gott mir verheißen hat: / Der Tod ist mein Schlaf worden.”

Wasser vom Brunnen

Soweit ist es aber noch nicht: Erst einmal muß Wasser aus dem Brunnen geholt werden, der – o Wunder der Natur – noch nicht eingefroren ist. Eimer um Eimer, denn sauber soll es ja zugehen, und Wasser braucht man in allen Temperaturabstufungen, wie noch zu erleben, bevor der Tod mein Schlaf worden. Unterdessen wandert Scheit um Scheit in den unersättlichen Schlund des Ofens, der die für maximal gemütliche vier Personen ausgelegte Banja schließlich auf gefühlte 100° C bringen soll. Die Birkenreise, die Schwämme, Schrubber und Waschlappen liegen längst bereit, gehören zum Inventar. Die Vorbereitungen können sich hinziehen, bis zu zwei Stunden. Aber das ist keine vertane Zeit, zumal man immer wieder Pausen machen kann in der Datscha, wo die treusorgende Hausfrau stets bereit ist, die Schwerstarbeit mit gar köstlichen Happen zu vergüten.

Zwei Schattenfreunde in Mossino

Hat die Banja die vom Gastgeber für geeignet erachtete Temperatur erreicht, lautet der Sinnspruch: “Laßt, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!” Zumindest alle Hoffnung auf vertraute Gewißheiten wie die Aussagekraft von Thermometern etwa, die drinnen, auch wenn alles glüht und brüht kaum über 60° C klettern wollen, während sie draußen der 20-Grad-Minus-Marke entgegensinken, obwohl man meint, nackt einen Nachtlauf mitmachen zu können. Man überlasse sich lieber dem eigenen Gefühl für Wärme und Kälte und vor allem der Intuition des Fährmannes durch die Schwaden von Dampf und die Wellen von Hitze. Obwohl man nicht einmal ihm immer und in allem trauen sollte, wie wir noch erfahren werden.

Alles bereit, allzeit bereit

Zwei Gänge zum Aufwärmen und Öffnen der Poren sollte man sich gönnen, bevor man sich ans Hauptgericht macht und ausgestreckten Rückens die Streichungen mit dem Birkenreiser empfängt, die sich in stetem Crescendo bis zu einem hackenden Staccato auswachsen können, einem unnachgiebigen Peitschen, das doch nur jenen süßen Schmerz verursacht, der sich in wilden Schreien der Lust nach Gusto Luft macht. Und schon steht man selbst mit Filzhut auf dem Kopf über den Gefährten gebeugt und läßt das Reiser niedersausen auf den zuckenden Leib, hingestreckt auf die Bretter, die vielleicht nicht die Welt bedeuten, sicher aber ein russisches Weltkulturerbe darstellen. Vor allem im Winter, wenn man sich im Anschluß an das Schwitzen und Peitschen sich nicht mit einem Tauchbad begnügt, sondern hinausstürmt in den jungfräulichen Schnee und sich gar noch unter Absingen wüster Lieder voller Lebenslust kübelweise mit Eiswasser übergießt.

Schneebad

Wieder eine Phase der Ruhe, in der man nur dem eigenen pochenden Herzschlag zuhört, wieder eine Phase der Entspannung, wie dafür gemacht, sich mit einem Happen zu stärken, um dann nach einigen Tassen mit heißem Himbeersaft in die Laken einer fürsorglich vorbereiteten Bettstatt zu sinken, ohne sich freilich den Versuchungen des Schlafs hinzugeben. Denn es fehlt noch der Nachgang, das Dessert, angekündigt als „Drei-Eimer-Prozedur”. Dazu lege man sich erneut auf die Banjabank, warte geduldig, bis sich wieder ein richtiger Schweißfilm gebildet hat und harre der Dinge, die da über einen kommen sollen:

In die Datscha gerettet

Der erste Eimer enthält heißes Wasser, so heiß, daß es gerade noch – bei viel gutem Willen – zu ertragen ist. Dem zweiten entströmt lauwarmes Wasser, eine wahre Wohltat, die viel zu rasch um ist und in einem Guß frischen Wassers aus dem Brunnen, der kurz vor dem Zufrieren steht, endet – mit wilden Schreien vergeblichen Protestes. Und dann die Gemeinheit, die das letzte Vertrauen auch in den besten Freund – freilich nur für den Bruchteil einer Sekunde, dafür unvergeßlich – zerstört: Am Ende der „Drei-Eimer-Prozedur” folgt ein vierter Eimer eiskalten Wassers, bevor es durch den Schnee zurück in die rettende Datscha geht, zurück ins pulsende Leben mit all den Köstlichkeiten der russischen Küche – und dann unter die Decke für eine lange Nacht, für einen Schlaf, der mein Leben worden.

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Wolfgang Morell vor einem Bild des Hospitals

Heute vor 70 Jahren ist der in Breslau geborene Wahl-Erlanger, Wolfgang Morell, vor Moskau als noch nicht zwanzigjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Die ersten Monate davon brachte er in einem Wladimirer Militärhospital zu, wo man ihn gesundpflegte. Dank der Städtepartnerschaft nahm er wieder Kontakt zu Wladimir auf und fand hier Freunde. Sein bisher letzter Besuch fand anläßlich des siebzigsten Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni 2011 statt, wo er bei der Gedenkveranstaltung auf dem Platz des Sieges eine bewegende Rede hielt. Doch Wolfgang Morell hat auch schon lange davor in Wladimir gesprochen, etwa am 5. August 2003 vor einer Schulklasse. Diese Rede soll heute als Zeugnis der deutsch-russischen Versöhnung – sieben Jahrzehnte nach der Gefangenennahme des Soldaten Wolfgang Morell – im Blog veröffentlicht werden.

Liebe Schüler,

Wolfgang Morell im Gespräch mit Schülern 2003

vielleicht haben einige von euch die kürzlich ins Russische übersetzte Broschüre “Rose für Tamara” lesen können. Dort habe ich neben anderen deutschen Autoren geschildert, was ich als deutscher Soldat bei meiner Gefangennahme im Januar 1942 vor Moskau erlebt hatte und wie es mir als Krankem in den acht Monaten danach im Wladimirer Militärhospital in der Lunatscharskijstraße 13 – ganz in eurer Nähe – ergangen ist. Zusammen mit 16 Kameraden bin ich – mit gewissen Einschränkungen – so verpflegt und medizinische so behandelt worden wie die Rotarmisten in den Nachbarzimmern. Schließlich wurden wir alle von russischen Ärzten und Schwestern im Laufe von acht Monaten gesundgepflegt.

Das ehemalige Hospital heute

Mit diesen Erlebnissen möchte ich einige Gedanken und Schlußfolgerungen verknüpfen, die für euch, eine Friedensgeneration, vielleicht von Interesse, sicher aber von Bedeutung sind. Zweifellos bildet das in Wladimir Erlebte einen Ausnahmefall. Die später nach Millionen zählenden Kriegsgefangenen in der Sowjetunion hatten nicht so sorgfältig und individuell behandelt werden können wie wir wenigen. Das widersprach auch den damaligen Vorschriften für den Umgang mit dem Feind. Hätte es in Verwaltung und medizinischem Dienst nicht human denkende, mutige und zum Risiko bereite Menschen gegeben, – wir hätten das erste Gefangenenjahr kaum alle überlebt…

Blick auf das Krankenzimmer von Wolfang Morell heute

Auf den späteren langen Märschen ist uns als Gefangenen von armen, alten Frauen oft ein Stück Brot oder eine Gurke zugesteckt worden. Dabei muß ich an einen Tag im Winter 1940/41 in meiner Heimatstadt Breslau zurückdenken, als mir auf dem Schulweg eine Gruppe französischer Kriegsgefangener begegnete, ein trauriger Anblick! Spontan griff ich in die Schulmappe, holte mein Frühstück heraus und gab es einem ausgehungerten Soldaten. Wahrscheinlich keine große Heldentat, aber ein Zeichen… Den Kolbenschlag, den mir ein deutscher Wachsoldat daraufhin gab, habe ich gern ausgehalten. Was man anderen Gutes oder Böses tut, fällt oft noch in diesem Leben auf einen selbst zurück. Und Gutes zu tun, dafür ist heute überall auf der Welt reichlich Gelegenheit und Notwendigkeit, – auch in eurem Land. Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit, Mitgefühl gegenüber dem Nächsten, das sind Eigenschaften, die für die Welt mit dem Adjektiv “russisch” fast gleichbedeutend wurden und zwar durch die Werke von Leo Tolstoj, Fjodor Dostojewskij aber auch Lew Kopeljew, einem Freund des deutschen Dichters Heinrich Böll.

Witalij Gurinowitsch und Wolfgang Morell, Sommer 2011.

Wie im Zwischenmenschlichen, so auch im Verhältnis der Völker: Die Deutschen haben sich unter dem haßerfüllten Einpeitscher Hitler zu Feindschaft und Krieg mit den Nachbarn hinreißen lassen. An allen Mängeln, an allem Elend in Deutschland sollten nur die Ausländer und Juden schuld sein. Gottlob sind diesem Irrweg nicht alle Deutschen gefolgt. Nach der Niederlage hat sich unser Volk aber wie kaum ein anderes mit den unrühmlichen Teilen seiner Vergangenheit kritisch auseinandergesetzt, hat hart gearbeitet, um die materiellen und geistigen Schäden der Gewaltherrschaft zu beseitigen, und hat versucht, die Anerkennung der Völkergemeinschaft wiederzugewinnen. Auch Staaten und Völker, die zu den Siegern des Zweiten Weltkrieges gehörten, könnten vielleicht aus unseren Erfahrungen lernen. Auf einen kurzen Nenner gebracht: ein entschiedenes Nein zu übersteigertem, aggressivem Nationalismus, der die dunklen Flecken der eigenen Geschichte ausklammert und ständig die Hymne “… -land über alles” intoniert; ein überzeugtes Ja aber zur Heimatliebe, zu einem gesunden Selbstbewußtsein im Umgang mit anderen Völkern und zur Bereitschaft, von anderen zu lernen.

Wolfgang Morell am 22. Juni 2011 auf dem Platz des Sieges

Von dem Gedanken eines friedfertigen und freundschaftlichen Zusammenlebens haben sich auch die vielen Menschen in Rußland und Deutschland leiten lassen, die als erste die Brücke zwischen unseren Städten vor 20 Jahren geschlagen haben, auf beiden Seiten übrigens nicht ohne Widerspruch. Sie haben diese Brücke gangbar gemacht für Tausende von Menschen in westlicher und östlicher Richtung. So sind über Grenzen hinweg zwischen einzelnen Menschen unterschiedlicher Sprache enge und herzliche Freundschaftsbindungen entstanden. Ich denke, persönlicher Umgang von Mensch zu Mensch – außerhalb offizieller Delegationen – ist wichtiger als noch so gute Kontakte der Diplomaten und Politiker.

Mit uns wird man keine Kriege gegeneinander mehr führen können.

Mehr über die Gefangennahme von Wolfgang Morell und die Jahre danach unter: http://is.gd/PyfP4X und http://is.gd/S87vJr; über seine Wladimir-Reise im Sommer 2011 unter: http://is.gd/iXusub und http://is.gd/p6S8HQ

P.S.: Die beiden Photos vom ehemaligen Hospital hat Wolfgang Morells Freund Witalij Gurinowitsch gestern gemacht. Wenn man sie mit einem Klick vergrößert, erkennt man eine kleine Kiefer unmittelbar vor dem Fenster, in dem der deutsche Kriegsgefangene vor 70 Jahren behandelt und geheilt wurde. Im einstigen Land der Feinde, die nun längst schon zu Freunden geworden. Welch eine Gnade der Geschichte!

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